Der "Mensch des Dienstes" bei Fethullah Gülen: Nachfolger des "vollkommenen Menschen" in der islamischen Mystik?
5.3 Ziel der Bewegung und ihre politischen Aspekte
Die finanziellen Quellen der Bewegung werden von Experten sehr häufig untersucht. Ebaugh weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die Bilanzen der Institutionen im Internet öffentlich verfügbar sind. Außerdem hat Gülen selbst mehrere Male die Bedeutung der Transparenz gerade in finanziellen Fragen betont. Vorwürfe, die die Bewegung wegen angeblich obskurer Finanzquellen in ein bestimmtes Licht rücken, können sich daher kaum auf empirische Daten und noch viel weniger auf konkrete Beweise stützen.822
5.3 Ziel der Bewegung und ihre politischen Aspekte
Die Kritik an der Hizmet-Bewegung, die an deren Zielen anknüpft, lässt sich in drei Richtungen untergliedern. So sehen manche als Ziel die „Islamisierung“ der Gesellschaft – in der Türkei oder allgemein –, also eine versteckte islamische Agenda hinter einem toleranten Gesicht. Im Gegensatz dazu werfen andere der Bewegung vor, sie betreibe eine Verwestlichung oder Säkularisierung der Türkei und der islamischen Welt. Der dritte Vorwurf hebt darauf ab, dass hinter einer unpolitischen Fassade handfeste politische Ziele verfolgt würden.
Islamisierung der Gesellschaft
Einige Kritiker, wie Balcı und Yavuz, behaupten, dass Gülens Ziel die Islamisierung der Türkei und das Türkisieren des Islam im Ausland sei. 823 Zudem behauptet Balcı, dass Gülen das Verhältnis zwischen Staat, Religion und Gesellschaft neu definieren will. Ziel der Bewegung sei es auch, die zukünftige nationale Elite zu erziehen, welche perfekt Englisch und Türkisch sprechen solle. Balcı sieht einen Beweis für diese Zielsetzung in der Haltung Russlands und Usbekistan, die aus eben diesem Verdacht die Institutionen der Hizmet-Bewegung zeitweilig stillgelegt hätten. 824 Auch Ghadban will ähnliche Bestrebungen eines Islamismus unter pseudo-modernistischem Lack erkennen.825 Hizmet Und gemäß Cantori möchten Gülen und die -Bewegung die kemalistischen Grundlagen der heutigen Türkei durch ein islamisches Regime ersetzen.826
Einen ähnlichen Verdacht hegt die Staatselite der Türkei, die der Bewegung daher misstraut und sie in keiner Weise befürwortet. Gülen wird vielmehr als ein rückwärtsgewandter Verräter gesehen und seine inspirierten Anhänger als Fethullahçılar geschmäht. Dieser Verdacht führt auch zu der Etikettierung als „dritte Kraft der Türkei“, die sich neben der Armee und der AKP im Land
822 Ebaugh, 2010, S. 123
823 B. Balcı, 2003; Yavuz, 1999, S. 123.
824 B. Balcı, 2003
825 Von Wrangel, 2008 entwickelt habe und der viele Abgeordnete und tausende Beamte des mittleren Dienstes ebenso angehörten wie hochrangige Staatsfunktionäre.827 Einige, wie z. B. die Kritikerin Sharon-Krespin, behaupten, die Regierungspartei AKP und die Hizmet-Bewegung würden gemeinsam die Türkei islamisieren, was dazu führe, dass das Land nicht dauerhaft säkular und demokratisch bleiben werde. Es wird sogar unterstellt, die Bewegung beeinflusse bereits heute die Regie-rungspartei und nehme insgeheim an der Regierung teil.828 Sharon-Krespin erhob zudem den Vorwurf, dass Gülen mittels seiner Spenden an Universitäten wie Georgetown oder Leeds über sich und seine „Sekte“ Konferenzen organisieren lasse.829
Steinvorth zufolge führt die von der Toleranzkultur des Osmanischen Reiches geprägte Sufi-Islaminterpretation der Hizmet-Bewegung zu diesem Verdacht der extremen Säkularen.830 Tatsächlich scheint diese Furcht vor einer „Islamisierung“ der Türkei den in hohem Maße säkular geprägten Vorstellungen zu entstammen – wobei sich die Frage stellt, ob man hier nicht Andersdenkenden exakt jene autoritären Vorlieben unterstellt, die man tagtäglich selbst nur allzu gerne praktiziert. Zugleich lässt sich die Kritik seitens der radikalen Islamisten parallel dazu als eine gewisse Abneigung gegen den Sufismus kategorisieren.831 So bezeichnet Bulut, ein bekannter Verschwörungsideologe und entschiedener Kritiker der Hizmet-Bewegung, diese als „türkische Kolonialisten-Derwische“832, und er sieht in Äußerungen Gülens einen Beweis für dessen versteckte Agenda. Buluts Befürchtungen zufolge werde Gülens „Sufi-Sekte“ in Zukunft alle Welt kolonialisieren. 833 Und der frühere Pentagon-Mitarbeiter Rubin vergleicht den im amerikanischen Exil lebenden Gülen mit dem – nicht einmal sunnitischen, sondern schiitischen(!) -
827 Sharon-Krespin warf weiter, unter Berufung auf einen ehemaligen Polizeidirektor und
alten Freund von Gülen, Nureddin Veren, der Gülen-Bewegung vor, mit 200 000 Beamten die Polizei unterwandert zu haben. Siehe: Sharon-Krespin, 2009, S. 55-66
828 Im Oktober 2008 geriet der türkische Polizeichef A.S. Saçan in den Verdacht der
Beteiligung am der so genannten „Ergenekon“-Gruppe, die im Juli 2013 in erster Instanz für schuldig befunden wurde, den türkischen Staat stürzen zu wollen. (siehe auch Samanyolu TV, Okt. 13, 2008; Rubin, 2008); Nureddin Veren ist ein alter Freund von Gülen. Vor 8 Jahre brach er mit ihm, inszenierte sich als Gülen-Gegner und zog auf dem ultranationalistischen, maoistischen Kanal Ulusal TV gegen Gülen vom Leder.
829 Sharon-Krespin, 2009, S. 55-66. Online: http://www.meforum.org/2045/fethullah-
Gülens-grand-ambition
830 Steinvorth, 2008
831 Steinvorth, 2008
832 Barkan, 1942, S. 279-304.
Reformer Ayatollah Khomeini. Rubin behauptet, dass Gülens Ziel in der Gründung eines islamistischen Staates in der Türkei bestehe, weshalb Istanbul in Zukunft wie Teheran aussehen könnte. 834 Noch interessanter ist die Behauptung Özkans, eines Journalisten, der wegen des Verdachts der Gründung einer illegalen Terrororganisation mit dem Namen „Ergenekon“ in Haft ist und erstinstanzlich verurteilt wurde, dass Gülen zwar nicht wie Khomeini zurückkommen, aber dennoch die Türkei weiterhin islamisieren werde.835 Und auch Friedman hält es für keine unrealistische Vorstellung, dass, wenn sich die islamische Welt organisierte, die Türkei an der Spitze stehen würde, wie sie es bereits über mehr als fünfhundert Jahren getan hatte.836
Ebaugh und Blume konstatieren vor diesem Hintergrund, die zentrale Be-fürchtung der Kritiker, die diese in Gegnerschaft zur Hizmet-Bewegung bringe, bestehe darin, dass Gülen die Staatsordnung, also die laizistische Republik, die Atatürk 1923 in der Türkei gegründet hatte, stürzen oder umgestalten könne. 837 Die Behauptungen dieser Kritiker, besonders von Sharon-Krespin, Rubin, Pipes, Kelek, Balcı und ähnlichen werden von den ernsthaften Experten jedoch als nicht überzeugend angesehen. Ihre Artikel scheinen mehr ein Pasticcio von parteiischen, ideologisch gesteuerten und voreingenommenen Behauptungen zu sein, und ihre Vorwürfe sind unter wissenschaftlichen Gesichtspunkten nicht zu stützen. Ihre Behauptungen scheinen primär das Ziel zu verfolgen, Angst vor einer angeblichen „islamistischen Gefahr“ zu schüren, um in weiterer Folge die Politik zu repressiven Maßnahmen gegen Andersdenkende und Andersgläubige, vergleichbar mit dem Vorgehen gegen angebliche Kommunisten in den USA während der McCarthy-Ära, zu bewegen.838
So hält Fuller die Behauptung einer verborgenen politischen Agenda oder einer angestrebten islamischen Revolution für marginal und irrelevant. Gültasli, der Korrespondent der Zaman-Zeitung in Brüssel, versichert, dass die Institutionen der Hizmet-Bewegung keine geheime Agenda verfolgten und man zudem nichts zu verbergen haben. Außerdem sei Hizmet keine Organisation, bei
834 Rubin, 2008; Brauns, 2009
835 Steinvorth, 2008
836 G. Friedman, 2009
837 Jedoch ist die Republik der Türkei seit mehr als 70 Jahren als ein säkularer Staat
regiert worden, wo die Religion, entsprechend der laizistischen Modelle, dem privaten Bereich zugeteilt wurde. Jedoch wurde dieses System von Atatürk und den Jungtürken von den Franzosen adaptiert. Siehe: Ebaugh, 2010, S. 115; Blume, 2008
838 Barton, Today’s Zaman, 10.02.2009, URL: http://www.todayszaman.com/tz-
web/news-166511-a-response-to-rachel-sharon-krespins-fethullah-gulens-grand-der man Mitglied werden könne, sondern eine Gemeinschaft von Menschen, die alle das gleiche Ziel verfolgten. 839
Auch die Quellen, aus denen diese Kritiker ihren Verdacht schöpfen, sind regelmäßig zweifelhaft oder einseitig. Dies wurde besonders an der Debatte in den Niederlanden deutlich. So scheint sich Sharon-Krespin nur auf parteiische türkische Presseberichte gestützt zu haben. 840 Außerdem ist ihre niederländische Übersetzung inkorrekt.841 Noch wichtiger ist, dass eine Anfrage an den Geheimdienst veranlasst wurde, die im September 2010 zu dem Ergebnis kam, die Bewegung sei weder staatsgefährdend noch sektiererisch.842 In diesem Sinn behauptet Dries van Agt, der ehemalige Premierminister der Niederlande, dass die Sendung des niederländischen Fernsehsenders Nova Teil einer Schmutzkampagne sei. 843 Und Riexinger zufolge beinhalten die Artikel der heftigsten Kritiker weithin ungefiltert die kemalistische und linksnationalistische Polemik gegen Gülen. 844
839 Steinvorth, 2008; Siehe auch auf http://tr.fGülen.com/content/category/27/106/126/ für
Gülens Antworten hinsichtlich der Vorwürfe in verschiedenen Zeitungen und Artikeln; Interview mit Selçuk Gültaşlı, Kopenhagen, 2011
840 Sharon-Krespin behauptet: „2008 verlangten Mitglieder des Christdemokratischen
Appells (CDA) und konservativer Parteien der Niederlande, mehrere Millionen Euro einer angeblichen Regierungsfinanzierung "an den türkischen Imām Fethullah Gülen" und an die Tätigkeiten der Gruppe gründlich zu untersuchen. Erik Jan Zürcher, Direktor des Internationalen Instituts für die soziale Geschichte in Amsterdam, und fünf ehemalige Anhänger Gülens, die in Gülens Işıkevi (Licht Häuser) gearbeitet hatten, sagten dem holländischen Fernsehen, dass sich die Gemeinschaft von Gülen schrittweise bewege, um die weltliche Ordnung zu stürzen. (Siehe: Zürcher, NOVA, 04. 07.2008)
841 Die Überschrift heißt: “Die Mehrheit des Parlaments verlangt die Untersuchung einer
türkischen Bewegung.” Zudem findet auch Riexinger die Zusammensetzung der drei Abgeordneten, die den Stein ins Rollen gebracht haben, pikant: Ein Rechtsliberaler, eine Rechtsextreme und Sadet Karabulut, eine Linksradikale (SP) kurdischer Herkunft. Gülen scheint also ein einigendes Feindbild für Nationalisten und Marxisten zu sein. Siehe: Riexinger, 2009
842 http://www.volkskrant.nl/vk/nl/2844/Archief/archief/article/detail/1712604/2010/12/31
/Sekte-onder-vleugels-open-samenleving.dhtml (19.09.2011)
843 Denn in diesem Fall befürwortet sogar der ehemalige Premierminister der Niederlande,
Dries van Agt, Gülen sowie die Gülen-Bewegung und er unterstreicht sogar die Wichtigkeit von Gülens Ideen für Europa, weil sich Gülen beispielsweise gegen Kriege eingesetzt hat und Kriege im Allgemein humanzentriert betrachtet. Siehe: Zaman Zeitung, 03.11.2009
844 Zunächst sollte man nicht vergessen, dass schon lange ein Identitätskonflikt in der
Türkei zwischen der türkischen Staatsdoktrin Kemalismus bzw. dem Nationalismus
Auch Ebaugh wirft den Kritikern vor, ihre Anklagen einzig auf ihre Vorurteile zu stützen. Sie beruft sich dabei darauf, selbst hunderte Seiten von Gülens Schriften gelesen und viele seiner Reden gehört zu haben. Zudem habe sie mit mehr als einhundert seiner Anhänger gesprochen und komme zu dem Ergebnis, dass es keine Beweise dafür gebe, dass Gülen die Absicht habe, den türkischen Staat zu übernehmen und die weltliche Regierung durch eine religiöse, islamische zu ersetzen. 845 Zwar kann Ebaugh die Ängste der Kemalisten nachvollziehen, weil der Säkularismus der Türkei in gewissem Maße bedroht sei und ihnen als drohendes Beispiel das Nachbarland Iran vor Augen stehe. Jedoch präsentierten Gülens Kritiker keine empirischen und konkreten Daten, die ihre Ängste mit wirklichen Fakten unterlegen würden, welche sich auf Gülen oder die Anhänger seiner Bewegung zurückführen ließen.846
Wie Ebaugh konnte auch der Verfasser bei seiner Forschungsarbeit in Frankreich, in den Niederlanden und in Dänemark keine konkreten Beweise für die genannten Vorwürfe finden. Gülens Reden und Artikel, die allesamt über eine Website zugänglich sind und jede Woche aktualisiert werden, beinhalten keine Spuren oder Beweise für diese Behauptungen. Außerdem sind die Aktivitäten der Bewegung allen Freiwilligen zugänglich. 847 Auch Barton betont diesen Aspekt, und wenn die Bewegung wirklich dunkle Geheimnisse hätte und Verschwörungsbestrebungen verfolgte, wäre inzwischen zweifellos zumindest ein gewisser Anteil derselben entdeckt worden. Gülen selbst weist die Vorwürfe zurück und behauptet, er werde „durch solche unwahren Beschreibungen direkt oder indirekt vor dem Gericht und vor der Gesellschaft beschuldigt und verurteilt.“848 In bestimmter Hinsicht ist seine Bewegung sicherlich eine soziale, konservative und fromme Bewegung, aber dennoch steht sie dem Islamismus diametral entgegen. 849
845 Ebaugh, 2010, S. 116: Ihrer Meinung nach ist die Tatsache, dass Leute aus der Gülen-
Bewegung, einschließlich der Institutionen, große Unternehmer in Istanbul und Bursa und Arbeitsgruppen bereit und offen waren, um mit ihr über Finanzen der Bewegung zu sprechen. Sie haben ihr so demonstriert, dass die Bewegung nicht annähernd so "heimlich" ist, wie von Kritikern behauptet wird.
846 Ebaugh, 2010, S. 124: Die empirischen Daten (z.B. Interviews, Besuche, Rezensionen
von Aufzeichnungen und Dokumenten)
847 Interviews mit dem Vorsitzenden der Association Souveran in Paris, 2005: Interview
mit Vertreter des Islam and Dialoog Alper Alasag, 2007 Rotterdam; Interviews mit Direktor der Hay Skolen und Schüler der Hay Skolen, 2010, Kopenhagen.
848 Akdag, 2009, (738)
849 Zum Beispiel ist Gülens Kritik zur Krise des 28. Februar 1997 in der Türkei, bezogen
Khan hält den Vorwurf der Kemalisten, die Gülen als türkischen Ajatollah Khomeini präsentieren, für schwach und haltlos. Gülens pädagogische und kulturelle Bewegung mit der Revolution von Khomeini im Iran zu vergleichen, hält Khan entweder für ein Zeichen der Unwissenheit hinsichtlich der vielen verschiedenen Methoden der sozialen Reform mit ihren weiträumigen Implikationen für das Wiederaufleben von islamischen Werten oder für ein Zeichen völliger Ahnungslosigkeit über die vielen Unterschiede zwischen diesen zwei großen muslimischen Staaten.850
Säkularisierung der Muslime
Einige muslimische Kritiker werfen Gülen wiederum vor, die Muslime zu säkularisieren, besonders nach dem Putsch vom 28. Februar. Seine Aussagen vor allem über das Kopftuchverbot in den Schulen und an den Universitäten, wonach es wichtiger wäre, die Chancen der Bildung zu nutzen, als auf dem Recht auf Kopftuch zu beharren, wurden von islamischer Seite oft heftig kritisiert. Gülen präzisierte seine Aussagen und behauptete, dass er mit seinen Kommentaren das Kopftuchgebot des Islam nie in Frage gestellt habe. 851 Vielmehr habe er die islamisch-theologische Wahrheit unterstrichen.852 Damit entlastete er die Situation und wandte durch diese abweichende Interpretation eine tiefe Krise ab. 853
850 Maimul A. Khan, The Vision and Impact of Fethullah Gülen: A New Paradigm for
Social Activism, Bluedome, New York, 2011, S. xiv
851 Övür, Sabah Zeitung, 9 Februar 2008
852 Gemäß der Hauptströmung der islamischen Theologie ist das Kopftuch ein islamische
Regel (Wāǧib). Siehe: Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V., 20.10.2003 URL:
http://www.bpb.de/themen/Z6AZOL,0,0,Das_Kopftuch.html%7CStellungnahme (19.09.2011)
853 Gülens Überzeugung wurde schnell quasi als eine Erlaubnis zum Studium ohne
Kopftuch, die nach islamischer Theologie und Tradition undenkbar ist, verurteilt. Aber Gülen ist absolut der Meinung, dass das Kopftuch eine islamische Regel (wāǧib) für
Frauen ist. (Siehe: Gülen, Başörtüsü ve Provokasyonlar, www.herkul.org, 06.02.2008: URL:
http://www.herkul.org/kiriktesti/index.php?view=article&article_id=5288 (19.09.2011)
Wegen des Kopftuchverbots der Putschisten vom 28. Februar hatten besonders junge Frauen mit Kopftuch in der Türkei viele Schwierigkeiten bekommen, viele hätten die Universität verlassen müssen. Und Gülen hat damals die Regel so interpretiert, dass das Kopftuch für Frauen nicht zu die fünf grundlegenden Säulen des Islam fällt, sondern zu den Einzelfragen der Theologie gehört.
Gülen, Başörtüsü ve Türban, 16.11.2001,
URL: http://tr.fgulen.com/content/view/2257/141/ (19.09.2011); Siehe: Yeni Yüzyıl
Gülens Dialog- und Toleranzverständnis sowie die Dialogorientierung der Hizmet-Bewegung fanden gleichermaßen die Kritik von Islamisten und Nationalisten. Barton hält das Engagement der Hizmet-Bewegung hier aber für tiefgründig und unverfälscht. Toleranz und Dialogorientierung machen die Bewegung einmalig; es gäbe keine große islamische Bewegung, die ihr in dieser Hinsicht auch nur annähernd ähneln würde.854
Politischer Aspekt
Gülen hielt von Anfang an einen klaren Abstand gegenüber der Politik und der politischen Methode 855 und lehnte es ab, irgendwelche politischen Parteien ausdrücklich zu unterstützen. Allerdings hat Gülen seine Nachfolger durchaus dazu ermuntert, für Kandidaten zu stimmen, die gerecht und leistungsfähig sind.856 Mit Blick auf die politische Ebene hält Gülen Abstand zu den früheren und heutigen islamistischen wie auch zu anderen politisch orientierten Parteien, was von vielen Islamisten als inakzeptabel empfunden wird.
Einige Forscher behaupten dagegen, dass Gülen eine politische Tagesordnung habe, obwohl er kein Politiker sei. Er versuche sogar das Bewusstsein zu gestalten, um die Zukunft der türkischen Demokratie zu bestimmen.857 Hizmet Insofern sehen sie in der -Bewegung eine politische Gruppierung. Eine neue Generation zu schaffen und die Gesellschaft umzugestalten könne gar nicht unpolitisch sein. Wenn sie die Gesellschaft reorganisierten, erwarteten sie auch, den Staat umzugestalten. Aus dieser Perspektive lässt sich der Hizmet-Bewegung ein politisches Projekt unterstellen, aber nicht so, wie es einige radikale islamische Organisationen in der Türkei definieren. Wie Fuller betont Yavuz, Gülens Ziel sei auf das geistige und intellektuelle Bewusstsein der Person, nicht auf Änderungen der übergeordneten politischen Struktur gerichtet.858 Grinell behauptet sogar, dass Gülen und die Bewegung durchaus eine politische Haltung verträten, obwohl sie keine Parteipolitik betrieben und nicht nach politischer Macht strebten. Ein Beleg dafür sei, dass Gülen sich für die Demokratie, die Menschenrechte und die EU-Mitgliedschaft der Türkei ausspricht – und dies soll eine konkrete politische Aussage sein. Dadurch versuche die Bewegung, politische Macht und Ehre für
Zeitung, 21 Juni 1998; Özkök, Hürriyet Zeitung, 23 Januar 1995; The Times, 30 Mai 1997
854 Barton , 2009
855 Für Gülen und Politik, siehe:
URL: http://tr.fgulen.com/content/view/3630/141/ (19.09.2011)
856 I. Yilmaz, 2005, S. 397
857 Hunt, 2007, S. 8–9 ihre Anhänger zu schaffen.859 Demgemäß beschreibt Grinell Gülen als ein perfektes Vorbild für einen de-kolonialistischen politischen Theoretiker.860
Einige Kritiker behaupten hingegen, wie eben behandelt wurde, die Bewegung untergrabe den säkularen Staat. Unterstellt wird, sie habe eine versteckte Agenda, deren erster und wichtigster Punkt die Re-Islamisierung der Türkei sei.861 Dies führe dazu, dass „viele in der Türkei diesen indirekten Angriff auf die Republik als gefährlicher als die offene politische Arbeit der islamistischen Parteien erachten.“862 In diesem Sinn wird Gülen und seiner Bewegung unterstellt, die 863 864 taqīya zu üben.
Demgegenüber stellen aber einige Forscher fest, dass die Hizmet-Bewegung einen wichtigen und einzigartigen Beitrag zur politischen Entwicklung in der Türkei leistet. 865 Stets ist sie für demokratische Einrichtungen, freie Wahlen und andere Grundsätze der liberalen Demokratie eingetreten. 866 Zum Beispiel betont Cetin, dass die Tätigkeiten der Hizmet-Bewegung innerhalb der Grenzen und Regeln des politischen Systems stattfänden. Sie hätten nicht das Ziel, die Vorteile des politischen Akteurs in politischen Entscheidungen zu maximieren. Wie auch immer ihre Weltanschauung oder ihre Dienstleistungen das politische System empirisch betreffen könnten – weder würden die Regeln des Systems gebrochen noch seine Grenzen überschritten werden. Cetin sieht in diesem Sinn die Dienstleistungen der Bewegung nicht als ein Ringen mit Gegnern um die Zuteilung politischer Macht oder sozialer Positionen. Vielmehr gelte es, die
859 Grinell, 2009
860 K. Balcı, Fontäne Zeitschrift (45), 2009, http://www.fontaene.de/Issue/detail/fethullah-
gulen-ein-quell-der-inspiration-zu-multi-disziplinaren-studien (03.10.2011); Grinell behauptet: "Was die Produktion von Wissen anbelangt, so strebt Gülen nach einer Würde, die von innen heraus kommt, und nicht von außen", verdeutlichte er. Dies sei in der Tat ein revolutionärer Ansatz in der Wissenschaftslehre. Siehe: K. Balcı, 2009
861 Kramer, 2000, S. 60
862 Hand, 2004
863 Die taqīya (arabisch ﺓﻱﻕﺕ , Furcht, Vorsicht) bezeichnet im Islam die Erlaubnis, bei
Zwang oder Gefahr für Leib und Besitz rituelle Pflichten zu missachten und den eigenen Glauben zu verheimlichen. Die Praxis der schiitischen Taqīya entwickelte sich im 9./10. Jahrhundert. Unter Sunniten spielt sie kaum eine Rolle. Den Begriff in der politischen Polemik zu benutzen, offenbart regelmäßig Ahnungslosigkeit und Unseriosität. Siehe: Goldziher, 1906, S. 213–226
864 Kramer, 2000, S. 67
865 Hashemi, 2008 sozialen, kollektiven oder altruistischen Anstrengungen der Hizmet-Bewegung mittels analytischer, nicht politischer Kategorien zu analysieren.867
Gülen betont ständig, dass der Islam keine staatliche oder politische Partei brauche, um zu überleben. Vielmehr brauche er ein gebildetes, finanziell reiches und völlig demokratisches System.868 Und vollauf dieser Distanz zur Politik entsprechend, vertritt die Hizmet-Bewegung ihre Projekte mittels formeller und institutionalisierter NGOs (Nichtregierungsorganisationen). Diese Einrichtungen sind größtenteils pädagogisch ausgerichtet und haben mit politischen Parteien nichts zu tun.869 Sich dessen bewusst, dass die Ziele der Bewegung selbst allerdings durchaus von politischer Relevanz sind, beschreibt Gülen das Verhältnis zur Politik so: Anstatt sich von einigen Parteien zu distanzieren, sei die Bewegung allen Parteien gleich nahe. 870 Parallel dazu gäbe es im Prinzip auch keine Konfrontationspolitik in der Hizmet-Bewegung, und die Bewegung habe einen Modus Operandi der Gewaltlosigkeit für sich entwickelt.871 Tatsächlich würde jede Änderung dieser apolitischen Position dem Ruf der Bewegung sehr schaden. 872
Auf der anderen Seite suchen manche Sufi-Orden in der Türkei durchaus, aktiv an der Politik teilzunehmen, und sie sind damit bis heute teilweise erfolgreich. Aber Gülen kritisierte immer schon die enge Beziehung dieser Gruppen zur Politik. Er betont, dass Religion die Beziehung zwischen Menschen und ihrem Schöpfer ordne und in den Tiefen des Herzens gelebt werde. Wenn man aber diese Beziehung in bestimmte und eingeschränkte Formen verwandle, vernichte man ihre Vitalität. Entsprechend schade die Politisierung der Religion der Religion selbst.873 Hizmet Die -Bewegung lege zudem Wert darauf, dass die Bedürfnisse der Personen, der Kultur und der Gesellschaft vor der Politik kämen.874 Der Islamismus und die Politisierung der Religion seien hingegen reduktionistische Versuche. Sie verwandelten die heilige und mysteriöse Beziehung zwischen der Menschheit und dem Göttlichen in eine Ideologie.
Sykianien und Eickelman bemerken, dass Gülen nicht nur direkt islamistische politische Gedanken kritisiert, sondern auch oft die Demokratie und die Modernisierung sowie die Verdichtung von demokratischen
867 Cetin, 2009, S. 98
868 Barton, 2007, S. 651; Ünal and Williams, 2000, S. 320 869 Michel, 2006, S. 107; Ünal and Williams, 2000; Çetin, 2009, S. 263 870 Ünal and Williams, 2000, S. 277–8;
871 Wright, 2007
872 Aras and Caha, 2000
873 Zeybek, 1997; Ünal and Williams, 2000, s. 36
Einrichtungen.875 Stephenson unterscheidet Gülens Ideen von denen der Islamisten oder anderer politischer Aktivisten im „Hervorheben des Eintretens der Türkei und des Islam in die globalen Hauptströmungsprozesse und eine Marktwirtschaft mit Betonung auf der intellektuellen Entwicklung und Toleranz“.876 Gülens Abstand von der Politik bedeute aber nicht, dass die Bewegung ohne Rückschläge geblieben wäre oder keine Unterstützung durch den türkischen Staat genossen hätte. So nahm der ehemalige türkische Premierminister Bülent Ecevit Gülen gegen Vorwürfe in Fernsehsendungen in Schutz877 und behauptete, dass die Regierung die Sache prüfe, anstatt eine Debatte in den Medien darüber loszutreten. Zudem befürwortete er die Schulen der Bewegung und sah sie als Vertreter der türkischen Kultur in der Welt. 878 Islamistische Parteien wie die Refah-Partei und die Fazilet-Partei hingegen unterstützten die Hizmet-Bewegung nicht und hielten deutlichen Abstand. Die Beziehungen zu den Refah-Anhängern waren immer angespannt, da diese glaubten, der säkulare Staat benutze die Hizmet-Bewegung, um ihren Erfolg zu hintertreiben.879 Umgekehrt kritisierte Gülen oft das Vorgehen der Refah-Partei und machte diese für die Krise in der türkischen Politik verantwortlich. Immerhin verteidigt Kutan, der Vorsitzende der damaligen Fazilet-Partei, Gülen und die Bewegung während der Medienkampagne gegen Gülen im Juni 1999 öffentlich und versuchte, den gegen ihn erhobenen Vorwürfen entgegenzutreten. 880
Allerdings hielt sich die Hizmet-Bewegung während der Krise im Juni des Jahres 1999 von politischen Debatten fern. Anstatt die Beschuldigungen zu widerlegen und einen Gegenangriff zu starten, blieb sie defensiv. Özdalga sieht in diesem passiven Verhalten in politischen Fragen ein für die Bewegung grundlegendes Kennzeichen und bezeichnet es als einen Bestimmtheitsmangel der Hizmet 881-Bewegung.
Abhängig von dem politischen Ziel stehen einige Kritiker auch den Er-ziehungsaktivitäten der Hizmet-Bewegung immer wieder ablehnend gegenüber. Sie stellen das Bild dieser Institutionen richtig dar, kommentieren es aber
875 Sykiainen, 2006, S. 114: Eickelman, 2002, S. 4
876 Stephenson, 2005, S. 13 (Zitiert in Cetin, 2008)
877 Anatolia, June 19, 1999
878 Die Säkularen blieben aber immer misstrauisch, und behaupten, dass Gülen sich
bemühte, politische Macht über Staatseinrichtungen einschließlich der Armee zu gewinnen. Anatolia, June 22, 1999; Show TV, June 24, 1999
879 The Turkish Daily News, Februar 18, 1995
880 Aras and Caha, 2000, (4/4), S. 37 subjektiv. 882 In diesem Sinn behaupten einige lokale oder internationale Akademiker, dass Gülen imperialistische Ziele habe.883 Wie Hermansen und Carroll hervorheben, gibt es keine Beweise für diese Vorwürfe. Es wurden keine illegalen oder gefährlichen Materialien oder Spuren in den Institutionen der Bewegung gefunden. Außerdem hat die Bewegung heute eine multikulturelle und internationale Identität gewonnen, und das Ziel, das Regime in der Türkei zu ändern und zu islamisieren, wäre angesichts dessen zu klein und unwichtig für die Bewegung, falls es denn überhaupt in Betracht gezogen würde. 884 Gülen selbst wies eine imperialistische Absicht weit von sich – er und seine Genossen wünschten weder Land noch Herrschaft über andere, sondern wollten nur ihre Herzen erobern. Weil das Herz der Spiegel Gottes ist, wird, wenn es erobert (d. h. ausgebildet und gereinigt) ist, alles erobert. Allenfalls in diesem Sinne lässt sich von einer Eroberung der ganzen Welt sprechen, und dabei wäre dann kein Platz ausgeschlossen.885
Hier zeigt sich eine Parallele zu Rūmīs Aufruf zu Zusammenarbeit, Dialog und Toleranz. Während eigener Forschungen in Europa, Amerika, Asien und Afrika hat der Verfasser persönlich viele Institutionen der Bewegung besucht und festgestellt, dass 90 Prozent der Kinder in diesen Institutionen noch nie von Fethullah Gülen und seiner Lebensgeschichte gehört hatten. Die Lehrkräfte dieser Schulen sind zu 50–70 Prozent Menschen aus den jeweiligen Ländern und oft Christen, Juden oder andere Nichtmuslime.
Die Vorwürfe gegen Gülen und seine Bewegung werden zudem geschwächt durch das Urteil des zuständigen Gerichts in Ankara im Jahr 2006, das außer Stande war, Gülen ein Verschulden nachzuweisen und ihn strafrechtlich zu belangen. Gülen nannte die Anklagen die Erfindung einer kleinen, aber einflussreichen Gruppe, die beträchtliche Macht in politischen Kreisen ausübe. Auch die Befürworter Gülens bestreiten alle diese Vorwürfe. Dennoch bleibt der Verdacht besonders in den Intellektuellenkreisen der säkularen Bevölkerung bestehen886, und die Bewegung muss versuchen, sich und ihre Projekte auch diesen einflussreichen Kreisen nahezubringen.
Festzuhalten ist, dass die Bewegung ganz deutlich danach strebt, die Gesellschaft durch eine Transformation der Persönlichkeit umzugestalten. Dies ist ein Prozess, der nach der Entwicklung von nationalen und sozialen Einrichtungen schließlich zu gemeinsamen Anstrengungen führen konnte, die den Glauben an eine moralische Ordnung widerspiegeln. In einem sehr weiten
882 Hand, 2004, S. 27
883 Zum Beispiel die Kartengeschichte an Gülens Zimmerwand; Siehe: Can, 1997, S. 63 884 Hermansen, 2007; Interview mit Jill Carroll, Vilnius, März 2010 885 Can, 1997, S. 65
Sinn ist es möglich, diese Versuche als ein politisches Projekt zu beschreiben, sofern wir an irgendeinen Versuch denken, die Gesellschaft zu gestalten. Aber es ist ebensosehr ein soziales oder moralisches Projekt. Entsprechend kann man feststellen, dass die Hizmet-Bewegung eine soziale und kulturelle Bewegung, jedoch kein politischer Akteur ist. Im Gegensatz zu den politischen Parteien und Verbänden hat sie im Rahmen ihrer sozialen Projekte und ihres Engagements im sozialen Leben kein Interesse an politischer Macht, einflussreicher Stellung oder einem Aufstieg in der (politischen) Hierarchie gezeigt, und dies auch nicht einmal vorübergehend. Zu dieser Frage kursieren freilich immer noch zweifelhafte Informationen und Verleumdungen, sodass sie derzeit nicht abschließend beantwortet werden kann, wenngleich alles dagegen spricht, dass die Vorwürfe Substanz haben.
Interessant ist, dass Gülen und die Hizmet-Bewegung heute, trotz seiner klaren Distanzierung, als enge Partner der türkischen Regierungspartei AKP dargestellt werden, obwohl Gülen eine solche Behauptung immer zurückgewiesen hat.887
Die Versuche, die Hizmet-Bewegung als Teilhaber an der Regierung oder als Unterstützer der AKP darzustellen, sind jedenfalls ähnlich zweifelhaft. Ei-gentlich bemüht sich die Bewegung vielmehr, mit fast allen türkischen politischen Parteien in Verbindung zu treten bzw. zu allen den gleichen Abstand zu wahren. Dies aber wirkt wie die etwas ziellose Antwort auf ein Dilemma. Es stellt sich die Frage, ob die Bewegung eine pragmatische und vielseitige und in diesem Sinne politische Taktik aufweist oder nicht. Zum Beispiel rief Gülen seine Zuhörer deutlich dazu auf, die letzte Volksabstimmung, die durch AKP vorbereitet worden war, zu unterstützen. Es ging dabei um eine Verfassungsreform. Beide kamen sich vor der letzten Parlamentswahl noch einmal näher, und Gülen machte eine Unterstützung von einer Bedingung abhängig: Die AKP müsste eine neue, demokratische Verfassung auf den Weg bringen und die alte, von den Militärs diktierte Verfassung abschaffen. Diese Zusammenarbeit hielt allerdings nicht an, und nach der Wahl kritisierte die AKP wegen einiger umstrittener Themen die Bewegung. Beide rückten wieder vonei-nander ab. Vor diesem Hintergrund ist in den Medien viel von einer Scheidung gesprochen worden.888
887 Die kemalistische Hauptoppositionspartei, die CHP (Republikanische Volkspartei),
wirft der AKP inzwischen vor, den Aufbau eines eigenen tiefen Staates durch die „F-Typ-Struktur“ – gemeint sind Fethullah Gülen und die Hizmet-Bewegung – zu betreiben. Siehe: Brauns, 2009; Sharon-Krespin, 2009
888 Siehe: Çakır, http://www.gazetevatanemek.com/index.php/vatan-emek-analizler/4100-
Betrachtet man sein Verhalten näher, fällt auf, dass Gülen vor politischen Diskussionen zurückweicht. Auch seine Anhänger beschäftigen sich sehr selten mit politischen Diskussionen oder Aktivitäten, und sie lassen sich weder in der Türkei noch in anderen Ländern politisch einspannen. Ebaugh und Fuller behaupten, die Hizmet-Bewegung sei keine politische, sondern eher eine soziale Bewegung, die das Ziel verfolge, die Herzen und Meinungen von Personen hin zu einer größeren Toleranz, zu sozialer Verantwortung und Modernisierung im Sinne pädagogischer und wissenschaftlicher Entwicklungen zu verändern. 889
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass die Werte, Handlungen und Bildungsprojekte der Hizmet-Bewegung als ein Wiederaufleben oder als eine Verlängerung vieler soziokultureller sowie religiöser Werte und Methoden angesehen werden können, die gegenüber der säkular-kemalistischen Lehre des Regimes in der Türkei dominant geworden sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Anhänger der Hizmet-Bewegung reaktionär sind oder dass sie vor der Postmoderne zu fliehen suchen, indem sie bestimmte Sozial- und Regierungsstrukturen der Vergangenheit wiederzubeleben streben. 890
Im Laufe der Jahre hat die Bewegung eine Kultur der Reaktionslosigkeit gegenüber negativer Propaganda oder den Nachrichten entwickelt. Diese Haltung rationalisieren Gülens Aufrufe, „das Beste aus dem Herzen in die Tat umzusetzen“, jede Tagestätigkeit mit dem Licht des Glaubens des Islam zu beleuchten, indem er vorschlägt, gegen Vorurteile zu kämpfen und eine konstruktive Kultur des Dialogs zu entwickeln.891 Jedoch ist die von dieser Gemeinschaft verteidigte Gläubigkeit kein nachdenklicher Aktivismus, sondern eine Interpretation, die den Islam mittels Eigenschaften wie Toleranz, durch den Sufismus inspirierte Gläubigkeit, Ehrgeiz im Dienste (hizmet) für andere, positive Zuneigung für die ganze Menschheit, Flexibilität und Offenheit gegenüber Neuem, Säkularismus und Loyalität gegenüber den vorhandenen politischen Mächten beschreibt.892
Der Konflikt zwischen Kurden und Gülen
Behauptet wird auch, dass einige marginale Kurden die Hizmet-Bewegung als einen Teil der Kampagne zur „Zwangstürkisierung“ seitens des türkischen Staates empfinden. So würde sie als Partner der AKP-Regierung das Ziel verfol-gen, eine effektivere Assimilierungspolitik und kulturelle Hegemonie zu pflegen. Bemerkenswert sei ihre osmanische Ideologie.893 Als Beispiel werden
889 Ebaugh, 2010, S. 117
890 Ashton, 2005
891 Celik- Kirk- Alan, 2007, S. 260
892 Özdalga, 2006, (42/4), S. 559 die Sendungen des Fernsehsenders Samanyolu Tv, z. B. „Tek Türkiye“ („Nur eine Türkei“) angeführt, die sich mit der Aufhetzung der breiten Bevölkerung gegen die kurdische, terroristische PKK befassen würden.894
Der Vorwurf der Diskriminierung der Kurden entbehrt jeglicher Grundlage. Vielmehr gibt es eine konkrete Meinungsverschiedenheit zwischen der PKK, deren Führungsrolle bzw. Vertretungsanspruch hinsichtlich der Kurden umstritten ist und die in Deutschland vom Bundesverfassungsschutz als Terrororganisation eingeschätzt wurde, und der Gülen-Bewegung. Dieser Konflikt hat sich nach der Veröffentlichung eines Vortrags von Gülen vom 24. Oktober 2011 mit dem Titel „Terror und Qual“ weiter verschärft.895 Es gab einige Veröffentlichungen, die den Inhalt des Gesprächs als einen Fluch und einen Tötungsbefehl gegen Kurden interpretiert haben. 896 Diese Vorwürfe und Anschuldigungen hat Gülen beantwortet und zurückgewiesen.897 Einen derartigen Fluch habe er nicht ausgesprochen, sondern davon geredet, dass er die betreffenden Personen Gott übersende. Zudem gehe es nicht um die kurdische Zivilbevölkerung, sondern um die Terroristen der PKK und ein Ereignis, bei dem mehr als zehn Soldaten im Kampf gegen die Terroristen in Ost-Anatolien getötet wurden. Die Klage richte sich ausschließlich an die, die niemals zur Besinnung kommen würden. Gülen wandte sich in seiner Rede gegen diejenigen, die „in Auflehnung gegen Gott und in ihrem Hass festgefahrene und am Blutvergießen Gefallen findende Unmenschen sind“.898
Der Verfasser hat dieses Gespräch selbst verfolgen können. Die Berichterstattung ist hier manipulativ und versucht, die öffentliche Meinung fehlzuleiten. Wenn man dem ganzen Vortrag aufmerksam zuhört, kann eine solche Schlussfolgerung, wie sie nahegelegt wurde, in keiner Weise gezogen werden. Zudem erscheint kein Wort in Gülens Schriften, das als eine Art Fluch oder Verleumdung der Kurden gedeutet werden könnte. Auch ist es in Gülens Terminologie nicht angelegt, jemanden zu verfluchen. Vielmehr ist Gülen stets tolerant und dialogfähig gewesen. So behauptet er beispielsweise in seinen Werken:
894 Brauns, 2009
895 Gülen, „Terör ve Izdırap“, Vortrag im Internetportal-Bamteli, 23 Okt. 2011, URL:
http://www.herkul.org/index.php/bamteli/bamteli-arsiv/9020-Terör%20ve%20Izdırap (22.04.2012)
896 URL:http://www.birgun.net/politics_index.php?news_code=1320148512&year=2011
&month=11&day=01 (22.04.2012)
897 URL: http://www.herkul.org/index.php/bamteli/bamteli-arsiv/9149-kuert-meselesi-
carptmalar-ve-karakterimiz, (22.04.2012)
898 URL:http://gulennews.de/index.php/news-genel/211-fethullah-guelen-kurden
„In unserer Welt ist kein Platz für den Ausspruch von Flüchen“. 899
„Wir sind Helden der Liebe; wir haben keine Zeit für Feindseligkeiten, auch wenn
andere in tausendfacher Weise Feindseligkeit üben, können wir keinen einzigen
Moment auch nur daran denken, dies auf jedwede feindselige Art zu erwidern...
Selbst in den schwersten Zeiten haben wir auf die „Verdammnis-Gebete“ für
diejenigen, die uns am meisten Feindseligkeit erwiesen haben, nicht Amen gesagt.
Vielleicht war unsere bitterste Wahl für diese, Sie Allah zu übersenden.“900
Gülen unterstreicht in seinen Predigten oft, niemanden zu verdammen, nicht einmal ein Amen auf einen derartigen Spruch zu erwidern:
„Manchmal sage ich auch “Oh Allah, hilf uns und all den anderen Muslimen;
Versetze all diejenigen, die unsere Hilflosigkeit, unser Verderben und Versagen
wünschen und dazu Komplotte arrangieren, in Enttäuschung! Gib ihnen nicht die
Gelegenheit des Sieges!“ Ich sage das zwar, aber jedes Mal verbinde ich mein Gebet
mit einer Voraussetzung; ich bete, selbst für solche, zunächst um Besinnung.
Danach sage ich erst: „Oh Allah, falls sie aber dieser Besinnung entbehren, dann
verschone zumindest uns von deren Tyrannei; steigere deinen Druck auf sie,
zerschmettere ihre Waffen, lass sie verfangen; zerbreche die Stifte all derer, die
Unrecht mit ihrem Stift verbreiten; stelle diejenigen, die die Muslime beschimpfen,
stumm. Lass die Tyrannen nicht ihr Ziel erreichen und helfe uns, gegen sie
anzukommen.“ 901
„Ja, unserem Grundgedanken und unserem Charakter entsprechend ist in unserer
Welt kein Platz für Flüche, nichtsdestotrotz muss die Übersendung solcher als 902 Mangel an Respekt gegenüber unserem Glauben betrachtet werden.“
Gülen zufolge kann jeder sich lediglich im Rahmen seines Charakters präsentieren und seine Manier sei seiner Ehre und seiner moralischen Persönlichkeit ein Spiegel. Auch habe er bisher immer die Liebe bevorzugt und bloß den Hass verabscheut; er habe niemals Feindschaft gepflegt und niemals Blutvergießen in Erwägung gezogen. Zudem habe er es als Verrat am Volk und Land betrachtet, auf die Straßen zu gehen und Unruhe zu stiften; er habe stets Sicherheit und Geborgenheit angestrebt und werde auch in Zukunft seinen Stil wahren und seine Herzen für alle offen halten.903 Deshalb betrachte er einen falschen Charaktervorwurf wie eine Verletzung seiner Ehre. 904
899 Gülen, 1997a
900 Gülen, „Sollen wir einen Eid schwören“, Kırık Testi, 05.12.2004.; “Verdammnis und
Übersendung an Allah”,
URL: http://tr.fgulen.com/content/view/20100/172/ (13.05.2012); 2007d
901 Gülen, „Aufruf zum Gebetsaufgebot”, Kırık Testi, 01.05.2006.
URL: http://tr.fgulen.com/content/view/12156/9/ (13.05.2012)
902 Gülen, 2007a
903 Gülen, “Chaos, Lobbyismus, Millitär und Schulen”, Kırık Testi, 09.04.2007
Hat Gülen also in seiner Rede vom 24. Oktober 2011 unter dem Titel „Terror und Qual“ die Kurden verflucht? Und einen Tötungsbefehl gegeben? Ich denke nein. Jedenfalls handelte es sich dabei weder um einen Fluch, noch meinte er damit die Kurden, sondern lediglich diejenigen, die auf Feindschaft und Terror verharren. Diese niemals zur Besinnung kommen Wollenden übersendet er an Allah wie folgt:
„Oh Allah, sichere unsere Einheit, schaffe unter uns einen Ausgleich, unterstütze
unseren Zusammenhalt und unsere Allianz. Und falls es unter ihnen Menschen gibt,
die Feindschaft hegen, so gibt es sicherlich unter ihnen welche, deren Besserung und
Besinnung du nicht wünschst. Lasse für all jene, deren Besserung und Besinnung du
erlaubst, diese auch zu. Schenke ihren Herzen und ihrem Verstand Frieden. Für all
jene, deren Besserung und Besinnung du nicht wünschst: Bring sie durcheinander,
zerstöre ihre Allianz, sende Feuer in ihre Häuser, schicke Schmerz, verrotte ihre 905 Wurzeln, mache sie fertig.“
Alle, die der türkischen Sprache mächtig sind und unvoreingenommen, gerecht und gewissenhaft die besagte Rede Gülens mitverfolgt haben, werden verstanden haben, dass er mit den an Allah Übersandten ausschließlich diejenigen meint, die „im Aufstand gegen Allah verharren, fixiert sind in ihrem Hass und Lust empfinden im Blutvergießen“. Gülen habe allerdings niemals gegen einen Ungläubigen oder Abtrünnigen Stellung genommen, sondern nur gegen schlechte Eigenschaften. Zudem habe er die Menschen nicht beschimpft, sondern habe sich gegen die bösartigen und schlechten Eigenschaften ausgesprochen. 906
In diesem Zusammenhang kann man schlussfolgern, dass alle diejenigen, die behaupten, dass er gegen eine Gruppe, ein Volk oder eine Rasse geschimpft, Stellung genommen oder negativ gedacht hätte, seine Aussagen entweder absichtlich oder fahrlässig falsch interpretieren. Außerdem betont Gülen in seiner Rede, wie schon mehrmals zuvor,907 dass der Terror in der Region nicht mit militärischer Gewalt und Druck, sondern viel eher mit materieller und immaterieller Aufstiegshilfe zu bekämpfen ist. Er fügt hinzu, dass ohne soziale und ökonomische Investitionen das Problem nicht lösbar sein wird, dass der Pfad in die Berge (wo die Terrorcamps liegen) ansonsten nicht geschlossen werden könne.908
905 Gülen, „Terror und Qual“, Bamteli, 24 Oktober 2011 906 Gülen, „Sollen wir einen Eid schwören“, Kırık Testi, 05.12.2004. 907 Gülen, “Eh nur noch ein Häufchen Land übrig…”, Kırık Testi, 05.09.2005; “Die
Angelegenheit im Südosten und ein Lösungsvorschlag”, Bamteli, 02.01.2006; “Die Kunde und die Boten, auf die der Osten wartet“ Bamteli, 10.04.2006; „Opferfest und der Südosten” Bamteli, 12.11.2007.
Auf der anderen Seite hat der Verfasser im Zuge eigener Nachforschungen mit vielen kurdischstämmigen Anhängern der Hizmet-Bewegung gesprochen, die in dieser wichtige Positionen vertreten und auf ihre Arbeit stolz sind. Ihre Teilnahme kann als Beweis für die harmonische Beziehung zwischen Kurden und anderen ethnischen Gruppen in der Bewegung betrachtet werden. Auch wurde in einer Zeitung eine Reihe von Interviews mit Einwohnern der kurdischen Provinzen der Türkei, in denen die Institutionen der Bewegung seit mehr als 20 Jahren aktiv sind, veröffentlicht. 909 Der vorherrschende Eindruck, den diese Kurden vermittelten, war eine gemeinsame, einhellige Abneigung gegen die Terrororganisationen PKK und Hisbollah. Ihrer Meinung nach miss-lingt es diesen Terrorgruppen dank der Erfolge, welche die Bildungsaktivitäten der Bewegung zeitigen, Mitglieder oder Guerillakämpfer in die Berge zu holen. Zudem besuchen die Verwandten des ehemaligen Vorsitzenden der kurdischen Partei BDP, Ahmet Türk, die Schulen der Hizmet-Bewegung in Ostanatolien. Noch aussagekräftiger sind die Aktivitäten der Bewegung im Nordirak, wo bereits vor Jahren eine kurdische Autonomieregierung ins Leben gerufen wurde und aktuell die Selbstverwaltung wieder ein Thema ist. Barzani, der Regierungschef des kurdischen Nordiraks, fördert die Hizmet-Schulen und möchte noch mehr von ihnen in seinem Gebiet sehen.910 Anna M. Kirk zufolge911 waren schon 1994 im Irak Privatschulen durch die Fezalar-Bildungsstiftung gegründet worden, und der Bau soll im Katastrophengebiet viel Hoffnung hervorgerufen haben; in den folgenden Jahren war dann die Gründung eines Krankenhauses und einer Universität hinzugekommen. 912 Noch interessanter ist der erste private kurdisch-sprachige Fernsehsender der Türkei, Dünya TV, der durch die Samanyolu-Media-Gruppe der Bewegung im Jahr 2010 ins Leben gerufen wurde.913
Insofern erscheint es schon wieder nachvollziehbar, wenn von anderen, insbesondere Nationalisten, Gülen eine enge Beziehung zu den Kurden unterstellt wird. Park etwa gibt an, dass Gülen in der Türkei die Meinungsführer der religiösen Gemeinschaften – den ökumenischen Patriarchen von Fener, Rö-misch-Orthodoxe, die Süryani (arab. Suriani) oder die aramäischen Christen, die
909 Ongun, www.t24.com.tr, 21.09.2010,
http://www.t24.com.tr/haberdetay/99734.aspx (19.09.2011)
910 Ongun, 2010
911 Kirk, 2010
912 Fezalar Educational Institutions,
http://www.misyon.net/fezalar/index.php (19.09.2011); Kirk, 2010; Siehe auch:
http://www.bbc.co.uk/turkish/specials/955_other_iraq/page5.shtml (19.09.2011)