Die Echsenwelt

Alan Dean Foster · Kapitel 17 von 20

PDF-Seiten

Die Echsenwelt

Kapitel 17

17

 

Das Kaiserliche Pyrassische Einsatzkommando nä-herte sich dem Mond des zehnten Planeten schnell und ohne den reichweitenbeschränkten Sensoren an Bord der Crotase genug Zeit zu einer Reaktion zu las-sen.

Die Tatsache, dass dieses Einsatzkommando ledig-lich aus einem einzigen Schiff, der Sstakoun, bestand, tat dabei dem Überraschungseffekt und der Erstür-mung keinen Abbruch. Trotz ihrer bescheidenen Ausmaße und leichten Bewaffnung war die Sstakoun ein Kriegsschiff. Die Crotase dagegen, zugelassen auf ein Unternehmen namens Larnaca Nutrition, war dies nicht, wie gut sie für ein Schiff ihrer Klasse auch ausgestattet war. Sobald das AAnn-Schiff erfasst worden war, leitete die Besatzung an Bord des Com-monwealth-Frachters augenblicklich Maßnahmen ein, diesen auf die Distanz einer Mindestanzahl von er-forderlichen Planetendurchmessern aus dem System herauszubringen, um gefahrlos den KK-Antrieb zu aktivieren.

Diese Vorbereitungen wurden erkannt und dem Captain der Sstakoun mitgeteilt, der sie umgehend seiner Einsatzvorgesetzten Voocim zur Kenntnis brachte, die daraufhin postwendend den Befehl gab, das Commonwealth-Schiff manövrierunfähig zu schießen. Entsprechend wurde ein einzelnes kleines Geschoss abgefeuert, das kurz darauf minimalen Schaden am Projektionsreflektor des KK-Antriebs verursachte. Minimaler Schaden reichte vollkommen aus. Außerstande, die mathematisch einwandfreien Muster eines Posigravitationsfelds zu generieren, war die Crotase nun nicht länger fähig, auf einem anderen Weg als über den Normalraum zu entfliehen. Oh, sie hätte durchaus noch immer aus dem pyrassischen System entkommen können. Und mit der Geschwin-digkeit, zu der sie nun in der Lage war, vielleicht so-gar in ein paar hundert Jahren oder so den nächsten Commonwealth-Außenposten erreicht. Aber da alle an Bord diese Option einmütig als wenig reizvoll er-achteten, beschlossen sie, ihr Schiff stattdessen lieber gleich den AAnn zu übergeben.

Nachdem der eine Eindringling mühelos unschäd-lich gemacht war, hätte die Sstakoun mit dem zweiten Schiff, das sich in der Nähe aufhielt, möglicherweise genau das Gleiche getan – wäre da nicht der Um-stand gewesen, dass die Teacher unbemerkt und un-gesehen hinter ihren höchst leistungsfähigen militäri-schen Tarnschirmen dahintrieb. Und es gab für die Besatzung an Bord der Sstakoun auch überhaupt kei-nen Grund, die Anwesenheit eines zweiten Schiffs zu befürchten, geschweige denn zu vermuten.

In Ermangelung anders lautender Instruktionen versorgte die Teacher ihre hochentwickelten Deflekto-ren weiterhin mit Energie, bewahrte Stillschweigen, ignorierte das Drama, das sich draußen nicht weit von ihr abspielte, und hielt direkt außerhalb der trüb-braunen Atmosphäre des fremdartigen Mondes ihre Position.

Hätten sie einen umfassenderen Scan der unmittel-baren räumlichen Nachbarschaft initiiert, wäre den AAnn möglicherweise die schwache Gravitationsan-omalie aufgefallen, die für gewöhnlich die Anwesen-heit eines getarnten Schiffes verriet, doch man war viel zu sehr mit dem einen Eindringling befasst, der sich nicht vor ihnen zu verbergen verstand.

Laut teilte Captain Tradssij den anderen seine Überlegungen mit. »Um in den Kaisserlichen Raum einzudringen, müssssen diesse Menschen dort ssich entweder ssehr ssicher fühlen oder aber aussgespro-chen verrückt ssein. Und für verrückt halte ich ssie ehrlich gessagt nicht.«

Die Kommandantin vollführte eine Geste der Ver-wunderung zweiten Grades, gemischt mit drittgradi-ger Empörung. »Wass ssuchen die hier? Kann ess ssein, dassss ssie nur desshalb hergekommen ssind, weil ssie gehofft hatten, diessess außergewöhnliche Objekt hier zu finden?«

Alle Augen richteten sich auf das bislang stumm gebliebene ältliche Paar, das am anderen Ende des mit Sand ausgestreuten Besprechungsraums kauerte. Tenukac LLBYYLL strampelte sich von den keimfrei-en, leicht parfümierten, hautfarbenen Körnern frei, auf denen er gelegen hatte.

»Meine Gefährtin und ich können über die militäri-sche Relevanz des pyrassssischen Ssystemss wenig ssagen.« Ein oder zwei Offiziere der Versammlung prusteten los; ihr leises belustigtes Fauchen trug ih-nen die obligatorischen tadelnden Blicke von Tradssij und Voocim ein. »Nssussa, wir ssind jedoch ssicher, dassss diesse Welt nicht wichtig genug isst, um Men-schen zu einer Verletzung dess Kaisserlichen Ho-heitssgebietss zu verleiten.« Mehrere energische Ge-sten der Zustimmung unterstrichen die treffliche Be-obachtung des Xenologen.

»Umgekehrt verheißt diessess Objekt, dass von immenssen Aussmaßen isst und dessssen Herkunft wir nicht kennen, Entdeckungen von hinreichend großer Bedeutung, um alle anzulocken, die nur kühn und unerschrocken genug ssind. Auch Menschen ssind dafür bekannt, diesse Eigenschaften zu bessit-zen, wenngleich ssie ssie für gewöhnlich im Diensste niederträchtiger Ziele nutzen. Meine Gefährtin und ich ssind fesst davon überzeugt, dass ssogar in dies-sem Augenblick, während wir hier über die Angele-genheit sprechen, ein oder zwei Gruppen von Indivi-duen auss dem Commonwealth-Schiff mit der Er-kundung dess Objektinneren befasssst ssind.«

Voocim zeigte Einvernehmen. »Dass isst auch mei-ne Meinung. Allerdingss können wir unss, nun, da wir ihr Schiff außer Gefecht gessetzt haben, in Bezug auf Erkundungen und unsser weiteress Vorgehen Zeit lassssen.« Sie wedelte mit einer Hand in Dys-seens Richtung. »Isst der Entertrupp zussammenge-stellt?« Nachdem der Offizier ein Zeichen der Bestä-tigung gegeben hatte, stand die Kommandantin auf. Warme Partikelchen rieselten von ihrem Schwanz, wo er aus dem wohltuenden Sand emporkam. Auch ihr Mitarbeiterstab erhob sich.

»Schon ssehr bald werden wir alless erfahren, wass wir wissssen wollen. Diess isst ein großer Tag für dass Kaisserreich!« Ein lautes, ansteigendes Zischen ging durch den Raum, als die anderen Offiziere in den Salut auf ihren Erfolg einstimmten. Auf einen Streich hatten sie ein eingedrungenes Spionageschiff gekapert und eine wissenschaftliche Entdeckung von möglicherweise enormer Bedeutung gemacht – und damit Profit.

Die beiden betagten Wissenschaftler würden selbst-verständlich ihren Anteil erhalten, aber niemand hegte irgendeinen Zweifel, dass jeder Offizier, Unteroffizier und gemeine Regimentsangehörige an den Belobigun-gen partizipieren würde, die erwartet werden durften. Ahnen würden hoch geehrt, neue Familienkapitel auf-geschlagen werden, und das Commonwealth wäre, im mindesten Falle, beschämt. Es war nicht viel mehr zu tun, als in aller Form von dem handlungsunfähigen Raumschiff Besitz zu ergreifen und jeglichen Homanx-Erkundungstrupp, der sich zurzeit in dem Satelliten herumtrieb, in Gewahrsam zu nehmen.

Die menschliche Besatzung an Bord der Crotase war ausgesprochen misslaunig. Voocim wunderte das nicht: Sie hatten mit einer großen Entdeckung ge-rechnet und fanden sich stattdessen als Gefangene der AAnn wieder. Gewehre wurden eingesammelt, das Navigations- und Leitsystem des Schiffes außer Kraft gesetzt und Personen unter den wachsamen Blicken bewaffneter Soldaten in den Speiseraum ge-schafft. Geschlitzte Augen begegneten runden, und zwischen ihnen entspann sich keinerlei Sympathie.

Die Eindringlinge würden sich einem Verhör stel-len müssen, aber nicht hier und heute. Dafür war noch genug Zeit, wenn sie sich wieder auf Pyrassis befanden und die offizielle Nachricht von dem groß-artigen Fang an den Sektorbau weitergeleitet worden war. Bis dahin gab es dringlichere Dinge, um die man sich kümmern musste. Voocim baute sich vor der Doppelreihe zerknirschter Säuger auf, räusperte sich und unternahm einen kühnen Vorstoß, ihre ein wenig eingerosteten Terranglo-Kenntnisse zu testen.

»Ich bin Voocim DDHJ, Kommandant der Garnis-son Sseiner Kaisserlichen Hoheit auf Pyrassssiss. Alss ssolcher bin ich verantwortlich für die Ssicherheit diessess ganzen Ssystemss, dessssen Integrität von Ihnen in dreisster und unverfrorener Weisse verletzt wurde. Da diess ein auffallend unterbessetztess Schiff isst, nehme ich an, dassss eine Anzahl Ihrer Artge-nossssen gegenwärtig damit befasssst isst, dass fremdartige Objekt, dass längsssseitss von unss liegt, von Zacke biss Schwanz zu Unterssuchen. Wir ssind mit den Bessatzungssdetailss ssämtlicher Stan-dardklassssen von Commonwealth-Schiffen hinläng-lich vertraut, alsso beleidigen Ssie bitte nicht meine Intelligenz, indem Ssie behaupten, Ihre gessamte Mannschaft befände ssich gegenwärtig an Bord.« Sie musterte die widerlich teigigen Gesichter, die ihren Blicken krampfhaft auszuweichen versuchten.

»Wer von Ihnen bitte isst der offizielle oder ernann-te ranghöchsste Reprässentant?«

Ein Mensch von durchschnittlicher Größe und mit fahler Haut trat vor. Wenigstens, so dachte Voocim, während sie sich bemühte, ihre Eingeweide ange-sichts der körperlichen Nähe der Kreatur unter Kon-trolle zu halten, wenigstens hatte er nicht diesen typi-schen Fellbesatz auf dem Schädel, was diesem expo-nierten Teil seiner Anatomie ein etwas erträglicheres, fast schon AAnn-ähnliches Aussehen verlieh.

»Mein Name ist Mikola Bucevit. Ich habe die Ver-antwortung, bis der Schiffseigentümer zurück ist.«

Ah, demnach gehörte der Eigentümer also auch zur Besatzung! Die sich damit eröffnende Aussicht auf ein beachtliches Lösegeld versetzte Voocim geradezu in Entzücken. Derart undiplomatische Methoden wurden von der Kaiserlichen Regierung zwar offiziell nicht gutgeheißen, aber bei Zahlung einer entspre-chenden ›Gebühr‹ würden die verantwortlichen Ka-der ihnen auch sicher keinen Einhalt gebieten. Die Ereignisse schienen sich auch weiterhin aufs Günstig-ste zu entwickeln. Stumm brachte sie einem gütigen Schicksal ihre Ehrerbietung dar.

»Wie Ssie ssich ssicherlich denken können, müsss-sen wir den Resst Ihrer Bessatzung ssicherstellen. Niemand wird zu Schaden kommen, und Ssie alle werden im Einklang mit den betreffenden Kaiserli-chen Verordnungen behandelt werden, wie ssie für dass Verfahren mit unbefugten Eindringlingen vor-gessehen ssind. Schlussssendlich, fallss Ssie kooperie-ren, ssollten Ssie alle miteinander ohne größere Schwierigkeiten wieder zu Ihren jeweiligen Heimat-welten zurückgeschickt werden.« Sie setzte zu einer begleitenden Geste an, doch dann fiel ihr ein, dass Menschen sich bei Unterredungen nur selten ihrer Gliedmaßen bedienten. »Alss Ersstess werden Ssie unss die Koordinaten zur Verfügung stellen, die Ihre Artgenossssen benutzt haben, um in dass Objekt ein-zudringen.«

»Warum findet ihr sie nicht selbst heraus, ihr Schlangenaugen?« Das wütende Mitglied des Ingeni-eurstabs, das gesprochen hatte, scharrte mit den Fü-ßen auf dem Boden, während es sich hinter Bucevit verbarg.

Voocim machte eine lässige Geste. Sofort trat ein Soldat vor, hob seine Waffe und gab ein Mal Feuer. Das vereinzelte erzürnte Murren, das sich daraufhin aus dem Rudel der gefangenen Menschen erhob, ebb-te rasch wieder ab. Voocim ließ die nachfolgende Stil-le um einen symbolischen Moment länger andauern.

»Noch jemand, der ähnlich unhöfliche Vorschläge zu unterbreiten hat? Ich erwarte ssie mit Begierde zweiten Gradess. Nicht? Dann, rasshisst, können wir vielleicht in zivilissierter und angemessssener Weisse fortfahren.«

Nachdem sie die erforderlichen Koordinaten erhalten hatte, übernahm Voocim persönlich die Leitung des Landetrupps. Dysseen blieb auf dem Schiff der Men-schen, um sich um die vorläufige Befragung der Restmannschaft zu kümmern und für die Anpassung ihrer KI-Systeme zu sorgen, sodass diese auf die Steuerbefehle der AAnn reagierten. Captain Tradssij kehrte zur Sstakoun zurück.

Mit sich nahm Voocim zwei Dutzend schwer be-waffnete und voll ausgerüstete Soldaten, unter dem Oberbefehl von Offizier Yilhazz, einem humorlosen Stabsoffizier. Zudem hatten zwei entsprechend aus-gestattete Techniker, die von dem Ingenieursteam der Sstakoun abgezogen worden waren, den Auftrag, den beiden Xenologen bei der Dokumentierung der ersten Erkundung und Bewertung des Objekts zur Seite zu stehen.

Und so war es ein verhältnismäßig gut gerüsteter Trupp, der bald darauf aus seinem Transportshuttle in die Satellitenschleuse trat. Schweigend marschier-ten sie an dem lautlosen, leeren Menschenshuttle vorbei und wurden, wie zuvor schon ihre Vorgänger, von den antiken, doch nach wie vor reagierenden In-strumenten reibungslos und automatisch abgefertigt. Wenige Augenblicke später atmeten alle Mitglieder der Expedition die Luft uralter Gänge. An der ersten Verzweigung ließ Voocim ihren Trupp anhalten. Ge-duldig warteten die AAnn, bis ihre Techniker den Weg, dem sie folgen mussten, ermittelt hatten.

Indessen wussten die beiden Xenologen schon längst nicht mehr, in welche Richtung sie sich wen-den sollten. Überall, wohin sie auch sahen, fiel ihr Blick auf etwas Neues, Anderes, das möglicherweise von epochaler Bedeutung war. Die Kommandantin schaute ihrem Treiben mit gleichgültiger Belustigung zu. Das betagte Gespann stand im Begriff, auf Fach-gebieten Berühmtheit zu erlangen, die ihr verschlos-sen waren. Das hieß jedoch nicht, dass sie sich nicht für ihre Arbeit interessierte. Je mehr sie über diese nie da gewesene Entdeckung erfuhr, desto sachkundiger konnte sie auftreten, wenn diese Angelegenheit eine Debatte entfachte. Unter denen, die ihrem eigenen Fachbereich angehörten, würde dies ihre Beförde-rungschancen enorm vergrößern. Erhebung in den Adelsstand, sinnierte sie, und eine Ernennung zur Lordschaft würde unweigerlich folgen. Und viel-leicht, so malte sie sich aus, würde sie am Ende sogar militärischer Berater am Kaiserlichen Hofe. Das, was die meiste Zeit ihres Lebens für sie völlig unerreich-bar gewesen war, lag nun durch einen reinen Glücks-fall plötzlich zum Greifen nah vor ihr. Sie brauchte nur die Wissenschaftler ihre Arbeit machen zu lassen und sollte sich nicht in das einmischen, was längst vollbracht war.

Hätte sie auch nur geahnt, wie wenig Menschen sich tatsächlich in dem Satelliten aufhielten, wären ihr Mut und ihre Zuversicht fraglos noch um einiges gestiegen.

Sie wusste, die Eindringlinge konnten nicht ent-kommen. Es gab nur einen einzigen Weg nach drau-ßen, und der führte über das Shuttle, das in der Schiffsschleuse angedockt war. Dennoch wollte sie keine Risiken eingehen. Sobald der letzte Soldat von Bord gegangen und sicher im Bauch des Satelliten verschwunden war, zündete das Shuttle der Sstakoun seine Triebwerke und positionierte sich direkt längs-seits des Commonwealth-Schiffs. Folglich gab es für die in dem fremden Relikt verbleibenden Menschen, selbst wenn es ihnen tatsächlich gelingen sollte, den AAnn, die ihnen auf den Fersen waren, zu entwi-schen, nicht die geringste Möglichkeit, zurück zu ih-rem eigenen Raumschiff zu gelangen. Wenn sie ver-suchten, wieder an Bord des Shuttles zu kommen, das sie zurückgelassen hatten, würden die Wachen in dem Sstakoun-Landetransporter sie erwarten, um sich ihnen mit schwerem Geschütz entgegenzustellen.

Darüber hinaus befanden sich jetzt zwei Techniker von der Sstakoun auf dem verlassenen Common-wealth-Shuttle. Falls ein paar der menschlichen Ver-räter es doch irgendwie schafften, schießend oder schleichend zu ihrem Transporter vorzudringen, würden sie dort lediglich feststellen, dass ein An-bordgehen nicht möglich war. Die weichhäutigen Flüchtlinge hockten in der Falle, wenn auch für un-gewisse Zeit, aber zunächst saßen sie definitiv fest.

Das schlichte Ein-Mann-Fahrzeug, das in einer der hinteren Ecken der Schleuse stand, war von seinem einzigen Insassen sorgsam verborgen worden. Doch auch wenn das unscheinbare Kurzstreckenvehikel bemerkt worden wäre, hätte die Kommandantin es wohl kaum bewusst registriert. Sie suchte nach einer Gruppe, nicht nach einer einzelnen Person.

Es dauerte länger, als es Voocim lieb gewesen wäre, doch schließlich hatten die Techniker den Standort humanoider Lebensformen lokalisiert. Sie war ange-nehm überrascht zu erfahren, dass ihre Jagdbeute nicht einmal annähernd so weit in das gewaltige Relikt vor-gedrungen war, wie sie befürchtet hatte. Entweder hat-ten die Menschen bei ihrer Erkundung keine sonderli-che Eile, oder aber sie machten ihre Arbeit einfach nur gründlich. Ihre Leute würden schneller zu ihnen auf-schließen können als erwartet. Sie war so hocherfreut, dass sie kaum noch an sich zu halten vermochte. Doch nur die schwungvollen Reflexbewegungen ihres Schwanzes ließen ihre große Genugtuung erkennen. Mit den beiden Technikern an der Spitze und zwei sich sträubenden betagten Wissenschaftlern im Schlepp-tau, die sich über den zwangsweisen Aufschub wichti-ger Forschungen beschwerten, brach der Trupp auf.

»Was soll das heißen, ›es sind keine Menschen‹?« Mahnahmi sah ihren Bruder und Widersacher arg-wöhnisch an.

»Du hast vielleicht ihr Näherkommen gespürt, aber du bist bei weitem nicht so sensitiv wie ich. Es sind definitiv Außerirdische, höchstwahrscheinlich AAnn, und der Grundhaltung ihrer Empfindungen kann ich entnehmen, dass sie auf der Jagd nach jemandem sind – nach uns, schätze ich mal.« Flinx spähte den Weg zurück, den er gekommen war. Pips Kopf reckte sich augenblicklich in die Höhe, sie war in volle Alarmbereitschaft versetzt.

Mahnahmi brauchte nicht lange, um sich der Tragweite dieser Nachricht bewusst zu werden. »Wenn sich hier AAnn aufhalten und jetzt auf uns zukommen, dann dürfte unsere Abreise höchst unan-genehm werden. Ich vermute, dass sie uns mithilfe von Lebensformsensoren verfolgen.« Als Flinx nickte, zog sie einen kleinen Kommunikator aus ihrem Einsatzgürtel hervor. »In dem Fall dürfte sich, wenn wir das hier benutzen, unsere Lage ja nicht großartig verschlechtern.« Sie machte keinen Versuch, ihr Ge-spräch vor ihm abzuschirmen.

»Bucevit, hier spricht die Eignerin. Wie ist Ihr au-genblicklicher Status? Keine Einzelheiten, bitte. Ich hab so eine Ahnung, was bei Ihnen los ist.«

Die Antwort kam verzögert, und das Signal selbst war aufgrund der Schichten aus fremdartigem Mate-rial, die es zu durchdringen galt, äußerst schwach. »Eigner, hier Mikola. Wir wurden von auf Pyrassis stationierten und von dort entsendeten AAnn-Soldaten gefangen genommen.« Es entstand eine Pause, während der Flinx salbungsvolle AAnn-Silben im Hintergrund wahrnehmen konnte. »Die Crotase befindet sich unter Kontrolle des Kaiserlichen Kriegs-schiffs Sstakoun und wird derzeit einer Umprogram-mierung unterzogen, um sie als gekapertes Feind-schiff kenntlich zu machen. Man bezichtigt uns ... Nun, es gibt eine lange Liste von Vorwürfen, die ge-gen uns erhoben werden. Ich wurde darüber infor-miert, dass das Shuttle, das Sie und den Rest des Landetrupps zu dem Objekt gebracht hat, bereits be-schlagnahmt und im Augenblick von Soldaten und Technikern besetzt ist. Direkt neben ihm in der Schleuse steht ein bewaffnetes Shuttle der AAnn.«

Mahnahmi nahm dies alles zur Kenntnis, ohne dass ihre Miene auch nur das geringste Gefühl widerspie-gelte. »Ich verstehe. Und Ihre persönliche Situation, Mikola Bucevit?«

»Es geht mir gut, wenn man von der großen Hand-feuerwaffe absieht, deren Mündung gerade auf mei-nen Nacken zielt.«

Noch mehr entfernte AAnn-Wortfetzen waren zu hören, bevor der Captain der Crotase wieder das Wort ergriff. »Sie haben Anweisung, mit dem Rest Ihrer Leute unverzüglich zu der Schleuse zurückzukehren und sich den dort postierten Soldaten zu ergeben. Sollten Sie sich demgemäß verhalten, so verspricht man Ihnen, dass Ihr Verhör ohne Zwischenfälle von-statten gehen wird. Andernfalls, so sagt der AAnn-Offizier hier neben mir, könne er dafür nicht garan-tieren. Man ist ungeduldig, diese Angelegenheit, die man als ausgesprochen ernst betrachtet, schnellst-möglich zu einem Abschluss zu bringen.«

»Damit sie die völlige Kontrolle über diese Raum-station übernehmen können. Ja, ich bin sicher, dass man mehr als ungeduldig ist. Teilen Sie deren augen-blicklichem Befehlshaber mit, dass ich über sein Ersu-chen nachdenken werde.«

»Es handelt sich um kein Ersuchen.« Die Stimme des Captains hob sich ein wenig. »Der ehrwürdige Offizier Dysseen erklärt, dass er, sollten Sie nicht au-genblicklich ...«

Mahnahmi schaltete den Kommunikator aus und befestigte ihn wieder an ihrem Gürtel. »Zeit, in die Gänge zu kommen. Aber vorher musst du mir mit Briony helfen.« Sie setzte sich zu ihrer gefesselten Leibwächterin in Bewegung.

»Warum?« Flinx rührte sich nicht von der Stelle. »Damit sie dann doch tun kann, was sie vorher nicht geschafft hat?«

Seine Schwester bedachte ihn mit einem spötti-schen Blick. »Nach dem, was du mit ihr angestellt hast, denke ich, wird sie es sich drei Mal überlegen, bevor sie einen neuen Versuch wagt. Wir müssen sie losbinden, damit sie uns helfen kann, mit unseren Verfolgern fertig zu werden. Wenn wir es bis zur Schleuse schaffen, haben wir vielleicht noch die Mög-lichkeit, etwas zu unternehmen.«

»Was unternehmen?«, fragte er höhnisch. »Du hast doch gehört, was dein Captain gesagt hat. Die AAnn haben die Kontrolle über dein Shuttle übernommen, Soldaten an Bord aufgestellt, ein eigenes bewaffnetes Shuttle direkt in der Schleuse und sich obendrein noch dein Raumschiff unter den Nagel gerissen.«

»Ganz recht«, versetzte sie scharf. »Bleibt aller-dings immer noch die Frage, wie du hierher gekom-men bist. Oder besitzt du zu allem anderen etwa auch noch die Fähigkeit, dich durch den offenen Raum zu teleportieren?«

Zu seiner eigenen Überraschung ertappte er sich dabei, wie er kurz zögerte, bevor er eine Antwort gab. »Nur in meinen Träumen.«

Schon waren Brionys Hände wieder frei. Sie setzte sich aufrecht und half ihrer Arbeitgeberin, auch die Beinfesseln zu erlösen. »Ich hab manchmal sehr de-tailreiche Träume. Sie würden dir bestimmt nicht ge-fallen. Wie ich schon sagte, mir gefallen sie selbst nicht besonders.« Mahnahmi erhob sich wieder, trat einen Schritt zurück und sah zu, wie die schlanke, schwarzgekleidete Frau sich mit ihren langen, ge-schickten Fingern wieder Gefühl in die verkrampften Arme und Waden massierte.

Der Blick des engelgleichen jungen Mädchens traf auf den der erwachsenen Frau. »Ich muss zurück zur Schleuse gelangen. AAnn-Soldaten werden versu-chen, uns den Weg abzuschneiden und uns gefangen zu nehmen.«

»Ich hab's gehört. Ich weiß, was zu tun ist.« Die Stimme der Frau war bar jeglicher Modulation. »Von wo kommen sie?«

Mahnahmi wies in die entsprechende Richtung. »Jetzt wartet doch mal 'nen Augenblick ...«, setzte Flinx an. Er verspürte keinerlei Zuneigung für die Meuchelmörderin, ebenso wenig wie für ihre Auf-traggeberin, doch die unausgesprochenen Schlussfol-gerungen, zu denen es zwischen den beiden kam, lie-fen für ihn auf ein Selbstmordgelübde hinaus.

Doch niemand beachtete ihn. Sein Einwand ließ die Qwarm nicht einen Moment zögern. Noch bevor er Gelegenheit hatte, Argumente anzuführen, war sie bereits in dem oberen Korridor verschwunden.

»Sie hat nicht die geringste Chance«, murmelte er. »Sie werden sie töten.«

»Natürlich werden sie das.« Auch die geschmeidi-ge Anmut der Blonden konnte die Eiseskälte in ihrer Stimme nicht mildern. »Sie wird wie eine wahre Qwarm sterben, in Ausübung ihrer Pflicht, ihren Dienstherrn zu schützen. Genau die Art von Tod, die sie sich alle wünschen. Umso besser für uns, hmm?« Mit diesen Worten wandte sie sich nach rechts. »In dieser Richtung dort befinden sich mindestens noch zwei weitere Gänge, die uns eventuell zur Schleuse zurückführen und uns aus dieser ärgerlichen Klem-me herausbringen.«

Flinx hätte noch einiges vorzubringen gehabt, doch die Qwarm war längst außer Hörweite. Er konnte spüren, wie die AAnn sich ihnen beharrlich näherten. Wenig glücklich über die Wendung, die die Ereignis-se nahmen, jedoch außerstande, das Ruder noch he-rumzureißen, setzte er sich in Bewegung und folgte seiner Schwester.

»Ssie ssind hier, ehrwürdiger Kommandant«, sagte die Technikerin, die einen der Lebensformsensoren ablas. »Ssie bewegen ssich noch, aber in entgegenges-setzter Richtung.« Sie schaute von dem Instrument auf. »Ich vermute, dassss ein paar von ihnen verssu-chen werden, in einem weiten Bogen hinter unss zu gelangen und sso unbehelligt die Schleusse zu errei-chen, während einer oder mehrere in unmittelbarer Nähe bleiben in der Abssicht, unssere Aufmerkssam-keit auf ssich zu lenken.«

»Dssasst – genau dass, wass ich auch tun würde.« Voocim war keineswegs überrascht. Wären diese Menschen dumm, hätten sie es niemals so weit in den Kaiserlichen Hoheitsraum geschafft. Sie zückte ihren Kommunikator und ermahnte die Soldaten in dem wartenden Transportshuttle der Sstakoun sowie die anderen, die sich an Bord des menschlichen Shuttles aufhielten, wachsam zu sein für den Fall, dass ihre Jagdbeute es bis zur Schleuse zurückschaffte. Sie hielt diese Warnung zwar nicht für unbedingt notwendig, wollte aber lieber absolut gewissenhaft sein. Sie wür-den diese Menschen unschädlich gemacht haben, lange bevor sie den Ausgang erreichen konnten.

Zumindest glaubte sie das, bis das schwächere Si-gnal, dem sie sich näherten, sich von seinem Versteck hoch oben an der Decke herabfallen ließ, um mitten in dem Verfolgertrupp zu landen. Noch während des Falls eröffnete das Zielobjekt das Feuer. In dem kon-trollierten Chaos, das daraufhin ausbrach, fielen zwei Mitglieder von Voocims Sonderkommando einem Hagelsturm der Vernichtung zum Opfer, und ein weiteres wurde lebensbedrohlich verletzt, bevor es gelang, den einzelnen Menschen zu töten.

Schwer atmend kniete Voocim sich auf ihre mäch-tigen Beine, um eines von mehreren abgetrennten und übel zugerichteten Körperteilen des Aliens in Augenschein zu nehmen. »Weiblich. Ein äußersst bewegungssfähigess Exemplar.« Sie fügte eine Geste der Feindschaft zweiten Grades, gemischt mit dritt-stufiger Hochachtung, hinzu. »Wo isst der Kopf?«

»Hier drüben, Kommandant!«, rief ein anderer Sol-dat.

Voocim nahm sich einen Moment Zeit, den Schädel zu untersuchen, aber er lieferte keinerlei Hinweis auf Eigenart oder Besonderheiten ihrer Beute. Hoffentlich würden die übrigen Menschen sich nicht als ebenso gefährlich erweisen. Die Leichen der getöteten Solda-ten für eine spätere Bergung zurücklassend, gab sie Befehl, die Verfolgung in nunmehr beschleunigtem Tempo wieder aufzunehmen.

Das nächste Mal würden sie diejenigen sein, die zuerst feuerten.

Nachdem Brionys Altruismus ihnen einige kostbare Minuten verschafft hatte, erreichten Flinx und Mah-nahmi ohne Zwischenfall die Schleuse.

»Sie nähern sich jetzt schneller.« Konzentriert stand Flinx da, die Augen halb geschlossen. »Wir haben noch fünf, vielleicht zehn Minuten, bevor sie uns er-reicht haben.«

»Das weiß ich!« Schweißnasse Strähnen ihres lan-gen, goldenen Haars klebten am Hals und an der Schulter seiner Schwester. »Du bist nicht der Einzige, der die Emotionen anderer spüren kann.« Tief hinter eine Reihe perfekt gleichförmiger, matt glänzender Zylinder geduckt, ließ sie den Blick über das weit-räumige Rund der Luftschleuse gleiten. Hinter der durchsichtigen Barriere funkelten einladend einige Sterne.

Seite an Seite parkten die Shuttles des AAnn-Kriegsschiffs und der Crotase. Die bewaffnete reptili-enartige Gestalt, die in dem offenen Wartungsschacht des Crotase-Shuttles stand, fuchtelte mit einem schma-len, tödlichen Gewehr, während ihr geschuppter Schwanz eifrig hin und her zuckte.

»Viele Auswahlmöglichkeiten haben wir nicht.« Erwartungsvoll sah sie ihn an. »Wo ist dein Schiff?«

»Ich bin mit keinem Shuttle gekommen«, teilte er ihr mit. »Orbitales Ein-Personen-Wartungs-Modul.«

Ihre Augenbrauen hoben sich, als sie in seinem Ge-sicht zu lesen versuchte. »Ein-Personen-Wartungs-Modul?«

»Du bist nicht allzu groß. Wahrscheinlich passen wir beide hinein. Es dürfte ein bisschen eng werden und das Lebenserhaltungssystem ein wenig strapa-zieren, aber für einen kurzen, schnellen Flug sollte es reichen. Das eigentliche Kunststück wird darin beste-hen, zu verhindern, dass wir auf dem Weg nach draußen in die Luft gejagt werden.«

Sie nickte. »Wenn diese uralte Alien-Automatik immer noch verlässlich arbeitet, wird die Schleuse uns hinauslassen, sobald sie unsere Annäherung re-gistriert. Wenn das passiert, werden die AAnn, selbst wenn unser Ausbruch bemerkt werden sollte, einige Zeit brauchen, um beide Shuttles zu verschließen. Natürlich können sie ihr Kriegsschiff von unserem Vorgehen verständigen, aber wie du schon sagtest, es ist nur ein sehr kurzer Flug. Bis die sich zu irgendei-ner Vorgehensweise durchgerungen haben, könnten wir es bis zu deinem Schiff schaffen. Es hat doch Ver-teidigungseinrichtungen, oder?«

»Ein paar.« Seine Antwort blieb bewusst vage. »Unsere Überlebenschancen sind an Bord der Teacher zweifellos größer, als wenn wir hier einfach nur rum-sitzen und auf unsere Verfolger warten.«

»Dann lass uns keine Zeit mehr verlieren. Wo ist das Wartungsmodul?«

Mit eingezogenem Kopf huschte er seitlich davon, die junge Frau dicht auf den Fersen. Keiner der AAnn, die sich auf das mittlere und größte der drei Tore konzentrierten, die ins Innere des Objekts führ-ten, bemerkte sie. Den Soldaten war mitgeteilt wor-den, dass nach den aktuellen Lebensformanzeigen die Schar menschlicher Flüchtlinge relativ klein war. Die Vorstellung, dass eine solche Gruppe versuchen könnte, eines der Shuttles zu stürmen und die Kon-trolle darüber zu übernehmen, schien nachgerade ab-surd. Dennoch blieben die Bewacher der beiden Schiffe in akuter Alarmbereitschaft.

Die reichte jedoch nicht, um die beiden Gestalten, die an der anderen Wand der ausgedehnten Schleuse entlangflitzten, zu entdecken. Jede Deckung ausnut-zend, von denen es reichlich gab, arbeiteten Flinx und Mahnahmi sich bis zu dem Verbund großer, in etwa kugelförmiger Konstruktionen vor, hinter denen er sein einfaches, doch leistungsstarkes Transportmittel versteckt hatte. Es stand noch genau so dort, wie er es verlassen hatte: die Bugnase nach außen gerichtet, das Schutzverdeck offen.

Über die Fernbedienung an seinem Gürtel aktivier-te er das Modul und schaute zu, wie die Innenanzei-gen zum Leben erwachten. »Los, rein«, befahl er Mahnahmi. »Versuch dich im Heck so klein wie mög-lich zu machen. Wenn ich erst mal drinliege und an alle Kontrollen rankomme, kannst du dich wieder entknoten und versuchen, dir etwas mehr Platz zu verschaffen.«

»Alles klar, kein Problem.« Sprach's, kroch in das enge Vehikel und kauerte sich gegen die hintere Front des schmalen Stauraums. Der war dazu ge-dacht, einige wenige persönliche Gegenstände aufzu-nehmen, keine weitere Person, und ihre biegsamen Körperformen passten so eben hinein.

Flinx wollte ihr gerade folgen, als ein jäher Aus-bruch erbitterter Abneigung sein Bewusstsein über-schwemmte. Gleichzeitig traf etwas mit solcher Wucht sein rechtes Knie, dass der Schmerz ihm das ganze Bein hinaufjagte und vor seinen Augen Licht-blitze aufflammten. Er taumelte zurück, die Hände um das verletzte Knie geschlungen. Noch bevor er auf dem Boden aufschlug, zeigte ein leises Summen an, dass das Verdeck des Transportmoduls sich schloss.

Ihr Stiefel. Nach all den Hightechwaffen, denen er in diesen letzten Wochen entgangen war, bei all den von Lehre und Wissenschaft mannigfaltiger Spezies entwickelten Todesapparaturen, die er ausgetrickst hatte, musste es ausgerechnet ein rascher Tritt mit ei-nem spitzen Stiefel sein, der ihm zu guter Letzt zum Verhängnis wurde. Wäre der Angriff von jemand an-derem ausgeführt worden, hätte er ihn kommen se-hen und ihm vorausahnend ausweichen können. Doch er hatte völlig außer Acht gelassen, dass Mah-nahmi vielleicht nicht nur die Emotionen anderer wahrnehmen, sondern auch ihre eigenen verbergen konnte. Er hatte sich so sehr daran gewöhnt, die Feindseligkeit anderer und damit die von ihnen aus-gehende Bedrohung zu spüren, dass er unvorsichtig geworden war. Da war auch die Erkenntnis kein Trost, dass Pip die Gefahr offenbar ebenfalls nicht er-kannt hatte. Als der Hass schließlich mit unverwäs-serter Macht aus ihr herausgeströmt war, war es für eine Reaktion bereits zu spät gewesen.

Als er sich endlich wieder aufgerappelt hatte, leicht lahm auf seinem schmerzenden Bein, war das Ver-deck schon geschlossen. Über ihm schoss aufgeregt Pip hin und her und suchte nach einem Feind, den sie angreifen konnte. Doch dieser Feind war von einer Schicht aus transparentem, photosensitivem Plexa-lum geschützt, die nicht einmal das Gift des Minidra-chen zu durchdringen vermochte.

Eine Hand auf sein schmerzendes Knie gepresst, starrte er zu ihr hinein. Natürlich konnte er sie nicht mehr hören, doch er las es von ihren Lippen ab, die sie rücksichtsvollerweise übertrieben bewegte, als sie ihn mit ein paar letzten Worten bedachte.

»Tut mir leid – das brauche ich.« Und gleichsam wie ein spöttisches Lebewohl setzte sie hinzu: »Bru-der.«

»Warum«, brüllte er sie an. Sie konnte ihn ebenfalls nicht hören, und falls sie es ihm von den Lippen able-sen konnte, hatte sie beschlossen, keine Antwort zu geben. Wie schrecklich musste ihre Angst sein, dachte er. Wie entsetzlich ihr Argwohn und Misstrauen, die sie dazu trieben, jeden in ihrer Umgebung zu fürch-ten – insbesondere die einzige Person im besiedelten Arm der Galaxis, die vielleicht so etwas wie Mitge-fühl und Verständnis für sie aufbrachte.

Mit leisem Schnurren fuhr der Antrieb des Trans-portmoduls hoch und zwang ihn zurückzutreten, um sich aus dem Wirkungsbereich des Triebwerks zu bringen. Kaum hatte sich das Vehikel aus seinem vo-rübergehenden Nest zwischen den seltsamen Kugeln und Rechtecken erhoben, da war auf beiden Shuttles auch schon ein deutlicher Anstieg von Aktivität zu verzeichnen. Flinx hatte keine Zeit mehr zum Daste-hen und Glotzen.

Er schaffte es, zum nächsten Innentor zurückzuge-langen, ohne dass seine Anwesenheit von den AAnn auf einem der beiden Transporter bemerkt wurde. Falls Verblüffung und Verwirrung zu einer Verlang-samung der Reaktionszeit der Wachposten führten, mochte es Mahnahmi durchaus gelingen, aus der Raumstation herauszukommen. Über ihr weiteres Vorgehen wagte er keine Prognose abzugeben, außer dass es mit Sicherheit ziemlich unorthodox sein wür-de. Sie würde es, eine einzelne, unbewaffnete junge Frau, mit einem gekaperten KK-Frachter und einem waffenstrotzenden Kaiserlichen Kriegsschiff aufneh-men müssen.

Die nichtsahnenden AAnn taten ihm beinahe schon leid.

Nunmehr sämtlicher Fluchtmittel beraubt und mit einer Horde wütender AAnn-Soldaten im Nacken, blieb ihm jedoch wenig Zeit, sich über die Vorge-hensweisen anderer den Kopf zu zerbrechen. Eines stand allerdings außer Frage: Er konnte schlecht ein-fach dastehen und hoffen, dass irgendein Wunder ihn wieder zurück zur wartenden Teacher beförderte. Wenig begeistert von der einzigen Chance, die ihm noch blieb, doch ohne eine andere Option oder auch nur hinreichend Zeit, seine Möglichkeiten zu erwä-gen, kehrte er der Schleuse den Rücken und zog sich wieder in die unbekannten Tiefen der rätselhaften Raumstation zurück.