Der Klosterjäger

Ludwig Ganghofer · Kapitel 16 von 32

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Der Klosterjäger

Kapitel 14

 

Bei Einbruch der Dämmerung erreichten die Bergfahrer das Steintal in der Röt.

Sie hatten im Almenwald die Bärenfährte auf dem Steig gefunden und die Spur,

obwohl sie auf dem schneefreien Waldgrund nur mühsam zu erkennen war, über

eine Stunde weit verfolgt — Desertus allen anderen voran. Ein übles Los hatte

Frater Severin dabei gezogen; er fand den Mut nicht, allein auf dem Steig zu

warten, so trollte er seufzend und keuchend hintennach, über Felsblöcke und

Wurzelknorren, über Steinlöcher und Windbrüche.

Die Richtung der Fährte versprach Herrn Heinrich keine Jagd; der Bär hatte

sich talwärts gegen den See gewendet.

Als der Propst, Herr Schluttemann und Pater Desertus den Steig wieder

erreichten, mußten sie geraume Weile auf Frater Severin warten. Endlich kam er,

und Herr Heinrich fand in des Fraters Aussehen alle Ursache, um zu sagen:

„Bruder, ich schätze dich schon um fünf Pfund leichter. Gelt, das ist gesünder,

als im Kellerstübl hocken und die neuen Fässer kosten?“

„Wenn Ihr es sagt, muß es wohl wahr sein!“ klagte Frater Severin und suchte

an dem Kuttenärmel einen noch trockenen Fleck für seine Stirn. Im

Weiterschreiten sandte er einen jammervollen Blick zum Himmel und seufzte:

„Das Kellerstübl!“ Wie war es dort so schön, so kühl! Und durch die offene Tür

sah man den schier endlosen Keller mit den vom Zwielicht umwobenen Fässern,

die in Reih und Glied lagen, eine stattliche Armee von Sorgenbrechern. Besaß

doch das Stift Berchtesgaden in der Umgebung von Krems und Klosterneuburg

zahlreiche Weingüter: im Tailland, auf der Frechau, zu Oberndorf, Eisentür,

Armstorf, Wank, Sattelsteig, Mörtal, Rechberg und Stein! Frater Severin war in

keiner Litanei so sattelfest wie in der Kunde dieser seinem Ohr so lieblich

klingenden Namen. „Rechberg und Stein!“ Das Beste hob er sich immer für

zuletzt auf; und der Klang dieser beiden Worte stimmte ihn so träumerisch, daß

er, des Weges nimmer achtend, über ein Felsloch stolperte und seine Nase nur

mit knapper Not vor einem unsanften Kuß der Mutter Erde bewahrte.

Wie eine Erlösung aus dem Fegfeuer begrüßte er bei Einbruch der

Dämmerung den Anblick der beiden Jagdhäuser; es war wohl immer noch eine

halbe Stunde zu steigen, aber er sah doch wenigstens die winkende Ruhe vor

Augen.

Herr Heinrich, der gleichmäßigen, berggewohnten Ganges den anderen voranschritt, verhielt plötzlich den Fuß. „Mir ist, als hätt ich einen Ruf gehört.“

Sie blieben alle stehen und lauschten. Da klang es von der Höhe des Steintales

nieder, von dort her, wo die Hütten standen, mit langgezogenem angstvollem

Ruf: „Hoidoooh!“

„Eine Mädchenstimme!“ sagte Desertus. „Und sie klingt wie der Schrei eines

verzweifelten Herzens.“

„Dort oben ist jemand in Not! Lasset uns rascher ausschreiten! Vorwärts!

Vorwärts!“ befahl Herr Heinrich.

Als sie eine gute Strecke Weges weiter emporgekommen waren, klang

abermals der Ruf: „Hoidoooh! Hoidoooh!“ Trotz der Dämmerung nahm Herr

Heinrich mit seinem scharfen Auge auf einem vorspringenden Fels unfern der

Jagdhütte die Gestalt des rufenden Mädchens wahr. Er höhlte die Hände um den

Mund und gab den Ruf zurück.

Das Mädchen mußte den Ruf vernommen haben, denn man hörte einen

Schrei, wie in Freude und doch in Jammer, und dann, vom Winde herabgetragen,

die gellenden Rufe: „Leut! Leut! Um Gottes willen, da her, da her! Hoidoooh!“

„Diese Stimme!“ murmelte Desertus. „Ich habe sie schon gehört!“ Und den

anderen voran eilte er, so rasch es der steile Weg gestattete, durch die Sunke des

Tals empor. Herr Heinrich hielt sich nahe hinter ihm, Herr Schluttemann blieb

keuchend zurück, Frater Severin rang atemlos die Hände und fiel auf einen

Steinblock nieder.

Als Desertus den Fuß der letzten Höhe erreichte, kam Gittli mit jammernden

Worten ihm entgegengestürzt.

„Sie ist es!“ stammelte er, und drückte, den Schritt verhaltend, die zitternde

Faust auf seine Brust.

Nun stand sie vor ihm; wirr hingen ihr die Haare um das bleiche, von Angst

verstörte Gesicht. Sie wollte sprechen, da erkannte sie ihn und erschrak. Sie

machte eine Bewegung, als hätte sie fliehen mögen; aber die Sorge um jenen

anderen bannte in ihr die Furcht vor diesem einen. Schluchzend fiel sie vor ihm

nieder und schrie: „Helfet ihm! Helfet ihm!“

Er hob sie auf. „Wem soll ich helfen? Rede, Mädchen, rede doch!“

Da klang die Stimme Herrn Heinrichs: „Was ist geschehen?“

Gittli riß sich aus den Händen des Chorherren, eilte dem Propst entgegen,

umklammerte seine Hand, und während sie ihn mit sich fortzog, zur Jagdhütte,

klagte sie: „Ach, guter, lieber Herr, schauet, ich bitt Euch, helfet ihm, er muß

versterben!“

„Wer, Mädchen, wer?“

„Der Haymo, der Haymo!“

„Mein Jäger? Was ist mit ihm? Ist er gestürzt?“

„Nein, nein, viel ärger noch! Es hat ihn —“ Ihre Stimme erlosch; sie durfte

nicht reden, sie hatte geschworen! „Ich weiß nit, weiß nit,“ schrie sie auf, „ich

hab ihn gefunden und hab ihn heimgebracht, gestern, und er hat so gut

geschlafen die ganze Nacht. Und heut in der Früh, da hat er noch gern

genommen, was ich ihm gekocht hab. Zu Mittag aber, da hat er angefangen, hat

schiech geredet, hat um sich geschlagen, und allweil hat er aufspringen und fort

wollen. Ich hab ihn gebittet und gebettelt, daß er sich halten soll und den Arm nit

rühren. Und schauet, mit zwei Händ hab ich ihn heben und zwingen müssen.

Und auf einmal ist er weggefallen, daß ich schon gemeint hab, er verlischt wie

ein Licht. Und so liegt er noch allweil. Und einmal war ich bei ihm, und das

andermal wieder bin ich hinausgelaufen und hab geschrien und geschrien, weil

ich gemeint hab, es müßt und müßt wer kommen! Ach, was hab ich

ausgestanden!“

Sie hatten die Hütte erreicht; Gittli eilte voran, Herr Heinrich und Desertus

folgten. Auf dem Herde brannte ein flackerndes Feuer.

„Schauet her,“ stammelte Gittli, „da liegt er und tut keinen Rührer nimmer!“

Herr Heinrich trat an das Lager. „Licht, Dietwald, Licht!“ Desertus riß ein zur

Hälfte brennendes Scheit aus dem Feuer und hob es über das Bett. Während Herr

Heinrich den Kranken zu untersuchen begann, zog Gittli sich scheu in einen

Winkel zurück; dort stand sie mit angstvollen Augen, die zitternden Hände am

Mund.

„Was ist das? Ein Wundverband?“ Herr Heinrich richtete sich auf. „Hast du

ihn angelegt?“

„Ja, Herr! Weil er geblutet hat!“

Jetzt stolperte Herr Schluttemann keuchend über die Schwelle. „Was gibt’s?

Alle Wetter! Was gibt’s? Was gibt’s?“

„Seht nach, Herr Vogt, ob unsere Leute noch nicht kommen,“ sagte Herr

Heinrich, „ich brauche das Kästlein mit Verband und Balsam.“

„Was fehlt dem Bursch?“

„Das werdet Ihr erfahren, wenn ich selbst es weiß. Geht!“

Herr Schluttemann war beleidigt und verschwand. Der Propst beugte sich

wieder über Haymo. „Er schläft,“ sagte er nach einer Weile zu Desertus, „sein

Herzschlag ist matt, aber ruhig, sein Atem gleichmäßig. Er mag einen schweren

Anfall von Wundfieber überstanden haben und liegt nun in der Betäubung der

Schwäche. Ich sehe keine Gefahr.“

Gittli faltete die Hände und rührte stumm die Lippen.

„Du dort, komm her!“ rief Herr Heinrich ihr zu. „Wie heißt du?“

„Gittli!“

„Komm her, Gittli! Und sag mir, was du alles getan hast zu seiner Hilfe.“

Zögernd kam sie näher, und nun erkannte er sie. „Warst du nicht vor wenigen

Tagen beim Vogt? Du bist die Schwester Wolfrats, des Sudmanns?“

Gittli zuckte zusammen.

„So komm doch näher und rede! Was hast du für meinen Jäger getan?“

Die Hände zitternd, die Augen zu Boden gesenkt, gab sie mit stockenden

Worten Bericht. Aufmerksam hörte Herr Heinrich zu, und Pater Desertus hing

wie gebannt an Gittlis Zügen.

Als sie geendet hatte, blickte sie mit scheuer, stummer Frage zu Herrn

Heinrich auf, als wollte sie sagen: „Hab ich auch nichts schlecht gemacht?“

Da kam Herr Schluttemann zurück. „Die Leut sind da, Reverendissime, hier

ist das Kästl!“

Herr Heinrich nahm es. „Erwartet mich draußen und laßt mir niemand in die

Stube! Frater Severin —“

„Er ist noch immer nicht da.“

„Wenn er kommt, soll er rasten und Atem schöpfen, dann soll er die

Herrenhütte instand setzen. Der Walti mag hier bleiben, die vier Knechte sollen

in den Almhütten nächtigen und morgen beizeiten wieder hier sein.“

Herr Schluttemann ging, und man hörte, wie er draußen mit den Knechten

umschrie, als hätten sie Wunder was verbrochen. „Und morgen vor Tag seid ihr

wieder da!“ schloß er sein donnerndes Kapitel. „Oder ich reiß euch die Ohren

vom Kopf weg! Wurzweg!“

Je lauter er geschrien hatte, desto kleiner war Gittli geworden, desto tiefer

hatte sie sich in ihren Winkel gedrückt.

Herr Heinrich entnahm dem Kästlein, was er brauchte, um einen neuen

Verband anzulegen. Als er die mit Harz verklebte Leinwand von der Wunde

löste, streckte sich Haymo stöhnend, schlug die Augen auf und schloß sie

wieder.

„Dietwald, sieh her,“ rief Herr Heinrich erregt, „das ist keine Wunde, wie ein

fallender Stein sie schlägt, oder wie man sie bei einem Sturz erhalten kann. Das

ist ein Stich, ein Messerstich! Der Mann ist überfallen worden. Das hat ein

Raubschütz getan, den der Jäger fassen wollte. Mädchen! Komm her zu mir!“

Gittli zitterte an allen Gliedern.

„Aber so komm doch! Sag mir: wo hast du ihn gefunden?“

„Draußen,“ lispelte sie mit versagender Stimme, „vor der Hütte.“

„Weit von hier?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Und wie kam es, daß du ihn fandest?“

Ratlos, mit angstvollen Augen, schaute sie zu Herrn Heinrich auf.

„Aber so rede doch! Ich will wissen, was dich zu der Stelle führte, an der du ihn fandest. Was hattest du hier oben zu schaffen?“

Sie schlug die Hände vor das Gesicht.

„Ich bitt Euch, Herr Heinrich, quälet das Kind nicht!“ sagte Desertus mit

schwankender Stimme. „Ich glaube den Grund zu kennen, der sie hierher

geführt. Gestern in der Nacht starb im Haus ihres Bruders ein Kind.“

„Ein Kind des Wolfrat?“ Herr Heinrich ging auf das Mädchen zu. „Du

wolltest Schneerosen holen? Zum Engelkränzlein? Und da hast du den wunden

Mann gefunden und bist bei ihm geblieben Tag und Nacht und hast alles für ihn

getan, was nur zu tun war?“ Er strich die Hand über Gittlis Haar. „Du bist ein

braves, tapferes Mädchen. Ich will es dir und deinem Bruder danken.“

Gittli wandte sich ab und wankte zur Tür hinaus. Draußen fiel sie auf die

Bank und weinte in heißem Kummer vor sich hin.

Walti kam herbei, zog ihr die Hände herab und schaute ihr ins Gesicht. „Jeh,

du bist es? Warum heulst du denn?“

Sie riß sich los und schluchzte noch lauter.

„Flennst du wegen dem da drin? Geh, du bist dumm! Der hat einen Gesund

wie ein Trumm Eisen. Und wenn’s auch ihm ein bißl weh tut, du spürst es ja

nit!“ Er lehnte sich an die Hüttenwand und gähnte. Da sah er dicken Rauch aus

der Herrenhütte qualmen. „Da schau! Der Frater feuert schon. Du! Da werden

gute Sachen gekocht. Weißt, beim Heraufsteigen bin ich allweil hinter den

Kraxen hergegangen. Du! Das hat gerochen! Aaah! Fein!“ Er schnalzte mit der

Zunge. „Meinst du, wir kriegen auch was?“ Ohne eine Antwort abzuwarten,

schlich er zur Herrenhütte und spähte durch die offene Tür.

Der Eingang führte in eine geräumige Küche mit offenem Herd; daneben lag

eine kleine Herrenstube, deren einfaches Gerät aus rötlichem Zirbenholz

gefertigt war, und die Schlafkammer mit zwei Heubetten. Von der Küche stieg

man über eine Leiter zum Bodenraum, auf welchem Bergheu in genügender

Menge aufgeschüttet war, um für ein halbes Dutzend Schläfer weiche Liegerstatt

zu bieten.

Neben dem Herd, auf dem ein helles Feuer brannte, stand Frater Severin; er

hatte die Ärmel der weißen Kutte aufgestülpt, eine blaue Schürze vorgebunden

und war damit beschäftigt, ein ‚Spießchen Schwarzreiter‘ zu putzen, die, mit

Eiern übergossen und am Feuer rasch gebacken, für den Abendtisch einen

köstlichen Imbiß gaben.

Auf den Stufen vor der Tür der Herrenstube saß Herr Schluttemann,

nachdenklich, mit gesträubtem Schnauzbart, grimmig die Augen rollend. Die

Geschichte mit Haymo war eine Nuß, die zu beißen gab. Des zwecklosen

Grübelns müde, schüttelte er schnaubend das Haupt, fuhr mit den Fäusten durch

die Luft und platzte los: „Teufel! Teufel! Wenn ich denke, daß ich jetzt drunten im Kellerstübl sitzen könnt!“

„Mit Pater Hadamar und dem Küchenmeister,“ schmunzelte Frater Severin,

„bei Rechberg und Stein!“

„Höret auf, höret auf,“ stöhnte Herr Schluttemann, „ich kann’s nicht hören, es

reißt mir die Seel aus dem Leib.“ Dann wieder in grimmige Melancholie

versunken, fragte er: „Es ist doch wohl gesorgt für unseren Durst?“

Frater Severin zuckte die Achseln. „Wie es Herr Heinrich anbefohlen. Fünf

Tage sollen wir bleiben. Zehn Flaschen sind befohlen. Rechnet aus, wieviel auf

einen trifft!“

„Verflucht wenig!“ meinte Herr Schluttemann mit langem Gesicht. „Verflucht

wehenig! Frater! Frater! Mir wird die Leber brandig werden. Ich kann das

Wasser nicht vertragen. Aber schon gar nicht!“

Frater Severin betrachtete den unglücklichen Vogt mit zwinkernden Augen,

dann leckte er die von den Schwarzreitern fett gewordenen Finger ab, trat auf ihn

zu und flüsterte ihm ins Ohr: „Habt Ihr den Binkel gesehen, den der Walti

getragen hat?“

„Ja, warum?“

Frater Severins Miene wurde immer geheimnisvoller. „Und habt Ihr’s nit

scheppern hören in dem Binkel?“

Herr Schluttemann legte den Kopf auf die Seite und zeigte das Weiße in den

Augen. Ein schüchternes Licht der Hoffnung schien in seiner trostlos finsteren

Seele aufzudämmern. „Redet, Frater, was hat gescheppert?“

„Zehn heimliche Flaschen! Rechberg und Stein. Hinter der Hütte liegen sie in

kühler Erde vergraben, und wenn Herr Heinrich schlummert, holen wir uns ein

Pärchen.“

„Frater Severin, Ihr seid ein Heiliger!“ rief Herr Schluttemann und wollte dem

Frater um den Hals fallen.

Der schob ihn von sich. „Nit so laut, Herr Vogt!“ Er schielte nach der Türe.

„Herr Heinrich könnt uns hören.“

Des Fraters Sorge war unbegründet. Herr Heinrich weilte noch immer in der

Jägerhütte. Er hatte einen neuen Verband um Haymos Wunde gelegt und den

Arm in einer Schlinge befestigt, damit nicht eine ungestüme Bewegung des

Schläfers eine neue Blutung hervorriefe. Nun blickte er suchend umher.

„Wo ist das Mädchen?“

Desertus ging rasch zur Türe. Vor der Hütte saß Gittli auf der Bank; ihre

Tränen waren versiegt; verloren starrte sie hinaus in die sinkende Nacht.

Desertus berührte ihre Schulter. Sie fuhr erschrocken zusammen und erhob sich.

„Komm, Gittli! Herr Heinrich fragt nach dir.“ Er nahm ihre Hand und führte

sie in die Stube.

„Nun, willst du nicht sehen, wie es deinem Pflegling geht?“ sagte der Propst.

„Komm her! Sieh nur, wie gut und ruhig er schläft!“

In wortlosem Danke wollte sie Herrn Heinrichs Hand küssen.

„Laß doch, du Kind!“ sagte er. „Ich habe zu seiner Rettung nicht das mindeste

getan. Haymo wäre ein verlorener Mann gewesen ohne dich. Er hat dir allein zu

danken, daß er nun leben wird.“

Ein Seufzer, heiß und freudig, schwellte Gittlis Brust. Mit leuchtendem Blick

hing sie an Haymos blassen Zügen; dann fuhr sie mit der Hand über die feuchten

Augen und wandte sich zur Tür.

„Wohin willst du?“ fragte Herr Heinrich.

„Jetzt braucht er mich nimmer!“ lispelte sie. „Heim will ich gehen.“

„Mädchen! Es ist finstere Nacht!“ sagte Desertus erschrocken.

„Ich fürcht mich nit. Es ist sternscheinig, den Weg kenn ich auch, und auf der

Alm kann ich nächtigen.“

„Dort schlafen die Knechte!“ warf Herr Heinrich ein; dann lächelte er. „Und

denke nur, wenn Haymo morgen erwacht und fragt nach dir? Was sollen wir ihm

sagen? Willst du nicht bleiben?“

„Wenn ich darf?“ stammelte sie. „Schauet, Herr, ich nehm doch keinem seine

Liegerstatt weg. Ich setz mich dort auf den Herd.“

Sie wollte in ihren Winkel schleichen, aber Herr Heinrich rief sie noch einmal

zurück. „Gittli,“ sagte er freundlich, „du bist doch kein Kind mehr, du solltest

nicht so herumlaufen.“ Er deutete auf ihre Arme, die bis über die Schultern nackt

waren, und auf einen Riß, der in ihrem Hemd fast bis zum Gürtel ging.

Sie sah ihn mit großen Augen an. „Ich hab mir die Ärmel weggerissen, weil

ich das Leinen gebraucht hab. Für ihn.“

Da ging er auf sie zu, legte ihr die Hand auf den Scheitel und sagte leise:

„Deo placebis in nuditate tua!“ Und zu Desertus sich wendend, fuhr er in

lateinischer Sprache fort: „Kann eines Fürsten Tochter reicher sein an edlen

Steinen und Geschmeide, als dieses Bettelkind an Schätzen des Gemüts?“

Der Chorherr schwieg; seine träumenden Augen hingen an Gittli, die zum

Herde ging, in ihre Jacke schlüpfte und sich leis in den Winkel kauerte.

Herr Heinrich war an Haymos Lager getreten und hatte seine Hand auf die

Stirn des Schlummernden gelegt. „Das Fieber ist gemildert, und der Schlaf wird

ihn erquicken. Er hat gesundes Blut und eine gute Natur. Ich hoffe, wir haben

den Mann in drei Tagen wieder leidlich auf den Beinen. Ich will Wein

herüberschicken, davon soll er bekommen, wenn er munter wird in der Nacht.

Und Frater Severin soll bei ihm wachen.“

„Überlasset mir dieses Amt!“ sagte Desertus rasch. „Der Bruder ist müde.“

„Gut, so bleibe!“ Herr Heinrich reichte dem Chorherren die Hand, nickte Gittli mit freundlichem Lächeln zu und verließ die Stube.

Zu Häupten des Lagers setzte sich Desertus auf die Bank.

Es war still in der Stube. Gittli rührte sich nicht in ihrem Winkel; man hörte

nur Haymos tiefe Atemzüge, und auf dem Herde knisterte es zuweilen noch leise

in den glühenden Kohlen.

Draußen murmelte das Wasser, von der Herrenhütte herüber klang in

Zwischenräumen die laute Stimme des Vogtes, und tief aus dem Steintal herauf

ertönte der Gesang der vier Knechte, die zu den Almen niederstiegen:

 

„Das Herzelein

Im Herzensschrein

Tut gar so weh dem schwarzen Knaben:

Das braune Mägdlein möcht er haben,

Ja haben,

Wenn man es ihm nur gäb,

Ja gäb, ja gäb!“

 

Nach einer Weile kam Walti, um den Chorherren zum Imbiß zu rufen; er brachte

auch einen Teller für Gittli. „Du, das ist gut!“ flüsterte er dem Mädchen zu. „Ich

hab’s auch schon verkosten dürfen, und was übrig bleibt, das krieg ich alles, hat

der Frater gesagt.“ Gittli richtete sich auf und begann zu essen, während

Desertus die Stube verließ. Als er die Herrenhütte betrat, sagte er zu Frater

Severin: „Schickt ein Kissen und eine Lodendecke hinüber für das Mädchen; das

Kind hat ein hartes Lager auf den Herdsteinen.“

Nun saßen sie beim Schein einer Kienfackel in der Herrenstube beisammen,

der Propst, Herr Schluttemann und Desertus, der letztere schweigend in sich

versunken, während Herr Heinrich und der Vogt die an dem Jäger verübte Untat

besprachen. Herr Schluttemann beschwor die ganze Rache seines flammenden

Zornes über das Haupt des Untäters, den er finden wollte, und wenn er sich auch

in den untersten Schlupf der Hölle verkrochen hätte; sobald es Tag würde,

gedachte er sich mit den Knechten auf den Weg zu machen, um in weitem Kreise

rings um die Hütte jeden Busch und jede Felsschrunde zu untersuchen; ein

Haken würde sich schon finden, an den der Faden eines Verdachtes sich

anknüpfen ließe.

Als Desertus in die Jägerhütte zurückkehrte, fand er Gittli schlafend im

Herdwinkel. Das Kissen, das ihr Walti gebracht, hatte sie unter Haymos wunden

Arm gelegt; nur die Lodendecke hatte sie für sich behalten und zum Polster

geballt unter ihren Kopf geschoben. So lag sie, die beiden Hände unter der

Wange, die müden Glieder vom Schlafe sanft gelöst; sie schien auf den harten

Steinen so gut zu ruhen, als läge sie in weichen Daunen. Die glimmenden

Kohlen strahlten einen roten Schimmer über ihr Gesicht, so daß es aus dem Dunkel hervorleuchtete wie ein liebliches Rätsel.

Lange stand Desertus vor dem schlafenden Mädchen. Immer näher zog es ihn,

er beugte das Knie, er streckte die Arme, er neigte das Gesicht in dürstender

Sehnsucht. Da bewegte sich Gittli und stöhnte leis, wie unter schweren Träumen:

„Haymo.“

Desertus taumelte zurück; die Hände vor das Gesicht schlagend, wankte er zur

Tür und sank auf die Schwelle nieder. „Herr! Herr! Du versuchest mich über

meine Kräfte!“ rang es sich mit erstickter Stimme von seinen Lippen, und die

brennenden Augen starrten hinaus in die Nacht, empor zu den ruhelos

flimmernden Sternen.

In den Fenstern der Herrenhütte war das Licht schon erloschen; Herr Heinrich

schlief. Durch die Klumsen der geschlossenen Türe quoll aber noch ein matter

Schein; dort saßen Frater Severin und Herr Schluttemann beim erlöschenden

Feuer auf dem Herdrand, leise plaudernd, mit dem ‚heimlichen Pärchen‘

beschäftigt, das sie aus dem Versteck hervorgeholt. Walti hockte in einem

Winkel und vertilgte die Reste des Mahles; dann trank er noch einen Krug

Wasser leer und kletterte über die Leiter hinauf ins Heu.

Als den beiden anderen ‚des Himmels höchste Gnade‘ zur Neige ging, bekam

Herr Schluttemann seine üblichen ‚Zustände‘. Er schien völlig vergessen zu

haben, wo er sich befand, wähnte im Kellerstübl zu weilen und fürchtete, daß

mit jedem Augenblick die handfesten Boten der Frau Cäcilia eintreten könnten,

um ihn zu holen. „Aber ich geh nicht, Bruder, ich geh nicht! Jetzt sitz ich einmal,

Donnerwetter, und jetzt bleib ich!“ Frater Severin drückte ihm die Hand auf den

Mund und zerrte ihn zur Leiter; mit aller Mühe, stoßend und schiebend, brachte

er ihn endlich über die Leiter hinauf und warf ihn ins weiche Heu. „Cäcilia,

Cäcilia, du treibst es heut wieder arg mit mir!“ brummte Herr Schluttemann,

halb erstickt von dem über ihn herfallenden Heu. Eine Weile lallte er noch fort,

dann begann er zu schnarchen. Frater Severin folgte diesem Beispiel, und da

ging nun ein Sägen um die Wette los, daß Walti erwachte und kein Auge mehr

schließen konnte; dazu hatte er bald eine Faust des Herrn Schluttemann im

Gesicht, bald dessen Füße auf der Brust oder zwischen den Beinen; er verkroch

sich in den äußersten Winkel, aber Herrn Schluttemanns Füße fanden den Weg

zu ihm. Schließlich erhob er sich, glitt über die Leiter hinunter und legte sich auf

den warmen Herd. Jetzt konnte er schlafen.