Der "Mensch des Dienstes" bei Fethullah Gülen: Nachfolger des "vollkommenen Menschen" in der islamischen Mystik?
Kapitel II: Gülens neues Menschenmodell Hizmet İnsanı (der Mensch des Dienstes) im Vergleich mit der al-insān al-kāmil (der vollkommene Mensch) Lehre des Sufismus
Kapitel II: Gülens neues Menschenmodell
Hizmet İnsanı (der Mensch des Dienstes) im
Vergleich mit der al-insān al-kāmil (der
vollkommene Mensch) Lehre des Sufismus
1 Einführung
Die westliche und östliche Philosophie suchen nach der Antwort auf die Frage „Was ist der Mensch?“ als das wichtigste Problem der Menschheit, und dazu gibt es deutliche Meinungsverschiedenheiten in den Lehren der unterschiedlichen Gelehrten.
Nasr zufolge besteht die Kenntnis von den Gegenständen hauptsächlich aus irdischen und weltlichen Wissenschaften, und jeder Mensch ist ein Abbild dieser Erkenntnis. Durch seine eigene universale Natur und seine reichhaltigen Bemühungen kann der Mensch die Aspekte des Perfekten selbst entdecken. Während seiner Suche nach dem universalen vollkommenen Menschen (arab. al-insān al-kāmil) profitiert er sowohl vom östlich-islamischen Kulturerbe als auch von den westlichen christlichen oder humanistischen Quellen. Vielen Disziplinen, besonders den Religionen zufolge, beruht diese Frage auf dem Gottverständnis. Der Islam, der demselben geistigen Baum entwachsen ist wie das Judentum und das Christentum, präsentiert eine Doktrin des Menschen, die bis jetzt vom abendländischen Weltbild nicht weit entfernt ist. Jedoch beruht diese Wahrheit im Islam auf dem Verhältnis des Menschen zu seinem Schöpfer, Allah, wobei Allah durch sein absolutes Dasein und durch die Theophanie seiner Namen und Attribute betrachtet wird. Alle Wesen spiegeln einige Aspekte des Göttlichen wider, wie ein Spiegel ein Bild. Nur der Mensch aber spiegelt alle Namen und Qualitäten Gottes wider.1025
In diesem Zusammenhang kann man al-insān oder al-insān al-kāmil in drei wichtigen Dimensionen behandeln: 1) seiner Position in der Existenz; 2) seinen Attributen; 3) seinen Beziehungen mit anderen Menschen, besonders mit Reisenden auf dem Weg Gottes.1026
In diesem Kapitel wird der Mensch (arab. al-insān) in Bezug auf sein theomorphisches Dasein, seine esoterische und exoterische Natur und besonders sein Verhältnis zu Gott und Kosmos untersucht. In diesem Zusammenhang gibt es unterschiedliche Annäherungen zu diesen komplizierten Daseinsfragen. Auf der einen Seite gibt es einen ontologischen Blickwinkel, während auf der
1025 Nasr, 1967 anderen Seite ein anthropologischer Gesichtspunkt sein Recht einfordert. Diese unterschiedlichen Blickwinkel gilt es zu betrachten und die Evolution dieses Begriffs in späteren Zeiträumen sowie die Entstehung des Konzepts al-insān al-kāmil zu untersuchen. Dabei wird vor allem auf Gülens Beitrag zu dieser Frage hingewiesen. Zudem wird Gülens Beschreibung des Menschen behandelt, hat er doch sein System auf dem menschlichen Dasein aufgebaut und die sufistische Lehre des al-insān al-kāmil als Basis genommen, um darauf ein neues Menschen-Modell –hizmet insanı– zu errichten.
Um Gülens Modell vollständig beschreiben zu können, hat der Verfasser die Begriffe des Sufismus, die durch Gülen in einem langen Zeitraum unter cirka 130 Titeln in einer monatlichen Zeitschrift veröffentlich und neu interpretiert wurden, untersucht. Das Menschenbild in Gülens Schriften, die die Sufi-Reisenden beschreiben, wie murīd, Sufi, šaiḫ, wurden eingehend betrachtet, seine Kommentare über das sufistische Konzept al-insān al-kāmil und die Verwirklichung dieses Begriffs im modernen Zeitalter geprüft. Der wichtigste und originellste Kommentar von Gülen in Bezug auf al-insān al-kāmil ist seine Interpretation des Begriffes aš-šaḫṣ al-maʿnawī (die geistige kollektive Persönlichkeit oder das Bewusstsein) anstelle einer einzigen perfekten muršid-oder quṭb-Lehre des Sufismus. Gülen zufolge übernimmt eine geistige Persönlichkeit als Beauftragter oder Vertreter Gottes im Sinne eines Kalifats auf der Erde die Verantwortung, die bis heute den Lehren des Sufismus zufolge von einer einzigen perfekten Person vertreten worden wäre. Zum Schluss werden die Möglichkeiten dieser neuen Lehre Gülens im heutigen Kontext näher betrachtet.