Der "Mensch des Dienstes" bei Fethullah Gülen: Nachfolger des "vollkommenen Menschen" in der islamischen Mystik?
II. Abstrakt
Im 21. Jh. leben wir in einer Ära, in der sozio-kulturelle Veränderungen und politische Konfrontationen schneller voranschreiten als je zuvor. Unter diesen Umständen werden menschliche und gesellschaftliche Fakten und Systeme neu strukturiert, lokale und globale Werte neu interpretiert. Dadurch gewinnen auch nationale und internationale Beziehungen neue Dimensionen. In diesem Sinne spielt der Begriff „neu“ eine prägende Rolle in dieser Gestaltung. Zudem tritt der menschliche Faktor zwischen anderen Faktoren hervor, während man bislang eher auf die Ideologien, Systeme und Institutionen großen Wert gelegt hat.
Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts und Anfang des 21. Jh. hat sich von der Türkei aus eine neue Initiative in alle Welt verbreitet, die durch den Islamgelehrten Fethullah Gülen und seine Sympathisanten ins Leben gerufen und inspiriert wurde. Durch ihre Bildungs- und Dialogprojekte im öffentlichen Raum versucht sie, den öffentlichen Raum aktiv mitzugestalten. Zahlreicher Kritik zum Trotz brachte ihr humanzentriertes Streben der Bewegung in kurzer Zeit weltweit einen weitgehend positiven Ruf ein.
Wie ist es diesem muslimischen Gelehrten aber gelungen, den Fokus des Interesses an ihm und der von seinen Ideen inspirierten Gemeinschaft, die meistens mit seinem Namen oder als hizmet (Dienst)-Bewegung bezeichnet wird, zu wecken und zu erhalten? Bietet diese dienstbasierte Bewegung Lösungen für die ewigen Probleme der Menschheit an? Wie interpretiert Gülen den menschlichen Faktor und sein neues Menschenmodell hizmet insanı (wörtlich: der Mensch des Dienens, gemeint ist: der dienende Mensch bzw. der den Mitmenschen dienende Mensch) in der Theorie? Was war das Grundelement dieser Philosophie und hat es mit dem wohlbekannten Sufi-Modell al-insān al-kāmil (der vollkommene und universale Mensch) zu tun? Und - was noch wichtiger ist: Wie sieht die Umsetzung dieses neuen hizmet insanı im heutigen zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext aus? Welche Elemente spielen dabei eine große Rolle und durch welche Methode oder mittels welcher Institutionen wird diese Idee realisiert? Wie positioniert sich dieses Modell in Bezug auf zeitgenössische Werte und Zivilisationen? Welche Strategien benutzt die Hizmet-Bewegung, um den menschlichen Faktor zu bekräftigen und mit anderen Gesellschaften in Verbindung zu setzen?
Diese lebenswichtigen Fragen liegen seit etwa zehn Jahren auf dem Tisch und wurden teilweise bereits durch Forscher eingehend untersucht. Aber um diese Fragen auf einer gesunden Plattform diskutieren zu können, bedarf es unterschiedlicher Methoden und Materialien. Weder die nicht immer in ausreichendem Maße zugänglichen Informationsquellen noch die aktiven und dynamischen Strukturen der Bewegung ermöglichen es uns, zu einem schnellen und zufriedenstellenden Ergebnis zu bekommen. Zudem zwingen uns die vielfältigen Aktivitätsbereiche und Anhängerprofile der Bewegung, unsere Anschauungen aus unterschiedlichen Blickwinkeln heraus zu untersuchen. Um diesen Problemen und Schwierigkeiten zu begegnen, haben wir neben schriftlichen Quellen auch auf andere soziologische Methoden wie Beobachtungen, Feldforschungen, Interviews und informelle Gespräche zurückgegriffen. Außerdem haben wir nach einer bestimmten Zeit die Grenzen und den Rahmen der Arbeit revidiert und eingeschränkt. In diesem Zusammenhang profitierten wir von vorhandenen Doktor- und Magisterarbeiten, von aktuellen Büchern, Konferenzpublikationen und insbesondere Medienberichten. Der allgemeine Konsens unter Forschern ist, dass die akademische Welt bis dato Schwierigkeiten hat, diese wachsende Bewegung zu kategorisieren. Zudem ist es heute zu früh, um über die Bewegung ein abschließendes Urteil fällen zu können, da die Aktivitäten weitergehen, deren Umfang sich vergrößert und es zudem noch einige offene Fragen über die Bewegung besonders im internationalen Maßstab gibt, die noch nicht geklärt oder Außenstehenden bekannt sind.
Deshalb versuchen wir, in dieser Arbeit zumindest ein Bild vom heutigen Standpunkt aus zu malen. Viele komplizierte Aspekte sind uns dadurch im großen Bild noch klarer und deutlicher geworden. Während meiner Arbeit habe ich besonders große Mühe gehabt, einen klaren Standpunkt zu bestimmen. Einerseits werden die Person, die im Mittelpunkt der Untersuchung steht, und seine Anhänger, besonders in Medien, sehr oft kritisiert und teilweise diffamiert. Andererseits gibt es Fakten, die viele Forscher und ich erst durch unsere Untersuchungen selbst zur Kenntnis genommen haben. Zuletzt gibt es einen Druck seitens der Medien auf Akademiker, die in diesem Bereich forschen oder dazu Artikel verfassen.
Trotz alledem versucht diese Arbeit, einen akademischen und objektiven Standpunkt einzunehmen. Das Ziel dieser Arbeit ist es deshalb nicht, Gülen und seine Sympathisanten zu verteidigen oder zu diffamieren. In diesem Sinne wurden alle Konfliktpunkte und Kritiken umsichtig untersucht, Gegenargumente ausgiebig diskutiert und eine all diese Aspekte berücksichtigende Arbeit realisiert. Ich hoffe, diese Arbeit wird auch für spätere Forscher auf diesem Gebiet in ihren akademischen Untersuchungen hilfreich sein.