Der "Mensch des Dienstes" bei Fethullah Gülen: Nachfolger des "vollkommenen Menschen" in der islamischen Mystik?

8 Zusammenfassung

Gülen zufolge gibt es viele unterschiedliche Wege zu Gott, aber er betont darunter doch zwei Hauptströmungen darunter: Die Wege der Sufi-Orden (ṭarīqa) zum einen und die Wege des Hauptstroms im engeren Sinne, d.h. ohne eine Sufi-Lehre oder Gestaltung in einer Sufi-Bruderschaft, nur dem Koran und der Sunna zu folgen. Auf diesem zweiten Weg formuliert Gülen eine neue Variante: den Weg der Wahrheit. Dadurch hält er Abstand von der Anhängerschaft zu einer bestimmten Sufi-Bruderschaft oder tekke, obwohl er die Erkenntnisse und Betonungen des Sufismus nicht zurückweist oder vernachlässigt. Er ist vielmehr der Meinung, dass der Sufismus nicht auf klassische Disziplinen oder Institutionen beschränkt werden kann. In dieser Gedankenfolge kann man behaupten, dass die Hizmet-Bewegung die Besonderheiten dieses esoterischen (inneren) Kulturerbes weiterträgt, obwohl die Anhänger der Bewegung weder die klassischen Methoden der Sufi-Orden in ihren Institutionen praktizieren, noch aktiv an der Aktivitäten anderer Sufi-Orden teilnehmen.

Anstatt dieser klassischen Institutionen und Methoden entwickelte die Hizmet-Bewegung Bildungseinrichtungen, Medientätigkeiten und Dialogprojekte, um vollkommene Menschen (al-insān al-kāmil), also hizmet İnsanı, und in weiterer Folge eine „Goldene Generation“ zu erziehen. Deshalb nimmt die Bildung den ersten Platz in Gülens System ein. Zudem beruht sein Bildungsprojekt auf drei Grundsätzen: die Kultivierung der Ethik, das Unterrichten der Wissenschaft und die Selbstbeherrschung. Dieses moralische Bewusstsein soll aber durch die Teilnahme an Aktionen angehoben und unter Beweis gestellt werden.

Gülens al-insān al-kāmil-Lehre, die die Suche nach der Wahrheit zur Hauptaufgabe des menschlichen Lebens erklärt, wird auf dem Wege des indirekten und impliziten Lernens in den Schulen der Bewegung praktiziert. Dadurch entsteht der geistige, intellektuelle und physische Vervollkommnungsprozess des hizmet insanı. Diesbezüglich ist zu betonen, dass Gülen die Frage der Erziehung und die der Institutionen als voneinander untrennbar ansieht. Deshalb sind die Schulen, Internate und Nachhilfezentren feste Bestandteile dieses Systems geworden, deren große Rolle für den Erfolg der Bewegung unverzichtbar ist. Beiliegend erreichte die Institutionalisierungsphase der Bewegung durch die Gründung der ersten privaten Universitäten in den letzten fünf Jahren ihre natürlichen Grenzen.

Außerdem ist es notwendig, die innere und äußere Struktur dieser Schulen klarzustellen. Jede Einrichtung in der Türkei oder in anderen Ländern hat eine Die Einrichtungen der Bewegung sind voneinander formal unabhängig, obwohl sie auf der Beziehungsebene der Leiter untereinander zu einem lokalen Netzwerk verbunden sind. Es gibt keinen zentralen Verwaltungsapparat, sondern ein Netz lokaler Körperschaften, in denen Zusammenarbeit und gegenseitige Aufmunterung stattfinden. Die Schulen nehmen Gülens Vision der Ausbildung auf und bemühen sich, seine Grundsätze im konkreten Handeln zu vertreten, aber sie werden lokal geführt und organisiert.

Die Beziehung zwischen Gülen, der Hizmet-Bewegung und den Einrichtungen ist lose und man kann eher von einer geistigen Inspiration als von einer Organisation sprechen. Weder die Schulen noch die Lehrer gehören einer bestimmten Clique oder Gemeinschaft an. Sie sind teilweise sogar Nicht-Muslime und in vielen Fällen haben sie nie zu den Schülern von Gülen gehört. In diesem Sinn dürfen die Schulen nicht als Gülen-Cemaat-Schulen betrachtet werden. Zudem ist die Gesamtanzahl der Standorte dieser Schulen leider für Forscher noch unklar, weil die Schulen im Kontext des jeweiligen Landes oder Bezirks gegründet wurden und voneinander völlig unterschiedlich und unabhängig sind.

Auf der anderen Seite werden die Bildungsinstitutionen der Bewegung, besonders die Schulen, als säkulare Institutionen kategorisiert, weil sie einen gewissen Abstand zu islamischer Erziehung halten. Diesbezüglich erscheint aber eine Dichotomie: Obwohl es in den Kurrikula keinen Islam- oder Religionsunterricht gibt, werden sie durch Gülen als geistige Orte bezeichnet. Zudem vernachlässigen diese Schulen lokale Bedingungen nicht und folgen meist dem Lehrplan des Gastgeberlandes. Die Schulen der Hizmet-Bewegung, die die materiellen und menschlichen Arbeitskräfte erfolgreich mobilisiert und ihren Auftrag umgesetzt haben, erziehen keine Reaktionäre oder Fundamentalisten, sondern zeitgenössische Individuen.

In diesem Zusammenhang werden die Bildungseinrichtungen der Bewegung mit zeitgenössischen Schulen anderer Gruppen, wie der jahrhundertealten Mission der katholischen Jesuiten-Bildungseinrichtungen, den britischen Modellen in Afrika oder der Entwicklung moderner Schulen durch Indonesiens Muḥammadīya verglichen. Obwohl es einige Gemeinsamkeiten zwischen all diesen Initiativen gibt, existieren aber grundsätzliche und große Unterschiede.

Auf der anderen Seite wurden die Bildungsinstitutionen in einigen Punkten kritisiert: die Kompatibilität seines Modelles mit modernen Werten und Systemen in Bezug auf die Willensfreiheit und den Individualismus; ihm wurde vorgeworfen, die Ideen der Nur-Bewegung und religiöse ideale und islamische Werte in die Klassenzimmer zu bringen, einen nationalistisch geprägten Staat erschaffen zu wollen, einen islamischen Staat zu errichten oder Gegeneliten zur

Diese Kritikpunkte wurden sowohl durch die Vertreter der Bewegung als auch durch Forscher bereits widerlegt. Der Verfasser hat auch keine festen und starken Beweise finden können, welche auch nur annähernd diese Kritikpunkte untermauert hätten. Diese Schulen haben ein loses Netzwerk und werden in erster Linie aus der Verbundenheit durch gemeinsame Werte und Methoden heraus ausgestattet und organisiert. Zusätzlich stehen sie allen Menschen offen, obwohl die Gründer und Verwalter dieser Schulen aus der Kerngemeinschaft der Bewegung herangezogen werden. Zudem arbeiten diese Schulen mit den Regierungsbehörden und lokalen Gemeinschaften zusammen. Außerdem scheint es schon allein faktisch als unmöglich, angesichts staatlicher Kontrollen und Beobachtungen durch Sponsoren und Medien solche rigiden und marginalen Ziele wie eine angebliche „Islamisierung“, „Nationalisierung“ usw., zu verwirklichen. Des Weiteren ist es im Moment schwierig, ihren tatsächlichen geschätzten geistigen Einfluss auf die Schüler und die Gesellschaft zu messen. Außerdem gab es bis heute keinerlei gerichtsfeste Bestandaufnahme, die diese Vorwürfe bestätigt hätte.

Die Beliebtheit in der Gesellschaft festigt dieses Bild. Es ist bemerkenswert, dass sogar viele Kritiker die erziehungswissen-schaftlichen Erfolge dieser Institutionen trotz ihrer Vorbehalte bestätigen. Meiner Meinung nach ist die Bewegung innerhalb der Grenzen der menschenrechtlichen und freiheitlichen Demokratie tätig und lehnt Terror, Streit und Konflikt streng ab. Zudem sollte Widerspruch stets im Rahmen des fairen Wettbewerbs stattfinden.

Auf der anderen Seite werden durch Gülen und die Hizmet-Bewegung andere vielseitige Lehrmethoden, wie die sohbet (die freie Vorlesungen durch Volksversammlungen) und Sommercamps (türk. yaz kampları) kultiviert. Darüber hinaus wurden informelle Institutionen wie die ışık evler (Licht-häuser), beşinci kat (der fünfte Stock), das Akademie-Kulturzentrum, das Rehabilitation-Exerzitien-Zentrum in Pennsylvania (Gülens gegenwärtige Wohnung) ins Leben gerufen. Gülen legt großen Wert auf die sohbet-Methode, die älteste traditionelle Erziehungsmethode in vielen Kulturen sowie in der Sufi-Kultur ist, die nicht nur auf einem theoretischen Sinn, sondern auch auf einem praktischen Erziehungsmodell basiert. Dadurch kann die Bewegung neue Leute kennenlernen und neue geschäftliche und soziale Netzwerke aufbauen. Zudem sind die Sommercamps die originellste Entdeckung der Hizmet-Bewegung in Bezug auf die moralische Erziehung. Diese werden durch Gülen als Baracke der Soldaten im Sinne von disziplinarischer Erziehung, aber gleichzeitig als tekkes im Sinne der geistigen Erziehung beschrieben. Außerdem ist das ışık evi-Konzept ein mit der pädagogischen und inspirierten Funktion der Gruppe verbundenes Symbol der Bewegung und ihre Existenz wird vielmals diskutiert auf eine Sufi-Interpretation als Bereiche der modernen und traditionellen islamischen und säkularen Ausbildung sehen und von einem Erleuchtungsprozess ausgehen kann.

Auf der anderen Seite wird der Bildungsdiskurs der Bewegung seit den 1980er-Jahren über ein aktives Mediennetzwerk, über Finanz- und Gesundheits-dienstleister und andere soziale Organisationen verbreitet. Durch eine Nach-richtenagentur (Cihan), einen Fernsehsender mit verschiedenen Kategorien (Samanyolu Group), eine Tageszeitung in vielen Sprachen (Zaman) sowie mehrere Zeitschriften und Verlage werden die Aktivitäten der Bewegung weitergeleitet. In diesem Sinn kann man behaupten, dass Gülens Endziel, die Gestaltung und Förderung eines neuen al-insān al-kāmil-Konzepts und einer Goldenen Generation, mittels Technologie und Massenkommunikationsmitteln verfolgt wird. Diese Medieneinrichtungen erleichterten und beschleunigten die Entwicklungs- und Verteidigungsprozesse der Bewegung. Zudem ist es bemerkenswert, dass sie Akademikern zufolge während des Demokratisierungsprozesses der Türkei im 21. Jh. eine große Rolle spielen.

Auf der anderen Seite werden die Aktivitäten der Bewegung weltweit als NGO (non-governmental Organisation) strukturiert und diese Unabhängigkeit hilft ihnen auf der internationalen Bühne. Die Vereine für den Dialog, für sozi-ale und gesundheitliche Hilfe für Frauen und Kranke, Hilfsvereine für Arme und Bedürftige, Wettbewerbe für Schüler und Studenten usw. zeigen uns, dass die Bewegung ein wichtiges Element der Gesellschaft geworden ist.

Die Dialogideen Gülens werden durch diese Institutionen verbreitet und neue Netzwerke mit Politikern, Akademikern und anderen Leuten aus unterschiedlichen Schichten aufgebaut. Die historische Entwicklung der Hizmet-Bewegung fing mit den Bildungsaktivitäten an und in den folgenden Perioden wurde eine andere, jedoch nicht weniger wichtige Aufgabe entdeckt: der Dialog zwischen Kulturen und Religionen sowie die Toleranz überall in der Gesellschaft. Am Anfang leisteten die Bildungsinstitutionen der Bewegung diese Aufgabe neben ihrer Haupttätigkeit. Dann wurden spezielle Dialogzentren für diese Aufgabe gegründet. Diesbezüglich kann man zusammenfassen, dass die hizmet-insanı- und Goldene-Generation-Ideale Gülens im gesellschaftlichen Leben durch diese Institutionen und ihre Dialog- und Toleranzaktivitäten praktiziert werden.

Die Finanzierung der Institutionen der Bewegung ist eine der wichtigsten Teile dieser Arbeit,weil sein neues Menschen-Modell hizmet insanı sich nicht nur auf das Jenseits bezieht, sondern auch auf diese Welt. Deshalb kann man behaupten, dass der hizmet insanı eine überlegte Beziehung zum Hab und Gut entwickeln wird. Zudem wurde die Erziehungsidee Gülens nur durch die Institutionen wurde vielmals kritisiert. Gülen behauptet, dass die Einrichtungen der Bewegung hundertprozentig mithilfe lokaler Quellen gegründet wurden. Außerdem werden ihre Buchhaltungssysteme und ihr Budget durch die lokalen und staatlichen Behörden sowie durch die Sponsoren regelmäßig kontrolliert. Diesbezüglich kann man sagen, dass Gülen das taqwā- Konzept des Islam neu interpretiert und für ihn bedeutet taqwā die Summe der Anstrengungen eines Muslims auf allen Feldern von Wirtschaft bis Technologie.