Die Echsenwelt
Kapitel 12
12
Wenn Qiscep HHBGHLT, seines Zeichens Soldat und Stütze des Kaiserreiches, an diesem Morgen bei der Diensterfüllung nicht ganz so enthusiastisch erschien, so hatte dies seinen Grund.
Einige mochten es nicht verstehen, warum ein Sol-dat einen Posten auf einer so herrlichen Welt mies-machte, und in der Tat konnte Pyrassis mit einem an-genehmen Klima und freundlicher Umgebung auf-warten. Das Ärgerliche war nur, dass es hier einfach nichts zu tun gab. Was nützte einem die schönste Ge-gend, wenn niemand da war, der die Freude darüber mit einem teilte?
Und hierbei dachte er nicht an seine Kameraden. Die zählten, was das betraf, nicht. Was fehlte, war ei-ne richtige unterirdische Stadt, wie Oullac etwa auf Tyrton VI, oder Ssness-ez-Veol auf Blassusar, ein Ort, an dem ein junger Soldat, der seinen Beitrag zur Ausdehnung des Kaiserreichs leistete, in würdiger Weise seine Ahnen ehren konnte, indem er einem ehrfürchtigen Publikum von den eigenen Heldenta-ten berichtete. Doch nichts von dem war auf Pyrassis zu haben: nur die sengende Hitze, die sehr nach sei-nem Geschmack war, die verdorrte Wüstenland-schaft, die das Auge erfreute, und die Abwesenheit jeglicher AAnn-Zivilisation, was Qiscep HHBGHLT auch an diesem Morgen unwillig und verdrießlich machte.
Doch Leid gebar Bruderschaft, und ihm blieb zu-mindest die Genugtuung zu wissen, dass es seinen Kameraden und den Offizieren ebenso ging und sie sich nicht weniger isoliert und frustriert fühlten als er. Ein entlegener und kaum beachteter Winkel des Kaiserreichs, nährte Pyrassis die spärlichen und trüb-seligen Hoffnungen all derer, die das Pech gehabt hatten, hier stationiert zu werden.
Qiscep tat sein Bestes, um seine wahren Gefühle zu verbergen, ebenso wie seine Kameraden. Man konnte gefahrlos seinem Groll und Überdruss durch Gesten Ausdruck verleihen, man durfte dergleichen nur nicht laut aussprechen. So konnte es durchaus vor-kommen, dass ein Soldat schneidig auf Befehle oder Fragen reagierte, während er gleichzeitig mit den Fingern oder der ganzen Hand, dem Schwanz oder den Zähnen seine Desillusionierung zu verstehen gab. In vornehmer Gesellschaft wäre ein solch aufsäs-siges Benehmen keinesfalls geduldet worden. Doch Pyrassis war weit von Blassusar entfernt. Die Offizie-re hatten Verständnis für ihre Untergebenen, wenn sie ihrer Frustration ein Ventil verschafften, da deren Lage sogar noch hoffnungsloser war als die ihre. Es war nicht einer unter ihnen, der nicht schon zu Be-ginn einer längeren Stationierungzeit einen Antrag auf Versetzung auf einen anderen Posten gestellt hät-te. War dieser gefahrvoll, so würde es vielleicht zum Kampf kommen, und man erhielt die Gelegenheit, sich zu bewähren. War er ungefährlich, gab es dort zumindest so etwas wie Zivilisation und die Mög-lichkeit, sich mit anderen AAnn auszutauschen. Kurz: Alles, alles war besser als das abgelegene, unbeachte-te Pyrassis.
Eingedenk der negativen Auswirkungen, die eine zu lange Stationierung auf isolierten Stützpunkten auf eine nervöse Mannschaft haben konnte, achtete die Sektorheeresleitung sorgfältig darauf, ganze Ein-heiten nach einem gestrafften Zeitplan auszuwech-seln. Da Pyrassis geradezu prädestiniert für eine sol-che Sonderbehandlung war, hatte Qiscep bereits zwei Wartungsteams und einen Artillerietrupp im vergan-genen Hauptzeitteil kommen und gehen sehen. Auch seine Ablösung würde früh genug erfolgen, wie er wusste. Und bis dieser glückliche Tag gekommen war, konnte er nichts weiter tun, als den Schein zu wahren, die fadenscheinige Moral weiterhin auf-rechtzuerhalten und zu versuchen, nicht mit den Of-fizieren aneinanderzugeraten, wenn er mal wieder besonders sauer war. Denn während auf Pyrassis die Möglichkeiten für Aufstieg und Beförderung ent-schieden eingeschränkt waren, war der Dämon der Degradierung hier stets allgegenwärtig und lauerte auf ein gefundenes Fressen.
In seiner Kabine hockend, in der ein Mensch es vor Hitze nicht ausgehalten und ein Thranx es unerträg-lich trocken gefunden hätte, prüfte, notierte und, falls nötig, kommentierte Qiscep apathisch alle eingehen-den Meldungen. Diejenigen, die reine Routine waren, leitete er an die entsprechenden Abteilungen weiter. Genau genommen brauchte er sich um nichts anderes zu kümmern, denn alle Meldungen und Berichte, die im Pyrassis-Stützpunkt ankamen, waren reine Routi-ne. Hin und wieder wurde es einem der Soldaten so langweilig, dass er seine Pflichten vergaß. Das waren dann die Momente, an denen meist irgendjemand sein Fett abbekam. Wie seine ranggleichen Kamera-den sah Qiscep, abgestumpft und matt, solchen Er-eignissen immer mit Freude entgegen – solange sie ihn nicht selbst betrafen. Diese Intermezzi waren die einzige Erlösung von dem stupiden Alltag und der tödlichen Lethargie.
Er fauchte leise und lehnte sich ein kleines Stück nach vorn. Einer der zahlreichen Scannersatelliten, die die Oberfläche des Planeten und den unmittelbar benachbarten Weltraum kontrollierten, meldete einen hellen Lichtausbruch weit entfernt im Südwesten, Koordinaten soundso, genaue Zeitangabe dannund-dann. Bestimmt ein Defekt im Überwachungssystem, folgerte Qiscep gelangweilt. Vor allem, wenn man sich die angegebenen Parameter ansah. Dauer gemes-sen in Nanoteilen, Intensität – die Anzeige für die In-tensität war lächerlich, außerhalb der Skala, jenseits jeglicher Gültigkeit. Die einzige Vorrichtung auf Py-rassis, die in der Lage war, einen solchen Aktivitäts-stoß hervorzurufen, war die Tiefenraumkommunika-tionseinheit, die sicher in die Planetenkruste eingelas-sen war, und die erzeugte nur im Minusraum Ener-gie. Dem Bericht zufolge hatte die betreffende Entla-dung jedoch im Normalraum stattgefunden.
Abermals stieß er ein leises Fauchen aus und klap-perte zweimal mit den hinteren Schneidezähnen. Es war ein Test, natürlich. In Ermangelung tatsächlicher Arbeit hatten die verantwortlichen Befehlshaber durch eine endlose Reihe von Tests, Checks und In-spektionen bereits des Öfteren den Anschein von Ef-fektivität aufrechtzuerhalten versucht. Indem er eine entsprechende Rückmeldung über das neurale Head-set gab, das um seinen Schädel geschlungen war, reichte er den Bericht ohne jeden Kommentar weiter an die zuständige Abteilung. Sollte sich doch jemand anderes mit dessen heiklen und vertrackten Folgen herumschlagen. Es gehörte nicht zu seinen Aufgaben, irgendwelche Fallen zu erproben, indem er seinen Schwanz hineinsteckte: Er hatte nur dafür zu sorgen, dass die Berichte rasch weiterbefördert wurden.
Noch mehr von dem verhassten üblichen Einerlei gerann und verschwand wieder in der Luft über sei-nem Arbeitsprojektor. Nur noch weitere knappe dreißig Zehntzeitteile von diesem Müll, und er konn-te sich in die vergleichsweise balsamischen Gefilde des gemeinschaftlichen Sandsaals zurückziehen, um sich tief in die wohlriechenden Sandkörner zu schmiegen und von besseren Zeiten zu träumen.
Ess-uahh, murmelte er vor sich hin, als sich immer mehr Dokumentierungsmaterial vor seinen Augen zu-sammenfügte: ein weiterer Test. Ungewöhnlich, gleich zwei an einem Morgen. Aber es wäre nicht das erste Mal. Dieser war allerdings um einiges sorgfältiger aus-gearbeitet als der vorherige, viel ausgefuchster. Schick den klar ersichtlichen zuerst und versuche dann, ei-nem Soldaten mit einem raffinierteren ein Bein zu stel-len. Qiscep HHBGHLT war äußerst zufrieden mit sich, so schnell dahintergekommen zu sein. Solch prompte und sichere Aufdeckung sollte ihm ein paar Lobes-scherben einbringen.
Um nichts zu übersehen und nur ja keinen Fehler zu machen, schaute er sich das neue Dokument peinlichst genau an, klopfte es ab auf jegliche Art von versteck-ten, bürokratischen Fallstricken. Oberflächlich be-trachtet erschien es völlig unspektakulär. Das sollte es wohl auch, sagte er sich, während er minutiös jede ein-zelne Formulierung durchging. Es war der Inhalt, der so gänzlich hanebüchen war. Und das war es auch, was ihn unsicher werden ließ. Für einen Test, dazu gedacht, jemanden bei einem Schläfchen im Dienst zu ertappen, ließ das Ganze einiges an Originalität vermissen.
Qiscep kamen Zweifel. Würde er Anerkennung ernten, wenn er ein bisschen Initiative zeigte, oder würde er sich zum Gespött seiner Kameraden ma-chen, weil er eine epochale Leichtgläubigkeit offen-barte? Verstohlen blickte er sich in der Arbeitskam-mer um. Niemand beobachtete ihn. Jedenfalls nicht direkt. Sollte er die Sache hier und jetzt zu Ende brin-gen oder lieber erst einmal essen gehen und während der Mahlzeit seine Möglichkeiten überdenken? Die Vorstellung von etwas Schmackhaftem, reichlich Ge-salzenem, das derzeit noch in seinem Pelz steckte, zerrte an seinen Gedanken.
Eine rasche Überprüfung ergab, dass die Meldung tatsächlich per Satellit übermittelt worden war – nicht von einem, sondern von zweien. Das passte zu dem weit entfernten Punkt, an dem sie ihre vermeintliche Ursache hatte. Die Art und Weise, in der sie abgefasst war, einschließlich der speziellen Beifügungen, wel-che die für die AAnn-Sprache so wichtigen Körperge-sten ersetzten, ließ vermuten, dass sie nicht militäri-schen Ursprungs war. Keine Frage, wenn das hier ein Test war, dann war er jedenfalls weitaus schlauer ausgedacht als sein Vorläufer.
Wenn er die Meldung als Test behandelte und sei-ne Analyse richtig war, würde er gewiss eine Belobi-gung erhalten. Wenn er aber schief lag, konnte das schwerwiegende Konsequenzen nach sich ziehen. Wenn er andererseits mit ihr wie mit einer seriösen Nachricht verfuhr und schief lag, war mit kaum mehr als ein paar Peinlichkeiten und einem kleinen Akten-vermerk zu rechnen. Wenn er sie wiederum als seriös behandelte und nicht schief lag, würde er dafür, dass er in so rascher, urteilsfähiger und angemessener Weise seiner Pflicht nachgekommen war, an Ehre gewinnen. Stumm kauerte er vor der Projektion und jonglierte mit seinen Optionen.
Das Essen konnte warten. Nun, nachdem die Ent-scheidung – wenn auch nicht ohne einige Zweifel – getroffen war, stand er auf, aktivierte die Automatik-funktionen, die während seiner Abwesenheit einen geregelten Ablauf garantierten, legte sein Headset ab und verließ, eine schriftliche Kopie in der Hand, den Raum. Niemand vom Stammpersonal bemerkte sei-nen Aufbruch. Wofür er ausgesprochen dankbar war, denn so blieben ihm umständliche Erklärungen er-spart.
Die Mitteilung war dem Stützpunktkommandan-ten unbedingt persönlich zu übergeben. Dies versetz-te Qiscep in die unangenehme Situation, dem Kom-mandanten nicht nur seine Entscheidung, sondern auch sich selbst präsentieren zu müssen. Es war leich-ter, einen Tadel durch eine schriftliche Zurechtwei-sung als Auge in Auge entgegenzunehmen. Schon begann er sich zu fragen, ob er nicht ein wenig zu voreilig gewesen war, ob es vielleicht Faktoren gab, die er bei seiner Entscheidung außer Acht gelassen hatte. Noch konnte er es sich anders überlegen, konn-te immer noch auf seinen Sandalen kehrtmachen und sich wieder trollen.
Dann, eher, als ihm lieb war, stand er vor der Tür des Kommandantenbüros. Unbarmherzig, wie es die Art von Maschinen war, und völlig gleichgültig ge-genüber seiner instabilen Gemütsverfassung, forderte die Tür ihn im selben Moment auf, sich zu identifizie-ren und sein Anliegen vorzutragen. Als er der Auf-forderung nachkam, äußerte das System seine Be-denken, nur um im nächsten Moment durch die Per-son im Zimmer außer Kraft gesetzt zu werden. Die Tür glitt zur Seite, und Qiscep schritt beherzt hin-durch, als wären Fluchtgedanken ihm so fremd wie die eitrige Oberfläche von Hivehom.
Ausgestreckt auf einem Sandsofa liegend, sah Voo-cim DDHJ mehr wie eine gewöhnliche Touristin aus denn wie die Kommandantin sämtlicher Militärkräfte auf der Kaiserlichen Außenpostenwelt Pyrassis. We-der ihre unförmliche Attitüde noch ihre dahinge-streckte Positur, noch ihre verhältnismäßig geringe Körpergröße konnten Qiscep jedoch dazu verleiten, sich auch nur einen Zehntzeitteil gehen zu lassen. Voocim war dafür bekannt, dass sie nur durch ein paar wohl ausgeführte Gesten und ohne ein einziges Wort den härtesten Soldaten zum Zittern und Zähne-knirschen bringen konnte. Qiscep nahm Haltung an und erstattete mit so schneidiger Stimme Bericht, als wäre er der Erste Kommunikationsoffizier auf einem Kriegsschiff an der Front.
»Sstehen Ssie bequem, Ssoldat.« Voocim glitt vom mandarinfarbenen Sand, setzte die Füße auf den Bo-den und streckte ihre Hand aus. »Geben Ssie her.«
Die Mitteilungskopie zwischen seinen längsten Krallenfingern haltend, überreichte ihr Qiscep die In-formationen und trat zurück, in der Hoffnung auf ra-sche Entlassung. Doch die ließ auf sich warten. Statt-dessen stand er da und schmorte, während die Kommandantin sich die Aufzeichnung ansah.
Dröhnende Stille legte sich über das Büro, während sich der Soldat auf die wechselnden dreidimensiona-len Projektionen einer anziehend fremdartigen Land-schaft konzentrierte, die die hintere Wand des Zim-mers einnahm. Erst nachdem die Kommandantin wirklich jede Information der Nachricht studiert hat-te, blickte sie wieder auf, immer noch ohne ein Wort zu sagen, und schien wie er die Multidekorationspro-jektionen zu betrachten.
»Meissterhaft, nicht wahr? Die Texturen der Ssand-falle, der traurige Trott diesser Herde von Umparss, die natürliche Klarheit dess fremdländischen Himmelss.«
»Ssehr hübsch«, stimmte Qiscep ihr zu, da ihm ir-gendeine Art von Kommentar angebracht erschien.
»Ein Bokapp, der die Schluchten von Tohtych wie-dergibt. Natürlich kein Original. Von dem Kaiserli-chen Sold, den man als Kommandant eines Ortes wie Pyrassis bewilligt bekommt, kann man sich kein Ori-ginal von Bokapp leisten.« Sie blickte den Soldaten abwartend an.
Zu Qisceps Ehrenrettung muss festgestellt werden, dass er sich entschied, gar nichts zu sagen. Vermut-lich konnte unter diesen Umständen keine Antwort die richtige Antwort sein. Die Kommandantin machte mit der einen Hand eine Geste der Zufriedenheit vier-ten Grades, während sie ihm mit der anderen die Mit-teilung entgegenhielt. Bunte Sandkörner rieselten aus dem unteren Saum ihrer Uniform zu Boden.
»Wass halten Ssie davon, Ssoldat Qiscep?«
Genau das, was er am meisten befürchtet hatte, war geschehen: Er wurde nach seiner Meinung ge-fragt. Da es weit und breit keine Rückzugsmöglich-keit gab, ergriff er die Flucht nach vorn.
»Nach ssorgfältiger Erwägung aller Umsstände, Kommandant, neige ich dazu, dass Dokument für glaubwürdig zu halten.«
»Fssassh«, fauchte sie. »Ich hasssse ess, mich mit Wissssenschaftlern herumschlagen zu müssssen. Für Leute, die von sich behaupten, dassss ihnen Gradli-nigkeit über alless geht, können ssie mitunter unauss-stehlich unaufrichtig ssein.« Sie fächelte sich mit der Mitteilungskopie Luft zu. »Sso sso, ssie haben alsso einen Spion gefasssst, will man ssoo etwass glauben? Und einen Menschen noch dazu! Ein Spion. Auf Py-rassis.« Sie vollführte eine komplizierte Gebärde, die gleichzeitig Ungläubigkeit, Resignation, Wut und Sarkasmus wiedergab. Ein großartiges Schauspiel. Mit Recht war Kommandantin Voocim berühmt für die Beredsamkeit ihrer Gliedmaßen.
»Ssagen Ssie mir, Ssoldat: Wass soll man mit sso einer Behauptung machen?«
Obschon noch immer reichlich nervös, fasste Qis-cep in Anbetracht des spürbaren Spotts seiner Vorge-setzten neuen Mut. »Ess erscheint ungewöhnlich, Kommandant. Ich bin kein Taktikanalytiker, natür-lich nicht, aber wenn ssich wirklich ein Mensch unbe-fugt in diessen Ssektor dess Kaisserreichss wagt, dann würde ich ihn nicht unbedingt für einen Spion halten.«
»Und warum nicht?« Obwohl ihr Blick abschweif-te, wusste Qiscep, dass die Aufmerksamkeit der Kommandantin ganz auf ihn gerichtet blieb.
Da er einerseits nicht offen seine Garnison herab-setzen wollte, sich aber andererseits auch nicht traute, etwas anderes als der Erwartung entsprechend die Wahrheit zu sagen, entgegnete Qiscep so bestimmt, wie es ihm unter diesen Umständen möglich war: »Weil ich in all den Zeitteilen, die ich nun schon auf diesser Welt stationiert bin, Kommandant, noch nie-malss hier irgendetwass gessehen habe, dassss sich, meiner bescheidenen Meinung nach lohnt, ausspio-niert zu werden.«
Eine unbehaglich lange Zeit erwiderte Voocim nichts. Als sie schließlich doch wieder das Wort er-griff, wurde ihre Antwort von einer Geste der Belu-stigung zweiten Grades begleitet. »Dann ssind wir ja einer Meinung. Ess gibt wirklich abssolut nichtss auf diesser gemütlichen, aber unbedeutenden Welt, wass mir der Beachtung einess hochqualifizierten Top-agenten dess Commonwealth wert zu ssein schiene. Und hochqualifiziert müsssste er schon ssein, wenn er essss geschafft hätte, unbemerkt biss hierher zu ge-langen, ohne Zwischenfall zu landen und ssich anss Werk zu machen, ohne die Aufmerkssamkeit der planetaren Überwachungsseinrichtungen auf ssich zu ziehen.«
»Dann glauben Ssie alsso auch nicht, dassss ssich hier ein Spitzel herumtreibt?«, fragte Qiscep reflexar-tig.
»Dass hab ich nicht gessagt, Ssoldat.« Voocim er-hob sich. Abwesend begann sie, mit ihren Klauenze-hen in dem ausgestreuten Sand herumzuscharren; die seit undenklichen Zeiten immergleichen Bewegungen der unschuldigen Körner hatten etwas Tröstliches für sie. Das erwärmte Granulat war wie Balsam für ihre unbekleideten Füße. »Wass ich ssagen will, isst, dassss ich ess nicht für aussgeschlossssen halte.« Abermals hob sie die Kopie der unlängst erhaltenen Nachricht.
»Diesse Meldung isst echt, aber ssie ssagt nichtss über die Wahrnehmungssfähigkeit derjenigen auss, die ssie verfasssst haben. Ess ssind Wissssenschaftler, geschulte Beobachter, aber ssolche Leute ssind dafür bekannt, dassss ssie ssich irren. Ich nehme an, ess handelt ssich um Xenologen, die mit der Erforschung der Planetengeschichte befasssst ssind.«
»Sso isst ess, Kommandant. Ich habe ssie bei einer Gelegenheit sselbsst gessehen, alss der Mann in den Stützpunkt gekommen isst, um Vorräte abzuholen. Ich erinnere mich noch, wie ich gedacht habe, dass er mir in keiner Weisse ungewöhnlich erschien.«
»Und dennoch ssind diesse Leute keine Narren. Ssie ssind fachlich hoch qualifiziert. Vielleicht haben ssie ja tatssächlich etwass entdeckt.«
»Ess ssollte schwer fallen, einen Menschen versse-hentlich für etwass anderess zu halten«, wagte Qiscep zu bemerken.
»Heisssh?« Scharfsinnige, stechende Blicke bohrten sich in die Augen des Soldaten. Sofort bereute er es, seine Meinung kundgetan zu haben. »Wie vielen Menschen ssind Ssie schon begegnet, Ssoldat.«
Trotz all seiner Bemühungen, die reflexartige Reak-tion zu verhindern, klapperte er hörbar mit den Zäh-nen. »Um ehrlich zu ssein noch keinem, Komman-dant. Aber ich habe über ssie gelessen und mir zahl-reichess Lehrmaterial angessehen. Sie verfügen, wie wir, über zwei Beine, jedoch keinen Schwanz, haben eine nachgiebige Haut ohne Schuppen und ssind körperlich etwass kräftiger, aber dafür langssamer alss die AAnn. Ihre durchschnittliche Gehirnkapazi-tät entspricht –«
»Ich habe ssie ebenfallss studiert«, unterbracht Voocim Qisceps Vortrag über dessen offenkundig nur rudimentären Kenntnisse auf dem Gebiet der Men-schenkunde und klopfte mit ihrer Schwanzspitze auf die Mitteilungskopie. »Aber auch ich habe niemalss leibhaftig einen von ihnen zu ssehen bekommen. Ich habe mir jedoch von denen, die ess wissssen müsss-sen, ssagen lassssen, dassss ssie ziemlich schmackhaft ssein ssollen.«
Das nun allerdings war ein interessanter Aspekt, den Qiscep überhaupt noch nicht bedacht hatte. »Heißt dass, wenn wir ess mit einem eingeschleus-sten Menschen zu tun haben, dass wir ihn im Anschlussss an ein ordnungssgemäßes Verhör mögli-cherweisse verspeissen können?«
Voocim ließ ein leises Fauchen der Enttäuschung zweiten Grades vernehmen. »Pflegen Ssie mit dem Kopf gegen eine Wand zu laufen, um Ihre Denkfä-higkeit zu erhöhen? Die Enttarnung und Ergreifung eines Menschen hier, mitten im Kaisserlichen Ho-heitsgebiet, wäre eine verdiensstvolle und beach-tenswerte Leisstung. Großer Zuwachss an Ehre wäre für die beteiligten Familien damit verbunden. Außer-dem würde angesichts der eingeschränkten Möglich-keiten unserer Einrichtung die entsprechende Befra-gung einesss sso wichtigen Gefangenen nicht hier, ssondern auf einer vollständig erschlossssenen Welt dess Kaisserreichss stattfinden, oder doch zumindesst an Bord einess größeren Raumschiffss. Ein zeitgemä-ßer Angehöriger des Kaisserreichss denkt nicht mehr mit dem Bauch, Ssoldat!« Um ihren Worten Nach-druck zu verleihen, tippte sie sich mit der Schwanz-spitze an ihren tätowierten Hinterkopf.
Beschämt musste Qiscep sich eingestehen, dass sie recht hatte. »Ich bitte um Vergebung für meine tö-richte Frage, Kommandant.«
Voocim ließ sich auf ihre herrschaftliche Liege sin-ken und gab mit einer Geste zu verstehen, dass sie dem Ausrutscher des Soldaten keine Bedeutung bei-maß. »Immerhin sehen Ssie es ein. Ich fürchte, dass eine beträchtliche Anzahl Ihrer Kameraden nicht sso rasch die richtigen Schlüsssse gezogen hätte. Gewiss-se Dinge mussss man ersst verdauen, bevor man ssie frisssst.« Und fast beiläufig fügte sie hinzu: »Dafür, dassss Ssie mir diesse Angelegenheit, die Ssie ohne Weiteress auch auf ssich hätten beruhen lassssen können, zur Kenntniss gebracht haben, befördere ich Ssie mit ssofortiger Wirkung um einen halben Diensstgrad.«
Ganz benommen vor Freude und völlig verblüfft, wusste Qiscep gar nicht, was er sagen sollte. Doch ohne dass er es wusste, war dies genau die richtige Reaktion. Er hatte die Meldung persönlich überreicht in der Hoffnung, dass er sich dadurch nicht zum Nar-ren machen würde. Und jetzt, stattdessen, sah er sich im Rang aufgestiegen. Während er dastand und sei-nen zuckenden Schwanz unter Kontrolle zu halten versuchte, rief Voocim das Konterfei von Offizier Dysseen auf.
»Kommandant?«, antwortete das perfekte dreidi-mensionale Abbild prompt. Qiscep unterdrückte ein Kichern. Er mochte Dysseen nicht besonders, ebenso wenig wie seine Kameraden. Die Kommandantin hat-te den eingeschlafenen Offizier aus einem Nickerchen aufgeschreckt und damit bewirkt, dass er in seinem hastigen Bemühen, sowohl wach zu werden als auch ein Bild der Bereitschaft vorzustellen, über seine ei-genen Beine fiel. Zu Qisceps Entzücken missglückte dem unpopulären Offizier beides.
Ohne ein Wort über die offenkundige Benommen-heit ihres Untergebenen zu verlieren, schnauzte Voo-cim ihre Befehle heraus: »Stellen Ssie umgehend einen Kommandotrupp zussammen. Lediglich leichte Be-waffnung. Bessorgen Ssie ssich die Koordinaten von diessem Feldlager, in dem diesses in Gemeinschaft le-bende ältere Xenologenpärchen gearbeitet hat.« Sie deutete in Qisceps Richtung. »Diesser Ssoldat kann Ih-nen helfen und Ihnen erklären, wass Ssie dort zu tun haben. Nehmen Ssie ihn in Ihre Mannschaft auf.«
Qiscep schwebte wie auf Wolken. Falls die Mel-dung sich bewahrheiten sollte und die beiden bejahr-ten Forscher tatsächlich über einen menschlichen Spi-on gestolpert waren, dann bedeutete die Beteiligung an dessen Ergreifung nur eine weitere Chance für ei-ne Beförderung. Er fragte sich, wer außer ihm wohl noch in dem Trupp sein würde. Doch egal, auf jeden Fall würden sie nicht die geringste Ahnung von der Bedeutung ihres kleinen Nachmittagsausflugs haben. Sollte er sie in vollem Umfang einweihen oder lieber die nutzbringendsten Kenntnisse für sich behalten? Für einen typischen, seine Abstammungslinie ehren-den, auf die Vermehrung seines Ansehens bedachten AAnn war die Antwort einfach. Solange niemand ei-ne direkte Frage an ihn richtete, würde er sich damit zurückhalten, bei seinen Kameraden für einen Moti-vationsschub zu sorgen. Unter solchen Umständen konnte vielleicht sogar Offizier Dysseen dazu ge-bracht werden, die lang übersehenen Qualitäten des soeben beförderten Soldaten Qiscep zu erkennen.
Die Kommandantin jedoch nahm von ihm über-haupt keine Notiz mehr, bis er schließlich zögerlich mit dem Schwanz auf den Boden pochte.
»Wsssur? Ssind Ssie immer noch hier?« Sie machte eine Geste der Verabschiedung fünften Grades. »Nun aber loss, ssehen Ssie zu, dass Ssie hier rausskommen. Melden Ssie ssich bei Offizier Dysseen. Haben Ssie für mich ein Auge auf ihn.«
Von heute an war er keine kleine Nummer mehr, wurde Qiscep klar. Als kluge AAnn, die stets ihre Karriere im Blick hatte, wusste Voocim natürlich, dass Dysseen, obschon er sich niemals vor der Erfül-lung seiner Pflichten drückte oder seine Einsätze ge-fährdete, andererseits keine Gelegenheit auslassen würde, kleinere Erfolge für sich selbst zu verbuchen. Daher brauchte Voocim einen Untergebenen, dem sie vertrauen konnte, um ein Auge auf Dysseens Um-triebigkeit zu haben. Zweifellos hatte Dysseen eben-falls jemanden, der im Gegenzug Voocim auf die Fin-ger sah. Da auf diese Weise jeder jeden überwachte, herrschte in Gefechtszeiten eine äußerst strenge Be-fehlshierarchie.
»Ess ssollte eigentlich nicht nötig ssein, ihn darauf hinzuweissen«, sagte sie, als Qiscep sich anschickte zu gehen, »aber erinnern Ssie Dysseen doch daran, dassss wir diessen potenziellen Spion lebend haben wollen. Tote geben nur ssehr dürftige Informationss-quellen ab.«
Unfähig, seine Aufregung zu verbergen – endlich etwas, das die tödliche Dienstroutine unterbrach! –, bestätigte Qiscep die Befehle und trat mit einer an-gemessenen Verbeugung ab.
Voocim blieb mit dem künstlich erzeugten Flüstern eines fernen Windes, der sanft über die Wipfel unbe-rührter Dünen strich, zurück. Und mit ihren eigenen, aufgewühlten Gedanken.
Tat sie das Richtige? Der weggeschickte Soldat hat-te verständlicherweise Angst gehabt, ihr die Mittei-lung über die fraglos ungewöhnliche Nachricht zu übermitteln. Ging sie womöglich ein zu großes Risiko ein, indem sie sie als glaubwürdig behandelte? Was, wenn das Ganze eine Art Test war?
Die Existenz eines Spions, noch dazu eines mensch-lichen Spions, auf einer AAnn-Welt wäre mehr als be-deutsam: Es wäre unbedingt berichtenswert. Sie hatte den Soldaten nur deshalb so großzügig befördert, weil sie davon ausging, dass dieser ganze Zwischenfall ih-rer eigenen Beförderung als Sprungbrett dienen könn-te. Und damit auch einer Versetzung von dieser isolier-ten, wenig inspirierenden Welt. Doch dergleichen Er-wägungen außen vor gelassen, war sie geradezu begie-rig darauf, zu erfahren, was ein einzelner Säuger auf Pyrassis verloren hatte, der damit gleich gegen einen ganzen Katalog von Verträgen zwischen dem Kaiser-reich und dem Commonwealth verstieß und zugleich aufs Protokoll zu scheißen schien. Ihr Protokoll.
Ein gerüttelt Maß an gerechtem Zorn hatte etwas angenehm Erfrischendes. Nun schon wesentlich ent-spannter, lehnte sie sich zurück und wartete auf erste Nachricht von Dysseen. Entgegen dem, was sie dem Soldaten gesagt hatte, war sie durchaus in der Lage, hier im Stützpunkt ein erstes Verhör durchzuführen. Sie durften sich bei ihren Bemühungen nur nicht unge-schickt anstellen und etwa wichtige Körperteile verlet-zen.
Sie wünschte, sie hätte selbst gehen können, um bei der ersten Vernehmung an Ort und Stelle dabei zu sein. Aber als Stützpunktkommandantin konnte sie das nicht. Falls es während ihrer Abwesenheit zu ir-gendeinem Zwischenfall kam, würde das Unver-ständnis der Regierung für ihr Handeln höchstens von deren Empörung übertroffen.
Also blieb sie hier, als die beiden Atmosphäre-transporter aus ihrem sandfarbenen Untergrundha-fen emporstiegen und ihre Einstiegsluken öffneten, um die gut bewaffneten Soldaten aufzunehmen, die aus einem natürlichen Schacht in der Bergflanke strömten. Von ihren Unteroffizieren zur Eile ange-trieben, begaben sie sich mit der für Kaiserliche Truppen üblichen Schnelligkeit und Effizienz an Bord der zwei wartenden, heulenden Schiffe. Fraglos war jeder im Stützpunkt aufgrund der überraschenden Veränderung in der täglichen Routine ganz bei der Sache. Wie weit diese Veränderung jedoch ging, konnten sie sich nicht vorstellen.
Auch Voocim konnte es nicht. Doch sie war voller Zuversicht.
Offizier Dysseen indessen zeigte sich über das, was auf ihn zukommen mochte, weit weniger begeistert. Nachdem der übereifrige Zweite Soldat Qiscep ihn über die Einzelheiten der Mission ins Bild gesetzt hat-te, war er überzeugter denn je, an einer wohl durch-dachten Übung teilzunehmen, auch wenn Qiscep energisch das Gegenteil behauptete.
Er mochte den frisch beförderten Soldaten nicht be-sonders, der in dem Transporter herumrannte und jedem, der es nicht hören wollte, von seinem überra-genden Scharfsinn erzählte, mit dem er die Wichtig-keit der Meldung erkannt hatte, die er persönlich, wohlgemerkt: persönlich, dem Kommandanten über-bracht hatte.
Dysseen mochte auch die Kommandantin nicht be-sonders, aber das war nun einmal das Los all derer, die dazu verdammt waren, auf einem isolierten Au-ßenposten des Kaiserreiches wie Pyrassis ihren Dienst zu versehen. Seit seiner Stationierung auf die-sem Planeten hatte er versucht, das Beste aus seiner misslichen Situation zu machen. Und das würde er auch weiterhin tun; nicht aus irgendeinem Pflichtge-fühl heraus oder aus freiem Entschluss, sondern weil ihm, bis seine Zeit hier abgelaufen war, gar nichts anderes übrig blieb.
Der Offizier lehnte sich in seinem Sitz zurück. Trotz der Geschwindigkeit, zu der die subatmosphä-rischen Flieger in der Lage waren, war es immer noch ein zeitaufwendiger Flug bis zu der Stelle, an der sich das Lager der beiden Xenologen befand. Er würde fast den ganzen Tag in Anspruch nehmen, und Dys-seen hatte keinesfalls die Absicht, sich die ganze Zeit über all die Theorien anzuhören, über die sich Qiscep ohne Ende mit wahrem Feuereifer verbreitete. Er würde sich einfach schlafend stellen. Die vier Unter-offiziere würden mit irgendwelchen unvorhergese-hen Problemen schon klarkommen.
Ja, klar, ein Spion! Und dazu noch ein Mensch. Zu-gegeben, Pyrassis war reich an interessanten Minera-len, aber keines war von so überragendem Wert, dass das Commonwealth in die Versuchung käme, dafür einen ernsthaften diplomatischen Zwischenfall zu riskieren. Ein anderer Gedanke kam ihm in den Sinn: Was, wenn der Mensch geistesgestört war? Es schien unvorstellbar, dass er allein operierte. Es mussten ir-gendwo noch andere sein, auch wenn diese beiden Wissenschaftler ihnen bisher noch nicht begegnet wa-ren. Möglicherweise Freibeuter, eine für Menschen typische Art, die nach illegalen Reichtümern suchte. Er grinste in sich hinein. Falls dies der Fall war und das hier kein Test oder irgendeine Übung, dann war bei der ganzen Angelegenheit am Ende vielleicht doch etwas zu gewinnen. Einstweilen allerdings würde er dem Bericht auch weiterhin eher skeptisch gegenüberstehen und seine Meinung erst dann än-dern, wenn er einen Säuger oder zwei mit eigenen Augen erblickte.
Die elektrisierenden Farbkompositionen der Ober-fläche von Pyrassis rasten unter den beiden beschleu-nigenden Transportern hinweg. Dort konnte es wenig geben, das für einen Menschen von Interesse war, dachte Dysseen. Allerdings waren die Menschen auch dafür bekannt, dass sie sich nicht immer ver-nünftig verhielten. Ein Wesenszug, für den die höher stehenden Rassen wie die AAnn sie sowohl zu be-wundern wie auch zu bedauern gelernt hatten.
Und zu bedauern würde jeder von ihnen sein, der ihm über den Weg laufen sollte, beschloss der Offi-zier. Wenn er Glück hatte und diesen Auftrag zur Zu-friedenheit erledigte, würde diese zugeknöpfte alte Eierbrüterin von Voocim ihn vielleicht beim Verhör dabei sein lassen. Das wäre wenigstens unterhaltsam. Er hatte noch nie an dem Verhör eines Menschen teil-genommen. Tatsächlich hatte er, wie Qiscep und alle anderen in den beiden Transportern, noch niemals einen Menschen auch nur von ferne gesehen. Wie er sich noch von seiner Ausbildung her erinnerte, neig-ten sie schnell zu verbluten.
Er stieß ein leises Fauchen aus und versuchte sich tiefer in den steifen, harten Sitz zu schmiegen. Es gab schlimmere Stationierungsorte als Pyrassis, vor allem für einen alleinstehenden Mann. Obwohl er Voocim nicht leiden konnte, nahm er an, dass sie im Grunde nicht schlimmer war als jeder andere mittlere Offi-zier, der ein so abgelegenes Kommando übernehmen musste. Wäre er an ihrer Stelle gewesen, hätte er vermutlich ebenfalls die meiste Zeit über ziemlich schlechte Laune gehabt. Aufstiegsmöglichkeiten oder gar die Chance, in den Adelsstand erhoben zu wer-den, waren an einem Ort wie diesem quasi nicht exi-stent. Die Richtung, die seine Gedanken nahmen, ge-fiel ihm gar nicht, und entschlossen würgte er sie ab.
Besser, er freute sich auf die Gefangennahme nie-derträchtiger Menschen und darauf, ihnen ein paar Fragen zu stellen. Das mochte zwar keine Beförde-rung nach sich ziehen, aber immerhin verschaffte es einem etwas Ablenkung, ein bisschen Zerstreuung und ein wenig Erlösung von dem Stumpfsinn, an ei-nem Ort Patrouille zu schieben, der überhaupt keiner militärischen Absicherung bedurfte.
Vielleicht, so ging es ihm durch den Kopf, würden der Mensch und seine etwaigen Spießgesellen sich ja einer Gefangennahme widersetzen. Das würde Kampf bedeuten. Er spürte, wie sein Blut in Wallung geriet. Auch etwas, worauf er sich freuen konnte! Er würde nur aufpassen müssen, dass er die Eindring-linge nicht tötete. Wenn er nicht wenigstens einen von ihnen zur Vernehmung mit nach Hause brachte, würde Voocim seine Geschlechtsdrüsen an die Küche senden. Er durfte auf keinen Fall vergessen, die An-gehörigen seines Trupps daran zu erinnern, dass sie die Gegner fluchtunfähig schießen, aber nicht um-bringen durften.
Ein Blick auf sein persönliches Chronometer zeigte, dass sie immer noch etliche Flugzeitteile vor sich hat-ten, bevor sie das Camp der Wissenschaftler erreich-ten. Als er hörte, wie sich der schwatzhafte Qiscep in seine Richtung bewegte, schlang er rasch seine ge-kreuzte Arme um die Knie, senkte den Kopf darauf und schloss die Augen.