Die Echsenwelt

Alan Dean Foster · Kapitel 19 von 20

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Die Echsenwelt

Kapitel 19

19

 

Fassungslos und wie aus einem Traum erwachend, näherte er sich dem abgedeckten Objekt.

Alles war genau so, wie er es in Erinnerung hatte: die Farbe des Gebildes, seine glatte, leicht konkave Oberfläche, der schwache Glanz der äußeren Kuppel, der geschwungene Bogen des inneren Transparenz-körpers, der weder aus Glas noch aus Kunststoff, noch aus irgendeinem anderen im Commonwealth bekannten Material bestand. Auch wenn er die Vor-richtung erkannte, so wusste er doch, dass es nicht die gleiche war, die er damals gesehen hatte, vor un-gefähr sechs Jahren. Das wäre ein noch viel unglaub-licheres Zusammentreffen gewesen. Diese hier war eine andere und ein wenig größer vielleicht, aber von nahezu übereinstimmender Machart und Form. Und indem er sie erkannte, wusste er auch, was damit zu tun war. Weil er so etwas, vor besagten sechs Jahren, nämlich schon einmal aktiviert hatte – oder zumin-dest beinahe.

Es war eine Tar-Aiym-Kontrollplattform.

Erinnerungen brachen ungerufen über ihn herein: an einen heiteren, doch resoluten Händler namens Malaika. An dessen Pilotin Atha Moon, die ebenso schön gewesen war wie ihr Name. An zwei langjäh-rige Bekannte, die zu seinen Freunden und Mentoren geworden waren, der eine ein Mensch, der andere ein Thranx. An einen hoch aufragenden Monolithen, auf einer weit, weit entfernten Welt an einem toten, rät-selhaften Ort, der von den Menschen »Brand« ge-nannt wurde. An sich selbst, wie er, besorgt um eine unversehens kataleptische Pip, eine Kuppel betreten hatte, die identisch gewesen war mit der, die sich jetzt vor ihm erhob. Einsetzender Schwindel, gefolgt von Schmerz, Verwirrung, Sichwehren. Dann das Sichfü-gen, eine überwältigende Helligkeit und eine Art be-täubender Erleuchtung, als wäre in seinem Geist ein dichter Nebelschleier weggerissen worden. Seit die-sem Zeitpunkt, diesem einen Augenblick war er nie wieder völlig derselbe gewesen.

Fremdartige Worte erreichten sein Ohr: anschwel-lende, zischende Stimmen voller Erwartung näherten sich. Er hatte den Tod von mindestens zwei AAnn gespürt, zusammen mit dem der sich aufopfernden Qwarm Briony. So wie alle empfindungsfähigen We-sen brachten auch die Reptiloiden wenig Sympathien für jene auf, die ihren Fluchtweg mit Leichen pflaster-ten. Unter diesen Umständen schien die Annahme durchaus begründet, dass sein Verhör ziemlich un-sanft verlaufen würde und seine Zukunft nicht son-derlich rosig aussah.

Wenn er die Kuppel betrat, bestand eine gute Chance, dass gar nichts geschah. In diesem Fall wür-de er bei dem Versuch nichts verlieren. Wenn aber sehr wohl etwas passierte, und sei es auch noch so gering, so konnte es unter Umständen ausreichen, um die AAnn zum Anhalten und zum Überdenken ihrer Vorgehensweise zu bewegen. Vielleicht würden sie sogar zu dem Entschluss gelangen, dass die Ergrei-fung eines einzelnen Menschen die Herausforderung des Unbekannten nicht lohnte. Mit Schaudern dachte er an die scheinbar so unverfängliche schillernde Membrane, die gnadenlos Mahnahmis gesamten Er-kundungstrupp aufgesaugt hatte. Möglicherweise erwartete ihn unter der matt glänzenden Kuppel das gleiche Schicksal. Konnte es schlimmer sein, als in die Hände der AAnn zu fallen? Zumindest ging es ganz bestimmt schneller.

Das Zentrum einer großen Entdeckung war gewiss nicht der schlechteste Ort zum Sterben. Als er hinter sich die ungeduldigen Rufe hörte, fasste er sich ein Herz und schritt entschlossen voran. Vor der Kuppel blieb er einen kleinen Moment stehen, holte tief Luft, als wollte er unter Wasser tauchen, trat sodann dar-unter und legte sich flach auf die Platte. Sie fühlte sich kalt an am Rücken und war für einen wesentlich größeren Körper gemacht. Über ihm boten partiell die innere und zu einem größeren Teil die äußere Kuppel ein Wirrwarr aus unbegreiflichen Schaltbildern. Ver-wirrt und ein wenig beunruhigt faltete Pip ihre Flügel zusammen und landete auf seiner Schulter.

Nichts geschah. Die Kuppeln blieben genauso, wie er sie von außen gesehen hatte, die Beleuchtung darun-ter war gedämpft. Klar und deutlich konnte er jetzt die Stimmen der AAnn hören, als sie in die Halle stürmten. Dies hier war reine Zeitverschwendung, entschied er, ein vollkommen sinnloses Manöver. Seine Beine fühl-ten sich inzwischen wieder etwas besser an. Er be-schloss zu versuchen, weiterzulaufen, seine Gefan-gennahme hinauszuzögern, so lang es ging. Sein Ober-schenkel verkrampfte sich leicht, als er von der Platte aufstehen wollte, und er verzog das Gesicht. Gleichzei-tig spürte er, dass sich auf ihm etwas bewegte.

Zusammengerollt zu einem straffen Knäuel ge-wundener Muskeln, zuckte Pip zu einem unhörbaren Rhythmus. Ihr Zittern war stet und regelmäßig, als ob sich etwas mehr als ihre Atemfrequenz verändert hät-te. Während er sie anstarrte, dümpelte weniger als einen Meter von seinem Gesicht entfernt etwas an ihm vorbei. Es war eine Kugel aus rotgoldener Ener-gie, die pulsierte, als wäre sie ein lebendes Geschöpf. Gefesselt von ihrer stillen Schönheit, schaute er ihr hinterher, wie sie seitlich davonschwebte, bis sie an die Wand der Außenkuppel stieß. Dort wurde sie so-fort absorbiert; ihr Leuchten und ihre Substanz ver-sickerten in dem lichtdurchlässigen Material wie Wasser in einem Schwamm. Als er den Kopf zur Seite neigte, fiel sein Blick auf die inwendige Oberfläche der inneren Kuppel.

Wie fliederfarbene Leuchtkäfer tanzten Tausende von Lichtern in der durchscheinenden Wölbung.

Leicht erschaudernd schloss er die Augen und leg-te sich wieder hin. Das zuckende Gewicht Pips, seiner Gefährtin seit den Tagen seiner Kindheit, das er an der Schulter spürte, hatte unbegreiflicherweise etwas Beruhigendes. Ein innerer Friede breitete sich wie ein Tuch über ihn aus. Er war im Begriff, einen Ort zu be-treten, an dem er früher schon einmal gewesen war. Doch im Gegensatz zu damals spürte er keinen Schmerz.

Mit vorgehaltenen Waffen stürmten Voocim und ihre Soldaten um die letzte Biegung des Gangs, dem sie seit geraumer Zeit folgten. Die Techniker, die mit ih-ren Lebensformsensoren die Spitze des Trupps bilde-ten, waren die Ersten, die in die Halle hineinpresch-ten. So abrupt bremsten sie ihren Lauf, fanden die Sohlen ihrer Sandalen auf dem leicht geriffelten Bo-den Halt, dass sie um ein Haar von den Soldaten hin-ter ihnen über den Haufen gerannt worden wären. Nicht anders als ihre Untergebenen sah sich auch die Kommandantin genötigt, mit einer ihrer krallenbe-wehrten Hände die Augen abzuschirmen.

Das Zentrum der großen Halle, die sie betreten hat-ten, wurde von einem leicht erhöhten Podium domi-niert, auf dem sich eine Art Bank oder Liege befand. Diese war von einer äußeren Kuppel aus irgendei-nem glasartigen Material abgedeckt, das in diesem Moment hell wie von einem innewohnenden grün-gelben Feuer loderte. Im Innern des prismatischen Sturms explodierten gelegentliche Turbulenzen aus gleißendem Kobaltblau wie Blitze in einer Unwetter-wolke. Kugeln und Lanzen aus reiner Energie spran-gen in alle Richtungen von der Oberfläche des gewal-tigen Aufruhrs davon, als versuchten sie, dem Orkan, der sich in der Kuppel zusammengeballt hatte, zu entkommen.

Unteroffizier Amuruun hob eine Hand und deutete auf das Podium. »Der Mensch befindet ssich dort, Geehrter Kommandant!«

»Dass ssehe ich!« Voocim zögerte. »Er scheint ir-gendeine Art lokaless Energiefeld aktiviert zu ha-ben.«

»Aber wie ...?« Der Unteroffizier machte eine Geste der Verunsicherung fünften Grades, während seine Miene erste Anzeichen von Angst offenbarte.

Voocim erkannte, dass sie schnell handeln musste. »Ein sselbssttätiges Funktionssverhalten sseitenss dess Ssatelliten, sso wie die Aktivierung der Beleuchtung in den Gängen, die wir benutzt haben, oder die Inbe-triebnahme der großen Luftschleusse bei Annäherung einess Schiffss. Der Mensch dort ssetzt gar nichtss in Gang, weil ess hier nämlich nichtss gibt, wass ein Mensch in Gang ssetzen kann. Oder ein AAnn oder ir-gendjemand ssonsst. Ess handelt ssich lediglich um ei-ne Verzweiflungsstat diessess Flüchtlingss. Und eine vollkommen nutzlosse dazu.« Beiläufig hob sie die Hand und vollführte eine entsprechende Geste.

»Wie ihr wisssst, würde ich ess vorziehen, den Menschen lebend zu bekommen. Leichen ssind näm-lich bekanntermaßen ssehr unempfänglich für Verhö-re.« Ihr Versuch, einen Scherz zu machen, übte eine beruhigende Wirkung auf Amuruun und die restli-chen Soldaten aus. »Feuern Ssie einen Warnschuss auf den unteren Teil der Konsstruktion ab. Dass ssoll-te dem Menschen auf die Beine helfen und außerdem diessem effektvollen, aber harmlossen Spuk ein Ende bereiten.«

Gehorsam trat der Unteroffizier vor und zielte sorgfältig mit seinem Gewehr. Die handliche Waffe schleuderte ein Geschoss hinaus, dessen beeindruk-kende Schlagkraft seine winzige Größe Lügen strafte. Das kaum wahrzunehmende Aufflammen, das sich in dem grellen Schein der Kuppeln verlor, wurde von einem kurzen, doch heftigen Rauchausstoß an der Seite der Waffe begleitet.

Das Geschoss schlug in die Kuppel ein, wo es in der lichtundurchlässigen erhöhten Plattform ver-schwand. Für den Bruchteil einer Sekunde war an der Stelle, wo es aufgetroffen war, ein leichtes Flackern zu erkennen – das war alles. Weder wies das Kuppel-gefüge die geringste Beschädigung auf, noch hatte die Explosion das farbenprächtige Lodern zum Still-stand gebracht, das weiterhin unbeeindruckt durch und über ihre Oberfläche jagte. Voocim brachte ihre Verärgerung zum Ausdruck.

»Noch einmal«, befahl sie. Der Unteroffizier quit-tierte die Order mit einer knappen Geste, trat einen weiteren Schritt nach vorn und hob erneut die Mün-dung seiner Waffe. Diesmal zielte er auf einen Punkt unterhalb der äußeren Kuppel, an der Basis des Blocks, auf dem der Mensch lag.

In den Eingeweiden des Satelliten war soeben etwas unvorstellbar Tiefgründiges zum Abschluss seiner eingehenden Analyse des vorherrschenden Gesche-hens gelangt. Aus etlichen Tausend anderen Fakto-ren, über die es in den letzten Zeiteinheiten benach-richtigt worden war, hatte es ermittelt, dass ein ein-zelnes Klasse-A-Bewusstsein anwesend und tätig war. Zwar wies sein Aufbau Abweichungen auf, den-noch war es in jedem Fall eindeutig zu bestimmen. Auch andere Bewusstseine waren präsent, die sich nicht der Klasse A zurechnen ließen. Überdies waren sie mit provozierenden Aktivitäten befasst. ETTA-Energien sprachen an. Die in der Nähe ausgemachten Wesen als eine geringfügige Störung abtuend, um die sich rasch und energisch gekümmert werden musste, schritt das, was so träge sich zu regen begonnen hat-te, zu folgenreicherer Betriebsamkeit.

Aus dem Scheitelpunkt der Außenkuppel brach eine menschenkopfgroße Kugel aus flackernder azurblau-er Glut hervor und flog geradewegs auf Amuruun zu. Der AAnn stieß einen Fluch aus und versuchte sich unter dem heranstürmenden Feuerball hinwegzu-ducken. Doch vergebens. Er streifte ihn am Oberarm. Es gab ein kurzes Aufblitzen, einen leichten Geruch nach Ozon, und was blieb, war ein sich rasch ver-flüchtigender Ring aus blassblauen Schwaden, die sich emporkräuselten, wo noch einen Augenblick zu-vor der Unteroffizier gestanden hatte.

Fassungslos starrte Voocim auf die schwebende Kugel. Im gleichen Moment schoss diese nach rechts zu einem der anderen entsetzten Soldaten und be-rührte auch ihn. Noch während er in dem nutzlosen Versuch, sich zu schützen, seine krallenbewehrten Hände hochriss, wich ein zweiter Lichtblitz weiteren Fetzen aus verfliegendem bläulichem Dunst. Als sie dies sahen, sprengten die Soldaten wild auseinander und ergriffen in heilloser Panik die Flucht.

Ihre Kommandantin tat es ihnen gleich und hetzte, vorwärtsgetrieben von einer durch und durch ge-stählten Oberschenkelmuskulatur, wieder zurück in den Korridor. Dicht hinter ihr waren Schreie zu hören und verzweifeltes Geheul. Auch die beiden Wissen-schaftler brüllten, doch anstatt sich zu verständigen, kreischten sie nur vor Angst und Entsetzen. Von Zeit zu Zeit flammte ein kurzer Blitz auf, gefolgt von ei-nem beißenden Geruch. Allmählich wurden die Schreie weniger, das blaue Aufflammen rarer.

Nach Luft schnappend warf Voocim sich hinter ei-nen massiven Wall aus dunkelgrauem Polycarbid. Im Gang war es ruhig, die Beleuchtung gleichmäßig und gedämpft. So kauerte sie da, allein und zusammen-gekrümmt, die schuppige Haut fest gegen die schüt-zende Palisade gedrückt. Würde das azurblaue Ge-spenst irgendwann erschöpft sein und wieder in die leuchtende Kammer zurückkehren?

Das Shuttle der Sstakoun stand wartend in der Schleuse. Es war immer noch eine beträchtliche Ent-fernung bis dorthin, doch wie alle ihre Artgenossen war sie ein kräftiger, ausdauernder Läufer. Wenn sie nur eine kleine Verschnaufpause von der Verfol-gungsjagd erhielt, glaubte sie, es sicher bis zu dem Schiff schaffen zu können.

Langsam, vorsichtig, erhob sie sich wieder, richtete sich immer nur jeweils ein kleines Stück weiter auf, um über die Kante des Walls hinwegzuspähen. Das fremdartige Material fühlte sich warm an, beinahe biegsam trotz seiner scheinbaren Stabilität. Ihre Au-gen weiteten sich.

Die stumme, indigoblaue Feuerkugel, die weniger als eine Armlänge von ihrem Gesicht entfernt in der Luft hing, besaß keine Augen.

Aber sie konnte sie dennoch sehen.

Züngelnde Bälle aus leuchtender Energie schwebten träge zurück zu der flammenden Kuppel, um von de-ren Substanz sogleich wieder aufgenommen zu wer-den. Grün-goldene Feuerschwären blühten auf und erloschen. Die Kuppel wurde wieder völlig transpa-rent. Der Helligkeitsgrad darunter sank von schier überwältigend über grell leuchtend zu pastellgelb.

Flinx blinzelte. Er fühlte sich immer noch erschöpft, war aber ansonsten unversehrt. Als er sich aufsetzte, galt sein erster Gedanke Pip. Doch sie flatterte bereits wieder in der Luft, außerhalb der Kuppel, und schien auf ihn zu warten.

Er rieb sich den Nacken. Irgendetwas war gesche-hen, nachdem er sich hingelegt hatte. Er war einge-schlafen, für wie lange, wusste er nicht. Ein Blick auf eines der kompakten Instrumente, die an seinem Einsatzgürtel befestigt waren, lieferte die Antwort. Seltsam – sein Schlaf schien länger gedauert zu haben.

Seine Verfolger fielen ihm wieder ein, und auf-merksam schaute er sich um. Die Halle und die Gän-ge, die davon abzweigten, waren verlassen. Hatten die AAnn ihre Meinung geändert oder sich in letzter Minute entschlossen, einen anderen Weg zu nehmen? Sein Glück war kaum zu fassen. Hatte ihn mögli-cherweise die Kuppel vor der Entdeckung bewahrt? Versuchsweise glitt er von dem Block herunter. Er fühlte sich immer noch kalt an. Er trat in den Gang und suchte nach einem Anzeichen von seinen Hä-schern. Als er keines fand und auch keine fremden Emotionen wahrnehmen konnte, verfiel er in einen zögerlichen Trott und versuchte, ein konstantes Schritttempo zu halten, bei dem er nötigenfalls jeder-zeit umgehend die Richtung ändern konnte. Obwohl er sich sicher war, dass sein Talent noch funktionier-te, war er doch einigermaßen irritiert, dass er nicht einmal den Hauch einer Emotion von auch nur einem einzigen AAnn spürte.

Tradssij stand vor einer beeindruckenden Phalanx von Anzeigen, überflog nüchterne Schiffsdaten und prägte sie sich ein, während er gleichzeitig über das Schicksal des unglücklichen Offiziers Dysseen sin-nierte, als Technikerin Osilleel auf ihn zutrat.

»Ehrwürdiger Captain, da isst etwass, dass Ssie ssich anssehen ssollten.«

Pflichtbewusst folgte Tradssij der Technikerin auf ihre Station. Über der Projektorlinse, die sich dort be-fand, schwebte eine eingefrorene, komplett dreidi-mensionale Darstellung des zehnten Planeten des py-rassischen Systems, seines Mondes sowie seiner un-mittelbaren räumlichen Umgebung. Die Technikerin nahm auf ihrem Sitz Platz und schob ihr Induktions-headset über ihre Schuppen zurück. Augenblicklich wechselte die Ansicht, zoomte das Bild näher heran, um einen reduzierten Bereich zu vergrößern. Er zeig-te den künstlichen Trabanten, der nur noch teilweise von seiner tarnenden Atmosphäre verhüllt wurde.

Ungläubig beugte sich Tradssij vor, stach mit seiner hervorspringenden Schnauze beinahe in die Projekti-on. »Wass geht da vor, Technikerin?«

Der ehrfürchtige Tonfall, der in Osilleels Antwort mitschwang, zeugte davon, dass auch sie von dem Anblick betroffen war. Jeder Techniker, jeder Offizier in der Nähe hatte sich ebenfalls umgewandt und starrte auf die Projektion.

»Der Trabant stürzt der Planetenoberfläche entge-gen, Ehrwürdiger Captain. Er isst nicht in eine abfal-lende Kreissbahn eingetreten. Die Annäherung ver-läuft vertikal, im Widerspruch zu allen gültigen Ges-setzen der Schwerkraft.«

»Barrisshsst.« Tradssij fauchte leise. Ohne Zögern erteilte er sodann seine Befehle. »Informieren Ssie unssere Leute auf dem Shuttle. Ssie ssollen ihre Possi-tion ssofort räumen und zur Sstakoun zurückkehren. Wir werden ihnen entgegenfliegen, um unss mit ih-nen zu treffen, ankoppeln und ssie sso schnell wie möglich wieder an Bord nehmen.«

Hinter ihm sprach ein Unteroffizier laut aus, was jeder im Raum dachte. »Captain – Kommandant Voo-cim, die Wissssenschaftler, die ssie begleiten, und der Resst dess Erkundungss- und Ergreifungsstruppss befinden ssich nach wie vor in dem Objekt.«

»Richtig«, entgegnete Tradssij in knappem, schar-fem Befehlston und fügte eine besonders brüske Ge-ste der Besorgnis zweiten Grades, gepaart mit dritt-gradigem Verständnis hinzu. »Aber ssolange wir nicht in der Lage ssind, fesstzustellen, wass ssich dort abspielt, werde ich nicht mehr von meiner Mann-schaft risskieren alss unbedingt nötig. Mangelss einer Nachricht oder Erklärung von dem Landetrupp mussss ich tun, wass ich unter den gegebenen Um-ständen für das Ratssamsste halte. Wenn die Ssituati-on ssich stabilissiert hat, werde ich dass Shuttle wie-der zu dem Objekt zurückschicken, um Kommandant Voocim und ihre Truppe von dort wegzuschaffen.«

Keiner der AAnn auf der Station erhob einen Ein-wand. Allen erschien die Lagebeurteilung des Cap-tains ebenso zutreffend wie bündig. Die Sstakoun passte ihren Kurs an und verließ die Position, an der sie das Transportmodul mit der Leiche von Offizier Dysseen geborgen hatte.

Flinx kam weniger abgehetzt vor der Schleuse an, als er erwartet hätte. Auch wenn das anhaltende Fehlen jedweder AAnn-Emotionen etwas ausgesprochen Be-ruhigendes hatte, stellte es ihn gleichwohl vor ein völliges Rätsel. Wenigstens hier hätte er gedacht, ir-gendetwas wahrnehmen zu können, doch das einzige Empfindungsvermögen, das er feststellen konnte, war sein eigenes.

Indes wurde der Grund für das Fehlen charakteri-stischer Reptiloidenemotionen schon bald offensicht-lich: Lediglich ein Schiff wartete noch in der Schleuse, und es war nicht das der AAnn. Soweit er feststellen konnte, befanden sich auch keine Wachen mehr an Bord der Landefähre von der Crotase. Nachdem sie in Flinx' Transportmodul entkommen war, hatte Mah-nahmi ihr eigenes Shuttle zurückgelassen.

Aber warum waren all die AAnn nicht mehr da? Hatte ihr Schiff ebenfalls den Orbit verlassen? Zu viel Unerklärliches war in der vergangenen Stunde pas-siert. Doch wie auch immer, Tatsache war, dass er noch lebte und sich in Freiheit befand.

Nichts und niemand versuchte ihn aufzuhalten, als er die Schleuse betrat und sich vorsichtig auf das un-verschlossene Shuttle zubewegte. Ebenso ungehindert gelangte er schließlich hinein. Der Innenaufbau war re-lativ typisch, die Mehrzahl der Shuttles wurden nach bestimmten, einheitlichen Richtlinien gebaut. Wie alle Schiffe dieser Art war es dafür konzipiert, ohne viel Aufwand oder Übung bedient werden zu können. Während er die Anzeigen studierte, wurde er immer zuversichtlicher, dass es auf seine einfachen, eindeuti-gen Anweisungen ansprechen würde.

Seiner Sache noch um etliches sicherer fühlte er sich, als sich auf sein erstes verbales Kommando hin die Schiffssysteme aktivierten. Nach Eingabe der ge-neralisierten Koordinaten würde die Schiffsautomatik in der Lage sein, sich auf die Teacher auszurichten und sie anzusteuern. Wenn alles glatt lief, würde er in kurzer Zeit schon wieder an Bord seines eigenen Schiffes sein, umgeben von seinen vertrauten vier Wänden. Er vermochte seine Vorfreude kaum noch zu beherrschen. Wunschlos glücklich düste Pip auf der Brücke umher und aalte sich in den euphorischen Emotionen ihres Gefährten, den ersten seit langem. Und noch immer konnte er nichts von der bedrohli-chen Anwesenheit irgendeines potenziell streitsüch-tigen AAnn spüren.

Nun, da es beinahe vorbei war, blieb nur noch zu bedauern, dass er ihm, nach allem, was er durchge-macht und auf sich genommen hatte, angefangen bei seinem kurzen Aufenthalt auf der Erde bis hin zu seiner Odyssee in diesem elenden hintersten Winkel des AAnn-Kaiserreichs, nicht gelungen war, das Syb-file mit den Daten über seine Abstammung an sich zu bringen. Es befand sich nach wie vor im Besitz von Mahnahmi. Während das Shuttle sauber aus der Schleuse glitt, betrachtete er vor sich wieder einmal den Baldachin der unvertrauten Sterne. Die Syb war irgendwo dort draußen, sie war damit jetzt irgendwo dort draußen, und Flinx hatte keinen Zweifel, dass er beiden irgendwann wiederbegegnen würde.

Das war der Moment, in dem die Shuttle-Automatik mit klarer, emotionsloser männlicher Stimme verkün-dete, dass sich ihnen ein Raumschiff rasch aus einer Entfernung von mehreren Planetendurchmessern nä-herte.

Der Waffenmeister der Sstakoun hielt sich dicht neben seinem Captain, auf den goldgeschuppten Schädel das dreifach verschlungene Band des Induktions-headsets. Gemeinsam studierten die beiden AAnn die maßstabgetreue Projektion, die das Commonwealth-Shuttle zeigte, wie es den zusehends tiefer sinkenden Satelliten verließ.

»Bericht«, zischte Tradssij.

»Ein genauess Erfassssen isst auf diesse Entfernung nicht möglich, Ehrwürdiger Captain«, antwortete oh-ne aufzublicken einer der Techniker, »aber vorläufige Sscannss lassssen auf lediglich zwei organische Le-benssformen an Bord dess fliehenden Schiffss schlie-ßen.«

»Markieren Ssie sseinen Kurss«, befahl Tradssij scharf. »Quadrantabtasstung, höchsstess Rasster.«

Einen Augenblick später meldete sich ein anderer Techniker; seine Stimme klang überrascht. »Gravita-tionssstörung durch getarntess Raumschiff bei Punkt zwei-vier-fünf, auf hypothetischer Flugbahn dess ssichtbaren kleineren Schiffss.«

Tradssij blieb ruhig, doch innerlich kochte er vor Wut. »Wir ssind zu nachlässssig gewessen. Dass wird korrigiert werden.« Er gab Waffenmeister Haurcchep ein entsprechendes Zeichen. »Eliminieren.«

Der leitende Offizier reagierte vorschriftsgemäß und gab den Befehl zusammen mit den erforderli-chen zusätzlichen Instruktionen an die Gefechts-mannschaft weiter, die an einem anderen Ort auf dem Schiff untergebracht war. Kurz darauf wurde ei-ne Geschützkomponente des begrenzten, doch tödli-chen Waffenarsenals der Sstakoun aktiviert.

An Bord des Shuttles betrachtete Flinx die Projektion, die das AAnn-Raumschiff zeigte, das rasch auf seine Koordinaten zusteuerte. Es gab nichts, das er tun konnte. Das Shuttle war nicht darauf ausgelegt, kom-plizierte Ausweichmanöver durchzuführen, und die leichte Bewaffnung, die es trug, würde nicht einmal das minimale Abwehrschild eines Kriegsschiffs durchdringen. Vielleicht wollten sie sich das kleine Gefährt ja nur etwas genauer ansehen. Wenn sie nur lang genug auf Distanz blieben, bis er sich an Bord der Teacher befand, so würde er, davon ging er aus, schon imstande sein, selbst für gebührenden Abstand zu sorgen. Die Ulru-Ujurrer hatten das Schiff mit mehr als ausreichenden Verteidigungsvorrichtungen ausgestattet. Doch solange er in dem langsamen Shut-tle feststeckte, war er vollkommen wehrlos.

Die Shuttle-Stimme lenkte seine Aufmerksamkeit auf das andere dreidimensionale Display. Obwohl er eigentlich nur einen knappen Blick darauf hatte wer-fen wollen, endete es damit, dass er ziemlich lange auf die schematische Abbildung starrte. Schließlich, als ihm bewusst wurde, dass er keiner Bordinstru-mente bedurfte, um zu begreifen, was offenkundig war, drehte er sich um und ging zu der schmalen Sichtluke, die sich um den Vorderteil des Schiffes wölbte. Alles, was in dem 3-D-Schaubild dargestellt worden war, war für das bloße Auge ebenso klar und deutlich zu erkennen wie für die Überwachungssy-steme des Shuttles. Es bestand keine Notwendigkeit für Vergrößerungsgeräte oder die Sicht optimierende Instrumente. Ob er allerdings das, was er sah, tat-sächlich glaubte, war eine gänzlich andere Frage.

Tausende und Abertausende von Quadratkilome-tern aus dichter Wolkendecke, dunkelbraun und bron-zefarben, schattiert in Tönen aus Orange, Blassgelb und Rot, hatten begonnen, von der Peripherie des Me-thanzwergs zurückzuweichen. Nicht etwa aufgrund simpler Evaporation oder weil sie infolge irgendeines unerklärlichen inneren Kataklysmus in den Raum hin-ausgeblasen wurden, sondern in Reaktion auf eine ge-waltige unbekannte Kraft, die Wolken, Auftriebströ-me, ja, ganze Sturmsysteme unaufhaltsam abwärts sog. Als die dichte, abgrundtiefe Atmosphäre ausge-dünnt war, begann der innere Kern des wirbelnden Planeten zum Vorschein zu kommen. Wie einige ande-re Methanzwerge wies Pyrassis Zehn ein solides Zen-trum auf. Doch im Unterschied zu dem Inneren ähnli-cher Himmelskörper legte der zehnte Planet des pyras-sischen Systems ein Rückstrahlungsvermögen an den Tag, dessen Werte jenseits aller Messdiagramme lagen.

Vielleicht weil er poliert worden war.

Als die einhüllende Atmosphäre der gigantischen Kugel mit Gewalt in einen Komplex aus riesigen Schloten und Ansaugöffnungen hinabgezogen wur-de, lag die ausgezackte Oberfläche des inneren Plane-tenkerns offen da. Milliarden von Lichtern, strahlend hell und in den mannigfaltigsten Farben, begannen in der Kruste aus künstlichen Strukturen von der Größe kleinerer Kontinente zum Leben zu erwachen. Von eher beschränkter Perspektive aus gesehen, verwan-delte sich der zehnte Planet von Pyrassis' Sonne so-eben rasant in den wohl umwerfendsten Anblick an den angrenzenden Himmeln.

Während reißende Sturzfluten aus ummantelnder Atmosphäre von der Größe ganzer Gebirgszüge weiter in die unermesslichen Tiefen hinabströmten, schleu-derten sie unaufhörlich zig Kilometer hohe Blitzsalven empor. Die gewaltigen elektrischen Entladungen schlugen in die flimmernde Oberfläche des neuerdings entblößten Kerns ohne irgendeine erkennbare Wir-kung.

Während Flinx, auf der Schulter Pip, die sich be-haglich an seinen Nacken schmiegte, in ehrfürchti-gem Schweigen dastand und zusah, driftete der Satel-lit, den er zuerst für einen Mond gehalten hatte, im-mer näher auf die Außenhülle des Kerns zu. Erst als es so schien, als wäre ein verheerender Aufprall un-abwendbar, zog sich schwerfällig ein Teil der Plane-tenkruste nach innen zurück. Sacht weiter herabsin-kend und unter perfekter Kontrolle, hielt der Satellit majestätisch in eine Haltebucht Einzug, die geräumig genug war, um einen echten Mond aufzunehmen.

Hinreichend groß, um über seine eigene Atmosphä-re zu verfügen, stellte der Satellit, dessen Ausmaße Flinx schier unfassbar vorgekommen waren, als sich sein nicht natürlicher Ursprung offenbart hatte, nicht mehr als ein Rettungsboot dar. Es war der zehnte Pla-net des pyrassischen Systems, der das eigentliche Mut-terschiff repräsentierte. Flinx starrte gebannt auf die funkelnde Oberfläche und die vielfältigen unter-schiedlichen Vorsprünge, mit denen sie bestückt war, und wurde plötzlich von einem so eiskalten Schauer gepackt, wie er ihn noch nie zuvor verspürt hatte – denn wenigstens einige dieser emporragenden, mo-numentalen Formen hatte er schon einmal gesehen. Eine Vergrößerung auf dem maßstabgerechten Dis-play bestätigte seine Identifizierung eines Bildes, das in seiner Erinnerung wiedererstanden war.

Auf der gekrümmten, polierten Außenseite der künstlichen Himmelskugel zweifelsfrei zu erkennen, befanden sich dort nicht weniger als ein Dutzend Krangs, jene uralte Tar-Aiym-Waffe, die in der Lage war, effektiv eine Schwarzschild-Diskontinuität zu er-zeugen und weiterzuprojizieren. Eine Vorrichtung, ei-ne Waffe, der nichts und niemand standhalten konnte. Wenn die Symmetrie sich fortsetzte, würden auf der anderen Seite der freigelegten Oberfläche wahrschein-lich noch mehr von ihnen zu finden sein. Was die zahl-reichen anderen zu Tage getretenen Ausbuchtungen und Wölbungen betraf, so ließen sich hinsichtlich des Zwecks hinter ihren ominösen Anordnungen und Konturen bestenfalls ansatzweise irgendwelche Ver-mutungen anstellen.

Der zehnte Planet des pyrassischen Systems war ein Tar-Aiym-Kriegsschiff, eine halbe Million oder mehr Jahre alt und zweimal so groß wie die Erde.

Und es erwachte.

Auf der Sstakoun verwandelten sich Überraschung und Erstaunen über die planetare Transformation, deren Zeuge man soeben geworden war, allmählich in Entsetzen, unterstrichen von aufkommender Panik zweiten Grades.

Während Tradssij und seine Offiziere sich brüllend stritten, was als Nächstes zu tun sei, kam es nieman-dem von ihnen in den Sinn, den unlängst erteilten Be-fehl, auf das Commonwealth-Shuttle zu feuern, wieder aufzuheben. Die Erkenntnis, dass das Expedieren von Sprengkörpern in Richtung des gerade zum Vorschein gekommenen Kolosses einer unbekannten Spezies un-ter Umständen als etwas anderes als eine wohlmei-nende Geste interpretiert werden könnte, traf den Cap-tain des AAnn-Schiffs ein paar Sekunden zu spät. Auf-geregt in seinen winzigen Sprachempfänger zischend, der längsseits seiner Schnauze schwebte, versuchte Tradssij verzweifelt, den Befehl zu widerrufen.

Im Herzen uralter, künstlich geschaffener Tiefen, un-erforschlich für den menschlichen Verstand oder den eines AAnn, nahm das synthetische Sein, welches das erwachende Tar-Aiym-Schiff darstellte, eine Bedro-hung wahr, die gegen das einzige Klasse-A-Bewusst-sein gerichtet war, das sich in unmittelbarer stellarer Nachbarschaft befand. Obwohl es von seiner vollen Einsatzbereitschaft noch weit, weit entfernt war, ent-schied es, dass es durchaus schon eine kleine Maß-nahme zur Annullierung der drohenden Gefahr er-greifen könne. Konzentrische Ringe aus unstetem Licht breiteten sich zum Rand eines kleineren Ozeans aus, und eine einzelne beeindruckende Vorrichtung von himalayischen Dimensionen entließ eine grell-blitzende, tiefviolette Gabel. Als diese die beiden he-reinkommenden Sprengkörper abfing, verpufften sie in zwei kleinen Windstößen zu zerstiebenden Parti-keln.

Tradssijs Kehle war mit einem Male trockener, als es selbst einem wüstenvernarrten AAnn lieb sein konn-te. Ernst und seltsam verstört wirkend gab er den Be-fehl, den Posigrav-Antrieb der Sstakoun zu starten. Er war sich durchaus bewusst, dass sie sich noch viel zu weit innerhalb des Systems befanden, um ihn gefahr-los zu aktivieren. Aber das spielte jetzt auch keine Rolle mehr. Gerade als sich in dem Nexus des KK-Projektors ein Antriebsfeld zu bilden begonnen hatte, wurde die Sstakoun von einer verdichteten Spirale wütender Energie getroffen, die der azoische planeta-rische Kern hinausschleuderte. Schon in der nächsten Sekunde war der Raum, den das AAnn-Kriegsschiff eingenommen hatte, von sich rasch zerstreuenden Teilchen ausgefüllt, deren Gesamtvolumen nur un-wesentlich größer war als das Objekt, das soeben ge-waltsam in seine einzelnen Atome zerlegt worden war.

Aus dem Shuttle der Crotase beobachtete Flinx das grausame Geschehen und fragte sich, ob er wohl als Nächster an der Reihe war. Doch nichts geschah. Keine Fortsetzung der Kampfhandlungen, keine drit-te Eruption verheerender Energie. Abgesehen von dem konstanten, fortschreitenden Auftauchen Tau-sender und Abertausender Lichter auf der Oberfläche des planetengroßen Kriegsschiffs blieb alles ruhig. Nichts deutete auf einen neuen, alarmierenden Ener-gieausstoß hin.

Er dachte an seinen kurzen, rätselhaften Schlaf auf der Tar-Aiym-Kontrollplattform zurück. Aus irgend-einem unerfindlichen Grund hatte das majestätische alte Schiff dort unten beschlossen, keinen Feind in ihm zu sehen. Ob diese offenkundige Entscheidung einen dauerhaften oder lediglich vorübergehenden Stand der Dinge konstituierte, vermochte er nicht zu sagen – und er hatte nicht die Absicht, sich länger in der Nähe aufzuhalten, um es herauszufinden.

Nach ein paar kurzen, gereizten Wortwechseln mit der Teacher war der Status des sich nähernden Shut-tles geklärt. Flinx fühlte sich kein bisschen unwohl bei dem Gedanken, dass er schneller als erhofft an Er-satz für das Shuttle gekommen war, welches er auf Pyrassis zu Schrott geflogen hatte, auch wenn er sich gewünscht hätte, dass die Art der Beschaffung eine andere gewesen wäre. Er bedauerte aufrichtig den vorzeitigen Tod eines jeden empfindungsfähigen We-sens, auch den eines AAnn.

In dem Moment, da er aus der inneren Luftschleu-se trat und sich innerhalb der wohligen, vertrauten Umgebung seines eigenen Schiffs wiederfand, über-kam ihn eine ungeheure Erleichterung. Allein schon sein Geruch war berauschend. Ohne anzuhalten steu-erte er auf die Brücke zu. Als er an dem Aufenthalts-raum vorbeikam, in dem er während der Reise im Plusraum den größten Teil seiner Zeit zu verbringen pflegte, registrierte er beiläufig, dass die Zierpflan-zen, die ihm auf Midworld als Geschenk überreicht worden waren, sich während seiner Abwesenheit ausgesprochen gut gehalten hatten. Sonderbarerwei-se lagen auf dem ansonsten makellos sauberen Schiffsdeck ein paar Substratbrocken verstreut, und er sah feuchte, erdige Flecken an Stellen, die unver-mutet weit von den Pflanzenkübeln entfernt waren. Zweifellos die Folge von extrem langsamen, spärli-chen Bewegungen der sprießenden Gewächse, mit deren speziellen Eigenschaften er noch nicht gänzlich vertraut war. Er machte sich im Geiste eine Notiz, da-für zu sorgen, dass das Hygienesystem des Schiffs darauf achtgab, die Schmutzreste zu recyceln. Pflan-zenerde war im Weltraum ein kostbares Gut.

Die Brücke begrüßte ihn zufrieden, als wäre er kaum jemals fort gewesen, als wäre während seiner Abwesenheit absolut nichts Widriges passiert. Als hätte sich die dunstverhangene planetengroße Masse dort draußen vor der Sichtluke nicht unverhofft von einem gewöhnlichen Methanzwerg, der einen unbe-deutenden Stern in einem bemerkenswert unspekta-kulären Sternensystem umkreiste, in die unglaublich-ste Entdeckung verwandelt, die seit der Enthüllung, dass die Menschheit sich die Galaxis mit anderen in-telligenten Spezies teilte, gemacht worden war.

Und zusätzlich zu der Tatsache, dass sie die un-glaublichste ihrer Art war, war sie obendrein mögli-cherweise die gefährlichste.

Was würde geschehen, wenn er von hier fort war? Würde das Beiboot wieder als Satellit seiner einsa-men Umlaufbahn anheimgegeben, seinen Mantel aus dichter, künstlich erzeugter Methanatmosphäre rege-nerieren und erneut das Aussehen einer düsteren, tri-sten Welt annehmen? Und was war mit den so mühe-los ausgelöschten AAnn? Hatten sie es vor ihrem jä-hen Untergang noch geschafft, irgendwem über die wahre Natur ihres Fundes Mitteilung zu machen? Was war mit der geflüchteten Mahnahmi?

Wenn Flinx imstande war, eine Tar-Aiym-Kontrollplattform zu aktivieren, könnte sie es dann auch? Die Vorstellung, ein Werkzeug mit solcher Vernichtungskraft könnte in die Hände seiner hasser-füllten Schwester gelangen, war zu verhindern? Was konnte er tun, um ihre Rückkehr zu verhindern? Wenn er die AAnn vor ihr warnte, würden sie die Ei-genart ihres Wüstenplaneten selbst aufdecken. Er schien nur wenig Alternativen zu haben – eine wie die andere schlecht.

Wie sich zeigen sollte, lieferte der Gegenstand des Problems die Lösung selbst. Schon sehr bald nach seiner Rückkehr auf die Teacher begann sich der fremdartige Himmelskörper zu bewegen. Wegen dessen ungeheuren Ausmaßen bekam Flinx die an-fängliche Aktivität erst gar nicht mit, und es bedurfte einer Warnmeldung der KI, ihn auf die Veränderung aufmerksam zu machen.

»Und du bist sicher, dass es sich bewegt?« Durch die Sichtluke starrte er auf die gigantische, nun von innen erleuchtete Kugel, doch es war schwierig, ohne technische Hilfsmittel eine Bewegung festzustellen.

»Ja, Flinx.« Die Schiffs-KI klang ruhig, aber be-stimmt. »Die Geschwindigkeit nimmt exponentiell zu und wird in Kürze dem bloßen menschlichen Auge erkennbar sein. Es gibt Anzeichen für die Aktivie-rung eines Posigravitationsfelds von beispiellosem Ausmaß, das sich im Umkreis dessen bildet, was viel-leicht bei großzügiger Auslegung als nördlicher Pol bezeichnet werden könnte.«

Wie immer war die KI-Analyse korrekt. Es dauerte nicht lange, und Flinx konnte nicht nur die Bewe-gung, sondern auch das sich entfaltende raumverzer-rende Antriebsfeld sehen.

»Es wird wohl ein gutes Stück weiter als ein oder zwei Orbits aus dem System heraus müssen, wenn es ohne Risiko irgendeine Art von Wechsel initiieren will«, murmelte er, mehr zu sich selbst als zu dem Schiff.

»Obwohl ich aufgrund unzureichender Daten nicht in der Lage bin, die Masse exakt zu berechnen, würde ich den minimalen Sicherheitsabstand für eine ge-fahrlose Aktivierung auf nicht weniger als drei Vier-tel einer örtlichen AE bemessen. Vorausgesetzt, die Geschwindigkeit, mit der das Objekt beschleunigt, bleibt weiterhin konstant, sollte es diesen Punkt in schätzungsweise zwei Stunden und vierunddreißig Minuten erreicht haben.«

»Dann«, verkündete Flinx, »sollten wir besser ma-chen, dass wir unseren Hintern ebenfalls von hier wegbewegen.« Pip, die jäh ansteigende Beunruhi-gung ihres Gefährten spürend, flog von seiner Schul-ter auf und flatterte besorgt über seinem Kopf.

Die Teacher antwortete, ohne auf die fehlenden Spezifizierungen seitens ihres Kommandeurs einzu-gehen. »Soll ich Koordinaten eingeben und Vorberei-tungen für einen Eintritt in den Plusraum einleiten?«

»Ja. Bring uns raus, und halte dich bereit für den Wechsel. Ich werde noch einen Zielpunkt angeben, aber ich will im Normalraum bleiben, bis ich sehe, was passiert. Solange wir uns in sicherem Abstand halten, sollten wir keine Probleme bekommen.«

Das Posigravitationsfeld dehnte sich weiter zu ei-ner Größe aus, die Alex Kurita und Sumako Kinoshi-ta, die Schöpfer des ersten KK-Antriebs, erstaunt hät-te. Zwei Stunden und sechsunddreißig Minuten nachdem es erstmals begonnen hatte, sich zu bewe-gen, wurde das Planetenschiff für einen kurzen Mo-ment undeutlich, versank dann in einem heftigen Ausbruch überirdischen Leuchtens und verschwand.

Geraume Zeit stand Flinx tief in Gedanken versun-ken einfach nur da und starrte auf den leeren Raum. Wie lange würde es dauern, bis die AAnn bemerkten, dass das System von Pyrassis jetzt neun und nicht zehn Welten umfasste? Wie würden sie sich die rätselhafte Anomalie erklären? Die Leute mochten bei einigen ver-lorenen Kredits oder persönlichen Habseligkeiten den Überblick verlieren – aber doch nicht bei Planeten.

Wie dem auch sei, im Moment war entscheidend, dass diese zehnte Welt sich nicht mehr dort befand, wo sie gewesen war, dass sie sich selbst woandershin be-fördert hatte und nicht mehr an der alten Stelle zu fin-den war. Vielleicht, dachte Flinx grüblerisch, war sie, nachdem sie nach fünf hunderttausend Jahre währen-dem Schlaf reanimiert worden war und feststellen musste, dass es keinen angestammten Feind mehr zu bekämpfen gab, aufgebrochen, um irgendwo eine neue Aufgabe zu übernehmen. Falls dem so war, würde sie im Brand danach suchen. Dort, in der endlosen Ster-nenregion von Systemen, die durch den prähistori-schen Krieg zwischen Tar-Aiym und Hur'rikku un-fruchtbar gemacht worden waren, konnte sie bis in alle Ewigkeit herumstreunen, ohne Schaden anzurichten, unbehelligt von streitsüchtigen AAnn oder Hatharc, Quillp oder Brannern, Menschen oder Thranx.

Doch am wichtigsten von allem war, dass der Kampfstern weit weg sein würde von Mahnahmis schmutzigen Fingern. Eines Tages, das war Flinx klar, würde er sich noch einmal eingehender mit seiner Schwester befassen müssen. Oder sie sich mit ihm.

Doch im Augenblick war er frei von solch lästigen Sorgen. Frei, wieder umherzuziehen und nach Weis-heit und Erleuchtung zu suchen. Es kam ihm über-haupt nicht in den Sinn, von Welt zu Welt zu reisen, um Amüsement und Lustbarkeit zu finden, oder ein-fach nur Zerstreuung. Es war nicht seine Art. Gedan-kenvoll, aber heiter streichelte er Pips Hinterkopf, als sie sich auf seiner Schulter niederließ. Beruhigt durch die stete Bewegung seiner Fingerspitzen und die Wärme seines Körpers, schloss sie die Augen und schlief, ihre Windungen fest an ihn gedrückt, ein.

Als er der Teacher einen Zielort nannte und das Schiff sich gehorsam daran machte, Vorbereitungen für den Wechsel zu treffen, verspürte er den starken Wunsch, mehr darüber zu wissen, was sich eigentlich zugetragen hatte, während er halb bewusstlos auf der Tar-Aiym-Kontrollplattform lag. Obschon dankbar für das, was unterm Strich dabei herausgekommen war, hätte er doch gern erfahren, wie er das bewirkt hatte und wie viel davon auf sein eigenes Tun zu-rückging und wie viel auf die Eigeninitiative des Pla-netenschiffs.

Vielleicht war es ganz gut, dass er es nicht wusste. Er wäre sowohl verblüfft wie auch bestürzt über die Erklärung gewesen, die zugleich allzu simpel und ungeheuer kompliziert war, und darüber hinaus un-ermesslich bedeutsam für weit mehr als nur seine persönliche Zukunft.

Alles, was von dem Moment an geschehen war, da er sich auf die Plattform gelegt hatte, war initiiert worden, weil ein Planet zu einer Pflanze gesprochen hatte.