Der Klosterjäger

Ludwig Ganghofer · Kapitel 28 von 32

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Der Klosterjäger

Kapitel 26

 

 

Bald nach dem Ostertag war im Berchtesgadener Klosterland ein neues

Sprichwort aufgetaucht. Wenn Sturm und Regen sich über Nacht in einen

sonnigen Tag verwandelten, dann hieß es: „Das Wetter hat sich gewendet wie

der Klostervogt.“ Und in der Tat, Herr Schluttemann war kaum mehr zu

erkennen; die Leute wußten es nicht genug zu rühmen, wie gut und freundlich

der Vogt sie jetzt behandle. Mit rechten Dingen könne das nicht zugegangen

sein; darüber waren sie alle einig. Und es verbreitete sich die Märe: Herr

Schluttemann hätte an der Wand seiner Amtsstube einen ‚Zauber wider die

Galle‘ hängen; wenn immer nur ein Fünklein Zorn in ihm aufstiege, dann täte er

schnell einen Blick nach dem unheimlichen Ding an der Wand und wäre

plötzlich verwandelt in die leibhaftige Sanftmut.

Der ‚Zauber‘ hing unter dem Bilde, das den heiligen Georg im Kampf mit

dem Drachen darstellte, und sah einem zierlich beschriebenen, unter

geschnitztem Rahmen verwahrten Pergamentblatt zum Verwechseln ähnlich.

Als Herr Schluttemann in der Woche nach Ostern eines Morgens seine

Amtsstube betrat, gewahrte er den ‚Zauber‘ an der Wand. Er trat mit verblüfften

Augen näher, fuhr mit glühender Nase zurück und rannte wutschnaubend in das

Gemach des Propstes.

„ Reverendissime! Alles kocht in mir.“

„Weshalb?“ fragte Herr Heinrich lächelnd.

„Man hat mich beschimpft. Man hat mir einen schmählichen Possen angetan.

Das Urteil, Reverendissime, das Urteil wider meine Hausfrau —“

„Das sie Euch an den Kopf gehauen?“

„Ja! Das hat man in meiner Amtsstub aufgehangen. Aber ich will nimmer

schlafen, bis ich den gefunden, der mir das angetan hat.“

„Da braucht Ihr nicht lang zu suchen. Das hab ich selbst getan.“

„Re… Re…“ Herr Schluttemann wollte sagen: „Reverendissime!“ Der

Schreck lähmte seine Zunge.

„Eurer Klugheit mag es überlassen bleiben, herauszufinden, weshalb es

geschah. Wenn Euch das aber nicht gelingen sollte —“ Herr Heinrich machte

eine bedenkliche Pause. „Ihr wißt, mein Vogt im Pongau ist gestorben. Ich muß

einen anderen an seine Stelle setzen. Es ist ein böser, mühsamer Posten. Aber —

wenn Ihr drüben im Pongau mit den Leuten umschreiet, dann hör ich es nicht.“ Herr Heinrich trat zu seinem Pult und begann in einem aufgeschlagenen Buch zu

lesen.

Wie ein begossener Pudel ging Herr Schluttemann davon. Draußen in der

Amtsstube stand er lange mit gespreizten Beinen und verschränkten Armen vor

dem ‚Zauber‘. Dann plötzlich stülpte er den Hut über das borstige Haar und

rannte nach Hause, wie ein angeschossener Dachs in seinen Bau. Da ging nun

ein Spektakel los, daß die Leute auf der Straße zusammenliefen und lauschend

stehen blieben. Eine geraume Weile hörte man zwei Stimmen; dann nur noch

eine: die donnernde Stimme des Vogtes. Frau Cäcilia hatte zum erstenmal in

ihrem Leben den kürzeren gezogen.

Herr Schluttemann ließ sich den Vorteil dieses ermutigenden Sieges nicht

wieder entschlüpfen. Das merkte man ihm deutlich an, wenn er am Morgen

behäbigen Ganges zur Amtsstube wanderte, gründlich ausgeschlafen, mit

lachendem Gesicht. Frau Cäcilia versenkte sich in stummen Groll; da sie aber

schließlich merkte, wie wenig ihr das Grollen eintrug, spielte sie die Klügere und

gab nach. Am Morgen des Fronleichnamstages wurde die Versöhnung

geschlossen, und bei der feierlichen Prozession schritt Herr Schluttemann Hand

in Hand mit seiner ‚getreuen Hausehre‘ — wie er jetzt zu sagen pflegte — hinter

dem Baldachin einher.

Als er anderen Tages seine Amtsstube betrat, war der ‚Zauber‘ verschwunden.

Er stürzte in das Gemach des Propstes.

„ Reverendissime! Das Ding ist weg von der Wand.“

„So?“ lächelte Herr Heinrich. „Da mag es wohl einer weggenommen haben,

der gefunden hat, daß es nimmer nötig wäre.“

Herr Schluttemann wollte zu einer langen Rede ausholen; aber da kam Frater

Severin atemlos über die Schwelle gestolpert. „Herr! Herr! Pater Desertus ist

heimgekehrt!“

„Wo ist er?“ rief der Propst in Freude.

„Da kommt er schon!“

Von Staub bedeckt, wie er vom Pferd gesprungen, erschien Desertus unter der

Türe. Sein Haupthaar, auch der lange, schwarze Bart, war leicht ergraut, aber

seine Augen blickten hell und frei, und frische Lebensfarbe lag auf seinem

sonnverbrannten Antlitz.

„Dietwald!“ Herr Heinrich umschloß mit beiden Armen den Heimgekehrten.

Frater Severin und der Vogt verließen das Gemach.

„Rede, Dietwald! Wie ist es dir ergangen? Aber ich frage noch! Und die

Antwort steht in deinen Augen, auf jedem Zug deines Gesichtes.“

„Wie hätt es mir übel ergehen können? Trost und Freude zogen mit mir. Sagt,

Herr, wie geht es dem holden Kind?“

„Ich meine, gut. Die Kleine ist wohl aufgehoben bei den Domfrauen. Aber

mir scheint, das neue Kleid will ihr noch immer nicht sitzen.“ Herr Heinrich

lächelte. „Die Berichte der Oberin laufen von Jammer über wie heiße Milch. Bis

heute hat das Mädchen im Kloster nicht mehr gewonnen, als alle Herzen.“

Die Augen des Chorherren leuchteten. Dann faßte er die Hände des Propstes.

„Ihr habt mich knapp gehalten mit Botschaft.“

„Ich schrieb dir, was ich schreiben konnte. Der Sudmann weiß weder Ort noch

Namen. Aber du selbst magst alles von ihm hören.“

„Er lebt?“ fragte Desertus mit ungläubigem Staunen.

„Zwei Monate lag er in schwerem Siechtum. Als ich ihn das letztemal

besuchte, schien es mir, als begänne Eusebius zu hoffen. Wir wollen morgen zu

ihm.“

„Nein, Herr, heute noch, ich bitte!“

„Kann ich dir die erste Bitte versagen? Aber nun rede, erzähle! Wie hat dich

der Kaiser aufgenommen?“

„Wie einen Sohn!“

„Und konntest du ihm diese Liebe vergelten? Wie ist deine Sendung

ausgefallen?“

Das Gesicht des Chorherren verdüsterte sich. „Wir wurden abgewiesen.“

Herr Heinrich nickte vor sich hin, als hätte er diese Antwort erwartet. „Wer

zog mit dir?“

„Heinrich von Virneburg, der Mainzer. Einundzwanzig Tage währte unser

Ritt. Wie staunte ich, als wir Avignon erreichten!“

„Du fandest einen weltlichen Hof, schwelgend in allen Freuden des Lebens?“

„Und inmitten dieses Taumels sitzt der Papst, ein williger Höfling

Frankreichs, das den Streit zwischen Ludwig und der Kirche schürt und sich

dabei durch Länderraub auf Kosten Deutschlands zu bereichern sucht. Wenn der

Papst auch den Frieden mit Deutschland wollte, er darf ihn nicht wollen.

Frankreich erlaubt es nicht.“ Mit zornigem Lachen hatte Desertus die letzten

Worte begleitet.

„Laß nur gut sein, Dietwald! Für alles kommt eine zahlende Zeit.“ Herr

Heinrich erhob sich. „Du wirst müde sein. Erhole dich einige Stunden! Dann

magst du mir alles erzählen, während wir dem See entgegenreiten.“

Desertus wollte nichts wissen von Ruhe. Er ging nur, um das Kleid zu

wechseln. Dann ritten sie zum Klosterhof hinaus. Vor Mittag erreichten sie

Bartholomä.

„Nun? Wie geht es deinem Kranken?“ fragte Herr Heinrich.

Eusebius lächelte. „Sagt, Herr, habt Ihr schon einmal einen Stein in die Höhe

fallen sehen und ein Wasser bergauf laufen? Nein? Dann passet nur auf, Ihr seht es gewiß noch! Denn der Mann wird gesund. Freilich, den lahmen Arm muß er

sich gefallen lassen.“

Herr Heinrich und Desertus traten in die Klause. Auf reinlichem Lager ruhte

Wolfrat, abgemagert bis auf Haut und Knochen. Brust und Arme lagen noch im

Verband; die Rißwunden im Gesicht waren geheilt und hatten kaum merkliche

Narben zurückgelassen.

Wolfrats Augen leuchteten auf, als er den Propst in der Tür erscheinen sah.

„Grüß Gott, Herr! Gelt, ich darf schon gleich fragen: wie geht’s meiner Seph?“

„Ein paar Wochen noch, Wolfrat, und dein Weib ist wieder kerngesund.“

„Vergeltsgott, lieber Herr! Und mein Bub?“

„Der ist kugelrund geworden. Freilich,“ Herr Heinrich lachte, „er war in

Klosterkost.“

Desertus trat in mühsam verhehlter Erregung an das Lager des Sudmanns.

„Jetzt kenn ich Euch erst, Herr Pater!“ sagte Wolfrat mit schwankender

Stimme. „Euch muß ich ein festes Vergeltsgott sagen. Hättet Ihr selbigsmal nur

ein kleines Weil später zugestoßen, dann wär’s aus gewesen mit mir.“

„Sieh, Wolfrat,“ fiel Herr Heinrich ein, „da kannst du deinem Retter gleich ein

Liebes erweisen! Pater Desertus möchte hören, wie es kam, daß Gittli deine

Schwester wurde. Erzähl es ihm!“

„Wohl! Setzet Euch nur her!“

Desertus ließ sich neben dem Lager auf einen Sessel nieder, und Wolfrat

begann: „Wisset, Herr, ich bin im zweiundzwanziger Jahr bei dem Salzburger

Erzbischof als Reisiger gestanden und hab den Ampfinger Tag mitgemacht. Auf

der feindlichen Seit. Gewurmt hat es mich freilich, daß ich hauen und stechen

soll gegen meine eigenen Landsleut. Aber was hab ich machen können? Ein Eid

ist allweil ein Eid. Ich hab meine Pflicht getan als richtiger Soldat. Aber ungern

hab ich’s nit gesehen, wie der Kaiser obenauf gekommen ist, und wie die

Unsrigen auf den Abend das Laufen angefangen haben. Da hat keiner mehr

stehen können, einen jeden hat’s mitgerissen. Wer nit laufen hat wollen, hat

laufen müssen. Vier, fünf Tag ist es allweil hergegangen um unser Leben, keiner

hat die Gegend gekannt, und die bayrischen Reiter sind hinter uns her gewesen

wie die ledigen Teufel. Ich hab mich mit ein Stücker vierzig von den Unsrigen

zusammengehalten. Und da war’s in einer stürmischen Nacht. Da sind wir in

einen Markt gekommen.“

„Wie hieß der Markt?“

„Ich weiß es nit. Aber ich besinn mich noch, daß gleich bei der Tafern eine

Kirch gestanden ist. Die hat hint und vorn einen Turm gehabt und ein ebenes

Dach.“

„Pfarrkirchen war es!“ sagte Desertus in lateinischer Sprache zu Herrn Heinrich. „Zwei Wegstunden von meiner Burg.“

„Die Tafern war gesteckt voll mit flüchtigem Volk. An die dreihundert sind da

beisamm gewesen. Es war ein fürchtiges Gejammer, was man jetzt anfangen

soll, und wo man Zehrung hernimmt? Und da war einer unter uns, ein Salzburger

Rottführer, Klees hat er geheißen —“

„Klees?“ stammelte Desertus; und lateinisch sagte er zu Herrn Heinrich: „Der

Mann hat einen Monat in meiner Schar gedient. Ich hab ihn fortjagen müssen,

weil er mich bestahl.“

„Der Klees ist auf den Tisch gesprungen und hat geschrien: er wüßt ein Mittel,

daß man die Säck vollstopfen könnt. Nit weit vom Markt wär ein reicher

Herrensitz. Der tät einem Ritter gehören, der in der Ampfinger Schlacht mit dem

Flamberg unter uns herumgehauen hätt wie der Mähder mit der Seges[32] im

Traidfeld. Die Handvoll Leut auf der Burg könnt man leicht überrumpeln. Wie er

das gesagt hat, da hat’s einen Höllenlärm gegeben, und die meisten sind gleich

dabei gewesen, daß man den Handstreich wagen sollt. Ein paar haben freilich

dawider geredt. Ich selber auch. Aber da hat’s geheißen: man wär in Feindsland,

und Krieg wär Krieg. Wer sich noch lang gewehrt hätt, ich glaub, den hätten die

anderen niedergeschlagen. Der Klees hat Wein anfahren lassen, und wie wir

heiße Köpf gehabt haben, da ist der Klees zum Hauptmann ausgeschrien

worden. Und da hat er auch gleich die richtige Stund ausgenutzt. Noch in der

Nacht sind wir fort aus der Tafern, und allweil durch Wald ist der Weg gegangen,

den der Klees uns geführt hat. Ich muß schon sagen, die Sach hat mir nit gepaßt.

Aber wie der Mensch ist! Wo hundert laufen, da lauft man mit. Und der Wein hat

uns allen die Köpf dumper gemacht. Ich glaub, der Klees ist der einzig gewesen,

der gewußt hat, was es gilt. So um die zweite Morgenstund muß es gewesen

sein, da sind wir aus dem Holz ins Feld gekommen, und ganz schwarz sind die

Burgmauern vor uns aufgestiegen in der Nacht.“

Desertus drückte die Fäuste auf seine Brust.

„Beherrsche dich, Dietwald!“ mahnte Herr Heinrich in lateinischer Sprache.

„Der Mann soll nicht wissen, wie nahe dich berührt, was er erzählt.“ Und zu

Wolfrat sich wendend, sagte er: „Sprich nur weiter!“

„Der Klees hat uns halten lassen. Keinen Laut und keinen Tritt hat man

gehört. Dann ist der Klees bis an den Burgwall hingegangen und hat den Torwart

angeschrien. Ich hab’s nit recht hören können, ich bin einer von den letzten

gewesen. Aber ich mein’, er hat dem Torwart zugeschrien, daß er eine Botschaft

brächt vom Burgherrn, und die Sach hätt Eil. Hat der Klees die Losung gewußt,

oder war der Torwart so ein guter Hascher, der gleich das erste Wörtl geglaubt

hat? Ich hab noch kaum gemerkt, was los ist, da war die Zugbrück schon herunt,

eine Hauerei und ein fürchtiges Geschrei ist losgegangen, und bis ich nach einer Weil mit den letzten hineingekommen bin in den Burghof, sind die paar

Herrenknecht schon im Blut herumgelegen, die unsrigen haben schon alle Türen

eingedrückt, und die brennenden Pechkränz sind in alle Fenster geflogen. Da bin

ich nüchtern geworden. Wie ein steiniges Manndl bin ich gestanden und hab mir

an den Kopf gegriffen. Und gegraust hat mir in der tiefsten Seel. Hätt mich einer

am Ampfinger Tag niedergeschlagen, mir wär wohler gewesen. Ich hab freilich

keinen Finger gerührt und keine Hand gestreckt. Aber dabei gewesen bin ich halt

doch! Und die ganzen Jahr her, so oft was Unguts über mich und meine

Heimleut gekommen ist, allweil hab ich an dieselbige Nacht denken und mir

sagen müssen: Jetzt mußt du zahlen dafür!“

Wolfrat schwieg, und Stille herrschte in der Klause. Das Gesicht des

Chorherren war bleich, seine Augen irrten ins Leere.

„Wie die Flammen herausgeschlagen sind aus jedem Dach, da haben sie’s

drunten im Dorf gemerkt, was vorgeht, und haben die Sturmglock geläutet.

Haufenweis sind die hörigen Leut aus dem ganzen Burgbann herbeigelaufen, die

einen mit Schwert und Spieß, die andern mit Dreschflegeln und Segesen. Da ist

die Hauerei aufs neu wieder angegangen. Ich hab mir gedacht, ich will mit einer

so schiechen Sach nichts mehr zu schaffen haben. Aber wie ich beim Tor

hinausschleichen und abschieben will, hör ich ein Gejammer von einer

Weiberstimm. Und wie ich aufschau, steht auf dem Turmaltan, mitten im Feuer,

eine junge, schöne Frau. Ein kleines Bübl ist bei ihr gestanden, und auf dem

Arm hat sie ein Kind im Wickel gehalten. ‚Jesus Maria!‘ hab ich geschrien und

bin zugesprungen und hab gemeint, ich könnt noch hinauf in den Turm und

helfen. Derweil tut’s schon einen fürchtigen Krach. Das ganze Sparrenwerk ist

eingefallen, und als wär die Höll zersprungen, so fliegt der Turm auseinander in

lauter Feuer.“

Am ganzen Körper erzitternd, schlug Desertus die Fäuste vor die Augen.

„Gelt, Herr? Das greift einem ans Herz!“ murmelte Wolfrat. „Ich bin

gestanden, als wär in mir drin alles ein Eisbrocken worden. Und wie mich das

Grausen wieder aufschauen laßt — von dem armen Weiberleut und dem Bübl

hat kein Aug mehr was zu sehen gekriegt — aber auf einem spitzigen Balken,

der aus dem Gluthaufen herausgestanden ist, hab ich das Kindl hängen sehen,

das sich am Wickel verfangen hat. Da hab ich keine Glut und kein Feuer

gescheut und bin hineingesprungen und hab das schreiende Würml gepackt. Und

das Glück hat’s wollen: ich bin herausgekommen. Da springt der Klees auf mich

zu. ‚Gib her,‘ schreit er, ‚hörst ja, das Kindl weinet nach seiner Mutter.‘ Er will

mir’s wegreißen, aber ich hab ihm mit der Faust eins übers Gesicht gewischt,

daß er hingeschlagen ist wie ein Ochs. Derweil hat’s schon geschienen, als täten

die hörigen Leut Herr werden über die unsrigen. Der Klees ist wieder aufgesprungen und auf mich zu mit der blanken Wehr. Und wie’s der Zufall will,

springt ein scheues Roß gegen mich her. Ich erwisch es bei der Mähn, komm in

einem Schwung hinauf, und zum Tor hinaus geht’s in einem Sauser, gleich über

zwanzig Köpf weg!“

„Kein Zweifel mehr!“ rief Desertus mit bebender Stimme. Mühsam seine

Erregung beherrschend, stammelte er in lateinischer Sprache: „Das war mein

Weib! Das ist mein Kind! Mein Kind!“

Erschrocken sah der Sudmann zu ihm auf und warf einen fragenden Blick auf

den Propst.

„Sprich weiter, Wolfrat!“ sagte Herr Heinrich.

„Ich bin auf dem scheuen Roß gehangen wie der Frosch auf dem Mühlrad und

hab nur allweil das Kind an mich hingedruckt. Und das Roß ist fortgesaust, fort

und fort, bis weit hinter mir das brennende Schloß untergesunken ist in der

finsteren Nacht. Wie der Tag gegrauet hat, sind dem Roß die Kräft ausgegangen.

Eine Weil ist es stehen geblieben und hat den Grind hängen lassen. Dann ist es

wieder fortgetrabt. Das Kind hat geschlafen, und ich hab’s auf dem Arm

gehalten und hab nit gewußt, was ich anfangen soll. Ich hab die Gegend nit

gekannt, und in ein Dorf hab ich mich nit hineingetraut. Ich hab gemeint, es

müßt alle Welt schon wissen, was in der Nacht geschehen ist. So bin ich allweil

zu und zu geritten, weil ich nichts anderes gedacht hab, als grad das einzig:

schau nur, daß du weit, weit fort kommst von dem Fleck! Auf Mittag hab ich

einen Einödhof gefunden mitten drin im Holz. Einer Dirn hab ich ein Reindl

Milch abgebettelt für das Kind. Und so bin ich weiter geritten, allweil zu, bis ich

auf die Nacht an ein Wasser gekommen bin und bald darauf in einen Markt. Da

hab ich mich ausgekannt: das Wasser ist die Vils gewesen, und der Markt hat

Velden geheißen. Und von da sind’s keine drei ganzen Stund mehr in mein

Heimatl gewesen. Wie hätt mir ein anderer Weg einfallen sollen! Ich bin geritten

und geritten, bis ich daheim war. Meiner Mutter hab ich das Kind auf den Arm

gelegt. Aber wie ich dazu gekommen bin, das hab ich verhehlt. Ich hab mich

gescheut vor Mutter und Vaters Aug. Dabei gewesen bin ich halt doch!“

Wolfrat vermochte kaum mehr zu sprechen, seine Stimme zitterte vor

Schwäche.

„Die Nacht drauf bin ich wieder fort. Aber das Kriegshandwerk hab ich satt

gehabt bis an den Hals. In Landshut hab ich mich eingedingt als Flößer. Es hat

lang gedauert, bis ich die schieche Sach in mir hab geschweigen können. Ich hab

mir freilich allweil fürgesagt, daß ich ein Unrecht tu, wenn ich das Kindl um

Recht und Namen bring. Aber ich hab mir nit getraut, daß ich umfrag und red.

Da hätt’s mir leicht an den Kragen gehen können, wenn ich mich verschnappt

hätt. Sein Bröckl Leben hat jeder gern. Und wie ich wieder heimgekommen bin nach Dorfen und gesehen hab, daß meine Mutter mit ganzer Seel an dem lieben

Kindl hängt, da hab ich erst recht nimmer reden können und hab mir gedacht:

laß halt alles gehn, wie’s geht, in Gottesnam!“

„Und niemals,“ fragte Desertus, „niemals wieder hast du von jener

furchtbaren Nacht gehört? Nie den Namen jener Burg erfahren?“

Wolfrat schüttelte den Kopf.

„Aber es muß doch ein Bild jener Burg in deiner Erinnerung haften?“

Wolfrat schien sich zu besinnen. „Mein, es hat halt ausgeschaut, wie es

ausschaut in einer Burg. Türm und Mauern, ein weiter Hof und ein

großmächtiges Haus!“ sagte er mit matter, kaum noch verständlicher Stimme.

„Aber — wohl, Herr, auf eins besinn ich mich noch. Über dem Tor und über der

Turmtür hab ich im Feuerschein ein gemaltes Wappen gesehen.“

„Sprich, Wolfrat, sprich!“ klang es mit erstickten Lauten.

Wolfrat bewegte lallend die Zunge; man verstand nicht mehr, was er sprach:

die Erregung hatte seine schwachen Kräfte völlig erschöpft, er schien einer

Ohnmacht nahe.

„Sprich, Wolfrat, sprich!“

Mit erlöschenden Sinnen rang Wolfrat nach Sprache: „Das Wappen — war —

ein weißer Falk — im blauen Feld.“

„Das Wappen meines Hauses!“ schrie Desertus. Sich erhebend schlug er die

Hände vor das Gesicht, wankte hinaus, als erdrücke ihn der enge Raum, und ließ

sich niedersinken auf die Hausbank.

Herr Heinrich eilte ihm nach. Im gleichen Augenblick legte ein Boot mit zwei

Schiffern und einem Reisigen am Ufer an.

„Dietwald, ermanne dich!“ flüsterte der Propst. „Es kommen Leute!“ Er ging

dem fremden Kriegsknecht entgegen. „Wen suchst du?“

„Herrn Heinrich von Inzing, den Propst.“

„Wer bist du?“

„Ein Salzburger Fronbot. Die Oberin der Domfrauen schickt Euch diese

Botschaft.“ Er reichte dem Propst ein versiegeltes Pergament.

Herr Heinrich las; er erschrak nicht; nur ein Lächeln glitt um seinen Mund.

„Du kannst heimkehren!“ sagte er zu dem Boten. „Man soll dir im Kloster den

Botenlohn reichen und dich köstigen.“ Der Knecht ging zum Ufer zurück. Herr

Heinrich wartete, bis das Boot abgestoßen war, dann wandte er sich zu Desertus.

„Willst du lesen, Dietwald? Eine Botschaft von deinem Kind!“

Mit hastigen Händen griff der Chorherr zu und entfaltete das Pergament. Er

erblaßte. „Mein Kind? Aus dem Kloster entflohen?“

„Entflohen? Weshalb das hohe Wort?“ meinte Herr Heinrich lächelnd. „Sag

lieber: davongelaufen!“

Desertus faßte die Hand des Propstes. „Herr! Ich bitt Euch! Lasset uns gleich

zurückkehren! Im Seedorf stehen unsere Pferde. Wir wollen nach Salzburg

reiten.“

„Nach Salzburg? Nein, Dietwald, ich weiß einen näheren Weg, um dein Kind

zu finden. Wir wollen hinaufsteigen in die Röt.“

Desertus erschrak. „So meint Ihr — nein, nein! Es ist unmöglich! In dieser

einen Nacht sollte das zarte Kind einen Weg bezwungen haben, der die Kräfte

eines rüstigen Mannes erschöpfen würde?“

„ Omnia vincit amor!“ lächelte Herr Heinrich. „Komm, Dietwald!“

Schweigend folgte Desertus dem Propst an das Ufer. Ein Knecht holte zwei

Bergstöcke, der Einbaum wurde ins Wasser geschoben, rasch war die schmale

Wasserzunge übersetzt, und die beiden stiegen empor durch den sonnigen

Bergwald.

Ungeduldig eilte Pater Desertus voran.

Herr Heinrich rief ihm lachend zu: „Dietwald, willst du nicht hinter mir

gehen? Weißt du, ich möchte mit ganzer Lunge droben ankommen.“

 

[32] Sense.