Die Echsenwelt
Kapitel 11
11
Als er erwachte, war es dunkel. Nur Pyrassis' große Monde erhellten die Nacht. Durch ein paar schlitz-förmige, bodennahe Beobachtungsluken sickerte ihr matter, ätherischer Schimmer in den Raum. Doch weder die Dunkelheit noch der Mondschein hatten ihn geweckt. Es war Pip gewesen.
Sie war in höchster Aufregung und hellwach, den dreieckigen, smaragdgrünen Kopf nach oben gereckt, die Flügel halb aufgerichtet zum Flug. Ihre winzigen, klugen Augen waren auf eine Bewegung in den Schatten gerichtet. Kein AAnn, aber etwas anderes mit Beinen. Vielen Beinen. Zu vielen Beinen.
Nein, das waren keine Beine, befand Flinx, als mehr von deren schlangenartigem Besitzer aus dem Boden auftauchte. Eher Schwimmschaufeln, starre, flossenähnliche Anhängsel, die es der Kreatur gestat-teten, sich durch den Sand anstatt darüber hinweg zu bewegen. Die lange, schmale Schnauze des Geschöp-fes ließ keinerlei Zähne erkennen. An ihrer Stelle wand sich dort ein Quartett umhertastender Zungen. Jeder dieser dünnen Auswüchse besaß eine Länge von etwa einem Meter, oder zumindest der Teil, den die Kreatur zu zeigen beschlossen hatte. Alle vier ver-jüngten sich zu einer Spitze. Im Gegensatz zu der gelb-schwarz gefleckten Oberhaut des Eindringlings leuchteten seine inneren Fortsätze in einem auffälli-gen, feurigen Rot. Unablässig schnellten sie vor der augenlosen Schnauze hin und her und sondierten die Umgebung. Das Loch oder der Bau, aus dem das merkwürdige Tier hervorkroch, war, wie Flinx be-merkte, an dem harten, schwarz geriffelten Material des ominösen Transmitters vorbei in den Sand gegra-ben worden.
Flinx blieb ruhig, sagte sich, dass dieser Besucher aus den kühleren unterirdischen Regionen wahr-scheinlich bloß neugierig war. Abgesehen von seiner Größe wirkte an ihm im Grunde nichts wirklich be-drohlich. Während er die Kreatur beobachtete, die über den Boden glitt und mit ihren Zungen an Behäl-tern und Verpackungen, an Einrichtungsgegenstän-den und wissenschaftlichem Zubehör schnüffelte, wurde seine Aufmerksamkeit abermals auf das Loch im Boden gelenkt. Ein ringförmiger Wulst aus Sand hatte sich rund um die Öffnung gebildet, aus der der Besucher zum Vorschein kam. Und zum Vorschein kam und zum Vorschein kam und gar nicht wieder aufhören wollte, zum Vorschein zu kommen ...
Verdammt, wie lang war das Biest überhaupt?
Immer weiter schob sich das träge emporstrebende Kabel aus Fleisch und Blut aus seiner aufbrechenden Höhle, bis der dahockende, viel kleinere Bewohner der Abstellkammer zu dem Entschluss gelangte, dass es möglicherweise an der Zeit war, auf seine sorgsam bedachten Pläne zu pfeifen und schnellstmöglich zu verschwinden. Flinx konzentrierte seine Gedanken, fokussierte seine Emotionen und schreckte damit Pip von seiner Schulter auf. Augenblicklich schwang sie sich in die Höhe und schwebte erwartungsvoll vor ihm. Erleichtert stellte Flinx fest, dass das stete Sirren ihrer Flügel den Eindringling nicht von dessen In-spektion des Kammerinventars ablenkte.
Mit den Fingern der einen Hand über sein Hals-band streichend, gab er mit der anderen ein entspre-chendes Zeichen. Auf Moth hatte er sich als Kind oft einen Spaß daraus gemacht, seiner schlanken, geflü-gelten Freundin ein paar einfache Kunststückchen beizubringen. Wozu er sie jetzt bewegen wollte, hätte ein anderer vermutlich kaum als Kunststückchen be-zeichnet, war aber auch nicht eben einfach. Es war zudem hochgradig gefährlich.
Pip erfasste die beredsame Geste ebenso rasch wie die Fingerhaltung ihres Gefährten. Sie schoss nach vorn, brachte sich sorgfältig in Position, zielte, und schon im nächsten Moment sickerten aus der fleischi-gen Aufwölbung, die an der Unterseite ihres Oberkie-fers eine sich verengende Röhre bildete, einige Trop-fen Gift auf den bezeichneten Punkt an dem Hals-band um Flinx' Kehle. Sofort fing das elastische, ma-schinell gewebte fremdartige Material an zu zischen. Flinx wandte den Kopf von den aufsteigenden toxi-schen Dämpfen ab und wartete einige Minuten. Wohlvertraut mit der starken Wirkung des Gifts, wusste er die Schnelligkeit der fortschreitenden Zer-setzung relativ gut einzuschätzen. Dennoch achtete er, als er nach oben langte, um die beiden Enden der Halskrause zu ergreifen, sorgsam darauf, dass seine Finger nicht mit der Stelle in Berührung kamen, wo Pip hingespien hatte.
Er brauchte nicht sehr kräftig zu ziehen. Das Gift des Minidrachen war nicht nur ein wirkungsvolles Neurotoxin, sondern zudem auch in hohem Maße ät-zend. Das Halsband brach unter seinen Händen aus-einander wie morsches Holz. Als er die Überreste in Augenschein nahm, sah er, dass sich das Gift beinahe völlig hindurchgefressen hatte. Es hatte durchaus das Risiko bestanden, dass die scharfe Flüssigkeit das Sprengpulver hochgehen ließ, aber er hatte sich ganz gute Chancen ausgerechnet, dass es so weit nicht kam. Aus Gründen der Sicherheit und einfacheren Handhabung war derart brisanter Werkstoff meistens verhältnismäßig stabil, bevor er präzise gezündet wurde – in diesem Fall durch ein ferngesteuertes elektronisches Signal. Hätte er falsch gelegen, wäre ihm vermutlich nicht einmal genug Zeit geblieben, seinen Irrtum zu bemerken.
Nachdem er sich seines tödlichen Halsschmucks entledigt hatte, konnte er nun endlich gehen. Bezie-hungsweise könnte, wenn der herumschlängelnde Besucher aus der pyrassischen Unterwelt die Freund-lichkeit besessen hätte, seine Inspektion zu beenden und sich wieder in sein Loch zu verziehen. Doch dar-auf konnte Flink nicht warten. Flinx stand vorsichtig auf und begann sich um die Kreatur herum einen Weg durch den hinteren Bereich der Kammer zu bahnen. Ungeachtet des monströsen Eindringlings würde er bald schon freie Bahn zur Tür haben.
Und eben diese sprang prompt und unverhofft auf. Licht ergoss sich in den Raum und ließ die Silhouet-ten zweier AAnn-Gestalten erkennen. Das Öffnen der Tür wurde von zischenden Sprachsilben untermalt, die Flinx sogleich als AAnn-Fluch der Bestürzung dritten Grades interpretierte.
Als ihn die plötzliche Helligkeit traf, peitschte das vordere Ende des eindringenden Stachelhäuters her-um. Ein fünfter Appendix, dünn und röhrenförmig, wuchs aus dem Zentrum der Zungen hervor, gleich-zeitig dehnte sich der obere Umfang der Kreatur jäh aus. Die Pistole, die in der unsteten Dunkelheit auf-blitzte, verfehlte ihr Ziel. Der nun verängstigte Besu-cher allerdings nicht.
Aus dem mittleren Auswuchs schoss ein Strahl feinkörniger, von Magensäften glänzender Quarz-sand hervor, nicht dicker als eine Nadel. Von der hochkomprimierten Luft im Innern des Eindring-lings, dessen Gesamtlänge sich bestenfalls erahnen ließ, mit mörderischer Kraft hinausgeschleudert, durchschlug der dünne Sandstrahl mehrere Kunst-stoffbehälter, einen Metalltank und schließlich Tenu-kac LLBYYLLs rechtes Bein. Gequält fauchte der AAnn-Xenologe unter dem schneidenden Schmerz auf. Noch im Fallen schaffte er es, erneut seine Waffe abzufeuern. Doch auch dieses Mal zielte er nicht bes-ser; der Schuss traf lediglich den Boden und durch-drang das schwarze Material des Transmitters. Als der Wissenschaftler auf dem harten Untergrund auf-schlug, verlor er seine Pistole. Die Waffe fiel ihm aus den Klauenfingern, knallte auf dem Boden auf und schlitterte unter einen wuchtigen Keramikcontainer.
Seine Gefährtin Nennasu BDESSLL stand schwan-kend in der Türöffnung und bemühte sich, ihre Waffe auf den sich krümmenden und hin und her zucken-den Störenfried zu richten. Blitzschnell wand sich ei-ne muskulöse Schlinge um ihre Taille und schlug ihr die Waffe aus der Hand. Während Tenukac verzwei-felt den Blutfluss zu stillen versuchte, der aus dem Loch in seinem Bein strömte, wurde seine nun wehr-lose Partnerin in die Höhe gehoben und langsam zum Kopf der Kreatur gezogen. Ein weiterer Satz Zungen kam zum Vorschein. Kleiner und dünner als die an-deren, schwarz anstatt grellrot und von winzigen Widerhaken besetzt, bildeten sie einen finsteren, be-ängstigend effizient aussehenden Schlund.
Das wütende Zischen der beiden AAnn, die hin und her peitschenden Windungen des unliebsamen Gasts und das unablässige Surren von Pips Flügeln vereinten sich in dem Raum zu einem ungeheuren Getöse. Die Waffe der Xenologin lag dort, wo sie sie fallen gelassen hatte. In der Hoffnung, dass der Ein-dringling, der seine wahrhaft erschreckende Natur in vollem Umfang offenbarte, sich nur auf eine Beute gleichzeitig konzentrieren konnte, hechtete Flinx nach vorn, schnappte sich die herrenlose Pistole vom Boden, rollte sich ab, erfasste in dem Lichtschein der Tür sein Ziel und eröffnete das Feuer. Es war eine sehr anspruchslose Waffe, und noch während er den Auslösemechanismus betätigte, überkamen ihn leise Zweifel, ob sie gegen einen so starken Gegner über-haupt etwas auszurichten vermochte. Doch seine Sorge sollte sich als unbegründet erweisen.
Zungen und widerhakenbewehrte Tentakel zersto-ben in alle Richtungen, als der Kopf explodierte. Der Boden, die gestapelten Vorräte, ein Großteil des Raumes sowie dessen Insassen wurden mit grünlich rotem Blut, pyrassischem Fleisch und fraktionierten Organen besudelt. Ein unkontrolliert ausschlagender Fortsatz erwischte Flinx und warf ihn zu Boden, doch er ließ seine Waffe nicht los. Es sollte geschlagene zehn Minuten dauern, bis bei dem zurechtgestutzten Organismus das letzte Zucken verebbte.
Die Frau stürzte herbei, um die Wunde ihres Ge-fährten zu versorgen. Vollauf damit beschäftigt, den Blutstrom zu stoppen, schenkte keiner der beiden AAnn dem Gefangenen viel Beachtung. Flinx ergriff die Gelegenheit, um sich den in der Nähe stehenden Metallcontainer genauer anzusehen, den der Ein-dringling mit seinem feinen Sandstrahl so sauber durchbohrt hatte wie mit einem Laser. Irgendein hoch entwickelter Riesenspulwurm oder auf dem Land lebender Stachelhäuter, entschied er, während er sich umwandte, um den Kadaver zu untersuchen. Die Evolution hatte die Kreatur zu einem schlagkräf-tigen Killer gemacht, der in der Lage war, jeden Feind und jede Beute zu zerstückeln, indem er sich das in seiner Umgebung am häufigsten vorkommende Ma-terial zunutze machte – stinknormalen, für gewöhn-lich völlig harmlosen Sand.
Inzwischen hatten die beiden AAnn hinreichend Zeit gehabt, zu begreifen, dass der Mensch ihnen das Leben gerettet und sich zuvor von seinem Spreng-stoffkragen befreit hatte. Die Frau richtete sich auf.
»Wir ssind wahrhaftig bereit zu sterben. Mehr alss jeder andere, nehme ich an, nachdem wir sso viel Zeit an diessem Ort verbracht haben. Geben Ssie unss, wenn ess Ihnen möglich isst, einige Augenblicke, um Todessgessänge zu tauschen. Wir haben einander ei-ne achtbare Zeit lang ergänzt, und unssere Ahnenrei-hen gebieten eine Erfüllung der Formalitäten, bevor wir erlöschen.«
Erschöpft und gekränkt machte Flinx mit seiner Waffe eine wegwerfende Geste. Die AAnn waren nicht nur ihrer Gestalt nach befremdlich. »Todesge-sänge ... Ich hab dies Ding da nicht zerschossen, nur um anschließend euch umzubringen.«
»Ssie haben ess getötet, um Ihr eigeness Leben zu retten.« Aufmerksam sah ihn die Frau an.
»Das auch«, gab Flinx unumwunden zu. »Wenn Ihr Charakter es schon nicht zulässt, einen Akt der Näch-stenliebe seitens eines Menschen hinzunehmen, dann akzeptieren Sie wenigstens die Rechtfertigung, dass ich Ihre Hilfe brauche.«
Mit schmerzverzerrtem Gesicht brachte sich der männliche AAnn in eine kauernde Position. »Dass glauben wir gern. Ssie haben ssich offenssichtlich viel zu weit von Ihrem Camp entfernt, und nur aufgrund unsserer großen Barmherzigkeit ssind Ssie noch am Leben.« Seine Worte waren eine bündige Zusammen-fassung der Tatsachen, wie sie sich den AAnn-Xenologen darstellten, verbunden mit dem unter-schwelligen Appell an den Menschen, der nun Herr der Lage war, ihr Leben zu schonen. Dabei ließen sie völlig den Umstand außer Acht, dass sie im Begriff gewesen waren, ihn den örtlichen Militärbehörden zu übergeben, und gedroht hatten, ihn bei der ersten fal-schen Bewegung zu erschießen.
Obwohl die naheliegende Annahme, er sei aus ir-gendeinem Camp gekommen, völlig an der Realität vorbeiging, sah Flinx keinerlei Aufklärungsbedarf. Sollten sie doch ruhig denken, dass er eine richtige Operationsbasis hatte und seine Begleiter gerade in diesem Moment nach ihm suchten. Während er über-legte, wie er weiter vorgehen sollte, bemerkte er, dass der Schwanz der weiblichen AAnn tastend unter der Kante des schweren Containers entlangstrich, unter den die Waffe ihres Gefährten geschlittert war. Mit leicht nach oben gezogenen Mundwinkeln vollführte Flinx eine jähe Bewegung mit seiner Waffe und zischte eine Warnung. Augenblicklich schob sich der Schwanz der Xenologin wieder in voller Länge ins Blickfeld.
»Ich kann gut verstehen, warum man gerade Ssie für die wissssenschaftlichen Studien hier vor Ort aussgewählt hat.« Nachdem es ihr nicht gelungen war, die Aufmerksamkeit des Menschen lange genug abzulenken, um die Waffe ihres Begleiters an sich zu bringen, kniete sich die ältliche AAnn-Frau hin und untersuchte die neue Haut, die sich auf der Wunde ihres Gefährten bildete. »Ssie sprechen die Sprache dess Kaisserreichess beinahe, alss bessäßen Ssie eine dafür geeignete Zunge.« Wie um dem Nachdruck zu verleihen, schnellte ihre eigene ruckartig in seine Richtung. Sofort begann Pip aufgeregt mit den Flü-geln zu schlagen, und Flinx musste sie mit ein paar Streicheleinheiten wieder beruhigen.
Die Zunge der AAnn, so wichtig für die Dehnung der Silben, war schmaler und etwa fünf Mal länger als die eines Menschen, was Flinx' respektable Annä-herung an die Sprache der Reptiloiden nur umso be-wunderungswürdiger machte. Mit den Jahren hatte er gelernt, die Kürze seiner Zunge durch eine ausge-zeichnete Atemtechnik zu kompensieren.
Die AAnn-Frau schaute auf und wies mit einem In-teresse dritten Grades auf die am Boden liegenden Hälften des zerbrochenen Halsbands. »Wie ssind Ssie da heraussgekommen?« Nicht ahnend, dass die Er-klärung, nach der sie suchte, just in diesem Moment den Kadaver des Wurms inspizierte, schenkte keiner seiner vormaligen Kidnapper Pip auch nur die ge-ringste Beachtung.
»Hab's durchgebissen«, antwortete Flinx ohne Zö-gern.
Die AAnn wechselten einen kurzen Blick, bevor die Frau erwiderte: »Nicht mit diessen bemitleidensswer-ten Knochensplittern, die Ssie Zähne nennen.« Sie zischte verächtlich. Die AAnn waren, soweit Flinx wusste, bekannt für ihr Organisationstalent, für ihr technisches Know-how und ihre starre, eng verfloch-tene Gesellschaft, die auf der Struktur von Großfami-lien und einer zeitgemäßen Weiterentwicklung alter Reptilienaristokratie beruhte. Ganz gewiss nicht wa-ren sie für ihr Feingefühl berühmt.
»Ich brauche Wasser und einen geeigneten Behälter, in dem ich es transportieren kann. Außerdem Proviant und frische Kleidung. Dann seid ihr mich los.«
Die Frau vollführte eine Gebärde der Feindseligkeit dritten Grades. »Wir haben wenig genug, um unss sselbsst zu verssorgen, und dass brauchen wir alless, damit wir unssere Arbeit tun können. Wir haben unss zu lange und zu hart abgerackert für diesses Projekt, um unssere kosstbaren Vorräte an irgendeinen da-hergelaufenen Menschen zu übergeben!«
Flinx war klar, dass dergleichen Äußerungen und Gebaren nur dazu dienten, den Schein zu wahren, und zu einem komplizierten Ritual gehörten, das die AAnn so sehr schätzten. Die beiden Wissenschaftler befanden sich nicht in der Position, um zu verhan-deln oder Widerspruch zu erheben. Aber solange es seinem baldigen Aufbruch förderlich war, war er be-reit, seine Rolle zu spielen. In einer absichtlich über-triebenen Gebärde fuchtelte er mit der Waffe.
»Wenn Sie mir nicht geben, was ich brauche, er-schieße ich Sie beide und nehm es mir trotzdem.«
»Nun gut, da Ssie im Bessitz der einzigen Waffe ssind, bleibt unss wohl keine andere Wahl, alss unss Ihren Forderungen zu fügen.« Beide AAnn verneig-ten sich mit einer feierlichen Geste.
Sie hätten ihm, wie er wusste, die Vorräte auch so übergeben, aber nachdem sie formell den Anschein von Widerstand zum Ausdruck gebracht hatten, fühl-ten sie sich einfach besser. Der männliche AAnn rich-tete sich abrupt wieder zu voller Größe auf, weshalb Flinx den Finger fester um den Doppelabzug der Pi-stole schloss. In Anbetracht seiner Verletzung und seines Alters stellte Tenukac keine große Gefahr für den Menschen und die fliegende Schlange dar, aber Flinx blieb wachsam.
Doch wie auch immer, der AAnn schaute den frei-gekommenen Gefangenen nicht einmal an. Seine Aufmerksamkeit wurde von etwas anderem gefesselt, das sich hinter Flinx am Boden befand. Da es sich hierbei um einen simplen Trick handeln konnte, ris-kierte Flinx nur einen flüchtigen Blick. Was er sah, ließ ihn die beiden AAnn beinahe vergessen.
Ein schmaler Bereich des sandbedeckten Unter-grunds war dort, wohin sich der zweite Schuss des AAnn verirrt hatte, zu einem flackernden Leuchten erwacht. Völlig lautlos jagten die hellen Funken durch das schwarze Material und verbreiteten ein gedämpftes Licht, bei dem man hätte lesen können.
»Was ist das?«, hörte er sich selber murmeln, wäh-rend er auf den zuckenden Überrest begrabenen Glanzes starrte.
»Vya nar – ich hab keine Ahnung. Wenn Sie erlau-ben, Mensch.« Mithilfe seiner Gefährtin, die seine hinkende Gestalt mit einem Arm und ihrem Schwanz stützte, kam der männliche AAnn nach vorn gehum-pelt und kauerte sich hin, um das überraschende Phänomen in Augenschein zu nehmen. Er streckte den Arm aus und versuchte, die tanzende Glut einzu-fangen, musste sich jedoch damit begnügen, sacht die Innenfläche seiner schuppigen Hand über den schwarzen Boden gleiten zu lassen. »Kalte Blitze. Aber wass hat ssie aussgelösst?«
»Deine Waffe.« Die Frau hatte sich ebenfalls hinge-kniet, um das umherhuschende Leuchten zu untersu-chen. »Du hasst auf den Ssandgräber geschossssen, ihn verfehlt und anstelle dessssen den Boden hier getrof-fen.«
»Ich frage mich«, entgegnete der Mann, »wass wohl passssieren würde, wenn man dass Energielevel erhöhen könnte?«
»Was meinen Sie damit?« Flinx war von dem ein-gesperrten Licht weitaus faszinierter, als er sich ein-gestehen wollte. Eigentlich sollte er sich darum kümmern, genügend Vorräte zusammenzuklauben und seinen Marsch zum Lager der Crotase fortzuset-zen. Stattdessen jedoch sah er sich dank seiner un-verbesserlichen Neugier die aufkeimende Erregung dieses alternden Paares teilen.
»Noch einmal schießen.« Mühsam richtete sich der AAnn-Mann wieder auf und trat von der Stelle zu-rück, an der das Licht durch die betroffene Bodenflä-che raste. »Mehrmalss. Mit voller Energie.«
Flinx hob demonstrativ die Pistole. »Damit ich Ihre Waffe vollständig entlade und meine Position da-durch wieder schwäche? Lieber nicht.«
Tenukac wies mit einer Geste der Bekräftigung zweiten Grades, gepaart mit unbedingter Achtung, auf sein Bein. »Ich bin kaum in der Lage zu stehen. Wir ssind keine Ssoldaten.«
»Alle AAnn sind im Kriegshandwerk unterrichtet«, entgegnete Flinx.
»Unssere Ausbildung liegt lange Zeit zurück, Mensch. Wir ssind Gelehrte, keine Krieger.« Seine Stimme klang aufgeregt. »Wir haben hier vielleicht verssehentlich eine bedeutende Entdeckung gemacht. Ess ssollte ihr weiter auf den Grund gegangen wer-den. Natürlich«, zischte er zaghaft, »könnte ess auch ssein, dassss gar nichtss passssiert.«
»Der Energiestoß der Pisstole isst in dass Material, auss dem der Boden besteht, eingedrungen, ohne ssichtbare Spuren zu hinterlassssen«, gab Nennasu zu bedenken. »Wir müssssen heraussfinden, wass ein Hinzufügen zussätzlicher Energie erbringt.«
»Wahrscheinlich ein großes Loch im Boden.« Flinx war ausgelaugt und hungrig. Doch schon als Kind hatte er eine Schwäche für logische Überzeugungs-kraft gehabt, auch wenn sie ihren Ursprung in einem nichtmenschlichen Gehirn hatte. Er hob die Hand, zielte und nahm die flimmernde Stelle auf dem Bo-den unter Beschuss. Sogleich breitete Pip ihre Flügel aus, bereit, sich in die Luft zu erheben, doch in Er-mangelung unmittelbarer Gefahr verharrte sie an ih-rem Platz auf seiner Schulter. Er feuerte eine weitere Energieladung ab und in rascher Folge eine dritte.
Eigentlich hätte der Boden aufplatzen sollen oder zerschmelzen oder sonst irgendwelche erkennbaren Schäden aufweisen müssen. Doch stattdessen reagier-te er in einer Weise, als wäre die Energie der Pistole völlig belanglos. Die pulsierenden Entladungen brei-teten sich rasch aus, explodierten alsdann in alle Rich-tungen, verteilten sich über den gesamten Boden der Abstellkammer und tauchten den abgeschlossenen Raum in ein funkelndes, kaltes Licht.
»Rauss!« Den Umstand ignorierend, dass er selbst inzwischen der Gefangene war, fuhr Tenukac herum und stolperte so schnell seine Verletzung es zuließ und gestützt auf seine Gefährtin zur offen stehenden Tür.
Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Es würde, wie Flinx wusste, mindestens noch ein paar Stunden dauern, bis sie wieder am Himmel erschien. Nichts-destotrotz war es draußen beinahe taghell. Jeder ebenholzdunkle Vorsprung und ausladende Höcker, jede Kante, Platte, Verdichtung und Wölbung war von wabernder kalter Lohe erfüllt. Grelle Blitzsalven zuckten durch sämtliche emporragenden Überhänge und Gebilde und selbst durch die geriffelte raben-schwarze Oberfläche unter ihren Füßen.
»Nach oben«, erklärte die Frau resolut, während sie sich bereits umwandte und ihren Gefährten halb mit sich schleifte. Von schierem Entdeckungsfieber ge-packt, hatten sie Flinx und die Waffe in seiner Hand beinahe völlig vergessen. Mit Pip auf der Schulter heftete er sich an ihre Fersen.
An ein großes schwarzes Rechteck gelehnt, stand eine breite, für gespreizte AAnn-Füße geeignete Lei-ter. Ohne dem funkelnden Leuchten, das auch auf dieser hin und her sprang, weiter Beachtung zu schenken, begannen die beiden AAnn nach oben zu klettern, wobei sich der verletzte Mann mit den Ar-men Sprosse für Sprosse in die Höhe zog.
Eine schmale Aussichtsplattform, von der man ei-nen Großteil des künstlich geschaffenen Geländes überblicken konnte, war auf den rußigen Schaft mon-tiert. Als Flinx von der letzten Stufe trat, stand er di-rekt hinter den beiden Xenologen. Wortlos starrten sie auf die bisher düstere Anlage.
So weit das Auge reichte, leuchtete sie still in einem zuckenden Licht.
»Die Energiestöße auss der Waffe haben irgendet-wass aussgelösst.« Tenukacs Stimme verfiel ange-sichts der großartigen Entdeckung in das AAnn-Äquivalent eines Flüsterns. »Irgendetwass aufge-weckt.«
»Vielleicht.« Skeptische Wissenschaftlerin durch und durch, war die AAnn Nennasu BDESSLL noch nicht bereit, umfassende Erklärungen abzugeben. »Zweifelloss lässsst ssich irgendeine Art von Aktivi-tät konsstatieren, die von einer unbekannten Quelle aussgeht.«
Ihr Gefährte vollführte eine Geste der Ungeduld zweiten Grades, gekoppelt mit erstgradigem Interes-se und einem Hauch Unsicherheit. In diesem Moment flammte der gesamte freiliegende Bereich des Trans-mitters in einem einzigen Sturm kalter Pyrotechnik auf. Es schien, als hätte jedes einzelne der Millionen funkelnder Lichter, die durch die dunkle Oberfläche huschten, mit einem Mal beschlossen, sich mit allen anderen um dieselbe Achse zu gruppieren und gleichzeitig zu intensivieren. Tatsächlich dauerte der ungestüme, atemberaubende Ausbruch weniger als eine Sekunde und vollzog sich, wie die Expansion, die ihm vorausgegangen war, in völliger Stille.
Als Flinx, der einen Moment lang geblendet war, wieder sehen konnte, fiel sein Blick abermals auf die unwirtliche Schwärze und die Hunderte rätselhafter dunkler Gebilde, die nur mehr vom Schein der bei-den pyrassischen Monde erhellt wurden.
»Dass war ... ssehr interessssant.« Nennasus Schwanz zuckte von einer Seite zur anderen mit, wäh-rend sie sich ihre gequälten Augen rieb. »Irgendetwass isst da passssiert, assshusss, aber wass?«
»Aufgrund unsserer bissherigen Unterssuchungen haben wir fesstgestellt, dassss diesser gewaltige Be-reich die Außenfläche eines Transsmitters isst. Wahr-haftig.« Tenukac humpelte bereits wieder zu der Lei-ter zurück. »Ich denke, wass wir ssoeben gessehen haben, war eine Transsmissssion.«
»Ja, aber ... wohin?«, fragte Flinx erregt. Es war, als hätte er überhaupt nichts gesagt. Die AAnn beachte-ten ihn gar nicht, und wahrscheinlich hätten sie damit auch weitergemacht, bis er einen von ihnen niederge-schossen hätte. Dennoch hatte er nicht vor, zu solch drastischen Mitteln zu greifen, es sei denn, aus Not-wehr.
Es gab nichts, so dachte er bei sich, während er sei-nen ehemaligen Bewachern die breite Leiter hinab-folgte, was eine Person besser von ihrem erklärten Ziel abzulenken vermochte, als eine zweitausend Quadratkilometer große Ansammlung strömender Energie aus unbekannter Quelle. Was die Xenologen sich bis jetzt noch nicht gefragt hatten, ihn jedoch in besonderem Maße zu interessieren begann, war nicht, ob die grelle Entladung irgendeine Art von Übertra-gung gewesen war, sondern vielmehr, ob es dafür ir-gendwo einen Empfänger gab ...
An Bord der Teacher war alles ruhig. Recyclingelemen-te hielten die Luft rein und das Wasser sauber. Der Nahrungspräparator stand bereit, um auf Wunsch eine Vielzahl von gesunden, gehaltvollen und zumeist auch wohlschmeckenden Mahlzeiten zu liefern. Thermo-sensitive Wandverkleidungen sorgten dafür, dass die Innenbereiche auf einem mittleren Temperaturniveau blieben, das den Bedürfnissen einer bestimmten Spe-zies von zweibeinigen, mit einem Augenpaar ausge-statteten und darüber hinaus ziemlich zerbrechlichen Säugern angepasst war. Andere Apparaturen summ-ten leise vor sich hin und führten die verschiedensten Funktionen aus, hielten das Schiff und seine internen Systeme in Bereitschaft und gewährleisteten dessen verzögerungsfreie Aktivierung.
Im Kleinhangar wartete ein voll einsatzbereites und ausgerüstetes zweites Shuttle auf Anweisung, seinen Andockplatz zu verlassen und sich auf die Su-che nach seinem Besitzer zu machen. Alles, was noch erforderlich war, damit es den Auftrag rasch und ef-fizient erfüllte, waren ein lapidarer Befehl und ein paar simple Koordinaten. Und selbst wenn Letztere nicht ganz so präzise waren, würden die hochkom-plizierten Instrumente an Bord es dem kleinen Schiff ermöglichen, die fragliche Person über optische Merkmale, Körpersignaturen und andere Kennzei-chen zu lokalisieren. Es bedurfte nur der entspre-chenden Order.
Aber es befand sich niemand an Bord, der die Be-fugnis hatte, sie zu erteilen, einschließlich der über-geordneten KI. Also blieb das Shuttle in seiner Bucht, arbeitete systematisch seine Liste von Wartungsrou-tinen ab und harrte in der gleichen Stille aus, die das ganze Raumschiff erfüllte.
Und doch war da in der beinahe völligen Abwe-senheit von Geräuschen und Besatzung und aktiven Robotern ein seltsames Raunen und Regen.
Nicht dass da ein halbes Dutzend Blätter erzitterte, war frappierend, sondern dass sie dies in vollkom-mener Übereinstimmung taten und ohne dass der lei-seste erkennbare Lufthauch durch den Raum strich. Nicht dass eine gänzlich andere Pflanze mehrere grünbraune Fasern über den Rand ihres Behältnisses streckte, war bemerkenswert, sondern dass zumin-dest eine dieser Fasern über den Boden, über Raum-teiler und dekorative Hindernisse hinweg gewuchert war, um in den Humusboden eines jeden anderen der unlängst umgepflanzten Gewächse einzudringen. Doch das eigentlich Beeindruckende an den Ranken, die sich aus den Tiefen von bis zu einem halben Me-ter großen, blassrosa-blauen Blüten schoben, war die Zielstrebigkeit, mit der sie sich nicht etwa zu einem anderen Kübel mit Nährstoffen oder zu einer Was-serquelle hin ausdehnten, sondern zu der Zugangs-klappe direkt über dem Sofa.
Für einen Außenstehenden würde es so ausgese-hen haben, als wären die Pflanzen, denen es in ihren Töpfen zu eng geworden war, auf der Suche nach mehr Platz zum Wachsen. Ein Außenstehender hätte über die simplen Zierpflanzen, die, zweifellos auf-grund von Vernachlässigung, den Aufenthaltsraum eines Raumschiffs übernahmen, nur gelacht. Hätte er indes eine Zeitlang beobachtet, wäre er Zeuge einiger interessanter und höchst erstaunlicher Entwicklun-gen geworden, wie etwa der ungewöhnlichen Hast der floralen Geschäftigkeit, der gleich darauf ein win-ziger Lichtausschlag auf der ansonsten wenig beach-tenswerten Planetenoberfläche folgte.
Doch da niemand da war, nahmen die ungewöhn-lichen Aktivitäten, die in rapide wachsendem Tempo an Bord der Teacher vor sich gingen, auch weiterhin unbemerkt ihren Lauf.