Der "Mensch des Dienstes" bei Fethullah Gülen: Nachfolger des "vollkommenen Menschen" in der islamischen Mystik?

2.2.7 Die Zeit in Edremit und die darauffolgenden Jahre

Gülen wurde 1972 nach Edremit und zwei Jahre später nach Manisa geschickt. Sein Vater verstarb 1975. Seine Serienkonferenzen begann er in verschieden Städten. 1976 wurde er nach Bornova geschickt. Er unternahm seine erste Euro-pareise 1977 nach Deutschland. 1979 begann er seine Tätigkeit als Kolumnist der monatlichen Zeitschrift Sızıntı. Wegen des Militärputsches vom 12. September 1980 verlor Gülen nochmals seine Prediger-Lizenz, und am 20. März 1981 trat er von seiner staatlichen Tätigkeit zurück. 103

Für die islamischen Erweckungsbewegungen war die Özal-Periode, die mit Özals erster Regierung 1983 begann und mit seinem mysteriösen Tod als Präsident 1993 endete, eine Zeit, in der der Druck etwas abgemildert wurde. In diesen Jahren erreichte die Hizmet-Bewegung bereits eine gewisse Anerkennung und erhielt Unterstützung für ihre Schulprojekte in Zentralasien.104 Das Netzwerk der Bewegung wuchs weiter: Schulen und Hochschulen wurden in der ehemaligen Sowjetunion und den Turkstaaten Zentralasiens, aber auch in Europa und den USA gegründet.105

1986 unternahm Gülen ein zweites Mal die Pilgerfahrt. Währenddessen wurde ein Prozess gegen ihn eröffnet. Obwohl das Gericht eine Einreisebeschränkung gegen ihn erließ, wollte er in die Türkei zurück, und trotz der Gefahr und der Widrigkeiten reiste er über Syrien zurück in die Heimat. In Izmir wurde ein weiterer Prozess gegen ihn eröffnet, und dort nahm man ihn auch wieder fest. Ein staatliches Sicherheitsgericht ließ ihn aber wieder frei. Nach zahlreichen Eingaben seiner Unterstützer predigte er wieder von 1989 bis 1992 in Istanbul und Izmir.

Am 29. Juni 1994 wurde auf Initiative Gülens und seiner Freunde die „Stif-tung der Journalisten und Schriftsteller“ 106 ( Gazeteciler ve Yazarlar Vakfı )

gegründet und Gülen zu deren Ehrenvorsitzendem gewählt. Während der strahlenden Eröffnungsgala im Polats-Renaissance-Hotel hielt er eine Begrüßungsansprache, und seine Popularität erhielt nach dieser Rede schnell Auftrieb. Die Teilnehmer bestanden aus Politikern verschiedener Parteien, Schriftstellern, Journalisten, Wissenschaftlern, Künstlern und Unternehmern. Diese strahlende Eröffnung fand in den darauffolgenden Tagen in den Medien ein großes Echo, und viele Artikel bewerteten Gülens Bemühungen und Aussagen sehr positiv.

 

103 Agai, 2004a

104 Özdalga, 2005, S. 429-446.

105 Yavuz, 2003; Agai, 2004; Balcı, 2005

Am Ende des Jahres 1994 traf Gülen mit der türkischen Präsidentin Tansu Ciller zusammen. Auch diese Zusammenkunft wurde in den Medien viel diskutiert. In den darauffolgenden Jahren hielt Gülen seine Kontakte mit Politikern weiter aufrecht. In den 1990er-Jahren war die „Journalisten- und Schriftstellerstiftung“ sehr aktiv. Im Ramadan wurden iftar-Dinner (Abendessen in der Fastenzeit) organisiert und Preise für Toleranz und Dialog vergeben. Gülens Interviews wurden in den Zeitungen Hürriyet und Sabah, zwei großen Medienorganen in der Türkei, veröffentlicht. Gülen gab verschiedenen Journalisten im In- und Ausland viele Interviews, die unter anderem im Wall Street Journal 107 , im Time-Magazin und in Le Monde veröffentlicht wurden.

Gülen und der Verein organisierten Gespräche mit Führern und Geistlichen verschiedener Religionen.108 Während seines kurzen Aufenthalts in den USA 1997 traf er beispielsweise den Römischen Erzbischof von New York, Kardinal John O’Connor sowie die jüdischen Rabbiner Leon Levy und Abraham Foxman. Sein am heftigsten kritisiertes Treffen war jenes mit Papst Johannes Paul II. am 9. Februar 1998 im Vatikan, wo er auch das Kardinalskollegium besuchte. 109

Nach den Wahlen im Jahr 1995 und dem Erfolg der Refah-Partei, die im Juni 1996 an die Macht kam, wurde der Gegenwind wieder etwas schärfer. Das Machtgleichgewicht an der Spitze des Staates verlagerte sich in Richtung des Militärs. Die berühmte Entscheidung des Staatssicherheitsrats vom 28. Februar 1997, die zu einer langen Liste von Forderungen an die Regierungskoalition von Refah-Partei und Doğruyol-Partei (Wohlfahrts-Partei und Partei des Rechten Weges) führte, zwang den islamisch-konservativen Premierminister Necmettin Erbakan nach fünf Monaten zum Rücktritt. 110

Aus gesundheitlichen Gründen flog Gülen im März 1999 ein zweites Mal in die USA. In Abwesenheit wurde er im Juni 1999 zur Zielscheibe einer von Militärkreisen, Bürokratie und Gülen-feindlichen Teilen der Öffentlichkeit organisierten Kampagne. Hausdurchsuchungen trafen die Gülen-Gemeinschaft, nachdem mehrere Videokassetten aus unbekannten Quellen, die Passagen von Gülens Reden und Predigten aus den 1980er Jahren enthielten, auf einem der

 

107 Ünal, 2002, S. 507-509

108 Diese freundlichen und philanthropisch geprägten Treffen weiteten sich aus und Gülen

traf auch noch mit Herrn Georges Marovitch (Direktor der Gesellschaft geistlicher Führer der türkischen Katholiken), Herrn Pier Luigi Celata (Entsandter des Vatikans in Ankara), Herrn Bartholomeus (Istanbuls Fener-Rom Patriarch), Herrn Karakin und Herrn Mutafyan (Führer der armenischen Gesellschaft), Herrn Yusuf Sag (Vize-Patriarch der syrisch-katholischen Gesellschaft), Herrn Yusuf Cetin (syrischer Metropolit) und Herrn David Aseo (Oberrabbiner) zusammen.

109 Ünal, 2002, S. 508

Hauptfernsehkanäle, Atv 111, ausgestrahlt worden waren. Ein paar Wochen nach ihrer ersten Ausstrahlung am 18. Juni wurden diese Kassetten und ihre Inhalte zum Hauptthema in allen Medien, einschließlich Zeitungen, Fernsehen und Radio.112 Gülen antwortete auf die Vorwürfe in Fernsehauftritten und Interviews in der Zeitung Zaman, die als islamisch gilt und deren Inhaber Gülen-Sympathisanten sind. Die Vorwürfe wies er zurück, die Kassetten seien manipuliert und aus Gülens verschiedenen Gesprächen und Ansprachen zusammengeschnitten worden.113

Am 22. August 2000 eröffnete das zweite Staatssicherheitsgericht in Ankara ein weiteres Verfahren, und Gülen wurde angeklagt, eine terroristische Organisation gegründet zu haben mit dem Ziel, das laizistische Staatskonzept zu ändern und einen neuen islamischen Staat zu gründen.114 Die Staatsanwaltschaft

 

111 Es ist sehr interessant, dass vor einigen Jahren der Atv-Fernseherkanal von den AK-

Parti-Sympathisanten der Çalık-Gruppe gekauft wurde, ebenso wie der Fernseherkanal Kanaltürk, der früher der stärkste Gegner von Gülen war, durch die Gülen nahe stehende Koza-Gruppe gekauft wurde.

112 Auf diesen Kassetten, deren Inhalt von der Gülen-Gruppe als willkürlich

zusammengeschnitten und manipuliert gewertet wird, befinden sich unter anderem Empfehlungen an die Zuhörer, „die Hauptarterien des Systems“ (Bürokratie und Militär) zu unterwandern. Deshalb wurde Gülen eine Taktik des Trojanischen Pferdes vorgeworfen. Özdalga, 2005; Agai, 2004a, S. 162-165

113 Agai, 2004a, S. 163; Barlas, 2000

114 Die Beschuldigungen gegen Gülen können wie folgt zusammengefasst werden: 1.

Gülen versucht, wichtige Einrichtungen wie die Justiz, die Polizei und das Militär zu infiltrieren. 2. Dem Zweck dahinter entsprechend soll der Boden für eine Machtübernahme vorbereitet werden. 3. Der Kampf um die Übernahme des Staates wird seit langem betrieben und findet in großer Geheimhaltung statt. 4. Fethullah Gülens Strategie ist, vorzugeben, er und seine Anhänger wären völlig loyal Mustafa Kemal Atatürk und dem vorhandenen Regime gegenüber, während er in Wirklichkeit sich und seine Anhänger auf eine islamistische Revolution vorbereitet. 5. Was Gülen so gefährlich macht, ist, dass er im Verbergen seiner wahren Ziele vor dem Publikum so geschickt agiert. 6. Fethullah Gülen kontrolliert „riesige“ (korkunç) Geldbeträge. Wie und wo diese Mittel verwendet werden, ist unbekannt. Da er in den Vereinigten Staaten lebt, ist davon auszugehen, dass er durch diese Supermacht unterstützt wird, um die Interessen seiner türkischen Heimat zu untergraben. 7. In den Schulen, Wohnheimen und gemütlichen Studentenhäusern (ışık evleri), errichtet im Namen Gülens, werden Studenten unter Druck gesetzt und einer Gehirnwäsche unterzogen, um seine Lehren zu akzeptieren. 8. Gülen und seine Anhänger stellen eine größere Drohung für das Regime dar als die PKK-Terrororganisation und als die Refah-Partei, weil diese Gruppen offen agieren, während im Vergleich dazu Gülen versteckt agiere. Diese auch in Medienberichten erhobenen Behauptungen wurden durch Versicherungen der höchsten Behörden, einschließlich des Anklägers vor dem verlangte zehn Jahre Gefängnisstrafe, in vergleichbaren Fällen hatte es Urteile von bis zu fünf Jahren Haft gegeben, aber letztendlich wurde er frei-gesprochen.115 Am 5. Mai 2006 wurde das Strafrecht geändert und Gülen war endgültig frei. Im Juni 2008 bestätigte das oberste Gericht diese Entschei-dung.116

Seit 1999 lebt Gülen in Pennsylvania in den USA, wo er 2008 eine unbe-schränkte Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung für die Vereinigten Staaten (Green Card) erhielt.117 Er führt an seinem Aufenthaltsort weiter Gespräche mit seinen Schülern und hält Vorlesungen in engem Kreise.118

 

begleitet, dass ein Gerichtsverfahren gegen Fethullah Gülen lief, in welchem dem Angeklagte die Todesstrafe drohen könnte. (The Daily Cumhuriyet, 21.6.1999)

115 Özdalga, 2005

116 http://arsiv.sabah.com.tr/2008/03/07/haber,4761F4FE614046F6884CF5506

397B237.html (02.10.2011)

117 Blume, 2008

118 Seine aktuellen Vorträge werden wöchentlich im Internet veröffentlicht.