Der "Mensch des Dienstes" bei Fethullah Gülen: Nachfolger des "vollkommenen Menschen" in der islamischen Mystik?
7 Zusammenfassung
In diesem Kapitel haben wir gesehen, dass die Sufi-Gelehrten in ihren Einschätzungen über den existenziellen Zustand des Menschen übereinstimmen. Es gibt nur einige Unterschiede im Hinblick auf die Besonderheiten dieses Menschen und seine Rolle als ein Vertreter und Verantwortlicher gegenüber den anderen Menschen als Lehrer und Führer, sowie gegenüber Gott als dessen ḫalīfa (Vertreter) auf der Erde. Durch seine vertikale, transzendente Beziehung mit Gott erhielt er eine Zwischenstelle (Isthmus) zwischen Universum und Gott. Zudem wurde er in Bezug auf seine Vertreterposition als das Glanzmittel für den Spiegel des Kosmos gesehen, auf dem die Namen und Attribute Gottes erscheinen.
Es gibt jedoch einige wichtige Wahrnehmungsprobleme zwischen Gelehrten, die auf die vielfältigen Dimensionen oder Beziehungsebenen wie die ontologische, anthropologische und epistemologische Dimension zurückzuführen sind. Die Überzeugungen Ibn ʿArabīs, besonders seine Formulierung waḥdat al-wuǧūd (Einheit des Seins), die für seine Lehre des al-insān al-kāmil (vollkommener Mensch) relevant ist, prägten alle andere Sufi-Gelehrten in den folgenden Epochen. Einerseits ist dieser „vollkommene Mensch“ das Kind der Zeit in Bezug auf seine Verantwortlichkeit und seine Vertreterschaft und als Inhaber des Zeitpunktes (ṣāhib al-waqt). Zudem wird er als al-ʿaql al-aūwal, al-ʿaql al-kull usw. und von manchen Sufis als pīšuwa, hādī, mahdī usw. bezeichnet.
Parallel beschreibt Gülen den vollkommenen Menschen hauptsächlich als den Spiegel des Daseins Gottes und den Besitzer der zwei Seiten der Schöpfung, dessen Aufgabe es ist, die Schöpfung bekannt zu machen und die „heimlichen Schätze“ zu entdecken. Zudem hat er die Erkenntnislehre durch Gott in seine ersten Unterrichtseinheiten über die erste Schöpfungsphase im Himmel gepackt. Deshalb ist er ein ʿālim (Gelehrter), und entsprechend seinem Erkenntnisgrad nennt man ihn sufi, murīd, muršid, quṭb, ġauṣ usw. Gülen unterstreicht hier seine Führungsaufgabe und die Vorbildposition für die Menschheit.
Es gibt insofern einen Konsens bei den Gelehrten, dass der al-insān al-kāmil durch die vollkommene Manifestation in des Propheten Muḥammads Dasein präsentiert wurde. Trotzdem kann jeder Mensch ein al-insān al-kāmil werden.
In Bezug auf des Menschen Beziehung mit Kosmos und Gott gibt es drei Gesichtspunkte, nämlich anthropologische, ontologische und epistemologische. Die anthropologische Dimension befürwortet eine menschenzentrierte Weltanschauung, während der ontologische Gesichtspunkt das Individuum im Zentrum des Kosmos zusammen mit seinen abstrakten und konkreten Seiten Dimension nicht mit der epistemologischen Sicht zusammenbringt, brechen diese Bezeichnungen ab, und der Mensch wird als Mikrokosmos oder Duplikat Gottes oder Gott selbst beschrieben. Die auf dem Koran beruhende Erkenntnislehre (epistemologische Dimension) der Wahrheit des Menschen im Rückgriff auf den ersten Schöpfungsprozess von Adam und dessen Lernen der Namen, durch die Gott beschrieben wird, fasst alle drei Dimensionen zusammen. Gülen interpretiert diese Beziehung entsprechend der Erkenntnislehre des Islam und formuliert diese im Kern bezogen auf die geistige Stufe qāb qausain- zwei Bogen lang (Koran, 53:9). Ihm zufolge ist der Mensch ein Mann von Ehre und verdient aufgrund seines heiligen Wertes sehr großen Respekt. Wie andere Sufi-Gelehrte beschreibt Gülen den Menschen als umfassendsten Spiegel für die Betrachtung von Qualitäten, Namen und Taten Gottes. Deswegen ist er die schönste Frucht des Schöpfungsbaums, die Essenz des Universums und das Spiegelbild der Schöpfung. Deren Knechtschaft (türk. kulluk) ist Zweck der Schöpfung.
Gülen bleibt oft in der Tradition verwurzelt, bietet aber dennoch eine Auffassung von Verantwortung an, welche die einfache Anhänglichkeit an Codes oder Moralgrundsätzen übertrifft. Die Balance zwischen Mensch, Universum und göttlicher Wahrheit zu schützen ist eine der wichtigsten Besonderheiten und Attribute der Propheten. Aber andere, einfache Menschen können auch die Stufen der Engel und Heiligen erreichen. Die wichtigsten Werkzeuge des Menschen dafür biete seine Natur. Man könne einen gemässigten mittleren Weg in einem Konzept wie „müsbet hareket“ (d.h. produktives und positives Handeln) schaffen und dadurch ein vollkommener Mensch (al-insān al-kāmil) werden.
Gülen gründet seine Sufi-Ontologie aber auch auf der Gottheitslehre. Im Namen „Allāh“ wird der Grund für die gesamte Schöpfung beschrieben. Epistemologisch ist Allah außerhalb aller Beschreibungen. Aber die Menschen können Ihn durch Seine Namen und Seine Attribute erkennen. Zudem wird die Wahrheit Gottes in vier Stufen eingeteilt: Gott Selbst; Seine Attribute, Seine Taten und die Gegenstände. Nach dieser Einteilung gibt es geistliche Schichten zwischen den Geschöpfen und Gottes Essenz: Gottes Taten, Seine Namen, Seine Attribute, Seine Angelegenheiten und Seine Essenz. Es ist bemerkenswert, dass Gülen sich ohne Angst um die extremen Gipfel der Erkenntnislehre des Islam nach Nursi, Imām Sirhindī und Ibn ʿArabī bewegt und die schwierigen und problematischen Themen und Begriffe dieser Reise erfolgreich und nach seinen eigenen Worten nur mithilfe des Korans und der Sunna problemlos behandelt und interpretiert.
Gülen befindet sich in Übereinstimmung mit Sufis, die die Gottesnamen als nicht, die behaupten, dass die Ereignisse und Gegenstände nur aus Schatten und Halluzinationen bestünden und kein wahres Dasein hätten. Nach Gülen ist die Wahrheit der Dinge fest und sie existieren wahrhaftig. Damit stellt er sich den Sufis oder Philosophen wie Ibn ʿArabī entgegen, die die Lehre der waḥdat al-wuǧūd verteidigen. Jedoch ist waḥdat al-wuǧūd nach Gülen keine Station, sondern ein Zustand während der geistlichen Reise, sie ist keine Theorie, sondern eine geistliche emotionale Erfahrung von Einheitswissen. Diesbezüglich kritisiert Gülen auch Imām al-Sirhindī und seine Nachfolger, die diese Lehre ja immerhin selbst ein paar Schritte weiterentwickelt und die Wahrheit bezeugt haben. Eine dritte Gruppe verbindet ihre Bewertungen mit den Namen und Attributen Gottes, beobachtet den Kosmos von diesem Blickwinkel aus und beschreibt ihr Bezeugen mit den Worten: „Es gibt keinen Gott, keine Absicht, und keinen Gewünschten außer Ihm.“ Gülen zufolge soll diese letzte Ansicht das geeignete Konzept gemäß Koran und Sunna sein. Laut Gülen ist diese geistige Reise riskant und man soll während seiner Reise vorsichtig sein und die richtigen oder passenden Wörter wählen, wenn man seine Sinnesempfindungen, Begeisterungen und Erlebnisse beschreiben wolle. Es gibt es ja sogar viele negative Beispiele in der Geschichte, wo Menschen ihrer Aussagen wegen hingerichtet oder bestraft wurden. Es ist aber zu betonen, dass Gülen trotz seiner Kritik an diesen fehlgehenden Leuten diese nicht der Ketzerei beschuldigt.
Gülen sieht das Universum als ein Buch zum Lesen und Beobachten sowie als etwas, das es vor Missbrauch oder Abnutzung zu bewahren gelte. Diese Aufgabe nennt er auch „Wissen“. Insofern kann man behaupten, dass Gülen den epistemologischen Weg zwischen den anthropologischen und ontologischen Gesichtspunkten in Bezug auf das Verhältnis Menschen–Gott–Kosmos ausgewählt hat. Denn er vernachlässigt weder die vertikale noch die horizontale Beziehung der Menschen zwischen Gott und Universum. Er benutzte sogar beide Richtungen sehr effizient, um eine starke und richtige Erkenntnislehre zu gewinnen.
Gülen beschreibt den Sufismus als die Praxis, die den inneren Aspekt des Herzens und das Wissen über die Schöpfung in Bezug auf die manifesten und die versteckten Reiche kultiviert. Der Sufi ist ein Schüler dieses Wissens und ein Ritter, der zu den Tiefen dieses Wissens aufbricht. Er bewegt sich immer in Richtung des al-insān al-kāmil-Horizonts. Dabei ist al-insān al-kāmil eine allgemeine Sprache, die abhängig von Gottes Herrschertum, von seinen Attributen, Namen und Taten ist.
Dem Sufismus zufolge ist Allah das Reiseziel und der Mensch der Reisende, obwohl es unterschiedliche „Sufi-Wege“ gibt. In diesem Zusammenhang definiert Gülen den hizmet insanı in Bezug auf den Sufismus als „hak yolcusu“ murīd, sālik, wāṣil ,ʿārif, saiyāh, irade insanı (der selbstbeherrschte Mensch), kudsiler (Heilige), iman ve aksiyon erleri, den Vertreter des īmān-šariʿa-ṭarīqa-haqīqa-Wegs, und mirasçı (Erbe oder Erbin). Er meint damit die Menschen, die das Gleichgewicht zwischen Allah, Menschen und Individuum herstellen. Zusammenfassend gründete Gülen sein System auf dem menschlichen Dasein und nimmt die al-insān al-kāmil-Lehre des Sufismus als Basis, auf die er sein neues Menschen-Modell hizmet insanı aufbaut.
Das Hauptmotto der Gülen-Bewegung ist hizmet. Die Idee ist, anderen Leuten zu dienen und nicht sich selbst. Es ist ein Ideal, das ein Vermächtnis von Sufi-Idealen trägt. Mit diesem Konzept möchte Gülen in dieser Welt Gottes Zufriedenheit (riḍā) gewinnen, welche eine Stufe in der geistlichen Reise des Sufis beschreibt. In diesem Zusammenhang identifiziert sich die Gülen-Bewegung als hizmet. Ihre Dienste konzentrieren sich auf alle Bereichen der Gesellschaft. Im Rahmen seines hizmet-Konzepts entwickelt Gülen ein neues Modell vom Menschen, hizmet insanı, dessen Attribute Toleranz, Liebe, gaye-i hayal (heiliger Zweck des Lebens), diğergamlık (Altruismus), mesuliyet duygusu (Gefühl der persönlichen Verantwortung), adanmışlık ruhu (Geist der Hingabe), Großzügigkeit, gegenseitige Hilfe und Nächstenliebe usw. sind. Diese Tugenden beruhen sogar auf der Zeit des Propheten Muḥammad. Diesbezüglich bevorzugt Gülen die Mitarbeiter und Freiwilligen der Bewegung in der Position des al-insān al-kāmils und befürwortet die Hizmet-Einrichtungen, d. h. die Schulen und Dialogzentren. Es ist aber immer ein Diskussionsthema, ob sie diese Tugenden tragen oder nicht.
In diesem Sinn charakterisiert Gülen aber eine alternative soziale, rationale und aktivistische Art von Sufismus und versucht einen Platz in der Mitte der Gesellschaft für seine Zuhörer und Sympathisanten zu schaffen. Dadurch können sie ihre Glauben schützen und ihre religiösen Aufgaben zwanglos praktizieren.
Nachdem Gülen sein neues Menschenmodell und dessen Fortentwicklung beschrieben hat, weist er auf sein Endziel hin: die Umformung der Gesellschaft. Wie andere berühmte Gelehrten suchte Gülen seit den 1960er-Jahren nach einer neuen idealistischen, aktivistischen und toleranten Generation; begeistert nennt er sie anhand der islamischen Quellen „altın nesil“ (Goldenen Generation). Dadurch soll eine vollkommene Gesellschaft erreicht werden. Gülen sieht eine soziale Umgestaltung „von unten nach oben“ vor. Dabei könne eine kognitive Transformation der Gesellschaft nur auf dem Wege der Ausbildung verwirklicht werden. Diese neue Generation beruht auf vier polarisierten Errungenschaften in den muslimischen Gesellschaften: auf der modernen Wissenschaft der öffentlichen Schulen, den islamischen Kenntnissen der madrasa, dem geistigen
Schließlich hat Gülen die Traditionen von Anatoliens humanitärem Sufismus durch Nursis şahs-ı manevi-Konzept (arab. aš-šaḫṣ al-maʿnawī; personifiziertes Kollektivbewusstsein oder Person d. h. die Gemeinschaft, türk. cemaat) umgesetzt. Dies soll ein wichtiger und origineller Beitrag Gülens zur al-insān al-kāmil-Lehre sein,da er an die Stelle einer einzigen vollkommenen muršid- oder quṭb-Lehre des Sufismus den aš-šaḫṣ al-maʿnawī gestellt hat. Als Beauftragter oder Vertreter Gottes bzw. im Rahmen eines Kalifats auf der Erde übernimmt sogar diese geistige Persönlichkeit die Verantwortung, welche bis heute dem Sufismus zufolge von einer einzigen vollkommenen Person vertreten wurde.
Dabei unterstreicht Gülen, dass die Kollektivität auf der freiwilligen Teilnahme des Individuums beruhen muss. Das Individuum könne in der heutigen globalisierten Welt die Stufe, die durch die Gemeinschaft (ǧamāʿa) erreicht wird, allein nicht erlangen, auch wenn es ein Genie oder sehr erfolgreich sein sollte. Zudem formuliert Gülen diese Form der Vertretung als walāya der ǧamāʿa. Die geistigen Positionen wurden in der Vergangenheit durch hohe Vorbilder der Spiritualität, insbesondere in jeder Ära durch einen quṭb als al-insān al-kāmil vertreten. Gülen zufolge werden heute quṭb, fard und autād in erster Linie durch die kollektiven geistigen Körper oder das kollektive Bewusstsein vertreten. Entsprechend sieht Gülen seine eigene Rolle innerhalb der Bewegung als gering an, und er wiederholt, dass die Ergebnisse und irgendwelche zukünftigen Erfolge der Bewegung nicht als Erfolge bestimmter Personen innerhalb der Bewegung präsentiert werden können.