Der "Mensch des Dienstes" bei Fethullah Gülen: Nachfolger des "vollkommenen Menschen" in der islamischen Mystik?

2 Wer ist Fethullah Gülen?

 

2.1 Das Gülen-Bild im Publikum

Viele Experten aus der akademischen Welt und aus den Medien beschreiben Gülen, respektvoll auch hocaefendi (geehrter Lehrer) gerufen, als einen Mentor, einen religiösen Gelehrten (türk. alim), einen großen Denker, Friedensaktivisten, Inspirator und Anführer einer der dynamischesten und einflussreichsten glaubensorientierten Bewegungen. Einige Akademiker bezeichnen Gülen und seine Anhänger hingegen als eine geheime Sekte, einen Sufi-Orden (arab. ṭarīqa) oder eine Gemeinschaft (türk. cemaat), während Gülens Rolle als diejenige eines Sektenführers oder sogar eines Verräters und politischen Machtkämpfers gesehen wird. 5 Die Einschätzungen dieser Experten beruhen auf ihren Forschungen und Beobachtungen zum einen der Aktivitäten und Struktur der Bewegung und zum anderen der Persönlichkeit Gülens. In diesem Zusammenhang werden die unterschiedlichen Einschätzungen in zwei Gruppen, personenorientiert, gegliedert.

 

2.1.1 Gülen in den Augen von Akademikern

Gülens Begeisterung für eine Reihe von sozialen Projekten und Bildungsini-tiativen, bei denen es darum geht, einen neuen Sinn der Religiosität zu entwickeln und die muslimische Identität aus dem Kontakt mit den modernen Realitäten heraus zu festigen, weckte großes Interesse in der akademischen Welt. Gülen wird dabei als eine charismatische Figur beschrieben, während er sich selbst als ein Diener sieht. So wurden seine Ideen und die Tätigkeiten der Bewegung etwa in einer Spezialausgabe der Zeitschrift The Muslim World be-handelt und Gülen in diesen Artikeln als ein leidenschaftlicher Aktivist präsen-tiert. Zudem wurde unterstrichen, Gülen habe hohe Anerkennung erworben, weil er islamische Wissenschaften und zeitgenössisches, modernes Gedankengut zusammengebracht habe.6

In vielen wissenschaftlichen Artikeln und Studien wird Gülen auch als ein Sozialreformer gesehen, als Autor von mehr als 40 Büchern, als Dichter und als geistiger Führer, der sein Leben der Suche nach Lösungen für die Erkrankungen der Gesellschaft und für die geistigen Bedürfnisse und Dienste der Menschen gewidmet hat. Seine Bemühungen, eine neue Generation in der Türkei und in der Welt zu gestalten, erzeugten eine multiethnische, sozialreligiöse Bewegung,

 

5 Agai, 2004; 2002 (11/1), S. 27-47; Kuru, 2003, S. 118-119 welche er selbst als eine Bewegung von Freiwilligen bezeichnet und die von Experten wie Cetin, Hermansen usw. als Hizmet- 7 Bewegung benannt wird.

Diese Einordnungen Gülens und der Hizmet-Bewegung bereiteten ein Diskussionsforum und eine Gruppe von Experten vor, die über Gülen und die Bewegung Studien oder Doktorarbeiten durchgeführt und dabei die Ansprüche und Behauptungen der Bewegung untersucht hatten. Gemäß diesen Studien finden Agai, Cetin, Kim und Ebaugh eine Beschreibung der Bewegung als „Gemeinschaft“, „ṭarīqa“, „Sekte“, „cemaat“, „örgüt“ oder „çete“ absolut falsch und die Bezeichnungen Gülens als Sektenführer, Scheich, gefährlicher Agent usw. sinnlos und unakademisch.8 Hier zeigt sich eine Schwierigkeit, auf die Soziologen und Theologen bei der Untersuchung seiner Person und der Bewe-gung stets treffen: die Frage der Kategorisierung. So kann man ihn und die nach ihm benannte Bewegung in keine der klassischen Kategorien einordnen. Leaman stellt zum Beispiel fest, dass es nicht leicht ist, Gülens Gedanken zu klassifizieren. Es scheint wahrscheinlich ein Paradoxon zu sein, dass seine Ar-beit, obwohl sie eine komplexe Hermeneutik umfasst, sowohl verblüffend ein-fach und direkt ist als auch einen attraktiven und anscheinend unverfälschten Stil hat.9

Zudem bestehen natürlich konjunkturelle Probleme für die islamische Welt. Dementsprechend unterstreicht Hunt vier Schwierigkeiten bei der Analyse der muslimischen Welt. Die erste besteht in der globalen Reichweite und der Schnelligkeit der heutigen Kommunikation. Ein zweiter Faktor ist die schleppende Verwirklichung neuer Ideen, die aus muslimischen Gesellschaften kommen, da diese sowohl von muslimischen als auch nicht muslimischen Gelehrten lange nachgeprüft werden. Der dritte Faktor sind die schnellen Veränderungen in den Kreisen, die sich mit Muslimen beschäftigen. Der vierte und letzte Faktor, der es für viele westliche Länder schwierig macht, den zeit-genössischen Islam richtig zu verstehen, sind die Irrwege muslimischer Ge-lehrter und ihrer Bewegungen in der Beantwortung der Frage, ob die Gründe der Erneuerung der muslimischen Gesellschaften von intellektuellen, politischen oder sozialen Bewegungen ausgehen.10

Aus den genannten Gründen wird Gülens Beitrag durch Außenstehender teilweise politisch und in einem imperialistischen Kontext interpretiert. Dies aber bringt Unklarheiten in der Beschreibung mit sich. Dennoch kann man nach all diesen akademischen Angaben und konkreten Parametern ein ungefähres

 

7 Williams, 2007; Krause, 2007, S. 166 8 Agai, 2004, S. 18-21; Cetin, 2010; Ebaugh, 2010 9 Leaman, 2007, S. 503-510

Bild zeichnen. Jedoch werden die Hauptpunkte dieser Beschreibung hier strukturiert und unter bestimmten Überschriften behandelt werden.

Die islamische Tendenz bzw. der islamische Hintergrund bilden die erste Grundlage. Über Gülens religiösen Diskurs und wissenschaftlichen Hintergrund behaupten Akademiker wie Elisabeth Özdalga und andere, dass er ein Vertreter der sunnitischen islamischen Tradition sei, die teilweise durch al-Ġazālī11 gestal-tet wurde, von dem Gülens Überzeugungen größtenteils geformt worden seien.12 In diesem Sinn weist sie insbesondere auf die Haltung der radikal-islamischen Gruppen in der Türkei hin, die Gülen sogar als eine Bedrohung ihrer Ideologie sehen, weil er eben keine radikal unterschiedliche oder heterodoxe Interpretation des Islam andeutet, sondern ein festes, herkömmliches ḥanafī-sunnitisches Ver-ständnis der islamischen Traditionen vertritt. 13 Özdalga und anderen zufolge basiert Gülens islamischer Hintergrund und Intellekt auf den Inspirationen wichtiger islamischer Quellen und Gelehrter. So zählt man Said Nursi (1873-1960),14 15 der im Folgenden noch detaillierter behandelt wird, al-Ġazālī, Rūmī,

Ibn 16 17 ʿ Arabī und andere zu den Inspirationsquellen Gülens.

 

11 Abū Ḥāmid Muḥammad bin Muḥammad al-Ġazālī; (arabisch ﻱﻝﺍﺯﻍﻝﺍ ﺩﻡﺡﻡ ﻥﺏ ﺩﻡﺡﻡ ﺩﻡﺍﺡ ﻭﺏﺃ )

auch al-Gazzali, al Ghazālī, lateinisch Algazel; (1058 in Tūs bei Maschhad, heute Iran- 19. Dezember 1111) war ein aus Persien stammender, einflussreicher islamischer Theologe, Jurist, Philosoph, Sufi und Erneuerer des Islam. Er gilt bis heute als einer der bedeutendsten religiösen Denker Islam und war Autor zahlreicher Büchern. Siehe: Griffel, 2009; Abū Ridah, 1952.; Campanini, 1996, S. 258-274;

12 Özdalga, 2000, S. 83-104

13 Özdalga, 2005, S. 441-442

14 Bediüzzaman Said Nursi wurde 1873 in Nurs, Bitlis geboren. 1914-1916 nahm er im

Verteidigungskrieg als Kommandeur teil. 1916-1918 befand er sich in russischer Kriegsgefangenschaft, flüchtete über Berlin und gelangte wieder nach Istanbul. Er wurde zum Mitglied des Darü’l-Hikmeti’l-İslamiye, des höchsten theologischen Rates der islamischen Welt, erhoben. 1924 ging er wieder in den Osten zurück und wollte sich der eigenen Askese und dem frommen Leben widmen. Nach dem Aufstand von Scheich Said gegen die Zentralregierung in Ankara wurden Nursi und viele andere verbannt. Nursis Aufenthalt im westanatolischen Barla dauerte 8 Jahre. Dort verfasste er den größten Teil seine berühmten Werksammlung Risale-i Nur. 1935 wurde er von der Staatsanwaltschaft wegen Förderung der Religion und Gründung der Nur-(oder Nurculuk-)Bewegung angeklagt, die zu einer der wichtigsten religiösen Bewegungen des 20. Jahrhunderts werden sollte. Es folgten viele Gerichtsverfahren, diverse weitere Gefängnisaufenthalte und Jahre der Verbannung. In Urfa schied Said Nursi am 23. März 1960 aus dieser Welt. Seine Grabstätte wurde an einen unbekannten Ort verlegt. (Siehe: Mardin, 1990; Abū-Rabi, 1995; Markham and Ozdemir, 2005; Vahide, 2005;

Gülen vertritt, Haughey zufolge, den muslimischen Mainstream. 18 Darüber hinaus zählt man Gülen zu den traditionellen Gruppen, obwohl er offen für neue Entwicklungen ist. In diesem Sinn unterstreichen Aras und Caha sein Islamver-ständnis, das im Vergleich mit fundamentalistischen islamischen Denkern überraschend liberal und tolerant gegenüber nicht islamischen Lebensstilen ist.19 Diese Einstellung wird als das Ergebnis der langfristigen, spezifischen Erfahrungen des Volkes von Anatolien und der einzigartigen historischen Dy-namik des türkischen soziokulturellen Lebens angesehen. Entsprechend be-haupten einige Experten, dass die Bewegung unter dem Einfluss des türkischen Islamkonzepts 20 stehe.

 

Obwohl Gülen Nursi nie persönlich traf, wurde sein Islamverständnis erheblich durch Nursis Lehren beeinflusst. (Siehe: Michel 2003, S. 81: Michael and Karen Fontenot, 2006)

15 Ǧalāl ad-Dīn Rūmī, (pers. Mowlana oder Maulānā) Sufi-Dichter des 13. Jahrhunderts,

berühmt als Maulānā, der im Jahre 1207 in Balk geboren wurde und während der Mongolen-Invasion, wie andere Heilige, nach Anatolien einwanderte und in Konya lebte. Er schrieb sein berühmtes Buch "Maṯnawī" in persischer Sprache. Er drückte dem Charakter des türkischen Sufismus seinen Stempel auf. Kurz nach seinem Tod trat der Maulawī-Orden, obwohl Rūmī ihn nicht selbst gegründet hatte, in Erscheinung. Als eine auf seinem Erbe fußende Einrichtung spielte der Orden eine bedeutende Rolle im Verbreiten seiner Lehre, besonders unter dem Volk. Siehe: Kim, 2005; Eustis, 2006

16 Muḥyiddīn Ibn ʿArabī ist einer der bestbekannten Sufis und ein Philosoph, der im Jahr

1165 in Murcia, im maurischen Spanien, geboren wurde und als Scheich al-Akbar (der große Meister) bekannt geworden ist. Der Scheich verbrachte viele Jahre in Andalusien, Anatolien, Nordafrika und am Ende in Damaskus, wo er lehrte und schrieb bis zu seinem Tod im Jahr 1240. Er verfasste zahlreiche Bücher über verschiedene Themen und Bereiche. Verwurzelt in den islamischen Wissenschaften, sind seine Werke universal. Im Kern behauptet er sogar, dass jede Person einen eindeutigen Pfad zur Wahrheit hat. Ibn ‘Arabīs waḥdat al-wuǧūd(Einheit des Daseins)-Philosophie bleibt eine der populärsten, aber auch umstrittensten Ideengebäude der gesamten muslimischen Welt und beeinflusste die Sufi-Philosophie zu jeder Zeit nachhaltig. (siehe: W. C. Chittick, 1996, S. 497–523)

17 Interviews mit Enes Ergene, Istanbul, 2008 und 2010 18 Haughey, 2008

19 Aras and Caha, 2000, S. 30–31

20 Die Bezeichnung 'türkischer Islam' wurde sowohl von einigen nationalistischen

Denkern als auch von Said Nursi formuliert. (Aras and Caha, 2000, S. 31) Dessen Schwerpunkt ist die Mäßigung. Seitdem Menschen türkischen Ursprungs erstmals den Islam annahmen, praktizierten sie ihn auf diese Weise und übten ihn unter dem Einfluss von Sufi-Ideen aus. Sufi-orientierte islamische Bewegungen hielten im Gegensatz zu anderen islamischen Bewegungen stets eine bestimmte Entfernung von der Politik ihrer Zeit. Der Islam in der türkischen politischen Geschichte, sowohl

Jedoch umfasst Gülens Islamdefinition mehrere Bestandteile. Zunächst ist seine Interpretation des Sufismus ein wichtiger Aspekt für unsere Untersuchung. Seine Überzeugung von der Sufi-Tradition, welche die geistigen Grundlagen der islamischen Tradition bildet, beruht auf Theorie und Praxis und im Besonderen auf einer Art von dialogischem Sufismus. Dabei wird die Kultivierung eines holistischen Friedens durch einen kompromissbereiten Lebensstil angestrebt. Gülens klarer Abstand gegenüber Terrorismus und Gewalt und die Mobilisierung der von ihm inspirierten Bewegung für eine geistige und soziale Änderung in der Welt können als Belege hierfür angesehen werden.21 Nicht umsonst wird Gülen als Vertreter eines Zivilislam angesehen, der auf sozialen Reformen und einer intellektuellen Transformation beruht.22 Dabei sind die Schlüsselwörter für diese Perspektive Bildung und geistige Verbesserung.

Hingegen sieht Hendrick in den Bemühungen der zivilen bis kosmopoliti-schen Mobilisation der Hizmet-Bewegung einen Versuch, sich als Vorbild zu präsentieren. Seiner Meinung nach folgen Gülen und seine Anhänger einem Weg, der auf islamischer Moral und Ethik basiert, dabei aber einem Konflikt mit den finanziellen und politischen Einrichtungen der neoliberalen Globalisierung aus dem Wege geht.23 Hendrick scheint hier „imperialistische“ Absichten zu ahnen, und er will Gülen und seine Bewegung auf die Kategorie einer politischen Bewegung reduzieren. Hier besteht aber insofern eine Inkohärenz, als er sie dennoch sowohl als zivil bzw. kosmopolitisch als auch als politisch darstellt.

In diesem Zusammenhang unterstreichen die Experten den autonomen Status der Hizmet-Bewegung gegenüber staatlicher Kontrolle, was als eine andere Grundlage der Bewegung gesehen werden kann, wird sie doch als eine äußerst dynamische, übernationale, wohlhabende und auf den Glauben gegrün-dete zivilgesellschaftliche Bewegung beschrieben. Zudem hat diese urbane und soziokulturelle Bewegung die Artikulation religiösen Bewusstseins durch ihr

 

gegenüber stets loyal und wurde als eine Sache für den privaten Bereich betrachtet. Siehe: Berkes, 1998; Aras and Caha, 2000; Bilir, 2004, S. 270; Özdalga, 2006, 42(4), S. 551-570

21 Kurtz, 2005, (95); S. 377; Kim, 2005. 22 Der Zivilislam ist eine Art von Islamverständnis, die dem Staatsislam

gegenübergestellt wird. Muḥammad Abduh und seine Nachfolger behaupten, dass der Zivilislam auf einem gesellschaftlichen Projekt beruht, das die geistige Wandlung der Menschen selbst anstrebe. (Siehe: Bulaç, 2006, S. 89-106)

23 Hendrick, 2007, S. 11; Hendrick kategorisiert die soziale Bewegungen in der

islamischen Länder nach drei Gruppen: 1. Klassische Modernisten; 2. Globale Ǧihādist (mudschahid, arab: ﺩﻩﺍ ﺝﻡ‎, muğāhid‚ derjenige, der Heiligen Kampf betreibt‘, Pl. -ūn und Engagement in sozialen Zusammenhängen als Hauptdoktrin akzeptiert und ihre Idee in den entsprechenden Einrichtungen praktiziert und fortgesetzt.24

Wie aber konnte Gülen überhaupt eine solche Bewegung inspirieren und noch bis heute als eine der größten glaubensorientierten Bewegungen der Welt weiterentwickeln? Den Experten zufolge stellt Gülen das Individuum und dessen geistig e, intellektuelle und persönliche Entwicklung ins Zentrum. 25 Zudem fordert er Anteilnahme statt Rückzug. Eine Gesellschaft, behauptet er, könne nur durch die Individuen verändert werden, die ihr angehören. Der Schlüssel dazu heiße Bildung, und dazu lautet Gülens Doktrin: „Baut neue Schulen statt neuer Moscheen!“26

Hier zeigt sich die zweite Grundlage unserer Big Picture: das Vermögen zur Bildung. Das erfolgreiche Bildungssystem der Bewegung ist bemerkenswert. So behauptet Günter Mulack, dass die Bewegung größten Wert auf Bildung, Toleranz, Zusammenleben, Motivation und ehrenamtliche Arbeit lege. Und er schätze sehr, dass der respektvolle Umgang mit den Mitmenschen bei ihr im Vordergrund stehe.27

Jedoch wird ihre Ethik auch teilweise mit jener Max Webers (1864–1920) verglichen. Schließlich behaupten viele Akademiker, dass die Bewegung säkular ausgerichtet, wissenschaftlich orientiert und zugleich sehr modern sei.28 In die-sem Kontext nennt Michel die Anstrengungen Gülens, an einen großen Teil der säkular gebildeten Jugend der Türkei zu appellieren aus dem Islam heraus die Wissenschaft und die Modernität zu befürworten. 29 Zugleich wird das besondere Interesse der Bewegung an Dialog und Toleranz als eine weitere wichtige Grundlage von Gülens Lehre und von den Tätigkeiten der Bewegung angesehen. Diese soziale Bildungsbewegung lege großen Wert auf den Dialog mit westlichen Gesellschaften und besonders mit den Christen und Juden. 30

Gülens Botschaft wurde von vielen Akademikern befürwortet, weil er für eine starke und gesunde Gesellschaft und eine harmonische Welt eintritt und für einen richtigen Dialog, eine gut ausgebildete Justiz und die Anerkennung von Menschenrechten. Dieses Gesellschaftskonzept soll Akzeptanz und Toleranz als

 

24 Gurbuz, 2007, S. 115

25 Celik and Alan, 2007; Akman, 2004; Sevindi, 2002; Ünal and Williams, 2000. 26 Steinvorth, 2008 (6), s. 26; Agai, 2004. 27 Mert, 2009, (12/46), URL:

http://www.fontaene.de/Issue/detail/was-finden-aussenstehende-an-der-gulen-bewegung (22.10.2011)

28 Mert, 2009

29 Michel, 2003 grundlegende Voraussetzungen vorsehen.31 Mit diesen Besonderheiten soll die Hizmet-Bewegung als reifer Ausdruck einer islamischen Modernität vorbildlich und als ein potenzieller Gegner der These vom Konflikt der Kulturen eine progressive, personifizierte soziale Bewegung sein, die tief in der einzigartigen Geschichte der Türkei, der gesellschaftlichen Säkularisierung und der volksislamischen Tradition verwurzelt ist.32

Gülen bietet die Perspektive einer nachhaltigen friedlichen Koexistenz an. Sein Augenmerk gilt der Zusammenarbeit und dem Dialog. Dadurch können Völker ihre Konflikte beseitigen und eine gemeinsame und friedliche Zukunft aufbauen.33 In diesem Sinn verurteilt Gülen den Terrorismus scharf, und er hat sich auch mehrfach religiös, historisch und politikwissenschaftlich argumentierend gegen die apokalyptischen Thesen Huntingtons von einem „ 34 Clash of Civilisations “ gewandt. Gülen behauptet, dass Huntington, indem er neue Fronten schaffe, überhaupt erst die Samen für einen Konflikt zwischen den Zivilisationen auf der Grundlage von religiösen und kulturellen Unterschieden säe. Die Schriften von Huntington sind tatsächlich weit davon entfernt, realisti-sche Einschätzungen bezüglich der Zukunft zu sein. Eher ähneln sie einer selbsterfüllenden Prophezeiung. Entsprechend behaupten viele Experten, Gülen könne als ein gemäßigter Muslim eine Brücke zwischen dem Islam und dem Westen sein.35 Seine gemäßigten Ansichten könnten hier als ein wirksames Gegenmittel zur Islamophobie wirken.36 Schließlich werde der Westen von Gü-len lernen, toleranter gegenüber einer muslimischen Welt zu sein, die sich ge-mäß ihren eigenen islamischen Grundsätzen und Dynamiken entwickeln möchte.37

Zu den viel diskutierten Grundfragen der Gülen-Bewegung gehören ihre Be-ziehungen zum säkularen türkischen Staat. Die Experten betonen, dass Gülens Betonung der Toleranz und seine Zustimmung zum säkularen Staat ihm die Unterstützung mehrerer wichtiger türkischer Politiker aus allen politischen Lagern einbrachte. Zudem hat er durch sein Charisma, seine teilweise sehr emotionalen Reden, seinen asketischen Lebensstil und seine fruchtbaren Schriften die Herzen von Millionen von Menschen unter dem türkischen Publikum gewonnen. Seine Weltanschauung, die im Islam und spezifisch in der Sufi-Tradition ihre Wurzeln findet, spielte dabei eine große Rolle. Noch wichti-

 

31 Williams, 2007, S. 7

32 Hendrick, 2006, S. 137

33 Carroll, 2007

34 Blume, 2010b

35 Penaskovic, 2007, S. 408

36 Pratt, 2005, S. 175 ger sind seine Bemühungen um einen inneren Dialog zwischen verschiedenen muslimischen Gruppen.38

In dieser Hinsicht spielen Gülens Gedankenwelt und besonders sein neuer „Mittlerer Weg“ eine große Rolle, den er, worauf Eldridge hinweist, im Gegen-satz zu den Unklarheiten und der Relativität des Postmodernismus begründet. Auf diesem Weg kann man sich in eine globalisierte, postmoderne Welt integrieren, ohne das eigene islamische Erbe zu verlieren.39

Auf der anderen Seite wurden aber auch die Struktur und die Tätigkeiten der Bewegung untersucht und eine Übereinstimmung mit der Lehre ihres Gründers, deren Inspirationsquellen und geistigen Anführer gesucht. Dabei werden häufig alle Wohltaten oder alle Mängel Gülen selbst zugeschrieben. So unterstreichen viele Akademiker die Strukturen der Bewegung und beschreiben sie als nicht rigide und nicht gewalttätig. Außerdem betonen sie besonders das beispielhafte soziale Element und die Bedeutung des Mitgefühls in der Bewegung, die gerade in der heutigen Zeit wichtig sind. Andererseits werden aber auch die allgemeinen Sitten und die moralische Verfassung von Exponenten der Bewegung, wenn sie irregehen oder ins Straucheln geraten, stellvertretend für die Gesellschaft schnell und heftig kritisiert. Hier wird dann bei Gülen die Schuld gesucht.

Angesichts dieser Besonderheiten kann man die Hizmet-Bewegung als ein Beispiel für einen übernationalen, globalen, islamischen Aktivismus ansehen, welcher einen sichtbaren Einfluss auf den Rest der Welt, insbesondere auf die islamische Welt, ausübt. Gülens Interpretation eines humanistischen und friedlichen Islam spricht nicht nur Muslime, sondern auch Nichtmuslime an. 40 Deswegen hat er durch seinen Aufruf zum toleranten Dialog und mit seinem gemäßigten Islam-Verständnis eine große Zahl an Sympathisanten – sie wird auf Millionen weltweit geschätzt – gewonnen.41

Der Sufismus-orientierte Aktivismus der Bewegung ist eine weitere bemer-kenswerte Grundlage der Bewegung. Gülen legt großen Wert darauf, der Gesell-schaft zu dienen, die Individuen zu erziehen und dadurch eine Generation zu gestalten. Seiner Meinung nach soll ein Muslim ein Aktionär sein, der den Dienst für andere als eine heilige Aufgabe auffasst, diesen Dienst in die Gesellschaft investiert und aus dem, was er auf diese Weise sät, seine Dividende einfährt. Zudem spiegelt sich die Macht der Gottesliebe im Geiste der Sufi-Lehre Gülens wider, und es zeichnet sich eine Suche nach dem vollkommenen

 

38 Lacey, 2007, S. 612

39 Eldridge, 2007, S. 527

40 Nawab Osman, 2007 oder universalen Menschen (türk. insan-ı kamil oder arab.ﻝﻡﺍﻙﻝﺍ ﻥﺍﺱﻥ. ﺍ al-insān al-kāmil) durch Selbstdisziplin und Zusammenarbeit ab. In diesem Zusammenhang spielen die Institutionen der Bewegung und besonders ihre Schulen und Lehrkräfte eine große Rolle. Diese sind Vorbilder für die Schüler allein durch ihr Verhalten, ohne eine formelle religiöse Instruktion im Klassenzimmer zur Verfügung zu stellen. Diese Haltung lässt sich als „Aktivisten-Pietismus“ bezeichnen.42 Gawrych begreift diese Methode der Ausbildung, die man als die Methode der Gottesgesandten beschreiben kann, als den Mittleren Weg des absoluten Gleichgewichtes zwischen Materialismus und Spiritismus, zwischen Rationalismus und Mystik, zwischen Weltlichkeit und übermäßiger Askese, zwischen dieser Welt und der folgenden. Der wichtigste Punkt bei Gülens Methode ist, dass sie zwar viel Wert auf eine islamische Moral legt, aber für eine säkulare Ausbildung plädiert.43

Eine andere wichtige Grundlage stellt Gülens Talent dar, viele junge Menschen in der ganzen Welt erfolgreich zu überzeugen und zu mobilisieren, um diese Bildungseinrichtungen und zivilen Institutionen zu gründen und dadurch seine Vision über globale Werte und Spiritualität in die Praxis umzu-setzen. Damit wollte er eine Goldene Generation erziehen und so globalen Frie-den erreichen, zumal die Hizmet-Bewegung ein Modell der geistigen Partner-schaft vorschlägt, das auf geteilter Leidenschaft und Idealismus basiert und eine mehrdimensionale Ansicht von universellen Werten und Spiritualität vorsieht. 44 Zudem stellt Gülen sich eine Welt vor, die von einem Wiederaufleben brachliegender moralischer Werte, von Toleranz im Dialog und von Zu-sammenarbeit geprägt sein und auf diese Weise zu einer verständnisvolleren Zivilisation führen wird. 45 In seinen Schriften und Präsentationen versucht Gülen, die universellen geistigen Elemente innerhalb der islamischen Sufi-Traditionen, die Codes und Idiome der Vergangenheit zu mobilisieren, um neue Systeme hervorzubringen. Faszinierend ist, dass diese Annäherung in ihrer Natur allumfassend und nicht an eine nationale Kultur, ein nationales Erbe oder eine nationale Identität gebunden ist.46

Auch das Ziel der Bewegung ist hier als eine wichtige Grundlage anzusehen. Experten wie Saritoprak und andere behaupten, sowohl Gülens zurückgezogenes Leben und seine pietistische Weltanschauung als auch die moralische Bildung und Haltung seiner Bewegung zeigten, dass Gülen und die Hizmet-Bewegung sich durch ihre Tätigkeiten und Aktivitäten nicht materiell bereichern, keine

 

42 Gawrych, 2004 (46/3), S. 650

43 Agai, 2004.

44 Karakas, 2006, S. 177; Erdoğan, 2005, S. 105 45 Krause, 2007, S. 165. politische Macht ergreifen und keine Bekanntheit in der Welt gewinnen wollten. Dies liegt auch daran, dass er, wie seine engen Schülerkreise, aber auch die Staatsbehörden feststellten, selbst keinen weltlichen Besitz hat und unverheiratet ist. Entsprechend seien seine Errungenschaften nicht materiell, sondern von geistiger Natur und allumfassend.47