Der Klosterjäger

Ludwig Ganghofer · Kapitel 21 von 32

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Der Klosterjäger

Kapitel 19

 

 

„So, Wolfrat!“ sagte Herr Heinrich, als er, die Armbrust führend, aus der Tür

trat. „Wir werden bald fertig sein. Ich hab mich schon zur Heimfahrt gerüstet.“

Wolfrat erhob sich. „Was soll ich schaffen, Herr?“

„Geh in die Küche und hol einen Zuber!“

Der Sudmann eilte sich; das sah wirklich aus nach Arbeit; mit einer hölzernen

Wasserkanne kam er zurück.

„Komm!“ sagte Herr Heinrich und ging dem Pfade zu, der in das Steintal

führte.

Wolfrat folgte. „Was er nur wollen mag?“ Eine Ahnung drohender Gefahr

beschlich ihn. Narretei! Der Jäger hatte für ihn gezeugt, und Herr Heinrich selbst

hatte ihn freigegeben. „Vielleicht soll ich ihm Wurzen graben? Oder vielleicht

hat er ein Erz gefunden, das er proben will, und ich soll ihm einen Zuber voll

heimbringen.“ Beruhigt schritt er weiter. Aber immer länger erschien ihm der

Weg, den sie gingen. Und von der Höhe winkte das Kreuz. Wolfrat blieb stehen.

„Herr! Wohin gehen wir?“

„Komm nur!“ sagte Herr Heinrich und schritt weiter. Als er merkte, daß ihm

Wolfrat nicht folgte, hielt er inne, wandte das Gesicht und fragte lächelnd: „Oder

willst du nicht kommen?“

„Wohl, Herr!“

Langsam wanderten sie auf dem ansteigenden Pfad empor. Jetzt kamen sie zu

einem rinnenden Wasser. „Fülle den Zuber!“ befahl der Propst.

Wolfrat tat es. „Was weiter, Herr?“

„Komm nur!“

Immer näher kamen sie dem Kreuz. Aus dem Gesicht des Sudmanns war jeder

Tropfen Blut gewichen, seine Augen glühten, und die Kanne, die er auf der

Schulter trug, zitterte, daß das Wasser über den Rand schwankte. Als sie die

Höhe erreichten, sagte Herr Heinrich: „Komm her, Wolfrat!“ Er deutete auf die

Blutspuren an dem Schnitzwerk. „Sieh nur diese häßlichen Flecken! Komm,

nimm das Wasser und wasche sie weg!“ Dem Kreuz gegenüber, das vom Glanz

der Sonne umschimmert war, setzte er sich auf einen Stein und entblößte das

Haupt. „Nun, warum zögerst du?“

Wolfrat stellte die Kanne nieder, schöpfte Wasser mit der hohlen Hand und

wusch und wusch.

„Sie wollen nit weichen, Herr!“ sagte er nach einer Weile mit dumpfer

Stimme. „Sie haben sich eingefressen in das Holz.“

„Ja, Sünde frißt sich ein! Wie hier in das Holz, so in die Herzen. Das ist wie

Rost auf Stahl. Laß du nur erst den bösen Flecken und tilg ihn nicht zur rechten

Zeit, so frißt er weiter, und die gute Waffe ist zerstört, unbrauchbar für alle Zeit,

und du kannst sie ins alte Eisen werfen —“ Herr Heinrich blickte auf, „oder ins

Feuer! Wasche, Wolfrat, wasche! Tu es dem Unglücklichen zulieb, der das

heilige Bild so schwer entweihte. Denk nur, da läuft er umher unter den

Menschen, und keinem wagt er mehr ins Auge zu schauen. Jeder Schritt, den er

hört, macht ihn zittern. Jedes Wort, das sein Ohr vernimmt, weckt seine Furcht.

Das raschelnde Laub, der flüsternde Wind, das murmelnde Wasser, die stille

Nacht, wie der lärmende Tag, alles ist sein Feind geworden. Was er hört, alles

klingt wie der Seufzer, mit dem sein Opfer zusammenbrach. Was er sieht, alles

hat einen blutigen Schein. Und in seiner einsamen Not nicht Trost noch

Hoffnung! Sein Herz möchte aufschreien zum Himmel, doch er sieht nur immer

Gottes Bild vor sich, das er befleckt hat und entweiht, und seine Lippen haben

kein Gebet mehr! — Nun? Wollen die Flecken weichen?“

„Nein, Herr!“ Die Worte klangen, als läge eine würgende Hand an Wolfrats

Kehle, und die Arme sanken ihm wie gelähmt.

„Mußt nur nicht ablassen! Plag dich nur noch ein lützel! So! So! Du tust es für

einen, der sich selber doppelt straft, weil er meint, er könnte der Strafe entlaufen,

die nun einmal gesetzt sein muß auf alles, was bös und unrecht ist. Laß ihn nur!

Gottes zürnende Gerechtigkeit hat noch flinkeren Gang. Da läuft er, und die

Strafe ist ihm schon an die Füße gehängt wie eine lange Kette, und er läuft und

läuft und schlägt dabei mit der Kette nach allen Seiten und reißt noch andere mit

sich in seinen Fall! Warum hörst du zu waschen auf? So! Laß nur nicht nach!

Und sag mir, hast du ein Kleefeld?“

„Ein halbes Gras,“[23] stammelte der Sudmann, „für meine Geißen.“

„Hast du schon einmal den Kleefraß[24] im Feld gehabt?“

Wolfrat nickte.

„Gelt, da hast du’s halt übersehen, wie der Krank das erste Stäudl angepackt

hat? Hättest du es nur gleich ausgerissen! So aber hast du es stehen lassen, und

wie du nach einer Woche wieder hingekommen bist, da war das halbe schöne

Feld schon aufgefressen! Gelt, ja? Und schau! Der das getan hat —“ Herr

Heinrich deutete nach den Flecken, an denen Wolfrat mit zitternden Händen rieb,

„der trägt jetzt auch einen Schaden in sich herum. Zuerst frißt es in ihm alles auf,

was noch gut und gesund ist, und dann kriecht es aus ihm heraus, und hat er

Vater und Mutter, so frißt es an denen, und hat er Weib und Kind — — Wolfrat?

Ist dir nicht wohl?“

Der Sudmann schöpfte Wasser mit den Händen.

Herr Heinrich schwieg eine Weile, dann fragte er: „Wollen die Flecken noch

immer nicht weichen?“

„Zur Hälft sind sie weg,“ murmelte Wolfrat mit versunkener Stimme, „aber

die andern —“

„Wasch nur! Laß dich die Zeit nicht verdrießen. Ich warte schon, jawohl. Und

jenen andern kann ich auch noch erwarten, bis er kommt und die roten Händ

herzeigt. Wenn’s nur dann nicht zu spät ist zum Waschen. Und wenn er gar nicht

reden wollt, einer ist doch immer da, der in einer bösen Stund gegen ihn reden

wird!“

Zögernd, mit scheuen Augen, blickte Wolfrat auf den Mund des Propstes.

„Einer, der es gesehen hat!“ sagte Herr Heinrich und deutete zum Kreuz

empor. „Der da, Wolfrat!“

„Der?“ Ein irres Lächeln zuckte um Wolfrats Lippen, während er langsam die

Augen hob. Dann schüttelte er den Kopf. „Es hat noch nie kein Holz geredt!“

Ein Wolkenschatten flog über den Grund.

„Meinst du?“ lächelte Herr Heinrich.

Schwer atmend beugte Wolfrat sich über die Kanne, um mit den hohlen

Händen Wasser zu schöpfen. Da klang aus den Lüften ein dumpfes Murren, das

zum rollenden Donner wuchs, um mit einem krachenden Schlag zu enden. Eine

Lawine hatte den letzten Schnee von den Wänden gestürzt.

Der Sudmann stand mit fahlem Gesicht, ein Schauer hatte ihn gerüttelt, und

von seinen zitternden Händen tropfte das Wasser.

„Hast du gehört, Wolfrat?“ sagte Herr Heinrich, während zwischen den Felsen

der Widerhall verzitterte.

„Eine Lahn war’s. Nur eine Lahn ist gegangen.“

„Und wer hat sie reden lassen und hat ihr Füß gemacht?“

„Die Sonn!“

„Weil sie scheint, gelt? Und wer läßt die Sonne scheinen?“

Wolfrat schlug die Hände vor das Gesicht, sein ganzer Körper erbebte wie ein

Baum vor dem Sturz. Dann warf er die Arme auseinander. „Ich kann’s nimmer

heben, es muß heraus!“ Stöhnend brach er in die Knie und schlug mit den

Fäusten seine Brust. „Ich — ich — ich hab’s getan. Ich bin’s gewesen, der ihn

gestochen hat.“ Mit irrenden Augen blickte er auf; als hätte er gefürchtet, daß

der Propst nun aufspringen würde in Zorn.

Herr Heinrich blieb ruhig sitzen. „Weshalb hast du es getan?“

„Weil er mich hat fassen wollen.“

„Es war seine Pflicht. Du hast Raub getrieben. Weshalb?“

„Für mein Kind! Weil mir einer gesagt hat, daß die Schweißbluh noch helfen tät.“

Herr Heinrich blickte betroffen auf. Nach einer Weile fragte er: „Wer hat dir

das gesagt?“

Wolfrat schüttelte den Kopf und wehrte mit der Hand. Er konnte sich selbst

verraten, doch keinen anderen.

Herr Heinrich fragte nicht weiter. „Sag mir nur, hat’s auch geholfen?“

„Das Kind war schon verschienen, wie ich heimgekommen bin.“

„Ja, Wolfrat, alle Sünd ist umsonst! Hat dir das, wie du mit der blutigen Hand

vor das Bett getreten bist, der stumme Mund deines Kindes nicht gesagt?“

Wolfrat stand unbeweglich. Mit einem Blick des tiefsten Erbarmens ruhten die

Augen des Propstes auf dem Sudmann. Als er sich erhob, sah Wolfrat bang zu

ihm auf.

„Herr? Was geschieht mit mir?“ Weil er keine Antwort erhielt, sagte er leis:

„Er ist doch lebig, Herr!“

„Ist es dein Verdienst? Du hättest ihn liegen und verbluten lassen, nur daß er

nimmer reden möchte.“

Dem Sudmann sank der Kopf auf die Brust. „Was geschieht mit mir?“

„Das weiß ich nicht. Das mußt du selber wissen. Es war nicht dein Fürst und

Lehensherr, zu dem du gesprochen hast, es war dein Beichtiger. Was du auch

sagtest, ich gehe von hier und hab’s vergessen.“ Er bedeckte das Haupt und ging

davon.

Wolfrat sprang auf, drückte die Faust auf die Stirn und starrte dem Propste

nach.

Als Herr Heinrich die Tiefe des Steintals erreicht hatte, blickte er nach dem

Kreuz zurück. Er sah den Sudmann zur Quelle gehen, um frisches Wasser zu

holen.

Bei der Jägerhütte angelangt, rief der Propst nach Haymo. Die Antwort kam

nicht aus der Hütte, sondern vom Berghang her, über den der Jäger, von der

flinken Hel begleitet, langsam herabstieg, in der Hand ein Bündel ausgegrabener

Wurzeln tragend.

„Wo warst du, Haymo?“

„Nieswurz hab ich gegraben,“ sagte der Jäger mit müder Stimme, „für den

Frater Küchenmeister.“

„Hat er wieder Atemnot und Herzkrämpfe? Ein Wunder wär es nicht. Aber du

hättest diese Arbeit einem andern überlassen sollen.“

Haymo hielt die Augen gesenkt. „Ich hab’s ihm versprochen.“

„Und hast dich übermüdet dabei, jetzt vor dem Abstieg! Wie bleich du bist!

Gib deine Hand her! Sie zittert. Und deine Augen brennen. Haymo, ich muß dich

in der Hütte lassen.“

Der Jäger erschrak. „Ich bitt, Herr Heinrich, nur das nit! Ich tät’s nimmer

aushalten in der Hütt — bevor ich nit wieder gesund bin, ganz gesund!“ Er

betonte die beiden letzten Worte so seltsam.

Der Propst betrachtete ihn forschend. „So richte dich zur Heimfahrt!“

Haymo trat in die Stube. Herr Heinrich blickte ihm nach. „Seine Wunde heilt.

Sein Herz ist siech geworden. Armer Bursch! Ich fürchte, diese Blume ist nicht

für dich gewachsen.“

Er hörte Hufschlag: der Knecht mit dem Saumpferd kam. „Ist das Tier müde?“

fragte der Propst.

„Nein, Herr, ich hab’s allweil rasten und grasen lassen.“

„So können wir gleich aufbrechen. Sperr die Tür der Herrenhütte und bring

mir mein Griesbeil!“

Haymo kam, wie zum Hegergang gerüstet, das Weidgehenk um die Hüfte, die

Armbrust auf dem Rücken.

„Nein, du!“ lächelte Herr Heinrich. „So wirst du nicht reiten: gewaffnet und

den Arm in der Schlinge! Die Waffen hindern dich. Gib her, der Knecht soll sie

tragen.“ Er nahm dem Jäger die Armbrust und den Fänger ab. „Das Griesbeil laß

heroben in der Hütte, das Pferd hat viere für eins. So, und nun steig auf!“

„Herr Heinrich?“ stammelte Haymo. „Ich soll reiten, derweil Ihr zu Fuß

gehet?“

„Steig auf, sag ich!“

Haymo fügte sich schweigend und hob sich in den Sattel. Der Knecht nahm

die Armbrust und schnallte sich das Gehenk um. „So, jetzt bin ich auch ein

Jäger!“ lachte er, stieß das Griesbeil in den Grund und faßte den Zügel des

Pferdes. Bellend sprang die flinke Hel voraus. Haymo warf noch einen heißen

Blick auf die geschlossene Tür seiner Hütte, dann ließ er den Kopf sinken. Die

Heimfahrt begann.

Herr Heinrich schritt hinter dem Pferde her; immer blieb er stehen und blickte

über das Steintal aus. Wenn er wieder ging, schüttelte er den Kopf. Es schien, als

hätte er etwas erwartet, und das wäre nicht eingetroffen.

Ruhig und sicher ging das berggewohnte Pferd den rauhen Pfad; kamen

schiefe Platten, dann legte es den Leib zurück und rutschte auf den

vorgeschobenen Hufen. Vorerst hatte der Knecht, der es führte, leichte Arbeit.

Unermüdlich plauderte er drauf los, und es störte ihn nicht, daß Haymo keine

Antwort gab. Mit besonderer Wichtigkeit erzählte er die wunderliche Nachricht

von der Eggebäuerin; zuerst schickte er voraus, was er am verwichenen Abend

von der Magd gehört hatte. „Und heut in der Früh,“ erzählte er weiter, „hab ich

den Bader getroffen. Der hat kaum reden können vor Lachen. Und da ist’s

aufgekommen, was der Bäuerin allweil gefehlt hat. Sie hat einen großmächtigen

Schwollen[25] in ihr drin gehabt, schier so groß wie ein Faßl, und wie sie mit

dem Bauer ins Raufen gekommen und auf den Boden hingeschlagen ist der

ganzen Läng nach, hat’s einen Knall getan, und der Schwollen ist

aufgesprungen. Ja! Was sagst! Und jetzt wird das Weib gesund, grad weil sie

kein Herzkreuzl gekriegt hat! Und der Bauer! O du mein Herrgott! Der soll

herumgehen mit einem Kopf wie ein Metzen. Derweil das Weib krank war, hat

er das Fegfeuer gehabt, und jetzt, wo sie wieder gesunden tut, wird er die Höll

kriegen. Die kann aufhauen! Vergeltsgott, da bleib ich schon lieber ledig, eh ich

mir so eine nimm.“

Sie hatten den Wald erreicht. Die niederstehenden Äste, denen Haymo mit

dem Kopf ausweichen mußte, rissen ihn aus seiner Versunkenheit. Und als seine

Augen erst einmal lebendig wurden, gingen sie auch fleißig in die Runde.

Der Pfad wurde steiler und der Knecht mußte das Saumpferd fest in die Hand

nehmen. Nur langsam ging der Abstieg vonstatten. Einmal blieb Herr Heinrich

lauschend stehen. Er schüttelte den Kopf und ging wieder weiter. Doch nein, er

hatte sich nicht getäuscht. Nun klang es wie eilende Schritte weit hinter ihm. Ein

zufriedenes Lächeln umspielte die Lippen des Propstes. Er setzte sich auf einen

gestürzten Baum und wartete.

In langen Sprüngen kam Wolfrat über den Pfad heruntergestürmt. Der

Schweiß troff ihm von der heißen Stirn, und keuchend blieb er vor dem Propste

stehen. Eh’ er noch Atem fand, begann er schon zu reden. „Herr! Jetzt sind sie

alle weg. Auch der letzte, der schier gar nit weichen hat wollen.“

„Wirklich?“

„Ich hab nit ausgelassen. Und jetzt hätt ich eine Bitt, Herr!“

„Sprich, Wolfrat!“

„Lasset mich mit Euch gehen, Herr! Schauet, auf mir liegt die Not wie ein

Trumm Stein, aber ich mein’, es wär mir nirgends so wohl als wie bei Euch.“

„So komm!“ Herr Heinrich erhob sich.

„Und wenn ich heimkomm, so red ich mit meiner armen, guten Seph, und

wenn sie meint, daß sie’s tragen kann, in Gottesnam, so geh ich hin zum Vogt

und tu mich angeben.“

Herr Heinrich sprach kein Wort; er legte nur die Hand auf Wolfrats Schulter.

Dann gingen sie. Als sie zu den anderen kamen, eilte Wolfrat auf das Saumpferd

zu. „Gib her, ich mach das besser!“ sagte er und nahm den Zaum aus der Hand

des Knechtes.

Haymos Augen funkelten; doch schweigend ließ er alles geschehen. Mit

scheuem Blick sah Wolfrat zu ihm auf. „Jäger! Jetzt kannst du schlafen!“

Das Pferd merkte die sichere Hand, an der es ging, und kam in verläßlichen

Schritt.

[23] Ein Flächenmaß, nach dem in früheren Zeiten in den Alpen gerechnet wurde; ein „Gras“, d. i. so

viel Feld oder Weide, als ein Stück Hornvieh das Jahr über zur Nahrung braucht.

 

[24] Eine Krankheit des Klees, hervorgerufen durch einen rasch um sich greifenden Schmarotzerpilz.

 

[25] Eine Geschwulst.