Die Echsenwelt
Kapitel 5
5
Die reine, klare Leere des Weltraums, die ihn emp-fing, als das Shuttle aus der Atmosphäre Terras aus-trat, erfüllte Flinx mit Erleichterung.
Das nicht etwa deshalb, weil sich seiner sicheren Abreise nun nichts mehr in den Weg stellen konnte. Abgesehen von den Handelsstationen, die die Hei-matwelt umkreisten, befanden sich noch jede Menge Militärdepots und andere Regierungseinrichtungen im permanenten Orbit, zu denen die Öffentlichkeit keinen Zutritt hatte. Niemand konnte einen strate-gisch so sensiblen Ort wie die Erde einfach anfliegen und sich von dort wieder mit einem Shuttle absetzen, wie es ihm gerade passte. Die Identitäten der betref-fenden Schiffe und der Personen, die sie transportier-ten, mussten festgestellt und verarbeitet werden; et-waige Quarantänemaßnahmen wollten erwogen und eingeleitet, Anflug- und Einreisegenehmigungen er-teilt sein, wenngleich ein Abflug keine ganz so kom-plizierte Angelegenheit darstellte. Niemanden küm-merte es sonderlich, wenn eine kontaminierte Mann-schaft oder Fracht aufbrach, den leeren Raum zu ver-seuchen.
Und obwohl er unbehelligt blieb, als die Triebwer-ke seines Shuttles von Fluchtgeschwindigkeit auf Manövrierbetrieb umschalteten, behielt Flinx jeden Monitor im Cockpit aufmerksam im Auge. Das war im Grunde genommen nicht nötig: Das Shuttle würde ihn unverzüglich wissen lassen, wenn irgendjemand sie anrief. Doch er war viel zu nervös, um einfach nur in das Korsett seines Beförderungsgurtzeugs einge-zwängt dazusitzen, während das Schiff durch den Orbitalverkehr zu der dahindriftenden Teacher em-porstieg. Darum schwebte er ungesichert im Piloten-sitz und hielt sich nur mit den Händen an den Arm-stützen an seinem Platze fest.
Pip taumelte behaglich um die eigene Achse quer durch die Kabine. Sie hatte sich bereits vor Jahren an die Schwerelosigkeit gewöhnt und wusste die zeit-weilige Befreiung von den Kräften der Gravitation durchaus zu genießen. Der Fesseln der Erdanzie-hungskraft entbunden, ringelte und schlängelte sich das kleine Geschöpf durch die Luft, flatterte fröhlich mit den Flügeln und sah ein bisschen wie eine schwimmende Nacktschnecke aus. Einmal an Bord der Teacher, würde das von deren Posigravantrieb er-zeugte künstliche Schwerefeld sie früh genug zwin-gen, sich wieder aus eigener Kraft über dem Boden zu halten.
Wie alle Schiffe, die auf ihren Abflug aus dem Son-nensystem warteten, war die Teacher ein gutes Stück abseits des überfüllten Äquatorialgürtels geparkt. Je weiter sich das Shuttle von dem funkelnden Plane-tenschmuckreif aus großen und kleinen, bemannten und automatisierten Stationen entfernte, umso opti-mistischer wurde Flinx. Und als sich die Teacher schließlich groß genug vor der Sichtluke abzeichnete, um sie mit bloßem Auge erkennen zu können, hätte er am liebsten einen Luftsprung gemacht, wenn das bei Nullgravitation gefahrlos gegangen wäre.
Jetzt gab es für ihn nichts mehr zu tun, außer sich zu entspannen, zuzuschauen und abzuwarten. So gut wie alles in der modernen Raumfahrtnavigation wurde von Robotern und Automaten erledigt, schnel-ler, effizienter und präziser, als jeder menschliche Pi-lot dies hätte bewerkstelligen können. In früheren Zeiten waren, wie Flinx wusste, Maschinen konstru-iert worden, um den Menschen zu unterstützen. In-zwischen fungierten die Menschen als Unterstützung für ihre von Meisterhand gefertigten Maschinen. Shuttle und Mutterschiff kommunizierten vermittels komprimierter Daten, die in unvorstellbarer Ge-schwindigkeit ausgetauscht wurden, während ihr Kapitän und dessen schlangenartige Begleiterin auf ihre gemeinsam erteilte kybernetische Erlaubnis war-teten, vom einen Schiff aufs andere umsteigen zu dürfen.
Unvermittelt leuchtete an der Steuerkonsole eine Kontrolllampe auf, und eine klare Stimme drang in das Cockpit: »An das Shuttle mit der Kennung eins-eins-vier-sechs, hier Peaceforcer-Station Chagos. Bitte melden Sie sich.«
Flinx stieß einen leisen Fluch aus, zögerte die Be-antwortung des Funkspruchs so lange hinaus, wie es ihm gerade noch vertretbar erschien. Indessen waren die Shuttle-Triebwerke gänzlich verstummt, und das Atmosphärefahrzeug trieb mit geregelter Präzision in den geöffneten, wartenden Schiffsraum an der Back-bordseite der Teacher hinein.
»Chagos-Station, hier eins-eins-vier-sechs. Wie ist denn bei euch so das Wetter?« Draußen schob die Licht-Schatten-Grenze einen dunklen Schwaden über den saphirblauen Glanz des Indischen Ozeans.
»Kommt drauf an, auf welcher Seite der Station Sie sich sonnen, eins-eins-vier-sechs. Uns liegt ein gene-relles Ersuchen aus dem westlichen Südamerika vor, alle, ich wiederhole, alle abfliegenden Schiffe für den Zeitraum einer halben Orbitalperiode festzuhalten. Es handelt sich um eine ganz allgemeine Sicherheits-maßnahme, die sämtliche Schiffe, die das System ver-lassen wollen, betrifft, und ist keineswegs gegen Sie persönlich gerichtet. Ist es Ihnen möglich, dieser be-sonderen Situation zu entsprechen?«
Gedämpfte, scheppernde Geräusche hallten vom Rumpf des Shuttles wider, als es angekoppelt und in seiner Andockbucht verankert wurde. Flinx streckte die Arme und schwebte mühelos aus seinem Piloten-sitz heraus. Dann sammelte er Pip auf und stieß sich mit den Füßen in Richtung Hauptausstieg ab. Norma-le Schwerkraftbedingungen würden erst dann wieder zurückkehren, wenn die notwendige Unterstützung durch den KK-Antrieb der Teacher reaktiviert war.
»Kein Problem«, antwortete er nonchalant, wis-send, dass der omnidirektionale Sprachempfänger des Shuttles seine Stimme orten und verstärken wür-de. »He, ihr Rumtreiber, erzählt mal – was ist denn da eigentlich los?«
»Wissen wir noch nicht.« Die Stimme von der Sta-tion klang aufrichtig. »Innerhalb der nächsten halben Stunde sollen wir Näheres erfahren, hieß es. Aber ir-gendwas scheint den Bürohengsten da unten ziemlich wichtig zu sein. Was immer es ist, es ist jedenfalls bri-sant genug, um sowohl Orbit- wie Landratten einen Tritt in den Arsch zu verpassen und ihnen Beine zu machen. Lassen Sie sich einfach gemütlich weitertrei-ben. Wir halten Sie auf dem Laufenden.«
»Muss wohl was Ernstes sein.« Mit einem leisen Zi-schen vermischte sich der Sauerstoff der eben noch vor sich hin dösenden und nun wieder auflebenden Teacher mit dem des Shuttles. Kaum hatte sich das Schott geöffnet, meldete Flinx sich an Bord zurück. In angemessenem Schweigen nahm das Schiff seine An-kunft zur Kenntnis, identifizierte ihn und begann damit, sich selbst aufzuwecken. Es würde bloß ein paar kurze Augenblicke dauern, bis sämtliche Syste-me wieder aktiviert und hochgefahren waren. Was gut war, denn mittlerweile blieben ihm nur mehr we-niger als dreißig Minuten, um das Solar-System zu verlassen und trotzdem eine Konfrontation zu ver-meiden.
Natürlich ließ sich nicht mit Gewissheit sagen, ob der orbitale Generalalarm etwas mit ihm und seiner Flucht aus Nazca zu tun hatte. Es mochte sich auch durchaus um eine völlig andere Angelegenheit han-deln. Er wusste nur, dass er es nicht darauf ankom-men lassen konnte. Und noch viel weniger durfte er es riskieren, sich plötzlich einem waffenstrotzenden Peaceforcer gegenüberzusehen, der ausgeschickt worden war, um ihn in Gewahrsam zu nehmen.
Während Flinx aus dem Shuttle schwebte und eine flatternde Pip sacht hinter sich herzog, begann die Schwerkraft wieder einzusetzen. Er richtete sich auf-recht zum Boden aus, damit er, wenn das Feld seine volle Stärke erreichte, auf den Füßen und nicht auf dem Kopf landen würde. Ohne sich damit aufzuhal-ten, den Status der übrigen Schiffssysteme zu über-prüfen, begab er sich direkt auf die Brücke. Zwanglos wurde er dort vom Schiff, entsprechend dessen Pro-grammierung, begrüßt.
»Kurs setzen zum Verlassen des Systems«, befahl Flinx, während er auf dem bequemen Sessel gegen-über der Hauptkonsole Platz nahm. Er hätte dieselbe Anweisung auch von jedem beliebigen anderen Ort auf dem Schiff erteilen können, einschließlich seines Schlafraums, aber nur hier hatte er Zugriff auf alle re-ziproken Funktionen.
»Ziel?« Heute sprach das Schiff zur Abwechslung mit der Stimme eines freundlichen alten Thranx.
»Manuelle Übertragung. Bestätige Erhalt der Ko-ordinaten.« Flinx holte den Nanospeicherchyp aus seiner Tasche hervor und steckte ihn in den entspre-chenden Slot. Das Schiff antwortete in weniger als sechzig Sekunden.
»Koordinaten gespeichert. Ich sehe mich veran-lasst, eine Warnung auszusprechen. Das vorgesehene Ziel befindet sich außerhalb der Commonwealth-Grenzen, abseits aller sicheren Sektoren und jenseits der neutralen Zone. Beabsichtigen Sie wirklich in das Hoheitsgebiet des AAnn-Kaiserreichs einzudringen?«
»Ich bin mir der Position des durch diese Koordi-naten bezeichneten Ortes bewusst. Schnellstens fort-fahren.«
»Ganz wie Ihr befehlt, o mein Meister.«
»Und spar dir deinen Sarkasmus!«, schnauzte Flinx die KI des Schiffs an, obwohl er selbst es gewesen war, der eine solche Antwort einst als eine von meh-reren Möglichkeiten zugelassen hatte.
Draußen vor der Teacher, hinter dem riesigen Ener-giefächer, der den Resonator für den KK-Antrieb dar-stellte, tauchte ein winziger leuchtender Punkt auf, als der Caplis-Generator aktiviert wurde. Langsam zunächst und dann allmählich Fahrt aufnehmend setzte sich das Schiff in Bewegung. Flinx saß ange-sichts des Tempos wie auf heißen Kohlen. Der Über-gang, der Wechsel vom Normalraum in den Plus-raum, wo interstellares Reisen möglich war, konnte nicht innerhalb des Sonnensystems stattfinden. Die Sicherheitssysteme der Teacher würden es nicht zulas-sen. Und solange er den Übergang nicht geschafft hatte, konnte er verfolgt werden. Ob er danach noch zur Strecke gebracht werden konnte, war eine andere Frage.
Der Kurs der Teacher führte sie unterhalb der Eklip-tikebene aus dem Sonnensystem heraus. Infolgedes-sen war es relativ ausgeschlossen, dass sie von einer der zahlreichen Militär- oder Handelsbasen, die sich an abgelegenen Standorten des Systems wie Europa oder Triton befanden, aufgehalten wurden. Je mehr Abstand er zwischen sich und die Erde brachte, desto größer die Wahrscheinlichkeit für eine erfolgreiche Flucht.
In dem Moment ertönte eine krächzende Stimme in der kühlen, angenehmen Luft auf der Brücke. »Inter-stellarer Handelsraumer Delarion Maucker«, rief man ihn schroff, dabei die falsche Identifikation benut-zend, die Flinx den orbitalen Behörden bei seiner An-kunft vorgelegt hatte, »es besteht eine generelle War-tezeit für alle Schiffe aus dem Orbit. Wie kommen Sie also dazu, die Mondsphäre zu kreuzen und dabei auch noch zu beschleunigen. Sie haben keine Starter-laubnis erhalten.«
»Tut mir leid.« Wieder übermittelte ein omnidirek-tionaler Sprachempfänger seine Antwort. »Wir haben Terminpläne einzuhalten. Wichtige Fracht für Rhyin-pine. Schätze, irgendjemand ist da wohl mit der Mit-teilung nicht korrekt verfahren. Wollen Sie, dass wir das Startprogramm abbrechen und umkehren? Ich wiederhole: Wollen Sie, dass wir das Startprogramm abbrechen und umkehren?«
Es entstand eine Pause, so, wie Flinx es erwartet hatte. Niemand mochte die Verantwortung dafür übernehmen, den Flug eines bereits abgefertigten und auf Kurs gesetzten Frachtschiffs zu unterbre-chen. Seine prompte Antwort auf den Funkspruch und seine signalisierte Bereitschaft, sich im Zweifels-fall den Anweisungen der Obrigkeit zu fügen, wür-den hoffentlich ausreichen, jeden Verdacht zu zer-streuen. Andernfalls hätte er ein Problem. Denn nun, da der KK-Antrieb des Schiffs in vollem Umfang ak-tiviert war, konnte er die beachtlichen Tarn- und Schutzmöglichkeiten der Teacher nicht mehr nutzen.
»Delarion Maucker«, wiederholte die eindringlich warnende Stimme schließlich, »haben Sie soeben ein Andockmanöver mit Shuttle-Schiff eins-eins-vier-sechs ausgeführt?«
»Was ist das?« Bedeutungsschwangere Ziffern und Zeichen schwebten wie betrunkene Feuerkäfer über der Konsole. Mit Kurs aus dem Sonnensystem heraus wurde die Teacher zunehmend schneller. »Die Ver-bindung wird schlechter, ich kann Sie nicht mehr ver-stehen. Bitte überprüfen Sie Ihr Übertragungsfeld, und wir stellen unsere Empfänger auf höheren Sprachdurchsatz um.«
Selbstredend war mit der Technik an beiden Enden der Kommunikationsverbindung alles in Ordnung. Flinx hatte jedes Wort, das in seine Richtung gesendet worden war, glasklar verstanden. Doch bis die ver-meintlich schlechten Bedingungen zur Zufriedenheit aller optimiert worden waren, zog die Teacher bereits mit grell expandierendem KK-Antriebsfeld ihre Tan-gente an der Orbitalsphäre des Uranus vorbei. Die künstlich erzeugte Gravitationsverzerrung hatte schon begonnen, sich zu einer Tropfenform zu ver-ziehen, das sich verjüngende Ende rückwärts drän-gend, um den Raum gleich hinter der Verdickung des Feldes zu krümmen – exakt dort, wo sich die Teacher befand.
»Delarion Maucker.« Die ursprüngliche Stimme hat-te einer anderen Platz gemacht, die ebenso verärgert wie nachdrücklich klang. »Sie haben Anweisung, Ih-ren Flug nach Rhyinpine zu unterbrechen und umge-hend in den Erdorbit zurückzukehren. Es handelt sich um eine ausdrücklich an Ihr Schiff gerichtete Anordnung. Ich wiederhole: Sie haben Anweisung, Ihren Flug –«
Um die Teacher herum verschob die beeindrucken-de Kraft des KK-Antriebsfelds sich selbst und alles, was es in seinem Innern umschloss, vom gewöhnli-chen Raum in die Regionen jener komprimierten Rea-lität, die gemeinhin als Plusraum bekannt war. Die Geschwindigkeit, oder vielmehr das, was man im normalen Universum darunter verstand, nahm ex-plosionsartig zu. Die beherrschenden Stimmen und Geräusche, die zur Erde gehörten, rissen ab – jäh zum Verstummen gebracht durch erreichte Distanzen, die sich am ehesten als absurd bezeichnen ließen. Zwei Peaceforcer-Patrouillenschiffe, die von Triton herbei-beordert worden waren und sich mit Höchstge-schwindigkeit in Bewegung gesetzt hatten, erreichten die angesteuerten Zielkoordinaten fünf Minuten nachdem sich dort nichts mehr befand. Anderenorts, auf der fernen Erde, kochten ein paar Behördenmit-arbeiter vor Wut.
Unterdessen konnte Flinx innerhalb der zwanglo-sen, heimischen Wände der Teacher aufatmen. Solan-ge ein Schiff sich im Plusraum aufhielt, war es einem anderen nicht möglich, es zu verfolgen oder gar zu stellen. Die Navigationssysteme der Teacher hielten Kurs – einen Kurs, dessen Ziel nicht etwa Rhyinpine war, sondern eine unbekannte Welt in den Randbe-zirken des AAnn-Kaiserreichs.
Nein, nicht ganz unbekannt, erinnerte Flinx sich selbst. Irgendjemand, der mit einer scheinbar harmlo-sen Nahrungsmittel-Produktionsfirma in Zusam-menhang stand, war auf dem Weg dorthin. Er war auf dem Weg dorthin. Allein aufgrund dieser Tatsa-che fiel die betreffende Welt aus dem Register der unbekannten heraus. Wer ihm da voraneilte und warum, musste er erst noch herausfinden.
Für gewöhnlich vagabundierten Commonwealth-Schiffe nicht jenseits der neutralen Zone, die als Tor-see-Provinzen in den Sternenkarten geführt wurde. Es war nicht sehr klug, das zu tun. Die kulturellen Ideale und Gepflogenheiten der AAnn waren ge-meinhin bekannt. Und die Rolle des nachsichtigen Hausherrn zu spielen zählte definitiv nicht dazu. Nein, er musste äußerst still und heimlich zu Werke gehen. In diesem Punkt hatte er seines Wissens einige entscheidende Vorteile auf seiner Seite, auf die jene, die ihm vorausflogen, verzichten mussten. Dank des einzigartigen Geschicks ihrer ulru-ujurrischen Erbau-er hatte die Teacher ein paar Tricks auf Lager, über die kein anderes KK-Schiff verfügte. Er würde mit ziem-licher Wahrscheinlichkeit von ihnen Gebrauch ma-chen müssen, wollte er ohne Zwischenfall in den AAnn-Raum vordringen und ihn wieder verlassen.
Doch nicht nur die rätselhafte Suche, die vor ihm lag, beschäftigte ihn, sondern auch jener unscheinba-re blauweiße Ball, der mittlerweile als unsichtbares Staubkorn im All hinter ihm lag.
So – das also war die Erde.
Besonders viel hatte er vor seiner ersten Ankunft dort nicht nachgedacht und hätte auch nie damit ge-rechnet, dass ein zweiter Besuch etwas an seiner Ein-stellung zu diesem Planeten ändern könnte. Bis der alte Schamane Cayacu ihn mit seiner wirklichen Ver-gangenheit in Berührung gebracht hatte. Eine einzige kalte Nacht an einer abgelegenen Küste des Ozeans, inmitten von Ruinen einer längst versunkenen Kul-tur, hatte alles geändert. Da erst hatte er begriffen, dass die Erde wahrlich auch seine Heimatwelt war, und zwar in einer Weise, in der Moth, die Welt seiner Kindheit und Jugend, es nie gewesen war und nie-mals sein konnte. Interessant, dachte Flinx bei sich. Offensichtlich musste man an einem Ort nicht aufge-wachsen sein, um ihn als Heimat zu empfinden.
Er schaute zur Backbordluke hinaus und betrachte-te die Krümmung des verzerrten Raums. Moth moch-te vielleicht die Zuflucht seiner Kindertage sein, und die Erde die Heimstatt seiner Ahnen, doch sein Zu-hause war jetzt dieses Schiff. In seinem Kopf herrsch-te zum ersten Mal seit Wochen vollkommene Stille. Weder droschen heftigen Emotionen auf ihn ein, noch spornten überbordende Gefühle die vertrauten häm-mernden Kopfschmerzen an. Seine Sehkraft war klar und ungetrübt. In der Leere des Alls herrschte Friede.
Aufseufzend lehnte er sich zurück und erteilte dem Schiff Order, ihm ein großes, kühles und süß schmek-kendes Getränk zusammenzumixen. Dies waren die Vorzüge von Besitzstand und Befehlsgewalt. Aber er hätte sie mit Freuden samt und sonders für ein ganz normales Leben eingetauscht. Stattdessen musste er sich mit Eis, Zucker und Geschmacksstoffen begnü-gen.
Die nächste Stunde brachte er damit zu, sich im Hauptaufenthaltsraum des Schiffs herumzufläzen, der ebenso ein Schutzhort vor überreizten Gedanken war wie die friedvolle, kalte Ödnis, die sich jenseits des Schiffsrumpfs befand. Erst kürzlich war er auf Vordermann gebracht und nach seinen Vorstellungen umgestaltet worden.
Anstelle von Kunstdrucken großer Meister, synthe-tisch erzeugtem Environment oder sündhaft teuren Holos bestand das gegenwärtige Interieur fast aus-schließlich aus echtem und naturbelassenem Materi-al. In seinem Bedürfnis, sich mit etwas Organischem zu umgeben, stellte Flinx unter den Weltraumreisen-den keine Ausnahme dar. Und so erklärte sich auch die nur auf den ersten Blick widersinnig erscheinende Existenz von Firmen, die sich darauf spezialisiert hat-ten, kunstvoll arrangiertes Felsgestein, Strände, Bäu-me und Blumen in die künstlichen Räumlichkeiten interstellarer Raumschiffe zu integrieren. In dieser Hinsicht hatten die Ulru-Ujurrer den Wünschen ihres jungen Freundes in geradezu bewunderungswürdi-ger Weise entsprochen. Die Teacher verfügte über Vorrichtungen, die es Flinx gestatteten, die Innenaus-stattung nach Gutdünken zu ändern.
Der Baumstamm, auf dem er soeben ausgestreckt dalag, bestand aus einem hölzernen Material, doch weder war es echtes Holz, noch war der Stamm je-mals in irgendeinem Sinne lebendig gewesen. Dafür war er herrlich anschmiegsam und passte sich perfekt der Krümmung seiner Wirbelsäule an. Auf der ande-ren Seite des Badeteichs, der während der Reise von der überschüssigen Energie des KK-Antriebs und bei Schiffsruhezustand durch eine transparente Mem-bran an Ort und Stelle gehalten wurde, plätscherte lustig ein kleiner Wasserfall ins klare Nass. Fische, die Flinx im Anschluss an die Fertigstellung des Schiffes hinzugefügt hatte, dümpelten träge am Grund dahin, während in den seichten Stellen aus importierten Kaulquappen herangewachsene Frösche und schlanke Grunps von Moth auf Futtersuche wa-ren.
Computergesteuerte Brisen strichen über das Was-ser und die Uferlandschaft. Das gegenwärtige Licht war das eines Abends nach einem leichten Regen, entsprechend der Beleuchtungseinstellung, die Flinx nach Lust und Laune vorgeben konnte. Mit nur ei-nem einzigen Wort konnte er einen alles durchträn-kenden Wolkenbruch heraufbeschwören, ohne dass er selbst nass wurde, eine linde tropische Nacht, ei-nen strahlenden Sonnenauf- oder heiteren Sonnenun-tergang oder einen wolkenlosen Abend, an dessen Himmel die Sterne mit sorgsam vorprogrammiertem Kalkül gesät worden waren. Ja, er konnte über sich jeden beliebigen Stern zum Leuchten bringen und ihn aus allen möglichen Perspektiven Hunderter ver-schiedener Welten darstellen lassen. Und wenn ihm der Sinn nach Sternschnuppen stand, dann konnte er sich auch die wünschen. Oder Kometen, oder das Gastspiel eines umherziehenden Nebels. Dekorative und stimmungsvolle Simulakren von nahezu allem, was es im Universum gab, standen auf sein Verlan-gen hin zu seiner Verfügung.
Und doch zog er seinen kleinen Wasserfall, den Teich und die Pflanzen ringsum, die von der Schiffs-automatik fürsorglicher gehegt und gepflegt wurden, als jeder menschliche Gärtner dies zu tun vermochte, allen Technologien vor, deren Zweck allein darin be-stand, die Sinne zu täuschen.
Die Pflanzen selbst stellten ein interessantes Sam-melsurium dar, das aus der Flora von etwa einem halben Dutzend Welten zusammengestellt war. Viele von ihnen verdankten ihre Herkunft terranischen Ar-ten. Andere indessen nicht. Unter Letzteren befand sich ein zauberhaftes Sortiment, das von jenem An-laufhafen herstammte, zu dem es ihn erst kürzlich verschlagen hatte, einer fast vergessenen Kolonie, die von ihren Bewohnern den Namen Midworld erhalten hatte. Als die Zeit gekommen war, von diesem Ort wieder Abschied zu nehmen, hatte er nicht nur den enttäuschten Zweiten Wissenschaftlichen Berater Druvenmaquez dort zurückgelassen, sondern auch einige neue Freunde, die er unter den ursprünglich menschlichen Eingeborenen gefunden hatte. Zu ih-nen zählten der Jäger Enoch sowie eine attraktive junge Witwe namens Teal. Die beiden waren zutiefst betrübt gewesen über seinen bevorstehenden Abflug und hatten ihn nicht ohne Geschenke ziehen lassen wollen.
Flinx, der mit Schnitzarbeiten oder Halsschmuck aus einheimischen Hölzern und Obstkernen gerech-net hatte, war nicht wenig überrascht gewesen, sich unvermittelt im Besitz einiger behutsam umgepflanz-ter Gewächse zu befinden – deren Spektrum von moosähnlichen Kissen über bodendeckende Sträu-cher bis hin zu knospenden Schößlingen reichte. Und da er partout keinen Weg gefunden hatte, die Ge-schenke auf diplomatische Weise zurückzuweisen, hatte er dafür gesorgt, dass die Pflanzen vor seinem diskreten Aufbruch allesamt auf sein Shuttle ge-schafft wurden. Vom Frachtraum aus waren sie so-dann von den automatischen Vorrichtungen der Tea-cher in den Aufenthaltsraum weiterbefördert worden, wo sie unverzüglich in Humus eingesetzt wurden, der mit hoher Wahrscheinlichkeit am geeignetsten war, ihr Überleben zu sichern.
Rückblickend erschien ihm die Wahl der Geschen-ke, die ihn seinerzeit so überrascht hatten, als völlig logisch. Was lag näher, als dem Besucher auf einer Welt, die komplett von Wald überzogen war, zum Andenken eine mit viel Liebe zusammengestellte Kollektion von Zimmerpflanzen zu überreichen? Oder Schiffspflanzen, in diesem Fall. Nachdem Flinx zuerst nicht gewusst hatte, was er von den unge-wöhnlichen Souvenirs halten sollte, mochte er sie in-zwischen nicht mehr missen. Sie brachten Duft und Farbe in sein Wohnzimmer.
Ein Strauch besaß lange, breite Blüten in Zinnober-rot mit knallblauen Sprenkeln. Ein anderer brachte gedrungene purpurne Zapfen hervor, deren Samen, wenn man sie knackte und zu Pulver zermahlte, das beste Brotgewürz abgaben, das er jemals gekostet hat-te. Ein kleiner Setzling, von dem ihm versichert wor-den war, dass er nicht irgendwann einmal die Schiffshülle sprengen würde, erklang wie eine Flöte, wenn eine künstlich erzeugte Brise über seine schilf-artigen Äste hinwegstrich. Zwei weitere Gewächse erfüllten den Raum mit dem betörenden Aroma von Granatapfel und Nelke, während ein anderer einen starken Vanillegeruch verströmte.
Die neuen Pflanzen bereicherten das Leben um herrliche Düfte, interessante Speisen und eigentümli-che Laute, ganz wie der immense Wald auf Mid-world. Sie waren jedoch, wie Teal ihm mehrfach ver-sichert hatte, nicht zu dem wirklich mörderischen Verhalten fähig, durch das sich viele der dortigen Gewächse auszeichneten. Nein, Teal und ihre Freun-de hatten eine sorgfältige Wahl getroffen, und Flinx musste sich keine Sorgen machen, wenn er seine neu-en grünen Gefährten berührte oder sie um ihre Früch-te erleichterte. Nachdem er aus allernächster Nähe und entschieden zu oft Zeuge der einzigartigen Mög-lichkeiten geworden war, welche die aggressive Ve-getation von Midworld zu ihrem Schutz entwickelt hatte, war er über diesen Umstand aufrichtig froh.
Dessen ungeachtet hatte er sich den neuen Pflan-zen in den ersten Wochen trotzdem nur mit äußerster Vorsicht genähert. Doch nachdem er dann den Plus-raum verlassen hatte und ins Terra-System eingetre-ten war, hatten sich auch die letzten Bedenken ver-flüchtigt. Inzwischen wanderte er unter seinen neuen Freunden ebenso frei umher wie unter den alten. Von ihren intensiven Düften einmal abgesehen, unter-schieden sich die Midworld-Gewächse kaum von New-Riviera-Rosen oder alaspinischen Palmetten.
Dennoch gab es einen Unterschied. Und dieser war beträchtlich, beträchtlicher sogar, als Flinx sich vor-stellen konnte. Nur dass er ihn nicht zu erkennen vermochte.
Sein eigener Gemütszustand hätte bereits einen Hinweis liefern können, wäre er nur imstande gewe-sen, die Veränderung zu bemerken. Doch jemand, der sich im Großen und Ganzen gesund und entspannt fühlt, gut isst und gut schläft und sich im Einklang mit dem Universum befindet, hält selten einen Au-genblick inne, um über die Gründe für seine Zufrie-denheit nachzudenken. Ein älterer, weiserer Mensch wäre vielleicht auf den Gedanken gekommen, sich über diese große innere Ruhe zu wundern, doch Flinx war noch zu jung, um nicht einfach auf eine unbe-stimmte Weise dankbar zu sein.
Arglos ging er weiter seinen täglichen Beschäfti-gungen nach, ohne sich die Mühe zu machen, nach der Quelle seiner Gelassenheit zu forschen. Zu einem nicht unerheblichen Anteil gründete diese Gelassen-heit in ihm selbst, war sie die Folge seines geglückten Aufbruchs von Midworld und der Erleichterung dar-über, der erklärtermaßen freundlichen Aufmerksam-keit des ihn besuchenden Thranx entkommen zu sein. Doch ansonsten beruhte sie auf äußeren Einflüssen.
Namentlich dem unlängst in seinen Besitz überge-gangenen Grün.
Midworlds bemerkenswerte Flora hatte, in einer Üppigkeit und Vielfalt, die in der Galaxis ihresglei-chen suchten, über Äonen hinweg eine Art massiv um sich greifenden planetaren Kollektivgeist entwik-kelt, der an der fortwährenden Entfaltung von etwas beteiligt war, das weniger als ein Bewusstsein, doch mehr als ein Gedanke war. Gezwungen, sich mit dem Einzelbewusstsein mobiler hochgradig beweglicher Körper auseinanderzusetzen, hatte es versucht, deren bislang unbekannte Denkweisen einerseits zu begrei-fen und sie andererseits selektiv zu verändern. Auf diese fremden Gedanken und Gefühle zurückgrei-fend, hatte es die Eindringlinge in Gestalt der sechs-beinigen, umherstreunenden Furcots mit Begleitern ausgestattet, die sowohl ein Teil von Midworld waren als auch altvertrauten Vorstellungen der Fremden entsprachen.
Und dann war eine weitere bewegliche Intelligenz auf dem Planeten aufgetaucht, die sich zwar nur ge-ringfügig, doch in bedeutsamer Weise von ihren Art-genossen unterschied. Es mochte sein, dass der Neu-ankömmling das Besondere, das ihm anhaftete, gar nicht erkannte, doch das planetenumspannende Grün spürte es sehr wohl.
Es dehnte sich aus, um zu lernen und zu begreifen, und war von dem, was es erfuhr, vor Entsetzen wie gelähmt. Offenbar gab es für seine Existenz, für die Ausbreitung und die Gesundheit des Waldes, der die Welt bedeutete, Bedrohungen, die das expansive Grün niemals zuvor hatte wahrnehmen können. Doch das war nun anders, dank der nichtsahnenden Linse, die der Neuankömmling war.
Nach einer Weile des Beobachtens stand für das Grün eines unverrückbar fest: Es durfte die Verbin-dung zu diesem besonderen Einzelwesen auf keinen Fall verlieren. Das, was es wusste, hatte sich als zu entsetzlich erwiesen. Und das, was es möglicherweise zu tun imstande war, mochte für alle die Rettung be-deuten.
Oder aber es führte zu nichts.
Doch das kollektiv subliminale Grün hatte es nicht geschafft, einen ganzen Planeten zu dominieren, in-dem es Möglichkeiten außer Acht ließ. Das Einzelwe-sen musste überwacht werden. Der Kontakt musste unbedingt weiterbestehen.
Und genau das war erreicht worden, indem Flinx, als er Midworld verließ, dies in Begleitung einiger harmloser dekorativer Vertreter der einheimischen Flora getan hatte. Warum sich seine Freunde für diese speziellen Gewächse entschieden hatten, vermochte Flinx nicht zu sagen. Es hätte ihn bestimmt über-rascht zu erfahren, dass Enoch, Teal und die anderen ihres Stammes es ebenfalls nicht wussten. Denn in Wirklichkeit hatten die Pflanzen sich selbst ausge-sucht.
Da die Pflanzen keine Emotionen hervorbrachten, die er spüren konnte, besaß Flinx über ihr kollektives Bewusstsein keinerlei Kenntnis. Ob dieser konstante Wahrnehmungsfluss im Plus- oder im Minusraum funktionierte, blieb abzuwarten. Dessen ungeachtet war das Bewusstsein in der Lage, gleichzeitig an zwei verschiedenen Orten zu sein, über Entfernungen hinweg, die nach menschlichen Begriffen ungeheuer-lich waren. Hier handelte es sich um ein Denken in gewaltigen Maßstäben, um unterschiedliche Bestand-teile ein und derselben untrennbaren Wahrnehmung über Distanzen hinweg, die nur mithilfe unzurei-chender physikalischer Termini fassbar waren. Durch einen kleinen Teil seines eigenen Selbst war das Grün – der planetare Verstand, der Midworld darstellte – auf der Teacher ebenso präsent wie auf seiner Ur-sprungswelt.
Und das würde es auch weiterhin sein, würde beo-bachten und alles mit seinen Sinnen erfassen, in sei-ner eigenen, unauffälligen Weise, solange man ihm nicht Licht und Wasser entzog. Es wollte, musste al-les in Erfahrung bringen, was Flinx wusste, damit es mithilfe der außergewöhnlichen Mittel, die ihm zu Gebote standen, darangehen konnte, Pläne zur Be-kämpfung des maßlosen, in Flinx' Erinnerung abge-speicherten Schreckens zu schmieden. Und wäh-renddessen würde es damit fortfahren, die Empfin-dungen, die es erforschte, mit herrlichen Düften, an-genehmen Geschmäcken und beruhigenden Bildern zu unterstützen.
Keines der Gewächse an Bord der Teacher, die von Midworld oder sonst irgendeinem Planeten ver-pflanzt worden waren, trug Eicheln oder Eckern – und doch hatte auf dem kleinen Schiff, das durch die Einsamkeit des Plusraums eilte, die Saat von etwas Erhabenem zu keimen begonnen.