Die Echsenwelt
Kapitel 16
16
Nervös und mit zusammengepressten Lippen begeg-nete er, ohne seine Pistole zu senken, dem uner-gründlichen Blick ihrer tiefdunklen Augen. Unbehag-lich regte sich Pip auf seiner Schulter, verwirrt von den Emotionen, die sie von ihrem Begleiter empfing.
»Du bist verrückt. Nicht nur gemeingefährlich, sondern verrückt. Ich kann meine Schwester nicht umbringen, weil sie bereits tot ist. Es geschah vor Jah-ren, nachdem du von Ulru-Ujurr geflohen bist. Du kanntest sie gut. Ihr Name war Teleen auz Rude-nuaman.« Erinnerungen brachen ungebeten über ihn herein. An eine Auseinandersetzung auf Ulru-Ujurr. An niemals gewollte Offenbarungen. An einen schrecklichen Moment, der nicht zu verhindern ge-wesen war. »Pip hat es getan, um mich zu beschüt-zen«, flüsterte er. »Sie hatte keine andere Wahl. Te-leen hätte sonst mich getötet.«
»Ach ja, die Welt zu groß geratener pelziger Freaks. Ich erinnere mich nur zu gut an sie. Ich mochte den Ort nicht, und seine Bewohner mochte ich auch nicht.« Sie wandte sich von ihm ab, und er umfasste seine Waffe etwas fester. Pip auf seiner Schulter spannte sich an. Aber Mahnahmi suchte nur eine Stel-le, wo sie sich hinsetzen konnte.
»Du bist viel zu sehr mit dir selbst beschäftigt, Flinx. Ich hab das schon vor Jahren gespürt, und ich sehe jetzt, dass es dein Leben noch immer beherrscht. Nun, vielleicht interessiert es dich zu erfahren, dass deine Wirklichkeit nicht die einzige ist, die nach Aufmerksamkeit verlangt. Versuch doch, auch mal die von anderen zu verstehen, nur für ein paar Au-genblicke. Mach mal einen Abstecher auf eine andere Straße des Lebens, Bruder.«
»Hör auf, mich so zu nennen«, herrschte er sie wü-tend an.
Sie lachte. Es war ein ungewöhnliches Lachen, ein-ladend, wohlklingend, und verhieß dennoch nichts Gutes. »Hör zu, ich will dir eine Geschichte erzählen, Flinx. Nicht gerade eine Gutenachtgeschichte und auch keine ganz alltägliche. Du hast dich immer so ungemein für deine Vergangenheit interessiert. Jetzt stell sie mal für einen Moment lang auf Pause, und hör dir meine an:
Ich bin reich. Genau genommen kontrolliere ich eine Anzahl von Firmen, unter verschiedenen Dachorgani-sationen. Der Schwerpunkt liegt auf Biochemikalien, Gentechnik, Pharmazeutika und ähnlichen Produkten. Larnaca Nutrition ist die Gruppe, deren Mittel ich mich bediene, wenn ich hin und wieder in eigener Sache un-terwegs bin.« Das Lächeln flachte ein wenig ab. »Alles einigermaßen harmlos, findest du nicht?«
Bei dem Geräusch eines unverständlichen Gebrum-mels drehte Flinx sich um und sah, wie die Qwarm sich gegen ihre Fesseln aufbäumte. Überzeugt, dass sie fest genug verschnürt war, wandte er seine Aufmerksam-keit wieder Mahnahmi zu. »Schwer zu glauben.«
Sie schürzte die Lippen. »Um die Wahrheit zu sa-gen, hab ich ziemlich viel geerbt, ich hatte also eine solide finanzielle Basis, auf der ich aufbauen konnte. Als Conda Challis' Addoptivtochter kam ich nach seinem Tod ganz legal zu seinem Besitz.« Abscheu flackerte in ihrem Blick auf. »Jahrelang hab ich ihm Ratschläge gegeben und unzählige wirtschaftliche Entscheidungen für ihn getroffen, ohne dass es ir-gendwelche Beanstandungen gab. Niemand ahnte auch nur, dass er sich in finanziellen und geschäftli-chen Dingen von einem Kind beraten ließ. Ein kleiner Schwindel, den ich auch nachher oft als sehr nützlich empfand. Ich habe Männer mit Kantenkinn, muskel-bepackten Brustkörben und voll Testosteron, die meine Unternehmen ›leiten‹, im Wechsel mit super-mondänen Frauen mit eiskalter Stimme und stechen-dem Blick, habe Handlanger und Firmenmanager, al-les. Und alle sind in letzter Instanz mir unterstellt. Heimlich, versteht sich, sodass die anderen großen Handelshäuser und Firmen nicht erfahren, wo und von wem die wirklich wichtigen Entscheidungen ge-troffen werden. Ich finde, ich hab meine Sache ganz gut gemacht; gut genug jedenfalls, um mir ein biss-chen Freizeit zu gönnen und mich zwischenzeitlich einigen Dingen von persönlichem Interesse zu wid-men.«
»Dinge wie Pyrassis«, bemerkte er.
»Ja, genau.«
»Und Conda Challis hatte keine weiteren Ver-wandten, keine anderen Erben außer dir?«
»Oh, ein paar gab es schon.« Jetzt lächelte sie gar nicht mehr, und etwas Finsteres gewann in ihren Emotionen die Oberhand, eine Bösartigkeit, die von keinerlei Mitgefühl gemäßigt wurde. »Letzten Endes konnten alle überredet werden, ihre jeweiligen An-sprüche fallen zu lassen. Einige erhielten eine finan-zielle Entschädigung dafür. Andere machten es er-forderlich, dass man sich auf gerichtlichem Wege mit ihnen befasste. Ein paar mussten auch zerstückelt werden«, fügte sie so unbeteiligt hinzu, als ob sie von einem Paar verlorener Ohrringe sprach. Das Lächeln kehrte zurück, doch diesmal war nicht das geringste Anzeichen von Humor darin zu erkennen.
»Du warst mir eine unerwartete Hilfe, wie es scheint. Erst viel später erfuhr ich, dass Teleen Rude-nuaman auf Ulru-Ujurr ein höchst willkommenes Ende gefunden hat, aber leider konnten mir meine Quellen nicht berichten, auf welche Weise. Besten Dank für die Ergänzung dieses nebensächlichen, wiewohl interessanten Details. Nach ihrem Tod war der Weg zur völligen Kontrolle von Challis' Geschäf-ten nicht mehr ganz so steinig.«
»Das macht dich noch lange nicht zu einer Ver-wandten von mir.«
»Glaub bloß nicht, dass ich es gern zugebe oder dass ich etwa stolz darauf bin. Ich mag dich nicht, Philip Lynx. Ich hab dich vom ersten Augenblick an nicht gemocht. Du stellst eine Gefahr, eine Bedro-hung, ein Risiko für mich dar. Und das kann ich nun mal nicht ab.«
»So viel Hass.« Seine Stimme klang gedämpft, beschwichtigend. »So viel Zorn. Er klebt an dir wie eine giftige Wolke. Wenn du wirklich ein Adept bist wie ich, dann solltest du eigentlich spüren, dass ich es nicht böse mit dir meine, dass ich keine Gefahr für dich bin.«
Stirnrunzelnd sah sie ihn an. »Ich kann überhaupt nichts in dieser Richtung spüren. Es stimmt, dass wir beide Adepten sind. Aber wir sind verschieden, du und ich. Ähnlich und doch nicht ähnlich.« Ihr Ge-sichtsausdruck verzerrte sich zu einem hämischen Grinsen, und die Verbitterung, die sie ausströmte, drohte ihn beinahe zu überwältigen. »Das kommt dabei raus, wenn man versucht, neue Typen von ›Werkzeugen‹ zu entwickeln, hab ich recht? Zu dumm aber auch, wenn die Werkzeuge selbst dar-über nicht vor Begeisterung im Dreieck springen. Niemand fragt sie nach ihrer Meinung, vor allem dann nicht, wenn die Sache höchst illegal ist, wie al-les, was mit den Melioraren in irgendeinem Zusam-menhang stand und steht.«
Da war es, endlich. Nun gab es keinen Grund mehr, seine ursprüngliche Vermutung in Frage zu stellen. Ja, die junge Frau, die da vor ihm stand, war ebenso wie er selbst ein Produkt verbotener Genma-nipulationen. Ein Produkt der Eugenik, hervorge-bracht von einer geächteten und verbotenen Gesell-schaft, die für ihren Plan, die Menschheit eigenhän-dig ein Stück auf der Evolutionsleiter nach oben zu schubsen, Empörung, Beifall und schonungslose Kri-tik geerntet hatte. Restlos alles, was auch nur entfernt mit den Melioraren zu tun hatte, unterlag dem strengsten Kirchenedikt. Die Einsicht in die noch vorhandenen Unterlagen der Society war der Öffent-lichkeit untersagt. Allein eigens autorisierte und pein-lichst genau überprüfte Wissenschaftler erhielten Zugriff auf das übrig gebliebene Material.
Also auf ihn, grübelte Flinx. Das war er also – »üb-rig gebliebenes Material«. Und dasselbe traf für Mah-nahmi zu, wollte man ihrer Aussage glauben. Doch deshalb, so versuchte er sich zu beruhigen, war diese missratene, liederliche, hübsche Göre noch lange nicht seine Schwester. Eine entfernte genetische Ver-wandte aufgrund durchgeführter Laborverfahren vielleicht, aber nicht seine Schwester. Und das sagte er ihr auch.
Breit grinsend schüttelte sie den Kopf, während sie ihn weiterhin unverwandt ansah. »Auf deine Art bist du wirklich bemerkenswert talentiert, Flinx. Aber du lässt dich durchs Leben treiben und stehst dir mit deinem reinen Gewissen nur selber im Weg. Die Dummheit klebt an dir wie Seepocken an einem Oze-anschiff. Ich für meinen Teil quäle mich nicht mit sol-chen Beschränkungen. Erlaube mir, dich zu erleuch-ten.«
Gegen diese Absicht ließen sich keine Einwände erheben. Nach Erleuchtung hatte er sein Leben lang gesucht.
»Und sieh zu, dass du deinen kleinen geflügelten Teufel da unter Kontrolle behältst. Ich hab nämlich keine Lust, dass er mir gleich ins Gesicht springt, wenn ich ein bisschen Feindseligkeit zeige. Das ist nun einmal meine Art, wie du vielleicht bemerkt hast.«
»Solange du mich nicht direkt bedrohst, wird Pip dich auch nicht angreifen.«
»Werd's mir merken. Du erinnerst dich an Conda Challis?«
Flinx dachte an seine Begegnungen mit dem Ge-schäftsmann zurück. Ein wenig beeindruckendes Bündel aus labbriger Haut und Argwohn, doch aus-gestattet mit einem überaus scharfen Verstand, hatte Challis es zu einem erfolgreichen Kaufmann und Händler von Waren aller Art gebracht, von Rohstof-fen bis hin zu fertigen Produkten. Seine Hände waren von einem Geschäftsgebaren beschmutzt, das sich hart am Rand der Legalität bewegte, und bisweilen auch ein gutes Stück darüber hinaus. Eine unange-nehme, ängstliche und misstrauische Person, der Flinx nicht einmal die Pflege einer Topfpflanze anver-traut hätte.
Angesichts seiner momentanen Lage und der Fremdartigkeit seiner gegenwärtigen Umgebung ein etwas merkwürdiger Vergleich, wie er fand. Doch er hatte keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.
»Ja, ich entsinne mich an ihn. Und an das Geschäft mit den Janusjuwelen.«
»Vergiss die Janusjuwelen. Das Wesentliche an der ganzen Sache sind die Leute, nicht irgendwelche be-langlosen Dinge.« Sie wandte ihren Blick von ihm ab, und er konnte sehen, wie sie sich zurückerinnerte, sich eine Vergangenheit ins Gedächtnis rief, die ihre Emotionen vor Erbitterung hochkochen ließ. »Man-che Erinnerungen lassen sich nur mühsam wieder wecken, manche Geschehnisse schwer rekonstruie-ren. Über die Möglichkeiten und Mittel eines großen Geschäftskonzerns verfügen zu können ist eine enorme Hilfe, aber noch kein Garant für Erfolg.« Sie drehte sich wieder zu ihm um, und für einen kurzen Moment sank ihr rasender Zorn über die damaligen Ereignisse, über die sie niemals die Kontrolle gehabt hatte und bei denen sie nicht mehr als einer von vie-len Akteuren gewesen war. »Pass jetzt gut auf, Flinx, denn es ist ein bisschen schwierig, dem allem zu fol-gen, und noch viel schwieriger, es auch zu verstehen.
Die einzigen Empfindungen, die dieser Lüstling Conda Challis jemals verspürt hat, galten seinem ei-genen Vergnügen und Erhalt. Soviel ich weiß, hat er niemals geheiratet. Das heißt jedoch nicht, dass es ihm an weiblicher Gesellschaft mangelte. Neben den üblichen flüchtigen Beziehungen hat er sich eine gan-ze Reihe von Liebschaften gekauft. Rein objektiv be-trachtet kann ich verstehen, weshalb eine Frau sich einem solchen Gewerbe hingibt. Gefühlsmäßig kann ich es nicht.« Sie machte eine Geste, die noch schwie-riger zu deuten war als die Gebärden der AAnn. »Aber möglicherweise bin ich ja dafür noch nicht alt genug. Intellekt ist wohl nicht alles.
Eine der Miezen, die er sich auf diese Weise ge-pachtet hatte, war eine schöne, aber verarmte Frau namens Rud Anasage. Der Terranglo-Slang ist eine wandelbare, sich ständig verändernde Sprache.« Aufmerksam sah sie ihn an. »Du weißt, dass einer der Namen, die die Leute für eine solche Frau haben, ›Lynx‹, Luchs, lautet, nach einer besonders wilden und geschmeidigen terranischen Katze.«
»Ich kenne den Namen meiner Mutter«, informier-te Flinx sie matt. »Ich hab ihn vor Jahren aus dem Hauptarchiv in Denpasar ausgegraben.«
Sie nickte anerkennend. »Wie gewitzt von dir. Aber hast du bei dieser Gelegenheit auch gleich mit ausge-graben, dass diese mittellose Frau namens Anasage zwei Töchter aus früherer Ehe in die Geschäftsbezie-hung, die sie mit Challis hatte, einbrachte?«
»Mir ist nur bekannt, dass sie zwei Kinder geboren hat, einen Jungen und ein Mädchen: Teleen und mich.«
»Wie willst du verdammt noch mal wissen, wer von wem ist? Du weißt ja nicht einmal die Anzahl!« Mahnahmis Erregung wirkte umso bedrohlicher, je fester sie sie im Zaum zu halten versuchte. »Sie hatte insgesamt drei Kinder: dich, Teleen und mich. Ich wusste von deiner Existenz, weil sie, als ich noch klein war, manchmal von einem mittleren Kind ge-sprochen hat, von einem Sohn, der ihr weggenom-men worden war, bevor ich zur Welt kam.«
»Wirklich eine nette Geschichte. Du bastelst dir da ja eine echt spannende Mythologie zurecht.« Er war-tete, um zu hören, was sie als Nächstes zu sagen hat-te.
»Alle Mythen haben ihren Ausgangspunkt in Tat-sachen, Flinx. Meine Mutter – Anasage – hatte auch noch eine ältere Schwester, Rashalleila mit Namen, die es selbst zu einer erfolgreichen Geschäftsfrau ge-bracht hatte, dank der Starthilfe, die sie von Anasages inzwischen verstorbenem Ex-Mann erhalten hatte. Sein Tod hatte aber unmittelbar zu Anasages Verar-mung geführt. Ganz offensichtlich gab es nicht die geringste Liebe zwischen den beiden Schwestern, trotz der Hilfe und Unterstützung, die Anasages An-getrauter der älteren Schwester hatte angedeihen las-sen. Das war einer der Umstände, die Anasage zwan-gen, sich auf den Handel mit Conda Challis einzulas-sen.«
»Nach Anasages Tod nahm man Verbindung zu dieser Rashalleila auf. Schließlich war sie die einzige nachweisliche nahe Verwandte. Es bereitete ihr ein infames Vergnügen, Anasages Erstgeborene, das Mädchen Teleen, unter ihre Fittiche zu nehmen und einen Großteil der Verantwortung für sie zu tragen. Challis hatte gegen dieses Arrangement nicht nur nichts einzuwenden gehabt, sondern war darüber so-gar recht froh. Er hatte für das ältere Mädchen nicht die geringste Verwendung.« Abermals wurden Mah-nahmis Züge von einem leicht irren Grinsen gestört. »Wie du von deiner Begegnung mit ihr wohl weißt, war Teleen, obschon nicht unattraktiv, nicht gerade ein sprudelnder Born an Sinnlichkeit, und Challis hatte, als rechtschaffener Perversling, nun mal seine Standards.
Teleen nahm in abgewandelter Form den Namen ihrer Tante an und stürzte sich auf alles, was ihr über die diversen Geschäftsunternehmen ihres neuen Vormunds wissenswert erschien. Sie machte es ziem-lich gut – wenn auch nicht gut genug. Letzten Endes konnten auch all ihre Kenntnisse und Erfahrungen sie nicht vor dem schützen, dem sie sich eines Tages un-erwartet gegenübersah: vor dir – ihrem Halbbruder.«
Flinx dachte einen Augenblick nach, bevor er etwas erwiderte, speicherte Informationen und suchte gleichzeitig nach Schwachstellen in Mahnahmis Aus-führungen. »Wenn das stimmt, was du mir da er-zählst, dann sind wir alle drei miteinander verwandt. Aber wieso hab ich dann an Teleen niemals irgen-detwas Ungewöhnliches entdeckt?«
»Weil sie nicht das Werk der Meliorare-Society war. Ihr Vater ist Anasages erster Ehemann gewesen, der, der früh gestorben ist und damit seine Frau in Ar-mut gestürzt hat. Unser älteres Halbschwesterchen war das gemeine Produkt einer natürlichen geschlecht-lichen Vereinigung. Ganz im Gegensatz zu dir und mir«, fügte sie schonungslos hinzu. »Was glaubst du, wie Anasage es geschafft hat, sich über die Runden zu bringen, nachdem ihr Mann abgetreten war und sie mit einem riesigen Berg Schulden und ohne einen Kredit sitzen gelassen hatte?« Als Flinx darauf keine Antwort zu geben wusste, klärte ihn das blonde, ungezähmte Mädchen triumphierend auf.
»Sie fing an, für die Melioraren zu arbeiten! Da ihre eifersüchtige, hasserfüllte ältere Schwester Rashalleila sich weigerte, ihr zu helfen, blieben ihr nur noch we-nig Alternativen. Und sie war wütend. Wir können darüber spekulieren, welcher Art ihre Zusammenar-beit mit den Melioraren war – aber die denkbaren Möglichkeiten sind allesamt unerfreulich.«
Wie eine aufdringliche Horde Parasiten schlich sich eine schreckliche Erkenntnis in Flinx' Bewusstsein. »Dann ... war also dieses zweite Kind, von dem in den Berichten die Rede war, gar nicht Teleen. Dieses zweite Kind ... warst du.«
Die geschmeidige Kindfrau beehrte ihn mit einer ironischen Verbeugung. »Stets zu Diensten, liebster Bruder.«
Er fuchtelte mit seiner Pistole. »Beweise. Ich brau-che Beweise. Erzählen kannst du mir viel.«
»Du bist ein Adept, Flinx. Ich bin ein Adept. Du bist etwas Besonderes, ich bin etwas Besonderes. Komm, spuck's aus – wie viele andere ›Besondere‹ sind dir bei deiner Suche begegnet?«
»Das reicht mir nicht. Übereinstimmende Fähigkei-ten sind noch kein unumstößlicher Nachweis für Blutsverwandtschaft.«
Seufzend verdrehte sie die Augen und fing an, wei-tere Eckdaten zu ihrer Person herunterzubeten. »Lynx, Mahna ... offizieller Name ... geboren 539 A.A., 2939 nach altem Kalender, in dem Vorort Sarnath, Großbe-zirk Allahabad, Provinz Indien, Terra. Ergänzende Angaben: Mutter 28 ... Name: Anasage ... Großeltern: unbekannt.« Sie machte eine Pause, sah ihn aufmerk-sam an. »Ich hab noch mehr. Willst du's hören?«
Als er müde nickte, begann sie ihm der Reihe nach dieselben Informationen vorzuleiern, die er bereits Jahre zuvor im Wissenschaftlichen Zentrum im fer-nen Denpasar zusammengetragen hatte. »Kind nor-mal – erhöhte R-Zacken-Amplitude – Mutter nor-mal«, und so weiter und so fort. Nur, wie sich gezeigt hatte, war das Kind ganz und gar nicht normal.
»Ich kann sehen, was du denkst – auch ohne ir-gendein ›Talent‹ einzusetzen«, sagte sie zu ihm. »Die Melioraren haben ihre Aktivitäten äußerst geschickt verborgen. Glaubst du im Ernst, sie hätten zugelas-sen, dass eines ihrer ›Experimente‹ von unabhängi-gen, außenstehenden Pädiatrie-Kapazitäten unter-sucht worden wär? Gleich nach der Geburt haben sie dafür gesorgt, dass du und ich und andere eine solide äußere Fassade erhielten.«
»Und unser Vater? Was ist mit unserem Vater?«
»Was?« Ungehalten reckte sie den Hals, um ihn besser zu verstehen.
Er hatte gar nicht gemerkt, dass seine Stimme leiser geworden war. Etwas lauter wiederholte er seine Frage: »Unser Vater. Was ist mit ihm? Der Name Anasage war angegeben. Aber nirgendwo konnte ich etwas über den Vater herausfinden – obwohl ich da ein paar Ideen hätte.«
Sie stieß ein verächtliches Schnauben aus. »Du meinst den Samenspender?« Als sie den gespannten Ausdruck in seinem Gesicht bemerkte, fing sie an zu grinsen. »Nun, Brüderchen, vielleicht hab ich da ja selber so meine Ideen – vielleicht aber auch nicht. Das ist eine komplizierte Angelegenheit, diese Sache mit dem formellen Erzeuger. Vielleicht weiß ich was – vielleicht weiß ich auch nichts. Wenn du mich um-bringst, findest du's jedenfalls nie heraus.«
»Du bist diejenige, die hier andauernd von um-bringen spricht – nicht ich.« Er blickte ihr tief in die Augen, versuchte den Zorn zu begreifen, der so fühl-bar von ihr ausging. »Also schön. Für den Moment – nur für den Moment, vergiss das nicht – will ich ein-mal annehmen, dass du vielleicht meine zweite Schwester bist. Aber dann, mangels anerkanntem Nachweis eines entsprechenden gemeinsamen Va-ters, höchstens eine Halbschwester, so wie Teleen. Ob du meine Vollschwester bist, ist nach wie vor fraglich. Ein paar einfache biologische Tests sollten darüber Klarheit verschaffen.«
»Meinst du?«, fragte sie höhnisch. »Du weißt wirk-lich nicht sehr viel über die Melioraren, was?«
»So viel wie du oder irgendein anderer«, bluffte er. »Zumindest verstehe ich jetzt die Abneigung, die du und Teleen füreinander gezeigt habt.«
»Wieso, glaubst du, sollte ich, nur weil sie ein ge-fühlloses, selbstsüchtiges Miststück war, das sich ei-nen Dreck darum gekümmert hat, was aus mir wur-de, irgendeine Abneigung gegen sie gehabt haben?«
»Wenn du mir so ähnlich bist, was empfinde ich dann jetzt gerade?«, forderte er sie heraus.
»Ich brauche keine genkonstruierten Fähigkeiten der Melioraren, um das zu wissen, Bruderherz. Ich kann's dir am Gesicht ansehen, an deiner ganzen Hal-tung. Und ich brauche auch kein mentales Brennglas in Form eines alaspinischen Minidrachen, um die Fä-higkeiten, die ich haben mag, zu fokussieren oder zu verstärken.«
Er konnte seine Fassungslosigkeit nicht verbergen, versuchte es nicht einmal. »Wie hast du das rausge-funden?« Pip spürte den Aufruhr in seinen Emotio-nen und bewegte sich leicht auf seiner Schulter.
»Wie ich schon sagte, meine Fähigkeiten sind an-ders als deine. Einerseits stärker und andererseits auch schwächer. Anders eben. Ist das nicht die logi-sche Konsequenz von unterschiedlichen Experimen-ten? Mit dir haben die Melioraren eine Art von Er-gebnis erzielt, mit mir eine andere. Nach allem, was ich anhand von versiegelten Berichten herausgefun-den habe, ergibt sich der Eindruck, dass unsere Schöpfer nicht sonderlich zufrieden mit uns waren. Das Ergebnis hat sie mehr als nur ein bisschen ver-wirrt. Natürlich werden wir niemals wirklich wissen, was ihnen eigentlich vorgeschwebt hat, welche be-stimmten Anforderungen du und ich erfüllen soll-ten.« In ihrem Lachen schwang ein Anflug von Hy-sterie mit.
»Die Experimentatoren gibt es nicht mehr – sie sind tot oder wurden einer selektiven Bewusstseinslö-schung unterzogen. Nur ein paar der Experimente sind noch übrig geblieben.« Das Grinsen verschwand. »Auch wenn ich mein Bestes getan hab, eines von ih-nen zu vernichten.«
Er ignorierte das Offensichtliche. Sie war nicht die Erste, die versucht hatte, ihn zu töten. »Du kanntest unsere Mutter. Ich nicht. Was für ein Mensch war Anasage?« Wollte er das wirklich wissen?, fragte er sich im gleichen Moment. Was, wenn sich die arme tote Frau als Enttäuschung herausstellte? »Ich wurde auf Moth verkauft, einer Welt im Hinterland, ir-gendwo weit fort von Terra. Wie hat sie das Sorge-recht für mich verloren?«
»Über diese Dinge weiß ich gar nichts.« Mahnah-mis Gewissheit war niederschmetternd. »Das erste Mal, dass ich, abgesehen von ihren vagen Erwähnun-gen, etwas von dir erfuhr, war, als du an diesem ei-nen Tag aufgekreuzt bist, um mit Conda Challis zu reden. Wie du dich entsinnst, war ich mehr als ge-schockt. Und was Anasage betrifft –« Die junge Frau zögerte, bevor sie in einem völlig anderen Ton fort-fuhr: »– ich erinnere mich an eine starke, schöne, in-telligente, doch zutiefst verstörte Frau – mit roten Haaren übrigens. Du hast ihr Haar; ich hab alles an-dere von dieser Hälfte des Genpools geerbt. Sie war fürsorglich – wenn sie die Zeit dafür hatte. Sie war mütterlich – wenn sie nicht gerade mit etwas ande-rem beschäftigt war. Soweit ich es beurteilen kann, in Anbetracht meines damaligen Alters, war ihre Bezie-hung mit Challis streng geschäftlich. Sie empfand für ihn weder Zuneigung noch Wärme oder etwas der-gleichen. Ich weiß bis heute noch nicht, ob ich sie da-für mehr oder weniger hasse.« Sie blinzelte und zwang sich in die Gegenwart zurück. »Sie krepierte an einer Krankheit mit extrem vielen Silben. Barm-herzigerweise ging es ganz schnell.«
»Hat sie jemals irgendetwas über deinen Vater er-wähnt – meinen Vater?«
Mahnahmi wandte ihm ihr edles Profil zu und spuckte auf den Boden. »Dein Vater, mein Vater, war eine Injektionsspritze in irgendeinem Meliorare-Labor. Nicht so einfach, für ein Instrument aus Glas und Verbundstoffen Gefühle zu entwickeln. Anasage hat nie irgendwas von einem biologischen Erzeuger erzählt.«
Eine weitere Sackgasse. Flinx trat wankend einen Schritt nach vorn. »Warum hat sich nach Anasages Tod Conda Challis um dich gekümmert und nicht Te-leen?«
»Ich weiß zwar nicht, wo du dich herumgetrieben und was du alles erlebt hast, seitdem ich dich das letzte Mal versucht habe zu töten, aber uneingedenk deiner augenscheinlichen Intelligenz ist offensicht-lich, dass gewisse Bereiche deiner Erziehung und Bil-dung arg vernachlässigt wurden. Ich war weitaus jünger und weitaus hübscher als Teleen. Challis ... Conda Challis war eine zweibeinige niedere Lebens-form, die aus dem Urschleim aufgestiegen war, mit Angewohnheiten und Lastern, die exakt seiner inne-ren, intestinalen, geistigen und moralischen Beschaf-fenheit entsprachen. Er hatte wirklich was übrig für Kinder, Bruderherz. Ganz besonders für kleine Mäd-chen. Und ich ... ich hatte das Pech, ihm von allen die Liebste zu sein.«
Wut quoll aus ihr heraus, eine Flut zerstörter Ge-fühle, ein endloser Strom emotionaler Risse und Wunden. Zum ersten Mal konnte Flinx ein wenig verstehen, warum in ihr ein unsäglicher Zorn auf das gesamte Universum brodelte. Damals, vor Jahren, war er noch zu unerfahren, um die wahren Abgründe von Challis' Verderbtheit zu erahnen. In seiner schmutzigen Niedertracht hatte der Kaufmann die Tochter seiner Mätresse missbraucht und gleichzeitig das Kind als das seinige adoptiert. Mahnahmis frühe-ste Jugend musste eine unaufhörliche Qual gewesen sein. Und bei all dem hatte sie noch mit ansehen müs-sen, wie ihre ältere Schwester Teleen von ihrer Tante Rashalleila angelernt und protegiert worden war.
»Das tut mir leid«, war alles, was ihm dazu einfiel. Auf seiner Schulter regte sich Pip.
»Weshalb? Du hast damit doch gar nichts zu tun. Sei froh, dass du Glück gehabt hast. Challis mochte nämlich auch kleine Jungs.«
»Ich hatte auch nicht gerade eine glückliche Kind-heit.« Und er fing an, ihren Wissensstand mit ein paar ausgewählten Bruchstücken aus seiner eigenen Ver-gangenheit zu ergänzen.
Sie beantwortete seine Enthüllungen mit einem höhnischen Lachen. »Du hattest wenigstens in gewis-ser Weise deine Freiheit und eine Adoptivmutter, die sich um dich gekümmert hat. Während man mit mei-ner Unschuld und meiner Kindheit wie mit einem Stück Toilettenpapier umgegangen ist, hast du Aben-teuer erlebt und die Welten in diesem Arm der Gala-xis erforscht.« Ihre Stimme wurde leiser, auch wenn ihre Wut sich zu vervielfachen schien. »Komm mir nicht mit Nöten, die nicht mehr als kindische Nörge-leien sind. Ich könnte dir Geschichten erzählen, da würden sich dir die Eingeweide zusammenziehen.«
»Na schön, aber zumindest kann ich sagen, dass es mir leid tut, dass ich damals zusehen musste, wie Pip unsere Halbschwester getötet hat.«
»Teleen?« Die junge Frau kicherte amüsiert. »Ich war geradezu entzückt, als ich, nachdem ich wieder in der Zivilisation angekommen war, von deinen mir ungewollt nützenden Erfolgen erfuhr. Mit ihrem Tod war ein weiterer potenzieller Anwärter auf die Erb-schaft von Challis' Geschäftsanteilen aus dem Weg.«
Er konnte nicht länger an sich halten. »Du bist ein eiskaltes, berechnendes kleines Luder, hab ich recht, Schwester?«
Wieder kam die spöttische Verbeugung zum Ein-satz. »Normalerweise mach ich mir nichts aus Kom-plimenten, aber da es von dir kommt, weiß ich diese spezielle Bezeichnung sehr wohl zu schätzen.« Als sie sich aufrichtete, sah sie ihm erneut in die Augen. »Al-so – was gedenkst du jetzt zu tun?«
»Warum bist du so versessen darauf, mich tot zu sehen?«
»Weil es, solange du am Leben bist, noch jemanden gibt, der mich als Adepten identifizieren kann, der meine Stimmungen, meine Emotionen spürt und, wenn sie ihm nicht passen, meine Pläne stören kann. Gar nicht zu reden davon, dass du mich bei den Be-hörden auffliegen lassen kannst. Ich mag es nicht, ne-ben jemand anderem im Rampenlicht zu stehen, Flinx, auch wenn das Publikum in dem Stück nur wir beide sind. Deine Gegenwart macht mich nervös; dein Talent wirkt beunruhigend auf mich. Alles wäre viel schöner, wenn du von der Bühne verschwän-dest.«
»Tut mir aufrichtig leid, wenn meine fortgesetzte Existenz dir solche Unannehmlichkeiten bereitet.«
»Geht schon in Ordnung. Ist ja nicht für ewig. Wirst du jetzt versuchen, mich umzubringen? Ehrlich gesagt, ich bin immer noch nicht ganz sicher, ob du es kannst.« Die Hände in die Hüften gestemmt, muster-te sie ihn aus unergründlichen, tiefschwarzen Augen, die Stimme ein unheilverheißendes Säuseln. »Du bist nämlich nicht die einzige unschuldige Zygote, die von diesen verfluchten Melioraren mit sonderbaren Talenten ausgestattet worden ist, weißt du?«
Das war eine offene Kampfansage. Pip spürte es auch. Augenblicklich erhob sie sich aus ihrer ruhen-den Position, die Flügel gespreizt, die Augen blit-zend, und war bereit, jederzeit zum Angriff überzu-gehen. Mit ein paar Worten und beruhigenden Emo-tionen besänftigte sie Flinx wieder.
»Ich will nicht gegen dich kämpfen, Mahnahmi. Deswegen bin ich nicht hergekommen. Für den Fall, dass du noch nicht drauf gekommen sein solltest, ich bin wegen der beiseite geschaffften vertraulichen Syb-datei hier. Da steckst du doch dahinter, stimmt's?«
»Ja. In Anbetracht seiner heiklen Kennzeichnung erschien es mir sicherer, das Originalfile an Ort und Stelle zu belassen. Selbstredend in angemessener Weise geschützt. Genau wie du hab ich nach meiner Vergangenheit geforscht – wenn auch nicht mit der gleichen besessenen Hingabe. Ich hatte die Sache mit den Melioraren herausgefunden und wollte mehr darüber erfahren. Meine Nachforschungen ergaben nichts über einen eventuellen biologischen Vater. Wie ich bereits anklingen ließ, bin ich nicht einmal über-zeugt, dass es überhaupt einen gab.«
»Als ich kürzlich auf der Erde war und versucht habe, auf die Originalsyb zuzugreifen, hat sie zu-rückgeschlagen.«
Mahnahmi wirkte nicht sehr überrascht. »Daten-bombe. Nachdem ich die Syb geknackt, studiert und kopiert hatte, hielt ich es für das Beste, irgendwelche übereifrigen Behördenmitarbeiter davon abzuhalten, meinen kleinen Eingriff zurückzuverfolgen. Aber of-fensichtlich reichten meine Bemühungen nicht aus, um dich abzuhalten, allerdings hattest du wohl auch mehr Motivation als andere, sie ausfindig zu machen. Niemand hat sich dir an die Fersen geheftet und ist dir bis hierher gefolgt, nehme ich an?«
»Zu einer unbedeutenden AAnn-Welt weit inner-halb der Grenzen des Kaiserreichs? Selbst wenn es technisch möglich gewesen wäre, warum sollte ir-gendjemand das tun?«
»Du unterschätzt unseren außerordentlichen Rang, liebster Bruder. Wir stellen möglicherweise die letz-ten überlebenden, noch nicht umgemodelten Exem-pel für das schändliche Treiben der Meliorare-Society dar. Jedem Beauftragten einer beliebigen Common-wealth-Behörde würde mindestens eine fette Beför-derung winken, wenn er unserer habhaft werden könnte – ob zappelnd und schreiend oder steif und stumm.«
»Die haben die Akte Meliorare-Society längst ge-schlossen.«
»Glaubst du? Dann bist du trotz deiner ganzen Rei-sen und Erfahrungen tödlich naiv, mein Bruder.«
Er machte keinen Versuch, sie zu überzeugen oder über seine Behauptung länger zu debattieren. Ob-wohl sein Gefühl ihm etwas anderes sagte, konnte er nicht wirklich sicher sein, wer von ihnen beiden recht hatte. Commonwealth-Friedensbewahrer konnten mitunter nervtötend hartnäckig sein, und wer ver-mochte schon zu sagen, welche Untersuchungen die Vereinigte Kirche über die Melioraren noch am Laufen hatte? Es war ein beunruhigender Gedanke, dass er möglicherweise nach wie vor ein inoffizieller Flücht-ling war, den eine selektive Gehirnlöschung erwarte-te, sollte er jemals in die Hände von neugierigen Be-hördenorganen geraten und von ihnen identifiziert werden.
»Da ist eine Sache, die ich immer noch nicht ver-stehe.«
Sie zuckte leicht mit den Schultern. »Wenn du mich nicht umbringst, haben wir noch jede Menge Zeit zum Quatschen. Was hast du denn jetzt mit mir vor?«
»Das hab ich noch nicht entschieden.« Das war wahrheitsgemäß genug, befand er, während er einen weiteren Blick auf die gefesselte Qwarm warf. »Eines irritiert mich, seit dem Moment, als ich die Sybdatei in den Eingeweiden des Larnaca-Nutrition-Speichers ausgemacht und sie zu deinem Schiff zurückverfolgt hab.« Wachsam sah er sie an, machte sich bereit, ihre Reaktion einzuschätzen, versuchte, ihre Gefühle zu erfassen, noch bevor sie etwas erwidern konnte. »Ich hab gesucht und gesucht, aber so sehr ich mich auch bemüht hab, ich konnte nicht die geringste Verbin-dung zwischen Pyrassis und dem Werk der Meliora-re-Society entdecken.«
Soweit er aufgrund ihrer äußerlichen wie inneren Reaktion erkennen konnte, war sie aufrichtig ver-dutzt. »Eine Verbindung zwischen Pyrassis und den Melioraren? Kein Wunder, dass du keine gefunden hast. Es gibt nämlich keine solche Verbindung: keinen Zusammenhang, keine Verflechtung, kein verdamm-tes Irgendwas.«
Falls sie log, musste Flinx gestehen, so tat sie es je-denfalls mit solchem Geschick, dass er es nicht merk-te. »Wenn das so ist, warum hast du dann die ganze Mühe auf dich genommen, die Originalsyb mit den verbotenen Meliorare-Daten mitzubringen? Wenn diese riskante Reise mitten ins Hoheitsgebiet der AAnn nichts mit der Meliorare-Society und ihren Versuchen zu tun hat, was zum Teufel machst du dann hier?«
Sie hatte ihn schon einige Male ausgelacht, aber diese Ausbrüche waren nichts im Vergleich zu dem, der nun erfolgte. Sie lachte und lachte, bis ihr die Tränen kamen und sich schließlich Bitterkeit in ihre unverstellte Belustigung mischte. »Du dummer Jun-ge! Du hast tatsächlich überhaupt keine Ahnung, was ich hier mache, oder?«
Etwas in ihm bäumte sich auf, doch er hielt seinen aufwallenden Zorn im Zaum. »Oh, ich habe da durchaus so eine Ahnung, mach dir darum keine Sorgen.« Mit einer weit ausholenden Geste deutete er auf ihre hochtechnisierte fremdartige Umgebung. »Ich kann mir nur einfach nicht vorstellen, in welcher Weise es mit dem Werk der Melioraren verknüpft ist.«
Ungeduldig hob sie die Stimme an, dass es von den Wänden widerhallte. »Weil es mit den Melioraren nichts zu tun hat, du empathischer Idiot!« Wieder schepperte ihr Gelächter durch die riesigen verlasse-nen Räume. »Als du dir auf der Erde Zugriff auf die Syb verschafft hast, hat sie genau so reagiert, wie sie auf jeden unbefugten Eindringling reagiert hätte. Und was deine Frage angeht, wieso ich die Daten mit mir herumschleppe, so habe ich auf interstellaren Reisen immer meine sensiblen persönlichen Unterla-gen und Informationsdateien dabei. Nicht, weil ich glaube, dass ich sie irgendwann einmal benötigen würde, sondern weil sie zu wertvoll sind und es zu gefährlich wäre, sie nicht ständig in meiner Nähe zu haben.« Sie wischte sich mit dem Handgelenk die Augen und schaute ihn reuevoll an.
»Du solltest doch am besten wissen, dass Kirche und Commonwealth nicht mit sich reden lassen, wenn es um solche Dinge geht. Da ich unmöglich das Risiko eingehen konnte, so heikles Material zu verlie-ren oder der Gefahr einer Entdeckung auszusetzen, habe ich schon vor langer Zeit dafür gesorgt, dass ich immer auf eine Kopie Zugriff haben würde, während gleichzeitig das auf der Erde verbleibende Original in angemessener Weise gesichert war. Ich habe weniger Informationen über dich mitgehen lassen als viel-mehr Informationen über mich vor fremdem Zugriff geschützt. Die Syb, nach der du so verzweifelt suchst, befindet sich sicher verschlossen in meinem privaten Annex an Bord der Crotase.«
»Persönliches Datenaufzeichnungsgerät DNP-466EX«, murmelte er.
»Gepanzert und verriegelt.« Ihre Gesichtszüge ver-zogen sich. »Dummerweise gilt das, was für den ei-nen von uns gilt, unausweichlich auch für den ande-ren. Mach dir keine falschen Hoffnungen, dass es an-ders sein könnte.«
»Na schön.« Für den Augenblick hatte er beschlos-sen, ihre Erklärung zu akzeptieren. »Wenn es also nichts mit den Melioraren zu tun hat, weshalb bist du dann hier? Hattest du etwa lediglich gehofft, den Transmitter zu finden?«
Ihre Haltung änderte sich so plötzlich, und sie schau-te ihn so scharf an, dass er einen Moment lang aus der Fassung geriet. »Dann weißt du also auch davon?«
»Es ist ziemlich schwer, einen Transmitter zu über-sehen, der zweitausend Quadratkilometer groß ist. Vor allem, wenn man direkt darauf steht, wenn er sich zu senden entschließt. Er war kaum zwei oder drei Tagesmärsche von eurem Lager entfernt. Als ich dort war, hat er ein Signal abgestrahlt. Sehr kurz und sehr stark. Ich hatte weder die Zeit noch die Möglich-keiten, es zu analysieren.« Er wies mit einem Nicken auf ihre leise summende Umgebung. »Aber es war genau auf diesen Ort hier ausgerichtet.«
»Meine Leute haben es auch aufgefangen. Wie du sagtest, das Ding ist schwer zu übersehen, wenn man darauf campiert.« Sie nickte bedächtig. »Dann warst du also so nah an unserem Lager? Wir konnten dort nicht lang genug bleiben, um eine so detaillierte Ana-lyse durchzuführen, wie ich sie mir gewünscht hätte. Es gab Anzeichen für eventuelle militärische Aktivi-täten der AAnn in unserer Nähe, und wir mussten schneller von dort verschwinden, als mir lieb war. Auch uns war es lediglich möglich, das Signal aus-zumachen und zu verfolgen.« Sie holte tief Luft. »Und was den Rest angeht, so ist deine Annahme teilweise korrekt: Ich kam her, um nach dem Trans-mitter zu suchen. Dieser Satellit hier ist faktisch eine Dreingabe.« Bereitwillig fuhr sie fort, ihm die zusätz-lichen Erklärungen zu liefern, nach denen er verlang-te.
»Larnaca Nutrition produziert und vermarktet Vit-amin- und andere gesundheitliche Nahrungszusätze, und das äußerst profitabel. Doch in erster Linie dient das Unternehmen als Deckmantel für ein anderes Bestreben, ist nebenbei sozusagen mein höchsteigener forschungswissenschaftlicher Arm. Wie alle einfluss-reichen privaten Handelshäuser oder Konzerne hält es ständig Ausschau nach Beschaffungsmöglichkeiten von potenziell gewinnbringenden, wissenschaftlichen Erkenntnissen, und zwar bevor das Commonwealth oder die Kirche sie in die Hände bekommen und ir-gendetwas Dummes damit anstellen können, bei-spielsweise sie für jedermann zugänglich zu ma-chen.«
»Deine Firma war mit nicht genehmigter xenologi-scher Tätigkeit beschäftigt«, wandte er ein.
Sie grinste schwach. »Ich würde eher sagen, mit der Erweiterung des menschlichen Wissens, ohne da-bei die Kredits der Steuerzahler zu verschwenden. Einer der Agenten des Unternehmens kam eines Ta-ges mit ein paar obskuren Geheimdienstberichten an, über einen für Diplomaten gesperrten, gottverlasse-nen Wüstenplaneten der AAnn namens Pyrassis. Ein Großteil des Materials basierte auf einem Haufen Ge-rüchte und nur sehr wenigen Fakten. Was Letztere anging, so waren einige recht ... interessant. Also nahm ich die Herausforderung an und beschloss, den Dingen auf den Grund zu gehen.
Du siehst, es hat absolut nichts mit den Melioraren zu tun, möge jede einzelne ihrer abscheulichen Seelen in der ihnen zugedachten Hölle schmoren. Dafür je-doch viel mit Geldverdienen. Abgesehen von der be-trächtlichen historischen Bedeutung, die sie für höhe-re Bildungsinstitute, Museen und Ähnliches haben, stecken solche uralten Alienhinterlassenschaften oft-mals voll nutzbarer Kuriositäten.« Sie wies grinsend auf ihre Umgebung.
»Eines von dieser Größe ist von unschätzbarem, kommerziellem Wert. Meine Leute arbeiten jetzt schon über ein Jahr an dem Pyrassis-Projekt, einem Projekt, das sie sowohl vor den Behörden und unse-ren Geschäftskonkurrenten wie vor den AAnn ge-heim halten müssen. Alles lief gut, teilweise sogar besser als erwartet. Bis du auftauchtest. Ausgerechnet du. Und schon drückst und schiebst und schaufelst du dir deinen rechtswidrigen Weg in eine private, streng gesicherte Datenspeicheranlage hinein und bringst mal eben ihren Sicherheitsdienst auf Trab. Al-lein das wäre schon schlimm genug gewesen, aber nein – du musstest ja unbedingt noch bis zu mir die Verfolgung aufnehmen. Du hast alles kaputtge-macht.« Frustration und Wut stiegen in ihr hoch.
»Ich wusste, dass, wenn Challis dich nicht sofort erledigt, du früher oder später anfangen würdest, mir Ärger zu bereiten. Trotzdem hatte ich es geschafft, dich zu vergessen. Bis heute.«
»Wenn du es aufgeben würdest, mich töten zu wol-len«, teilte er ihr in ruhigem Ton mit, »würdest du vielleicht feststellen, dass es Dinge gibt, über die wir reden sollten. Meines Wissens teilt sonst niemand, der nicht bewusstseinsgelöscht ist, unsere Gemein-samkeiten.«
»Ich will aber nichts mit dir gemeinsam haben, Philip Lynx! Ich will überhaupt nichts mit dir teilen. Und ich will auch nicht über irgendwelche Dinge mit dir reden. Ich will, dass du stirbst!«
Er konnte mit ihr mitfühlen. »Dein Hass richtet sich gegen dich selbst, Mahnahmi. Gegen das, was die Melioraren und Conda Challis aus dir gemacht ha-ben.«
»Oh, jetzt bist du auch noch Therapeut. Ein Beruf, der sicher zu dir passt, eingedenk deiner besonderen Fähigkeiten. Nimm zur Kenntnis, dass meine Gefüh-le, mein Verstand kein Futter für deine infantilen Mutmaßungen sind, Flinx. Ich mag zwar an Jahren jünger als du sein, aber auf die eine oder andere Art bin ich viel erwachsener, viel reifer.«
»Ja, das sehe ich, so verständig und erwachsen, wie du dich benimmst.« Er gestikulierte mit der Pistole. Hinter ihm fing die Qwarm an zu ächzen. »Was ist das hier eigentlich? Ist es das, wonach du gesucht hast? Abgesehen von dem Transmitter, meine ich.«
»Wir wussten nicht, wonach wir suchten. Es gab keine näheren Angaben. Nur, dass es in diesem System möglicherweise etwas Fremdartiges gab, etwas sehr Altes. Wir dachten, wenn wir etwas finden würden, dann auf Pyrassis. Aber da hatten wir uns geirrt. Statt-dessen befindet es sich hier draußen und kreist um den äußersten Planeten des Systems, untergeschlüpft bei einem Methanzwerg. Und zudem hervorragend vor Entdeckung geschützt. Wäre nicht das Signal gewesen, das von dem Alientransmitter ausgesendet wurde, hätten wir es vermutlich niemals gefunden. Aber nachdem wir erst einmal das Ziel des Signals aufge-spürt hatten, war alles Weitere einfach.« Sie sah ihn an und nickte. »Was es für dich offensichtlich ebenfalls war. Wo ist der Rest deiner Crew? Auf deinem Schiff?«
»Ja«, bestätigte er rasch. »Auf meinem Schiff.« Dass seine Crew lediglich aus Maschinen sowie einigen we-nigen, erst unlängst erworbenen dekorativen Pflanzen bestand, behielt er wohlweislich für sich.
»Lügner.« Ihr Lächeln verwandelte sich in ein Grinsen. »Ich hab dir doch gesagt, dass ich in man-cherlei Hinsicht erwachsener bin als du. Meine Fä-higkeiten sind zwar ebenfalls sprunghaft, aber wenn sie mal funktionieren, so wie jetzt zum Beispiel, ver-raten sie mir Dinge, die einem nicht im Traum einfal-len.« Für einen kurzen Moment schwang Wehmut in ihrer Stimme. »Manchmal wünschte ich, ich hätte keine Träume. Meine sind für gewöhnlich nicht sehr angenehm, und oft wache ich schreiend auf, weil Conda Challis ...« Sie schnaubte verächtlich. »Ich kann spüren, dass Leute kommen, und du willst mir weismachen, sie seien alle auf deinem Schiff. Ich hab gar nicht mitgekriegt, dass du ein Signal geschickt hast. Oder hattest du mit deiner Mannschaft verein-bart, dass sie dir nachkommen sollen, wenn du dich nach einer bestimmten Zeit nicht bei ihnen meldest?«
Verwirrt versuchte Flinx aus ihrem Gerede schlau zu werden. Crew? Seine Crew konnte ihm nicht hin-terherkommen, weil es über KIs und Grünzeugs hin-aus keine gab. Er hielt es für einigermaßen unwahr-scheinlich, dass Letzteres in der Lage war, ein Shuttle zu steuern. Selbst wenn das Leben sich auf den Kopf gestellt und die Flora, die die Teacher schmückte, tat-sächlich auf einmal diese Fähigkeit erlangt hatte, be-zweifelte er dennoch, dass ihre Wurzeln es ihr gestat-ten würden, rasch und zügig in die Innenbereiche des Satelliten einzumarschieren.
Dann verspürte er ein Kribbeln in dem Teil seines genmanipulierten Bewusstseins, in dem seine uner-gründlichen Talente beheimatet waren, und auf ein-mal wusste er, wovon sie sprach. Indes, sie war nicht ganz so versiert, nicht ganz so entwickelt, wie sie es ihn hatte glauben machen wollen.
»Du hast recht«, bestätigte er. »Da kommen Leute auf uns zu.«
Sie nickte bedächtig. »Du siehst, Flinx. Man kann seiner eigenen Schwester nichts vormachen. Was du spürst, spüre auch ich. Was du merkst, merke ich auch.«
»Nicht ganz«, murmelte er, während er gleichzeitig versuchte, jedes einzelne der sich nähernden Indivi-duen zu isolieren und so ihre Anzahl zu schätzen. »Es kommen Leute – aber es sind keine Menschen.«