Die Echsenwelt

Alan Dean Foster · Kapitel 4 von 20

PDF-Seiten

Die Echsenwelt

Kapitel 4

4

 

An diesem Abend streifte Flinx ziellos durch das leicht abschüssige, behutsam restaurierte Kolonial-viertel der Stadt.

Vor einem Informationsbildschirm blieb er stehen, um sich den lokalen Newsstream eines frei empfang-baren öffentlichen Nachrichtenkanals anzusehen. Aus dem Hintergrund vermeldete der Sprecher in sachli-chem Ton, dass sich im Surire-Shell-Verteiler ein schwerwiegender Störfall ereignet habe. Demnach sei es in der Anlage zu erheblichen Sachschäden gekom-men, und bis auf einen Notfall-Informationsdienst sei der Betrieb von Arequipa bis Iquique auf längere Sicht eingestellt worden. Einige Dienste, so erklärte der Sprecher mit angemessener Empörung, würden sogar erst in mehreren Wochen wieder bereitgestellt werden. Hinsichtlich der Ursachen für den Zwischen-fall seien die Ermittlungen in vollem Gange.

Mit gesenktem Kopf wandte sich Flinx von dem Bildschirm ab und presste die Lippen zusammen. Ir-gendwo, dachte er finster, generierte die Terranische Shell-KI in diesem Moment ein Protokoll.

Die Straßenlaternen in dem historischen Viertel waren der Atmosphäre halber gedämpft, und zu die-ser Zeit des Abends war es auf der Hauptstraße ver-hältnismäßig ruhig. Die wenigen Touristen, die jetzt hier flanierten, waren an dem romantischen Flair in-teressiert und nicht an ihren Mitspaziergängern. Eif-fels Brunnen glitzerte in der milden Nachtluft, ein Denkmal sowohl für das handwerkliche Können als auch die Visionen eines längst verstorbenen Kon-strukteurs, für den Eisen noch das ultimative Bauma-terial gewesen war. Mithilfe moderner Werkstoffe und Verfahren hatten geschickte Restauratoren viel von der Baukunst des siebzehnten und achtzehnten Jahrhunderts bewahrt. Selbst aus nächster Nähe wa-ren die verstärkenden Nanotubes-Beschichtungen nicht zu erkennen.

Flinx musste zum Hafen von Nazca und zu seinem Shuttle. Es gab keinen Grund, anzunehmen, dass die Behörden eine Verbindung zwischen seinem Eigen-tümer und dem gesuchten Flüchtigen herstellen würden und es bewachen ließen. Selbst wenn es ih-nen irgendwie gelänge, seine Identität festzustellen, gab es doch nichts, was von seiner Person auf ein be-stimmtes KK-Schiff hätte schließen lassen. Druven-maquez hatte es gesehen, und zweifellos hatten sich auch einige seiner Besatzungsmitglieder ein Bild da-von gemacht. Doch so sehr sich das Innenleben der Teacher auch von dem jedes anderen Raumers unter-schied, rein äußerlich sah es wie ein x-beliebiges klei-nes interstellares Handelsschiff aus. Und Flinx trug gewissenhaft dafür Sorge, dass die Wartungssysteme seines Schiffs die externen Kennungsmuster regelmä-ßig modifizierten.

Dennoch, er würde nicht eher durchatmen können, als bis er sich wieder innerhalb seiner vertrauten Räumlichkeiten befand. Das bedeutete, sicher an Bord des Shuttles auf dem Handelsraumhafen von Nazca zu gelangen, Starterlaubnis zu erhalten und es unbehelligt durch die Erdatmosphäre zu schaffen.

Inzwischen funktionierte sein Talent auch wieder. Um ihn herum war die Atmosphäre mit mehr oder weniger flüchtigen, erregten oder zärtlichen Emotio-nen aufgeladen. Wie immer auf besiedelten Welten wurde er von der reinen Fülle an Empfindungen förmlich erschlagen. Genau das war auch der Grund, warum er die Einsamkeit des Weltraums so liebte: Dort konnte er unbeschwert und ohne jede missliebi-ge und unerwünschte empathische Störung seinen Gedanken freien Lauf lassen. Er war müde, kannte sich hier überhaupt nicht aus und hatte nicht die lei-seste Ahnung, wie er, ohne die Aufmerksamkeit der Behörden zu erregen, auf einfachstem Wege zum Raumhafen kommen sollte. Über eines war er sich al-lerdings im Klaren: Mit einer Kirmesattraktion ge-langte er wohl kaum dorthin.

Nicht weit vor ihm kamen zwei örtliche Polizisten in dezenten Uniformen in Sicht. Gemächlich schlen-derten sie die Allee hinauf und hielten direkt auf ihn zu. Obwohl sie sich angeregt miteinander unterhiel-ten und nicht in seine Richtung blickten, bog Flinx rasch in eine Seitenstraße ab. Nachdem er fast seine gesamte Kindheit damit zugebracht hatte, sich in den dunstigen und düsteren Gegenden von Moth herum-zutreiben, fühlte er sich in den engen Gassen des Kü-stenstädtchens beinahe zu Hause.

Der schmale Durchgang war alt und herrlich men-schenleer. Es war wirklich erstaunlich, wie viele der wahrhaft vorsintflutlichen Bauten die Jahrhunderte überdauert hatten. Die baufällige Mauer zu seiner Rechten musste mindestens aus dem einundzwanzig-sten Säkulum stammen. Ein Haufen nicht biologisch abbaubarer Behälter, die sich aus einer überquellen-den Sammeltonne ergossen, bildete links von ihm ei-ne kleine, schräg abfallende Halde.

In der Nähe der Tonne bewegte sich etwas. Er spürte die Bedrohung, noch bevor er sie sah – ein nicht gerade sehr großes, stämmiges Bündel feindse-liger Energie, dessen pechschwarze Augen im trüben Laternenlicht blitzten. Die Haut des Mannes war ebenso sonnengebräunt wie die von Flinx, und in sei-ner rechten Hand hielt er eine Waffe von undefinier-barer Herkunft.

Zwei weitere bewaffnete Subjekte tauchten aus ei-nem dunklen Hauseingang auf, ein drittes trat aus den Schatten ein Stück vor ihm, und aus einem Ver-steck hinter dem Abfallcontainer kam zu guter Letzt eine spindeldürre Frau. Als Flinx sich umdrehte, um die Flucht zu ergreifen, sah er, dass ihm der Rückzug von einem Trio Stimstick paffender Jugendlicher ab-geschnitten wurde. Ihr dünnes Grinsen war weder geeignet, die düstere Gasse zu erhellen, noch warf es ein günstiges Licht auf ihre übellaunigen Persönlich-keiten. Die Polizisten, wegen denen er sich in diese Seitengasse geflüchtet hatte, mochten noch in Hör-weite sein, doch wenn er jetzt um Hilfe rief, würde das auch unangenehme Fragen nach sich ziehen. Und spätestens bei der Überprüfung seiner Personalien würden sie ihn als jenes Individuum identifizieren, das im Zusammenhang mit dem Zwischenfall im Su-rire-Verteiler gesucht wurde.

»Da brat mir einer 'nen Storch, das is ja'n richtiges Prachtexemplar.« Die Frau mit der mageren Figur, von der das meiste in unzweideutiger Weise offen zur Schau gestellt war, musterte Flinx mit anerken-nenden Blicken. Ihr Körper war der einer Zwanzig-jährigen, doch ihre Augen wirkten um mindestens zehn Jahre älter.

»Deine Kred, Bürschchen.« Der stämmige Mann, der inzwischen ebenfalls hinter der Mülltonne hervorge-krochen war, fuchtelte nervös mit seiner Waffe in Flinx' Richtung. Seine schwerfälligen Bewegungen waren weniger die Folge von Unbehagen als vielmehr der Drogen, mit denen er vollgepumpt war. »Klamotten, ID-Karte, alles. Und zwar ein bisschen plötzlich!« Er wies mit einer knappen Geste auf den Boden.

»Genau«, rief eine andere, um einiges jüngere Frau und grinste Flinx an. »Zeich uns ma, waste so hast, Süßer.« Ihre und die Emotionen ihrer Kumpane trief-ten förmlich vor Gier.

Mit einer Waffe durch die Gegend zu spazieren war so ziemlich die sicherste Methode, die sofortige Aufmerksamkeit der Ordnungshüter auf sich zu zie-hen. In aller Regel befanden sie den Besitzer unwei-gerlich einer genaueren Beachtung wert. Demzufolge hielt Flinx wenig von Schießeisen, Vibromessern und ähnlichem Vernichtungsgerät. Das hieß jedoch nicht, dass er unbewaffnet war. Auf der anderen Seite wa-ren diese Leute nicht gerade wenige, und die Gasse war relativ eng.

Vorsichtig setzte er sich in die Richtung in Bewe-gung, aus der er gekommen war. Die Polizisten, um die er tunlichst einen Bogen machen sollte, waren in-zwischen bestimmt schon ganz woanders. »War nett, euch kennen gelernt zu haben, aber leider muss ich jetzt weg. Tut mir leid, aber das bisschen, was ich ha-be, brauche ich selbst. Bitte, versucht nicht, mich auf-zuhalten.«

»Ich werd nich mehr – der is nich nur schnuckelig, der is auch noch höflich.« Die schlanke Frau trat ei-nen kleinen Schritt nach vorn, lockerte demonstrativ die unter ihrem dürftigen Outfit deutlich sichtbaren Muskeln und zog einen Wurfpfeil hervor. Spielerisch jonglierte sie ihn mit einer Hand, warf ihn in die Luft und fing ihn gekonnt wieder auf. »Wenn ich ihn aus-gepustet hab, krieg ich dann den Rest von ihm zum Spielen?«

Ihr stämmiger Komplize grunzte. »Bringen wir's einfach hinter uns.« Er spähte an Flinx und den drei Verbrechervisagen hinter ihm vorbei und versuchte, die weit entfernte Straße zu sondieren. »Ich hasse es, wenn se nich kooperieren wollen.«

Das Grinsen der Frau wurde noch eine Spur brei-ter. »Ich find das gut.« Der Pfeil in ihrer Hand kam zum Stillstand, lässig in Wurfposition gebracht. Flinx fragte sich, welchen chemischen Cocktail er wohl enthielt.

»Wirf das Ding besser nicht.« Seine Stimme blieb völlig ruhig und gelassen.

Das Grinsen der Frau verblasste. Sie wollte, dass er es mit der Angst bekam, aber obwohl er leicht ange-spannt wirkte, fürchten tat er sich nicht. Das entnerv-te sie dermaßen, dass es ihr glatt anzumerken war. Vielleicht hatte Marvilla recht. Zeit, die Sache hinter sich zu bringen. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.

Flinx spürte ihre hochkochenden Emotionen, wuss-te, dass sie sich trotz ihrer demonstrativen Gleichgül-tigkeit – und obwohl sie zu ihrem männlichen Beglei-ter sah – darauf vorbereitete, den Pfeil zu werfen. Als es zum emotionalen Ausbruch kam, rettete er sich mit einem Hechtsprung in den Berg von ausgedienten Plastikbehältern. Sie waren kalt, vom langen Herum-liegen in der dunklen Gasse, doch ihre schiere Menge reichte aus, um ihm Schutz zu bieten. Hinter ihm zischte, auf der Suche nach menschlicher Körper-wärme, der Pfeil durch die Luft. Flinx hörte, wie einer der drei schrägen Vögel, die den Gassenausgang blockierten, einen derben Fluch ausstieß, als das Wurfgeschoss ihn traf. Es folgte ein kurzes Aufflak-kern nackter Panik und dann gar nichts mehr. Die il-legalen Pharmazeutika legten seinen Organismus lahm. Paralysiert sank der Getroffene zu Boden.

Während Flinx sich aus der Schussrichtung ge-bracht hatte, war etwas Kleines, Geflügeltes, Super-schnelles und Wütendes aus seinen Hemdfalten ge-schossen. In grell auflodernden Farben tauchte Pip schneller vor dem Gesicht der Frau auf, als diese ei-nen neuen Pfeil aus ihrem Futteral ziehen konnte. Mit einem erschrockenen Aufschrei taumelte sie zurück, geriet ins Stolpern und stürzte in den halb gezückten Pfeil. Stöhnend griff sie hinter sich, um das Geschoss aus ihrem Fleisch herauszuziehen, nur um gleich darauf kraftlos zur Seite zu sinken.

Der Anführer der Bande riss seine Pistole hoch und zielte auf den Angreifer seiner Freundin. Oder zu-mindest versuchte er es. In der nur schwach beleuch-teten Gasse war es nicht ganz einfach, etwas so Klei-nes ins Visier zu bekommen, vor allem, wenn es sich anscheinend in alle Richtungen auf einmal bewegte.

Sein Schuss ging daneben.

Der des Minidrachen indessen nicht.

Einige Tropfen des extrem ätzenden Gifts trafen den Mann direkt ins rechte Auge. Er ließ die Waffe fallen und torkelte rückwärts, krachte gegen die Backsteinwand und ging in die Knie. Aufheulend griff er sich ans Auge, von dem ein dünner Rauchfa-den aufstieg.

Flinx wälzte sich herum und sprang wieder auf die Beine. Die Mülltonne im Rücken, nahm er eine Ver-teidigungshaltung ein. Die zwei Aufpasser, die noch bei Bewusstsein waren, hatten inzwischen ebenfalls eine Waffe gezückt, desgleichen der Mann und des-sen Begleiter, die vom anderen Ende der Gasse auf ihn zugesprintet waren. Pip kam zu ihm zurück, um schützend über ihrem Herrn und Meister zu schwe-ben, die geschlitzten Augen wachsam, die Drüsen ge-füllt mit tödlichem Gift.

Plötzlich stutzte eine der beiden Frauen, die den Durchgang zur Hauptstraße versperrten, sah gehetzt über die Schulter und zischte ihrem Kumpel etwas zu. Kurz darauf steckte sie hastig ihre Waffe weg und rannte los, dicht gefolgt von ihrem Partner. Achtlos stürmten die beiden an Flinx vorbei und schlossen sich den Überlebenden ihrer Gang an, die nun in Windeseile die Gasse hinauf flüchtete.

Flinx ließ die Hände sinken. Pip flatterte ein Stück auf ihn zu, hielt sich jedoch kampfbereit in der Luft. Gemächlichen Schrittes kam durch die Gasse eine einsame Gestalt auf sie zu. Im trüben Licht der Stra-ßenlaternen versuchte Flinx zu erkennen, ob die Ge-stalt womöglich eine Polizeiuniform trug.

Der alte Mann war kräftig gebaut, doch nicht sehr groß. Weiße Bartstoppeln, die offenbar völlig resi-stent waren gegenüber jeglicher Form der Haarent-fernung, bedeckten sein kantiges Gesicht. Sein Unter-kiefer stand beträchtlich hervor, als ob er das Opfer irgendeiner unkorrigierbaren Missbildung wäre. Das glatt nach hinten gekämmte Haar war so weiß wie sein Bart und reichte bis zum Kragen des groben Baumwollhemds. Ein kleiner Kommunikator hing deutlich erkennbar an seiner Hüfte, und über einem Ohr steckte ein etwa fingergroßer Indikator. Der Mann ging ein wenig gebeugt. Er mochte vielleicht siebzig Jahre alt sein, oder auch hundert mehr.

In sicherem Abstand blieb der Fremde vor Flinx stehen und präsentierte ein perfektes Großvaterlä-cheln sowie zwei Reihen überraschend gut erhaltener Zähne. Mit einem schwieligen Finger deutete er nach oben.

»Pfeif deinen geflügelten Satansbraten zurück, Söhnchen. Die Banditen sind getürmt.« Er wies mit dem Kopf auf den toten Gangleader und dessen still vor sich hin zuckende Freundin. »Zumindest die, die noch konnten.«

Flinx hielt Ausschau nach irgendeinem Hinweis auf eine Waffe. »Sie sind vor Ihnen weggerannt, aber wie ich sehe, tragen Sie überhaupt keine Waffe.«

»Macht alles nur der gute Ruf.« Der alte Mann ki-cherte belustigt. »Hatten Angst, der alte Cayacu wür-de sie verhexen. Hätte ich auch. Acht gegen einen – das ist nicht okay.« Missbilligend schüttelte er den Kopf. »Wie heißt du?«

Der Mitbürger, an den der alte Mann seine Frage gerichtet hatte, hätte beinahe schon mit »Philip« ge-antwortet, doch Flinx hielt sich gerade noch zurück. »Mein Name ist Flinx. Und meine kleine Begleiterin hier heißt Pip.« Währenddessen machte es sich die fliegende Schlange wieder auf seiner Schulter be-quem, blieb aber aufmerksam und für jedermann sichtbar. Und Flinx spürte, dass sie in dem Neuan-kömmling keine Gefahr sah.

»Ah, der Satansbraten ist also eine Sie.« Abermals gluckste der Alte in sich hinein. Dann machte er eine weit ausholende Geste. »Du bist doch dieser Bursche, nach dem sie im Verteiler suchen, stimmt's? Komm mit.«

Augenblicklich spannte sich Flinx an und versuch-te, sein Gegenüber einzuschätzen. Doch ebenso wie Pip nahm er an ihm nichts Bedrohliches wahr. »Wie-so sollte ich mit Ihnen gehen? Damit Sie mich an die Behörden ausliefern und die ausgesetzte Belohnung einkassieren?«

»Ich brauch kein Geld von der Regierung. Du bist ein absonderliches Kerlchen. Und ich hab was übrig für absonderliche Dinge.« Er deutete auf das andere Ende der Gasse, wohin sich der Rest der Straßengang geflüchtet hatte. »Und das wissen die auch. Deshalb sind sie auch abgehauen.« Zwei alte, doch immer noch klare braune Augen betrachteten den wesentlich jüngeren Mann. »Du weißt, was ein Schamane ist, Söhnchen?«

Flinx runzelte die Stirn. »So 'ne Art Hexendoktor?« Ungläubig starrte er den Alten an. »In diesen Zei-ten?«

»Und was für Zeiten sind das?« Das zerfurchte Ge-sicht floss beinahe über vor Weisheit und guter Lau-ne. »Schamanismus kommt nie aus der Mode, Söhn-chen. Ganz gleichgültig, welche Fortschritte die Technik auch macht, völlig egal, wie groß die müh-sam errungenen wissenschaftlichen Erfolge sind, es wird immer die geben, die mithilfe von Mystizismus und Magie einen Weg finden, die Grenzen der Er-kenntnis zu überschreiten. Vergiss nicht, dass es für viele Völker weitaus einfacher ist zu glauben als zu denken.«

»Dann sind Sie also ein bekennender Scharlatan.« Flinx hatte schon immer den Hang gehabt, direkter zu sein, als gut für ihn war.

»Sag das nicht.« Der alte Mann lachte leise. »Nun komm schon, Söhnchen. Sehen wir zu, dass wir dich hier rausbekommen.« Er wandte sich um und machte Anstalten, zu gehen.

Flinx zögerte noch immer. »Sie haben mir nach wie vor keinen triftigen Grund genannt, weshalb ich mit Ihnen gehen sollte.« Pip auf seiner Schulter begann sich endlich wieder zu entspannen, doch er konnte spüren, dass ihr winziges Herz wie ein Miniaturim-pulstriebwerk hämmerte.

Cayacu schaute sich zu ihm um. »Weil ich dich bringen kann, wohin du willst. Das heißt, falls es überhaupt einen Ort gibt, an den du willst. Oder möchtest du vielleicht lieber hierbleiben?«

Der Blick des jungen Mannes wanderte über die engen Mauern, die ihn umschlossen, und über den Toten und den Bewusstlosen, die auf dem Boden la-gen. »Ich hab tatsächlich ein Ziel, und dieser Ort hier ist es definitiv nicht.«

»Hätte mich auch gewundert.« Abermals bedeutete ihm der seltsame Greis, ihm zu folgen. »Komm und unterhalt dich ein wenig mit einem müden alten Mann. Die Behörden tolerieren zwar jemanden wie mich, aber was ich tue, passt ihnen gar nicht. Es wird mir ein Vergnügen sein, ihnen ein bisschen Sand ins Getriebe zu streuen.« Er schüttelte den Kopf. »Acht gegen einen«, murmelte er. »Besser, du hältst dein Tier unter Verschluss.«

Es war zwar nicht der älteste Skimmer, den Flinx bisher zu Gesicht bekommen hatte, aber er war ziemlich nah dran. Cayacu lotste ihn aus dem Stadtkern heraus und durch die Vororte und nahm Kurs aufs Meer. Als sie den Strand erreicht hatten, drehten sie ab und flogen Richtung Norden. Ächzend und klappernd pflügte das Gefährt durch die Nacht, während der Halbmond reg-los über dem Pazifik hing und der See den Glanz von poliertem Stahl verlieh. Schon bald waren sie ganz aus der Stadtzone heraus und ließen das dicht erschlossene Erholungsgebiet hinter sich. Da sie sich nach Norden bewegten, exakt in die Richtung, in die er musste, hatte Flinx keinen Grund, etwas gegen die Route, die sein Chauffeur flog, einzuwenden.

Hin und wieder verlor das arg in die Jahre ge-kommene und geschundene Vehikel an Leistung, so-dass sie etliche Male vom Boden abprallten und das grasbedeckte Band, das die Hauptstraße nach Norden darstellte, um die eine oder andere hässliche Delle bereicherten. Schließlich verließ der Schamane die Straße und wandte sich, einem schmalen, durch Stein und Sand führenden Pfad folgend, abermals see-wärts. Infolge mangelnder Bewässerung wies das Terrain hier wieder seine ursprüngliche Zusammen-setzung aus Kieseln, Sand und grobkörniger Erde auf. Und so blieb es. Hunderte von ereignislosen Ki-lometern die Küste hinauf.

Endlich tauchten in der Ferne einige Lichter auf. Einfache, jedoch gut erhaltene Häuser schmiegten sich an das Südufer eines kleinen Flusses. Im Bereich seiner Mündung hielten schneeweiße Reiher die Wacht, die die Lichter wider alle Erwartung weit an Zahl übertrafen. Um diese Zeit schliefen die Vögel. Nur hier und da hob sich vereinzelt ein Kopf, flatterte unruhig ein Paar Flügel, als der keuchende Skimmer an ihrem Ruheplatz vorüberschwankte.

An einem verdeckten Landeport, der an ein un-scheinbares einstöckiges Gebäude aus selbsthaftenden Ziegeln und Steinimitat angebaut war, brachte Cayacu das Fahrzeug zum Stehen. Im Norden der Ortschaft schob sich eine steile Landzunge ins Meer. In das Licht des Halbmonds getaucht, schimmerte der beigefarbe-ne Sandstein beinahe wie Gold. Kleine Wellen leckten ohne Unterlass an dem nahe gelegenen Strand.

Mit einer knappen Geste bedeutete der Schamane seinem Gast, mit ihm zu kommen. Dann zwängten sie sich aus dem stinkenden Skimmer heraus und gingen zur Vordertür. Flinx durchquerte den über-dachten Anbau und folgte seinem Begleiter ins Haus. Pip hatte nun schon eine ganze Weile geschlafen, und nirgendwo waren Polizisten oder andere Verfolger zu sehen. Flinx gab sich Mühe, seine Gemütsverfassung der des Minidrachen anzugleichen. Von dem kom-pakten, lauschigen Gebäude, in das er hineingebeten wurde, ging nichts Bedrohliches für ihn aus.

Im Innern herrschte gedämpftes Licht, aber es reich-te aus, um alles erkennen zu können. Flinx wurde be-wusst, wie erschöpft er war. Doch die Einrichtung war außergewöhnlich genug, um sein Interesse zu wecken und die Müdigkeit zu verscheuchen. Von den konser-vierten Kaimanen, die ihn mit gebleckten Zähnen von den obersten Borden rustikaler Regale her angrinsten, bis zu den darunter stehenden Fläschchen, in denen ir-gendwelche undefinierbaren Lösungen glänzten, war das äußere Zimmer ein einziges Sammelsurium aus Ingredienzien für volkstümliche Heilmittel und okkul-tem Zubehör. Entnommene Tieraugen starrten ihn aus einer dickbauchigen Glasalumflasche stumpfsinnig an, während abgeschnittene Vogelfüße aus einem Kübel herausragten, als handele es sich nur um eine der zahlreichen Abarten von sonderangefertigten al-tertümlichen Regenschirmgriffen.

»Trockene Kehle?«, fragte Cayacu. Flinx nickte, und der Alte murmelte etwas zu einer Wand. Ver-gilbte und abblätternde Projektionstapeten schoben sich zur Seite, um eine blitzblanke und durchaus mo-derne Lebensmittellagerungseinheit zu offenbaren. Auf Flinx' Aufforderung hin kredenzte sie ihm ein großes Glas Maracuja-Orange-Guave-Saft, eisgekühlt. Durstig trank er es aus.

Unterdessen stopfte der Schamane ein paar ausge-suchte Objekte seiner Sammlung in einen Sack. Da-nach steckte er sich einen Stimstick an und bedeutete seinem Gast, ihm zu folgen. Sie traten aus dem Haus und gingen eine mit transparentem Pflasterwerkstoff versiegelte Straße hinunter, durch den Sand, Steine und zerkleinerte Muschelschalen hindurchschimmer-ten. Die meisten Häuser, an denen sie vorbeikamen, waren still und dunkel. Nur aus einigen wenigen drangen das Flackern und die Geräusche allabendli-cher Tridi-Unterhaltung zu ihnen heraus.

Sie ließen den kleinen Ort hinter sich und folgten einem schmalen Flusslauf, bis sie zu einer Stelle ka-men, wo sie ihn über eine Reihe von Steinen überque-ren konnten. Aus dunklen Augen blickte sie, aus dem Schlaf aufgeschreckt, ein Reiherpärchen an. Uner-müdlich goss der Halbmond seinen Glanz über den nahe gelegenen Strand und schenkte den ankom-menden Wellen einen ätherischem Schimmer.

Als sie die sandige Landzunge erreicht hatten, lenkten sie ihre Schritte in eine enge Felsspalte hinein und begannen zu klettern. Der Aufstieg war unbe-schwerlich und kurz, sodass Flinx sich bald schon hoch oben auf der Halbinsel stehend wiederfand. Hinter ihnen flimmerten die spärlichen Beleuchtun-gen der Ortschaft. Irgendwo jenseits der Bucht er-streckte sich das ausgedehnte Erholungsgebiet von Tacrica, weit genug entfernt, um mit bloßem Auge nicht mehr erkennbar zu sein, wenngleich seine Lich-ter den darüber liegenden südlichen Nachthimmel erhellten.

Die obere Landzunge war vollkommen nackt, nur etliche kleine bucklige Hügel durchzogen die anson-sten ebene Fläche. Als Flinx stehen blieb und eine Bemerkung über die Gleichförmigkeit der Erhebun-gen machte, kicherte der alte Schamane in sich hinein.

»Das ist nicht weiter verwunderlich, Söhnchen. Das waren einmal Lehmpyramiden, stark erodiert durch den Regen und Wind vieler Jahrhunderte.« Er voll-führte eine großartige Geste, als wären sie soeben in ein üppig ausgestattetes Salonzimmer getreten. »Die-ser Ort wird Pacyatambu genannt. Du stehst auf den Ruinen einer Moche-Stadt aus dem sechsten Jahr-hundert, die einmal die Heimat von fünfzigtausend Menschen war.«

Flinx staunte nicht schlecht. Abermals ließ er den Blick über seine Umgebung schweifen. Nun, da er um ihren Ursprung wusste, wurden auch die Umris-se der Pyramiden für ihn erkennbar. In seiner Fanta-sie füllte er die stille Leere mit dem Traumgebilde ei-nes bevölkerten Marktplatzes, mit müßig umher-schlendernden Adligen, Bauern, die die Ernte von den Feldern einbrachten, und Fischern, die ihren Ta-gesfang feilboten. Von einem hohen Balkon aus er-flehten in sich selbst versunkene Priester den Segen der Götter, und prächtige Wandmalereien tauchten die Stadt in ein Meer grellbunter Farben.

Sechstes Jahrhundert – A.D., nicht A.A. Mit einem Fuß scharrte er in dem Sand. Wie unglaublich lange das doch her war. Hatten einst vielleicht Vorfahren von ihm hier gelebt, zufrieden in ihrer Unwissenheit, glücklich in ihrer auf das Hier und Jetzt ausgerichte-ten Existenz? Höchstwahrscheinlich würde er es nie erfahren – genauso wenig wie seine unmittelbare Herkunft. Aber diese Sandufer und die Geheimnisse, die sie umfassten, auch sie waren ein Teil von ihm, ob es ihm nun gefiel oder nicht.

An diesem ungezähmten, windgepeitschten Ort er-fasste Flinx zum ersten Mal die uralte Geschichte der Menschheit in einer Weise, wie er sie noch nie zuvor begriffen hatte, nicht auf Moth und nicht auf einer der anderen besiedelten oder abgeschiedenen Welten, auf denen er in seinem kurzen Leben schon herumge-laufen war. Zum ersten Mal offenbarte sich ihm in vollem Umfang, was es hieß, ein Mensch zu sein, des-sen Vorfahren allesamt von jenem dritten Planeten stammten, der einen unbedeutenden Stern namens Sol umkreiste. All der Verachtung zum Trotz, die er sein Leben lang dafür aufgebracht hatte, verstand er nun, was Menschen meinten, die von der Erde als ih-rer Heimat sprachen, vor allem wenn sie durch eine Kluft von mehreren Generationen hinweg von ihr ge-trennt und woanders zur Welt gekommen waren.

Inzwischen hatte Cayacu eine unzeitgemäße schlichte Baumwolldecke auf dem Boden ausgebrei-tet. Jetzt legte er sich den Inhalt seines Sacks darauf zurecht: kleine Phiolen und Plastikbehälter, einen al-ten Dolch, antike Tonscherben, Knochen von Tieren und von Menschen, getrocknete Pflanzenteile, archa-isch anmutende Elektronikkomponenten, zwei aus-gebrannte Speicherchyps und mehr. Als der alte Mann damit fertig war, kauerte er sich mit gekreuz-ten Beinen neben die Decke, den Blick aufs Meer ge-richtet. Der Wind spielte mit den Spitzen seiner wei-ßen Haare. Dann schloss der Alte die Augen und be-gann zu singen.

Da er keine Instruktionen erhalten hatte und nicht wusste, was er sonst tun sollte, hockte Flinx sich ein-fach schweigend hin und schaute zu. Hin und wieder erwachte der Schamane aus seiner selbstherbeige-führten Trance, streckte einen Arm aus und berührte diesen oder jenen Gegenstand auf der Decke. Einmal beugte er sich vor, um die zwei Computerchyps und einen konservierten Salamander umzuarrangieren. Der Schrei einer einsamen Seemöwe hallte durch die Nacht. Pip, unter Flinx' Hemd, schlief glücklich und zufrieden.

Schließlich griff Cayacu, ohne seinen Singsang zu unterbrechen, nach einem Schraubdeckelbehälter und öffnete ihn, tauchte seine Finger in die Flüssigkeit und schnippte ein paar Tropfen auf seinen Gast. Sie spritzten dem jungen Mann ins Gesicht, und Flinx zuckte ein wenig zurück. Der Schamane vollführte das Ritual ein zweites Mal, dann verschloss er den Behälter. Augenblicke später endete die Zeremonie abrupt.

Mit offensichtlichem Stolz stand Cayacu auf und rieb sich die Schenkel und Waden, um wieder Gefühl in seine alten Glieder zu bekommen. »So, jetzt kann dir eigentlich nicht mehr viel passieren. Ich hab die Geister befragt, und sie haben mir beteuert, dass du in Sicherheit bist.« Er tippte mit dem Finger gegen ei-ne Brusttasche seines Hemdes. »Außerdem hat sich der Indikatoralarm, den ich auf dein Nachrichtenbild angesetzt hab, noch nicht gemeldet. Das bedeutet, dass die Polizei immer noch nicht weiß, wo du steckst.«

Flinx musst grinsen. »Also vertrauen Sie letzten Endes doch mehr der Technik als der Magie.«

Cayacu zuckte die Achseln, während er auf die Fels-spalte wies, durch die sie die versunkene Stadt betreten hatten. »Sagen wir mal so, Söhnchen: Eine totale Son-nenfinsternis ist mir lieber als eine halbe. Obwohl ich dich erst seit Kurzem kenne, dachte ich mir, dass du diesen Ort hier interessant finden würdest.«

»Sehr sogar.« Flinx schämte sich nicht zuzugeben, dass ihn der Anblick tief berührt hatte. »Danke, dass Sie mich hierhergebracht haben. Ich glaube, es hat mir geholfen, eine persönliche Beziehung zu erken-nen, die ich vorher nicht wahrhaben wollte.« Wäh-rend sie den Platz verließen, deutete er noch einmal auf die aufragenden Erdhügel. »Wieso wurden hier eigentlich keine Ausgrabungen gemacht?«

»In diesem Teil der Welt gibt es unzählige solcher Ruinen«, erklärte ihm der Schamane. »Viel mehr, als Geld vorhanden ist, um sie zu erforschen. Man könn-te hier ganze Hundertschaften von Archäologen be-schäftigen, und sie wären in tausend Jahren noch nicht fertig. Aber sie machen lieber Jagd auf die fi-nanziell lohnenderen Fundgruben, wo es noch Gold und Silber und edelsteinbesetzte Stücke zu holen gibt. Flecken, an denen die Menschen nur gewohnt haben, so wie Pacyatambu, rangieren auf der Liste zu erfor-schender Örtlichkeiten ziemlich weit unten.«

Sie erreichten den Fuß des steilen Felsufers und kehrten zurück zu der schlummernden Stadt und dem Haus des Schamanen. »Du kannst heute bei mir übernachten, Söhnchen. Morgen Abend werde ich dann versuchen, dich dahin zu bringen, wo du hin willst.«

Flinx sah ihn neugierig an. »Warum tun Sie das? Ich bin doch für Sie ein vollkommen Fremder. Wieso sollten Sie mir helfen wollen?«

Cayacu kicherte. »Es macht mir einfach Spaß, den Behörden eins auszuwischen. Was ich tue, rangiert von Amts wegen unter Entertainment. Ich bin zwar kein ewig Gestriger, der die Lebensweise längst ver-gangener Tage predigt, aber ich nehme diese alten Sitten und Gebräuche doch um einiges ernster als sie. Viel zu viele tragen ihre vermeintliche technologische Überlegenheit wie ein Paar zu enger Hosen. Nun, von Zeit zu Zeit, wenn die Umstände es erlauben, ergötze ich mich ganz gern an ihrem Unbehagen.«

Der Mond warf einen silbernen Pfad auf die ruhige See, der alles Leben auf dieser Welt entstammte, und damit auch der menschliche Verstand, der sich nun über den gesamten Arm dieser Galaxis ausbreitete. Flinx empfand einen Frieden, der ihm vordem ver-wehrt gewesen war. Doch es war ein sorgenschwerer Frieden und würde es auch bleiben, bis er sich end-lich die Informationen beschafft hatte, nach denen er suchte. Seine Fragen waren denkbar einfach. Allein die Antworten erschienen unbegreiflich kompliziert.

»Ich muss die Erde so schnell wie möglich verlas-sen. Und dafür muss ich unbedingt nach Nazca. Dort steht mein Shuttle.«

Der alte Cayacu nickte. »Meinst du, dass die Be-hörden es mit dir in Verbindung bringen könnten? Falls ja, sinken deine Chancen auf einen konfrontati-onslosen Abflug nämlich gewaltig.«

»Keine Ahnung.« Flinx dachte einen Augenblick nach. »Gut möglich, dass sie glauben, mich in Tacrica festgenagelt zu haben. Bisher haben sie, nehme ich an, von mir bloß dieses Fahndungsbild, und selbst das basiert nur auf dem Erinnerungsvermögen von Zeugen.«

»Kann man davon ausgehen, dass ihr Erinne-rungsvermögen gut ist?« Der Schamane machte einen kleinen Ausfallschritt, um einer aasfressenden Krab-be auszuweichen.

»In einem Fall bestimmt, fürchte ich.« Der Betrug an Elena Carolles belastete ihn noch immer. Doch er war notwendig gewesen. Wie genau war die Be-schreibung, die sie den Behörden von ihm gegeben hatte, und wie exakt das daraus resultierende Phan-tombild, das sicher in rauen Mengen unter die Leute gebracht wurde? »Aber ich hab ziemlich viel Übung darin, meine wahre Identität zu verbergen, wenn's um amtliche Kanäle geht. Und auch die KI meines Schiffs ist es gewohnt, im Falle entsprechender An-fragen nur irreführende Auskünfte zu geben.«

Weise Augen sahen ihn abschätzend an, während sie im Mondlicht gemeinsam den Strand entlangmar-schierten. »Du bist ein interessanter junger Mann, Söhnchen. Wie bist du denn zu einem eigenen Shuttle gekommen?«

Flinx versuchte die Sache herunterzuspielen. »Ich hab festgestellt, dass interessante Leute meistens auch interessante Freunde haben. Aus irgendeinem Grund hat man Interesse an meiner Person genommen. Manche waren mir wohlgesinnt, andere feindselig, und der Rest war einfach nur neugierig. Keine Ah-nung, warum. Ich bin bloß ein Bürger unter Milliar-den.«

»Na komm schon, bist du das wirklich? Ich mach mir da so meine Gedanken, warum die Behörden so wild darauf sind, dir ein paar Fragen zu stellen.« Noch während Flinx fieberhaft nach irgendeinem glaubhaften Märchen suchte, das er dem alten Mann auftischen konnte, winkte dieser bereits mit beiden Händen ab. »Nein, nein, lass gut sein – erzähl's mir lieber nicht. Ich will's gar nicht wissen.« Die Zähne des Alten blitzten in der Dunkelheit auf. »Falls sie mich später holen kommen, um mich in die Mangel zu nehmen, sollte ich besser nur Nichtigkeiten in meinem Gepäck haben. Unwissenheit ist oft der beste Advokat. Es reicht mir, zu wissen, dass du ein Stachel in den Weichteilen der Regierung bist.« Er zeigte nach vorn. »Fast daheim, Söhnchen. Ich hoffe, du bist nicht so ein Stadttyp, dem ohne den ständigen Lärm und Krach etwas fehlt. Hier in diesem kleinen Ört-chen schlafen wir in Stille.«

Flinx dachte an den endlosen freien Weltraum zwi-schen den Sternen, der in den vergangenen paar Jah-ren die meiste Zeit seine Zuflucht gewesen war. »Ich werde hier ganz hervorragend schlafen, Schamane. Glauben Sie mir, ich weiß, was Stille ist.«

Als sie am nächsten Abend die Küste hinaufschaukel-ten, fragte sich Flinx mehr als einmal, ob die uralte Klapperkiste von einem Skimmer, die sein Gastgeber sein Eigen nannte, es überhaupt den ganzen Weg bis zum Nazca-Breitengrad schaffen würde. Ganz zu schweigen von der Strecke, die landeinwärts zu dem Hochplateau führte, auf dem der Shuttlehafen lag. Und dadurch, dass Cayacu sich an die eher holprigen Routen abseits der für den Urlaubs- und Güterver-kehr angelegten Durchgangsstraßen hielt, trug er nicht eben dazu bei, ihre Chancen zu erhöhen.

Daher war es, als sie schließlich doch wohlbehalten an der Peripherie des Raumhafens ankamen, für Flinx fast so etwas wie ein kleiner Triumph. Die Sonne war schon lange untergegangen, und die einzige Beleuch-tung ging von der leistungsstarken Anflugbefeue-rung des Ports und von dem Schweif aus kalten Flammen aus, den ein sich mühsam in den Himmel emporhebendes Frachtshuttle hinter sich herzog. Wie geplant hatten sie ihr Ziel erst nach Einbruch der Dunkelheit erreicht: Je schlechter die Fahnder sehen konnten, desto größer die Chancen auf einen rei-bungslosen Abflug.

Zweifellos war der automatische Scanner am Chungillo-Gate von den beiden verdreckten, ver-mummten Gestalten, die im vorderen Teil des alters-schwachen Skimmers saßen, nicht sehr beeindruckt. Mit beinahe pikierter Flüsterstimme ließ er sie passie-ren. Unter seiner tief ins Gesicht gezogenen Baum-wollkapuze versuchte Cayacu nicht allzu sehr zu grinsen.

»Da erzählen sie einem andauernd, was für tolle und ausgeklügelte Erfindungen sie machen, und dann lassen sie sich durch eine simple Verpackung aus Schmutz und Schmierfett überlisten. Wirklich er-staunlich. Besonders angesichts der dicken, wenn auch nicht zu auffällig aufgetragenen Schichten.«

Flinx strich sich mit dem Finger über das blanke Kinn; es fühlte sich ganz glitschig an von dem stark riechenden Schmiermittel, das ihm sein Gastgeber vorausschauend zur Verfügung gestellt hatte. Die Einweglinsen, die seine natürliche Augenfarbe verbargen, juckten, und während der letzten paar Fahrtstunden hatte er zudem feststellen müssen, dass außer ihm noch etwas in dem versifften Kapuzen-wollumhang lebte, den Cayacu ihm aufgenötigt hatte. Doch die Tatsache, dass sie ohne Schwierigkeiten durch das Haupttor gekommen waren, linderte Flinx' Unbehagen deutlich.

Natürlich konnte es sein, dass das Gate noch nicht mit einer Kopie von seinem Bild aktualisiert worden war, welches zudem kein Foto war, sondern die Wie-dergabe eines Grafikers nach den Angaben der Poli-zei. Doch das war längst noch kein Grund, sich zu entspannen, wie er wohl wusste. Mehr als einmal hat-te er sein Leben nicht irgendwelchen vorbeugenden Maßnahmen, sondern einer ausgeprägten Paranoia zu verdanken gehabt.

Der Skimmer trudelte an der imposanten Nachbil-dung des Chimu-era-Mondtempels vorbei, die als Passagier-Empfangsbereich diente, am Frachtannah-meterminal vorüber und wurde, als sie sich einer be-reits deutlich besser gesicherten Absperrung näher-ten, schließlich langsamer. Hier endete der Weg für Gelegenheitsausflügler; die Raumhafenleitung legte keinen gesteigerten Wert auf Touristen, die zwischen geparkten Shuttles und Gleitern herumspazierten. Ohne entsprechende Legitimation kam hier niemand durch, und Flinx würde sich ausweisen müssen, woll-te er Zutritt erhalten. Kurz: Dies war der wahrschein-lichste Checkpoint für eine Konfrontation.

Anstatt auszuprobieren, ob sie einer genauen Überprüfung durch den automatischen Wachposten standhalten konnten, stellten sie den Skimmer ab und steuerten geradewegs auf das Sicherheitsbüro zu. Es war ein gewagter Schachzug, mit dem Ziel, eventuell vorgewarntes Personal schlichtweg zu überrumpeln. Ob er zu gewagt war, würde sich zeigen. Eine eindeu-tige Beurteilung dieser Entscheidung ließ sich erst aufgrund ihres Ergebnisses treffen.

Sollten die automatischen Vorrichtungen ihn er-kennen, so viel stand für Flinx fest, würden sie sich wohl kaum durch gutes Zureden oder manipulative Psychotricks beeinflussen lassen. Obwohl dies in mancher Hinsicht riskanter war, hatte er beschlossen, sein Glück bei Wachen aus Fleisch und Blut zu versu-chen.

Es waren drei an der Zahl, zwei Männer und eine Frau, und sie saßen auf ihren Posten hinter einem Schutzschirm. Dieser summte leise auf, als Cayacu ihn berührte, eine dezente Warnung, zurückzublei-ben. Jeder, der den Versuch unternahm, den Schirm zu durchbrechen, würde einen elektrischen Schlag bekommen, der stark genug war, ihn zu Boden zu strecken – jenseits des Eingangsportals. Gelangweilt schaute einer der Männer von seinen Überwa-chungsmonitoren auf und musterte die beiden Ein-treffenden lustlos.

»Ja? Was gibt's?«

Während Flinx dem Alten das Reden überließ, hielt er sich im Hintergrund und versuchte, sein Gesicht zu verbergen, ohne dabei wie jemand zu wirken, der eben dies tat. »Ich bin Cayacu von Pacyatambu, ein Schamane mit großer Erfahrung und mächtigem Wis-sen.« Er zeigte auf Flinx. »Und das ist Gallito, mein Gehilfe.«

Der Wachposten wirkte keineswegs beeindruckt. »So?«

»Ich bin von Freunden des Eigentümers gebeten worden, ein Fahrzeug, das hier abgestellt wurde, zu segnen.« Er griff in den Beutel an seiner Taille, fischte eine mit Federn versehene, nicht gerade lieblich rie-chende Rassel hervor und schüttelte sie kurz. »Ich hab alles dabei, was ich brauche.«

Der andere Mann blickte von seiner Phalanx aus Monitoren auf. »Fertige sie ab, Avro, und lass sie durch.« Ohne dem schweigend dastehenden Flinx die geringste Beachtung zu schenken, konzentrierte sich der Angesprochene allein auf den runzeligen Scha-manen. »Besser, Sie halten die Zeremonie kurz. Ich geb Ihnen zehn Minuten.«

»Vielen Dank, Sir.« Cayacu verbeugte sich, huld-voll und begab sich schlurfend nach links, um sich in den Abtastbereich des Sicherheitsscanners zu stellen. Flinx drängte sich an der Seite des alten Mannes ebenfalls in das kreisrunde Feld.

Ein kurzes Summen war zu hören, als der Scanner aktiviert wurde. Doch abgesehen von einem leichten Kribbeln auf der Kopfhaut deutete nichts darauf hin, dass irgendetwas passiert war. Das Summen hörte auf, die Kontrollleuchten erloschen, und die beiden Besucher traten auf der anderen Seite aus dem Ab-tastbereich.

»Einen Augenblick.« Stirnrunzelnd schaute der zweite Wachposten auf einen seiner Bildschirme und gab seiner Kollegin ein Zeichen. »Was ist das denn hier?«

»Moment mal, ihr zwei.« Der erste Sicherheitspo-sten erhob sich zwar nicht von seinem Platz, doch seine rechte Hand war ein gutes Stück nach unten geglitten und ruhte nun auf dem Griff seiner Waffe, die er in einem Holster an der Hüfte trug. Er wartete auf weitere Angaben seiner Kollegen.

Die Kollegin hob nun die Stimme. »He, Sie da, ›Ge-hilfe‹, kommen Sie doch mal her.« Flinx konnte Miss-trauen, Verunsicherung, Ablehnung bei ihr spüren. Nicht gerade eine verheißungsvolle Kombination.

Flinx warf einen Blick über die Schulter und ver-suchte die Höhe des Zauns abzuschätzen, der das Shuttle-Versorgungsareal umgab, und gleichzeitig seine Chancen abzuwägen, es darüber hinweg zu schaffen, bevor ihn das Raumhafensicherheitsperso-nal schnappte. Das Shuttle der Teacher befand sich etwa auf halber Höhe des vollgestopften Rollfelds. Er kam zu dem Schluss, dass seine Aussichten ausge-sprochen schlecht waren, selbst wenn der Zaun nicht unter Strom stand oder auf sonst irgendeine Weise aufgeladen war, um Unbefugte von dem Gelände fernzuhalten. Er machte ein paar zögerliche Schritte nach vorn.

Die Frau, die ihn zurückgepfiffen hatte, musterte ihn gründlich. Nach einem Augenblick des Schwei-gens fragte sie: »Was ist das für ein Ding unter Ihrer Montur? Da, auf Ihrer Schulter? Es wird mir hier als organisch angezeigt.« Sie wies auf einen ihrer Moni-tore.

Respektvoll gab er ihr Antwort. »Das ist ein Mini-drache – eine fliegende Schlange.« Was hätte er auch sonst antworten sollen?

Cayacu sprang in die Bresche. »Wir benutzen viele Arten von Schlangen bei unseren Zeremonien. Man-che sind lebendig, manche tot und einige in Flüssig-keit konserviert.«

Die Frau verzog angewidert das Gesicht. »Ver-schonen Sie mich mit Details. Sparen Sie sich die lie-ber für diese Touristen auf, die mehr Geld besitzen als Verstand.« Sie wandte sich wieder ihrem Monitor zu und murmelte irgendetwas zu ihrem Kollegen. »Das deckt sich mit dem, was ich hier sehe. Lass sie durch.«

Mit klopfendem Herzen folgte Flinx einem erstaun-lich gutgelaunt wirkenden Cayacu und schritt durch den deaktivierten Bereich der Umzäunung. Mit ei-nem leisen Knistern schloss sich die Lücke hinter ih-nen. Zehn Minuten hatte ihnen der Wachposten ge-geben. Flinx gab sich Mühe, sich nicht umzudrehen. Jeden Moment rechnete er damit, aufheulende Sire-nen und die Rufe verbissener Polizisten zu hören. Er schloss zu dem Schamanen auf und drängte ihn, et-was schneller zu gehen.

Flinx hatte in seinem jungen Leben schon so manch großartigen Anblick genossen, doch keiner war so bewegend gewesen wie die Silhouette des Teacher-Shuttles, das dort auf ihn wartete. Es sah nicht so aus, als hätte sich jemand daran zu schaffen gemacht. Über verbalen Kontakt aktivierte er die bordeigene KI, die ihm prompt versicherte, dass die Integrität des Schiffes von niemandem verletzt worden sei und kei-ne unautorisierte Person in seiner Abwesenheit hier herumgeschnüffelt habe. Das Shuttle war durchaus imstande, ein solches Individuum mit Gewalt am En-tern zu hindern, wie Flinx wusste, doch schon das Verweigern des Zutritts könnte ausreichen, um die örtlichen Behörden auf den Besitzer neugierig zu ma-chen. Falls tatsächlich jemand eine Verbindung zwi-schen ihm und diesem Shuttle hergestellt hatte, so hatte er diese Information zumindest noch nicht an jene weitergeleitet, die davon Gebrauch machen konnten. Wie dem auch sei, Flinx hatte nicht vor, ih-nen noch mehr Zeit zu geben, ihm noch auf die Spur zu kommen.

Ein paar codierte, verbal erteilte Kommandos, eine kurze Sicherheitsüberprüfung seitens der KI, und schon stand der hintere Einstiegslift sperrangelweit offen. Flinx wandte sich um, dem alten Schamanen Lebewohl zu sagen, und nahm die faltigen Hände fest in die seinen.

»Ich stehe tief in Ihrer Schuld, Cayacu. Wie kann ich mich jemals dafür revanchieren?« Ein rascher Blick nach Süden verriet, dass in der näheren Umge-bung der Sicherheitssperre immer noch alles ruhig war. Die Wachposten mussten nur noch ein paar lau-sige Minuten in ihrer Langeweile verharren, dann würde er außerhalb ihrer Reichweite sein.

Der alte Mann lächelte ihn aufmunternd an. »Misch einfach weiter die Behörden auf, Söhnchen. Tue stets das Unerwartete.« Kichernd trat er zurück und fing an, in seinem Beutel herumzukramen. »Ich hab so das Gefühl, dass du ein ziemliches Talent dafür hast.«

Flinx lächelte dankbar und wandte sich zum Ge-hen, doch dann zögerte er plötzlich. »Was machen Sie da eigentlich?«

Eine arg ramponierte Rassel mit farbenprächtigen tropischen Vogelfedern kam aus dem Beutel zum Vorschein. »Ich sorge dafür, dass dein Schiff eine or-dentliche Weihe erhält, natürlich. Du glaubst doch nicht etwa, dass ich dich ohne den Segen der Altvor-deren davonziehen lasse, oder?« Er schloss halb die Augen und begann wieder mit seinem Singsang.

»Besten Dank.« Flinx setzte sich in Richtung Lift in Bewegung und sprach die letzten Worte über die Schulter: »Trödeln Sie besser nicht zu lange hier rum, sonst verpasst Ihnen die Rauchgasexplosion des Shut-tles am Ende noch selbst eine Weihe.«

Cayacu beendete seine Zeremonie und entfernte sich von dem Shuttle, als dessen leistungsstarke Trieb-werke zum Leben erwachten. Ein Wort in einen Sprachempfänger, und er war aus dem Parksektor heraus und wieder im eigentlichen Hafen. Während er seinen hoffnungslos veralteten Skimmer mit viel Überredungskunst und Fingerspitzengefühl zur Hauptausfahrt hinaus und wieder zurück zur nächt-lichen Küste lenkte, konnte er zu seiner Linken, dort, wo der Raumhafenzubringer von der großen Nord-Süd-Trasse des Lima-Ballungsgebiets abging, rege Aktivitäten erkennen. Ungewöhnlich für diese nacht-schlafende Zeit, dachte er bei sich. Was konnte bloß der Grund dafür sein?

Hoch über ihm raste bereits ein kleines, wiewohl extrem leistungsfähiges Shuttle durch die Stratosphä-re.

Den Weg nach Süden, Richtung Heimat, einschla-gend, hatte der Schamane niemanden als sich selbst, dem er zugrinsen konnte. Doch das reichte ihm voll-kommen aus. Nicht alle Magier waren alt, und nicht jede Magie, wie er wohl wusste, war ihm vertraut. Einige magische Künste waren klein, einige groß, und einige sogar für einen Schamanen absolut unerklär-lich. Aber das ging völlig in Ordnung. Er verspürte nicht Ärger noch Neid.

Es war ein gutes Gefühl, einem Bruder in Not ge-holfen zu haben.