Die Echsenwelt
Kapitel 9
9
Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, war von dem Wasser, obwohl er äußerst sparsam mit dem kläglichen Rest umgegangen war, nicht mehr viel üb-rig.
Pip, die nach wie vor auf seiner Schulter ruhte, veränderte als Reaktion auf die niedergedrückte Stimmung ihres Gefährten unbehaglich ihre Position. Es gab, wie Flinx klar wurde, momentan nichts, was sie für ihn tun konnte, es sei denn, sie wäre imstande, einen nahegelegenen See zu wittern. Allerdings besaß ihr geschmeidiger, schlangenartiger Körper selbst ei-nen ausgesprochen hohen Feuchtigkeitsgehalt ... Rasch verbannte er derart unheilige Anwandlungen aus seinem Kopf. Seit seiner Kindheit war die flie-gende Schlange seine treue Freundin und Beschütze-rin gewesen. Ganz egal, wie verzweifelt seine Lage auch war, nie würde er, nie könnte er ihr etwas zulei-de tun.
Aber er hatte nicht mehr die Kraft, seinen abdrif-tenden, zunehmend nach Flüssigkeit lechzenden Ge-danken zu verbieten, das Undenkbare zumindest in Erwägung zu ziehen.
Die Sonne kannte kein Erbarmen mit dem einsa-men Wanderer, der unter ihr durch das öde Kupfer-land zog. Wie ein zentnerschweres Gewicht lastete die brütende Hitze auf ihm, und allein das stotternd funk-tionierende Kühlsystem des Anzugs hielt ihn noch am Leben. Ohne die sich am Innenmaterial niederschla-gende Flüssigkeit würde er sich nur noch mühsam da-hinschleppen. Allein sie hielt ihn in Gang, fragte sich nur, wie lange noch. Die gesamte Kondensatmenge er-gab nicht einmal einen viertel Liter pro Tag. Viel zu wenig, daran gab es nichts zu deuteln. Und was, wenn das überbeanspruchte Aggregat kollabierte, oder auf sonst irgendeine Weise schlapp machte ...
Nicht weit vor ihm glitzerte etwas in der Sonne und zog seinen Blick auf sich: eine Erscheinung ir-gendwo zwischen seiner Netzhaut und dem grün verwaschenen Horizont. Über dem Geglitzer spielte lockend das ungefilterte Sonnenlicht. Gerade als sein Verstand ihm zurief, vorsichtig zu sein, begannen seine Schritte sich auch schon zu beschleunigen, und seine Füße trugen ihn wie von selbst vorwärts.
Wasser. Oder sonstige frei zugängliche Flüssigkeit, in jedem Fall seine Rettung. Die Echtheit des Weihers, der vor seinen von Schweiß brennenden Augen grö-ßer und größer wurde, war nicht zu leugnen. Und auch nicht die der anderen Tümpel, die die grün-blaue Ebene sprenkelten. Ihre sich kräuselnden Ober-flächen schimmerten wie Silber in der Sonne, warfen ihre Strahlen zurück und spiegelten den dichten Wildwuchs aus gelben, hellroten und blauen Kristal-len, der ihre Ufer umgab. Vor so viel grellem Wider-schein musste Flinx die Augen abschirmen.
Nicht zwei von den Tümpeln waren in Größe und Form gleich – nicht, dass es Flinx in irgendeiner Wei-se gekümmert hätte. Ihm war die Geologie Pyrassis' im Moment ziemlich egal. Verkümmerte, aber davon abgesehen anscheinend gesunde Pflanzen, säumten die Teiche und bildeten eine Oase in dem ansonsten völlig vertrockneten Gebiet. Selbst in dem allerklein-sten der Tümpel befand sich mehr als genug Wasser, um Flinx' Vorratsbehälter bis zum Rand zu füllen, genug sogar, um sich außerdem den Luxus eines Vollbads zu gönnen.
Der grün-braune Bewuchs ließ vermuten, dass die Wasserstellen eine dauerhafte Attraktion dieser Landschaft waren. Als sich Flinx vergeblich nach kleineren Vertretern der Fauna umschaute, die man an einem solchen Ort zuhauf erwarten durfte, war er einigermaßen verwundert. Möglicherweise waren die hiesigen Bewohner ja nachtaktiv, grübelte er, und verkrochen sich schlauerweise während der Hitze des Tages in ihre Grotten und Höhlen.
Als er näher herankam, verlangsamte er seine Schritte. Bloß weil die Tümpel allem Anschein nach Wasser enthielten, hieß das noch lange nicht, dass er es auch bedenkenlos trinken konnte. Er mochte zwar durstig sein und völlig erschöpft, aber er würde den Teufel tun und sich kopfüber in die nächstbeste Pfüt-ze werfen, in der vielleicht ein sperrangelweit aufge-rissener Rachen darauf wartete, ihn zu verschlingen. Zumindest sollte er sich bei all dem Kupfer ringsum darauf gefasst machen, dass das Wasser einen metal-lischen Beigeschmack hatte. Und dann wieder war es durchaus denkbar, dass die ach so prachtvoll kristal-lisierten Arsenate das Wasser um etwas bereichert hatten, das weit unangenehmer war als nur ein bitte-rer Geschmack. Wenn er also von dem kostbaren Nass trinken wollte, so viel stand fest, dann nicht oh-ne es vorher zu analysieren.
Auch wenn sich das Wasser als ungenießbar erwei-sen sollte, so blieb ihm immer noch das Vergnügen eines erfrischenden Bades. Während er auf den nächstgelegenen Tümpel zuschlenderte, begann er nacheinander die Verschlüsse seines Überlebensan-zugs zu öffnen. Er war schon halb ausgezogen, als Pip, die über seinem Kopf umhergekreist war, plötz-lich direkt vor seiner Nase auftauchte. Als er um sie herumgehen wollte, scherte der Minidrache prompt aus und versperrte ihm den Weg.
»Geh zur Seite, Pip.« Unbeirrt schritt er weiter und scheuchte sie mit einer Hand immer wieder fort. An-gesichts seines entschlossenen Vorgehens zog sich die fliegende Schlange widerstrebend zurück.
Er hatte den Rand des Tümpels fast erreicht, da sah er, warum Pip ihn aufzuhalten versucht hatte. Rasch versteckte sich Flinx hinter einem der wenigen nen-nenswerten Felsbrocken, die vereinzelt auf der offe-nen Ebene verstreut lagen, und behielt den näher kommenden Wüstenbewohner im Blick. Das beein-druckende Tier lief auf drei Beinen, in beharrlicher, dreifüßiger Gangart. Hin und wieder schwankte es zur Seite, so als hätte es plötzlich die Balance verlo-ren, doch es gewann sein Gleichgewicht stets wieder zurück.
Vielleicht ist es genauso durstig wie ich, dachte Flinx; er fuhr sich mit der Zunge über die aufge-sprungenen Lippen. Das Geschöpf war über die kup-ferhaltigen Ebenen angetrottet gekommen und nicht von den Sanddünen her. Wie lange es tatsächlich her war, seit es zuletzt etwas getrunken hatte, konnte der einsame Mensch, der es aus seinem Versteck beo-bachtete, nicht abschätzen.
Das Tier wurde merklich schneller, als es das Was-ser witterte. Jetzt fiel es in einen fließenden, schlan-ken Galopp und hielt zielstrebig auf einen der größe-ren Tümpel zu. In Anbetracht der respektablen Größe und Schnelligkeit des Neuankömmlings rechnete Flinx damit, wenigstens ein oder zwei kleine Strauchbewohner zu sehen, die sich rasch in Sicher-heit brachten. Doch rings um die Wasserlöcher und in ihrem Umkreis regte sich nichts, abgesehen von dem immer schneller galoppierenden dreibeinigen Besu-cher. Das Fehlen jeglicher Tiere in der außerirdischen Oase kam ihm entschieden merkwürdig vor, wenn nicht gar mysteriös.
Als die Kreatur am Rand des Tümpels angekom-men war, prüfte sie versuchsweise mit dem mittleren Bein das Wasser. Offensichtlich zufrieden mit dem Ergebnis, zog sie die anderen zwei nach. Das Tier war schwarz, hatte einen ungleichförmigen Rumpf mit weißen Flecken und einen langen Kopf, der tief an ihm herunterhing. Aus großen, wachsamen gelben Augen beargwöhnte es das seichte Wasser, in dem es stand. Wie die als Kristallfelder getarnten Wesen hat-te es einen Saugrüssel. Dieses äußerst nützliche Or-gan streckte es nun aus, tauchte es in das Wasser und begann zu trinken. Von seiner Deckung aus konnte Flinx das nicht nur sehen, sondern auch deutlich das regelmäßige Schlürfen hören, mit dem der Rüssel das Wasser aufnahm.
In diesem Moment explodierte der Pfuhl, als wäre darunter eine Bombe detoniert. Vor lauter Schreck verlor Flinx hinter seinem Felsbrocken den Halt und fiel hintenüber. Die Vegetation, die den Tümpel um-gab, stob berstend gen Himmel. Kein Erdreich rieselte von ihren Wurzeln herab, denn die Gewächse hatten gar keine Wurzeln. Stattdessen säumten sie die Lef-zen eines riesigen Mauls, das mit einem Donnerhall zuschnappte und das Wasserloch mitsamt seinem In-halt verschluckte. Die mächtigen Kiefer waren glän-zend und glatt, so als würden sie ständig geschmiert.
Ebenso plötzlich, wie es daraus hervorgeschossen war, versank das umwucherte Maul wieder im Bo-den. Flinx, der kaum zu atmen wagte und an der So-lidität von Fels und Erde unter seinen Füßen zweifel-te, kam aus der Hocke hoch. Wenige Augenblicke später bildete sich dort, wo vormals der Tümpel ge-wesen war, eine Mulde im Erdreich. Während ein noch aufgewühlter Flinx dabei zusah, entfaltete sich von ihren Rändern her langsam und allmählich eine buschartige »Vegetation«, die sich erneut in perverser Nachahmung echter Flora himmelwärts schob. Aus einem schwarzen ekeligen Loch in der Mitte der Mulde begann Wasser hervorzusickern, bis der Pfuhl wieder bis zum Rand vollgelaufen war. Wie große Flecken in der umliegenden grünblauen Landschaft lagen die anderen Tümpel regungslos da – und war-teten.
So behutsam auftretend wie möglich, verließ Flinx seinen Platz hinter dem Felsbrocken und verschloss im Gehen seinen Anzug. Ohne noch einmal stehen zu bleiben, machte er einen großen Bogen um den Pfuhl, der gerade lang genug seine Tarnung aufgegeben hatte, um den unglückseligen dreibeinigen Wanderer zu verschlingen. Flinx achtete sehr darauf, nicht zu nah an die Ränder irgendeines anderen Tümpels zu kommen. Vielleicht waren sie echt und bis oben hin mit kühlem, frischem Wasser gefüllt. Wahrscheinlich aber lauerte dort die Verwandtschaft des Monsters, das gerade eben aus dem Untergrund hervorgebro-chen war.
Plötzlich fiel ihm eine Vertiefung in einem Stein auf, dort, wo etwas Wasser aus dem »Teich« hinge-schwappt war; er beugte sich vor, um es zu untersu-chen. Als er etwas in die hohle Hand schöpfte, stellte er fest, dass es zwar aussah wie Wasser, aber leicht zähflüssig war. Er träufelte ein paar Tropfen in den für diese Zwecke vorgesehenen Aufnahmebehälter in seinem linken Ärmel und ging weiter, während der Anzug eine genaue Substanzanalyse vornahm.
Er hatte recht gehabt mit seinem Misstrauen gegen die Flüssigkeit. Sie enthielt Salze, aber weder waren es Arsenate noch andere giftige Derivate der Mineralien, über die er schritt. Die Tümpel füllte kein Wasser.
Der Analyse seines Anzugs nach handelte es sich um Speichel.
Er hatte sich, oftmals gegen seinen Willen, bereits et-liche Male auf Planeten aufgehalten, deren heimische Raubtiere außerordentlich gut getarnt gewesen waren, doch keines reichte mit seinen Fertigkeiten an das her-an, was er bis jetzt auf Pyrassis erlebt hatte. Während er die vermeintliche Wasserstelle hinter sich ließ, ver-suchte er sich vorzustellen, was die unsichtbare Höhle darunter ausfüllen mochte. Angesichts der Größe der mit Speichel gefüllten Mäuler, die oberirdisch zu sehen waren, mussten die darunter verborgenen Bestien wahrhaft gigantisch sein. Lagen sie dort unten senk-recht oder waagerecht auf der Lauer? Falls Letzteres zutraf, spazierte er womöglich gerade jetzt, in diesem Augenblick, über ihre Hinterteile hinweg.
Welchen besseren Köder konnte es in einer völlig ausgetrockneten Umgebung zum Anlocken von Beu-te geben als lebensrettendes Wasser? Und der vegeta-tionsartige Bewuchs am Kiefer machte die Täuschung geradezu perfekt.
Er streckte eine Hand aus und streichelte Pip, die wieder zusammengerollt auf seiner Schulter lag. Sie hatte ihn nicht vor dem durstigen dreibeinigen Tra-ber warnen wollen, sondern vor allem vor dem, was unter dem so dringend benötigten, doch trügerischen Wasser gelauert hatte. Er würde woanders etwas zu trinken auftreiben müssen. Vorzugsweise etwas, bei dem nicht er sich als die Beute entpuppte.
Doch jede Hoffnung, in den Gesteinsbecken auf ei-ne Wasserpfütze oder ein Rinnsal zu stoßen, wurde immer wieder enttäuscht. Der kupferreiche Boden war zwar geeignet, um Wasser durchzulassen, nicht, um es aufzufangen.
Die darauffolgende Nacht verbrachte Flinx in einer kleinen, trockenen Höhle, die mit funkelndem Mala-chit und herrlichen exotischen Mineralen ausgeklei-det war, von denen er kein einziges kannte. Aber er machte sich nicht die Mühe, sie von seinem Anzug identifizieren zu lassen. Er war viel zu erschöpft, um sich mit dem Analysegerät herumzuplacken.
Den Blick starr auf die dunkelgrünen Stalaktiten gerichtet, die wie ein wunderschöner kupferner Vor-hang vor seinen müden Augen hingen, schlief er ein und träumte von Wasser.
Zwei Tage später war das Wasser in seinem Reserve-tank bis auf den letzten Tropfen aufgebraucht.
Ihm und Pip blieb nichts anderes übrig, als mit dem Kondensat, das von dem Anzugkühlsystem er-zeugt wurde, vorliebzunehmen. Vor ihnen glaubte er (obwohl er sich nicht sicher war), einen langen, gera-den Felsgrat aus dunklem Gestein ausmachen zu können, der sich von Norden nach Süden erstreckte. Ein Felsgrat, das bedeutete Spalten, schattige Plätze, an denen er Rast machen konnte und wo sich, wenn er Glück hatte, vielleicht ein paar Tropfen Wasser ge-sammelt haben mochten. Selbst nur ein einziges, winziges Glas voll wäre ihm im Augenblick mehr als willkommen gewesen.
Ob er es allerdings bis zu dem Felskamm schaffte, war eine andere Frage. Von dem Punkt aus, wo er stand und auf die ferne Linie blickte, die den Sand von dem Himmel trennte, war es mindestens einen vollen Tagesmarsch bis dorthin. Es muss irgendwo dort Wasser geben, dachte er. Und er war immer noch mehrere Tagesmärsche von der Stelle entfernt, wo sich das Crotase-Lager befand. Er schluckte schwer. Seine Kehle war wie ausgetrocknet. Er zwang seine Beine, sich wieder in Bewegung zu setzen. Es war, als müsste sein Gehirn jedes Mal einen neuen Befehl geben, wenn er etwas so Simples tun wollte, wie einen Fuß vor den anderen zu setzen.
Es war genau in diesem Moment brütender Be-trachtung, als das überstrapazierte Kühlaggregat sei-nes Anzugs zischte, mit einem letzten mechanischen Röcheln die kalte Luft ausstieß und erstarb.
Zehn Minuten lang mühte er sich ab, das Gerät wieder in Gang zu setzen, nur um zu dem Schluss zu gelangen, dass es wohl der Kenntnisse und Fähigkei-ten eines voll ausgebildeten Mikrotechnikers bedurf-te, um das verfluchte Ding zu reparieren. Nun, da er seinen Träger nicht länger kühlen noch ihn mit Feuchtigkeit versorgen konnte, war der Anzug vom einen Moment auf den nächsten vom Wohltäter zu lästigem Ballast geworden.
Flinx schälte sich aus den engen Falten heraus und sah sich zum ersten Mal seit seiner Bruchlandung dauerhaft der pyrasseischen Atmosphäre ausgesetzt. Und auch, was weit schwerer wog, der sengenden Sonne. Seine olivfarbene Epidermis mochte auf die Strahlen vielleicht nicht so empfindlich reagieren wie die eines eher blasshäutigen Menschen, aber dessen ungeachtet durfte er es mit seiner Entblößung nicht übertreiben. Mit einem rapide anwachsenden Berg von Scherereien im Gepäck war ein Sonnenbrand ein Extra, auf das er gut und gern verzichten konnte.
Nachdem er alles, was sich aus dem Anzug mit-nehmen ließ, wie etwa Nahrungskonzentrate und kleinere Ausrüstungsgegenstände, eingesammelt hat-te, setzte er seinen Weg nach Osten fort. Hinter ihm blieb der ausgediente Überlebensanzug wie das abge-streifte Exoskelett eines absonderlichen Wüstenreptils auf einem Flecken metallisch schimmernder Kristalle liegen. Nun, da er auch noch des Kondensats beraubt war, war das Auffinden von trinkbarem Wasser in-nerhalb der nächsten achtundvierzig Stunden für ihn zur schrecklichen Notwendigkeit geworden. Mit ein wenig Glück würde Pip vielleicht etwas länger über-leben.
Pah!, dachte er, pfeif auf das Glück. Sich auf sein Glück zu verlassen bedeutete Kapitulation. Er hatte zu viele Krisen überstanden, viel zu viel durchge-macht zum Wohle anderer und bei der Erforschung seiner Herkunft, um jetzt auf irgendeiner fremden Welt an etwas so Simplem und Undramatischem wie Durst zu krepieren.
Völlig unbeeindruckt von seiner Entschlossenheit brannte Pyrassis' Sonne auf ihn herab und saugte ihm die letzten Reste Feuchtigkeit aus dem Körper. Als es Abend wurde, war die dunkle Kammlinie der Fels-kette, die unter ihren Bollwerken möglicherweise Wasser beherbergte, beherbergen musste, merklich näher gerückt. Und er merklich schwächer geworden. Mit alarmierend flachem Atem sackte er erschöpft im Schatten von vier schlanken, kantigen grauen Ge-wächsen zusammen, die sich ohne irgendwelche Äste zu einer Höhe von annähernd fünf Metern erhoben. Sie hatten feste holzige Stämme, die nur von harten, knorrigen Vorsprüngen unterbrochen wurden: wenig Oberfläche, von der sich Feuchtigkeit rauben ließ, wie er erkannte. Ihre schmalen Fronten waren der Sonne zugewandt. Ein paar Andeutungen von Grün leuch-teten auf ihren plankenähnlichen Seitenflächen. Doch jedes Wasser, das sie aus dem ausgedörrten Boden zogen, wäre für ihn mit Sicherheit zu tief, um es zu erreichen.
Schwer und heiß lastete Pip zusammengerollt auf seiner Schulter, doch er stieß sie nicht fort. Ihre ver-traute Nähe war der einzige Lichtblick, der ihm noch geblieben war. Am Fuß eines dieser so uninteressan-ten Gewächse nagte ein Trio von kleinen schwarzen Kügelchen emsig an der freigelegten Wurzel und mä-stete sich an dem ungeschützten Holz. Als Flinx sich bei dem Gedanken ertappte, wie viel Feuchtigkeit die anspruchslosen kleinen Gestalten wohl enthalten mochten, wandte er sich angeekelt ab. Noch war er nicht verzweifelt genug, um Alienkäfer zu fressen.
Doch morgen, dachte er, während er sich keuchend vor Hitze hinsetzte, mochte es vielleicht schon anders sein.
Kaum drehte er sich um, da wurde ihm ein neuer ungewöhnlicher Anblick zuteil. Während er mit staunenden Augen zusah, stieg etwas aus dem welli-gen Boden auf, bewegte sich in seine Richtung und verschwand wieder. Und es war keine Wolke. Unge-achtet seiner Entkräftung stand Flinx auf, um besser sehen zu können. Da! Da war es schon wieder – nur, dass es diesmal drei waren. Wie sie eigentlich aussa-hen, konnte er noch nicht sagen, aber in einem war er sich trotz aller Müdigkeit sicher: Sie kamen genau auf ihn zu.
Er blickte nach links und versuchte nochmals, die Entfernung zu der verschwommenen Kammlinie ab-zuschätzen. Wie weit schaffte er es zu rennen, bevor Dehydration und Erschöpfung ihn übermannten und ihn in die Knie zwangen, ein letztes, endgültiges Mal? Wie schnell waren diese heimtückisch heranschlei-chenden Kreaturen? Denn dass sie heimtückisch wa-ren, stand für ihn außer Frage. Seine eilige, unter sen-gender Hitze vorgenommene Einschätzung der Lage fiel für ihn nicht eben vorteilhaft aus.
Vielleicht waren es ja auch nur neugierige Pflan-zenfresser, versuchte er sich einzureden. Oder Bo-denwühler oder Aasräuber, die kleine tote Geschöpfe fraßen. Im Gegensatz zu, sagen wir, größeren leben-den Geschöpfen wie ihm. Vielleicht war es bloßer Zu-fall, dass sie sich direkt in seine Richtung bewegten. Vielleicht aber würden sie auch links oder rechts an ihm vorbeiziehen, ohne überhaupt Notiz von dem fremden Zweifüßer in ihrer Mitte zu nehmen.
Als ihre Anzahl neun erreicht hatte und er sah, dass sie immer noch geradewegs auf die Gruppe baumartiger Gewächse zuhielten, drückte er sich in-stinktiv mit dem Rücken gegen den nächstbesten Stamm. Der schien hinreichend stabil zu sein, um als Deckung zu dienen. Mittlerweile waren die anrük-kenden Organismen so nah herangekommen, dass Flinx Einzelheiten ihres Körperbaus erkennen konnte. Die erste Besonderheit, die ihm auffiel, war, dass sie keine Gliedmaßen besaßen.
Das war nicht sonderlich überraschend. Bei diesen platten Bodenfliegern wären Beine überflüssig, ja so-gar hinderlich. Zwei Meter lang und etwa ebenso breit, doch lediglich einen halben Meter dick, beweg-ten sich die Geschöpfe, die Flinx im Geiste schon »Flimmer« getauft hatte, auf einer Art Luftkissen fort. Mehrere große Hautsäcke auf ihren Rücken schwol-len stetig zu beachtlicher Größe an und sanken wie-der in sich zusammen. Wenn einer sich entleerte, wurde die Luft, die er enthalten hatte, durch schmale Öffnungen an der Unterseite des Körpers nach außen gepumpt, um die Kreatur auf diese Weise aufwärts und nach vorne zu treiben. An der vorderen Seite des Lebewesens waren zwei große schwarze, pupillenlo-se Augen zu sehen; sie saßen oberhalb und etwas seitlich von einem breiten Maul, das mit Dutzenden kleiner, spitzer Zähne gespickt war.
Wieder eine einheimische Spezies, die weder das Aussehen noch das Verhalten eines Pflanzenfressers besaß, stellte Flinx betrübt fest. Die abgeflachten Kör-per der absonderlichen Kreaturen waren von un-gleichförmigen, seetangähnlichen Auswüchsen be-setzt. Vielleicht fungierten diese als Fühler, mit denen das Geschöpf seine Umgebung wahrnahm. Vielleicht gaben sie ihm Auskunft über das Vorhandensein und die Genießbarkeit potenzieller Nahrung.
Ungeachtet seiner ihm eigentümlichen, unersättli-chen Neugier glaubte Flinx nicht, dass er sich von ih-nen näher untersuchen lassen wollte.
Pip befand sich bereits sicher in der Luft und au-ßerhalb ihrer Reichweite. Während die seltsamen Ge-schöpfe zielstrebig auf ihn zuschwebten, konnte er das leise Rauschen und Schlagen zahlreicher Luftsäk-ke hören, die pausenlos arbeiteten. Aus der Nähe wirkten die winzigen Zähne, die in den schmalen Mäulern steckten, auf einmal viel größer und bedroh-licher. Das Fehlen jeglicher Arme, Klauen, verlänger-barer Rüssel oder anderer Greifwerkzeuge hatte durchaus etwas Ermutigendes, dennoch bezweifelte er, dass er alle neun zurückschlagen könnte, falls sie sich im Verein auf ihn stürzten.
Allein und schutzlos auf der glitzernd, azurblauen und smaragdgrünen Ebene stehend, blieb ihm exakt noch eine Möglichkeit. Und trotz seiner Erschöpfung tat er sein Bestes, sie auszunutzen.
Er wandte sich um und dachte kurz über die Her-ausforderung nach, die vor ihm lag. Dann schlang er die Beine um das stabilste der vier fremdartigen Ge-wächse, streckte die Arme über den Kopf und fing an zu klettern. Ohne die knorrigen Wölbungen an dem Stamm wäre die Aufgabe wohl nicht zu meistern ge-wesen. Doch auch so erwies sie sich wegen seines ge-schwächten Zustands als schwierig genug. Indes trug das unheimliche Zischen der hinter ihm herannahen-den Flimmer nicht unerheblich dazu bei, seine An-strengungen zu beflügeln.
Zu seiner Verwunderung schaffte er es tatsächlich bis hinauf auf die Spitze der seltsamen Pflanze. Es war ein unbequemer und unsicherer Hochsitz. Doch immer noch besser, als von einem Rudel Flimmer er-wischt zu werden, das sich nun um den Fuß der vier astlosen Gebilde scharte. Heftig dehnten sich ihre Luftsäcke aus und zogen sich wieder zusammen, während sie an die zweibeinige Mahlzeit, die sich ih-rem Zugriff entzogen hatte, heranzukommen ver-suchten. Doch trotz beharrlicher Versuche gelang es keinem von ihnen, sich weiter als bis zur halben Hö-he der baumartigen Gewächse vom Boden zu erhe-ben. Ganz in der Nähe schwebte Pip in der Luft, au-genscheinlich unschlüssig, ob sie zum Angriff über-gehen oder erst weitere Anzeichen von Gefahr ab-warten sollte.
Während Flinx sich vergeblich abmühte, eine halbwegs erträgliche Sitzposition zu finden, nahm er erleichtert zur Kenntnis, dass sich der bräunliche Stamm wenigstens nicht bewegte. So unerquicklich und prekär sein Logenplatz auch war, zumindest schien er fest genug im Boden verwurzelt. Weder ge-riet er unter seinem Gewicht ins Wanken, noch erbeb-te er, als einige der gierigen Flimmer sich gegen ihn warfen. Binnen nicht allzu langer Zeit, so hoffte er, vielleicht mit Anbruch des Abends, würden sie sich zu langweilen beginnen oder einfach aufgeben und wieder davonschweben, sodass er seinen Marsch fortsetzen konnte.
Ein neues Geräusch drang an sein Ohr. Neugierig beugte er sich so weit nach rechts, wie es sein Aus-sichtsplatz zuließ. Drei der Flimmer hatten sich an der Basis des Stammes zusammengedrängt. Da Flinx nicht sehen konnte, was sie taten, dauerte es ein paar Augenblicke, bis er das Geräusch, das er hörte, einer ihm bekannten Tätigkeit zuordnen konnte. Und in dem Moment, wo er die Verbindung hergestellt hatte, begann sein Herz schneller zu pochen. Diese kleinen, spitzen Zähne waren in der Lage, auch noch andere Dinge in Stücke zu reißen als Fleisch.
Sie nagten am Fuß seines Baumes.
Mehr als nur ein bisschen beunruhigt ging Flinx seine Möglichkeiten durch für den Fall, dass sie es schafften, sich durch das harte Material durchzufres-sen. Dummerweise war ein hilfloser Absturz das Er-ste, was ihm in den Sinn kam. Sicher, er trug seine Enduralpistole bei sich, aber er hatte keine Ahnung, wie viel sie gegen die Flimmer ausrichten konnte. Wenn er in die Situation kam, sie benutzen zu müs-sen, würde vieles davon abhängen, ob sich die Vie-cher ihrer Beute vorsichtig näherten oder sich alle auf einmal auf ihn stürzten. Falls Letzteres zutraf ...
Pip würde ihm helfen, doch die Kapazität der Gift-säcke in ihren Backen war begrenzt, und es brauchte Zeit, bis sie wieder aufgefüllt waren. Sein Hochsitz, der seine letzte Zuflucht darstellte, begann unheilvoll zu zittern. Während das Holz beständig ein nicht zu ignorierendes Beben auf Flinx' Kehrseite übertrug, griff er in die Tasche, zog vorsichtig die Überlebens-pistole hervor und nahm den größten der Räuber ins Visier. Besser, er versuchte sie mit der Waffe zu ver-scheuchen oder zumindest die Größe des Rudels zu dezimieren, bevor sie sich komplett durch den Stamm gefressen hatten.
Abermals erzitterte das Holz. Sorgfältig zielte Flinx mit der kleinen Endural nach unten, hielt jedoch jäh inne, als der Stamm plötzlich von einer ganz neuen Art von Vibration erschüttert wurde. Etwas oberhalb von dem Fuß des Gewächses schwollen die vorste-henden Knoten, die ihm bei seiner Kletterpartie Halt gegeben hatten, in alarmierender Weise an, wie ein Haufen entzündeter Eiterpusteln auf der Haut eines aknegeplagten Riesen. Doch die gefräßigen Flimmer schenkten diesem Phänomen nicht die geringste Be-achtung. Als die Auswüchse sich immer weiter aus-dehnten, wurde ihre stumpf graue Rinde beinahe durchscheinend. Flinx glaubte, in ihrem Innern Be-wegungen ausmachen zu können, obwohl es ihm unmöglich war, deren Ursache zu erkennen.
Schließlich platzten die angeschwollenen Knoten unter Hunderten von gedämpften Knallen auf. Eine Kaskade klarer, kühler Flüssigkeit schoss aus ihnen hervor und ergoss sich über die nagenden Räuber. Augenblicklich ließen sie wie ein Mann von dem har-ten, widerborstigen Stamm ab, um so viel von dem kostbaren Nass aufzunehmen, wie sie nur konnten, bevor es in den verdorrten Boden sickerte. Flinx hätte durchaus das Risiko eines Angriffs auf sich genom-men und seinen sicheren Platz verlassen, um es ihnen gleichzutun, wäre da nicht eine gewisse noch frische Erinnerung gewesen, die ihn zögern ließ.
Er hatte bereits einmal eine äußerst erhellende Be-gegnung mit Wasser gehabt, das sich als etwas völlig anderes herausgestellt hatte.
Doch nichts Lebensbedrohliches ging von der Flüs-sigkeit aus, die auf dem blaugrünen Erdboden bereits rasch eintrocknende Pfützen bildete. Weder zischten die weichen Körpergewebe der durstigen Flimmer, noch warfen sie Blasen, weil sie mit irgendwelchen raffiniert getarnten Säuren in Berührung gekommen waren. Ungehindert tranken die Kreaturen weiter, wimmelte das emsige Rudel um den Fuß des Ge-wächses, kämpften die Kleineren um ihren Anteil an der flüssigen Beute, bis auch der letzte der unbezahl-baren Tropfen verschluckt oder im trockenen Erd-reich versickert war. Sodann wandten sie ihre Auf-merksamkeit wieder ihrem einzelnen, auf dem Baum hockenden Opfer zu, das sie, entgegen dessen Hoff-nungen, keineswegs vergessen hatten. Dasselbe fressgierige Trio wie zuvor machte sich erneut über den Baumstamm her, während der Rest geduldig hin-ter ihnen ausharrte und auf seinen Luftkissen vor Erwartung auf und nieder hüpfte.
Falls es die Absicht des pyrassischen Gewächses gewesen war, die Angreifer an seinem Fuß von ihrer Attacke abzubringen, so war dieser Trick gründlich misslungen. Wenn überhaupt, dann hatte die Flüs-sigkeit den fleißigen Nagern bloß zu erneuerter Tat-kraft und Entschlossenheit verholfen. Flinx konzen-trierte sich auf den größten der Übeltäter, die seinen Hochsitz demontierten, und zielte abermals mit der Endural nach unten.
Doch bevor er dazu kam, die Waffe abzufeuern, begann der feiste Flimmer krampfartig zu zucken und taumelte von dem Baumstamm weg. In rascher Folge schlossen sich ihm seine beiden Kumpane in nämlicher Weise an. Tatsächlich zeigte auf einmal die gesamte Horde unverkennbare Symptome von Schmerzen. Fassungslos sah Flinx zu, wie sämtliche Räuber von einer Serie kurzer, spasmischer Anfälle erfasst wurden. Schließlich krümmten sie sich einer nach dem anderen zusammen, erzitterten ein letztes Mal und sanken leblos zu Boden.
Erst als auch der Letzte von ihnen zu zucken auf-gehört hatte, traute sich Flinx von seinem behelfsmä-ßigen Hochsitz herunter. Langsam ging er zu der reg-losen Kreatur hinüber, die ihm am nächsten lag, und stieß zögerlich mit dem Fuß gegen ihren abgeflachten Körper. Sie rührte sich nicht. Wenn sie gelähmt war, so war die Lähmung total. Vorsichtig kniete er sich hin und unterzog das Raubtier einer näheren Unter-suchung. Es war nicht gelähmt, wie er feststellte, es war tot.
Dann bemerkte er den feinen Schleier spitzer, durchsichtiger Kristalle, die aus dem breiten Maul der Kreatur und den zur Ruhe gekommenen Lefzen ragten. Er hob einen Stein auf und brach damit ein paar der zentimeterlangen Gebilde behutsam heraus. Abgesehen von einigen grünen Flüssigkeitsinklusio-nen, die möglicherweise Blut sein mochten, waren sie vollkommen transparent. Diesmal, konstatierte er dü-ster, während er wieder aufstand und den Stein fort-warf, hatte eine der einheimischen Lebensformen ei-ne spezielle Flüssigkeit, die sich als Wasser ausgab, zum Selbstschutz anstatt zum Beutefang benutzt.
Das Nass aus den aufgequollenen Knoten hatte wie Wasser ausgesehen, war wie Wasser herausgeströmt, hatte sogar wie Wasser gerochen. Und doch setzte es sich aus komplexen organischen Polymeren zusam-men, die, der Luft ausgesetzt, binnen kürzester Zeit zu festen, kristallinen Formen erstarrten. Indem sie es tranken, hatten die Flimmer ihren grässlichen Tod herbeigeführt. Die Lösung war kristallisiert und ex-pandiert, hatte lebenswichtige Organe durchstoßen und die Kreaturen von innen getötet. Wenn er eine von ihnen sezierte, würde er den Verdauungstrakt der toten Bodenflieger höchstwahrscheinlich bis zum Bersten gefüllt mit zauberhaften kristallinen Formen vorfinden.
Er wandte sich von dem verendeten Räuber ab und musterte die vier still dastehenden braunen Gewäch-se, die schlank und aufrecht emporragten, mit neuem Respekt. Der Pseudobaum hatte sich ausgesprochen erfolgreich verteidigt. Zuerst die riesigen Speichel-lauerer und nun dies. Flinx fragte sich, ob er echtem Wasser überhaupt noch trauen konnte, wenn er es denn fand.
Doch er wusste, dass er in diesem Moment, noch ganz unter dem Eindruck der raffinierten Gegenwehr des Pseudobaums, in diesem Punkt nicht ganz auf-richtig war. Sollte er tatsächlich auf etwas stoßen, das wie Wasser aussah, würde er sich sicherlich sofort darauf stürzen. Ihm blieb gar keine andere Wahl. Und sollte es ihn verschlucken, bevor er umgekehrt dazu kam, nun, dann würde er wenigstens noch ein Bad genommen haben, bevor er den Löffel abgab.
Als er so neben den Kadavern stand, kam ihm jäh der Gedanke, ein paar aufzuschlitzen und sich an ih-rem Blut gütlich zu tun. Da sich jedoch nicht aus-schließen ließ, dass ihr grüner, kupferhaltiger Le-benssaft ihn ebenso gut vergiften wie wiederbeleben konnte, beschloss er widerstrebend, von dieser Mög-lichkeit Abstand zu nehmen. So verzweifelt war er nicht, wie er fand. Noch nicht. Er mochte sich zwar durchaus auf dem besten Wege dahin befinden, aber noch hatte er ein gutes Stück vor sich, bevor er dort anlangte.
Er warf sich seinen schrumpfenden Proviantbeutel über die Schulter und setzte seinen Marsch nach Osten fort. Vor ihm in der Ferne ragte die dunkle Kammlinie auf, die immer verschwommener wurde, doch darum nicht weniger verheißungsvoll war. Falls sich unter ihren düsteren Kuppen kein Wasser verbarg, hatte sich die Frage, was er tun würde, wenn er am Crotase-Lager angekommen war, erledigt. Falls aber doch ... Er versuchte, nicht daran zu denken, was er nach einem langen, langen Schluck und einer bele-benden Rast alles tun würde. Er versuchte bis auf weiteres, überhaupt nicht mehr an Trinken zu den-ken.
Während er weiterwanderte, betrachtete er arg-wöhnisch jeden Felsen, ging geflissentlich selbst den harmlos wirkendsten Pflanzen aus dem Weg und gab sich Mühe, alles, was sich bewegte, zu meiden. Es war eine relativ sichere Art zu reisen, doch keine sehr nahrhafte. Einen flüchtigen Moment lang sah es so aus, als wollten sich Wolken zusammenziehen, doch dann lösten sie sich unter der brutalen Hitze einer gnadenlosen Sonne wieder auf. Er stellte sich vor, wie herrlich bei einer Sturzflut wohl die Flussbetten die-ser spektakulär gefärbten Welt von aufgelösten Azu-riten und anderen Kupfermineralen glitzern mussten. Die dadurch heraufbeschworenen Bilder reichten zwar aus, seinen Geist zu beschäftigen, doch taten sie nichts für seine Kehle oder seinen Magen.
Hätte er die Wahl gehabt, wäre er lieber durch dichten Urwald gestapft. Nicht nur war er aufgrund seiner Reisen mit einer derartigen Umgebung weitaus vertrauter, er hätte dort auch trotz aller unvermeidli-chen Gefahren zumindest mühelos Wasser gefunden. Und wieder versuchte er, nicht zu sehr an das zu denken, was er nicht hatte: kühle, wohltuende Flüs-sigkeit, die seine Kehle hinabrann, süßes Druckgefühl im Magen, wenn man zu viel hinuntergestürzt hatte ... Außerstande sich selber Einhalt zu gebieten, grü-belte er darüber nach, wie anders alles aussehen würde, wenn sein Überlebensanzug noch intakt wäre. Und da er schon einmal beim Wünschen war, dachte er mit galligem Humor, konnte er sich gleich auch noch ein intaktes Shuttleschiff wünschen, das, die Tü-ren nur einen Spalt breit offen, auf der anderen Seite des Felsgrats auf ihn wartete.
Weiter und weiter schleppte er sich über die blau-grün funkelnden Kupfersalze mit ihren gelegentli-chen Durchbrüchen von seltenen kristallinen Minera-len voran, längst nicht mehr empfänglich für all die unvergleichlichen Farbschattierungen, die ihm all-mählich wie die lebhaften Vorboten des nahen Un-tergangs vorkamen. Und auch Pip, die merklich ge-schwächt schien, wurde ihm auf seiner Schulter zu-sehends zu einer Last. Immer seltener schwang sie sich empor, erhob sich nur noch dann über seinen Kopf, wenn irgendein ungewöhnlicher Anblick oder eine merkwürdige Bewegung sie unwiderstehlich da-zu drängte. Den Rest der Zeit zog sie es vor, in dem unsteten, spärlichen Schatten seines Kopfes zu liegen. Obwohl Flinx jedem ihrer gelegentlichen Flüge freu-dig entgegensah, da ihre rasch schlagenden Flügel seinem Gesicht kurzzeitig etwas Abkühlung brach-ten, dachte er nicht einen Moment daran, sie aufzu-scheuchen, nur um sich selbst ein paar Sekunden An-nehmlichkeit zu verschaffen.
Er hatte den von den Würmern durchbohrten Was-sertank notdürftig geflickt. Wenn er jetzt bloß noch etwas finden würde, was er in ihn und in die Flasche, die er aus dem zerstörten Shuttle geborgen hatte, ein-füllen könnte. Der größere Behälter begann bereits an seinem Rücken zu scheuern und drohte schmerzvolle wunde Stellen zu verursachen. Andererseits hätte er dann wenigstens etwas, das ihn von dem rasenden Durst ablenken würde, der sonst jeden Moment sei-nes Wachseins beherrschte. Und die Nahrungsvorräte waren auch beinahe erschöpft. In dieser Hinsicht war Pip ein bisschen besser dran als er. Immerhin konnte sie zumindest noch jagen, obwohl sie dies bei ihrem geschwächten Zustand immer seltener tat. Ihr erhöh-tes Stoffwechselniveau machte es erforderlich, dass sie regelmäßig Nahrung zu sich nahm. Und trotz sei-ner verzweifelter werdenden Lage wies er nach wie vor jeden Gedanken, sie um seinetwillen zu opfern, strikt von sich.
Aus der Höhe, aus Erdrissen und Löchern in den vielfarbigen Salzen, aus der Deckung hinter fremdar-tigen Pflanzen – von überall her sahen hungrig lau-ernde Augen ihn an. Flinx bezweifelte, dass seine au-ßerplanetare Herkunft deren Besitzer davon abhalten würde, sich in einem günstigen Moment auf ihn zu stürzen. Fleisch war Fleisch, Protein Protein, und in den kargen Weiten einer jeden Welt würden Aasfres-ser sich immer erst einmal die Mägen füllen und jeg-liche Bauchschmerzen später erdulden. Er musste wachsam und in Bewegung bleiben. Wenn sein spo-radisch aktives Talent funktionierte, konnte er gele-gentlich ihre primitive Präsenz spüren. Auch wenn ihre emotiven Projektionen ihm vielleicht unvertraut sein mochten, so hatte Flinx doch keine Probleme, sie zu interpretieren. Sie waren bedrohlich und voller Erwartung.
Die Sonne von Pyrassis war ebenso erbarmungslos wie ihre Pendants auf anderen Welten. Mehrmals schoben sich Wolken zusammen, nur um sich gleich darauf wieder zu zerteilen. Zaghaft und flockig, schienen sie ihren einzigen Zweck darin zu haben, ihn zu verlocken und dann zu enttäuschen. Unabläs-sig bildeten sie sich an dem klaren indigoblauen Himmel um und formierten sich neu, als wüssten sie nicht recht, was von ihnen erwartet wurde, um schließlich ebenso restlos zu schwinden wie seine Hoffnung.
Dies war kein Ort, um zu sterben, entschied er. Nicht hier, so weit von Moth, von Alaspin, von den beruhigenden Grenzen des Commonwealth entfernt. Doch seine Entschlossenheit konnte weder seinen Durst lindern, der seine Gedanken beherrschte, noch seinen knurrenden Magen besänftigen.
Eine spitze Zunge fuhr liebkosend über seinen Nacken. Langsam und gleichmäßig atmend blieb er im Halbschatten einer felsigen Bodenerhebung ste-hen, unter sich die rissige grüne Planetenoberfläche. Suchend tastete er in einer seiner Taschen und beför-derte einen halben Proteinriegel hervor. Er brach ein Stück davon ab, platzierte es behutsam auf seiner Schulter und wartete, während Pip sich dankbar über den nahrhaften Bissen hermachte. Kurz überlegte er, ob er versuchen sollte, etwas Kondensat aufzufangen, doch dann entschied er sich dagegen. Sie würden heute Abend trinken, sagte er sich bestimmt. Wenn der lodernde Ball hinter dem Horizont versunken war und beide Monde hoch am Himmel standen.
Blinzelnd schaute er nach oben. Ungeachtet der Verschlimmerung ihrer Lage war nirgendwo ein Zei-chen von der Teacher zu entdecken. Sie musste immer noch hinter dem ersten der zwei Monde treiben, alle Funktionen auf Stand-by und geduldig auf die näch-ste Meldung ihres Besitzers wartend. So fortgeschrit-ten ihre KI auch war, blieben die Mittel und Wege zur Einbindung theoretischer Spekulationen in ihren ky-bernetischen Kortex eher eine Kunst denn eine Wis-senschaft. Abgesehen davon hatte er dummerweise, und vielleicht auch allzu selbstsicher, keinen Zeit-rahmen für seine Rückkehr spezifiziert. Und ohne ei-ne klar definierte Vorgabe war es höchst unwahr-scheinlich, dass das Schiff eigenmächtig zu dem Schluss gelangte, irgendetwas könnte schiefgelaufen sein, und entsprechend agierte.
In der Teacher gab es Nahrung en masse, syntheti-sche wie natürliche, eine perfekt aufrechterhaltene Atmosphäre, vielerlei Unterhaltung und Zerstreuung und kühles, frisch aufbereitetes Wasser. Genug Was-ser, um darin zu schwimmen. Genug Wasser, um ...
Pip hatte ihre Mahlzeit beendet. Für einen Augen-blick glänzten ihre geschlitzten Augen etwas heller, als sie es neuerdings taten, dann legte sie ihren drei-eckigen, grün schillernden Kopf erneut auf seine Schulter. Flinx streckte seine schmerzenden Glieder und machte sich wieder auf den Weg nach Osten. In-zwischen wäre er für jedes Anzeichen von Zivilisati-on dankbar gewesen, egal ob von Menschen oder von AAnn. Zumindest würden ihm die Reptiloiden, be-vor sie ihn einem Verhör unterzogen, zu essen und zu trinken geben. Allmählich fürchtete er, dass er ei-nen Punkt erreicht hatte, wo dies alles war, was er noch hoffen konnte.
Dann ragte die dunkle Felswand vor ihm auf, von einem fernen Ziel zu einem unmittelbaren Hindernis geworden. Die Muskeln in seinen Beinen erhoben schon bei ihrem Anblick heftigen Protest. Am Fuß des Abhangs machte er Halt und betrachtete stirnrun-zelnd die Barriere, die zu überwinden er sich vorge-nommen hatte. Sie war steiler, als sie von Weitem ausgesehen hatte, aber erklimmbar, und zum Glück nicht allzu hoch. Interessanterweise besaß ihr Kamm eine einheitliche Höhe. Ein letztes Mal sondierte er die Umgebung. Die Wand erstreckte sich von Nord nach Süd, so weit das Auge reichte. Sie zu umgehen war völlig ausgeschlossen.
Erschöpft, aber entschlossen, die Sinne bedenklich umnebelt und die Reflexe verlangsamt, trat er an die Felswand heran und begann zu klettern. Die recht glat-te Oberfläche war mit kleinen Buckeln und Vorsprün-gen übersät, die ausgezeichneten Halt für Hände und Füße boten. Er hatte bereits die Hälfte der Strecke nach oben zurückgelegt, als er abrutschte, sich schließlich doch wieder sicheren Stand verschaffte und dabei et-was bemerkte, das sein Interesse erregte.
Seit er seinen langen Marsch aufgenommen hatte, hatte er den Bergrücken für eine natürliche Formation aus dunklem Felsgestein gehalten. Bei der dicken Schicht aus Sand und Schotter, von der er bedeckt war, gab es keinen Grund, etwas anderes anzuneh-men. Nun aber fiel sein Blick dort, wo seine schar-renden Füße das lose Gestein weggetreten hatten, auf etwas Schwarzes und Glänzendes, das sich darunter befand.
Er lehnte sich gegen die einwärts geneigte Wand, hielt sich mit der einen Hand fest und wischte mit der anderen die groben Sandkörner und Gesteinsbröck-chen beiseite. Noch mehr von der merkwürdigen tief-schwarzen Glätte kam unter seinen Fingern zum Vor-schein. Als er mit seinen schmutzigen Fingernägeln darüber fuhr, stellte er fest, dass er ihr nicht den ge-ringsten Kratzer beibringen konnte. Sein Überle-bensmesser richtete ebenso wenig aus. Solange er nur über derartig primitive Hilfsmittel verfügte, ließ sich schwer feststellen, ob es sich um Metall, Keramik, Kunststoff, Fasermaterial oder um etwas Exotischeres handelte. In einem war er sich allerdings sicher: Die gesamte Barriere war auf jeden Fall künstlich.
Er richtete sich ein wenig auf, lehnte sich ein Stück von der Wand weg und ließ den Blick zu beiden Sei-ten über ihre endlos erscheinende Länge wandern. Wenn sie komplett aus dem gleichen dunklen, reflek-tierenden Material bestand, so war dies ein Bauwerk von beträchtlicher Größe. Aus der Luft gesehen glich es zweifellos einer natürlichen Felskette, für die er es ja auch gehalten hatte. Wer sie hier an diesem trostlo-sen Ort hochgezogen hatte und zu welchem Zweck, konnte er sich nicht vorstellen. Er war viel zu er-schöpft, um seine Zeit und Energie für hochfliegende Spekulationen aufzuwenden. War diese Welt einst die Heimat eines Volkes gewesen, das solch langer, hoher Mauern bedurfte? Hatten irgendwann einmal in der Geschichte eines grüneren, doch nicht freund-licheren Pyrassis' antike Kriege getobt? Während er sich, ein ums andere Mal abrutschend und sich wie-der festklammernd, weiter nach oben mühte, kam er lediglich zu trivialen Mutmaßungen.
Nach fünfzehn Minuten hatte er die Mauerkrone erreicht. Selbst von diesem erhöhten Blickwinkel aus war kein Ende des Schutzwalls zu erkennen. In der klaren, unverschmutzten Luft konnte Flinx sehr weit sehen. Er schirmte mit einer Hand die Augen ab und vermeinte, in dem Wall eine leichte Krümmung nach Südwesten ausmachen zu können, doch sicher war er sich da nicht. Direkt vor ihm breitete sich ein beispiel-loser Wirrwarr aus zerklüfteten, bizarren Felsbrocken aus. Bei einem Überblick mochte das Terrain durch-aus unpassierbar erscheinen. Doch von seinem Standort aus konnte er die gewundenen Pfade erken-nen, die in die Formationen eindrangen. Dankbar nahm er zur Kenntnis, dass er sich dort im Schatten befinden würde. Eine angenehme Abwechslung nach dem Gewaltmarsch unter glühend heißer Sonne, die zudem den erfreulichen Effekt hatte, dass er nun bei Tage wesentlich schneller vorankommen würde – vorausgesetzt, er schaffte es, Wasser zu finden. Er riss sich zusammen und machte sich an den Abstieg.
Der Wall war hinter ihm längst außer Sicht ver-schwunden, als er sich stolpernd an einem der son-derbaren Felsbrocken festhalten musste, zwischen denen er entlangwanderte. Überrascht stellte er fest, dass er nicht aus natürlichem Stein bestand, sondern aus dem gleichen dunklen Material wie die Barriere, die er gerade überwunden hatte. Ebenso die voll-kommen andersgeformten Gebilde daneben und da-hinter. Im wohltuenden Schatten dieser seltsamen Gebilde kniete er sich hin, um den Sand am Boden fortzuschaufeln. Schon bald wurde ersichtlich, dass auch er nicht aus Erde oder Fels bestand, sondern aus einem etwas geriffelten, doch eindeutig künstlichen Material. Als ein verirrter Sonnenstrahl auf die glän-zende Schicht fiel, die er freigelegt hatte, schien diese das Licht zu absorbieren und darauf zu reagieren, in-dem sie einen halben Regenbogen zurückwarf, der aus gedämpften Farbtönen zusammengesetzt war.
Zum ersten Mal, seit er das zerstörte Shuttle verlas-sen hatte, schritt Flinx durch eine gänzlich künstliche Umgebung. Welchem Zweck sie allerdings dienen mochte, blieb ihm ein Rätsel. Wenn es eine uralte Alienstadt war, versunken in der Zeit und unter Schotter und Sand, wo waren dann die Wohnhäuser, die Handwerksstätten, die Versammlungsorte und Tempel? Unter seinen Füßen begraben? Welche Funktion hatten die Tausend und Abertausend auf-fallend geformten Gebilde, durch die ihn sein Weg führte? Ihre gewundenen und verschlungenen Um-risse gaben keinerlei Aufschluss über ihre Bestim-mung.
Das Einzige, was er tun konnte, war, weiter vor-wärtszutaumeln. Und zu staunen.