Der "Mensch des Dienstes" bei Fethullah Gülen: Nachfolger des "vollkommenen Menschen" in der islamischen Mystik?

3.1.2.3 Nursi und Gülen: ein Vergleich

Şerefeli-Moschee in Edirne beauftragt. Dort organisierte er nun selbst Vorlesungen und unterrichtete das Werk Nursis Risale-i Nur, dessen Inhalt er zudem in seinen Predigten und persönlichen Gesprächen weitervermittelte. 182 In jener Zeit war es aus politischen Gründen verboten, die Werke Nursis zu lesen oder mit sich zu führen. Dennoch las Gülen diese Bücher öffentlich und unter-richtete aus ihnen. Sein Vater wurde wegen seiner Teilnahme an diesen Vorlesungen verhaftet.183

Als Gülen in Izmir als Prediger und Lehrer tätig war, kamen zwei wichtige Schüler Nursis zu ihm, da sie in Izmir gemeinsam ein Haus für ihre Gemeinschaft eröffnen wollten.184 Gülen half ihnen dabei. In der Folge wurde eine Tageszeitung mit dem Titel İttihad gegründet, die sich der Zuwendungen Zübeyr Gündüzalps, eines älteren Schülers Nursis, erfreuen konnte. Da Uneinigkeiten über ihr Konzept bestanden, erschien sie jedoch nur kurze Zeit. Gülen sprach nach diesem Konflikt mit Gündüzalp und hielt sich von da an von jeglichen Koalitionen mit den Anhängern der 185 Nur-Bewegung fern.

 

3.1.2.3 Nursi und Gülen: ein Vergleich

Je intensiver das Thema erforscht wird, umso stärker und eindeutiger kristallisiert sich auch auf wissenschaftlich fassbare Weise heraus, dass es eine feste geistige Verbindung zwischen Nursi und Gülen gibt und dass Gülen seine pädagogischen und wissenschaftlichen Aktivitäten auf die Ursprünge des Sufismus und die Lehren Nursis gestützt hat.186 Er selbst betont diese Beziehung und erklärt, dass er durch Nursis Werk Risale-i Nur seine eigene Hermeneutik und Mentalität systematisiert, immer das positive Verhalten bevorzugt, seinen Geist erzogen und seine erregten Gefühle gefesselt habe. 187 Özdalga zählt daher das Werk Nursis und die Nurcu 188-Bewegung zu den prägenden Referenzen von Gülens Gedankenwelt und stellt ihn als einen Nachfolger von Said Nursi dar. 189

Barton hingegen behauptet, Gülen sei nicht nur ein einfacher Nachfolger Nursis, sondern auch ein bedeutender Denker, Schriftsteller und Meinungsführer von spezifischer Eigentümlichkeit und Originalität. Seiner Meinung nach

 

182 Erdoğan, 1995, S. 55

183 Erdoğan, 1995, S. 86 Normalerweise war auch Gülen im Visier der Polizei, wegen

seiner Abwesenheit in dieser Vorlesung war er ihr aber entkommen.

184 Diese Hauser nennt man dershane, in denen die Schüler und Studenten wohnen und die

Ideen von Nursi praktizieren. Siehe: Agai, 2004.

185 Erdoğan, 1995, S. 102, 112, 121

186 Bonner, 2004, S. 85

187 Erdoğan, 1995, S. 55

188 Ana Britannica, 1989, (16), S. 620; Cakir, 1990, S. 88–91:Mardin, 1989, S. 40 beinhalten Gülens Werke eine Synthese von Nursis Werken mit den Werken anderer Gelehrter. In seinen Schriften führe Gülen oft – wie schon seine Wegbereiter – das Beispiel des Propheten Muḥammad, das dieser vorgelebt habe, als Quelle seiner Inspiration und Orientierung an. Daneben gebe es allerdings weitere bedeutende Gebiete, auf denen er als Vordenker bemerkenswerter und origineller Neuerungen erscheine.190

Michel vergleicht die beiden Gelehrten und kommt zu dem Schluss, dass der bemerkenswerte Unterschied zwischen ihnen ihre Methode sei: Nursi hebe den Intellekt hervor, während Gülen den Akzent auf die Handlung oder den Dienst lege.191 Yavuz stimmt dem zu und ergänzt, dass die Hizmet-Bewegung stärker praxisorientiert sei als die Nurcu-Bewegung. Denn Gülen und seine Anhänger bemühten sich, die Gesellschaft und deren Einrichtungen zu transformieren. 192 Tatsächlich ermahnt Gülen seine Anhänger, ihren Glauben in die Rekonstruktion der Gesellschaft münden zu lassen. 193 In diesem Sinn stellt Gülens Konzentration auf die Praxis besonders im Zuge seiner Bildungsinitiativen einen ganz wesentlichen Unterschied zur ursprünglichen Bewegung Nursis dar. Gülen konzentriert sich auf die persönliche und soziale Transformation, die durch neue, liberale wirtschaftliche und politische Rahmenbedingungen begünstigt werden sollen. Als ein intellektueller islamischer Gelehrter predigt Gülen nicht nur die innere Mobilmachung von jungen sozial und kulturell engagierten Menschen, sondern bringt auch eine neue liberale Karte ins Spiel ein. 194

Obwohl Gülen sein Erziehungsverständnis von Nursi übernahm, gibt es ei-nen weiteren bedeutenden Unterschied, der sich darin äußert, dass in den Schulen der Hizmet-Bewegung kein Unterricht der islamischen Grundprinzipien gegeben wird.195 Im Kern betrachten Nursi und Gülen die Wissenschaft als ein Mittel, die Schöpfung zu studieren und zudem Gott rational zu begreifen. Dies sei die einzige Möglichkeit, die Religion in der Moderne zu bewahren. Entsprechend wird dem rationalen Studium des Daseins, dessen Grundlagen in den säkularen Schulen gelegt werden, eine religiöse Bedeutung zugeschrieben. Ebenso bildet die Wissenschaft die Grundlage für wirtschaftlichen Wohlstand, sozialen Frieden und nationale Unabhängigkeit. 196

 

190 Barton, 2007, S. 656

191 Michel, 2008

192 Yavuz, 2003b, S. 3

193 Özdalga, 2000, S. 94

194 Yavuz, 2003c, S. 19

195 Vicini, 2007

Viele Wissenschaftler bezeichnen Gülen wie Nursi als Sufi,197 obwohl beide sich selbst so nicht genannt haben. Allerdings kritisiert Gülen auch die Behauptung, Nursi sei ein Gegner des Sufismus gewesen. Er unterstreicht, dass es ein Missverständnis sei, wenn man Nursi aufgrund seiner Kritik an den Fehlern einzelner Sufi-Derwische und ihrer Institutionen (tekke, zāwiya und dargāh ) dies unterstellt. Dabei ist jedoch auch der Unterschied zwischen dem Sufismus selbst und Sufi-Einrichtungen zu beachten, darf doch Gülen zufolge ein Sufi-Orden immer das Objekt von Kritik sein.198

Eris geht davon aus, dass es keinen großen Unterschied zwischen Nursis und Gülens Sufi-Denkweise gebe, abgesehen vielleicht von Gülens Behandlung des Sufismus in seinem persönlichen Leben. In seinen Predigten, Gesprächen, Schriften und Gedichten scheinen die Einflüsse des Sufismus sehr klar durch. Zugleich stellt der Sufismus kein zentrales Thema in der Bewegung dar. Die Nachfolger Gülens werden zwar unbewusst und indirekt in der Sufi-Terminologie unterrichtet, doch weder Gülen noch seine Bewegung erhöhen den Sufismus zu einem zentralen Erlebnis.199

Nursi hat seine Gedanken über Sufismus und Sufi-Terminologie nicht in ei-nem gesonderten Werk niedergeschrieben. Vielmehr gab er immer wieder Hinweise auf dieses Thema und äußerte seine eigenen Ansichten zu gewissen Aspekten des Sufismus. Dabei prägten Nursis Sufi-Annäherungen ohne Zweifel auch Gülens Ideen über den Sufismus. Aber anders als Nursi behandelt Gülen die traditionelle Sufi-Literatur in seinen Werken, wobei er Nursis neuen Sufi-Weg als eine eigene Disziplin systematisiert. Während Gülen von Nursis Pfad im Grunde nicht abweicht, sind seine Schriften zur Sufi-Terminologie zweifellos charakteristisch – hier folgt er dem Beispiel der früheren Sufi-Gelehrten.200

Wie Mardin behauptet, sind Lyrik und Mythos gleichermaßen in Nursis Werken zu finden. Balcı glaubt diese Besonderheiten auch in Gülens Werken zu erkennen, behauptet aber auch, dass sich bei Gülen zusätzlich ein Sufi-Charakter durchgesetzt habe. Wie es in der Naqšbandīya 201- und Yasawīya-Lehre nahe

 

197 Barton, 2007, S. 656

198 Eris, 2006, S. 204; Can, 1995, S. 95-96

199 Eris, 2006, S. 205

200 Gökcek, 2006, S. 169

201 Die Yasawīya-ṭarīqa war eine der zahlreichen ṭarīqas (Sufi-Orden) innerhalb des

sunnitischen Islam. Gründer war Hodscha Aḥmad Yasawī, (1103-1166) aus Yasi-Khorasan in heutigem Usbekistan, ein bedeutender Vertreter des Sufismus und Poet. Von ihm aus soll sich die „spirituelle Kette“ (silsila) über Hamadānī, Ḫaraqānī und Abū Yazīd al-Bistāmī bis zum Propheten Muḥammad zurückverfolgen lassen. Die Yasawīya entfaltet auch große Bedeutung für das Islamverständnis Anatoliens oder in gelegt wird, vereinigt Gülen die säkulare mit der geistigen Welt.202 Weiter behauptet Balcı, dass Nursis intellektueller Background reicher als derjenige Gülens ist.203 Zudem bemühten sich beide Gelehrte um ein Wiederaufleben ( 204 iḥyā ) des Islam.

Gemäß Bonner befreite Risale-i Nur die türkischen Muslime von einem er-starrten Traditionalismus.205 Statt lediglich Erklärungen von Texten oder Versen zu bieten, zog Nursi erkennbare Nachrichten aus allen islamischen Quellen. Er erläuterte einmal, dass seine Abhandlung aus einigen gefilterten Kommentaren von Koranversen besteht. Damit akzeptierte er den Koran als erste Quelle, aber er behauptet auch, dass andere Wissenschaften für eine tiefere Kenntnis ebenso erlernt werden müssten, da diese Wissenschaften in ihren jeweiligen Konzepten unaufhörlich von Gott und seinen Attribute erzählten und ihn so als Schöpfer bekannt machten.206 Bonner vergleicht darüber hinaus Nursi, J. Wesley und Gülen und behauptet, die Lehren von Nursi und Gülen hätten den gleichen Effekt in der Türkei gehabt, den Wesley in den Vereinigten Staaten für die Bildung der amerikanischen Demokratie erzielt hatte. 207

Zudem haben Gülens intensiv geführte Dialoge, besonders mit Christen, diese Popularität gefestigt. Dabei wurde, so sehen es einige Wissenschaftler, das Dialogverständnis Gülens durch Nursi geprägt. Dieser schrieb als ein alter Kriegsgefangener und Zeuge der Geburt des sowjetischen Kommunismus Briefe an die türkische Regierung und machte deutlich, dass sein Werk Risale-i Nur die Verteidigung gegen den kommunistischen Atheismus stärken würde. Er unterstützte die im Jahr 1951 gefällte Entscheidung der Regierung, Truppen nach Korea zu senden, um gegen die Kommunisten zu kämpfen, und begrüßte auch den antikommunistischen Bagdader Pakt von 1955. Auf diese Weise stärkte und förderte er auch die Freundschaft mit dem damals noch stärker christlich geprägten Westen. 1950 sandte er eine seiner Schriften, Zülfikar, an Papst Pius XII. und erhielt als Antwort einen handschriftlichen kurzen

 

Turkvölkern in der zentralasiatischen Steppe und später gewann sie in Anatolien durch den türkischen Bektaşi-Orden an Bedeutung. (Weismann 2006: 20-21; Trimingham 1971: 68-69; 80-83). Yasawī ist der erste und größte Vertreter der türkischen mystischen Literatur und eine Hauptfigur in der formativen Periode der türkisch-islamischen Tradition. Sein Werk, ḥikam (Weisheit), ist die erste Arbeit zum mystischen Denken gewesen. (Schimmel 1985, S. 463; Trimingham, 1971, S. 58)

202 Balcı, 2005, S. 150

203 Balcı, 2005, S. 151

204 Leaman, 2007

205 Bonner, 2004, S. 89

206 Vahide, 2003, S. 10-11, 13, 15-16.

Dankesbrief. Später besuchte er auch den griechisch- orthodoxen Patriarchen Istanbuls, um die Einheit von Christen und Muslimen gegen den „aggressiven Atheismus“ voranzubringen208 Hier wird deutlich, dass Nursi seine Empfehlungen zu Dialog und Toleranz nicht nur in der Theorie vertreten, sondern auch in der Praxis umgesetzt hat. Später entwickelte Gülen diese Ansätze weiter, und anders als Nursi öffnete er die Türen für jeden Glauben und jede Kultur in der globalisierten Welt, auch gegenüber tendenziell oder manifest polytheistischen Religionen wie dem Buddhismus und Hinduismus. Dafür erntete er von verschiedenen muslimischen Gruppen deutliche Kritik. Später änderte er manche seiner bisherigen Überzeugungen. So hält er den Atheismus jedenfalls für gefährlich und sieht in ihm eine Art von Unwissenheit, aber er lässt dies nicht als Grund gelten, den Kontakt mit Atheisten abzubrechen. 209

Nursi und Gülen kritisieren beide die dominierenden säkularen Entwicklun-gen des modernen Zeitalters, die durch den Westen gefördert werden. Beide sehen den Atheismus als das größte Problem unserer Zeit für die türkische Jugend. 210 Nursi behauptet, die Ungläubigkeit in der Vergangenheit sei aus der Unwissenheit heraus oder durch die Politik entstanden, aber in seiner Zeit stamme sie aus der Weisheit oder der Wissenschaft: Die Menschen benutzten die Wissenschaft, um Gott und die Geistlichkeit abzulehnen.211 Mit der Weisheit des Korans auf dem Weg der ḥaqīqa (Wahrheit) müsse man gegen den Atheismus ankämpfen. Dabei tauge der Sufismus in den klassischen ṭarīqa-Formen aber nicht als ein Instrument gegenüber den heutigen Problemen. Nursi betont, dass die bekannten Scheichs, wie al-Ǧīlānī, Schach al-Naqšbandī und Imām as-Sirhindī, sich ebenso wie er selbst verhalten und gestritten hätten, hätten sie in Nursis Zeit gelebt.212

In zwei entscheidenden Punkten erweiterte Gülen Nursis Ansichten: Der Di-alog soll zum einen nicht auf die Christen beschränkt bleiben, sondern alle Glau-bensrichtungen umfassen. Zum anderen ist in dem Dialogverständnis nicht nur eine strategische Vereinigung gegen atheistische Neigungen in der Moderne zu sehen.213 Es prägt auch Gülens Haltung gegenüber dem Krieg. Er vertritt hier ausschließlich eine unpolitische Linie, was mit Nursis Lehre übereinstimmt. Den

 

208 Bonner, 2004, S. 89; Alıcı, 2009, URL: http://tr.fGülen.com/content/view/17970/11/

(02.10.2011)

209 An der Aktivitäten der Abant Plattform, deren Ehrenvorsitzender Gülen ist, nehmen

auch Atheisten und agnostische Intellektuelle teil. Siehe: www.gyv.com.tr. Siehe auch: Yilmaz, 2003, S. 231 und Hendrick, 2006, S. 151-154

210 Michel, 2002

211 Nursi, 1984, S. 16

212 Nursi, 1984, S. 16

Begriff Dschihad definiert er in einem sehr weiten Sinn als eine Anstrengung, das Niveau des vollkommenen Menschen (al-insān al-kāmil) zu erreichen und den menschlichen Eigenwillen sowie negative Gefühle zu disziplinieren. Zwar schließt er den Krieg nicht aus, wenn eine entsprechende Notwendigkeit besteht. 214 Aber er behauptet, ein islamisches Ziel könne nur durch islamische Mittel und Methoden erreicht werden. Entsprechend war Gülen einer der ersten muslimischen Gelehrten, die die Angriffe auf die Vereinigten Staaten am 11. September 2001 verurteilten.215 Tatsächlich ist das Verständnis des „Mittleren Weges“ sowohl für Nursis als auch für Gülens Lehre entscheidend. Voll zufolge wird in den Schriften und Lehren Nursis vielfach wiederholt, dass der Islam ein mittlerer Weg, ein Pfad der Mäßigung, nicht einer des Extremismus ist. Hier stimmen die beiden also weitgehend überein.216

Die Sozialisierung in der Nurcu- und in der Hizmet-Bewegung weisen wiederum große Ähnlichkeiten auf. So versammeln sich sowohl Nurcus als auch Anhänger der Hizmet-Bewegung in Institutionen und in ihren eigenen Häusern, um sich zu unterhalten, aktuelle oder andere wichtige Themen zu diskutieren und die Werke Nursis zu lesen oder zu interpretieren. Sie stellen den Text in das Zentrum der Bewegung, nicht seinen Autor. Das geschieht nicht zufällig oder irrtümlich. Nursi hat selbst keinen Persönlichkeitskult gewünscht. Er betonte die Bruderschaft und behauptete, dass „es kein annähernd so starkes Verhältnis gibt wie das, welches zwischen Vater und Sohn oder Scheich und Anhänger besteht.“217 Hizmet Die Anhänger der -Bewegung nun sind von Nursis und Gülens Doktrin stark abhängig.218 Sie versammeln sich ebenfalls regelmäßig, wie Nurcus, um Nursis und Gülens Kommentare zu Koran, ḥadīṯ und Risale-i Nur zu lesen und zu besprechen. Dieser Umstand mag mit dazu geführt haben, Gülen und seine Sympathisanten der Nurcu 219-Bewegung zuzuordnen.

Auf der anderen Seite trennte sich Gülen im Jahr 1972 komplett von der Nurcu-Bewegung und gestaltete seinen eigenen Kreis. Später vergrößerte sich dieser, und er hat seither eine starke eigene organisatorische Struktur gewonnen. Heute ist die Zahl der Anhänger der Hizmet-Bewegung deutlich größer als die Reste der Nurcu- 220 Bewegung . Besonders durch die Verbreitung der Schulen der

 

214 Gülen behauptet: „Der Kampf durch das Schwert ist eine außergewöhnliche Situation,

die nur in der Verteidigung gesucht werden kann.“ Siehe: Interview mit Gülen, Aksiyon Zeitschrift, 1998

215 Kösebalaban, 2003, S. 179

216 Voll, 2003, S. 254

217 Karabaşoglu, 2003, S. 275-6, 293

218 Kömecoglu, 2000, S. 2

219 Barton, 2007

Hizmet-Bewegung haben Gülens Name und seine Bewegung an Beliebtheit und Popularität gewonnen.

Hilfreich ist es hier, die Wahrnehmungen der Anhänger der Nurcu-Bewe-gung selbst gegenüber Gülen und der Hizmet-Bewegung zu betrachten, also die Frage, ob diese die Hizmet-Bewegung als einen Teil der Nurcu-Bewegung ansieht oder nicht und welche Unterschiede sie zwischen ihnen erkennt. Gemäß Caki gibt es keine bedeutende kritische Ansicht unter den Anhänger der Nurcu-Bewegung 221 gegenüber Hizmet .

In seiner Untersuchung teilte Caki die Interviewpartner in zwei Kategorien ein: Unternehmer-Nurcus (die Anhänger der Nurcu-Bewegung) und intellektuelle Kader der Nurcu-Bewegung. Die erste Gruppe hat eine insgesamt positive Ansicht von der Hizmet-Bewegung. Jedoch bedeutet das nicht, dass sie keine Kritik in Einzelbereichen ausüben würde. So bemängeln manche, dass in der Hizmet-Bewegung Nursi und sein Werk (Risale-i Nur) nur eine sekundäre Position nach Gülen einnähmen. Aber trotz aller Kritik bevorzugen fast alle Unternehmer-Nurcus die Schulen der Hizmet-Bewegung für ihre Kinder. Obwohl einige aus dem intellektuellen Kader eine ähnliche Position vertreten, scheinen die meisten von ihnen jedoch ein anderes Bild von der Hizmet-Bewegung zu haben. Für sie machen deren Institutionen erhebliche Fehler und diese Institutionen spiegeln die grundsätzlichen Unterschiede zwischen der Hizmet- und der Nurcu-Bewegung wieder. Zwei Hauptunterschiede werden hervorgehoben: die Rolle der Führung und der Wille zur staatlichen Macht. Zwar weist Gülen diese Art von Beschuldigungen stets zurück. Doch finden Mitglieder des intellektuellen Kaders der Nurcu-Bewegung diese Dementi nicht überzeugend genug. Sie glauben auch, dass „ein Fuß der Hizmet-Bewegung innerhalb der Nurcu-Bewegung steht, während der andere außerhalb der Bewegung steht.“222

Zusammenfassend kann man sagen, dass Nursis Lehre Gülens Gedankenwelt tief geprägt und Gülen seine praxisorientierte Lehre auf dieser Grundlage aufgebaut hat. Auch wenn es einige Unterschiede zwischen den beiden Gelehrten gibt, hat Gülen Nursis Überzeugungen neu interpretiert und teilweise neu zur Diskussion gebracht. Damit hat er auch die Aufmerksamkeit der jüngeren islamischen Intellektuellen auf Nursi gelenkt. 223 In Übereinstimmung mit Nursi sind Gülens Ideen stets praktischer Natur. Sein Denkart rückt die Praxis oder aksiyon (deutsch: Aktion) ins Zentrum. Als ein dominierender Interpret des Islam und eine Lokomotive islamischer Betätigung

 

221 Caki, 2001, S. 5-9

222 Caki, 2001, S. 11-13 ist er heute zu einer Brücke zwischen dem Westen und dem Osten geworden. Sein mittlerer Weg versöhnte die exoterische des Islam mit der esoterischen Seite – und damit das Herz mit dem Intellekt.