Der Klosterjäger

Ludwig Ganghofer · Kapitel 8 von 32

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Der Klosterjäger

Kapitel 6

 

Als Gittli ins Freie kam, tat ihr der helle Glanz der Sonne in den Augen weh.

Und so müde war sie, so zerschlagen an allen Gliedern, daß sie sich eine Weile

an die Mauer lehnen mußte. Dann raffte sie sich auf, trocknete das nasse Gesicht

mit den Armen und floh wie ein gescheuchtes Reh über den Marktplatz, den

Klosterberg hinunter und dem Sudhaus entgegen. Hier blieb sie stehen und

besann sich. Nein! Weshalb es dem Bruder jetzt schon sagen? Sie wollte ihm den

Kummer ersparen bis zum Abend; er erfuhr noch immer früh genug, was ihm

drohte.

Über die Brücke eilte sie zu einem Karrenweg, der bachaufwärts am Ufer der

rauschenden Ache hinführte. Nach kurzer Weile gelangte sie zu einem umhegten

Garten, in dessen Mitte, von kümmerlichen Obstbäumen umgeben, ein kleines,

armseliges Haus stand. Zwei enge Stuben, ein schmaler Raum, welcher Flur und

Küche zugleich war, und ein kleiner Schuppen — mehr hatte das bemooste

Schindeldach vor Sturm und Regen nicht zu schützen. Das Haus mit dem Garten

war Klostergut, das Wolfrat Polzer, der Sudmann, seit zehn Jahren zu Lehen

hatte. Seine Heimat war ein niederbayrisches Dorf; als fünfzehnjähriger Bursche

war er von Hause weggelaufen, der eisernen Haube zuliebe. Das

Kriegshandwerk hatte ihn tüchtig umhergeworfen, von Burg zu Burg, von Stadt

zu Stadt. Zuletzt hatte er bei der reisigen Schar des Erzbischofs von Salzburg

gestanden und unter dem Heerbann Friedrichs des Schönen die Schlacht bei

Ampfing[10] mitgeschlagen. Dann war er des Hauens und Stechens müde

geworden und in die Heimat zurückgekehrt. Einige Jahre später hatte er in einer

verheerenden Seuche, die nach allem Brennen und Morden das Land

heimsuchte, den Vater und die Mutter an einem Tag verloren; da führte ihm der

Zufall einen Salzkärrner in den Weg, der im Auftrag des entlegenen Klosters

gesunde und kräftige Leute für das Salzwerk zu werben hatte. Wolfrat ließ sich

bereden, und auf dem Salzkarren traf er in Berchtesgaden ein; doch kam er nicht

allein; er brachte die fünfjährige Schwester mit, und zumeist um dieses Kindes

willen geschah es, daß Wolfrat das erste freie Lehen erhielt. Unter den

Sacknäherinnen des Salzhauses fand er ein verwaistes Mädchen, das dem

finsteren, verschlossenen Manne gut wurde; er hatte sie einmal vor Mißhandlung

geschützt, als ihr ein fremder Fuhrmann das allzu schlagfertige Nein, das sie auf

eine zudringliche Frage zur Antwort gegeben, mit der Peitsche vergelten wollte. Ein Jahr später wurden sie Mann und Weib. Sie fingen zu dreien an, Wolfrat,

Sepha und Gittli, hielten fest zusammen und waren mit ihrem kargen Los

zufrieden; erst kam ein Knabe, darauf ein Mädchen; und dann kamen Krankheit,

Sorge und Not. In diesen schlimmen Zeiten wurde Gittli der gute Geist des

kleinen Hauses; ihr sanftes Wesen milderte den verdrossenen Groll des Bruders,

ihr herzlicher Frohsinn erheiterte das kranke Weib, und bei ihren fünfzehn

Jahren schaffte sie wie eine Alte und betreute die beiden Kleinen mit sorgender

Liebe, so daß die Kinder fast zärtlicher an ihr als an der Mutter hingen.

Von dem Gang, den sie ins Kloster getan, brachte sie ein schweres Herz mit

heim. Doch als sie am geflochtenen Gartenhag das hölzerne Gatter öffnete,

wurde der große Kummer, der sie bedrückte, gemildert und verdrängt durch die

Sorge im kleinen. Forschend schaute sie umher; hier schien alles in Ordnung; die

sieben Hennen stolzierten über den Rasen, scharrten glucksend in den

Maulwurfshügeln und schüttelten das Gefieder in der Sonne; friedlich grasten

die beiden Ziegen im Bogen um die Bäume, an die sie mit langen Stricken

gebunden waren. Jetzt gewahrte Gittli im Gras ein ploderndes Hemdlein, aus

dem zwei schlenkernde Beinchen hervorragten; ein fünfjähriger blonder Bub lag

bäuchlings auf den Rasen gestreckt und grub und wühlte mit beiden Händen in

der schwarzen Erde, als gält’ es, einen Schatz ans Tageslicht zu fördern.

„Aber Lippele,“ rief Gittli, „was machst du denn da?“

„Mausi fangen!“ flüsterte der kleine Maulwurfsjäger geheimnisvoll und wollte

sein Graben und Wühlen von neuem beginnen.

Gittli zankte: „Bist du denn gescheit? Da herliegen auf den kalten Boden!

Gleich steh auf!“

Lippele erhob sich schmollend, und da schlug das Mädchen entsetzt die

Hände ineinander.

„Lippele! Aber, aber! Wie schaust du denn aus! Da wird die Dittibas gleich

weinen.“ Dittibas — diesen Namen hatte der lallende Kindermund erfunden, der

es nicht fertig brachte, ‚Base Gittli‘ zu sagen.

Die Dittibas wird weinen! Das war für Lippele die wirksamste aller

Drohungen. Er verzog den Schnabel zu einem Pfännlein, streckte die Ärmchen

mit gespreizten Fingern auseinander und schaute mit steifen Augen an sich

hinunter. Dem langen Hemdl, das sein ganzes Gewand war, hätte es der schärfste

Blick nicht mehr angesehen, daß es die Dittibas am Morgen weiß und frisch aus

der Truhe genommen hatte. Und diese Hände! Und ein Gesicht dazu, als hätte

Lippele den Versuch gemacht, die Maus mit den Zähnen aus der Erde

herauszubeißen.

„O mein, o mein Gott!“ jammerte Gittli. „Gelt? Jetzt schaust du! Jaaa! Und

die Dittibas kann morgen wieder am Wasser stehen und Pfaidi[11] waschen! Gleich sagst du jetzt: was bist du für ein Bubi?“

„Suggibubi!“ bekannte Lippele mit rühmenswerter Selbsterkenntnis, während

seine Augen sich mit Tränen füllten.

„Gelt, ja!“ pflichtete Gittli bei, faßte das Bürschl am Ellbogen und ging der

offenen Haustür zu, so rasch, daß Lippele mit Hopsen und Stolpern kaum

nachkommen konnte.

Es war eine ärmliche Stube, die sie betrat, mit dem dürftigsten, bäuerlichen

Hausrat bestellt, aber alles sauber in Stand gehalten, Tisch und Bänke blank

gescheuert. Hinter dem weißgetünchten Lehmofen stand das große Doppelbett,

und in dem Winkel zwischen Bett und Mauer ruhte Sepha, das Weib des

Sudmanns, in einem aus Weidenruten geflochtenen Lehnstuhl. Sie schien zu

frieren, ein dickes Tuch war um ihre Schultern geschlungen und eine

Lodendecke über den Schoß gebreitet. Das blonde Haar war gelöst und hing in

dünnen, mattschimmernden Strähnen um das bleiche, verkümmerte Gesicht mit

den krankhaft glänzenden Augen. An ihrer Haltung sah man die Schwäche; ganz

zerfallen lag sie zwischen den Lehnen des Stuhles, den ihr Wolfrat an einem

freien Tag geflochten hatte, weil ihr das Liegen so schlecht bekam.

Eine Kranke als Krankenwärterin! In den mit grober Leinwand bezogenen

Kissen des Bettes lag ein dreijähriges Mädchen; mit üppigen Ringeln floß das

goldblonde Haar um das kleine Gesicht, dessen Wangen in fieberhafter Röte

brannten. Die dünnen, zitternden Finger spielten über der Bettdecke mit den

schon halb verwelkten Primeln und Veilchen, welche Gittli dem Kinde gebracht

hatte, bevor sie das Haus verlassen.

Und als das Mädchen nun die Tür öffnete, leuchteten die Augen des Kindes

freudig auf. „Dittibas!“ lispelte es und streckte die Ärmchen.

„Ja, mein Mimmidatzi, ich komm schon!“ sagte Gittli mit zärtlichem Lächeln

und Nicken. Sie stellte den kleinen Verbrecher, den sie gefangen herbeigeführt,

mitten in die Stube. „Schau nur, Schwährin, wie das Bürschl wieder ausschaut.“

Über Sephas Züge flog ein mattes Lächeln. Und als der kleine Schlingel

gewahrte, daß sein Aussehen die Mutter nicht schelten, sondern lachen machte,

schrie er jauchzend auf, als hätte er eine stolze Heldentat zu verkünden: „Lippele

Suggibubi, Suggibubi!“ Und wie eine toll gewordene Hummel surrte er tanzend

durch die Stube.

Gittli hatte sich auf das Bett gesetzt; sie hielt das Kind umfangen, das ihren

Hals mit seinen dünnen Ärmchen umklammerte; so umschlungen, Wange an

Wange gelehnt, wiegten sie sich hin und her, und die Kleine sang dazu in

schmeichelnden Lauten.

Durch das niedere Fenster fiel ein leuchtender Sonnenstrahl, der in dem trüben

Raume tausend fliegende Stäubchen flimmern machte. Wollte nach hartem Winter der Frühling nun auch Einkehr halten unter diesem Dach? An der Zeit

wär’ es gewesen!

Gittli machte sich an die Arbeit. In ihrer kleinen Kammer vertauschte sie das

‚gute‘ Gewand mit ihrem abgetragenen roten Röckl. Erst las sie draußen im

Garten die den Hühnern ausgefallenen Federn zusammen, damit das kranke

Kind neue Kurzweil hätte. Dann kam Lippele in die Kur. Gittli kniete auf den

Dielen, neben sich eine kleine Holzwanne mit kaltem Bachwasser; mit einem

linnenen Lappen bearbeitete sie dem kleinen Burschen Gesicht und Hände, daß

ihm die Haut zu glühen begann. Ließ er nur einen Muckser hören, dann hieß es

gleich: „Schön brav sein, Lippele, oder die Dittibas tut weinen!“

Sepha schaute ihr eine Weile schweigend zu; dann fragte sie: „Hast du den

Vogt daheim gefunden?“

„Ja freilich.“

„Ist er gut mit dir gewesen? Und hat er eine Freud gehabt mit den Röserln?“

„Das glaub ich!“ sagte Gittli, während sie sich tief über die Wanne beugte, um

den Lappen auszuringen. „Ah, ah, hat er gesagt, die sind aber schön! Ja, du — so

schöne hab ich schon bald nit gesehen, hat er gesagt. Komm her, Lippele!“

„So? So? Und was hast du sonst noch mit ihm geredt?“

„So halt, wie man redet, von allerhand, ja! Aber weißt du, gar lang hab ich

mich nit verhalten dürfen. Du! Was da die Leut warten, eins am andern!“

Eine Weile war Stille. Dann sagte Sepha mit scheuem Klang in der Stimme:

„Geh, sag mir’s, Gittli!“

„Was denn?“

Sepha atmete schwer. „Sag mir’s! Hat der Polzer das Lehent schon

beisammen?“

„Aber freilich!“ lachte Gittli, doch mit abgewandtem Gesicht, denn sie fühlte,

daß sie rot wurde bis über die Stirn.

„Gott sei Dank!“ Ein befreiender Seufzer löste sich aus Sephas Brust.

Lippeles Kur war beendigt. Er wurde noch in sein starrendes Lederhösl

gesteckt, wie die Grille in ihr Häuschen. Und dann hieß es: „So, Lippele, brav,

jetzt bist du wieder schön!“ Er bekam einen Kuß, als Draufgabe noch einen

Klaps, und sprang zur Tür hinaus, um die Verwandlung in den bei ihm

natürlichen Suggizustand mit frischem Eifer zu zu beginnen.

Gittli trug die Wanne aus der Stube. Draußen blieb sie schwer atmend stehen

und schüttelte in ratloser Sorge den Kopf.

Nun mußte sie die bescheidene Mahlzeit richten. Hinter dem Haus lag ein

mächtiger Stoß dürren Holzes; den hatte Gittli während des Winters

zusammengetragen; hier stand sie und zerbrach über dem Knie die morschen

Äste; immer wieder ließ sie die Hände sinken und starrte vor sich hin. Wie sollte sie es dem Bruder sagen, wenn er heimkam nach Feierabend? Und wenn er es

wußte — wo sollte er Hilfe finden? Da schoß ihr eine heiße Welle zum Herzen.

Einen wußte sie. Der würde helfen, das hätte sie beschwören mögen. Haymo, der

Klosterjäger! Weshalb ihr gerade dieser Eine in den Sinn kam? Sie wußte keine

Antwort auf diese Frage. Aber das Herz war ihr leicht geworden. Und wie glatt

und einfach dieser Weg war! Ein einziges Wort zu Haymo, und Haymo sprach

ein paar Worte mit Herrn Heinrich. Und Herr Heinrich konnte doch dem Haymo

nichts abschlagen. Ihr war, als sähe sie den Jäger schon daherkommen, lachend:

„Gittli! Ich hab mit ihm geredet, und er hat gesagt, dein Bruder soll sich Zeit

lassen mit dem Lehent und soll zahlen, wann er kann. Sorg dich nimmer! Ich hab

alles gerichtet. Gelt, du weißt schon, ich laß dir nichts geschehen!“

Sie fuhr sich mit der Hand über die Augen. War sie denn wach oder träumte

sie? Nur gedacht hatte sie an ihn. Und dort kam er schon! Als hätten ihre

Gedanken ihn gerufen! Raschen Ganges wanderte er den Karrenweg einher, der

am Hag vorüberführte. Wohl verschwand er immer wieder zwischen Büschen

und hinter Bäumen. Aber sie hatte ihn von weitem schon erkannt. Jetzt trat er auf

den freien Weg heraus, und nun mußte das Wort gesprochen werden. Sie preßte

die Hände auf die beklommene Brust, faßte sich ein Herz und versteckte sich

hinter dem Holzstoß. Hier stand sie, zitternd an allen Gliedern, lugte nur ein

wenig zwischen den Ästen hindurch und sah, wie Haymo langsam den Hag

entlang ging; jetzt blieb er stehen und spähte nach jedem Fenster, in alle Winkel

des Gartens. Und da kam es Gittli vor, als wäre sein Gesicht bekümmert und

ernst. Sie sah noch, wie er verdrossen den Kopf schüttelte; dann kehrte er sich

ab, schulterte den Bergstock und wanderte weiter. Hinter den Stämmen der

Linden und Ulmen, welche die Straße geleiteten, verschwand er.

Zögernd trat Gittli hinter dem Holzstoß hervor. Ihr war, sie wußte nicht wie —

ähnlich vielleicht, wie dem Lippele zu Mut gewesen war, als Gittli zu ihm gesagt

hatte: ‚Lippele, wie schaust du aus!‘ Was hatte sie nur getan! Den Bruder

verkauft und verraten, wo es sie nur ein Wort gekostet hätte, ihn zu retten! Sie

hatte die gute Stunde verpaßt. Weshalb nur, weshalb? Der Atem versagte ihr, und

sie meinte fast zu ersticken. Wer sollte dem Bruder jetzt noch helfen? Haymo

stieg zu Berge. Wann würde sie ihn wieder sehen? Lange, lange nicht! Es sei

denn, daß sie selbst zu ihm hinaufstiege in die Röt. Am Ostersonntag! Weshalb

aber so lange warten? Jetzt gleich! Haymo war noch nicht gar so weit, sie hätte

ihn bald mit ihren flinken Füßen eingeholt! Ein paar Schritte flog sie dahin, dann

wieder blieb sie stehen, zitternd, schlug die Hände vor das Gesicht und warf sich

schluchzend über das dürre Holz.

Gar weit konnte Haymo noch nicht sein; so hatte Gittli gedacht. Wie nah er

war, das ahnte sie doch nicht. Denn als er am Hag des benachbarten Gartens vorüberschritt, mit sinnenden Augen vor sich hinblickend, flog ihm ein kleiner

Strauß von Primeln mitten auf die Brust. Betroffen blieb er stehen, schaute

verdutzt auf die zur Erde gefallenen Blumen nieder und sandte einen spähenden

Blick in die Hecke, aus der sie hervorgeflogen waren. Hinter den mit zarten,

blaßgrünen Blättern bedeckten Zweigen schimmerte es rot und ein leises

Kichern schlug an das Ohr des Jägers.

Haymos Augen blitzten freudig auf, rasch hob er den Strauß von der Erde,

steckte ihn neben der Adlerfeder auf die Kappe, sprang auf die Hecke zu und

teilte lachend mit beiden Armen das Gezweig.

Vor ihm auf der Erde kauerte ein junges, dralles Mädel, das hübsche, aber

ländlich derbe Gesicht umrahmt von dicken, blonden Flechten. Kichernd und mit

zutunlichen Augen blickte sie zu Haymo auf, streckte aber abwehrend die Hände

gegen ihn, als wäre sie eines lustigen Überfalles gewärtig.

Haymo schien für die Gunst der Gelegenheit kein Auge zu haben. Die

Wahrnehmung, daß der rote Schimmer von einem mit silbernem Kettchen

umschnürten Mieder herrühre und nicht von einem gewissen Röckl, mochte ihm

nicht sonderlich willkommen sein. Die ratlose Miene, die er zeigte, schien das

Mädel halb zu ärgern, halb zu ergötzen. Sie richtete sich auf, verschränkte die

Arme und lachte ihm ins Gesicht.

„Hast du den Buschen geworfen?“ fragte er.

Sie lachte nur und zeigte die weißen Zähne; doch als er sich ohne Gruß von

ihr wenden wollte, sagte sie hastig: „So eine Frag! Wenn der Buschen nit fliegen

kann von selber, wird ihn wohl eine geworfen haben, die nit weit ist.“

„So weit vielleicht, wie du von mir?“

Sie zuckte die Schultern und trat dicht an die Hecke heran.

Haymo maß das Mädel mit verwunderten Augen. „Du mußt aber nit viel

Arbeit haben!“

„Warum?“

„Ich mein’ halt, daß du den ganzen Tag dazu brauchen mußt, bis du so viel

Blümlen findest, daß du jedem, der da vorbeigeht, einen Buschen an den Kopf

werfen kannst.“

„An den Kopf?“ lächelte sie. „Ich mein’, er wär ein bißl tiefer geflogen. Und

es könnt auch sein, daß ich nit für jeden einen Buschen hab.“

„So?“

„Ja!“ Sie streckte den Arm über die Hecke und faßte wie in Neugier den

Kolben der Armbrust. „Ein schönes Schießzeug hast du! Bist wohl auch ein

guter Schütz?“

„Kann schon sein!“ meinte er und trat einen Schritt zurück.

„Aber manchmal trifft auch eine Dirn mitten hin auf den richtigen Fleck und

braucht keinen Bolzen dazu.“

„So?“

„Sooo? Sooo?“ spottete sie, während unverhehlter Ärger um ihre Brauen

zuckte. „Sind bei dir die Wörtlen allweil so kostspielig?“

Jetzt mußte Haymo lachen. „Gott bewahr! Nur in der Karwoch, weißt, in der

größten Fasten.“

„Sparst sie dir halt auf für den Feiertag, gelt? Freilich, beim Ostertanz kann

sie einer brauchen, die vielen Wörtlen. Und die lang aufgehobenen, das sind die

besten.“ Sie blitzte ihn mit ihren kecken Augen an. „Kommst du auch gewiß

zum Tanz?“

„Wenn ich wissen tät, daß die richtige Tänzerin kommt.“ Haymos Blicke

spähten seitwärts durch die Bäume.

„Sie kommt schon, brauchst dich nit sorgen drum!“

„Meinst?“ fragte Haymo rasch; dann schüttelte er den Kopf. „Wie kannst du

denn wissen —“

„Sie hat mir’s selber gesagt,“ erwiderte das Mädel mit scherzender

Wichtigkeit, „sie hat ja nit gar so weit zu mir!“

Das stimmte; denn wenn ihn der Bub, den er auf der Achenbrücke mit der

Frage nach dem Haus des Sudmanns angehalten, nicht irrgewiesen hatte, dann

wohnte Gittli dort drüben unter dem nachbarlichen Dach.

In freudiger Bewegung faßte Haymo die Hand des Mädels. „Sie hat es dir

selber gesagt? Dann sag ihr wieder, daß ich komm! Ganz gewiß! Und dank

schön für die Botschaft!“

„Zenza! Zenza!“ rief von dem stattlichen Bauernhause her eine ungeduldige

Stimme.

„Ich komm schon!“ Und flüsternd wandte sich das Mädel wieder zu Haymo.

„Mußt ihr aber auch einen Buschen bringen zum Feiertag!“

„Den schönsten, den ich find. Schneerosen!“

Sie schüttelte lachend den Kopf. „Die mag ich nit. Die sind mir alles zu kalt.

Mußt schon wärmere suchen für mich! Und steck mir den Buschen vor Tag an

das Kammerfenster! Dann trag ich ihn auf dem Kirchgang. Schau hinüber, das

zweite Fenster neben der Tür!“

„Zenza! Zenza!“ rief’s wieder vom Hause her.

„Ich komm schon!“ Kichernd sprang sie davon, auf halbem Wege noch einmal

zurückwinkend mit der Hand.

Haymo machte ein paar Augen, als wäre das Blaue vom Himmel gefallen und

ihm gerade auf den Kopf. „So? So meinst du’s?“ brummte er. Dann lachte er auf

und ging mit eiligen Schritten seines Weges weiter. Als die Straße zwischen

Bäumen und Strauchwerk an das Ufer der Ache lenkte, hörte Haymo hinter sich

die singende Stimme des Mädels:

 

„Ich weiß mir ein’ hübschen grünen Wald,

Dort laufen drei Hirschlen wohlgestalt,

Dort laufen drei Hirschlen hübsch und fein,

Die freuen dem Jäger sein Herzelein.“

Lauschend blieb Haymo stehen, und die Stimme sang weiter:

 

„Ich weiß mir ein’ hübschen grünen Wald,

Dort laufen drei Rehlen wohlgestalt,

Eins schwarz und eins braun, eins geel wie Gold,

Möcht wissen, welches der Jäger wollt!“

 

„Ich könnt’s dir schon sagen. Wenn ich nur möcht!“ lachte Haymo vor sich hin

und wollte sich zum Gehen wenden. „Jetzt hätt ich aber bald vergessen —“

Er nahm die Kappe vom Kopf, riß den Primelnstrauß herunter und warf ihn

flink in den Seebach, dessen tanzende Wellen ihn verschlangen, wie ein

springender Ferch die schillernde Mücke schnappt.

 

[10] 28. September 1322.

 

[11] Hemdchen.