Der Klosterjäger

Ludwig Ganghofer · Kapitel 27 von 32

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Der Klosterjäger

Kapitel 25

 

Bei grauendem Morgen erreichte Zenza das Dorf. Sie rastete nicht. Eilenden

Ganges wanderte sie auf der Straße weiter; sie hatte den Rock geschürzt und

führte in der Hand einen Stecken, den sie im Bergwald gebrochen. Noch stieg

keine Rauchsäule aus den Dächern, und Stille herrschte über allen Feldern und

Wiesen. Es war Fronleichnamstag![29] Das höchste Fest des Jahres! Viele

Häuser waren schon mit Birkenbäumchen und Laubkränzen geziert, und vor

anderen Gebäuden, die noch ungeschmückt waren, lagen die Birken haufenweise

bereit. Niemand begegnete ihr; die Leute schliefen noch; nur manchmal fuhr

kläffend aus einem Gehöft ein Hund hervor, der ein schweres Scheit Holz an den

Hals geknebelt trug, das ihn hindern sollte, in den Klosterwäldern ein kleines

Jagdvergnügen aufzusuchen.

Zwei Stunden tüchtigen Marsches, und Zenza erreichte den Markt

Schellenberg. Hier waren die Leute schon munter; Erwachsene zierten die

Häuser, Kinder bestreuten die Straße mit Blumen, die Salzknappen schmückten

das Sudhaus und bauten einen Altar.

Zenza hungerte. Sie trat in die Taferne. „Grüß dich Gott, Leutgeb!“ sagte sie

zum Wirt. „Kennst du mich?“

„Wenn ich recht mein’, bist du dem Eggebauer seine Tochter?“

„Wohl!“

„Wo gehst du hin in aller Früh?“

„Auf Salzburg hinein.“

„Willst du dir den Umgang anschauen?“

„Wohl! Und ich bin überhops von meiner Alm davon und hab vergessen, daß

ich einen Zehrpfennig mitgenommen hätt. Willst du mir Essen und Trinken

geben? Mein Vater zahlt schon, wenn er vorbeikommt. Und wenn du noch ein

übriges tun magst, gib mir zwanzig Heller auf den Weg!“

Die Tochter des reichen Eggebauern hatte ein leichtes Fordern; hätte sie nicht

zwanzig Heller, sondern zwanzig Schillinge begehrt, der Leutgeb hätte einen

Katzenbuckel gemacht und wär’ gesprungen, um den Kasten aufzutun.

Zenza schob die Münzen in die Tasche, den Stutzen Rotwein leerte sie auf

einen Zug, Brot und Selchfleisch nahm sie in die Hand und begann zu essen,

während sie weiterwanderte.

Abermals zwei Stunden, und der Untersberg lag hinter ihr. Weit und eben, noch von den zarten Nebeln des Morgens überflossen, dehnte sich das Grödiger

Moos. Bald verwehte ein frischer Wind den grauen Duft, der über die Landschaft

gebreitet lag, und im Glanz der Morgensonne, stolz und schön, winkte ihr die

leuchtende Stadt entgegen. Auf den ragenden Zinnen der Hohensalzburg, auf

dem steilen Dach des Domes zu St. Peter, auf dem schlanken, zierlichen Turm

der Franziskanerkirche, auf jedem Herrenhaus, überall wehten die weißen und

roten Fahnen des Festes.

Als Zenza das Nonntaler Tor erreichte, begannen schon alle Glocken zu

läuten. Der junge Torwärtel hielt ihr die Hellebarde vor und wollte die Maut von

ihren Lippen erheben; statt eines Kusses zahlte sie mit einem Nasenstüber,

schlug den Spieß beiseite und rannte durch die enge Gasse, im Strom der Leute

verschwindend, die zum Domplatz eilten. Zenza überließ sich dem schiebenden

Gedränge, ratlos, was sie beginnen sollte. Das Heim der Domfrauen würde sie

wohl bald erfragen können. Aber wie sollte sie ins Kloster gelangen? Wie sollte

sie Gelegenheit finden, Gittli ohne Zeugen zu sprechen? Während sie grübelte,

wurde sie gedrückt und geschoben; vom Hall der vielen Glocken begannen ihr

die Ohren zu singen; und in dem hundertstimmigen Lärm, bei dem klappernden

Getrappel der Pferde, bei dem Geschrei der vor den Hufen Flüchtenden wurde

ihr völlig wirr und taub zu Sinne.

Schließlich stand sie mitten in dichtem Menschengewühl auf einem großen

Platz; ringsum Kirchen und ragende Gebäude, alle reich geziert mit Fahnen,

Bildern, kostbaren Teppichen und Stickereien, mit Birkenbäumchen,

Laubgewinden und leuchtenden Blumen.

Das Geläut der Glocken hatte ausgesetzt; nun begann es wieder, mit ihm

vermischten sich, aus einer nahen Gasse schallend, die schmetternden Klänge

der Posaunen, die hellen Töne der Zinken, die dumpfen Wirbel der Pauken, dazu

ein mächtig anwachsender Gesang von Kinder-, Frauen- und Männerstimmen,

die durcheinanderflossen wie brausende Wellen. Vor Zenzas Augen, deren Herz

erzitterte in frommem Schauer, entwickelte sich mit funkelnder Pracht die

heilige Prozession. Voran auf weißen Rossen die Herolde in goldgestickten

Wappenröcken, dann die bunt gewandete Truppe der Posaunenbläser,

Zinkenisten und Pauker, eine Schar Kriegsknechte, ein rasselnder Reitertrupp,

die Fronboten und alles Gesinde des erzbischöflichen Hofes, die Ritter im

Scharlachkleid, die Räte in schwarzen Talaren und mit schweren Goldketten; auf

tänzelnden Pferden die Lehensritter in funkelndem Harnisch und mit blanken

Schwertern, welche blitzten in der hellen Sonne; eine schier endlose Reihe von

Mönchen und Laienpriestern, flackernde Lichter tragend; zwischen allen

Gruppen wehende Kirchenfahnen und gaukelnde Laternen, heilige Statuen und

Reliquienschreine; und jetzt der Baldachin, strotzend von Gold, mit nickenden Federbüschen auf jeder Stange, behangen mit Bändern und Goldschnüren, deren

Quasten in den Händen schmucker Edelknaben ruhten, umgeben von

gepanzerten Wächtern, umwallt von duftenden Weihrauchwolken; und unter

dem schwankenden ‚Himmel‘ die Domherren im goldschweren Levitenkleid, in

ihrer Mitte Herr Heinrich von Pirnbrunn, der neuerwählte Erzbischof von

Salzburg, die weiße, goldgebänderte Inful auf dem Haupt, um die Schultern den

von edlen Steinen blitzenden Rauchmantel, in den Händen die strahlende

Monstranz.

Es stockte der Zug, der Erzbischof bestieg die Stufen des unter freiem

Himmel erbauten Altars, der Gesang verstummte, die Posaunen und Zinken

schwiegen, das Geläut der Glocken setzte jählings aus, über dem von Farben,

Silber, Gold und Sonne leuchtenden Platz lag atemlose Stille. Da schrillten die

Klingeln, die Weihrauchwolken wallten, es hob sich die Monstranz, alles Volk

sank auf die Knie, und an jede von Ehrfurcht und heiligem Schauer erfüllte Brust

schlug dreimal die zitternde Faust: „Mea culpa, mea culpa, mea maxima

culpa!“

Einen Augenblick — und alles war wieder Bewegung und Gewoge, Gesang

und Tönen, Klang und Geläut, Funkeln und Geflimmer.

Du stiller, träumerischer Zauber der heidnischen Sonnwendnacht, wie hättest

du nicht erblassen sollen vor dem Glanz und der Glorie dieses Tages, welchen

Papst Johannes zum höchsten Fest der Christenheit erhoben hatte, um die

„Herrlichkeit der Kirche auch vor den Augen ihrer Gegner zu offenbaren und

deren Seelen zu erschüttern und zu gewinnen!“ —

Der Baldachin war an Zenza schon vorübergezogen, aber sie hatte immer

noch zu schauen und zu staunen in Hülle und Fülle. Da kamen in prächtigen

Gewändern die Edelherren und Edelfrauen, eine lange, lange Reihe. Dann

wieder Mönche und Priester, singende Knaben und Mädchen. Und jetzt —

Durch Zenzas Herz zuckte ein heißer Schreck, und mit brennenden Augen

starrte sie in den Zug.

„Das sind die Domfrauen,“ sagte ein Weib an ihrer Seite, „und die adeligen

Fräulen.“

Voran ging die Oberin mit sechs Schwestern, in schlichten blauen Gewändern,

die blassen Züge überschattet von weißen Hauben, am Gürtel den Rosenkranz

aus roten Korallen. Ihnen folgte, einem wandelnden Blumengarten vergleichbar,

eine blühende Mädchenschar, alle gleich gewandet, in weißen, schleppenden

Kleidern, die entblößten Schultern und Arme von zarten Schleiern überfallen,

weiße Rosenkränzlein im gelösten Haar. Und von den Schönen die schönsten,

sechs an der Zahl, trugen auf duftender Blumenbahre ein liebliches Marienbild.

An einer dieser Trägerinnen hing Zenza mit erschrockenen Augen. Als die Bahre vorüber war, fuhr sie auf, wie aus einer Betäubung erwachend. Mit

stoßenden Ellbogen drängte sie sich aus dem Knäuel der Menschen hinaus in die

freie Gasse.

Der Zug hatte gewendet und zog nun an sich selbst vorüber. Es gab ein wirres

Gedräng, bei welchem es niemand auffiel, daß eine neugierige Bauerndirn fast

mitten in die Schar der adeligen Fräulein hineingestoßen wurde. Aus nächster

Nähe spähte Zenza in das Gesicht der Marienträgerin, über deren schmächtige

Wangen eine brennende Röte flog.

„Kennst du mich?“ flüsterte Zenza, während in der vorüberziehenden Spitze

des Zuges die Posaunen schmetterten und die Zinken klangen.

„Kennst du mich, Gittli?“ wiederholte sie und flüsterte weiter: „Deinetwegen

bin ich gekommen. Du mußt davonlaufen aus dem Kloster! Noch heut! Ich wart

vor dem Klostertor. Den ganzen Tag! Und wenn’s sein muß, die ganze Nacht!

Aber kommen mußt du. Du mußt! Der Haymo stirbt.“

Zenza hatte kaum ausgesprochen, als ein Stadtknecht sie mit unsanftem Arm

zurückstieß in das Gedräng.

Der Zug geriet in Stockung. Eine der Marienträgerinnen war ohnmächtig

geworden, und als sie niedersank, konnten die hinzuspringenden Mädchen nur

mit Mühe noch das heilige Bild vor dem Sturz bewahren.

„Jetzt hat sie’s gar umgeworfen!“ murmelte Zenza, während sie neugierig den

Kopf über die Schultern der vor ihr stehenden Leute reckte. „So eine klebere

Zetzen![30] Und an so eine hängt sich ein solcher Bub!“ Fast war es

Schadenfreude, was aus ihren Augen blitzte, als sie sah, wie Gittli von zwei

Domfrauen an den Armen gestützt und fortgezogen wurde.

Es währte noch eine volle Stunde, bis die Feier vorüber war und das Gedräng

der Menschen sich löste. Von Gasse zu Gasse fragte sich Zenza bis zum Heim

der Domfrauen. Auf einem Eckstein kauerte sie sich nieder und wartete, bis die

Domfrauen mit ihren Pfleglingen in das Kloster zurückkamen. Gittli war nicht

dabei. Zwei Schwestern hatten sie schon nach Hause geführt und zu Bett

gebracht; die Ohnmacht wurde dem Staub und der Hitze zugeschrieben, und man

legte es als Schwäche aus, daß Gittli auf keine Frage Antwort gab. Geduldig ließ

sie alles mit sich machen, nahm die stärkenden Tropfen, die man ihr reichte —

und nun lag sie in ihrem Nest, von einer Schwester behütet, und starrte mit

angstvollen Augen ins Leere. Wohl war es ihre erste Regung gewesen, auf den

Knien und mit aufgehobenen Händen zu betteln: „Lasset mich heim!“ Aber das

hatte sie seit jenem Tag, der sie ins Kloster brachte, schon zu hundertmalen

nutzlos getan. Sie mußte schweigen und den günstigen Augenblick zur Flucht

erwarten. Den Weg für eine solche Flucht hatte sie sich längst schon

ausgesonnen, doch immer hatte ihr der Mut gefehlt, ihn zu betreten. Jetzt aber mußte sie fort, sie mußte. „Der Haymo stirbt.“ Dieses Wort hätte ihr den Mut

gegeben, sich durch Feuer und Wasser hindurchzuschlagen.

„Der Haymo stirbt.“ Immer, immer hörte sie nur dieses eine Wort. Das Herz

schlug ihr wie ein Hammer, und dennoch rann das Blut so kalt wie Eis durch ihre

Glieder. „Der Haymo stirbt.“ War er denn nicht genesen? Hatte Herr Heinrich

gelogen, als er diese Botschaft sandte, diese erste und einzige Freude, die sie hier

zwischen den dumpfen, ihre ganze Lebensfreude erdrückenden Mauern erfahren

durfte? Oder war Haymos Wunde wieder aufgebrochen? Hatte ihn ein neues

Unheil getroffen? War er auf seinen gefährlichen Wegen gestürzt? Hatte ein

Raubschütz, ein wildes Tier ihn angefallen? Quälende Bilder stiegen vor ihren

Augen auf, und aus jedem dieser Bilder schrie ihr eine jammernde Stimme zu:

„Der Haymo stirbt! Der Haymo stirbt!“

Fröhlicher Lärm unterbrach sie in ihren martervollen Gedanken. Etwa

zwanzig Mädchen stürmten in den großen Schlafsaal, um die Kleider zu

wechseln und sich vom Straßenstaub zu reinigen. Rings um die Wände standen

die weißen Betten, jedes neben einem schmalen Schrein; die freie Mitte des

Saales nahm der riesige Waschtisch ein, dessen Innenraum, einem gewaltigen

flachen Trichter gleichend, mit blankem Kupfer ausgeschlagen war; rings auf

dem breiten Rand war für jedes Mädchen ein Krug mit Wasser in Bereitschaft

gestellt. Das gab ein lieblich heiteres Bild, wie sich die Mädchen um den

Waschtisch drängten, mit gelösten Haaren, im kurzen Unterkleid, mit nackten

Armen und Schultern, plaudernd und kreischend, lachend und kichernd, mit

Wasser spritzend und plätschernd, die Augen leuchtend, die Wangen brennend.

Und daneben Gittli in den Kissen, stumm und bleich, verzehrende Angst in

jedem Blick, in jedem Herzschlag zitternde Furcht und heiße Sehnsucht.

Den ganzen Tag über blieb Gittli kaum ein Viertelstündchen allein; sie hatte

so viele Freundinnen, als das Heim der Domfrauen an jungen Mädchen barg. Zu

Anfang hatten diese anderen das scheue, unbeholfene Ding mißachtet, verspottet

und gehänselt wegen seiner bäuerischen Sprache und seines furchtsamen

Wesens. Aber das Geheimnis, das um die kleine ‚Brigitte von Dorfen‘ gebreitet

schien, reizte die Neugier; ihre stille, träumerische Schwermut weckte das

Mitleid; und schließlich bezwang Gittlis natürlicher Liebreiz auch das

widerspenstigste dieser jungen Mädchenherzen. Sie nahm die zärtlichen

Freundschaften hin wie etwas Aufgezwungenes; sie lebte nur in sich selbst, und

so war ihr alles, was sie hier umgab, an diesem letzten Tage noch so fremd und

bedrückend, wie es ihr am ersten Tag gewesen. Sie kam sich vor wie in einem

Fastnachtsspiel, darin man ihr die Rolle der verwunschenen Prinzessin wider

Willen aufgezwungen hatte. Und wenn sie jetzt um Haymos willen in Angst und

Bangen der Stunde entgegenzitterte, die ihre Flucht ermöglichen würde, mischte sich in ihre beklemmende Marter auch ein Aufatmen, ein tröstendes Vorgefühl

ihrer Erlösung aus diesen schrecklichen Mauern.

Als es zu dämmern begann, blieb Gittli, während im Refektorium die

Abendmahlzeit gehalten wurde, eine halbe Stunde allein. Zitternd erhob sie sich

und zog das Gewand an, das neben dem Bett noch auf dem Sessel lag: das

weiße, ausgeschnittene Schleppkleid und die gelben Schnabelschuhe. Ein

Mäntelchen, das sie aus dem Schrein hervorholte, versteckte sie unter dem

Kissen. So angekleidet legte sie sich nieder.

Jetzt kamen Stunden quälender Angst; kaum hatte sie die Decke bis an das

Kinn gezogen, da brachte ihr eine dienende Schwester das Abendessen. Zuerst

stellte sie sich schlafend; als sie geweckt wurde, beteuerte sie unter Stammeln

und Tränen, daß sie nicht ein ‚lützel‘ Hunger hätte. Um zu essen, hätte sie sich

aufrichten und dabei verraten müssen, daß sie angekleidet im Bette lag. Die

Schwester ging, aber gleich wieder kam eine neue Gefahr: die Frau Oberin

erschien, um sich nach Gittlis Befinden zu erkundigen.

„Dank der Nachfrag, ehrwürdige Mutter,“ stammelte das Mädchen, „mir ist

schon völlig wieder gut. Aber schläfrig bin ich. So viel gern schlafen möcht ich.“

„So schlaf, mein Kind! Aber mummel dich nicht so in die Decke! Da muß dir

heiß werden, und dann wirst du dich in der Nacht erkälten.“

„Wenn mich aber so viel frieren tut!“ wehrte Gittli mit versagender Stimme

und hielt die Decke krampfhaft fest.

„Frieren, Kind? Du wirst doch kein Fieber haben?“ sagte die Oberin

erschrocken. „Komm, gib deine Hand her, ich will den Puls fühlen.“

Ein ganz klein wenig schob Gittli die zitternde Hand unter der Decke hervor.

„Ach, du armes Kind! Deine Hand glüht wie Feuer, und dein Puls hämmert.“

Die Oberin eilte zur Tür und zog an der Schellenschnur. Die dienende Schwester,

die erschien, wurde um eine fieberstillende Arznei geschickt. Und wie Gittli sich

auch sträubte — sie mußte schlucken. Ein naßkaltes Tuch wurde um ihre Stirn

gebunden; aber das ‚Fieber‘ wollte nicht weichen, die Glut ihrer zitternden

Hände nicht erkühlen.

Die Oberin schickte die dienende Schwester um Essig fort und richtete an

Gittli eine besorgte Frage um die andere. In der quälenden Angst vor der

drohenden Entdeckung verwirrten sich die Antworten des Mädchens immer

mehr, so daß es wahrhaftig den Anschein gewann, als spräche aus ihr das

sinnverwirrende Fieber.

„Kind, Kind! Du wirst mir doch nicht ernstlich erkranken!“ jammerte die

Oberin. „Gib die Decke weg, ich höre die Schwester schon kommen, wir müssen

dich mit Essig waschen.“

Gittli schluchzte und bettelte; aber es half ihr nichts; die Oberin löste ihr die Hände und nahm die Decke fort. Trotz der tiefen Dämmerung, die schon im

Raume herrschte, erkannte die Oberin sofort, daß das Mädchen völlig gewandet

und mit den Schuhen im Bette lag.

„Brigitte? Was soll das heißen?“

Gittli hatte sich aufgerichtet, die Füße unter das Kleid gezogen und hielt die

zitternden Arme über der Brust verschlungen, mit verstörten Augen zur Oberin

aufblickend.

Da half keine Ausrede mehr; nun mußte man ihre Absicht durchschauen, man

würde ihre Flucht verhindern — und „der Haymo stirbt, der Haymo stirbt!“

Sie mußte fort, jetzt, gleich auf der Stelle, und wenn es ihr Leben gälte! Sie

sprang aus dem Bett, riß mit jähem Ruck das Mäntelchen unter dem Kissen

hervor, warf es um die Schultern und stürzte der Türe zu, als eben die Schwester

mit der Essigschüssel eintreten wollte. Ein Schrei, ein Klatsch auf den Dielen,

und vorüber an der taumelnden Nonne, welche die Schüssel hatte fallen lassen,

rannte Gittli in den dunklen Säulengang hinaus. Hinter ihr her die beiden Frauen

mit lautem Geschrei. Im Spielsaal verstummte der fröhliche Lärm, die Tür

wurde aufgerissen, und mit erschreckten Gesichtern kamen die Mädchen

herbeigelaufen.

„Was gibt es? Was ist geschehen?“ So rief es mit zwanzig Stimmen

durcheinander.

Die beiden Nonnen konnten sich dem Ring, der sich um sie gebildet hatte,

kaum entwinden; Gittli gewann einen weiten Vorsprung, verschwand um die

Ecke des Ganges, und während hinter ihr der Lärm der Stimmen verhallte,

rannte sie Trepp auf und ab, durch dunkle Korridore, bis sie die Klosterkirche

erreichte. Laut kreischte die eiserne Tür in den Angeln. Ein Schauer faßte Gittlis

Herz, als sie zwischen den Säulen der Krypta den Schein des ewigen Lichtes

schimmern sah; ein stammelndes Gebet auf den Lippen, eilte sie der finsteren

Turmhöhle zu und hastete über die steile Treppe hinauf, bis sie das erste

unvergitterte Fenster erreichte. Es lag über der Erde fast so hoch wie der Giebel

an ihres Bruders Haus. Sie zögerte — „Der Haymo stirbt!“ schrie es in ihr —

und da sprang sie. Der harte Sturz betäubte sie fast, aber nur einen Augenblick

währte ihr Taumeln, dann rannte sie an der öden Mauer entlang und schrie mit

gellender Stimme: „Zenza! Zenza!“

Wie ein Wiesel kam das Mädel herbeigeschossen. „Bist du endlich da? Ich

hab mir die Seel schier herausgewartet.“

„Fort, fort, Zenza,“ stieß Gittli aus keuchender Brust hervor, „oder sie

kommen und holen mich wieder.“

Zenza faßte die Wankende am Arm und riß sie mit sich fort. Sie erreichten das

Nonntaler Tor und huschten hinaus, gerade bevor es geschlossen werden sollte.

Als sie aus dem dunklen Schatten der die Straße geleitenden Bäume

hinausgelangten auf das offene Grödiger Moos, blieb Gittli stehen. „Ich kann

nimmer laufen, das dumme Häs kommt mir allweil unter die Füß.“

„Ja,“ spottete Zenza, „fein hat man dich aufgeputzt, das muß ich sagen! Wie

die Gredl[31] in der Kirch!“

„Gelt?“ jammerte Gittli, faßte das Kleid, riß um den ganzen Saum herum eine

handbreite Borte mitsamt der Schleppe weg und warf sie in den Straßengraben.

Dann fing sie wieder zu laufen an. Und im Laufen fragte Gittli mit zagender

Stimme: „Zenza, mein Gott, sag mir doch, was fehlt ihm denn?“

„Was soll ihm denn fehlen?“ lautete die murrende Antwort. „Du fehlst ihm.“

„Zenza!“ stammelte Gittli, und weiter brachte sie kein Wort mehr über die

Lippen; nur ein erstickter Laut quoll aus ihrer Kehle, als wolle ihr das

schwellende Herz die Brust zersprengen; und sie fing zu laufen an, daß Zenza ihr

kaum zu folgen vermochte.

Noch ehe sie Schellenberg erreichten, waren die feinen Schnabelschuhe

zertreten und die dünnen Sohlen durchgelaufen. Gittli ließ sich auf einen

Straßenstein nieder und zerrte die zerfetzten Schuhe von ihren Füßen.

„So ein Gelumpert!“ brummte Zenza. „Aber was machst du jetzt?“

„Barfuß lauf ich. Komm nur, komm!“

Und weiter ging es, immer weiter auf der mondhell gewordenen Straße.

 

[29] Zweiundzwanzig Jahre vor Beginn unserer Geschichte war die Fronleichnamsfeier vom Papst

Johannes XXII. als allgemeines Fest der Christenheit eingeführt worden.

 

[30] Ein unscheinbares, kraftloses Ding.

 

[31] Hölzerne Puppe.