Der "Mensch des Dienstes" bei Fethullah Gülen: Nachfolger des "vollkommenen Menschen" in der islamischen Mystik?

3 Der Begriff Hizmet (Dienst)

 

3.1 Hizmet in der Sufi-Literatur

Hizmet bedeutet auf Türkisch Dienst oder Dienstleistung und wird von dem arabischen Wort ḫidma abgeleitet.1231 In der Sufi-Literatur hat der Begriff hizmet eine dynamische Bedeutung. Man versteht darunter nur die Dienstleistungen, die für Gottes Zufriedenheit, aus Liebe und Barmherzigkeit der Menschheit gegenüber und kostenlos getan werden. In frühen Sufi-Werken finden sich verschiedene Beispiele dafür; z. B. befiehlt Gott dem Propheten David, den Menschen zu dienen, die sich an ihn gewandt hatten, um Gott zu erreichen. 1232

Im Sufismus wurde der Dienst wertvoller als die freiwillige Anbetung. Im Koran und in der Sunna wurde dies vielmals betont.1233 Zudem ist es ein Schlüsselkonzept, das die Anhänger und die Institutionen verbindet. Die Sufi-Orden sehen hizmet als einen Teil des Erziehungsprozesses der Sufi-Derwische. So beschreibt man den Scheich als „Diener der Derwische“ (ḫādimu’l-fuqarā). Begründet wird es folgendermaßen: Das einfachste und wichtigste Mittel, um das Ziel zu erreichen, ist der Dienst. Denn die menschliche Seele findet einen solchen freiwilligen Dienst in privaten Angelegenheiten der anderen immer mühsam und entwürdigend. Daher muss der Sufi während seiner hizmet immer respektvoll sein, weil Respekt oder ādāb wichtiger sind als der Dienst.1234

In diesem Sinn behauptet al-Ġazālī, dass der Dienst der beste Weg sei, um Gottes Zufriedenheit zu gewinnen. Die wertvollen Anstrengungen des Lehrers, d. h. der Unterricht, seien eine Aufgabe des ḫalīfa (der Stellvertreterschaft) Gottes. Durch seine Dienerschaft werde der Mensch ein Vermittler zwischen Gott selbst und seinen Wesen.1235 Qonauī, der Stiefsohn und Schüler von Ibn ʿArabī, betont, dass es vier Arten der Beziehung zwischen dem Scheich und seinen Anhängern gibt: den Umhang (ḫirqa); die Erlaubnis oder Empfehlung zum Rezitieren Gottes (talqīn-i ḏikr); die Genossenschaft (ṣuḥba); den Dienst (ḫidma).1236 Und Rūmī zufolge ist die geistliche Reise eine Periode des Dienstes und Vertrauens. Mit ehrlicher Absicht während des Dienstes erreicht der Sufi

 

1231 Das bedeutet auch ausführende Tätigkeit, selbstständige, marktfähige Leistung, die mit

der Bereitstellung und/oder Verwendung vorhandener Fähigkeiten verbunden ist. Der Begriff des Hizmet wird häufig synonym zu dem des Kundendienstes gebraucht. Sieh: Grimm, 2007

1232 H. K. Yılmaz, 2002, (200), S. 6

1233 al-Buḫārī, Ǧihād, 71; Koran, 47/7 1234 H.K.Yılmaz, 2002

1235 Smith, 1983, S. 33 höchste Stationen.1237 Rūmī schildert diesen Zusammenhang folgendermaßen: „Mittels deines Dienstes erlangst du die Fähigkeit des Gesichtslesens (d. h.: du verstehst die geistigen Situationen der Menschen, wenn du ihre Gesichter gesehen hast).“1238 Er sagt auch: „In dieser Welt gibt es nichts Besseres als einen guten Charakter. Lass die Fähigkeiten oder Wunder hinter dir, weil dir auf dieser Fahrt nur Dienst und gute Moral helfen.“1239