Der "Mensch des Dienstes" bei Fethullah Gülen: Nachfolger des "vollkommenen Menschen" in der islamischen Mystik?

2.2 Gülens Lebenslauf und seine Begegnung mit dem Sufismus

2.2 Gülens Lebenslauf und seine Begegnung mit

dem Sufismus

Wenn wir Gülens Sufi-Denkweise analysieren möchten, müssen wir uns auf den historischen Hintergrund seiner Person konzentrieren. Denn Gülen ist stark ver-bunden mit den geistlichen und moralischen Entwicklungen seines Kulturerbes.55 Es muss hier betont werden, dass die erste Quelle für unsere Untersuchung über Gülen und seine Geschichte seine eigenen Aussagen und Erzählungen sind.56 Zudem wurden weitere Quellen, darunter selbst durchgeführte Interviews mit Fethullah Gülen, seinen Familienmitgliedern sowie seinem engen Schüler- und Freundeskreis, herangezogen und intensiv ausgewertet.

 

2.2.1 Vorgeschichte und Familienleben

Die Geschichte Gülens beginnt in Korucuk, einem abgeschiedenen Ort in Ostanatolien, dessen Einwohnerzahl 600 Personen nicht überschreitet. 1941 (nach anderen Angaben 1938) wurde Muhammed Fethullah hier als Sohn des

 

52 http://tr.fgulen.com/content/view/17945/11/ (05.04.2012) 53 "al-Ḥayāt Kalimatun", MBC, 11. Juli 2009. In der Sendung wurde erklärt, dass es

keine andere, ähnliche Bewegung in der Welt gäbe, weil diese Bewegung keine führerzentrierte Bewegung sei. Trotz ihrer nationalistischen Wurzeln sei sie eine internationale Bewegung geworden. Ihr Beitrag unterstütze jedoch die moderne und kräftige Vision der Türkei in der Welt.“ Zitiert nach: www.fgulen.com;

54 Al-Waʿiuʾl-islāmī, http://www.alwaei.com/site/index.php/strategy (01.10.2011)

In diesem Artikel wurden die Privatschulen der Hizmet-Bewegung und andere Institutionen bekannt gemacht.

55 Gülen, Sızıntı, Febr. 1987; Jan.,1988; Ünal, 2002, S. 90-91 56 Erdoğan, 1995; Can, 1996; Gündem, 2005, URL: http://www.fethullahgulen.org/press-

room/mehmet-gundems-interview.html (01.10.2011);

Akman, 2004, URL: http://www.fethullahgulen.org/press-room/nuriye-akmans-interview.html (01.10.2011); und Nevval Sevindi, F. Gülen ile Global Hosgörü ve Newyork Sohbetleri,

URL: http://tr.fgulen.com/content/category/29/153/15/ (01.10.2011); Für weitere Dorfimams Ramiz und dessen Frau Rafia geboren. Er war das zweite von acht Geschwistern und hat zwei Schwestern.57

In jungen Jahren wurde Gülen von seinen Eltern bzw. Großeltern erzogen und ausgebildet. Er selbst empfand seinen Urgroßvater Molla Ahmed als die Hauptfigur zu Hause. Aufgrund seiner Sufi-Attribute und seines asketischen Lebensstils sei dieser ein ehrwürdiger Mensch gewesen, der es verstand, Weisheit und Frömmigkeit zusammenzufügen.58 Gülen selbst betonte die starke Affinität zu seinem Großvater Şamil, dessen Ernsthaftigkeit, Hochachtung gegenüber echten Gelehrten und Gründlichkeit in der islamischen Praxis ihn sehr beeindruckten.59 Auch seine Großmutter spielte eine große Rolle in Gülens Erziehung. Ihr geistlicher Einfluss auf ihn war überragend, da er von ihr den richtigen Glauben und die Verbindung mit Gott erlernte. Sie war eine sehr ernsthafte Frau, und wie Gülen sich erinnerte, hörte er sie nie laut lachen.60

Gülen erwähnt auch seinen Vater Ramiz Efendi mit großer Verehrung und großem Respekt und betont dessen großen Einfluss auf ihn. Er beschreibt seinen Vater als einen Teil der Bildungselite, obwohl Ramiz Efendi aus einem kleinen Dorf stammte. Zudem nennt Gülen ihn ein weisen und sehr humorvollen Menschen, der seine Zeit immer sehr effizient genutzt habe. Er beherrschte das Arabische sowie das Persische fließend, und sein Respekt für den Propheten Muḥammad und die Freunde des Propheten wie auch für die osmanischen Könige war bemerkenswert. Seine Wissbegierigkeit und seine Liebe zum Lesen prägten Gülen stark.61

Gülens Mutter war Gülens erste Koranlehrerin. Trotz aller Schwierigkeiten lehrte sie ihn, den Koran ihn arabischer Schrift zu lesen, als er vier Jahre alt war.62 Dann hatte Gülen in einem Monat den Koran komplett durchgelesen, allerdings ohne die Worte zu verstehen. Mit zehn Jahren vollendete er seine Ausbildung zum ḥāfiẓ 63 . Kurtz unterstreicht diesen Erfolg im jungen Alter und

 

57 Erdoğan, 1995, S.15-18

58 Erdoğan, 1995, S. 16; Eustis, 2006 59 Gökcek, 2006, S. 166

60 Erdoğan,1995, S. 21-23

61 Erdoğan, 1995, S. 25-33; Kurtz, 2005 62 In diesem Zeitraum war es verboten, den Koran öffentlich zu lesen oder zu

unterrichten. Sie unterrichtete ihren Sohn heimlich. Siehe: Erdoğan, 1995

63 Ünal, 2002, s.85. Als ḥāfiẓ (arab. ﻅﻑﺍﺡ‎ von ﻅﻑﺡ‎ / ḥafiẓa /‚ Pl. ﻅﺍﻑﺡ‎ / ḥuffāẓ : behüten)

bezeichnet man im Arabischen eine muslimische Person, die den gesamten Koran auswendig gelernt hat. Den Koran auswendig zu lernen (D.h. ḥāfiẓ Ausbildung) ist eine alte Tradition sowohl in der islamischen Welt als auch in osmanischer Tradition. In den Worten des Propheten Muḥammad wurde es als eines der größten Rituale gesehen. (Buḫārī, Faḍāil al-Koran, 8) Den muslimischen Gelehrten zufolge ist der behauptet, dass Gülen danach zu beten begonnen und seitdem seine tägliche Gebete nie verpasst habe.64

In einem Interview beschreibt Gülen sein Zuhause wie ein Labor, dessen Ausstattung für eine religiöse und geistliche Gedankenreise sehr geeignet war. Jede Nacht betete sein Großvater stundenlang, und oft nahm er seinen Enkel mit in die Moschee.65 Zudem war Gülens Zuhause wie ein Gästehaus, in dem viele bekannte Gelehrte und Geistliche übernachteten und Vorträge (türk. sohbet) abhielten. Sein Vater mochte es, jeden Tag einen Gast zu haben und diesen zu bewirten. Der kleine Fethullah wuchs nach seiner Geburt in dieser geistlichen Atmosphäre auf. Sein Unterbewusstsein wurde so geprägt von dieser spirituellen, der Sufi-Tradition nahestehenden Welt.66

In seiner Kindheit wurde Gülen von hohen Geistlichen im Bereich der isla-mischen Wissenschaften, also in Koranexegese, ḥadīṯ-Lehre und der arabischen Sprache, unterrichtet. Er sprach fließend Arabisch und machte sich mit den wichtigsten muslimischen Gelehrten vertraut. Knapp vier Jahre später hielt er seine erste Predigt.67 Außerdem kam es in diesem Zeitraum zu seiner Begegnung mit Said Nursis Schriftensammlung Risale-i Nur. Diese Phase beschreibt er selbst wie folgt:

„Während meines religiösen Wissenschaftsstudiums las ich auch andere Bücher und

praktizierte Sufi-Methoden. Immer dieselben Rhythmen erzeugten Sufismus und die

religiösen Wissenschaften für mich.“68

Es lässt sich daher behaupten, dass die Sufi-Tradition Gülens Gedankenwelt sehr tief beeinflusste, und unter diesem Einfluss strukturierte er seine Lehre und besonders seine Bildungstheorie.69 Auf der anderen Seite ist auf den Einfluss der kulturellen Atmosphäre der Heimatstadt Gülens, Erzurum, auf seine Persön-

 

leicht erlernbar. Zudem ist ein ḥāfiẓ unter Muslimen sehr geachtet, da er nach ihrem Verständnis das Wort Gottes verinnerlicht hat. In der Türkei wenden Kinder ein bis drei Jahre, meistens nach der Grundschule, auf, um den Koran auswendig zu lernen und den „ḥāfiẓ“-Titel zu erhalten. Aber es ist wichtig,dabei zu betonen, dass in der Türkei die Kinder meist nur die Schriften des Korans im Kopf behalten, ohne die Bedeutung zu verstehen. Viele islamische Gelehrte wie Imām Sirhindī oder Ibn ʿArabī lernten den Koran im frühen Alter wie Gülen auswendig. Siehe: “Hafız”, İslam Ansiklopedisi, (15), 1997, s. 74-77

64 Kurtz, 2005, S. 375

65 Can, 1996, S. 90

66 Ünal, 1992, S. 86; Er gab sich bald einem einfachen Lebensstil hin, dem Gebet, der

Meditation, dem religiösen Schreiben und dem Unterrichten. Sich Häuslichkeit enthaltend, wählte er einen Pfad des Asketen. (Siehe: Kurtz, 2005)

67 Steinvorth, 2008

68 Ünal and Williams, Fountain, Oct. 2000, S. 8 lichkeit und Weltanschauung hinzuweisen.70 Die Anstellung Gülens in Edirne, einem anderen Grenzgebiet, spielte gleichfalls eine entscheidende Rolle für die Entwicklung seiner tiefen Überzeugungen und seines politischen Standpunkts.71

Umstritten ist die Frage, ob Gülens Familie zur Prophetenfamilie gehört oder nicht. Gülen und seine Familienmitglieder schweigen zu dieser Frage. Er äußerte sich lediglich einmal in einer Unterhaltung dazu und sagte, dass man zwar über eine solche Verbindung gesprochen habe, aber die Urkunde verloren gegangen sei.72 Balcı kritisiert dies und behauptet, dass Gülen eine Legende um sich und seine Familie schaffe und sich damit teilweise politisiere. Auch kritisiert er besonders Gülens Zölibat und verweist darauf, dass Gülen über die Einflüsse der Frauen in der Familie spreche, obwohl er unverheiratet sei.73

Diese Einwände werden auch oft von anderen erhoben. Gülen heiratete nie und erklärte den Grund seines Zölibats in einigen Interviews. Dabei beruft er sich auf seine Hizmet-Mission, als den Dienst, den er im Sinne der Menschlichkeit durch die Bildungs- und Dialogaktivitäten zu verwirklichen sucht. Seiner Meinung nach würde eine Ehefrau oder Familie seinen Auftrag beeinträchtigen. Deswegen lehnte er häufig Ratschläge von seiner Familie oder seinen Freunden, zu heiraten, ab.74 Auf der anderen Seite ist Gülen zwar unverheiratet, aber kein Gegner der Ehe.75

 

70 "Dadaş-Kultur": Diese Kultur vereinigt Stabilität mit Konservatismus und wird

gewöhnlich durch die Kultur von Grenzgebieten charakterisiert. Siehe: Yavuz, 2003; Aktay, 2003; Akyol, 2003

71 Yavuz and Esposito, 2003

72 Erdoğan, 1995, S. 33

73 Balcı, 2005, S. 134-135

74 Gülen fand sogar göttliche Unterstützung oder göttliche Warnung in einem Traum für

seine Entscheidung zum Zölibat: Als er 30 Jahre alt war, dachte er kurzzeitig über eine Heirat nach, aber am nächsten Morgen kam einer seiner Freunde zu ihmund sagte, dass er vom Propheten Muḥammad geträumt habe und der Prophet zu ihm gesagt habe, dass, falls er (Gülen) heiraten sollte, er (der Prophet) nicht zu seinem Trauergebet erscheine. Das war ein Beweis für Gülen, dass seine Bestimmung nicht die Ehe sei und deshalb verzichtete er auf die Heirat. Siehe: Erdoğan, 1995