Die Echsenwelt

Alan Dean Foster · Kapitel 10 von 20

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Die Echsenwelt

Kapitel 10

10

 

Ein weiterer Wall.

Kein sehr großer, lediglich ein paar Meter hoch, aber allemal ausreichend, um ihn aufzuhalten. Leicht schwankend stand Flinx da – zu Tode erschöpft und mit schweißnassem Gesicht – und starrte auf das neu-erliche Hindernis, als wäre es der Mount Takeleis zu Hause auf Moth. Allmählich näherten sich seine Kräfte dem Ende.

Doch er besaß immer noch genug Geisteskraft, um die Ironie erkennen zu können, die der ganzen Sache anhaftete. In Anbetracht dessen, was er durchgemacht hatte, was er in seinem kurzen, aber intensiven Leben alles erlebt hatte, konnte für ihn das Schicksal, zu guter Letzt an Durst zu krepieren, an simplem Wasserman-gel, beinahe als Gnade angesehen werden. Im Tod würde er endlich das schlichte Menschsein erlangen, nach dem er so lange gesucht hatte. Leid tat es ihm nur um Pip, deren Treue zu ihm ihr ungewolltes und fast gleichzeitiges Ende zur Folge haben würde. Doch wie dem auch sei, alles in allem würde er es vorziehen, nicht zu sterben.

Sämtliche noch verbliebenen, verborgenen Kraftre-serven mobilisierend, begann er zu klettern. Er tastete nach einer Kante, fand keinen Halt und ließ die Hän-de wieder sinken. Sein entkräfteter Körper sackte zu-sammen, dann fand er sich sitzend statt stehend auf dem sandigen Untergrund wieder. Wo er hingegrif-fen hatte, war die körnige Oberfläche fortgewischt und ließ noch mehr von dem rätselhaften, geriffelten Material zum Vorschein kommen. Nicht zum ersten Mal seit er in dieses Labyrinth hinabgestiegen war, hatte er das vage Gefühl, dass an seiner Umgebung irgendetwas Vertrautes war. Unglücklicherweise ar-beitete sein Verstand jedoch zurzeit nicht wesentlich effizienter als der Rest von ihm.

Er wollte wieder aufstehen und schaffte es nicht. Al-so blieb er sitzen. Ängstlich flatterte Pip vor ihm in der Luft, während er versuchte, sich an den Geschmack und das Gefühl von klarem Wasser zu erinnern. Doch die Erinnerung allein konnte seinen ausgedörrten Or-ganismus nicht laben. Abgesehen von dem Umstand, dass die Kuppe der Mauer für ihn nun unerreichbar war, würde er, wie ihm klar war, wahrscheinlich nicht mehr den nächsten Morgen erleben, falls er nicht bis zum Ende des Tages Flüssigkeit auftrieb. Es musste hier irgendwo welche geben, er konnte es fühlen. Ange-sammelt in einer Mulde bei einem der grauschwarzen Gebilde oder als kleines Rinnsal unter der Oberfläche aus durchlässigem Sand. Er brauchte sie nur noch zu finden.

Aber dazu müsste er sich erheben und herumlau-fen und suchen – Aktivitäten, das ihm mit einem Ma-le unmöglich erschienen. Pip spürte seine Not, ohne dass er den Mund aufmachen musste. Doch er konnte ihr nicht verständlich machen, dass sie nach Wasser suchen sollte. Nicht, dass er das gemusst hätte. Sie benötigte das lebenspendende Nass ebenso dringend wie er und würde sich geradewegs darauf stürzen, wenn sie hier auf eine Quelle stießen.

Er hob den Blick und seufzte schwer. Wenn er die-ses neue Hindernis nicht überwinden konnte, dann musste er es eben umrunden. Die Schwerkraft verflu-chend, kämpfte er sich wieder auf die Beine. Es dau-erte einen Augenblick, bis er sicher aufrecht stand und das Gleichgewicht behielt. Sodann setzte er sei-nen Marsch fort, diesmal nach rechts. Die leicht kör-nige schwarze Mauer vor ihm bog sich von ihm weg, und er folgte dem Band aus unbekanntem Material wie einer Fährte.

Ringsum zeichneten sich die Umrisse anderer Ge-bilde vor einem wolkenlosen blauen Himmel ab, aus dem immer wieder fremdartige Aasfresser herabstie-ßen, um den Zustand ihrer zukünftigen zweibeinigen Mahlzeit zu prüfen, deren immer schleppenderes Vo-rankommen sie gierig verfolgten. Flinx' Blick begann sich zu trüben.

Nachdem er eine ganze Weile einfach so gegangen war, tauchte plötzlich in der Kuppe der lückenlosen Mauer eine Vertiefung auf. Flach atmend spannte er seine Muskeln an, streckte die Arme aus und sprang. Seine Finger krümmten sich um die glatte Kante, und irgendwie schaffte er es, sich hinauf und darüber hin-weg zu ziehen. Doch die andere Seite des Walls er-wies sich als genauso fugenlos und rutschig wie die, die er soeben bewältigt hatte. Nicht imstande, seinen Schwung zu bremsen, verlor er den Halt und fiel und fiel und fiel. Der vom Wind umhergewirbelte Sand erhob sich, ihn zu begrüßen.

Nachtmahrgestalten hetzten ihn durch das endlose Labyrinth aus schwarzen Monolithen und Kolonna-den, rätselhaften Obelisken und Wellen von Schlacke, erstarrt unter dem Atem der Zeit. Drohend zuckten ihre Leiber, streckten dunkle Pseudopodien nach ihm aus und versuchten ihn zu Fall zu bringen, während er vor etwas Monströsem floh, das finsterer war als die Finsternis selbst. Wie rabenschwarzer Pudding schien sich das Labyrinth um ihn zu schließen und seinen entkräfteten Körper von den Poren bis zu den Nasenlöchern zu ersticken. Es kroch und verhärtete sich um seine Füße, hielt ihn fest, saugte an ihm mit einer geistlosen Boshaftigkeit, wie sie ihm noch nie zuvor begegnet war.

Hätte er noch die Kraft dazu besessen, hätte er in seiner Bewegungslosigkeit gewimmert.

Ob er aus tiefem Schlaf erwachte oder nach seinem Sturz ohnmächtig geworden war, konnte er nicht sa-gen. Doch unabhängig davon war es das Geräusch von Stimmen, das ihn aus seiner Gefühllosigkeit riss. Sie waren zischend, neugierig und energisch. Und außer-dem nicht menschlich.

Er besaß gerade noch genug Geistesgegenwart, um ruhig liegen zu bleiben und die Augen geschlossen zu lassen, während er dem missmutigen Gespräch lausch-te, das über und ganz in der Nähe seiner dahinge-streckten Gestalt stattfand. Auf seinem Rücken, zwi-schen den Schultern, bildeten Pips Windungen eine angespannte Last. Nichtmenschliche Emotionen stie-ßen auf sein noch schwach wahrnehmungsfähiges Bewusstsein.

Zum Glück konnte er AAnn verstehen und auch einigermaßen fließend sprechen.

»... ssfwach nez pamaressess leu ciezess ssollten ess sterben lassssen«, sagte die etwas tiefere der beiden Stimmen mit hörbarem Nachdruck.

»Zustimmung. Ess isst nichtss damit gewonnen, ess am Leben zu erhalten«, entgegnete nur allzu be-reitwillig die andere.

»Denksst du, ess weiß von dem Transsmitter?«

Es folgte ein kurzes Zögern, bevor die zweite Stimme antwortete: »Ich wüsssste nicht, wie ess dass ssollte. Anderersseitss kann ich mir nicht vorstellen, wass die Kreatur überhaupt hier macht. Doch diesse Frage erübrigt ssich mit ihrem Tod.«

»Sso isst ess.«

Das Geräusch von Schritten drang leise an Flinx' Ohr. Er versuchte, seinen geschwächten, nach Feuch-tigkeit lechzenden Körper wieder wachzubekommen. AAnn oder nicht, sie stellten seine einzige, vielleicht letzte Überlebenschance dar. Sicher, gut möglich, dass er den Tod durch Verdursten nur gegen ein wesentlich schmerzvolleres, langsames Ende eintauschte, das er zu einem unbekannten zukünftigen Zeitpunkt unter irgendeinem Verhör finden würde. Aber wie hatte Mutter Mastiff ihn immer so schön gelehrt? Überleben unter selbst ungünstigen Bedingungen bot immer noch weit mehr Möglichkeiten als ein Tod unter exzel-lentesten Bedingungen. Mühsam stemmte er sich auf einen Ellbogen, winkte kraftlos und öffnete die Augen.

Sein Blick fiel auf die Rückfronten zweier AAnn, die soeben im Begriff waren, sich mit großen Schrit-ten zu entfernen. Jeder der beiden war in einen leich-ten, lederfarbenen Arbeitsanzug gekleidet, dessen zahlreiche Taschen zum Teil durch irgendwelche un-definierbaren Gegenstände ausgebeult waren oder sich glatt an den schlanken, muskulösen Körper schmiegten. Dunkelbraune Schwänze, gelb gestreift und mit goldgelben Flecken gesprenkelt, ragten aus den Öffnungen an den Hinterseiten der Anzüge her-vor. Beide Gestalten waren mit mehrfarbigen Ausrü-stungspacks von unterschiedlicher Größe, Form und Beschaffenheit beladen. Aufgrund ihrer Abstammung und Entwicklung an ein Leben in der Wüste ge-wöhnt, trugen sie weder Kopfbedeckungen gegen die starke Sonne noch künstliche Linsen, die das grelle Licht filterten. Obwohl sie über keine äußerlich sicht-baren Ohren verfügten, war ihr Hörvermögen ausge-zeichnet, wie sich an der Heftigkeit, mit der sie beim Klang seiner Stimme herumfuhren, feststellen ließ.

Zusammengerollt auf Flinx' Rücken liegend, mach-te sich Pip, entkräftet zwar, doch nichtsdestotrotz in hohem Maße erregt, bereit, ihren Gefährten so lange zu verteidigen, wie sie noch Gift zu spucken ver-mochte. Er flüsterte auf sie ein, versuchte sie zu beru-higen und hoffte, dass sein gutes Zureden sie zur Vernunft bringen konnte. Bislang hatte er bei den AAnn noch keine unverhohlene Böswilligkeit ge-spürt. Bloß die übliche unterschwellige Feindseligkeit und eine generelle Gleichgültigkeit gegenüber dem Umstand, ob er am Leben blieb oder verreckte.

»Ich ... brauche Wasser. Ihr ... ihr könnt mich nicht sterben lassen. Bitte gebt mir ... Wasser.« Nur mit Mühe kamen ihm die zischelnden AAnn-Worte über die Lippen. Irgendjemand hatte seine Kehle mit kleb-rigem Firnis überzogen, an dem ein halbes Kilo Staub hängen geblieben war.

Aus ihrer leicht gebeugten Haltung und der ge-deckten Farbe ihrer Schuppen schloss er, dass sowohl der männliche wie auch der weibliche AAnn, die auf ihn hinabstarrten, gereiftere Vertreter ihrer Art wa-ren. Ziemlich gereift. Tatsächlich, stellte er mit ausge-trockneten, brennenden Augen fest, wirkten sie gera-dezu betagt. Was machten sie hier draußen, am Ende der Welt, mitten in dem unergründlichen dunklen La-byrinth? Obwohl beide mehr als deutlich sichtbare Sei-tengewehre trugen, legte doch keiner von ihnen das Aussehen oder Gebaren eines Soldaten des Kaiserrei-ches an den Tag. Natürlich suchte sich sein sprunghaf-tes Talent genau diesen unpassenden Augenblick aus, um seinen Dienst einzustellen. So urplötzlich, als hät-te jemand einen Schalter umgelegt, konnte er nicht eine ihrer Empfindungen mehr spüren.

Ihre Stimmen allerdings konnte er nach wie vor gut genug hören. Als er blinzelnd an dem Mann hochsah, bemerkte Flinx, dass sein Einsatzgürtel mit den ge-borgenen Werkzeugen und der Enduralpistole lose über der stark abfallenden Alienschulter hing. Ohne seine Waffe hatte er nicht die geringste Chance, den beiden Aliens Wasser abzuzwingen. Stattdessen würde er auf etwas hoffen müssen, das sich als Wi-derspruch in sich bezeichnen ließ – die Gnade eines AAnn.

Mit eher akademischem denn neugierigem Tonfall gab der männliche AAnn Antwort auf Flinx' mit kräch-zender Stimme hervorgestoßene Bitte. »Wesshalb ssollten wir dass tun? Wiesso ssollten wir kosstbare Flüssssigkeit an einen sterbenden Menschen ver-schwenden?« Scharfe Zähne blitzten in dem großen Reptilienmaul auf, während Augen wie Chalzedonsä-bel den ausgestreckt daliegenden Zweibeiner ohne je-de Gefühlsregung musterten. »Sselbsst wenn ess ein gebildeter isst, der die Sprache des Kaisserreichss ver-steht.«

Flinx wusste, dass seine hastig zurechtgelegte Be-gründung unbedingt überzeugend sein musste. Nicht zuletzt deshalb, weil er schlicht und ergreifend nicht mehr die Kraft hatte, sich eine neue auszudenken. Er versuchte sich aufzusetzen, brachte es zumindest halbwegs zustande. Pip erhob sich nicht einmal in die Luft und ließ damit das alarmierende Ausmaß ihres Energiedefizits erkennen. Stattdessen glitt sie von ihm herunter und rollte sich erschöpft auf dem Sand neben ihm zusammen, nach wie vor jedoch zum An-griff bereit.

»Weil es ziemlich ungemütlich für euch werden dürfte, wenn den Militärs bekannt wird, dass ihr ei-nem menschlichen Eindringling gestattet habt, zu sterben, bevor sie Gelegenheit hatten, ihn einem Ver-hör zu unterziehen.«

Die Frau machte eine Geste der Neugierde dritten Grades. »Wie kommen Ssie darauf, dassss ssich ir-gendwelchess Militär auf diesser Welt befindet? Ssie isst ein völlig öder Ort.«

»Extrem öde«, gab er ihr recht. Es war nicht ein-fach, ein Gespräch zu führen, ging es ihm durch den Kopf, wenn man permanent kurz vor einer Ohn-macht stand. Er musste durchhalten. Sollte er wieder das Bewusstsein verlieren, würden sie, so viel stand fest, sich abermals umdrehen und ihn endgültig ster-ben lassen. »Aber Pyrassis ist eine AAnn-Welt ... und keine Welt, die die AAnn für sich beanspruchen, ist jemals ohne Garnisonstruppen.«

Der Mann brachte mit einem Zischen widerwillig seine Zustimmung zum Ausdruck. »Aber dass be-deutet noch nicht, dassss irgendein hypothetischess Militär ssich unsserer Anwessenheit bewusssster isst als Ihrer.«

»Wollen Sie das Risiko wirklich eingehen?« Flinx betete, dass diese Diskussion bald beendet sein wür-de. Allzu lange würde er nicht mehr durchhalten.

Das Schweigen, das nun folgte, war begleitet von der quälenden Angst, dass sie sich jäh abwenden und davongehen könnten. Obgleich er sich krampfhaft bemühte, die Augen offen zu halten, war selbst das Zwielicht innerhalb des Labyrinths für seinen über-reizten Organismus kaum noch zu ertragen. Er war sicher, dass er sie höchstens für ein, zwei Sekunden zugemacht hatte, als ihn etwas mit entsetzlicher Macht direkt ins Gesicht traf. Etwas Kaltes, Unerwar-tetes und wundervoll Nasses.

Wasser.

Es prallte auf seine gesprungenen Lippen mit der Wucht von flüssigem Stein, empörte und besänftigte zugleich seine ausgetrocknete Kehle. Schlanke, mus-kulöse Windungen schlängelten sich über sein Ge-sicht und seinen Hals, als Pip sich auf die widerstre-bend dargereichte Gabe stürzte, um ihren Durst dar-an zu stillen.

»Mehr!«, keuchte er, während er seinen Mund di-rekt unter den Stutzen des Wasserbehälters zu brin-gen versuchte.

»Widerlich.« Der AAnn ließ Abscheu zweiten Gra-des erkennen, als er noch mehr Wasser in den geöff-neten Mund des Menschen goss. »Ssieh nur, wie maßloss ess isst.«

Die ältere Frau klackte mit den Zähnen. »Ssäugetie-re. Ssonderbar, dassss ssie ssogar in diessem an-nehmbaren Klima Schwierigkeiten haben, zu überle-ben. Und dann bilden ssie ssich noch etwass auf ihre Anpassssungssfähigkeit ein.«

Schließlich versiegte der Strom. Ganz offensichtlich bedeutete Wasser für die beiden AAnn kein Problem. Wäre das der Fall gewesen, hätten sie sich trotz ihres geringeren eigenen Bedarfs bei der Abgabe des kost-baren Nasses an einen ihrer Erzfeinde kaum so groß-zügig gezeigt. Sie mussten einen beträchtlichen Vorrat mit sich führen, folgerte Flinx, der seine Kräfte zuse-hends zurückkehren fühlte. Oder vielleicht besaßen sie ja sogar einen Destillator. Mit Pip auf der Schulter, die dort wieder ihren angestammten Platz eingenommen hatte, stand er auf und wischte sich Mund und Gesicht ab. Nachdem er nun wieder alles klar und deutlich wahrnehmen konnte, fiel ihm erneut das fortgeschrit-tene Alter seiner unwilligen Erretter auf. Was hatten sie hier verloren, mitten im Nirgendwo, auf dem vor sich hin dümpelnden Planeten Pyrassis, so fern der Zentren der AAnn-Kultur und jedweder Zivilisation? Nicht etwa, dass die wüstenvernarrten Warmblüter sich in einer solchen Umwelt nicht wohlgefühlt hätten. Die Hitze und die mangelnde Luftfeuchtigkeit waren ohne Zweifel ganz nach ihrem Geschmack.

Der männliche AAnn hielt noch den Wasserbehäl-ter in den Klauen. Seine Begleiterin indes hielt in den ihren etwas weitaus Kleineres und wesentlich Tödli-cheres, dessen Mündung auf den nun aufrecht daste-henden Flinx gerichtet war. »Wie haben Ssie dass mit dem Transsmitter heraussbekommen? Ess handelt ssich um eine archäologische Entdeckung von aller-größter Bedeutung.«

»Jedenfallss isst ssie dass für unss.« Die wortbeglei-tende Geste des Mannes deutete Wichtigkeit ersten Ranges gepaart mit einem Anflug von Begeisterung an. »Auch wenn einige im Minissterium darüber an-derss denken werden.«

Der Schwanz der weiblichen AAnn peitschte wie ein Metronom hin und her, während sie sprach; die gleichmäßige Bewegung hatte beinahe etwas Hypno-tisches. »Ess isst ssehr interessssant, um nicht zu ssa-gen aussgespochen schmeichelhaft, unssere Annah-men besstätigt zu ssehen, ssei ess auch nur durch ei-nen aufdringlichen Menschen.«

Flinx enthielt sich eines Kommentars und ließ sie re-den. Während die beiden weiterplapperten, schafften sie es problemlos, das Gespräch auch ohne irgendeinen uninformierten Beitrag von ihm in Gang zu halten. Je-des Mal, wenn sie ihre schuppigen, zähnestarrenden Mäuler aufmachten, lieferten sie ihm unbeabsichtigt die Grundlagen für spätere Gespräche. Darüber hinaus ließ ihre permanente gegenseitige körperliche Nähe und gewisse subtile Gesten ihrer Hände auf eine Be-ziehung schließen, die über die Grenzen einer rein beruflichen Verbindung hinausging.

Seine anfängliche Vermutung erwies sich als rich-tig: Das Duo gehörte nicht zum Militär. Wäre es so gewesen, hätten sie sich mehr oder weniger in Schweigen gehüllt. In Anbetracht ihrer offenkundi-gen militärischen Unbedarftheit hielt Flinx es sogar für nicht ausgeschlossen, dass er tatsächlich eine klei-ne Chance hatte, ihnen zu entwischen und seine Su-che fortsetzen zu können.

Doch im Augenblick war an so etwas nicht zu den-ken, denn die Frau hielt ihre kleine, doch durchaus neuzeitlich wirkende Waffe weiterhin unverwandt auf seine mittlere Körperregion gerichtet. Dass sich die beiden der Tödlichkeit des Minidrachen nicht bewusst waren, ließ sich daran ersehen, dass sie Flinx' zusammengerollter Begleiterin nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkten. Ein Ass, das er vorerst im Ärmel zu behalten entschied, es sei denn, sie lie-ßen ihm keine andere Wahl.

»Ja, keine Frage«, sagte er, als sie schließlich geen-det hatten, »ich bin ebenfalls von der großen Bedeu-tung dieser Entdeckung überzeugt.«

Er sprach sachlich und in fließendem AAnn, wäh-rend er sich gleichzeitig fragte, was, zur Hölle, er ih-nen eigentlich erzählen sollte. Sie hatten von der Exi-stenz irgendeines Transmitters gefaselt. Sicher, seine Beobachtungsgabe hatte unter der letzten Zerreiß-probe, der er ausgesetzt gewesen war, merklich gelit-ten, aber zumindest bis gestern hatte er fest geglaubt, dass er jede Maschinerie, die auch nur annähernd Ähnlichkeit mit einem Transmitter oder Sender hatte, auf Anhieb erkennen würde.

Die ältlichen Reptiloiden tauschten ein paar gezi-schelte Bemerkungen aus. »Wir waren der Auffasss-sung, dassss die jüngssten Beweisse für die Exisstenz dess Kraftfeldss lediglich unss und einigen anderen im Minissterium bekannt gewessen sseien. Wie hat dass Commonwealth davon erfahren?«

»Oh, Sie wissen doch«, raunte Flinx in verschwöre-rischem Tonfall zurück, »Informationen nehmen oft seltsame Wege. Heutzutage, in Zeiten moderner, weit reichender Kommunikation, ist es nicht so einfach, ein Geheimnis zu bewahren.«

»Wahrhaftig«, stimmte die AAnn-Frau ihm zu. Die auf seinen Bauch zielende Mündung ihrer Waffe än-derte nicht einen Moment ihre Richtung. »Alsso ssind ssie hergekommen, um vor Ort eigene Studien zu betreiben.«

»Genau.« Flinx trat in den tieferen Schatten und setzte sich auf ein erstarrtes Band aus schwarzem, ke-ramikähnlichem Material. Nach wie vor geschwächt, versuchte er sich zu erinnern, welche AAnn-Nahrung für den menschlichen Verzehr geeignet war. »Ist es nicht das, was Sie auch tun?«

Der Mann machte eine wegwerfende Handbewe-gung, bestenfalls eine Geste fünften Grades. Er schien nur schwer glauben zu können, dass ihr Geheimnis keines mehr war. Wahrscheinlich hätte es ihn sehr unglücklich gemacht zu erfahren, dass ausgerechnet er und seine Partnerin es gewesen waren, die es dem Fremden verraten hatten, und zwar erst vor kurzem.

»Natürlich. Aber wie Ssie ssich ssicher vorsstellen können, ssind unssere Mittel aufgrund der Sskepssis, mit der unssere Berichte aufgenommen wurden, äu-ßersst begrenzt.« Diesmal fiel seine Geste wesentlich deutlicher aus und schloss einen weiten Bereich in mehreren Richtungen mit ein. »Ess fällt unsseren Vorgessetzten im Minissterium schwer, die Exisstenz einess Transsmitterss von unbekannter Bauart zu ak-zeptieren, dessssen Ausmaße ssich auf mehr alss hundert Qadit ersstrecken.«

Bemüht, einen möglichst neutralen Gesichtsaus-druck zu wahren, für den Fall, dass die AAnn sich auf die Interpretation menschlichen Mienenspiels ver-standen, nahm Flinx im Geiste einige hastige Berech-nungen vor. Einhundert AAnn-Quadit, das waren ... Die beiden sprachen über einen »Transmitter« mit ei-ner flächenmäßigen Größe von annähernd zweitau-send Quadratkilometern. Sein Puls begann zu rasen. Kein Wunder, dass er keine Übertragungsanlage gese-hen hatte.

Er war darauf herumspaziert.

Die endlose hohe Mauer, die er beim Verlassen der Salzpfanne erklettert hatte, war die Umgrenzung der Maschinerie. Die schwarzen Monolithen, die gewun-denen und in sich verschlungenen Gebilde, die gerif-felte Oberfläche, die die Zeit mit Sand bedeckt hatte: Dies alles gehörte zu dem von den AAnn entdeckten Transmitter. Oder jedenfalls zu dessen sichtbaren Be-reichen. Was sonst noch alles unter seinen Füßen, un-ter dem Sand und dem Felsgestein des Planeten be-graben lag, konnte er bestenfalls erahnen. Aber viel-leicht wussten die beiden AAnn ja auch das. Waren sie Xenologen, fragte er sich, oder Forscher auf einem eher obskuren Fachgebiet? Wie ein Fischer, der einen unechten Köder auswarf, versuchte er das Gespräch in Gang zu halten. Mit etwas Glück würden sie gar nicht merken, dass sein Angelhaken leer war.

»Ich hab mit meinen Vorgesetzten das gleiche Pro-blem«, gestand er, wobei er sich keinesfalls der Illusi-on hingab, allein dadurch, dass er Verständnis für ih-re berufliche Situation zeigte, irgendeine Art Solidari-tät herstellen zu können. »Das Ding ist einfach zu groß, um es zu glauben. Und dann erst das Alter!«, setzte er hoffnungsvoll hinzu.

Das redselige, treuherzige Pärchen enttäuschte ihn nicht. Rasch rechnete Flinx die geschätzte Zeitspanne, die sie ihm nannten, in menschliche Maßeinheiten um. Wenn die beiden recht hatten, bedeutete dies, dass die gigantische Apparatur, auf der sie in diesem Moment standen und fachsimpelten, zwischen 485.000 und 500.000 Jahren alt war.

Wenn jemand so viel Zeit und Mühe in eine solche Anlage investierte, schloss er düster, dann musste dieser jemand wirklich echten Bedarf für Verständi-gung über beträchtliche Distanz haben. Für Verstän-digung mit jemand anderem ...

»Trotzdem«, murmelte er, in der Hoffnung, noch ein paar Informationen herauskitzeln zu können, be-vor die AAnn Verdacht schöpften, »bleibt mir sein Ursprung und sein Zweck ein Rätsel.«

»Ssssnt«, zischte die Frau, »dann ssind Ssie nicht weiter alss wir auch.«

Zu dumm, dachte Flinx. Zu schade, dass ihre bis-herige Arbeit ihnen in dieser Hinsicht noch keine nä-heren Erkenntnisse gebracht hatte. Was hingegen ihn selbst anging, so wusste er jetzt sehr viel mehr als zu Anfang ihres Gesprächs, und da war sein Wissen gleich null gewesen.

»Ssie ssind allein«, stellte der männliche AAnn fest. Als Flinx nicht antwortete, fügte er hinzu: »Wo isst Ihr Landefahrzeug, wo ssind Ihre Vorräte?«

»Sie wissen, dass ich Ihnen das nicht sagen kann.« Sollten sie sich doch über die etwaige Anwesenheit weiterer Menschen und deren Möglichkeiten die Hir-ne zermartern, entschied er.

»Ess isst ohne Bedeutung.« Die AAnn-Frau gesti-kulierte mit ihrer Waffe. »Die Ssoldaten werden ssich um ihn kümmern und ess schon auss ihm heraussbe-kommen. Ess braucht unss nicht zu interessssieren.« Ihr Blick war eiskalt, ihr Gesichtsausdruck gleichgül-tig. »Wir verschwenden nur unssere Zeit.«

»Ich dachte, wir hätten ein paar Gemeinsamkeiten entdeckt.« Flinx lächelte ermutigend. »Letzten Endes sind wir drei doch Fachkollegen auf dem Gebiet der Wissenschaft, um die sich das Militär in keiner Weise schert.«

»Wir ssind keine Kollegen«, gab der Mann zurück. »Wir ssind Konkurrenten. Und alle AAnn ssind Ssol-daten im Diensste des Kaisserreichss.«

Das war genau die Art von pflichtgetreuer, enttäu-schender Antwort, die er erwartet hatte, doch einen Versuch war es allemal wert gewesen. Die beiden Forscher mochten zwar älteren Semesters sein, doch sie waren keineswegs senil.

»Was ssollen wir mit ihm machen, biss jemand vom Kyl-Stützpunkt herkommen kann, um ihn abzu-holen?« Die Frau vollführte eine Geste der Besorgnis dritten Grades, gekoppelt mit einem Zucken ihrer Lefzen und einer Drehung ihres länglichen Mauls, die vermuten ließen, dass sie nichts dagegen hätte, hier und jetzt einen Happen zartes Säugetierfleisch zu probieren. Flinx spannte sich an. Auf seiner Schulter zogen sich Pips Windungen etwas fester zusammen, und er beeilte sich, den Minidrachen wieder zu beru-higen, indem er ausschließlich zuversichtliche Ge-danken dachte. Nicht jetzt, sagte er sich, und über die empathische Verbindung auch ihr.

»Halsskrausse«, erklärte der AAnn-Mann unver-mittelt. Im selben Moment verschwand er hinter einer schwarzen Steinplatte und kehrte Augenblicke später mit einem silberglänzenden, zentimeterdicken Band in den Klauen wieder zurück. Ein Stück oberhalb von Pips Windungen legte er es Flinx um den Hals. Dann trat er einen Schritt zurück und nestelte an einigen Kontakten an seinem Instrumentengürtel herum. Drei kleine Anzeigen leuchteten an dem Band auf, als die beiden Enden nahtlos miteinander verschmolzen.

»Ohne die Eingabe dess richtigen Codess lässsst ess ssich nicht wieder öffnen«, verkündete er mit einer Gebärde, die seiner Befriedigung zweiten Grades Ausdruck verlieh. »Verssuchen Ssie, irgendwelche Schwierigkeiten zu machen oder ssich mehr alss ei-nen Zehntelquadit von meiner Sseite zu entfernen, wird der Sprengstoff, der ssich im Halsband befindet, explodieren und Ihnen den Kopf von den Schultern reißen. Wir ssetzen ihn normalerweisse ein, um Prä-zissionssaussschachtungen vorzunehmen. Er dürfte aussreichen, denke ich, um einen einssamen Men-schen vom Umherstreunen abzuhalten.«

Flinx zeigte sich verständnisvoll. »Ich weiß, dass es Ihre Pflicht ist, mich der hiesigen Obrigkeit zu über-geben. Ich hätte nur nicht gedacht, dass es hier eine gibt.«

»Ess wird einige Zeit dauern, biss Ssoldaten vom Kyl-Stützpunkt hier eintreffen.« Die Frau klang nicht sehr glücklich. »Biss dahin werden wir wohl, wie ess offenbar in Ihrem Ssinne isst, Ihre unliebssame An-wessenheit ertragen müssssen. Verssuchen Ssie nur nicht, dass ausszunutzen.«

»Ich wüsste nicht, wie. Nicht, solange ich dieses Ding hier trage.« Vorsichtig betastete Flinx das elasti-sche, mit Sprengpulver gefüllte Band. Er hasste es, ir-gendetwas um den Hals zu haben außer einer gewis-sen fliegenden Schlange. »Aber wälzen Sie sich, falls Sie einschlafen, bloß nicht auf Ihrer Kontrolleinheit herum.«

Die AAnn reagierten auf seinen Versuch, witzig zu sein, mit amüsierten Gebärden. Seit jeher hatte man unter ihresgleichen Ironie und Sarkasmus zu schät-zen gewusst.

»Tun Ssie, wass man Ihnen ssagt, und Ihr Leben wird verschont bleiben. Jedenfalls ssolange der Mili-tärkader ess alss wertvoll erachtet.« Der männliche AAnn wandte sich um und bedeutete dem Gefange-nen, vor ihnen herzugehen. Müde und zerschlagen leistete Flinx seiner Aufforderung Folge.

Sie hatten ihm Wasser gegeben. Wenn sie ihn am Leben erhalten wollten, bis ihnen die örtliche Heeres-leitung die Verantwortung für ihn abnahm, würden sie ihn voraussichtlich demnächst auch mit etwas Essbarem versorgen. Mit der tödlichen Halskrause konnte er leben – zumindest vorerst. Trotz seiner lee-ren Taschen und auch ohne Ausrüstungsgürtel oder Werkzeugkit verfügte er noch über Mittel und Wege, das lästige Ding zu entfernen. Doch auch das musste warten, bis die Zeit reif dafür war. So wie für ge-wöhnlich alles.

Unterdessen sah er das schwarze Material der Um-gebung in einem gänzlich neuen Licht. Ein Transmit-ter von ungeheurer Größe und unvorstellbarem Al-ter, hatten die AAnn behauptet. Wer hatte ihn errich-tet? Warum befand er sich auf einer öden, backofen-ähnlichen Welt wie Pyrassis? War er es, den die Be-satzung der Crotase hier zu finden gehofft und wes-wegen ausgerechnet sie den ganzen weiten und ge-fährlichen Weg hierher auf sich genommen hatte? Und welche Verbindung konnte zwischen einer prä-historischen Übertragungsanlage und der Meliorare-Society bestehen? Oder dem Sybfile mit personenbe-zogenen Daten, dem er durch den halben Galaxisarm hinterhergejagt war?

Durch List und Geistesgegenwart hatte er ein paar Informationen erlangt, doch konnten diese in keiner Weise Schritt halten mit der ansteigenden Flut von Fragen. So sehr er sich auch bemühte, es gelang ihm nicht, den Zweck seines Hierseins in einen logischen Zusammenhang mit jenem der Crotase-Crew zu brin-gen, und erst recht nicht mit dem Vorhandensein ei-ner immens vorsintflutlichen Transmittereinrichtung unbekannter Bauart. Es war durchaus möglich, dass es einen solchen Zusammenhang nicht gab und dass die Besucher von dem Commonwealth-Raumschiff etwas gänzlich anderes hierher geführt hatte. Die Entdeckung des Transmitters war ebenso unwahr-scheinlich wie überraschend. Aber auch wenn sie ihn rege beschäftigte und seine Fantasie beflügelte, durfte er sich durch sie nicht von dem eigentlichen Ziel sei-ner Reise ablenken lassen. Er war hier, um etwas über sich selbst herauszufinden, und nicht, um sich mit Xenoarchäologie zu befassen.

Die ältliche weibliche AAnn machte eine Bewe-gung mit ihrer Pistole und zwang damit seine wirren Gedanken wieder in die ungewisse Gegenwart zu-rück. Den beunruhigenden Druck des explosiven Halsbands an der Kehle, beschleunigte er seine Schritte.

Das Lager der beiden Reptilioden erwies sich als einziges Sammelsurium aus Vorräten, Ausrüstungs-gegenständen und mühsam zusammengetragenem Studienmaterial. Etwa neunzig Prozent der Wohn- und Arbeitsquartiere befanden sich in AAnn-typischer Weise knapp unterhalb der ausgedörrten Planetenoberfläche. Eine abgeflachte Kuppel mit ebenerdigen Sicht- und Luftschlitzen markierte den Standort einzelner Bereiche, die zum Schlafen, Essen und Forschen vorgesehen waren. Ihm stockte der Atem, als er den leichten Zwei-Personen-Skimmer sah. Obwohl die Ausstattung und die Steuerkontrol-len ganz gewiss auf AAnn-Bedürfnisse zugeschnitten waren, war er dennoch sicher, falls er die Gelegenheit dazu erhielt, genug über deren Funktionsweisen erra-ten zu können, um das Fahrzeug in Gang zu setzen. Als sie daran vorbeigingen, musste er sich zusam-menreißen, um nicht allzu auffällig auf das verführe-rische Fluchtmittel zu starren.

Ob er es in die Hand bekäme, blieb vorerst jedoch abzuwarten. Solange die beiden Xenologen ihn mit Argusaugen bewachten, konnte er jedenfalls über-haupt nichts tun. Was würden sie mit ihm machen, wenn es für sie an der Zeit war, sich zur Ruhe zu be-geben? AAnn benötigten ungefähr so viel Schlaf wie Menschen. Die explosive Halskrause würde ihn viel-leicht daran hindern, zu fliehen, aber sie konnte ihn nicht davon abhalten, im Lager herumzustrolchen, während sie schliefen. Allerdings würde bereits ein simples Schloss mit einer Kette reichen, um jeglichen Ambitionen dieser Art einen Riegel vorzuschieben. Ganz sicher hatten sie irgendetwas in dieser Richtung mit ihm vor.

Unter der Erde war es nur unwesentlich kühler als auf der Oberfläche. Kein Wunder, die AAnn blühten in heißem, trockenem Klima geradezu auf. Flinx war indes zuversichtlich, dass auch er es verkraften wür-de, jedenfalls solange sie ihn auch weiterhin mit Was-ser versorgten.

Der AAnn-Mann nahm seiner Partnerin die Waffe ab, um den jungen Menschen in Schach zu halten, während seine Begleiterin in einer anderen Kammer verschwand. »Wissssen Ssie, dass Militär wird Ihnen kaum abnehmen, dassss Ssie ein Forscherkollege ssind. Man wird annehmen, dass Ssie ein Common-wealth-Spion ssind, und Ssie entsprechend behan-deln.«

Flinx hockte sich an einem freien Bereich der Wand auf den Boden und versuchte, einen möglichst unbe-teiligten Eindruck zu machen. »Dann entspricht ihr Pech, auf dieser unbedeutenden und abgelegenen Welt stationiert zu sein, dem Ausmaß ihrer Dumm-heit.« Er zögerte. »Es sei denn, es gibt hier irgendet-was, das sich tatsächlich auszuspionieren lohnte.«

»Ssie wollen mich nur dazu verleiten, militärische Informationen preiszugeben.« Der muskulöse Schwanz zuckte in einer Weise hin und her, die leich-te Belustigung gepaart mit Neugier dritten Grades anzeigte. »Ich mussss Ssie leider enttäuschen, über ssolche Informationen verfüge ich nicht. Mein Inter-esssse und dass meiner Gefährtin gilt der Vergan-genheit, nicht dem politischen Tagessgeschehen. Unssere Fasszination für Pyrassssiss beruht auf ge-nau dem Grund, auss dem ssich niemand ssonst für diessen Planeten interessssiert.« Begleitet von einem hohen, zirpenden Geräusch, schlugen seine Zähne mehrere Male aufeinander, als Ausdruck seiner großen Belustigung. »Ess ssollte mich ebensso überraschen wie Ssie, wenn ess auf diesser Welt etwass von militäri-schem Nutzen gäbe. Sssie finden hier Mineralien in Hülle und Fülle und geologische Bedingungen, die in jedem Fall erwähnensswert ssind, aber abssolut nichtss, an dass woanderss nicht weitauss einfacher heranzukommen wäre. Wenn hier große Vorkommen von etwass Bessonderem oder Einzigartigem exisstie-ren, sso wissssen wir davon jedenfalls nichtss. Meiner Gefährtin und mir gefällt unssere Issolation. Sselbst die Lage diesser Welt isst ohne jede Relevanz. Obwohl dergleichen Wissssen nicht unbedingt in unsseren Fachbereich fällt, wäre ich doch ssehr erstaunt zu er-fahren, dass Pyrassssiss vom Kaisserlichen Minissteri-um für Großstrategie als taktisch wichtig eingestuft wird.« Er ließ sich auf einem AAnn-Sitzmöbel nieder, ein den Rücken stützendes Geflecht aus gepolsterten Drähten und Stangen, das seinem Schwanz uneinge-schränkte Bewegungsfreiheit gewährte.

»Wie lautet Ihre persönliche Benennung?«

»Flinx.« Pip, inzwischen wieder ruhiger geworden, bewegte sich leicht auf seiner Schulter.

»Nur ein Name? Dass isst ungewöhnlich für einen Menschen. In Anbetracht der Art und Weisse, wie ssie ssich vermehren, scheint mir dass Bedürfniss nach mehr alss nur einem Namen eher eine Frage der Not-wendigkeit alss dess freien Entschlussssess zu sein.« Als Flinx darauf keine Antwort gab, setzte der Xenolo-ge hinzu: »Ssie werden Ssie trotzdem wie einen Spion behandeln. Ess isst die übliche Verfahrenssweisse.«

»Sie und Ihre Gefährtin könnten sich für meine rein wissenschaftlichen Interessen verbürgen«, schlug Flinx hilfsbereit vor. »Als Forscherkollegen haben wir vieles gemeinsam.«

»Wir ssind keine Kollegen«, erwiderte der AAnn ungerührt. »Und ob wir irgendetwass gemeinssam haben, mussss ssich ersst noch erweissen. Obwohl ess völlig bedeutungssloss isst.« Die Gesichter der AAnn waren nicht so beweglich wie die der Menschen, ver-fügten aber über ein erheblich größeres Maß an Aus-drucksmöglichkeiten als beispielsweise die der insek-tenartigen Thranx. »Ihre Anwessenheit an diessem Ort stellt ein unerwünschtess Eindringen und eine unerfreuliche Überraschung dar. Alless an Ihnen, von Ihrem physsischen Erscheinungssbild über Ihre Kör-peraussdünsstungen biss hin zu dem Klang Ihrer Stimme, isst mir unangenehm. Je eher unss dass Mili-tär von Ihrer Lasst befreit, umsso glücklicher werden ich und meine Gefährtin ssein.«

Flinx stützte seine Ellbogen auf die Knie. »Das ist nicht gerade sehr gastfreundlich von Ihnen.«

»Die Gasstfreundschaft der AAnn isst denen ihress Geschlechtss vorbehalten, und dessssen Freunden. Da Ssie ssich mit den verabscheuensswürdigen Hartpan-zern verbündet haben, um unssere koloniale Aussbrei-tung, die unsser gutess Recht isst, einzuschränken, ge-hören Ssie nicht einmal zu dem Letztgenannten.«

Der schlaksige Rotschopf seufzte. Mit Reden war bei dem ältlichen Wissenschaftler nicht viel zu errei-chen. Die AAnn waren der Auffassung, dass sie das Recht besaßen, ihren Machtbereich nach Belieben auszuweiten und überall zu herrschen. Kein Argu-ment der Welt würde sie jemals von dieser Meinung abbringen. Doch wo Verhandlungen versagten, hatte die Präsenz zahlreicher schwer bewaffneter, mit Menschen und Thranx bemannter Raumschiffe eine pragmatische Überzeugungskraft bewiesen. Dennoch hatte dies die AAnn nicht abhalten können, das Commonwealth unentwegt auszukundschaften, es auf die Probe zu stellen und vorsätzlich zu provozie-ren, wann immer sich die Gelegenheit dazu bot.

Die AAnn-Frau kehrte zurück. Das Paar machte nicht einmal den Versuch, ihr Gespräch vor dem Ge-fangenen abzuschirmen. Sie wollten, dass er es hörte.

Ton und Gestik des männlichen AAnn ließen sei-nen Missmut erkennen. »Ess ssollte in Kyl ständig jemand zu erreichen ssein. Wass für eine Art Außen-possten dess Kaisserreichss isst dass hier überhaupt?«

»Ein ssehr, ssehr abgelegener«, erinnerte ihn seine Gefährtin. »Die Nachricht wurde abgeschickt. Ich bin ssicher, ssobald ssie den Zuständigen erreicht, wer-den angemessssene Maßnahmen erfolgen.«

»Isssspab – dass will ich hoffen. Diesser Mensch kosstet unss Zeit und Energie, die wir besssser in unssere Arbeit stecken ssollten.«

»Sie könnten mich ja einfach gehen lassen«, bot Flinx zuvorkommend an. »Ich mach mich aus dem Staub, und Sie sehen mich nie wieder.«

Während er diesen Vorschlag machte, konzentrier-te er sich so stark wie möglich. Ihr müsst mich gehen lassen, dachte er. Ihr müsst mich gehen lassen. Es gibt tausend Gründe, warum ihr mich gehen lassen solltet. Also – lasst mich gehen, jetzt. Noch niemals hatte er versucht, seine Gedanken in einen Nichtmenschen zu projizieren. Er hatte keine Möglichkeit festzustellen, ob sein Talent aktiv war oder nicht. Die Reaktion der AAnn zumindest war unzweideutig. Seine mentale Anstrengung hatte auf sie nicht den geringsten Ef-fekt. Vielleicht, dachte er gallig, hätte er ja mehr Glück gehabt, wenn einer von ihnen auf ein Liebes-abenteuer aus gewesen wäre.

Weiteres Zähneklacken, als die Frau erwiderte: »Wir ssind vielleicht keine Ssoldaten, aber wir ken-nen unssere Pflicht. Dankensswerterweisse haben Ssie sselbst unss daran erinnert, bevor wir Ihnen Wasssser gaben. Ssie werden sso lange hierbleiben, bis die entsprechenden Vertreter dess Militärss da ssind und unss von Ihrer Gegenwart befreien.«

»Und sso lange werden Ssie auch schön friedlich bleiben.« Der Echsenmann strich mit einem Klauen-finger über die Vorderseite des Gerätes, das die ex-plosive Halskrause steuerte. Flinx versuchte sein Un-behagen zu verbergen. Dieser AAnn war nicht mehr der Jüngste. Wenn seine Hände zufällig an den fal-schen Regler kamen ...

»Ich bin unbewaffnet«, log er. »Ich mache bestimmt keinen Ärger.«

»Nein.« Der Mann klang ausgesprochen überzeugt, als er sich zum Gehen wandte. »Dass werden Ssie nicht.«

Sie gaben ihm noch mehr Wasser, das entweder aus einem Destillator oder aus ihren reichlichen Vor-räten stammte, und verfolgten neugierig und ange-widert, welche unglaubliche Menge von Flüssigkeit er zu sich nehmen konnte. Nach ein paar knappen Fragen und Antworten war auch bald für Menschen geeignete Nahrung gefunden, die sie ihm ebenfalls reichten. Obschon genießbar, war sie alles andere als schmackhaft. Nichtsdestotrotz sorgten die fremdarti-gen Nährstoffe rasch dafür, seine körperlichen Kräfte zu beleben. Und mit der neuen Energie kehrte auch die Zuversicht zurück.

Flinx war klar, dass er von hier verschwunden sein musste, bevor das Militär eintraf und ihn übernahm. Einmal in dessen Obhut, sanken seine Chancen, sich seine Handlungsfreiheit zu bewahren, beträchtlich. Und außerdem würde möglicherweise jemand in dem alaspinischen Minidrachen, der auf seiner Schul-ter ruhte, etwas anderes erkennen als ein ganz und gar harmloses zahmes Tier.

Er würde warten, bis sie eingeschlafen waren, seine Fesseln lösen, sich etwas Nahrung und den größten Wasserbehälter, den er tragen konnte, unter den Na-gel reißen und zusehen, dass er von hier verschwand. Das Labyrinth, das offenbar die Außenseite des ural-ten Transmitters darstellte, bot jede Menge Versteck-möglichkeiten. Solange er nicht die Aufmerksamkeit eines neugierigen Militärs auf sich zog, konnte er weiter nach dem voraussichtlich bestens getarnten Landetrupp von der Crotase suchen.

Einstweilen jedoch stand die glühende Sonne Py-rassis' noch hoch am Himmel, und die beiden Wis-senschaftler waren mit ihrer täglichen Arbeit beschäf-tigt. An einem schweren Vorratscontainer festge-macht, außerstande, sich zu entfernen, am Hals die ständige Bedrohung des explosiven Kragens, der im Nacken scheuerte, verschränkte Flinx die Arme vor der Brust, schloss die Augen und versuchte ein biss-chen zu schlafen.