Der "Mensch des Dienstes" bei Fethullah Gülen: Nachfolger des "vollkommenen Menschen" in der islamischen Mystik?

3.3 Işık evler (Lichthäuser), Schülerinternate und Studentenwohnheime

3.3 Işık evler (Lichthäuser), Schülerinternate und

Studentenwohnheime

Işık Evi (türk. Lichthaus) ist ein mit der pädagogischen und inspirierten Funktion der Gruppe verbundenes Symbol der Bewegung, und ihre Existenz wird häufig diskutiert und vielleicht sogar als die am meisten geheimnisumwitterte Seite des Netzwerks angesehen. Gülen beschreibt diese Häuser in seinen Schriften als die Essenz der islamischen Ausbildung und die Basis für die Bildungstätigkeiten sowie als einen Baum, dessen Samen in den Zeiten des Propheten Muḥammad selbst gepflanzt worden seien und dessen Wurzeln im Koran liegen.1570 Außerdem lobt er diese Art von Häusern und bezeichnet sie als Paradies, weil sie für ihre Einwohner und Besucher in hohem Maße gegen die schmutzige Sitten der Straßen geschützte Plätze sind.1571 Es ist aber zu betonen, dass Gülen, obwohl er diese Häuser in seinen Schriften als ein Kernelement beschreibt und auf ihre theoretische Wurzel hinweist, dennoch eine zentrale Organisationsstruktur dafür ablehnt. Jedoch sollen seine Betonung auf ihrer geistigen Atmosphäre und seine Belobigung solcher Häuser auf Vergleichen beruhen, da er eines Tages eine Wohngemeinschaft besucht hatte, in der Studenten wohnten und die einen legalen Status hatte. Deren geistige und moralische Begeisterung und tiefe islamische Bewegtheit sollen Gülen tief beeindruckt haben. 1572 Agai beschreibt die Notwendigkeit und den Hintergrund dieser Häuser wie folgt:

„Obwohl der türkische Säkularstaat die religiösen oder kulturellen islamischen

Bewegungen und ihre Aktivitäten als eine Gefahr sah, fand die Gülen-Bewegung

eine pragmatische Annäherung an das System. Sie haben ihre islamische Sensibilität

innerhalb dieser sozialen und politischen Umgebung ohne Zugeständnisse

weitergeführt. Ihre wichtigste und sicherste Einrichtung in diesem System waren die

Lichthäuser, deren Einwohner Studenten waren. Durch diese Wohngemeinschaften

wollte die Bewegung die Übernachtungsprobleme der Kinder lösen und freie

Bereiche für ihre religiöse Sozialisierung innerhalb des säkularen Systems

schaffen.“1573

Die „Lichthäuser“ entstanden im Laufe der 1970er-Jahre in Izmir und Istanbul und wurden in den darauf folgenden Zeiträumen zu einem Nukleus für

 

1570 Gülen, 1997a; Gülen vergleicht diese Art von Haus mit daru’l-erkam (Haus von

Erkam), einem Freund des Propheten Muḥammad während seiner Zeit in Mekka, wo die ṣaḥāba zusammentrafen und die offenbarten Verse lernten. Siehe: Erken, 1995, S. 84; Gülen, 1993b, S. 145-165; Koran, 24:36

1571 Gülen, 1993b, S. 145-165

1572 eh: Gülen, 1997a die Hizmet 1574-Bewegung. Akademiker wie Agai, Hermansen und andere halten den Status dieser Häuser teilweise für rechtlich schwer einzuordnen. Zudem seien sie ein Beispiel des kollektiven Bewusstseins und eine wichtige Komponente der neuen sozialen cemaat-(Gemeinschaft-)Systeme. Zudem erwähnen Yavuz und Agai die nurcu-Wurzeln dieser Institutionen und behaupten, dass sie auf den dershane-(Hörsaal) Konzepten der Nur-Bewegung beruhen.1575

Die Rolle der Lichthäuser wird von Gülen mit idealen Funktionen der madrasa, tekke und zāwiya verglichen. Daher erwägt man, diese Institutionen wieder ins Leben zu rufen. Ihre Funktion wird von Gülen als Aufgabe im Rahmen des 1576 iḥyā (Wiederaufleben) vorgesehen. Diese Beziehung unterstreicht auch Curtis und behauptet, dass man durch diese Institutionen ein Gruppenbewusstsein formen kann.1577 Cantori vergleicht diese Kombination von Haus-Tradition mit anderen Sufi-Institutionen und spricht davon, sie hätten das Interieur oder die hoch personifizierte Natur der geistigen Sufi-Erfahrung gegenwärtig neu ins Leben gerufen. Dadurch werden in einer tekke oder anderen Institutionen praktizierte Sufi-Aktivitäten heute in privaten Häusern oder Internaten ausgeführt.1578 In diesem Sinn bekräftigen auch Hermansens Überzeugungen eine Sufi-Interpretation. Ihrer Meinung nach demonstrieren diese Häuser die Bereiche der modernen säkularen wie auch der traditionellen islamischen Ausbildung, und der Begriff „Licht“ erinnert etymologisch an den westlichen Prozess der Aufklärung.1579

Gemäß Agai haben diese Häuser einige wichtige Funktionen für die Bewegung: Die Nachfolger und Sympathisanten treffen sich regelmäßig in diesen Häuser und bilden dort den Kern des kompletten Netzes. Außerdem gibt

 

1574 Barton, 2007, S. 657

1575 Yavuz, 1999c, S. 584-605; Barton behandelt diese Ähnlichkeit und behauptet, dass die

Gülen-Bewegung aufgrund dieser Ähnlichkeit zwischen der Dershane-Kultur der Nurcus und dem Lichthäuser-Format der Gülen-Bewegung als eine Nurcu-Bewegung gesehen werden könne. Sieh: Barton, 2007, S. 657

1576 Gülen, 1997a, S. 13

1577 Z.B. erklärte eine Frau in Texas, dass ihre Lebenserfahrung in einem Lichthaus bzw.

Internat in der Türkei eine prägende Periode für sie war. In einem Internat mit vielen Frauen zu leben war für sie nicht leicht. Sie verglich ihren "nafs" (das Ego) mit einem Eiswürfel und erklärte, dass das Leben im Lichthaus ähnlich mit dem Werfen dieses Eiswürfels in ein Wasserbecken war. Ihre Erfahrung ist ähnlich wie die anderer, die sich der Bewegung anschließen: Individuelle Egos schmelzen in die größere Gemeinschaft (aš-šaḫs al-maʿnawī) ein. Siehe: Curtis, 2005

1578 Cantori, 2007, S. 95 diese Art von Erziehung den Lehrern ein hohes religiöses Prestige. 1580 Pahl sieht die Lichthäuser als eine von drei entscheidenden Einrichtungen oder sozialen Dienstmethoden der Hizmet-Bewegung an und behauptet, dass sie und ihre Ambiente einen Raum für die neuen Generationen vorbereiteten, um ihre kulturelle Traditionen weiter zu praktizieren und ein islamisches Ethos gegen Gewalt und staatlichen Zwang zu gestalten. Sie sind eine Art Übergang zwischen Familie und Zivilgesellschaft und dienen als heilige Plätze, in denen junge Leute in islamische, demokratische und soziale Methoden eingeübt werden.1581 Auf der anderen Seite unterstreicht B. Balcı den Status der Bewohner, die er gewöhnlich als Studenten aus unteren Schichten beschreibt. Er weist darauf hin, dass jedes Haus von einem Abi (älterer Bruder) verwaltet und kontrolliert wird.1582

In einem Vergleich mit der westlichen Kultur weist Pahl darauf hin, dass das Lichthäuser-Projekt den Erneuerungsanstrengungen des Christentums im 17. Jahrhundert ähnelt. Damals hatte eine ähnlich kleine Gruppe im Mittelpunkt gestanden, und sie wurde sogar für die Jugendbewegungen im Zeitalter des Pietismus bestimmend.1583

Als geschlossenes System entwickelten sich die Lichthäuser mit der Zeit zu einem Internatssystem. Hermansen behauptet, das Konzept gelte heute wahrscheinlich für kleinere Einheiten von Studenten, die Studienkreise innerhalb eines Internats oder einer Unterkunft bilden. Sie besuchte ein Internat für Mädchen in Istanbul, und ihren Beobachtungen zufolge wohnen dort Studentinnen aus einem breiten sozialen Spektrum mit unterschiedlichen Lebensstilen, die dort die Möglichkeit haben, in einem sauberen, modernen und gut ausgestatten Wohnheim zu leben.1584

Hermansen betont die Funktionalität sowohl der Sommercamps als auch der Lichthäuserprojekte Gülens. In den 1970er-Jahren richtete er in Izmir seinen frühen Kreis von Anhängern aus dem Unternehmertum ein und sagte ihnen, dass es in der Türkei bereits eine große Zahl an Moscheen gebe. Ihr Eifer, zu guten Werken beizutragen, sollte deshalb in anderen kollektiven Handlungen Ausdruck finden, die praktischer und für die türkische Gesellschaft notwendig seien. Die Gründung von Internaten sei für viele Studenten, die für ihre Ausbildung in größere Städte ziehen müssen, lebenswichtig. Tatsächlich wurde diese Vision Gülens dann in verschiedenen türkischen Städten verwirklicht.1585

 

1580 Agai, 2005

1581 Pahl, 2008

1582 B. Balcı, 2003, (31/2), S. 158

1583 Pahl, 2008

1584 Hermansen, 2007, S. 70