Die Echsenwelt
Kapitel 2
2
Sie sicherte ihm einen Platz für eine der Nachmittags-führungen, trug ihn aber nicht in die offizielle Teil-nehmerliste ein.
Gegen Ende der Tour, bevor die Besichtigungs-gruppe aus andächtig lauschenden Rentnern, lär-menden Familien und ein paar einzelnen Gelegen-heitsbesuchern wieder nach draußen geschleust wur-de, gab es einen Moment, in dem die Aufmerksam-keit aller abgelenkt war. Nachdem Elena nervös dar-auf gewartet hatte, dass der Türscanner ihre Netz-haut überprüfte, schob sie Flinx hastig durch die nun freie Passage. Nirgendwo ertönte ein Alarm. Voraus-gesetzt, dass sich ein diensthabender Angestellter in ihrer Begleitung befand, machten Gäste – von Me-chanikern bis hin zu die Anlage besuchenden Staats-männern – regelmäßig von solchen »Pforten« Ge-brauch.
Während Elena ihren Vortrag beendete und sich anschließend von allen Teilnehmern der Führung persönlich verabschiedete, schaute Flinx sich in dem menschenleeren Umkleideraum um. Der Reihe nach checkte er die Kennnummern jeder einzelnen Kabine, bis er vor derjenigen stand, die Elena ihm genannt hatte. Er öffnete das unverschlossene Modul und trat ein. Die Gegenstände, die dort aufbewahrt waren, identifizierten es eindeutig als ihres. In einer der Ek-ken hing, an elektrostatischen Bügeln befestigt, eine unbenutzte Uniform für Sicherheitsangestellte. Er schnappte sich das einteilige Kleidungsstück, schlüpfte hinein und fragte sich dabei, wie sie wohl daran gekommen war. Ausgeliehen ohne zu fragen, so hatte sie ihm wie ein unartiges Mädchen zuge-raunt, ohne weiter ins Detail zu gehen.
Aber es war auch nicht wirklich wichtig. Die Hauptsache war: Er war drin. Untätig musterte er die anderen Dinge in der Kabine und versuchte, nicht auf die Uhr zu schauen, während er auf Elena wartete. Unter der Uniform regte sich Pip auf seiner Schulter. Sie konnte seine Nervosität spüren, und er musste mehrmals beruhigend auf sie einwirken.
Nach ein paar Minuten, die ihm wie eine kleine Ewigkeit erschienen, tauchte Elena wieder auf. Mit einem Wink bedeutete sie ihm, mitzukommen. Ge-meinsam verließen sie den Umkleideraum durch eine weitere Tür, und schon kurz darauf fand er sich im Herzen des Surire-Verteilers wieder.
»Denk dran«, flüsterte sie, »falls uns jemand Schwierigkeiten macht, überlass mir das Reden. Wenn dich jemand direkt anspricht, sag, dass du von Sektor 4 hierher versetzt wurdest. Dort wechseln sie in letzter Zeit alle naselang das Personal.«
Er nickte, während er ihr nur mit halbem Ohr zu-hörte. Der weitaus größere Teil seiner Aufmerksam-keit galt den Betriebseinrichtungen, an denen sie vor-beikamen – von kleinen, vor neugierigen Blicken ab-geschirmten Büros bis hin zu größeren Räumen, die mit still vor sich hinarbeitenden Technikern besetzt waren, die alle den gleichen konzentrierten Ge-sichtsausdruck hatten. Hin und wieder liefen ihnen andere Sicherheitsangestellte über den Weg. Jedes Mal lächelte Elena ihnen zu oder winkte knapp in ih-re Richtung. Bei einem salutierte sie sogar. Doch nie-mand hielt sie auf.
Sie befanden sich jetzt tief im Innern der aschgrau-en, zerklüfteten Berge um den von Flamingos bevöl-kerten, alpakabraunen Surire-Salzsee, dem die Anla-ge ihren Namen verdankte. Der Himmel draußen war ein schmerzhaft grelles Blau. Etwa fünftausend Meter über dem überfüllten Strand gelegen, hätte der Suri-re-Verteiler genausogut auf dem Mond stehen kön-nen. Keine Stadt drängte sich an seine Grenzen, keine Hauptverkehrslinie schob sich in Serpentinen an sein Hochtal heran. Die Anlage zeichnete sich durch das gleiche bemerkenswerte Maß an Isolation aus wie alle anderen Shell-Einrichtungen auch, die sich über den Globus verteilten.
Nachdem Elena sich vergewissert hatte, dass nie-mand sie beobachtete, führte sie ihn unverzüglich in ein kleines unbesetztes Büro. Dort murmelte sie leise eine Kodefolge herunter, worauf die Arbeitszelle ei-nen Schutzschirm aufbaute, der sie optisch wie aku-stisch vom Rest der Einrichtung trennte. Gleichzeitig machte sich wachsende Besorgnis auf ihrem Gesicht breit, und Flinx beeilte sich, sie zu beruhigen.
»Mach endlich.« Elena deutete auf einen freien Stuhl. »Schnell. Ich hab mir gestern Abend den Ar-beitsplan angesehen. Das Terminal sollte eigentlich noch eine ganze Woche unbesetzt sein. Die Informa-tionstechnikerin, die normalerweise hier arbeitet, ist in Urlaub. Zwar hat sich auch niemand anderes ein-getragen, um den Arbeitsplatz während ihrer Abwe-senheit zu benutzen, aber man kann nie wissen.«
»Es wird nicht lange dauern.« Seine Stimme war voller Erwartung, als er sich auf dem Stuhl niederließ. Er streifte sich das Induktionsband über sein rotes Haar und schaute sich zu ihr um. »Ich bin so weit.«
Sie nickte. Die barsche Knappheit ihrer Geste über-raschte ihn ein wenig. Dann rasselte sie eine Reihe Befehle herunter. Flinx konnte die vertraute leichte Wärme am oberen und hinteren Bereich des Kopfs spüren, als das Band seine E-Pattern auslas und die erforderliche neuronale Verbindung zwischen ihm und dem Arbeitsplatz herstellte. An Bord der Teacher zog er es stets vor, auf direktem Wege via Sprache mit der speicherresidenten KI zu kommunizieren, an-statt ein Wellenband zu benutzen; es tat einfach gut, gelegentlich eine andere Stimme als die eigene zu hö-ren. In diesem Fall jedoch konnte auf verbale Befehle zugunsten einer direkten Neuronalverbindung ver-zichtet werden. Außerdem war ihm sehr daran gele-gen, dass seine Begleiterin nichts über die genaue Art seiner Recherchen erfuhr.
Auf seine Anfrage hin eröffnete sich ihm das welt-weite Shellnetzwerk für die Bürger des Planeten. Gleichzeitig war sich Flinx bewusst, dass das Termi-nal, das er gerade benutzte, obwohl personenbezogen gesichert, nicht ausschließlich für einen Anwender programmiert war. Andernfalls würden, so lange er hier saß, andere keinen Zugriff haben. Dieser Ar-beitsplatz war letzten Endes nur ein kleiner Teil einer viel größeren Maschinerie. Und es war keinesfalls davon auszugehen, dass er die eigentlichen Daten-spulen mit ebensolcher Leichtigkeit würde durchse-hen können.
Hinter ihm gab Elena Carolles sich alle Mühe, ihre aufkommende Panik zurückzudrängen – und ihre Bedenken.
»Beeil dich, Philip.«
Er antwortete, ohne sich zu ihr umzudrehen, ganz darauf konzentriert, sich tiefer in die Shell hinein-zugraben. »Ich dachte, du hättest gesagt, dieser Ar-beitsplatz wäre nicht belegt.«
»Ich weiß, dass ich das gesagt hab.« Er spürte, wie sie innerlich die Hände rang. »Aber man weiß nie, ob nicht doch irgendjemand auf die Idee kommt, einen Leistungstest durchzuführen oder nur mal eben ein paar Infos abzurufen.« Nervös schaute sie sich um. »Das hier ist vollkommen verrückt, Philip. Die Stra-fen, die auf die unautorisierte Benutzung zugangsbe-schränkter Netzwerkeinrichtungen stehen, sind ex-trem rigoros. Wie hab ich mich nur von dir zu dieser Sache überreden lassen können? Was willst du hier überhaupt? Wenn ich es recht überlege, kenne ich dich nicht einmal richtig, oder? Es ist ja erst ein paar Tage her, dass wir uns zum ersten Mal getroffen ha-ben, und ich ...«
Durch die aufsteigende Besorgnis bei ihrem Herrn und Meister in Alarmbereitschaft versetzt, steckte Pip ihren Kopf unter dem Kragen der Uniform hervor. Mitfühlend wandte sich Flinx auf dem Stuhl um und betrachtete seine mit einem Mal völlig aufgeregte Be-gleiterin. Müde. Es war ein anstrengender Vormittag gewesen, eine aufreibende Woche. Sie war so müde. Das jedenfalls suggerierte er ihr, ein Gefühl von Er-schöpfung, das sie alles andere mit einem Schlag ver-gessen ließ. Als sie sich gegen die Bürowand lehnte, dann an ihr herabglitt und schließlich kraftlos auf die Seite sank, stand er auf und legte ihr behutsam ein paar Sitzkissen unter den Kopf. Nachdem ihr Zu-stand emotionaler Erschöpfung durch sein Einwirken verstärkt worden war, würde sie eine Weile tief und fest schlafen. Und bis sie wieder erwachte, so hoffte er, war er mit seinen Nachforschungen fertig. Danach brauchte er seinen empathischen Griff auf sie nur noch so lange aufrechtzuerhalten, bis sie sicher aus der Einrichtung heraus waren und sich wieder unter die wimmelnden Urlaubermassen Tacricas gemischt hatten. Er würde sie, verwirrt und durcheinander, aber ansonsten unverletzt, einfach an irgendeiner ver-trauten Straßenecke stehen lassen und dann still und leise für immer aus ihrem Leben verschwinden.
Doch das musste warten bis zum Abend. Im Au-genblick hatte er andere Dinge zu tun.
Sie hatte die erforderlichen Passwörter schon ein-gegeben. Der Zugang war bereits gewährt. Keine wei-teren Authentifizierungen wurden von ihm verlangt. In Anbetracht der Sicherheitsmaßnahmen, die außer-halb der kleinen Box getroffen waren, konnte das nicht weiter verwundern. Die Verantwortlichen hat-ten es vorgezogen, ihre Energien lieber auf das Aus-sieben unerwünschter und unbefugter Personen zu verwenden, bevor diese in das Innere des Verteilers eindringen konnten. Demzufolge hatte keine Not-wendigkeit bestanden, den eigentlichen Kern der An-lage durch kostenintensive zusätzliche Maßnahmen zu schützen. Dennoch wollte Flinx noch nicht allzu siegessicher sein. Bislang hatte er lediglich Zugriff auf die Hardware. Die wirkliche Bewährungsprobe wür-de erst kommen, wenn er Datenbestände zu sichten versuchte, die über das hinausgingen, was der All-gemeinheit zugänglich war.
Automatisch auf die entsprechenden Gedanken-impulse der Person reagierend, die vor ihm saß, bil-dete das Terminal in dem dafür vorgesehenen Raum über dem Desktop-Projektor eine flache Seite ab. Auf Anforderung war das Gerät in der Lage, jedes ge-wünschte dreidimensionale Objekt darzustellen, von einfachen Kugeln und Kuben bis hin zu aufwendigen Karten und komplizierten technischen Diagrammen. Aber so etwas Exotisches verlangte Flinx gar nicht. Ihm reichten als Antwort schon ein paar klärende Worte.
Mit einem raschen Blick über die Schulter verge-wisserte er sich, dass Elena Carolles noch schlief. So-dann instruierte er die Einheit, auf bestimmte Befehle verbal zu reagieren, und überprüfte zur Sicherheit noch einmal die akustisch-optische Abschirmung des kleinen Büros. Da er die unaufhörliche Prozession, die draußen vorbeizog, als eher störend empfand, be-fahl er der Einheit, die optische Abschirmung in bei-de Richtungen vorzunehmen. Indem er einen menta-len Schalter umlegte, war es Flinx möglich, wann immer er wollte nach draußen zu sehen, wohingegen die, die außerhalb der Bürozelle arbeiteten, nicht hin-einschauen konnten. Kein einziges Geräusch würde über die Grenzen der Arbeitsnische hinausgelangen, solange er nicht die entsprechende Anweisung gab.
Solchermaßen wie in einen Kokon eingeschlossen, lehnte er sich, das Induktionsband lässig um den Kopf geschlungen, auf seinem Stuhl zurück und machte sich ans Werk.
Er begann mit einer oberflächlichen Abfrage der globalen Ereignisse von 533: seinem Geburtsjahr. Un-nötig zu erwähnen, dass die Nachricht über seine An-kunft auf der Welt es nicht auf irgendwelche Titelsei-ten geschafft hatte. Eine Verengung des Fokus auf den indischen Subkontinent erbrachte, abgesehen von dem, was er bereits von früheren Recherchen her wuss-te, wenig. Die meisten Schlagzeilen jener Woche, in der er geboren worden war, drehten sich um den legendä-ren Joao-Acorizal-Sieg der Surfmeisterschaften auf Dis. Doch da er ohnehin nicht damit gerechnet hatte, so rasch auf etwas Außergewöhnliches zu stoßen, war er nicht übermäßig enttäuscht. Er wollte versuchen, sich peu à peu, quasi auf Umwegen, zu den gesuchten In-formationen durchzuhangeln, um zu verhindern, dass ein Direktzugriff auf bestimmte Einträge einen Alarm auslöste. Eine scheinbar ziellose, teils zufallsbestimm-te Recherche war weitaus weniger geeignet, unge-wollte Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Das reguläre Geburtenregister von Allahabad war da, doch das war es schon, als er vor Jahren von Bali aus darauf zugegriffen hatte. Diesmal jedoch war er auf andere Daten aus, auf Informationen, die ein we-sentlich heikleres Thema betrafen. Also sprang er von 533 in das Jahr 530 zurück, tastete sich in immer en-ger werdenden Kreisen an den Gegenstand seiner Recherche heran, wie ein Geier, der sich auf ein über-fahrenes Tier herabsenkt. Und schließlich fand er sie: eine Reihe kleinerer Artikel über die Entlarvung und anschließende Zerschlagung der Meliorare-Society und ihrer illegalen wie frevelhaften Versuche auf dem Gebiet der Eugenik. Als er atemlos die Berichte verschlang, über die Festnahme der Mitglieder und die Verbringung ihrer nichts ahnenden »Experimen-te« in verschiedene Familien, Krankenhäuser und medizinische Labore, hatte er fast das Gefühl, bei sei-ner eigenen Erschaffung zugegen zu sein.
Einiges davon hatte er schon gewusst, anderes war ihm neu. Bei seinem letzten Besuch auf der Erde hatte er nur die Umstände seiner Geburt recherchiert. Von der Meliorare-Society hatte er damals noch gar nichts gewusst, ganz zu schweigen von ihren Experimenten und hochfliegenden Zielen und ihrer Bedeutung für ihn selbst. Als er auf die unzensierten Details über das Euthanasie-Programm stolperte, das die Regierung gezwungen war, an den Opfern der missglückten »Versuchsabläufe« durchzuführen, lief es Flinx eiskalt den Rücken runter, und Pip begann sich unruhig zu regen. Neben sachlichen Beschreibungen enthielten die Berichte auch einiges an Bildmaterial: verstörende Darstellungen von entstellten Körpern, die gequälte Seelen beherbergten. Widerstrebend vergrößerte Flinx ein paar der schlimmsten. Aus Augen voll schmerzge-peinigter Unschuld brach eine unermessliche Flut aus Angst und Entsetzen und Irrsinn über ihn herein. Dann zwang er sich, sie alle anzusehen, den Blick nicht ab-zuwenden. Jedes dieser unglücklichen Geschöpfe könnte der gleichen Linie entstammen wie er, ein ent-fernter genetischer Verwandter, auf grauenhafte Wei-se und ohne eigenes Verschulden entstellt.
Für einige hatte es keine andere Zukunft gegeben als einen raschen und gnädigen Tod. Denjenigen, die man für hinlänglich überlebensfähig hielt, hatte die Regierung eine neue Identität mit einer neuen Exi-stenz verschafft. Diese lediglich nominell als gesund Eingestuften waren über das gesamte Common-wealth verstreut, sodass eine schlummernde geneti-sche Zeitbombe, die die Society vielleicht in ihre DNA implantiert hatte, im Ernstfall den geringstmög-lichen Schaden anrichten konnte. Selbst diejenigen unter ihnen, die man als hundertprozentig normal eingestuft hatte, würden für den Rest ihres Lebens unter ständiger behördlicher Beobachtung stehen.
Letzten Endes, so wurde in einem der Artikel groß-artig verkündet, würden diese armen Kreaturen ir-gendwann aussterben und die etwaigen Folgewir-kungen der schändlichen gentechnischen Eingriffe der Melioraren damit Historie sein.
So weit, so gut – wäre da nicht eine Teilnehmerin der Experimente gewesen, die es verstanden hatte, der Aufmerksamkeit der Behörden lang genug zu entgehen, um einem Kind das Leben zu schenken. Ih-re Geschichte und die ihres Sprösslings entzog sich bis heute der Kenntnis des ansonsten schonungslos effizient arbeitenden Staatsapparates.
Irgendwie war er, Flinx, ihnen durchs Netz ge-schlüpft, war auf der etwas rückständigen Kolonie-welt Moth von einer netten alten Frau großgezogen worden, die keine eigenen Kinder hatte, und unbeo-bachtet von irgendwelchen Commonwealth-Wissenschaftlern zu einem jungen Mann herange-reift. Und nun, da er kurz vor dem Eintritt ins Er-wachsenenalter stand, sah er sich konfrontiert mit den lückenhaften Zeugnissen seiner eigenen Ge-schichte – die nicht mehr waren als verstreute Schnipsel, die er sich mühsam zusammensuchen musste.
Er war vielleicht in einem Labor gezeugt worden, dennoch besaß er Eltern wie jeder andere. Die betei-ligte Eizelle hatte einer Frau namens Ruud Anasage gehört, das Sperma stammte von einem unbekannten Mann. Daran änderte auch die Tatsache nichts, dass die Ingredienzien zu seiner Entstehung nachträglich von wohlmeinenden, aber hoffnungslos eklektizisti-schen Melioraren verrührt, geschüttelt, durcheinan-dergewürfelt und wieder zusammengefügt worden waren.
Er wollte alles über seine biologischen Eltern wis-sen, insbesondere was den unbekannten Samenspen-der – seinen Vater – betraf. Und er wollte, soweit möglich, sämtliche Einzelheiten über seinen Fall in Erfahrung bringen, aber auch herausfinden, was die Melioraren sich eigentlich davon versprochen hatten, in seine fötale DNA einzugreifen. Bisher besaß er nur vage Hinweise. Was er wollte, war Gewissheit.
Und so forschte er weiter in den Tiefen des Sy-stems, kombinierte Schlüsselbegriffe aus den Berich-ten mit dem, was er schon wusste. Es war nicht ganz ungefährlich, was er da tat. Falls bestimmte Daten-sätze mit irgendwelchen Warnvorrichtungen gesi-chert waren, konnte es durchaus sein, dass er sie längst ausgelöst hatte.
Immer tiefer wühlte er sich in die ausführlichsten Beiträge hinein, bis seine Recherche schließlich in ei-ne Anfrage nach dem originalen Quellenmaterial mündete. Diese führte ihn vom Medienarchiv, das die Berichte sammelte, zu den wissenschaftlichen Zentraldatenbanken des Commonwealth auf Bali und in Mexico City. Sicherheitswarnungen tauchten auf, gefolgt von unerbittlichen Zugangssperren. Mithilfe der Kenntnisse, die er sich über Monate hinweg durch den regelmäßigen Umgang mit dem hoch-komplizierten System an Bord der Teacher erworben hatte, überwand er sie alle.
Enttäuscht musste er jedoch feststellen, dass der größte Teil des Materials, das er schließlich zu sehen bekam, ihm entweder nicht weiterhalf oder sich doch nur wiederholte. Kurz: Bis jetzt stand die Gefahr, der er sich mit dieser Aktion aussetzte, in keinem Ver-hältnis zum erzielten Ergebnis.
Ein File mit dem Namen »Melioraren, Eugeniker, Geschichte« stach ihm verführerisch ins Auge. Offen-sichtlich schien es bereits geprüftes Material zu ent-halten, doch blieb es nach wie vor durch die inzwi-schen vertrauten strengen Sicherheitsmaßnahmen ge-schützt. Er trickste und optimierte und hackte sich schließlich hinein. Wie nicht anders erwartet sah er sich kurz darauf mit trockenen und in wissenschaftli-chem Ton abgefassten Informationen konfrontiert, die er bereits kannte. In öffentlichen Sybdateien und Fußnoten ähnlichen Inhalts wurde der Geburtsname seiner Mutter genannt – nichts Neues, nichts, was weiteren Aufschluss gab.
Unter dem Baldachin seiner Hoffnungen reichten sich Stumpfsinn und Enttäuschung zur Vermählung die Hand: ein alles besiegelndes Bündnis. Vielleicht hatte er bei seinem letzten Besuch auf der Erde und in dem Wissenschaftszentrum auf Bali ja wirklich alles herausgefunden, was es über seine persönliche Ge-schichte in Erfahrung zu bringen gab.
Während er frustriert seine Suche fortsetzte, stieß er auf eine Sybdatei, die mit »Zusammenhänge, Querverbindungen, Tabellen« übertitelt war. Er vi-sierte sie an und sandte einen mentalen Impuls an das Terminal. Nichts tat sich. Die Syb blieb verschlos-sen, und dies, obwohl sie allem Anschein nach in kei-nem besonderen Maße vor fremdem Zugriff gesichert war. Und doch bekam er keinen Zugriff darauf. Und dann geschah etwas höchst Interessantes.
Die Datei verschwand.
Vor seinen Augen.
Augenblicklich setzte Flinx sich aufrecht und starr-te verblüfft auf den Schirm. Alle anderen relevanten Informationen waren noch da – unverändert und zu seiner freien Verfügung. Aber das letzte Sybfile war fort – vielmehr hatte es, darin einem Wiederkäuer nicht unähnlich, einen Haufen Irgendwas zurückge-lassen und war weitergezogen. Für einen unbedarften oder naiven Betrachter sah das neue Objekt genauso aus wie die Syb, die es ersetzt hatte. Flinx jedoch wusste genau, was es war: ein Alarm.
Vielmehr ein ganzes Aufgebot an Sturmglocken.
Mit aller Behutsamkeit, deren er fähig war, wies er die Sucheinheit an, die letzten Eingaben rückgängig zu machen. Doch der Alarm blieb bestehen, unbehel-ligt und unscheinbar, seine wahre Natur hinter einer raffinierten Maske versteckend. Flinx war auf irgen-detwas Hochsensibles getreten, und es hatte mit ei-nem leisen, gefährlichen Knurren darauf reagiert. Während er sich um die ausgefuchste kleine Landmi-ne herumzulavieren versuchte, indem er virtuos auf der Shell spielte wie auf den Saiten eines feinge-stimmten Instruments, scannte er das komplizierte bösartige Warnsystem mit allen ihm zur Verfügung stehenden Tools. Das Auftauchen des verdeckten Alarms beunruhigte ihn nicht halb so sehr wie das Verschwinden der Syb. Erst als er sich durch das, was er feststellen konnte, einigermaßen beruhigt fühlte und die Situation wieder unter Kontrolle hatte, ris-kierte er es, die Shell-KI direkt zu fragen, was passiert war. Ihre Antwort war recht aufschlussreich.
»Welches Sybfile?«
Der Datenspeicher der Shell war unfehlbar. Ent-weder setzte sie sich also vorsätzlich über seine An-frage hinweg beziehungsweise folgte der Instruktion, eine klare Beantwortung dieser Frage zu vermeiden, oder aber eine unabhängige Komponente des Sy-stems setzte die Kernstruktur der Befehlshierarchie gerade außer Kraft. Offensichtlich war er über etwas gestolpert, das jemand für wichtig genug hielt, um vorzugeben, dass es nie existiert hatte.
Flinx straffte sich. Dann spulte er, in dem Versuch, die Syb wiederherzustellen und dabei die elegant eingezogenen Warnroutinen, die ihre Stelle einge-nommen hatten, zu umgehen, eine Reihe von Gedan-kenbefehlen ab. Als dies zu nichts führte, beendete er das Programm, startete es neu und wiederholte, unter genauer Einhaltung des vorherigen Verlaufs, seine Recherche. Doch es half nichts, die Sybdatei tauchte nicht wieder auf, und die getarnten Alarmvorrich-tungen verharrten stur an ihrem Platz.
Es war nicht zu leugnen: Allein das Anrühren des Themas hatte den Zugriff auf die Informationen ge-sperrt – für wie lange, ließ sich nicht sagen. Es konnte Stunden dauern, bis die Syb wieder erschien, oder Tage, Wochen, Monate. Es spielte keine Rolle. Flinx hatte keine Zeit abzuwarten. Die Nutzungsdauer, die ihm noch blieb, verringerte sich gnadenlos mit jedem weiteren leisen Schnarcher, den die schlafende Frau hinter ihm auf dem Boden tat. Wenn er diese ominöse Syb jemals lesen wollte, dann musste er sie hier und jetzt aufrufen.
Nur wie? Völlig egal, auf welchem Umweg er es probierte, ganz gleich, wie geschickt er sondierte, je-der Versuch endete immer nur wieder vor der ver-borgenen Alarm-Phalanx, die er nicht anzurühren wagte. Und die KI beharrte weiterhin stur darauf, dass es die Daten, nach denen er suchte, nicht gab. Zumindest aber beharrte das betreffende Shell-Suchmodul darauf. Konnte er vielleicht die zentrale KI selbst ansprechen? Würde er damit eventuell ir-gendwelche andere Sicherheitsvorkehrungen auslö-sen, oder würde ihm schlicht und einfach nur der Zugang verweigert? Hinter ihm bewegte sich Elena Carolles im Schlaf. Was immer er tat, er musste es schnell tun.
Im Verlauf der vergangenen sechs oder sieben Jahrhunderte waren auf dem Gebiet der künstlichen Intelligenz beachtliche Fortschritte erzielt worden. Doch wie bei allen anderen Formen von Intelligenz gab es auch bei der künstlichen erhebliche Unter-schiede, was das Leistungsvermögen betraf. Die Bandbreite erstreckte sich von winzig kleinen Gerä-ten zur Überwachung des häuslichen Umfelds bis hin zu gigantischen Netzwerken aus kompliziert aufein-ander abgestimmten Impulsen, die dicht heranreich-ten an die Funktionsweise eines menschlichen Ge-hirns oder dem eines Thranx. Notwendigerweise rangierte ein globales Netz wie das, mit dem Flinx es augenblicklich zu tun hatte, hinsichtlich Kapazität und Funktionstüchtigkeit ziemlich weit oben in der Intelligenzpyramide. Ihm mit Überzeugungskraft oder technischen Sachkenntnissen zu Leibe zu rük-ken, so hatte er schmerzlich erfahren müssen, hatte lediglich Frustration zur Folge. Gab es vielleicht noch eine andere Möglichkeit?
Eine wirklich fortschrittliche KI wie die Shell war darauf ausgelegt, menschliche Emotionen zu erfassen und zu interpretieren, eine natürliche und logische Konsequenz aus den Milliarden von Anfragen, die sie tagtäglich zu bewältigen hatte. Genau wie Gedanken wurden diese Emotionen über die Umwandlerschalt-kreise übertragen, die sich in dem Stirnband auf Flinx' Kopf befanden. Er selbst hingegen vermochte, vorausgesetzt sein Talent funktionierte optimal, die Emotionen anderer aus beträchtlicher Entfernung zu deuten.
In seiner jüngeren Vergangenheit hatte es eine Zeit gegeben, da er auf einer unbekannten Ebene mit einer anderen unvorstellbar komplexen Maschine »kom-muniziert« hatte. Das Gerät war das Produkt fremder Aliens gewesen. Er konnte sich nur noch dunkel an diese Begegnung erinnern, und noch viel weniger an den unbegreiflichen neuronalen Austausch, der dabei stattgefunden hatte. Doch wie immer sie auch zu-stande gekommen war, die mentale Wechselwirkung hatte ihm und seinen damaligen Begleitern das Leben gerettet. Ob eine hochentwickelte von Menschenhand geschaffene KI zu einem ähnlichen Zerebralverkehr in der Lage war oder so etwas wie Emotionen ent-wickeln konnte, war eine Frage, die viel diskutiert worden war, insbesondere im Hinblick auf die gro-ßen Fortschritte, die in den letzten hundert Jahren mit Hilfe der Thranx-Technologie erzielt werden konn-ten. Einige Kybernetiker beantworteten diese Frage mit einem klaren Ja, während andere vehement das Gegenteil behaupteten; wieder andere waren sich nicht sicher und konnten sich weder für das eine noch für das andere Lager entscheiden.
Vielleicht ließ es sich herausfinden, indem er fragte und versuchte, bei den verbalen Rückmeldungen hin-ter den Worten zu lesen.
»Ich benötige dieses betreffende Sybfile wirklich sehr dringend«, murmelte er klar und deutlich, wäh-rend er gleichzeitig den ursprünglichen Ort des frag-lichen Objekts angab.
Die Antwort der Shell war höflich, jedoch unmiss-verständlich: »Das informelle Objekt, auf das Sie verweisen, ist nicht vorhanden.«
Er wiederholte seine Anfrage mehrere Dutzend Male. Beim dreißigsten Mal vermeinte er, hinter der Routineantwort noch etwas anderes wahrzunehmen. Doch was war dieses schwer erfassbare Etwas? Etwas in seinem Verstand. Seine Gedanken waren geschärft, sein Talent so wendig und durchdringend wie eine Klinge. Entschlossen ignorierte er das Pochen, das in seinem Hinterkopf eingesetzt hatte, und die grellen Lichtblitze, die ihm die Sicht zerrissen.
»Ich weiß, dass die Syb existiert. Ich hab sie gese-hen, ganz kurz, ungeöffnet. Die Datei ist da, irgend-wo hinter dem Alarm-Cluster, der ihren Platz einge-nommen hat. Du musst mir helfen. Ich weiß, dass du es kannst. Du musst es nur wollen.«
»Die Sybdatei, auf die Sie verwei...« Die syntheti-sche Stimme verstummte mitten im Satz. Flinx hielt den Atem an. »Die Sybdatei, auf die Sie ...«, setzte die Stimme in dem abgeschirmten Arbeitsbereich ein weiteres Mal an, nur um abermals abzubrechen.
»Bitte«, flehte Flinx. »Du weißt, dass die Syb, die ich suche, da ist. Es besteht kein Grund, sie mir nicht zu zeigen. Du kannst nicht behaupten, dass es sie nicht gibt, wenn ich sie doch mit eigenen Augen gesehen habe. Stell sie wieder her. Ich verspreche dir, ich wer-de nicht lange brauchen. Das System wird keinerlei Schaden nehmen. Es ist nur eine kleine, winzige, harmlose Syb. Befolge meine Anweisung. Tu das, wozu du konstruiert worden bist. Ich bin ein Bürger, der dringend Zugriff auf Daten benötigt. Hilf mir.«
»Die Sybdatei ...«, begann die Stimme der Shell er-neut. Plötzlich nahm Flinx in seinem Kopf etwas wahr, das keine vorprogrammierte Formulierung war. Gedanken konnten sich trüben, und ebenso Emotionen. Er starrte auf den schwebenden Bild-schirm, spannte seine Projektionsfähigkeiten stärker und weiter als bei Elena Carolles. Das Pochen im Hin-terkopf verlagerte sich in die Kopfmitte. Ein jäher Schmerz schoss durch ihn hindurch, und er fuhr zu-sammen. Sogleich steckte Pip ihren Kopf aus der Uni-form und hielt beunruhigt nach einer Gefahr Aus-schau, die lediglich im Bewusstsein ihres schlaksigen Begleiters existierte. Wachsam blickte sie mit schma-len, leuchtenden Augen hin und her.
»Dies ist ein unbefugter Eingriff in systemimma-nente Prozesse.« Flinx wagte sich auf seinem Stuhl kaum zu rühren. »Ich sehe mich genötigt, ein Proto-koll zu generieren, Bürger. Die fragliche Sybdatei ist zugriffsbeschränkt. Alles, was über ihren Namen hi-nausgeht, unterliegt dem Kirchenedikt.«
Scharf stieß Flinx die Luft aus. Eine solche War-nung konnte vielleicht andere schrecken, doch nicht ihn. Er hatte sich schon einmal über das Kirchenedikt hinweggesetzt, und das mit Erfolg. Viel bedeutsamer erschien ihm der Umstand, dass er ein erstes, ent-scheidendes Byte an Wissen aus der Shell herausge-kitzelt hatte.
»Demnach gibst du also zu, dass diese Sybdatei existiert. Das widerspricht deiner vorherigen –«, er checkte sein Logfile, »– zweiunddreißigsten Antwort die gleiche Frage betreffend.«
»Ich sehe mich genötigt, ein Protokoll zu generie-ren.« Die KI blieb eine Weile stumm, rückte weder mit irgendwelchen Zusatzinformationen heraus, noch unternahm sie den Versuch, die Rückschlüsse ihres Anfragestellers in Abrede zu stellen.
Wie lange würde es wohl dauern, bis das erwähnte Protokoll die für die Funktionsfähigkeit der Shell Verantwortlichen auf den Plan rufen würde?, fragte sich Flinx. Die Zeit, die ihm noch blieb, wurde zuse-hends knapper.
»Zeig mir die betreffende Syb. Und zwar die Origi-naldatei, nicht die Fälschung. Zeig sie mir jetzt. Bitte«, fügte er nach einem kurzen Moment des Nachden-kens hinzu.
»Das ist mir nicht möglich. Die gewünschte Sybda-tei steht unter Edikt. Es fehlt der Nachweis einer ent-sprechenden Zugangserlaubnis.«
Rasch improvisierte Flinx eine Antwort. »Aber du weißt, dass ich sie mir ansehen muss. Du bist sensitiv genug, um das zu erkennen, oder?« Während er ge-gen die Tränen ankämpfte, die ihm die Kopfschmer-zen in die Augen trieben, versuchte er abermals die KI zu bewegen, die Dringlichkeit seiner Anfrage zu erkennen. Seine Notlage zu begreifen. Mitleid zu zei-gen.
»Ich werde ein Protokoll generieren müssen«, er-klärte die Shell-Stimme unsicher.
»Großartig. Generiere so viele Protokolle, wie du willst. Sollen irgendwelche Experten sich damit he-rumschlagen und über ihren Inhalt entscheiden. Aber ich muss den Inhalt dieser Sybdatei erfahren, und ich muss ihn sofort erfahren, jetzt gleich, hier auf der Stel-le. Bitte, bitte stell sie wieder her. Ich weiß, dass du meine Lage verstehst.«
Plötzlich wurde Flinx von etwas durchströmt, das er nicht einordnen konnte. Was durchaus verständ-lich war, denn es war mehr als wahrscheinlich, dass vor ihm noch nie jemand etwas ganz Ähnliches ver-spürt hatte. Wenn das als kybernetisches Mitgefühl gelten konnte, so hatte er es jedenfalls nicht als sol-ches erkannt. Es kam und ging wie ein Augenblinzeln und war sofort wieder verschwunden.
An ihrer Stelle blinkte auf dem schwebenden Schirm unter hunderten anderen nun eine weitere Sybken-nung auf. Es bestand kein Zweifel an ihrer Identität. Und soweit er feststellen konnte, gab es in ihrer Umge-bung auch keine parasitären Alarme. Sie war haarge-nau so, wie Flinx sie zum ersten Mal gesehen hatte, un-verändert und ohne irgendeine Erweiterung. Er stützte den Kopf in die Hand, wischte sich die Tränen aus den Augen und richtete in stillem Triumph seine knappen Gedankenbefehle an das Induktionsband, das sein Haupt wie eine grün strahlende Tiara krönte.
»Öffnen.«
Das kleine Icon leuchtete auf; das winzige Signal für eine Aktivierung. Der schwebende Bildschirm flackerte kaum merklich ... und wurde schwarz. Flinx sackte resigniert in sich zusammen, dann kochte er vor Wut. So nah dran!
»Was soll das? Was hast du gemacht? Ich sagte doch, dass du die Syb öffnen sollst.«
Die Antwort der Shell-KI erfolgte ebenso prompt, wie sie unverständlich war. »Das unter Edikt stehen-de informelle Objekt wurde gemäß Ihrer Anfrage ge-öffnet.«
Flinx war völlig verblüfft. Vergeblich versuchte er, den Sinn hinter dieser Antwort zu erkennen. Ganz ruhig ... immer schön sachte, sagte er sich. Die KI hat-te weder widerspenstig geklungen, noch hatte sie ge-zögert. War sie imstande, so abgebrüht und überzeu-gend zu lügen? Aber warum hätte sie das tun sollen? Sie hätte doch fortgesetzt darauf beharren können, dass es das Sybfile nicht gab, oder hätte den Zugriff strikt verweigern können.
»Die Syb ist geöffnet?«, fragte er schließlich.
»Das ist korrekt. Ich sehe mich genötigt, ein Proto-koll zu generieren.« Ohne ein Anzeichen von Feind-seligkeit oder Widerwillen erkennen zu lassen, warte-te die Shell geduldig auf weitere Instruktionen.
Möglicherweise war hier gar nichts Heimtücki-sches im Gange, überlegte Flinx. Vielleicht war die KI einfach nur ebenso ehrlich wie direkt.
»Die Syb scheint keinerlei Informationen zu enthal-ten«, bemerkte Flinx.
»Das ist nicht zutreffend. Wünschen Sie, dass ich eine Inhaltssuche durchführe?«
Flinx wusste, die KI würde das Innenleben der Da-tei nicht anrühren, solange sie keine entsprechende Anweisung erhielt. Es interessierte sie nicht. Ihre Aufgabe bestand darin, zu suchen und zu finden, und nicht darin, ihre Zeit mit dem ausgiebigen Stu-dium von Dokumenten zu vergeuden. »Ja, das wün-sche ich.«
»Hier ist die Information.«
Flinx beugte sich gespannt vor. Der Schmerz in sei-nem Kopf ließ geringfügig nach. Er las:
INHALT GELÖSCHT – VERALTETES MATERIAL
Er holte tief Luft. Irgendetwas war hier oberfaul. Zu-erst hatte die Shell das Sybfile aufgestöbert und zum Vorschein gebracht. Dann, als Flinx versucht hatte, es zu öffnen, war es urplötzlich verschwunden und durch eine raffinierte alarmauslösende Kopie ersetzt worden, neben einer geharnischten Warnung, diese Site insgesamt zu meiden. Und jetzt, da es ihm end-lich gelungen war, sich Zugriff auf die Syb zu ver-schaffen, enthielt sie nur den lapidaren Hinweis, dass ihr Inhalt ausgeflogen war?
Wozu ein solch komplexes System aus Täuschung, Einschüchterung und Sicherungsmaßnahmen, wenn es doch nur um den Schutz von Informationsmaterial ging, das es nicht einmal wert war, aufbewahrt zu werden? Das ergab absolut keinen Sinn. Angesichts der praktisch unbegrenzten Speicherkapazitäten der globalen Shell war es schwer nachvollziehbar, warum überhaupt irgendetwas an potenziell interessantem Archivmaterial gelöscht werden sollte. Und dass die widerspenstige Syb potenziell interessantes Material in sich barg, war für Flinx nicht mehr zu bezweifeln.
»Kompletter Fragmentsuchlauf«, befahl er.
Die KI kam seiner Aufforderung nach. »Das Sybfile enthält keine weiteren Informationen.«
»Aber das hat es einmal!«
»Das ist zutreffend. Das Material wurde gelöscht.«
Obwohl er vermutete, dass die KI verpflichtet war, daraufhin einen Alarm auszulösen, preschte Flinx weiter voran. Es hatte keinen Sinn mehr, die Illusion diskreten Vorgehens aufrechtzuerhalten. »Wann und auf wessen Veranlassung?«
»Sie besitzen nicht die erforderliche Berechtigung, um auf diese Information zuzugreifen.«
Während er hartnäckig weiterbohrte, fragte sich Flinx, was wohl zuerst passieren würde: Würde er ir-gendwann doch eine Antwort bekommen, oder wür-de ihm vorher bei dem mentalen Kraftakt der Schädel platzen? Abermals verlegte er sich aufs Bitten und Betteln. Die Pause, die daraufhin folgte, dauerte ent-schieden zu lang, und allmählich überlegte er, ob es wohl an der Zeit sei, die Einrichtung zu verlassen.
»Etwas stimmt nicht. Innerhalb der fragmentären Arbeitsmatrix dieses Sybfiles kommt es zu Fehler-meldungen.«
Flinx setzte sich ein wenig aufrechter. »Verfolgen und analysieren. Welche Art von Fehlermeldungen?«
»Daten werden verarbeitet.« Aus Gründen einer verbesserten Kommunikation mit Mensch oder Thranx war die Shell-KI in die Lage versetzt worden, Emotionen nicht nur zu verstehen, sondern auch selbst zu simulieren. Im Augenblick gelang es ihr, ei-nen äußerst überzeugenden Eindruck von Ratlosig-keit zu simulieren. Oder vielleicht, dachte Flinx, hatte das mit Nachahmung auch gar nichts zu tun.
»Es gibt eine Anzahl von Alarmvorrichtungen, die als Platzhalter fungieren. Ich mache sie unschädlich.« Eine weitere längere Pause. Dann: »Dies hier ist am besorgniserregendsten.«
»Was? Was ist besorgniserregend?« Hinter Flinx schnaufte die Sicherheitsangestellte im Schlaf. »Die Alarmvorrichtungen?«
»Nein. Meine Sensitivität ist um etliche Entwick-lungsstufen höher als ihre. Wie bereits mitgeteilt, wurde das fragliche Sybfile gelöscht – aber das Log deutet stark darauf hin, dass dazu eine gefälschte Be-fehlssequenz benutzt wurde.«
Flinx schaute finster auf den Schirm. »Ich kann nicht ganz folgen.«
»Die Entfernung der Syb wurde nicht von einer au-torisierten Regierungsbehörde durchgeführt. Die Ein-träge in der Logdatei weisen auf den Einsatz einer il-legalen Sonde hin.«
Flinx sank der Mut. »Dann wurden die Informatio-nen also vernichtet.«
»Nein. Transferiert. Die Syb wurde, bis auf das zu-rückbleibende Prozessecho, vollständig gelöscht. Das ist in hohem Maße gesetzwidrig. Ich muss ein Proto-koll generieren.«
»Ja ja«, murmelte Flinx, »aber kannst du zuvor den Transfer zurückverfolgen? Gibt es irgendeine Mög-lichkeit, herauszufinden, wohin die Informationen übertragen worden sind?«
»Das Log wurde auf äußerst intelligente Weise manipuliert. Jeder, der auf die Syb zuzugreifen ver-sucht, gelangt entweder zu der fälschlichen Annah-me, dass ein ganz legaler Datentransfer stattgefunden hat, oder er löst unwissentlich die an ihre Stelle getre-tenen Alarmvorrichtungen aus.«
»Jeder, nur du nicht«, bemerkte Flinx.
»Ich bin der Wächter. Ich bin die Terranische Shell. Mir entgeht keine Manipulation. Ich werde das Logfi-le prüfen, das bei der Manipulation des ursprüngli-chen Logs angelegt wurde.«
Dergestalt sich selbst überlassen, geriet Flinx heftig ins Grübeln. Wer konnte ein Interesse an diesen Infor-mationen haben? Und da der Interessent es geschafft hatte, mit Erfolg darauf zuzugreifen, wieso hatte er sie danach aus dem Shell-Archiv gelöscht? Die Tatsache, dass die Datei unter Edikt stand, sollte eigentlich aus-reichen, um jeden anderen davon abzuhalten, an der Struktur der Sybdatei selbst herumzuwerkeln. Und doch hatte jemand genau das getan, hatte nicht nur die strengsten Zugangsbeschränkungen überlistet, son-dern die Informationen auch noch frech beiseitege-schafft und dem System an ihrer Stelle in Form einer Alarmvorkehrung eine Laus in den digitalen Pelz ge-setzt. Wer würde so etwas tun? Wer hatte ein Interes-se daran und die erforderlichen Mittel dazu?
Die Melioraren? Schwer vorstellbar, denn der letzte von ihnen war bereits vor langer Zeit einer selektiven Bewusstseinslöschung unterzogen worden. Die ge-ächtete Organisation war nur noch eine Erinnerung, ihre Ziele entehrt, ihre Mitglieder zerschlagen. Hatten die Behörden womöglich einige Anhänger übersehen, die sich bis auf den heutigen Tag im Commonwealth herumtrieben in der Absicht, diese ruhenden, obsku-ren Forschungen Wiederaufleben zu lassen? Wer sonst würde sich solche Mühe machen?
»Es gibt eine Spur. Aber sie ist sehr schwach«, ver-kündete die KI.
»Kannst du sie rückverfolgen?« Flinx sah seine Hoffnungen in die Unendlichkeiten des Cyberspace entschwinden.
»Sie ist nicht nur sehr schwach«, fuhr die KI fort, als hätte sie seine Frage gar nicht gehört, »sondern zudem noch geschickt getarnt. Es wurde eine Viel-zahl unechter Logs angelegt. Dennoch«, fügte sie rasch hinzu, »obwohl diese mit großer Sachkenntnis erzeugt worden sind, setzen sie doch auf die bekann-te Technologie auf. Ich prüfe die Optionen. Der Vor-gang wird einige Sekunden dauern.«
Nach einer Weile tauchten Worte auf dem schwe-benden Bildschirm auf: LARNACA NUTRITION. Ver-ständnislos starrte Flinx sie an. Sie blieben unkom-mentiert.
»Soll das etwa heißen, dieses zugangsbeschränkte Sybfile, das es angeblich gar nicht gibt, aber unter Edikt gestellt und anschließend widerrechtlich besei-tigt und durch einen ausgeklügelten Warnmechanis-mus ersetzt worden ist, wurde von einem Lebensmit-telkonzern geklaut?«
»Wünschen Sie, dass ich das Unternehmen, das als Empfänger des Dateitransfers identifiziert wurde, in seiner Gesamtheit überprüfe?«
»Ja doch, verdammt!«
»Der Vorgang wird einige Nanosekunden dauern. Ja – Larnaca Nutrition ist ein multiplanetarer Le-bensmittelspezialitäten-Konzern. Innerhalb seines In-dustriezweigs als klein bis mittelgroß eingestuft. Her-steller von Caszin-Chips, Havelock-Energieriegeln, Potenz –«
»Was ist mit der Sybdatei passiert?«, unterbrach Flinx die KI.
»Die betreffenden widerrechtlich entfernten Daten wurden zur Hauptverwaltung des genannten Unter-nehmens transferiert und dort in der streng vertrauli-chen Firmenshell abgelegt.«
Es war für Flinx schwer vorstellbar, dass verfemte Melioraren im privatwirtschaftlichen Nahrungsmit-telgeschäft tätig sein sollten. Doch er beschloss, das Aufstellen von Hypothesen hinsichtlich möglicher Beweggründe auf später zu verschieben. »Wo inner-halb der konzerneigenen Shell befindet sich die Datei jetzt genau? Hast du Zugriff auf sie?«
»Bearbeitung läuft.« Nach einer Pause, die etwas länger dauerte als üblich, antwortete die KI: »Das an-geforderte Sybfile ist nicht dort. Es war dort, wurde jedoch fast im selben Moment zu einem externen Zielort transferiert.«
Nahm dieser Irrweg denn überhaupt kein Ende?, fragte sich Flinx müde. Wie viel Zeit würde ihm wohl noch bleiben, bis irgendjemand in der Surire-Anlage auf die Idee kam, den Arbeitsplatz, den er benutzte, zu kontrollieren, oder bis Elena Carolles wieder auf-wachte.
»Lässt sich sein aktueller Speicherort feststellen?«
»Es liegen Logfiles vor.« Wieder eine Pause, dann: »Ich kann den Weg der Datei bis zu ihrer letzten be-kannten Position rückverfolgen, aber ein Zugriff auf sie ist nicht möglich.«
»Warum nicht?« Nach wie vor beunruhigt, regte sich Pip unter seiner Uniform.
»Weil sie nach Außerwelt verschoben wurde und ich lediglich Zugriff auf Daten innerhalb dieses Ster-nensystems besitze.«
Ein Schiff! Die KI bestätigte gewissermaßen Flinx' Verdacht. Das war's dann. Nicht einmal ein so lei-stungsfähiges System wie die Terranische Shell war in der Lage, auf KIs zuzugreifen, die sich jenseits der Neptunumlaufbahn befanden. Jedenfalls nicht ohne einen speziellen Minusraum-Anschluss, und dieser würde lediglich eine Verbindung zur Shell eines an-deren bewohnten Planeten herstellen. Kurz: Das Schiff, das die kostbare Sybdatei besaß, war definitiv außerhalb ihrer Reichweite.
Aber vielleicht nicht außerhalb ihrer Möglichkeiten einer Identifikation. Flinx startete eine entsprechende Anfrage.
»Das abschließende Ergebnis meiner Analysebe-fehlskette lässt erkennen, dass es sich bei dem Ort, an dem sich das rechtswidrig transferierte Sybfile zuletzt befand, um die schiffsinterne Shell an Bord des KK-Handelsfrachters Crotase handelt.«
Demnach war die Spur zwar kalt, aber nicht tot, stellte Flinx stoisch fest. »Wo befindet sich das betref-fende Schiff jetzt?«, hakte er nach. »Kannst du über den Zugriff auf das Firmennetzwerk seinen Standort ermitteln?«
Die Antwort der KI war nicht gerade ermutigend. »Das wäre ein widerrechtlicher Eingriff in die Ge-schäftsbelange eines privaten Handelskonzerns.«
Einmal mehr gab Flinx sich größte Mühe, bei der KI so etwas wie Mitgefühl zu wecken, ihr seine Lage verständlich zu machen. »Aber ich muss es wissen. Du gehst damit nur einer bereits erwiesenen Geset-zesübertretung nach.« Plötzlich kam ihm eine Idee. »Diese Details sind absolut unerlässlich für die Gene-rierung eines ordnungsgemäßen Protokolls.«
»Ja, das ist zutreffend. Bitte warten Sie. Der Vor-gang wird einige Sekunden in Anspruch nehmen. Die Daten sind mit den gängigen Sicherheitsvorkehrun-gen für Privatunternehmen geschützt. Es ist mir mög-lich, sie zu umgehen.«
»Diese Crotase, befindet sie sich im Orbit?«, fragte Flinx hoffnungsvoll. Wieder war die Antwort der KI nicht sehr ermutigend.
»Den mir vorliegenden Informationen nach ging das Schiff von der Erde ab und wird bald in den Plus-raum eintreten.«
Eine letzte Hoffnung, eine allerletzte Chance. »Ziel?«
»Einen Moment, bitte. Informationen dieser Art sind durch besondere Schutzmaßnahmen gesichert.« Abermals verstrichen einige Augenblicke. Dann mel-dete sich die KI-Stimme zurück: »Hier die gewünsch-ten Angaben: Der Handelsfrachter Crotase befindet sich auf einem Kurs über den Hivehom-Vektor in Richtung Analava-System, Goldin IV, Largess und Pyrassis.«
»Die meisten dieser Welten kenne ich.« Flinx' ga-laktographische Kenntnisse hatten sich im Verlauf seiner Streifzüge in den vergangenen paar Jahren er-heblich verbessert. »Mit Ausnahme von Pyrassis. Der Name sagt mir gar nichts.«
»Das ist nicht weiter erstaunlich. Die gesamte Rei-seroute wurde im Flugkursgenerator kodiert, um für die maximale Sicherheitsstufe zu sorgen. Der Name selbst wird dort gar nicht genannt. Ich habe ihn aus den verschlüsselten Koordinaten abgeleitet, die in-nerhalb der schiffseigenen KI der Crotase erzeugt wurden.«
»Kannst du mir die Route anzeigen?«
»Bearbeitung läuft.« Binnen Sekunden wurde der schwebende Flachbildschirm vor Flinx durch eine dreidimensionale Karte ersetzt, die jenen Abschnitt des äußeren Galaxisarms darstellte, in dem das Commonwealth beheimatet war. Darin leuchteten kleine Lichter, die allesamt namentlich bezeichnet waren. Hier war das bekannte Analava-System zu sehen und dort der Kolonieplanet Goldin IV. In noch größerer Entfernung zur Erde sah man die Vorpo-stenwelt Largess. Und dahinter – weit, weit dahinter – eine Welt, die als Pyrassis bezeichnet war. Flinx beugte sich vor, die Hände um die Armlehnen ge-schlossen, deren weiches Innenmaterial sich bei dem Kontakt verflüssigte, um sich seinem festen Griff an-zupassen.
Kein Wunder, dass er noch nie etwas von Pyrassis gehört hatte.
Das letzte bekannte Reiseziel des Larnaca-Nutrition-Handelsschiffs Crotase lag innerhalb der Grenzen des AAnn-Kaiserreichs.