Der Klosterjäger

Ludwig Ganghofer · Kapitel 7 von 32

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Der Klosterjäger

Kapitel 5

 

Durch lange Korridore, in denen die weißen Chorherren an dem Jäger

vorüberwanderten, lautlos seinem Gruße dankend, und über eine steile

Wendeltreppe gelangte Haymo in die Wartestube des Vogtes. Die Stube hatte

noch ein zweites Treppenhaus und Tor gegen den Marktplatz, damit die Bauern,

die Weiber und Hörigen, die Kaufleute und Kriegsknechte, die dem Vogt ein

Anliegen vorzutragen hatten, die klösterliche Schwelle nicht überschreiten

mußten.

Der einzige Schmuck des großen Raumes war ein mächtiges Kreuz aus

Untersberger Marmor und ein rohes, grellbemaltes Schnitzwerk, den heiligen

Augustinus darstellend. Auf den Steinbänken, die sich rings um die Wände

zogen, saß ein halbes Dutzend Leute, zumeist Salzkäufer aus der Fremde. Durch

die geschlossene Tür der Vogtstube klang eine zankende Stimme. Herr Anselmus

Schluttemann, der Klostervogt, war wieder in übler Laune. Das heißt, in solcher

Laune war Herr Schluttemann jahraus, jahrein. Das machten aber nicht die

Geschäfte des Klosters. Gott bewahre! Herr Schluttemann brachte diese Laune

von Hause mit herein in die Amtsstube. Wer mit Frau Cäcilia, die der Vogt seine

‚gestrenge Hausehre‘ zu nennen pflegte, nur einmal in seinem Leben zu schaffen

hatte, der begriff, daß Herr Schluttemann zum mindesten fünf geschlagene

Stunden im kühlen Kellerstübl des Klosters sitzen mußte, um sein Hauskreuz zu

vergessen. Das geschah nur, wenn er nach der zehnten Bitsche in eine Stimmung

geriet, die ihn alles vergessen ließ, überhaupt alles, und ganz besonders das

Nachhausegehen. Pünktlich mit sinkender Nacht schickte Frau Cäcilia die

Knechte. Mit dem Herrn Vogt war um diese späte Stunde nicht mehr zu reden.

Das heißt, Frau Cäcilia redete wohl. Anselmus aber hörte nicht. Doch was der

folgende Morgen brachte, das war so Tag um Tag die Ursache zu Herrn

Schluttemanns übler Laune. Zwischen dem Erwachen und der Morgensuppe war

Frau Cäcilia unbesiegbar. Und so mußten es die Klosterbauern und Salzkäufer in

der Amtsstube büßen, daß des Herrn Vogtes ‚gestrenge Hausehre‘ von Haaren

einen ganzen Urwald, nicht auf dem edlen Haupte, wohl aber auf den Zähnen

trug.

Kaum eine Stunde war vergangen, seit Herr Schluttemann im Sturmschritt —

er selbst nannte diese Eile ‚lobesamen Diensteifer‘ — seinem häuslichen Herd

entflohen war, um sich in die Amtsstube zu retten. Da war in seiner Laune noch die erste Ofenwärme. Die Tür zitterte vom Hall seiner Stimme wie der

Resonanzboden einer Brummgeige.

Haymo lauschte diesem Stubengewitter, und ihm wurde unbehaglich zu Mut.

Er hatte wohl ein reines Gewissen. Aber zwei gestohlene Steinböcke, und dazu

die Laune des Herrn Vogts! Das konnte eine böse Viertelstunde absetzen. Er

legte die Kappe auf die Bank und ließ sich nieder. Doch gleich wieder sprang er

auf, freudig betroffen. Ihm gegenüber, schüchtern eingedrückt in einen Winkel,

saß Gittli, das Körbchen mit den Schneerosen auf ihrem Schoß. Und wie

schmuck sie sich aufgeputzt hatte! Das war wohl ihr Feiertagsgewand? Ein

blauer Rock mit grüner Borte, ein schwarzes Mieder, ohne Silberschmuck, aber

knapp und kleidsam. Wie frischgefallener Schnee war das Linnen, das die Arme

und den Hals umschloß. Das schwarze Haar war in zwei dicke Zöpfe geflochten

und gleich einer Krone um die Stirn gelegt. Dazu noch der im Mieder steckende

Primelnstrauß, der sie mit seinen goldgelben Blüten lieblicher schmückte, als es

irgend ein blitzendes Geschmeide vermocht hätte.

Haymo ging auf das Mädchen zu. „Grüß dich Gott, Gittli!“

Sie nickte nur und sah lächelnd zu ihm auf.

„So gib mir doch deine Hand! Wir haben uns ewig lang nit gesehen.“

„Ewig lang? Ich weiß nimmer, war’s heuer oder voriges Jahr, oder gar erst

heut in der Früh.“ Sie legte ihre schmale Hand in seine braune Jägerfaust.

„Wie hast du denn geschlafen heut nacht?“

„Wie ein Mankerl![7] Aber beim Aufwachen, du, da war’s kalt! Ich hab mich

schier kaum zusammenklauben können aus dem Heu. Und dann bin ich gelaufen

wie ein Härml,[8] nur daß ich wieder warm geworden bin. Ja, drunten erst, am

See —“ Sie stockte. Ein halb ängstlicher, halb sinnender Ausdruck war in ihren

Zügen. „Gelt, du hast ihn auch gesehen?“ Sie blickte scheu um sich, und ihre

Stimme dämpfte sich zum Flüstern. „Den mit den Feueraugen? Ich bin völlig

erschrocken. Nein, ich fürcht mich nit so leicht. Aber der! Ich glaub, der kommt

mir im Traum! Hast du ihn angeschaut? Gelt, ein Gesicht wie ein Gestorbener!“

Ein Gruseln flog über Gittlis Schultern.

„Dirn,“ sagte Haymo ernst, „wenn du von mir einen Rat hören willst, dann

geh ihm aus dem Weg! Aber sorgen brauchst du dich nit! Da sei du ganz ruhig!

Ich laß dir nichts geschehen.“

Sie sah zu ihm auf. „Das weiß ich.“ Doch als sie den raschen Druck verspürte,

mit dem er ihre Finger umschloß, befreite sie fast erschrocken ihre Hand.

Haymo wurde rot bis über die Stirn. Nach einer Weile fragte er: „Weswegen

bist du denn da hergekommen?“

Sie saß verlegen, mit gesenkten Augen, und erwiderte leis: „Die Schneerosen

will ich dem Kloster bringen. Und mit dem Vogt soll ich reden von meines Bruders wegen. Aber ich werd wohl noch lang verweilen müssen.“ Sie überflog

mit einem Blick die Reihe der Wartenden. „Und ich sollt schon wieder daheim

sein. Weißt, ich hab ein krankes Bäsl, und meine Schwährin ist siech und kann

nit schaffen.“

„Nein, Gittli, du darfst nimmer warten! Komm nur!“ Er nahm sie bei der

Hand, und obwohl sie sich unter stammelnden Worten sträubte, zog er sie gegen

die Tür der Vogtstube. „Leut!“ rief er die Wartenden an. „Die Dirn da hat zwei

Kranke daheim und kann nimmer warten. Gelt, ja? Sie darf zuerst hinein?“

Eine Antwort bekam er nicht. Aber nur deshalb, weil im gleichen Augenblick

die Tür von innen aufgerissen wurde. Drinnen sah man einen Bauer stehen, der

seinen Filzhut zwischen den Fingern drehte; und vor ihm, mit weitgespreizten

Beinen, stand Herr Schluttemann, der Vogt, eine derb gedrungene Gestalt in

einem Koller aus braunem Hirschleder, eine steife Krause um den Hals. Wie

zwei Dolche stachen die Schnauzbartspitzen aus seinem dunkelroten Gesicht,

und die borstigen Haupthaare starrten wirr durcheinander wie die Stoppeln eines

Ährenfeldes, auf dem eine Herde geweidet hat. War das die Frisur, mit welcher

Frau Cäcilia Herrn Schluttemann aus ihren Händen entlassen hatte?

„Wir sind fertig, Eggebauer, fertig miteinander!“ schrie der Vogt und

schüttelte den Kopf wie ein Roß, das nimmer ziehen will. „Du siehst, da warten

die Leut. Ich habe noch mehr zu tun, als mit dir zu hecheln. Weiter! Weiter! Die

Tür steht offen und ich kann den Zug nicht leiden.“

„Herr Vogt,“ stotterte der Bauer, „wenn ich den Acker schon nimmer haben

soll, dann habt doch Erbarmen mit meinem armen Weib und —“

„Dein Weib hat die Krapfenkrankheit!“ donnerte Herr Schluttemann. „Mit

drei Ellen um den Bauch herum hab ich kein Erbarmen. Dein Weib soll die

Schmalznudeln und den Met lassen, soll Schlappermilch essen und Schwarzbrot,

dann braucht sie kein Bibergeil und kein Herzkreuzl vom Steinbock. Das sind

medicamenta für andere Leute. Punktum!“

Der Eggebauer stand vor der Tür, er wußte nicht wie; es war ihm nur einen

Augenblick so vorgekommen, als hätte ihn Herr Schluttemann beim Kragen

gefaßt. Und während der Bauer wie ein begossener Pudel dem Ausgang

zutrollte, hatte der Vogt schon ein neues Opfer seiner Laune gefunden: den Jäger.

„Soooo?“ grölte Herr Schluttemann und machte, denn er wollte höhnisch sein,

eine tiefe Reverenz. „Belieben schon da zu sein?“

„Ja, Herr Vogt,“ sagte Haymo und schob das Mädchen, das an allen Gliedern

zitterte und mit jedem Atemzug die Farbe wechselte, vor sich hin. „Aber da ist

eine Dirn —“

„Natürlich!“ Herr Schluttemann machte mit ausgebreiteten Armen eine noch

tiefere Reverenz. „Seine fürstlich Gnaden von der Wildschur belieben sich in der Klosterküche festzupflanzen. Der Vogt kann warten. Natürlich! Da muß man erst

Pastetlen speisen, Saibling und Forellen!“

„Nein, Herr Vogt,“ sagte Haymo, „es war Hecht und Biberschwanz. Aber da

ist eine Dirn —“

Herr Schluttemann stutzte und richtete sich straff in die Höhe.

„Biberschwanz?“ wiederholte er, und sein ganzes Wesen war auf einen Streich

verwandelt; im freundlichsten Ton der Neugier fragte er: „Heute gibt’s

Biberschwanz?“

„Ja, Herr Vogt! Aber da ist eine Dirn —“

„Dirn! Dirn!“ Herr Schluttemann hatte sich wiedergefunden. Er schnaubte und

zeigte das Weiße im Aug. Gittlis lieblicher Anblick rührte ihn nicht; er hatte in

ihr ein Teilchen von jener Hälfte des menschlichen Geschlechtes vor sich, zu

welcher Frau Cäcilia gehörte. Und das war Ursache genug für den Ton, in dem

er Gittli anschnauzte: „Was will das Weibsbild?“

Gittli bewegte die Lippen, aber sie brachte keinen Laut aus der Kehle.

„Also? Wird’s bald? Was will man?“

„So rede doch, Gittli!“ mahnte Haymo. „Mußt dich nit fürchten! Der Herr

Vogt ist ein lieber und guter Mann. Rede nur frisch weg!“

„Ich will — was — bringen —“ stotterte das Mädchen.

„Bringen? Dem Kloster? Herein damit!“ Ein Griff des Herrn Schluttemann,

und Gittli stand im Zimmer des Vogtes. Sie wollte noch einen hilfesuchenden

Blick zu Haymo zurückwerfen, aber hinter ihr war schon die Tür geschlossen.

Scheu blickte sie um sich her. Ein großer Raum mit hohen Schränken an den

Wänden. Zwischen den beiden Fenstern ein Bild: der heilige Georg, der den

Drachen ersticht. In der Mitte ein Tisch mit Lehnstühlen.

In solch einen Stuhl hatte Herr Schluttemann sich geworfen und hielt nun die

Hände verschlungen und die Beine gestreckt.

„Also! Was bringt man?“

Gittli näherte sich zögernd, nahm den Deckel von ihrem Körbchen und hielt

es dem Klostervogte hin.

Herr Schluttemann guckte hinein und rollte die Augen, daß man zweimal das

Weiße sah. Er hatte in dem Korb zum mindesten ein Dutzend frischer Eier

vermutet oder einen Ballen Butter. „Dummes Zeug!“ schnauzte er Gittli an, daß

sie erschrocken zusammenfuhr und das Körbchen schier fallen ließ. „Was soll

denn das? Soll ich mir das Gras vielleicht auf den Hut stecken?“

Gittlis Augen wurden feucht, und mit leiser, kaum noch vernehmlicher

Stimme sagte sie: „Morgen ist Karfreitag!“

„Das weiß ich. Oder glaubt man, ich kenne den Kalender nicht?“

„Und das sind Schneerosen. Ich selber hab sie heruntergeholt von den Schneehalden in der Röt. Und sie gehören für das heilige Grab unseres lieben

Herrn.“

Herr Schluttemann dämpfte seine Entrüstung. „So? So? Das ist christlich!“

brummte er. „Stell das Körbl nur auf den Tisch! Ich will es dem Bruder Mesner

schicken. So! Und jetzt Gottes Dank! Und Gott befohlen!“

Er machte einen bezeichnenden Wink nach der Tür; Gittli aber rührte sich

nicht; ihr Gesicht war kreideweiß vor Angst, und mit flehendem Blick suchte sie

Herrn Schluttemanns Augen.

Der Vogt wurde stutzig; er drehte den Kopf auf die Seite und kam auf das

Mädchen zugegangen, mit so drohenden Augen, daß Gittli scheu ein paar

Schritte zurückwich. „Man will vielleicht noch etwas? Hoho! Ich merke schon!

Das also ist die christliche Frömmigkeit? Heeh? Das Kraut da war nur ein

Vorwand, um hereinzukommen?“

„Nein, nein, Herr Vogt!“ stammelte Gittli mit versagender Stimme.

„Keine Widerred!“ kam es wie ein Donnerkeil unter dem gesträubten

Schnauzbart herausgefahren. „Was will man? Also? Wird’s bald oder nicht?“

Gittli sah mit angstvollen Augen auf. Sie wollte sprechen, aber ehe sie noch

das erste Wort herausbrachte, kamen ihr die Tränen, und schluchzend bedeckte

sie mit den Händen das Gesicht.

„Natürlich! Natürlich! Jetzt wird geheult!“ Herr Schluttemann durchmaß mit

langen Schritten die Stube und hob die Arme gegen den Himmel. „Herr du mein

Gott, du hast die Weibsleut auch in deinem Zorn erschaffen! Heulen! Gleich

heulen! So machen sie’s alle. Alle! Alle!“ Ob er wohl im stillen hinzufügte: nur

Frau Cäcilia nicht? Breitspurig blieb er vor Gittli stehen und stemmte die Fäuste

in die Hüften. „Also? Hat man bald ausgeheult? Soll ich bald hören, was man

will?“

„Ach, Herr Vogt,“ kam es unter Tränen und Schluchzen heraus, „mein Bruder

kann das Lehent[9] nit zahlen.“

„Da haben wir’s!“ Schmetternd fiel die Faust des Herrn Schluttemann auf die

Tischplatte. „Der saubere Bruder will nicht zahlen, und das feine Schwesterlein

stolziert herum, aufgeputzt wie ein Burgfräulein.“

Gittli warf einen erschrockenen Blick über ihre Gestalt, mit zitternden Händen

zerdrückte sie den Primelnstrauß vor dem Mieder und stammelte in Tränen:

„Nein, nein, Herr Vogt! Ich bin doch ein blutarmes Ding. Seht doch die Schuh

an, die hab ich mir selber genäht! Und das Röckl trag ich vier Jahr schon, und

die Borte da, die ist ja nur angestückelt, und das Mieder hat mir die Eggebäuerin

geschenkt, weil ihre Zenza drausgewachsen ist. Und das Leinen hab ich mir

selber gewaschen.“

Die Augen des Herrn Schluttemann begannen verdächtig zu zwinkern. Das tat aber der Gewalt seiner Stimme keinen Eintrag: „Natürlich! Und da hat man

wieder ein Pfund Seife verschmiert.“

„Nein, nein, Herr Vogt, ich hab’s bleichen lassen in der Sonn.“

„Sooo? Natürlich! Die liebe, gute Sonne muß auch schon herhalten für die

Eitelkeit der Weibsleut. Und ich, der Vogt, muß mich abgeben mit solchen

dummen Geschichten. Warum ist dein Bruder nicht selber gekommen? Warum

will er nicht zahlen?“

„Ach, Herr Vogt, mein Bruder muß ja von früh bis in die sinkende Nacht im

Sudhaus stehen. Und er möcht doch zahlen, wenn er nur könnt. Aber er hat ein

krankes Kind daheim, und sein Weib ist siech geworden, wie der Winter kam.

Dreimal in der Woch muß die Schwährin Fleisch essen, und neulich haben wir

Wein kaufen müssen, weil sie gar so schwach und elend ist.“

„So? So?“ knurrte Herr Schluttemann. „Und warum kommt man nicht zu mir

und holt sich einen Armenzettel? Und warum geht man nicht zum Armenvater

und holt sich Fleisch und Wein und kräftige Süpplen? Das Kloster hat’s doch,

und das Kloster gibt. Donnerwetter noch einmal! Warum nicht?“

„Ach, Herr Vogt!“ Träne um Träne kollerte über Gittlis zuckende Wangen.

„Ich hätt es ja gern getan. Tät ich doch alles für die Schwährin und das liebe

Bäslein. Aber der Bruder will’s nit leiden. Er sagt immer, daß er ein Mensch ist,

der schaffen und verdienen kann. Und ein Kriegsmann ist er doch auch einmal

gewesen. Und er will’s nit leiden, daß ich mich unter die Bettelleut stell. Und er

könnt’s nit hören, wenn man uns Hungerleider schimpft oder Schnappsäck.“

„So? So? Natürlich! Not und Elend hint und vorn! Aber stolz! Nur stolz! Und

die Nase hinauf in den Wind! Das wär mir das Richtige! Warte nur, warte, ich

will deinem Bruder den Hochmut austreiben! Sag deinem Bruder: wenn er nicht

zahlt am Ostermontag, dann setzt es ein Donnerwetter. Das Lehen laß ich ihm

wegnehmen und geb’s einem andern. Ja, das tu ich! Gott soll mich strafen!“

Gittli erblaßte, und ihre Knie drohten zu brechen.

Herr Schluttemann wetterte weiter: „Das wär mir das Wahre! Nicht zahlen

wollen! Natürlich! Da käm dann einer um den andern, zuerst die Lehensleut, und

dann die Zinsbauern, und dann die Salzkäufer. Und die frommen Patres und

Fratres, die auch leben müssen, könnten sich den Hals an den Bindfaden hängen

und Luft schnappen. Oho!“ Herr Schluttemann wollte der Tischplatte eins

versetzen mit der Faust, aber mitten im Schwung hielt er inne; auch Gittli

erschrak und fuhr mit der Hand an die Kehle, als ginge ihr der Atem aus. Die

beiden hatten zu gleicher Zeit bemerkt, daß sie nicht mehr zu zweien in der

Stube waren.

Vor ihnen stand die hohe Gestalt eines Priesters; über dem weißen Talar,

dessen Skapulier mit violetter Stickerei umsäumt war, hing an goldener Kette ein funkelndes Kreuz, halb verschleiert durch die dünnen Strähnen des grauen

Bartes; ein violettes Käpplein deckte den Scheitel; unter der knöchernen, hart

modellierten Stirne ragten die buschigen Brauen hervor wie kleine Dächer über

den Augen; aber das Gesicht hatte keinen finsteren Zug; es war männlich ernst

und dennoch milde.

Herr Schluttemann verbeugte sich; denn dieser Priester vor ihm, das war Herr

Heinrich von Inzing, der Propst zu Berchtesgaden.

„Reverendissime!“ sagte Herr Schluttemann und verbeugte sich abermals.

„Kein Ende, Reverendissime, kein Ende mit Zorn und Ärger! Die Luft könnte

einem ausgehen vor Gift und Galle! Da ist wieder so eine Dirn —“

„Ich habe selbst gehört!“ fiel Herr Heinrich ein, winkte den Vogt zu sich in die

Fensternische und sagte in fließendem Latein: „Mich dünkt, Ihr seid zu rauh mit

den Leuten, Herr Vogt. Seht das arme Ding nur an, es gibt keinen Tropfen Blut

und zittert am ganzen Leibe.“

Das rote Gesicht des Herrn Schluttemann schwoll wie der Kamm eines

gereizten Gockels. „Bitte in aller Weisheit zu bedenken, Reverendissime,“

sagte er in einem Latein, bei dessen bedenklichem Klang Herr Heinrich nur mit

Mühe ein Lächeln unterdrückte, „bitte zu bedenken, daß man den Leuten die

Fuchtel zeigen muß. Sonst ist man verloren und betrogen alle Stund.“

„Auch ich liebe die falsche Milde nicht. Aber auch Strenge muß geübt werden

mit Maß und Ziel.“ Herr Heinrich musterte Gittli mit ruhigem Blick. Sie erbebte

vor dem Glanz dieser Augen wie Espenlaub, duckte sich und zog den Kopf

zwischen die Schultern, als möchte sie sich so klein machen wie ein Mäuschen.

Herr Schluttemann wollte sprechen, der Propst aber winkte ihm zu schweigen

und sagte, immer noch in lateinischer Sprache: „Der Bruder dieses Mädchens ist

der Sudmann Wolfratus? Ich kenne den Mann, er hat ein furchtloses, mutiges

Herz. Als wir das letzte Mal unter den Wänden des Wazmann jagten, holte er

einen weidwunden Steinbock aus der schwindelnden Wand herunter, die kein

anderer zu betreten wagte. Forschet nach, Herr Vogt, ob das Mädchen die

Wahrheit gesprochen hat! Trifft den Mann kein Verschulden, dann soll ihm das

Lehent erlassen sein für dieses Jahr. Höret Ihr aber, daß dieser Wolfratus ein

Säufer ist, oder ein Würfelspieler, dann büßet ihn mit aller Strenge! Und jetzt

schicket das Mädchen heim und lasset den Jäger kommen.“ Herr Heinrich

wandte sich zum Fenster, von dem aus man einen herrlichen Blick genoß über

Tal und Berge.

Zitternd und bangend war Gittli die ganze Zeit gestanden; der Klang der

fremden Sprache hatte sie noch mehr verwirrt, noch ängstlicher gemacht; ihr

furchtsam lauschendes Ohr hatte unter den ihr unverständlichen Lauten zweimal

den Namen ihres Bruders aufgefangen, und nach den bärbeißigen Drohungen, die Herr Schluttemann ausgestoßen, glaubte nun das arme Ding nicht anders, als

daß mit der lateinischen Zwiesprach ihres Bruders Schicksal und Strafe beredet

worden und beschlossen wäre: zahlen, oder das Lehen verlieren und verjagt

werden von Haus und Hof. Ihre Augen wurden heiß, aber sie konnte nicht mehr

weinen; an ihrer Kehle würgte die Angst, und ihr war, als stünde sie versteinert

am ganzen Leib und vermöchte keinen Finger mehr zu rühren. Sie wich auch

keinen Schritt zurück, als Herr Schluttemann blasend, mit dunkelrotem Gesicht

und rollenden Augen auf sie zugeschossen kam; nur ihre tränenfeuchten Lider

öffneten sich noch weiter, und ihre Lippen zuckten.

„Marsch jetzt, fort mit dir!“ knurrte der Vogt, der sich trotz der Vermahnung,

die ihm geworden, von seiner Würde nichts vergeben wollte. „Und sage deinem

Bruder, wenn er nicht kommt am Ostermontag, dann schick ich die Knechte!“

Da sich Gittli noch immer nicht rührte, versetzte ihr Herr Schluttemann einen

gelinden, durchaus nicht ernst gemeinten Puff; sie zuckte aber doch zusammen,

als wäre das Richtschwert über ihrem Scheitel geschwungen worden. Wortlos

wandte sie sich und schlich zur Türe, Schritt um Schritt. Dieser Abschied währte

Herrn Schluttemann zu lang, er faßte Gittli am Arm, schob sie hurtig vor sich

her, und da die lateinische Lektion, die er empfangen, sein Wohlwollen für den

Sudmann Wolfratus gerade nicht gemehrt hatte, so konnte er sich nicht enthalten,

dem Mädchen noch ins Ohr zu brummen: „Und sag ihm nur, daß ich einstweilen

meinen Stecken in Salzwasser legen will, damit er besser pfeift. Huitt!“ Das war

nun freilich wieder nicht gar so schreckhaft gemeint; denn in Wahrheit hatte

Herr Schluttemann bis zur Stunde noch kein lebendiges Wesen geprügelt, nur

Tote: nämlich die ‚Schwarzreiter‘, die geräucherten Saiblinge, die geklopft

werden mußten, bevor man ihnen die rauchgeschwärzte Haut vom rosigen

Fleische zog.

Aber Gittli sah und hörte mit den Augen und Ohren eines Kindes, und was sie

sah, war trostlose Finsternis. Noch ein Puff, und sie stand vor der Tür.

Haymo, der draußen gelauert hatte, wie der Teckel vor dem Dachsbau, trat ihr

hastig entgegen. „Bist du schon fertig, Gittli? Und hast du —“ Da sah er ihr

verstörtes, tränennasses Gesicht und ihre kummervollen Augen. Das ging ihm

ins Herz wie ein Messerstich. „Gittli? Was ist dir?“

Sie schüttelte traurig den Kopf und entwand sich seinen Händen.

„Gittli!“ stammelte er und wollte ihr nacheilen; aber da klang aus der

Amtsstube die Stimme des Vogtes: „Haymo! Wo steckst du denn? Herr Heinrich

wartet.“

 

[7] Murmeltier.

[8] Wiesel.

 

[9] Pachtschilling für das Hauslehen.