Der Klosterjäger

Ludwig Ganghofer · Kapitel 5 von 32

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Der Klosterjäger

Kapitel 3

 

Es war nach den schweren Mühen des Tages keine bequeme Rast, die Haymo

auf dem Herdrand hielt. Dennoch schlief er fest. Nach stillen Stunden weckte ihn

ein Windstoß, der gegen die Hütte fuhr, als wollte er sie wegtragen in die Lüfte.

Auch Walti erwachte; sogar Frater Severin stellte das Schnarchen ein und warf

sich auf die Seite.

Haymo verließ die Hütte, um sich an der Quelle zu waschen; der Stand der

Sterne zeigte die zweite Morgenstunde. Als er zurückkehrte, hatte Walti ein

Feuer entzündet. Frater Severin schnurrte schon wieder im Schlaf wie die Säge

in einer dürren Zirbe.

Heute brauchte Haymo kein Frühmahl, denn er mußte nüchtern bleiben für

den Tisch des Herrn. Er schnallte das Wehrgehäng um die Hüfte, warf die

Armbrust hinter den Rücken und drückte die Kappe über das krause Gelock. Aus

dem Schreine nahm er eine ältere Armbrust hervor und einen Bolzenköcher und

reichte beides dem Buben, dessen Augen aufblitzten, als er nach der Waffe griff.

„Kannst du schießen?“

„Auf hundert Gäng treff ich wohl einen Baum!“ sprudelte es über Waltis

Lippen.

„Gut! Laß den Frater schlafen! Du aber geh, wann der Morgen graut, und

übernimm die Hut!“

„Welchen Weg soll ich machen?“

„Hinüber zur Kreuzhöh, dann hinauf durch den Wald bis unter die Wänd und

immer an den Wänden fort. Aber nimm dich in acht vor den Lahnen[4] und

spring nit talwärts, wenn du sie rollen hörst über dir, sondern drück dich an die

Wand! Und wenn du einen Steinbock siehst oder ein Rudel Gemsen, dann

scheuch mir das Wild nit! Hörst du? Und wenn dir einer begegnet, der nichts

hier oben zu schaffen hat, dann zeig, daß du ein richtiger Bub bist, und ruf ihn

an! Es ist Klostergut, das du hütest.“

Walti nickte nur; sein Gesicht brannte, und fester schlossen sich seine Hände

um die Armbrust.

„Und nun behüt dich Gott! Und grüß mir den Frater Severin!“

Draußen lag noch die Nacht mit ihrem Sturm und ihren Sternen. Rüstigen

Ganges folgte Haymo durch das rauhe Steinfeld dem talwärts führenden

Jägersteig. Nach einer Stunde erreichte er den rauschenden Almenwald. Durch die Finsternis, die ihn zwischen den Bäumen umgab, wanderte er so sicher

dahin, als wär’ es heller Tag. Manchmal hörte er flüchtendes Hochwild brechen.

Nun teilte sich der Weg; der eine Pfad führte über die bewaldeten Wände steil

hinunter zum See, der andere quer durch den Wald, auf einem Umweg bei den

Sennhütten vorüber und dann nach weiten Windungen beim Seedorf in das

Klostertal.

Bei den Sennhütten vorüber? Haymo fühlte, wie es ihn zog und zog. Er hätte

gerne gewußt, ob Gittli die stürmische Nacht auch fahrlos überstanden. Um sich

loszureißen, mußte er des Zweckes denken, der ihn heute hinunter rief ins

Kloster.

In doppelter Eile folgte er dem immer abschüssiger werdenden Pfad. Die

Sterne erblaßten, immer lichter wurde der Himmel, und über den Spitzen der

Berge erwachte das Frührot. Ein rosiger Schimmer erfüllte den weiten

Felsenkessel, in dessen Tiefe der See mit weißen Wellen schwankte. Als Haymo

das steile Ufer erreichte, wurde drüben über dem See, in der

Bartholomäusklause, der Morgensegen geläutet. Er zog die Kappe und sprach

ein Gebet. Dann stieß er den Einbaum, der zwischen wirrem Gestrüpp an das

Ufer gezogen lag, in das Wasser, sprang mit raschem Satz in das schwankende

Fahrzeug und griff zum Ruder. Wohl hatte der wehende Föhn zwischen den tief

gesenkten Felswänden nur halbe Macht, Haymo mußte aber doch seine ganze

Kraft zusammennehmen, um bei den häufigen Wirbelwinden, die ihn überfielen,

den plumpen Kahn in gerader Fahrt zu halten.

Es war heller Tag geworden, als er nahe dem Seedorf in einer vor dem Sturme

geschützten Bucht den Einbaum wieder ans Land zog. Zwischen den

rauschenden Fichten stieg er den sanft geneigten Waldweg empor. Nun verhielt

er betroffen den Schritt. Vor ihm auf einem moosigen Steine saß ein Mönch.

Netzwerk und Angelschnüre lagen zu seinen Füßen; er hielt die Arme auf die

Knie gestützt und das Antlitz in den Händen vergraben. Die weiße Kapuze war

zurückgesunken und enthüllte ein edel geformtes Haupt mit kurzgeschorenem,

tiefschwarzem Haar; dicht und lang quoll der schwarze Bart unter den Händen

hervor bis auf die Brust.

In Haymo erwachte die Erinnerung. Dieser Mönch vor ihm, das war wohl der

‚Schwarze‘, von welchem Walti geplaudert hatte, der neue ‚Pater Fischmeister‘,

den ‚sie von Passau hergeschickt‘, und von welchem Frater Severin erzählt hatte,

daß er ganze Tage lang stumm und einsam im beschneiten Klostergarten auf und

nieder gewandert wäre ‚wie ein Gespenst‘?

Einen Schritt trat Haymo näher, sein eisenbeschlagener Schuh streifte an eine

Felsplatte, und da richtete der Mönch sich auf. Diese stolze, edle Gestalt hätte

eher in den Harnisch gepaßt als in die Kutte; das Gesicht aber, das der schwarze Bart umrahmte, war bleich wie Schnee; Gram und Seelenpein hatten die Züge

verschärft und tiefe Furchen in die weiße Stirn gegraben; um die schmalen

Lippen zuckte der Schmerz, und die tiefliegenden Augen brannten wie Feuer —

das waren Augen, die lange die Wohltat der Tränen nicht mehr kannten. Haymo

fühlte sein Herz berührt vom Anblick dieses Priesters; er zog verwirrt die Kappe

und stammelte: „Hochwürdiger Vater! Was fehlt Euch? Seid Ihr krank?“

Der Mönch wandte sich wortlos ab, hob die Fischnetze und Angelschnüre auf

seinen Arm und wollte gehen.

Haymo vertrat ihm den Weg. „Ich bitt Euch, redet ein Wort zu mir! Vielleicht

kann ich Euch was zulieb tun? Sagt mir, was bedrückt Euch?“

„Das Leben!“ glitt es leise von den Lippen des Mönches, als hätte er dieses

Wort für sich allein gesprochen, nicht aber als Antwort auf die herzliche Frage

des Jägers. Dann neigte er das Haupt — es war ein Gruß und eine Abweisung

zugleich — und ging zu dem Pfade hinüber, der von den Bergen herunterführte

gegen das Seedorf.

Betroffen blickte Haymo ihm nach; nun hob er lauschend den Kopf; eine

klingende Stimme tönte von einer höheren Stelle des Pfades durch den Wald.

Haymo erkannte die Stimme, und heiß schoß ihm das Blut in die Wangen. Jetzt

sah er auch zwischen den Bäumen schon das rote Röckl schimmern. Gittli war

es. Und sie sang:

„Auf steiler Höh,

Tief unterm Schnee,

Da blüht ein Blüml grün und weiß.

Es gräbt in Stein

Die Wurzen ein

Und streckt sein Köpfl aus dem Eis,

Schneeweiß!

 

Die Winterszeit,

Wenn’s eist und schneit,

Das ist sein Lenz auf weißer Hald.

Doch bringt der Föhn

Den Frühling schön,

Dann siecht es hin und welket bald,

Schneekalt!

 

Im Herzen tief

Ein Blüml schlief,

Gar lieblich und an Schönheit reich;

Es blühte rot,

Da kam der Tod

Und trug’s hinunter in sein Reich,

Schneebleich!“

 

Wie Lerchengesang hob Gittlis Stimme sich über den wehenden Sturm und das

dumpfe Rauschen des Waldes. Und als sie die letzte Strophe gesungen hatte, sah

Haymo, wie Gittli auf dem schmalen Pfad erschrocken stehen blieb, den scheuen

Blick auf den Pater Fischmeister gerichtet. Dieser stand vor ihr, mit erstarrtem

Gesicht und mit Augen so voll Entsetzen, als wäre das Mädchen vor ihm nicht

das lieblichste Bild des Lebens, sondern ein dem dunkelsten Schoß der Erde

entstiegenes Gespenst. Die Knie drohten ihm zu brechen, Netze und Schnüre

fielen von seinem Arm, taumelnd griff er nach einer Stütze, und von seinen

zuckenden Lippen klang es mit heiserem Laut: „Wer bist du?“

„Ich bin die Gittli,“ stammelte das Mädchen mit versagender Stimme.

„Wer ist dein Vater?“

„Mein Vater ist tot, und meine Mutter auch. Ich hause bei meinem Bruder, der

heißt Wolfrat und ist Sudmann im Salzhaus des Klosters.“

Das hatte Gittli scheu hervorgestottert, wie ein Kind die Litanei in der Schule

stammelt, wenn der Kaplan die Haselrute schwingt. Nun stand sie schweigend,

das Körbchen mit den Schneerosen an ihren jungen Busen drückend, ein Bild, so

hold, daß Haymo von diesem Anblick sein Herz zum Springen schwellen fühlte.

Es zuckte in seinen Fäusten, und es war ihm, als müßt’ er auf den unheimlichen

Wegelagerer losstürzen und ihm zuschreien: Was willst du von dem Kind? Laß

das Kind in Ruh! Oder du hast es mit mir zu tun!

In wachsender Verstörtheit war der Blick des Mönches auf das Mädchen gerichtet. Röte und Blässe wechselten auf seinen Zügen, seine Augen waren wie

zwei Flammen, heiß und verzehrend. „Wer gab dir dieses Gesicht?“ so brach es

fast wie ein Schrei von seinen Lippen; nun streckte er die Arme, als wollte er das

Mädchen umschlingen — und da wich Gittli erbleichend vor ihm zurück; einen

Augenblick stand sie ratlos, dann schwang sie sich mit einem herzhaften Sprung

über den steilen Rand des Pfades auf den moosigen Waldboden und flog mit

flatterndem Rock an Haymo vorüber, um zwischen den Bäumen zu

verschwinden.

Wie man lange nach der dunklen Stelle des Himmels starrt, an der ein

fallender Stern erloschen ist, so starrte Haymo in den Waldschatten, in dem die

Gestalt des Mädchens sich verloren hatte. Langsam wandte er das Gesicht und

blickte wieder zum Pfad hinauf. Dort oben stand noch immer der Mönch mit

gestreckten Armen, als wollte er die Luft umschlingen, in der das Mädchen

geatmet. Jetzt kam ein Zittern über ihn, seine Arme fielen, stöhnend sank er auf

einen Stein und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Haymo wußte nicht, wie ihm geschah. Er hätte gern diesem Priester gezürnt,

und dennoch fühlte er, wie das Mitleid sein Herz gefangen nahm. Eine Weile

noch stand er wie gebannt; dann schlich er davon, und je weiter er sich entfernte,

desto rascher wurde sein Schritt.

Vielleicht gelang es ihm noch, das Mädchen einzuholen? In seinem Geleit

wäre Gittli sicher und hätte einen gefahrlosen Heimweg. Er begann zu laufen.

Was war das? Diese zornige Stimme, die von der offenen Seelände durch die

Lichtung der Bäume klang? War das nicht Gittlis Stimme? Ja! Und nun verstand

er auch ihre Worte: „So laßt mich doch! Was wollt ihr von mir? Was hab ich

euch denn getan? So laßt mich doch in Ruh!“

Haymo hatte den Waldsaum erreicht; draußen lag eine breite Wiese, halb

überspült von dem weißen Sand, den der schäumende See über das Ufer warf; an

Stangen hingen Fischnetze zum Trocknen aufgespannt; unter weitästigen, im

Föhnwind rauschenden Ulmen, zu Füßen eines Hügels, standen die beiden

Hütten der dem Kloster hörigen Fischerknechte. Zwei der struppigen, an Gesicht

und Kleidung derb verwitterten Gesellen hatten inmitten der Wiese das Mädchen

mit einem Stück Netz umfangen, und der eine lachte: „Hilft dir nichts! Wer so

ein feines Fischl im Garn hat, der hält es fest.“

„Aber so laßt mich doch, laßt mich!“ flehte Gittli und suchte sich dem Netz zu

entwinden.

„Zappel nur!“ lachte der andere. „Weißt du, was einem Ferch geschieht, wenn

er ins Netz gegangen ist? Wir geben ihm eins auf den Schnabel!“

Gittli kreischte, und während sie mit dem einen Arm ihr Körbchen in die

Höhe hielt, schlug sie mit dem andern zornig um sich.

„Geh, hab keine Sorg!“ tröstete der jüngere der beiden Knechte. „Wir

machen’s bei dir nit gar zu grob! Komm her, wirst sehen, es tut nit weh!“ Er

faßte mit derber Hand ihr Kinn und wollte sie küssen. Da flog er unsanft zur

Seite. Haymo hatte ihn beim Kragen gepackt, und der Griff hatte ausgegeben.

Ein Dutzend Schritte von der Stelle saß der Bursch im Gras und machte ein

dummes Gesicht. Dem anderen versetzte Haymo mit dem Bergstock eins über

die Hand, daß er das Netz gutwillig fallen ließ. Gittli, die sich so plötzlich befreit

sah, warf dem Jäger einen dankbaren Blick zu, streifte hurtig das Netz von den

Füßen und huschte kichernd davon.

Der ins Gras Gesetzte hatte sich inzwischen erhoben. Mit kirschrotem Gesicht

kam er auf den Jäger zugestürmt.

Haymo machte eine Faust und hob sie ein wenig. „Komm nur!“ sagte er

lächelnd.

Da war der Zorn des Burschen verraucht. Und der andere, der noch immer

seine Hand rieb, brummte: „So ein Wildling! Gleich zuhauen! Da schau, ganz

blau sind alle Finger!“ Und scheltend ging er dem Ufer zu und steckte die Hand

ins kalte Wasser.

Lachend schulterte Haymo den Bergstock und folgte der Straße. Er wäre gern

rascher gegangen; aber das wollte er den beiden Gesellen nicht zuliebe tun; die

hätten ihm sonst wohl nachgerufen: „Schau, wie er sich tummelt, daß er davon

kommt!“ Als er um die Ecke lenkte und den Blicken der beiden entschwand,

beschleunigte er seinen Gang; aber von Gittli war nichts mehr zu sehen und zu

hören.

Auf schmaler, von den Rädern der Bauernkarren übel zerrissener Straße

schritt Haymo durch das frühlingsblühende Tal. Wenn auch droben auf den

Bergen der Lenz noch eine harte, zähe Schlacht gegen den Winter schlug, so

hatte doch im Tal der Frühling sich schon häuslich eingerichtet. Auf den Wiesen

lag es schon wie grüner Sammet, in dem sich die zahllos blühenden Primeln

ausnahmen wie goldene Stickerei. Veilchenduft wehte aus den Hecken, in denen

die kleinen Meisen zwitscherten. Aus den Zweigen der Fichten spitzten schon

die jungen Triebe, und über den Buchen und Ahornbäumen lag’s von den

sprossenden Blättchen wie lichtgrüner Schimmer. Die wilde Kraft des Föhns, der

droben auf den Bergen allen Grund der Felsen zittern machte und die

donnernden Lawinen löste, war hier im Tal verwandelt in ein frisches Wehen,

das in alle Büsche griff, in alle Wipfel der Bäume, als wollt’ es ihnen sagen: Nur

frisch, nur munter! Jetzt nach dem Winterschlaf kein Gähnen mehr! Jetzt heißt es

wachsen, treiben, blühen, Früchte tragen und für Samen sorgen! Die schöne Zeit

ist kurz. Und eh ihr euch’s verseht, ist wieder der Winter da. Munter! Munter!

Jetzt stieg die Morgensonne hinter den Bergen empor, Wald und Feld überspinnend mit ihrem Gold. Ein Funkeln und Leuchten überall. Sogar der

Schatten, den Haymo auf die Straße warf, war Schimmer und Farbe.

Blaue Rauchsäulen stiegen aus den hölzernen Bauernhäusern, die zerstreut

lagen zwischen kleinen Gehölzen, zwischen Wiesen und brachen Feldern; in den

umhegten Gärten weidete das Vieh mit läutenden Glocken, und in steinigem

Bette rauschte die dem See entströmende Ache ihr eintöniges Lied.

Die Straße begann zu steigen; nun trat sie unter den Bäumen hervor, und

Haymo sah zu oberst auf der sonnigen Höhe des Weges das Mädchen schreiten.

„Gittli! Gittli!“ rief er mit hallender Stimme.

Sie hörte ihn, blieb stehen, wandte das Gesicht, schwang wie zum Gruß ihr

Körbchen und lief davon, in der Senkung der Straße verschwindend.

Haymo seufzte zuerst, dann lachte er und wanderte weiter. Eine halbe Stunde

noch, und er hatte das Klosterdorf erreicht. An beiden Ufern der Ache reihte sich

Haus an Haus, und von der Höhe nieder winkte der schlanke Münsterturm und

der mächtige, weit ausgedehnte Bau des Stiftes, mit hundert funkelnden

Fenstern. Haymo überschritt auf hölzerner Brücke die Ache und gelangte zu

einem riesigen Holzgebäude. Es war das Salzhaus, die Goldschmiede des

Klosters, welche die Dukaten in so schöner Menge lieferte, daß in kaum

zweihundert Jahren die arme Martinsklause zu Berchtesgaden das reichste

Kloster weit und breit geworden war. Alle Fürsten zankten sich um die

Hoheitsrechte über die reiche Propstei, und die Erzbischöfe von Salzburg

machten scheele Augen.

In langer Reihe standen die Frachtwagen und Saumpferde aus aller Herren

Länder vor dem Salzhaus, und ein Frater in geschürzter Kutte verzeichnete auf

einem Täfelchen jeden Sack, der von den Knechten zum Verladen

herbeigetragen wurde. Auf einem Seilzug, der über die Ache gespannt war,

kamen die in Rollen laufenden Kufen mit dem Rohsalz knarrend einhergezogen.

Dort drüben lag der Salzberg Tuval, in dessen Schachten das Steinsalz von den

Klosterknappen gefördert wurde. Dann kam es in die Pochmühle, aus der Mühle

in die Solwannen, und aus der gesättigten Sole wurde das reine Salz in

mächtigen Pfannen wieder ausgekocht. Sogar in der Karwoche durften die Feuer

nicht erlöschen. Wie fleißig der Sud betrieben wurde, das verriet der weiße

Dampf, der in dichten Wolken aus allen Luken des Daches, aus jedem Tor und

allen Fenstern des Sudhauses qualmte.

Da drinnen in der brütenden Hitze mochte kein gutes Weilen sein; das meinte

Haymo dem Sudmann anzusehen, der triefend von Schweiß aus einem der Tore

trat, um frische Luft zu schöpfen; er war nur mit einer blauen Leinenhose

bekleidet, Oberkörper und Arme waren nackt und von der Hitze gerötet wie ein

Krebs, der aus dem siedenden Wasser auf die Tafel kommt. Eine schwere Gestalt, Muskeln und Arme wie aus Kupfer gegossen, ein Stiernacken, ein

klobiger Schädel mit kurzgeschnittenem, rötlichbraunem Haar; der struppige

Bart hatte die Wangen fast bis zu den Augen überwachsen; dadurch bekam das

Gesicht einen finsteren Ausdruck, der durch den verdrossenen Blick der grauen

Augen noch verschärft wurde.

„Wolfrat!“ rief eine herrische Stimme im Innern des Salzhauses, und der

Sudmann verschwand im Tor.

Wolfrat? — Dieser Mensch sollte Gittlis Bruder sein? Haymo schüttelte den

Kopf; er stellte die beiden im Geiste nebeneinander. Das waren zwei

Geschwister, von denen eins zum andern paßte, wie der Eichbaum zur

Heckenrose, wie der Bär zum Reh, oder — der Volksmund pflegt zu sagen: wie

die Faust aufs Auge!

 

[4] Lawinen.