Die Echsenwelt
Kapitel 6
6
Pyrassis war von seiner Sonne aus gesehen der vierte Planet. Für ein Unternehmen hatte das System nicht sehr viel zu bieten: nur den üblichen Verband einiger unbewohnbarer felsiger Weltkugeln, ein paar un-spektakuläre Gasgiganten, drei mittelprächtige Aste-roidengürtel, einen einzelnen Methanzwerg und das unvermeidliche Sortiment aus Eiskometen, erzhalti-gen und steinigen Meteoren und dahintreibendem Schutt: stellaren Breccien. Es war nicht eben ein denkwürdiges System und Pyrassis selbst alles ande-re als ein beeindruckender Planet. Dem Typus von Welten entsprechend, wie sie von den AAnn bevor-zugt wurden, waren seine Hauptfarben, vom Welt-raum aus betrachtet, nicht Blau und Braun, sondern Gelb und Rot, obwohl auch einige grün-hellblaue Streifen und Kleckse durchschimmerten. Die Atmo-sphäre war ein vertrautes Stickstoff-Sauerstoff-Gemisch, die Schwerkraft normal und das Klima, au-ßer in den extremen Polargebieten, heiß. Genau so al-so, wie die Reptiloiden es mochten.
Während Flinx sich Pyrassis mit äußerster Vorsicht von außerhalb des Systems angenähert hatte, hatten die Sensoren der Teacher einen kompletten Scan der unmittelbaren Raumumgebung durchgeführt. Zwei tote, unscheinbare Monde umkreisten ihren Mutter-planeten. Beide waren farblos und grau, von Kratern übersät und, so weit sein Schiff dies feststellen konn-te, bar jeglichen intelligenten Lebens, sah man von ein paar belanglosen und vermutlich längst nicht mehr benutzten wissenschaftlichen Überwachungsstatio-nen ab.
Was Pyrassis selbst anbetraf, so war das einfache Netz aus künstlichen Satelliten, die in äquatoriale und zirkumpolare Umlaufbahnen gebracht worden waren, eines der bescheidensten, die Flinx jemals zu Gesicht bekommen hatte, und maximal dazu angetan, die grundlegende innerplanetare und suborbitale Kom-munikation sicherzustellen. Wenn die Teacher sich im Schatten des nächstliegenden Mondes positionierte, würde sie vom Boden aus quasi unsichtbar sein. Eine Analyse der oberflächenbasierten Signale wies auf das Vorhandensein von nur einem einzigen Tiefenraum-trägerstrahl hin und auf nichts, das in den Bereich hochempfindlicher militärischer Peilanlagen fiel. Die Boden-Boden-Signale waren relativ spärlich und nur geringfügig verstärkt, was auf eine nicht sehr beträcht-liche und zudem weit verstreute AAnn-Präsenz schließen ließ. Und nicht einer der zerbeulten und ver-schrammten Satelliten, die im nahen Orbit gleichgültig ihre Runden drehten, war groß genug, um für ein an-kommendes Schiff eine Bedrohung darzustellen.
Die fehlenden Sicherheitsvorkehrungen verwun-derten Flinx nicht. Ganz offensichtlich war die Zahl der AAnn auf Pyrassis begrenzt. Weder gab es dort Städte, höchstwahrscheinlich nur einen einzigen Shuttlehafen, noch ansatzweise so etwas wie eine In-frastruktur und mit Sicherheit nichts, was über ein absolutes Minimum an militärischen Einrichtungen hinausgegangen wäre. Bei so wenigem, das es zu ver-teidigen galt, bestand für das Kaiserreich kein Anlass, kostbare Ausrüstung zu verschwenden, Ressourcen, die anderswo besser eingesetzt werden konnten, zur Festigung der Macht.
Nach allen messbaren Kriterien also hatte Flinx es hier mit einer abgelegenen, strategisch völlig unwich-tigen Welt zu tun, die kaum die Aufmerksamkeit des AAnn-Imperiums wert war, das sie für sich rekla-mierte. Allein schon durch ihre Lage innerhalb der Grenzen des Kaiserreichs ausreichend gesichert, be-durfte sie keiner weiteren Schutzvorrichtung. Hier gab es für die AAnn nicht viel zu bewachen, und noch viel weniger für einen Räuber zu plündern.
Das Letzte, womit die dort unten lebenden AAnn gerechnet hätten, wäre, sich mit einem Akt unrecht-mäßigen Eindringens seitens des Commonwealth auseinandersetzen zu müssen. Ja, sie wären geradezu schockiert gewesen, hätten sie entdeckt, dass ein un-autorisiertes Schiff soeben im Begriff war, es sich hin-ter ihrem nächsten Mond gemütlich zu machen, um dadurch etwaigen umherirrenden Sonden aus dem Weg zu gehen. Hätten sie sich die Mühe gemacht, etwas genauer hinzusehen, wären sie vermutlich vol-lends fassungslos gewesen, weil nicht nur ein, son-dern gleich zwei unbestätigte Schiffe denselben zwie-lichtigen Ort okkupierten.
Die Crotase reagierte nicht auf Flinx' Erscheinen. Keine Ruffrequenz aktivierte die Kommunikations-einheit der Teacher. Kein Grußbild materialisierte über der Steuerkonsole vor Flinx. Während er der Teacher befahl, auf Annäherungskurs zu dem anderen Commonwealth-Schiff zu gehen, hielt er nach Anzei-chen Ausschau, ob sich die Crotase auf einer Sonder-mission befand. Doch nichts von dem, was er sah, deutete darauf hin. Der Larnaca-Nutrition-Frachter bestach durch eine standardmäßige Leichtlast-Konfiguration, mit zwei Passagier/Frachtmodulen, die am Heck des länglichen KK-Raumers angebracht waren. Abgesehen davon, dass es sich anscheinend in bemerkenswert gutem Zustand befand, war nichts Außergewöhnliches an dem anderen Schiff.
Nun, falls sie beschlossen hatten, ihn zu ignorieren, entschied er, war es wohl an ihm, die Kommunikati-on zu eröffnen. Vielleicht warteten sie nur darauf, um Gewissheit zu erlangen, dass der soeben eingetroffe-ne Raumer von Menschen oder Thranx bemannt und kein von den verschlagenen AAnn gekapertes Schiff war, das sie dazu verleiten sollte, sich eine Blöße zu geben.
Doch niemand reagierte auf seine Anfragen. Nahe genug nebeneinander, um Crewmitglieder auszutau-schen, drifteten die beiden Schiffe im Schatten des Mondes dahin, die Teacher rufend, die Crotase schweigend. Was die Anwesenheit Letzterer mit un-ter Edikt stehenden Informationen über die Meliora-re-Society zu tun hatte, war Flinx nach wie vor ein Rätsel. Während seine Schiffs-KI beharrlich ihre Ver-suche fortsetzte, den anderen Commonwealth-Raumer zu einer Reaktion zu bewegen, überlegte Flinx, wie in dieser Situation am besten weiter vorzu-gehen war.
Genau wie er hatte die Besatzung der Crotase ihr Schiff im Mondschatten positioniert, um dadurch ei-ner Entdeckung durch die AAnn zu entgehen. Einen anderen Grund, warum sich ihr Frachtraumer dort befand, gab es nicht. Daher erschien es logisch anzu-nehmen, dass sie keine gemeinsame Sache mit den Echsen machten. Und falls diese Erklärung nicht zu-traf, so blieb immer noch die Frage offen, was diese Leute an einem so gefährlichen und nicht eben sehr viel versprechenden Schauplatz eigentlich wollten.
Vielleicht war Pyrassis wider Erwarten doch eine Welt, die über unermessliche Naturschätze verfügte. Allerdings hielt Flinx es dann für höchst unwahr-scheinlich, dass ein Commonwealth-Schiff ihr aus diesem Grund einen Besuch abstatten würde. Denn aufgrund der Lage des Planeten wäre es für jede menschliche Handelsvertretung völlig ausgeschlos-sen, ihn anschließend auszubeuten. Gegen das Vor-handensein von Naturschätzen sprach zudem, dass die AAnn bislang selbst keinen Abbau betrieben hat-ten. Natürlich konnte es sein, dass ihre anzahlmäßig geringe Präsenz auf dem Planeten einzig und allein dem Zweck diente, jede Art von Nutzbarmachung im größeren Stil geheim zu halten. Aber warum sollten die AAnn auf einer Welt, die ohnehin völlig unter ih-rer Kontrolle stand, so etwas tun?
Merkwürdig, merkwürdig ..., dachte Flinx bei sich. Was auch immer die AAnn hier planten, wenn er he-rausfinden wollte, was die Besatzung der Crotase hier verloren hatte, sollte er sie am besten persönlich mit den Fragen konfrontieren, die sie sich via Schiffs-kommunikationsverbindung zu beantworten weiger-ten.
Über eine offene Frequenz machte Flinx daher deutlich, dass er die Absicht hatte, ihnen einen Be-such abzustatten, wies die Teacher an, die Ankündi-gung mehrmals zu wiederholen, verließ die Kom-mandokanzel und hielt zielstrebig auf eine der Schiffsschleusen zu. Spürend, dass die Aufregung ih-res Herrn und Meisters im Widerspruch zu anderen Empfindungen stand, surrte Pip abwechselnd vor ihm den Korridor entlang und suchte wieder den Platz auf seiner Schulter auf.
Wenn sie schon nicht auf verbale oder kodierte An-fragen reagierten, dachte Flinx, als er die Außen-schleuse betrat, würde sie vielleicht ein kräftiges Klopfen an der Haustür aus der Reserve locken kön-nen.
Um kein unnötiges Risiko einzugehen, legte er, be-vor er sich in die Shuttle-Bucht der Teacher begab, ei-nen kompletten Überlebensanzug an. Wenngleich der Anzug nicht gerade bequem war, würde er ihm, falls es zu Ärger kommen sollte, ein gewisses Maß an Schutz gewähren. Sein integrierter Sprachempfänger justierte automatisch Lautstärke und Modulation, so-dass Flinx dem Steuernexus des Shuttles problemlos verbale Anweisungen geben konnte. Fest um seine Schulter geschlungen, sorgte Pip für eine ansehnliche, doch nicht weiter störende Beule in der Montur.
Natürlich hätte er der Teacher einfach Order geben können, längsseits des treibenden Frachters zu gehen, doch für den Fall, dass sich ihm unvorhergesehene Schwierigkeiten in den Weg stellten, wollte er sein Schiff lieber nicht in bequemer Angriffsreichweite wissen. Da die KI darauf programmiert war, auf ein-deutige Angriffe in gezielter Weise zu reagieren, hat-te er keine Bedenken, ihr das Ruder zu überlassen. Er hatte eine Menge Zeit dafür aufgewendet, die KI da-für zu rüsten, während seiner Abwesenheit mit ge-wissen Problemen allein fertig zu werden. Überzeugt, dass das Schiff ganz gut auf sich selbst aufpassen konnte, erteilte er dem Shuttle den Befehl, zu starten und auf den lang gestreckten Rumpf der Crotase zu-zusteuern.
Wenn etwas ganz bestimmt geeignet war, eine Re-aktion des Frachters herbeizuführen, dann die Annä-herung eines weiteren metallischen Objekts, das sich auf direktem Kollisionskurs befand. Doch obwohl sämtliche Grußfrequenzen geöffnet waren, gab das andere Schiff kein einziges Lebenszeichen von sich, während Flinx darauf zuflog. Es war deutlich größer als die Teacher und mit einem bauchigen Frachtraum ausgestattet, der an die Besatzungs- und Passagierun-terkünfte angehängt war. An den Verladeluken blink-ten Lichter, und Kontrollleuchten zeigten an, dass die Energiensysteme des KK-Schiffs auf gesamter Länge hochgefahren waren.
Von außen betrachtet war nichts Auffälliges an dem Frachter. Im Kleinen wie im Großen entsprach er ganz dem Standardaufbau seines Typs: Ein Handels-schiff, das keine Überraschungen bereithielt. Die Shuttle-Buchten befanden sich genau dort, wo Flinx sie vermutet hätte. Als er vorsichtig den Rumpf des Raumers umflog, entdeckte er, dass eine Bucht nicht nur geöffnet, sondern zudem auch unbelegt war. Da sie für die Aufnahme weitaus größerer Frachtshuttles ausgelegt war, bot sie leichten Zugang ins Innere des Schiffes.
Erneut versuchte er, direkten Sprachkontakt herzu-stellen, und erneut erntete er nichts als zurückwei-sendes Schweigen. Achselzuckend befahl er dem Shuttle anzudocken. Die automatischen Vorrichtun-gen der Crotase reagierten vorbildlich. In weniger als zwei Minuten war Flinx' Raumfähre fest und sicher verankert. Ihm blieb kaum Zeit, sich vom Komman-dosessel abzustoßen, bevor die Wirkung des auf Mi-nimalleistung heruntergefahrenen KK-Antriebsfelds auf das Shuttle übergriff. Abermals nahm die Schwerkraft von seinem Körper Besitz.
In seinem hermetisch abgeschlossenen Überlebens-anzug stieg er aus und inspizierte, konservierten Sau-erstoff atmend, die Außenschleusenkontrollen. Wie alles an der Crotase waren auch sie vertrauter Stan-dard. Als voll ausgebildeter und erfahrener Langfin-ger war er es von Kindheit an gewohnt, in Wohnun-gen und Geschäfte einzubrechen. Um in ein ruhendes Raumschiff einzusteigen, bedurfte es zwar einer um-fangreicheren Kenntnis vorhandener Technologie, doch die Technik selbst änderte sich kaum. Mithilfe der Ausrüstung, die sich im Allzweckgürtel seines Anzugs befand und die mit der KI des Shuttles ge-koppelt war, würde er in der Lage sein, sich bis zu den Unterkünften des Frachters vorzuarbeiten.
Binnen Minuten hatte er sich Zugang zur lokalen Schiffs-KI verschafft. Und nach weniger als einer hal-ben Stunde hatte diese ihn als berechtigten Nutzer akzeptiert.
Seinen Anweisungen folgend führte sie ein paar zusätzliche Maßnahmen zur Sicherung der Andock-bucht aus. Allerdings ließ Flinx sie nicht das Außen-schott schließen. Kein vernünftiger Einbrecher ver-sperrte hinter sich die Türen.
Unvermittelt ertappte er sich bei dem Gedanken, was Mutter Mastiff wohl sagen würde, wenn sie ihn jetzt sehen könnte. Es war eine Sache, ab und an ein Brot zu stibitzen, und eine andere, sich eines ganzen Raumschiffs zu bemächtigen, wenngleich er nicht die geringste Verwendung für die Crotase hatte. Er war bloß hier, um sich ein paar Daten zu beschaffen.
Die Innenschotte öffneten sich ebenso bereitwillig wie die äußeren, reagierten prompt auf seine Befehle. Nichts stellte sich ihm in den Weg. Obwohl seine Sensoren anzeigten, dass in dem Korridor, den er ent-langging, eine komplett druckausgeglichene, unkon-taminierte, temperaturkontrollierte Atmosphäre herrschte, ließ er seinen Anzug geschlossen. Warum ein unnötiges Risiko eingehen? Er war sicher, dass er sich das, weswegen er hergekommen war, auch be-schaffen konnte, ohne irgendwelche Wagnisse auf sich zu nehmen.
Ringsum summte und surrte das Schiff und offen-barte auch weiterhin sein lediglich maschinelles Le-ben. Gänge und Räume waren hell erleuchtet. In ei-ner funktional eingerichteten Mannschaftsmesse stieß er auf etliche Schüsseln, in denen sich Pausensnacks häuften, sowie auf die Reste von mindestens zwei nur halb verzehrten Mahlzeiten. Keine Tabletts, die viel-sagend am Boden lagen, kein Essen oder Trinken, das wild verstreut und verschüttet worden war. Nichts, was darauf hingedeutet hätte, dass die Tischgäste Hals über Kopf davongestürmt waren und alles lie-gen und stehen gelassen hatten.
Das gesamte Schiff war ihm nun praktisch frei zu-gänglich. Lediglich einige wenige Wohnquartiere wa-ren mit persönlichen Zugangscodes gegen den unbe-fugten Zutritt gesichert. Andererseits waren etliche der Unterkünfte unverschlossen, sodass Flinx keinen Grund für die Annahme sah, dass sich in den verrie-gelten Kabinen irgendetwas Besonderes befand. Wo-zu also dort einbrechen? Schließlich war er nicht hier, um irgendeine fremde Crew auszuspionieren.
Doch welche Crew überhaupt? Wo waren sie alle hin? Waren sie von den AAnn überrascht und auf die Planetenoberfläche gebracht worden, um dort einem Verhör unterzogen zu werden? Eine Erfahrung, die ihm zum Glück bislang erspart geblieben war und die er, nach allem, was er bisher gehört hatte – ein beun-ruhigendes Konglomerat aus Fakten und Fiktion –, auch in Zukunft gern vermeiden würde. War es mög-lich, dass die Crew Massenselbstmord begangen und sich kollektiv ins All hinausgeblasen hatte? Doch nichts an Bord deutete darauf hin, dass es zu einer derartig überzogenen Maßnahme gekommen war. Dazu nirgends ein Anzeichen von Gewalt oder ir-gendwelchen internen Meinungsverschiedenheiten.
Angesichts dessen, was er vorgefunden hatte, oder vielmehr, was er nicht vorgefunden hatte, ließ sich nur der Schluss ziehen, dass die Mannschaft sich mit-hilfe des fehlenden Frachtershuttles freiwillig auf die Oberfläche begeben hatte. Aber warum? Was in aller Welt suchte ein Nahrungsmittelkonzern auf einem Wüstenplaneten wie Pyrassis? Vor der Schiffsbrücke stehend, schüttelte Flinx ratlos den Kopf. Um diese Frage beantworten zu können, musste er zunächst einmal herausfinden, was diese Leute eigentlich mit unter Edikt gestellten Berichten über die Meliorare-Machenschaften wollten?
Wie alles an Bord der Crotase so war auch die Kom-mando- und Steuerkuppel um ein Beträchtliches grö-ßer als ihr Gegenstück auf der Teacher. Unüberwachte Konsolen blinkten ihn an, emsige Bordinstrumente deklamierten stumm Unmengen nicht beachteter In-formationen, und Sessel dämmerten verwaist vor sich hin. Jeder andere, der unvermittelt in eine so gespen-stische Stille hineingestoßen worden wäre, hätte un-weigerlich ein Gefühl von Beklemmung, ja, Angst verspürt. Doch nicht so Flinx. In seinem kurzen Le-ben hatte er schon mit weitaus furchteinflößenderen Situationen zu tun gehabt. Immerhin war das hier nichts weiter als ein verlassenes Schiff. Er ließ den leeren Kommandosessel links liegen und machte es sich auf einem der anderen Sitze bequem.
Die KI des Frachters zeigte sich im Leitstand nicht weniger zugänglich, als sie es in der Außenschleuse gewesen war. Prompt beantwortete sie seine Anfra-gen, als er die Informationen aus ihr herauszukitzeln versuchte, derentwegen er den weiten Weg hierher gemacht hatte. Leider fiel ihre bewundernswert ra-sche Reaktion jedoch nicht so aus, wie Flinx es sich gewünscht hätte.
»Die angeforderten Daten sind Teil eines unter Edikt stehenden Sybfiles.«
»Das ist mir bekannt.« Es kostete Flinx einige Mü-he, nicht die Beherrschung zu verlieren. Pip, der dies nicht entging, begann sich unter dem Stoff seines Überlebensanzugs zu regen. »Ich will ja gar nicht, dass du es öffnest. Ein simpler Transfer der Datei auf einen freien Speicherchyp würde mir reichen.« Er versuchte seiner Anfrage Nachdruck zu verleihen, indem er mit dem Finger über das Annäherungskon-trollelement zur Aktivierung strich, das in die Arm-lehne seines Sessels integriert war.
»Transfer kann nicht ausgeführt werden.« Die Stim-me der Crotase klang gleichmütig und unnachgiebig.
»Warum nicht?«, fragt Flinx scharf. »Fehlt irgend-eine Befehlszeile? Definiere die Art des Problems.«
»Das Problem ist sehr einfach«, erklärte die KI. »Die betreffende Sybdatei befindet sich nicht mehr in meinem Kortex. Sie wurde verschoben, und es exi-stiert keine Kopie.«
Langsam zog Flinx die Luft ein. Er war nicht un-verschämt viele Parsecs weit gereist, um sich nun ge-nau das Gleiche anzuhören, was er sich schon auf der Erde hatte anhören müssen. »Wohin wurde sie ver-schoben? Alle Logs und Spuren auswerten.«
»Das wird nicht erforderlich sein.« Die Gewissheit, die in der synthetischen Stimme mitschwang, hatte etwas Beruhigendes. Endlich ein Lichtblick! »Die an-geforderte Sybdatei wurde in die Speichereinheit des persönlichen Datenaufzeichnungsgeräts DNP-466EX transferiert.«
Neue Hoffnung und Zuversicht schöpfend, setzte Flinx seine Verfolgungsjagd fort. »Wo ist dieser Re-korder jetzt? Was ist seine augenblickliche Position?« Offenbar musste er, wollte er an die Sybdatei gelan-gen, erst an dem Crewmitglied vorbei, in dessen Be-sitz sie sich zurzeit befand. Während er sich bereits seine nächste Frage überlegte, kam ihm der Gedanke, ob der betreffende Mensch sich überhaupt darüber im Klaren war, welch brisante Informationen er da mit sich herumschleppte.
Zur Abwechslung überraschte ihn die Antwort der KI diesmal nicht. »Nach dem jüngsten Ausschif-fungsprotokoll ist die gesamte Besatzung mit einem Shuttle zur Oberfläche der Welt mit der Bezeichnung Pyrassis aufgebrochen. Derzeitige Position –«
»Ich weiß, wo Pyrassis ist«, unterbrach Flinx die KI barsch. »Ich kann den Planeten hier durch die Sicht-luke sehen. Ich brauche genaue Angaben. Landeko-ordinaten.« Er versteifte sich ein wenig. »Geschah die Ausschiffung freiwillig oder unter Zwang?«
»Freiwillig«, erwiderte die Crotase ohne Zögern.
Ein Teil der Anspannung fiel von ihm ab. Was im-mer die Crewmitglieder auf der Oberfläche der was-serarmen, abgelegenen Welt auch vorhatten, egal, in was sie verwickelt waren, sie waren jedenfalls nicht von den AAnn entführt worden. Das erhöhte seine Chancen erheblich, an die Informationen, die er such-te, heranzukommen, auch wenn er im Moment noch nicht genau wusste, wie. Aber es beantwortete nach wie vor nicht die eigentliche Frage, was diese Men-schen hier überhaupt machten.
Zeit für eine noch viel heiklere Frage. Unabhängig davon, wer sie waren und was sie hier verloren hat-ten, eines würde der Landungstrupp auf keinen Fall riskieren: die Verbindung zu seinem Schiff zu verlie-ren. Folglich stand er in regelmäßigem Kontakt mit der Crotase.
»Du verfügst über die Koordinaten aller abwesen-den Crewmitglieder, einschließlich die jener Person, die sich im Besitz des Datenrekorders befindet, der die fragliche Sybdatei enthält?«
»Die Position des Landetrupps wird von mir per-manent überwacht«, gab das Schiff bereitwillig Aus-kunft. »Allerdings kontrolliere ich die Elektronik nicht auf einer personenbezogenen Ebene. Es besteht daher keine Garantie, dass die Person, die den fragli-chen Datenrekorder mit sich führte, sich auch jetzt noch im Besitz desselben befindet. Es ist nicht auszu-schließen, dass er inzwischen einer anderen Person übergeben wurde.«
Das klang einleuchtend, fand Flinx. Aber egal. Er würde den Rekorder finden, wenn er die Crew fand und ihr gegenüberstand. Gut möglich, dass sie ein paar Dutzend solcher Geräte unter sich verteilt hat-ten, aber dankenswerterweise hatte die KI des Frach-ters ihm ja, umsichtig, wie sie war, den Kenncode mitgeteilt.
Im selbstbewusstesten Tonfall, zu dem er fähig war, wandte er sich abermals an die Crotase-KI: »Bitte um Übertragung der zuletzt bekannten Koordinaten des Landetrupps an das Navigationssubmodul der ...« Es folgten die erforderlichen Codierungen und Si-cherheitsinformationen für den Zugang zur KI seines eigenen Shuttles.
Er seufzte unmerklich auf, als die Stimme der Cro-tase »Dem Ersuchen wird stattgegeben« erwiderte und nur wenige Sekunden darauf: »Angeforderte Da-ten transferiert.«
Flinx erhob sich von dem Sitz und ließ seinen Blick ein letztes Mal durch die verlassene Kommandokan-zel schweifen. Eigenartig, dass der Befehlshaber die-ser abenteuerlichen Mission es nicht für nötig befun-den hatte, wenigstens eine Rumpfbesatzung an Bord zurückzulassen. Dies ließ vermuten, dass bei dem geplanten Vorhaben auf dem Planeten jedes Crew-mitglied gebraucht wurde. Oder aber, dass der Kapi-tän seiner eigenen Mannschaft so wenig vertraute, dass er nicht mal einem einzigen zurückbleibenden Besatzungsmitglied die Verantwortung über das Schiff übertragen mochte. Nachdem aber nichts an Bord für ein Zerwürfnis sprach, kam auch eine ande-re Möglichkeit in Betracht: Wer immer von Larnaca Nutrition hierher geschickt worden war, kooperierte unter Umständen mit den AAnn.
Selbst diese gewagte Annahme klärte nicht die Frage: Wieso Pyrassis? Aber so sehr seine angeborene Neugier auch nach einer Antwort verlangte, er würde bereitwillig auf sie verzichten, wenn es ihm gelang, ohne viel Aufhebens an das betreffende Syb heranzu-kommen. Wie dem auch sei, irgendeine Art von Kon-frontation mit der abwesenden Mannschaft schien unausweichlich. Er grinste in sich hinein. Sie konnte offen und direkt sein oder aber mit List und in aller Heimlichkeit erfolgen. In letzterem Fall befände er sich wieder auf vertrautem Terrain. Er war geradezu ein Meister darin, seine Anwesenheit vor anderen zu verbergen.
Ebenso wie bei seiner Ankunft stellte sich ihm auch beim Verlassen des Raumers nichts, weder in verba-ler noch in physischer Form, in den Weg. Wieder wohlbehalten an Bord seines Shuttles, vergewisserte er sich sicherheitshalber, dass die KI der Crotase sei-nem Schiff tatsächlich die angeforderten Landekoor-dinaten übermittelt hatte. Und tatsächlich: Sie lagen offen in der Datenbank des Shuttles. Er hatte bereits eine Hand am Verschluss seines Überlebensanzugs, um ihn zu öffnen und sich von ihm zu befreien, doch dann hielt er inne. Besser, er wartete damit, bis er wieder aus dem schwerfälligen Frachter heraus war.
Mit ungebrochener Beflissenheit bestätigte die Cro-tase seine Bitte um Abkopplung. Sanft wurde das Shuttle aus der Verankerung gelöst und schwebte kurz darauf unbehelligt aus der Frachterbucht her-aus. Flinx gab der bordinternen KI Anweisung, die soeben erhaltenen Koordinaten ins System einzuspei-sen und innerhalb eines Radius von drei Kilometern um den bezeichneten Ort herunterzugehen, wobei er es dem Shuttle-Navigationssystem überließ, die ge-eignetste Stelle zu finden.
Er hätte auch mit der Teacher zur Planetenoberflä-che gleiten können. Dank einiger beispielloser und sorgfältig kaschierter Modifikationen, die von den Ulru-Ujurrern eingebaut worden waren, war sein Raumschiff, jedenfalls soweit ihm bekannt war, im ganzen Galaxisarm das Einzige, das sich einer Ziel-welt bis zu einer geringeren Entfernung als fünf Pla-netendurchmesser annähern konnte – ganz zu schweigen von seiner Möglichkeit, unter Einsatz sei-nes KK-Antriebs dort sogar zu landen. Common-wealth-Ingenieure hätte diese Enthüllung vermutlich, gelinde gesagt, verblüfft. Und doch war es nur eines von vielen Geheimnissen, die Flinx für sich zu behal-ten entschieden hatte. Demzufolge sah er sich ge-zwungen, für Flüge zwischen Schiff und Planeten-oberfläche, ein Shuttle zu benutzen wie jeder andere auch. Erfreulicherweise war bislang noch niemand den einzigartigen Fähigkeiten der Teacher auf die Schliche gekommen, und Flinx war wild ent-schlossen, es dabei zu belassen.
Im geplanten Landegebiet herrschte zurzeit tiefste Nacht. Daher erteilte Flinx die Anweisung, dass das bevorstehende Manöver ohne Außenlichter oder Au-ßentriebwerke durchzuführen war. Auf den sich au-tomatisch den klimatischen Bedingungen anpassen-den Deltaflügeln des kleinen Schiffs würde das Shut-tle praktisch geräuschlos zu seinem Landeplatz hin-untergleiten. Mit etwas Glück würde seine Ankunft von der Mannschaft der Crotase nicht bemerkt. Zwei-fellos erhöhten sich in diesem Falle seine Chancen, sich heimlich und zu Fuß zu ihrem Lager vorzuarbei-ten, gewaltig. Dies war schon immer seine bevorzug-te Art gewesen, sich dem Unbekannten zu nähern. Und diesmal war es nicht anders. Und falls es mög-lich war, das, weswegen er hergekommen war, ein-fach zu stehlen, so wäre ihm diese Option mit Ab-stand die liebste.
Die Shuttle-Triebwerke zündeten, die Lagerege-lung drehte die Landefähre um fünfundachtzig Grad, und als eine gleichmäßige Beschleunigung Flinx in den Kommandosessel drückte, begann das kleine Schiff sich aus den Schatten des Mondes herauszu-bewegen. Rapide fielen hinter ihm die vertrauten Umrisse sowohl der Crotase wie auch der Teacher zu-rück. Und vor ihm rückte drohend funkelnd eine bei-ge und rostrote Welt heran, vor der die hellen Wol-kenwirbel und -streifen stärker kontrastierten als vor blaubraunen Planeten wie der Erde, Moth oder Alaspin.
Sowie die Shuttle-KI ihm bestätigte, dass sie sich auf Anflugkurs befanden, griff er hinab, um die Ver-schlüsse seines unbequemer werdenden Überlebens-anzugs zu öffnen. Doch kaum hatte er einen berührt, hielt er jäh inne. Die Schallempfänger des Anzugs übermittelten ein Zischen im mittleren Frequenzbe-reich. Stirnrunzelnd blickte er an sich herab, betrach-tete seinen Unterkörper, der fest gesichert in dem Gurtsystem ruhte.
Das zischende Geräusch kam nicht aus dem Anzug.
»Ich höre etwas, das nach einem raschen Atmo-sphäreverlust klingt.« Er ließ die Anzugverschlüsse wieder los. »Bestätigen und identifizieren.«
Es folgte eine Pause. Sie war nur kurz und wäre anderen mit geringerer Sensitivität als Flinx vielleicht gar nicht ins Bewusstsein gedrungen. Doch ihm stell-ten sich augenblicklich die Nackenhaare auf. Sofort hob Pip den Kopf von den farbenprächtigen Win-dungen ihres Körpers. Der kleine, aus wachsamen Augen blickende, dreieckige Umriss schraubte sich empor bis zum Kopfteil seines Anzugs und nahm ihm so einen Teil der Sicht. Doch Flinx war zu be-schäftigt und zu beunruhigt, um sie zu ermahnen. Das hier war ein Problem, bei dem sie ihm, so gut sie es auch meinen mochte, nicht helfen konnte.
»Ich kann keine Störung feststellen«, erwiderte die Shuttle-KI. »Es gibt nichts zu identifizieren.«
Das Zischen dauerte an, und er bildete es sich kei-neswegs nur ein. »Es liegt eine Abweichung in der Schiffsatmosphäre vor. Bestätigen und identifizie-ren.«
Die Stimme des Shuttles blieb unverändert. »Ich kann keine Störung feststellen.«
Flinx schaltete sein Head-up-Display ein. Im glei-chen Moment tauchte das Problem direkt vor ihm auf. Ein kurzes, mehrmaliges Tippen auf die manuel-len Kontrollen, und schon standen die Informationen, die er suchte, bereit. Ganz im Gegensatz zur Aussage der KI waren sie alles andere als ermutigend. Absolut unmissverständlich, in Worten wie in Zahlen, ließen sie erkennen, dass der Luftdruck innerhalb des Shut-tles unter 0,5 psi abgefallen war – und beständig wei-tersank.
Doch um das Leck konnte er sich später noch kümmern. Was ihm im Augenblick viel größere Sor-ge bereitete, war die scheinbare Unkenntnis der KI. »Die Instrumente zeigen an, dass wir Luft verlieren. Bestätigen und, falls möglich, die Ursache der Un-dichtigkeit identifizieren.«
»Ich kann keinen Bruch der beschriebenen Art fest-stellen. Die Schiffshülle ist zu hundert Prozent intakt. Alle Systeme arbeiten normal.«
Es dauerte nicht lange, und das zischende Ge-räusch hörte auf. Den manuellen Sensoren nach lag dies jedoch nicht etwa daran, dass irgendwelche fehlerbehebenden Maßnahmen eingeleitet worden waren und einen Defekt in widerspenstigen Regelsy-stemen beseitigt hatten. Nein, es hörte auf, weil sich keine atembare Luft mehr im Shuttle befand. Er hätte sich rasch Gewissheit verschaffen können, indem er einen Teil seines Überlebensanzugs öffnete und aus-zog. Doch das wäre eine schlechte Idee gewesen. Falls die Instrumente recht hatten und die KI unrecht, würde er ziemlich schnell und auf höchst unange-nehme Weise das Zeitliche segnen.
In diesem Moment war Flinx froh, dass er nicht vertrauensvoll und in Alltagskluft im Kommandoses-sel des Shuttles saß, wie es normalerweise der Fall gewesen wäre.
Irgendetwas hatte das angeblich betriebssichere Shuttle veranlasst, aus völlig unerklärlichen Gründen seine innere Atmosphäre abzulassen. Ein kurzer Check ergab, dass die Antwort der KI zumindest teilweise korrekt gewesen war: Die Schiffshülle war in keiner Weise beeinträchtigt. Folglich hatte irgen-detwas die Schiffssysteme angewiesen, die Luft ins All hinauszustoßen. Nur ein direkter Befehl an die KI konnte einen solchen Vorgang initiieren. Unmöglich, dass er von der inzwischen weit entfernten Teacher ausgegangen war. Aber von wo war er dann gekom-men? Das Shuttle hatte in den letzten Stunden ledig-lich zwei Weisungen von außen erhalten. Eine von ihm, die Order betreffend, eine Landung in der Nähe der zuletzt erhaltenen planetaren Koordinaten einzu-programmieren. Die zweite von der KI der Crotase, die diese Koordinaten bereitgestellt hatte. Und mögli-cherweise, so wurde ihm plötzlich mit Schrecken be-wusst, auch gleich noch etwas ganz anderes mitgelie-fert hatte.
Kein Wunder, dass es ihm gestattet worden war, so frei und ungehindert in dem Frachter herumzuspa-zieren. Kein Wunder, dass ihm nichts und niemand etwas verweigert hatte, einschließlich des Zugriffs auf die Haupt-KI des Schiffes. Kein Wunder, dass keine der Türen programmiert gewesen war, sich hin-ter ihm fest zu verschließen, keine explosiven Vor-richtungen unter seinen stiefelbewehrten Füßen oder bei seiner bloßen Annäherung hochgegangen waren.
Das alles war gar nicht nötig gewesen.
Wer immer die Reaktion des Frachters auf ein ei-genmächtiges Eindringen programmiert haben moch-te, hatte dies mit außerordentlicher Raffinesse getan. Die Falle, die der Raumer ihm unauffällig gestellt hat-te, schnappte erst nach dem Abflug eines ungebete-nen Gastes zu. Während er, Flinx, sich in die KI der Crotase hineingewühlt hatte, hatte diese das Gleiche mit der Steuerungsintelligenz seines Shuttles ge-macht.
Er hätte mit so etwas rechnen müssen. Der Shell-Konterschlag in Surire hätte ihm ein lehrreiches Bei-spiel für die Denkweise jener Leute sein sollen, mit denen er es hier offenbar zu tun hatte.
Doch alles Lamentieren und alle Selbstvorwürfe halfen ihm nicht weiter. Damit verschwendete er nur seine Zeit. »Du hast eine Fehlfunktion«, sagte er ernst. »Dein Kortex wurde korrumpiert. Ich erteile Anweisung, alle Lösch-, Reinigungs- und Annullie-rungsnotfallprogramme auszuführen und das System wiederherzustellen. Falls erforderlich, ist die vorü-bergehende Stilllegung sämtlicher Funktionen hier-mit genehmigt.« Ein riskanter Befehl, doch er würde noch riskanter handeln, wenn er zuließe, dass das, was sich da in der KI eingenistet hatte, weiter Scha-den anrichten konnte.
Die Antwort des Shuttles war nicht sehr ermuti-gend. »Alle Systeme arbeiten normal. Es besteht kein Grund für eine Abschaltung oder Durchführung von Bereinigungsmaßnahmen.« Sprach's und fuhr unver-ändert gewissenhaft mit den Landungsvorbereitun-gen fort.
Da er und Pip sicher in dem verschlossenen Über-lebensanzug steckten, konnten sie die heimtückische Luftevakuierung getrost ignorieren. Das Dumme an der Sache war jedoch, dass er wegen der unbeküm-merten und hartnäckigen Ignoranz der Schiffs-KI keine Möglichkeit besaß herauszufinden, ob dies das einzige Problem war, mit dem sie sich würden he-rumschlagen müssen. Und tatsächlich begannen sich schon nach wenigen Minuten mit enervierender Re-gelmäßigkeit weitere bemerkbar zu machen.
Am beunruhigendsten war dabei, dass das Shuttle, als es in die Atmosphäre von Pyrassis eintrat, keiner-lei Anstalten machte, seine Geschwindigkeit herun-terzudrosseln. Selbst eine ganze Weile nachdem das Bremsmanöver hätte einsetzen müssen, unternahm das kleine Schiff nichts, was auf die Einleitung eines langsamen und gemessenen Landeanflugs hingedeu-tet hätte.
»Teacher! Prioritätsstufe eins!« Stille brüllte ihm aus den Lautsprechern seines Anzugs entgegen. »Teacher, bitte melden! Shuttle-Notruf wegen Fehlfunktion, Sy-steme reagieren nicht. Bitte melden!«
Während er einen für seine Verhältnisse drastischen Kraftausdruck hervorpresste, kam Flinx doch nicht umhin, das große Geschick zu bewundern, mit dem das Cybervirus in die Shell des Shuttles eingeschleust worden war – selbst noch als er darum kämpfte, es zu lokalisieren und unschädlich zu machen.
Eine Komplikation größeren Ausmaßes drohte sich anzubahnen, als er bemerkte, dass die Störung schneller auf das gesamte System übergriff, als er einzelne Komponenten zu isolieren vermochte. Hek-tisch eine Reihe von Befehlen ausstoßend, gelang es ihm schließlich, den Kommandostring, der für den Verlust der Shuttle-Atmosphäre verantwortlich war, zu separieren und zu entfernen. Doch seine wüten-den Versuche, Kontakt zur Teacher zu bekommen, fruchteten nichts. Bei einer Verbindung könnte er der wesentlich fortgeschritteneren KI die Anweisung ge-ben, das Problem, dessen Existenz die Shuttle-Shell so beharrlich bestritt, zu beheben.
Doch alle Bemühungen waren vergeblich.
Unterdessen verabschiedete sich ein Bordsystem nach dem anderen oder verstrickte sich in Wider-sprüchen oder aber schmetterte jeden seiner Versu-che, es von dem bösartigen Virus zu befreien, gna-denlos ab.
Und dieweil stürzte das Shuttle immer weiter auf die Oberfläche zu, in einem zwar durchaus vertretba-ren Winkel, doch mit einer entschieden zu hohen Ge-schwindigkeit – und damit auf einem Flugvektor in den sicheren Tod.
Dessen ungeachtet fuhr die Bord-KI ungerührt fort, zu behaupten, dass alles in bester Ordnung sei, die Systeme ausnahmslos normal funktionierten und die Landung innerhalb der vorgesehenen Zeitspanne er-folge.
Doch das war es nicht, was Flinx Sorgen machte. Vielmehr bereitete ihm die immense Schnelligkeit Kummer, mit der die geplante Landung vonstatten gehen würde. Der Touchdown war dann ein taugli-cher Touchdown, wenn alles, was darin involviert war, Beseeltes oder Unbeseeltes, seine spezifische Vollständigkeit behielt. Die so lang und heiß begehrte Sybdatei würde seinen zerfetzten und weithin ver-streuten Überresten nicht mehr viel nützen.
Wie ein Keulenschlag traf ihn die Erkenntnis, dass, falls es ihm nicht gelang, innerhalb der nächsten Mi-nuten mittels eines genialen Plans eine entscheidende Wende herbeizuführen, dies seine letzten Minuten sein würden.