Die Echsenwelt

Alan Dean Foster · Kapitel 18 von 20

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Die Echsenwelt

Kapitel 18

18

 

Kommandantin Voocim war ganz und gar nicht er-freut. Schon jetzt hatte sie zwei ihrer Soldaten verlo-ren und war ein weiterer außer Gefecht gesetzt, und dies allein aufgrund des unvorhersehbaren Verhal-tens eines einzelnen, von Selbstmordgelüsten getrie-benen Menschen. Nunmehr lief mindestens noch ei-ner von ihnen frei herum, während ein dritter es ge-schafft hatte, der Falle, die man den Flüchtigen in der Andockbucht gestellt hatte, auf irgendeine Weise zu entkommen.

Nissasst, sagte sie sich. Der Ärger würde nur von kurzer Dauer sein. Der Mensch, der sich noch in dem Objekt aufhielt, würde alsbald schon gefasst sein, und der eine, der das bemerkenswerte Kunststück voll-bracht hatte, in den Weltraum zu entfliehen, rasch ein-sehen, dass seine Anstrengungen zu nichts führten. Voocim war bereits darüber in Kenntnis gesetzt, dass einer der Menschen die Flucht mittels einer kleinen Wartungseinheit ergriffen hatte, die lediglich imstande war, Entfernungen zwischen Schiffen im Orbit zu-rückzulegen. Ihr einziger Passagier würde binnen Kur-zem schon längsseits der Sstakoun oder des gekaperten Commonwealth-Schiffes auftauchen, wo er sodann mühelos in Verwahrung genommen werden konnte.

Legte Voocim bereits eine gewisse Ungeduld an den Tag, die unsinnigen Manöver der Menschen zu been-den, was im Grunde nur eine einzige Konsequenz zu-ließ, so waren die beiden betagten Wissenschaftler, die sie begleiteten, in ihrem diesbezüglichen Begehren noch um einiges lauter. »Dass ist unerhört, wirklich und wahrhaftig«, tönte Tenukac. »Die bedeutssamsste wissssenschaftliche Entdeckung der letzten beiden Kaisserreichepochen, und wir müssssen hier mit uns-seren Studien sso lange warten, biss ein paar verräteri-sche, unerwünschte Menschen gefasssst ssind.«

»Wir werden diesse Verzögerung in unsseren offi-ziellen Bericht aufnehmen.« Nennasus Tonfall ließ an ihrem Unmut keinen Zweifel.

»Wie ess Ihnen beliebt.« Voocim fügte eine Geste der Geringschätzung zweiten Grades hinzu – Tenu-kac fauchte entrüstet, als er es sah. »Dass hier isst immer noch eine militärische Expedition«, fuhr Voo-cim fort, »und dass wird ssie sso lange bleiben, biss ich Ihnen die offizielle Genehmigung zur Ausübung Ihress Handwerkss erteile. Fallss es zu keinen weite-ren Überraschungen oder Unterbrechungen kommt, verspreche ich Ihnen, dass diesser Moment schon bald gekommen ssein wird.«

»Dass will ich auch hoffen!« Damit gaben Nennasu und ihr erboster Gefährte fürs Erste Ruhe, wofür Voocim mehr als dankbar war.

Sie versuchten weiter, den verbleibenden Men-schen in die Enge zu treiben. Er konnte nicht ewig davonlaufen, so viel stand für die Kommandantin fest. Sie konnte es kaum erwarten, ein derart tatkräf-tiges und schwer dingfest zu machendes Exemplar zu verhören. Die meisten Menschen hätten mittlerweile längst die Aussichtslosigkeit ihrer Lage erkannt und sich in das Unvermeidliche gefügt. Doch so rührig er auch war, der Säuger konnte weder aus dem Satelli-ten entkommen noch den untrüglichen Instrumenten ihrer Techniker entgehen. Bald, sehr bald schon, da-von war Voocim überzeugt, würde er langsamer werden, kehrtmachen und hoffentlich ohne weiteren Ärger kapitulieren. Die Kommandantin sah keinen Anlass, ihre Soldaten zu ermahnen, sich vor einer et-waigen Selbstmordaktion eines weiteren aufgebrach-ten Zielobjekts in Acht zu nehmen. Sie war nach wie vor sehr zuversichtlich, es lebend zu ergreifen.

An Bord der okkupierten Crotase wurde Offizier Dys-seen von der unmittelbar bevorstehenden Ankunft des winzigen Raumfahrzeugs in Kenntnis gesetzt.

»Wir haben dass Modul über Grußfrequenz ange-sprochen und keine Antwort erhalten.« Die Pupillen des AAnn verengten sich erwartungsvoll. »Sseine Annäherung wird von den Kommandogeräten der Sstakoun überwacht. Unssere Scanner zeigen ein Le-benssformssignal an, dass der Anwessenheit einess einzelnen menschlichen Inssassssen entspricht, ob-wohl dass Ssignal außerordentlich schwach isst und Anzeichen von Instabilität aufweisst. Ess gibt keine Hinweisse darauf, dassss dass Fluggerät bewaffnet isst oder gefährliche oder explossive Stoffe mit ssich führt. Die Sstakoun fragt an, ob es zerstört werden soll.«

Dysseen dachte nach. »Ess gibt an sseiner Anflug-bahn nichtss Verdächtigess oder Befremdlichess?«

»Nein, ehrwürdiger Ssir«, vermeldete der Unterof-fizier. »Ess nähert ssich auf geradem Kurss der Schleusse diessess Schiffss.«

Der ranghöhere Offizier machte eine Geste des Verstehens dritten Grades. »Lassssen Ssie ess heran-kommen und andocken. Überwachen Ssie ess wäh-rend der ganzen Zeit aufss Genausste. Wir bessitzen jetzt die Kontrolle über die begrenzten Waffenssys-steme diessess Schiffss. Wenn diessess Fluggerät an-fängt, ein merkwürdigess Verhalten an den Tag zu legen, eliminieren Ssie ess. Wenn nicht, verschaffen Ssie ssich direkt nach sseinem Eintreffen Zugang inss Innere und bringen den Inssassssen zu mir.«

Der Unteroffizier salutierte, fügte eine zusätzliche Geste des Respekts fünften Grades hinzu und ent-fernte sich, Dysseen seinem Nachsinnen über die un-vorhergesehene Ankunft überlassend. Eine Kurs-rückverfolgung bestätigte, dass das kleine Vehikel erst vor Kurzem von der Oberfläche des künstlichen Trabanten gestartet war. Zweifellos befand sich darin einer der Spione, zu deren Verfolgung Kommandant Voocim aufgebrochen war. Seinen Passagier würde auf dem Commonwealth-Schiff kein freundlicher Empfang erwarten. Die Ergreifung des einzelnen Flüchtlings würde eine reine Routineangelegenheit sein. Er wandte seine Gedanken wieder anderen Aufgaben zu.

Ungeduldig wartete der befehlshabende Unteroffizier des Festnahmekommandos, bis die Schleuse sich mit Atemluft gefüllt hatte. Kaum leuchtete das Entwar-nungszeichen auf und waren die Verriegelungen ge-löst, führte er seine drei Soldaten zügig zu dem win-zigen Beiboot. Jeder hielt seine Waffe schussbereit in der Hand und war gewappnet für alle Arten von Täuschungsmanövern und Tricks. Den Anweisungen des Unteroffiziers folgend, verteilten sie sich, um das schlanke Vehikel in die Zange zu nehmen, und war-teten darauf, dass sein Insasse herauskam.

Als das Verdeck zurückglitt, ging der Unteroffizier vorsichtig näher heran, die Mündung seines Gewehrs nach vorne gerichtet. Im Cockpit des Beiboots lag ein einzelner Mensch, weiblich und den begrenzten Kenntnissen nach, die der Unteroffizier über die Menschen besaß, vor Kurzem erst in das Alter begin-nender Geschlechtsreife eingetreten. Vorsichtig stup-ste er die lang hingestreckte Gestalt mit der Spitze seiner Waffe an. Sie rührte sich nicht.

Eine Soldatin seines Trupps war mit einem Medi-pack ausgerüstet. Auf einen Wink des Unteroffiziers eilte sie herbei und fuhr mit einem Basis-Diagnostikator über den reglosen Körper.

»Kein Herzschlag, keine durchgängige Atmung. Ess lassssen ssich geringe Anzeichen für Gehirnakti-vität fesststellen, aber die Gehirnfunktionen scheinen praktisch nicht exisstent.«

»Paralysse.« Mit einem leisen Grunzen warf der Unteroffizier sich wieder sein Gewehr über den Rük-ken. »Wegschaffen.«

»Wenn es tot isst, oder sso gut wie«, merkte die Soldatin an, »wiesso schleudern wir es dann nicht einfach in den Weltraum?«

»Auch ein toter Spion isst der Unternehmung wert. In jedem Fall aber isst ess nicht an unss, darüber zu befinden. Schafft ihn hier weg, und ich werde mit Of-fizier Dysseen Rücksprache halten.«

Unter missmutigem Fauchen, das jedoch gerade leise genug war, um nicht den Zorn des Unteroffi-ziers auf sich zu ziehen, hoben zwei der Soldaten die schlaffe Gestalt aus dem Beförderungsmodul. Sie war nicht sonderlich schwer. Nachdem sie sich geeinigt hatten, wie sie weiter vorzugehen gedachten, schlan-gen sie sich je einen leblosen Menschenarm um die Schulter und brachten sie so in eine aufrechte Positi-on. Wie ein nasser Sack hing das offensichtlich ver-endete Lebewesen zwischen ihnen. Sein Kopf, ver-hüllt von ungebändigten Strähnen aus goldfarbenem Keratin, baumelte von einem biegsamen Hals zum Boden herunter, während von jeder Seite einer jäm-merlichen, symmetrischen Schulter seine fleischigen Arme herabschlackerten.

Das Festnahmekommando war bereits auf halbem Wege zur Brücke und in den Gängen an etlichen Ka-meraden vorbeigekommen, als die beiden Soldaten, die den leblosen Körper stützten, beschlossen, dessen Position zu korrigieren. Während einer der Arme schlapp über dem Rücken eines der Soldaten hing, schloss sich die herabhängende fünffingerige Hand um den Griff eines geschulterten Gewehrs. Finger glitten durch den Abzugsbügel, um den Aktivator zu spannen. Da die Mündung der Waffe nach oben zeig-te, fetzte, als sich zwei dieser Finger zusammenzogen, der nachfolgende Schuss ihrem Besitzer den Hinter-kopf weg.

Als der Soldat zusammenbrach, schon tot, noch ehe er auf dem Boden aufschlug, fuhr der Mensch herum und riss gleichzeitig dessen verbliebenem Kameraden die soeben abgefeuerte Waffe vom Kreuz. Der näch-ste Schuss pustete ein klaffendes Loch in den zweiten Soldaten. Gleichzeitig waren die beiden Unteroffizie-re sowie der übrig gebliebene Soldat angesichts der Reaktionsgeschwindigkeit des »toten« Menschen hin-länglich überrascht, sodass ihre eigenen Reaktionen eine kleine Spur langsamer ausfielen als sonst. Zwei weitere Salven von unmenschlicher Schnelligkeit und Gewandtheit setzten auch dem Rest der Reptilienes-korte ein jähes Ende.

Ohne sich weiter aufzuhalten, sprintete eine voll-kommen lebendige Mahnahmi in Richtung Schiffsge-fängnis los. Der kleine Umstand, dass sie gewisse einzigartige Fähigkeiten besaß, die es ihr erlaubten, sich überzeugender tot zu stellen als vielleicht jeder andere ihrer Art, hatte ihr Vorankommen bislang sehr begünstigt.

Das Letzte, was der schläfrige einzelne Wachposten vor den Verwahrungszellen der Crotase zu sehen er-wartete, war ein frei umherlaufender Mensch. Dass er sich dies erst viel zu spät vergegenwärtigte, verschaffte ihm keine Galgenfrist vor Mahnahmis gnadenlosem Angriff. Binnen zwei Minuten hatte sie den Rest der überlebenden Crew, deren geballte Präsenz sie bereits einige Decks tiefer gespürt hatte, befreit. Alle waren anwesend, mit Ausnahme eines unglückseligen Inge-nieurs, der in Gegenwart der AAnn-Kommandantin zu unbedacht seine Meinung geäußert hatte.

Mahnahmi war so schnell vorgegangen, dass die Es-korte, die sie so eiskalt und effizient liquidiert hatte, immer noch genau dort lag, wo sie in dem Schiffsgang zu Boden gesunken war. Nachdem sie sich mit dem Sortiment verfügbarer AAnn-Waffen ausgerüstet hat-te, setzte die sachkundige Crew der Crotase das Werk ihrer Eignerin fort, indem sie in aller Stille einen ah-nungslosen Soldaten nach dem anderen eliminierte. Als die AAnn endlich mitbekamen, dass sich mitten unter ihnen eine unerwartete Gefangenenrevolte ab-spielte, und Alarm schlugen, war es längst zu spät. Bei dem darauf folgenden Kampf um die Kontrolle über die Crotase fanden zwei weitere Mitglieder von Mah-nahmis Besatzung den Tod. Ihr Verlust betrübte sie, denn er bedeutete, dass das Schiff auf dem Rückweg in die Heimat nicht ganz so leistungsfähig sein würde.

Als einer aus der Crew sie auf den verwundeten Dysseen als den Befehlshaber der Besatzer aufmerk-sam machte, sorgte Mahnahmi dafür, dass der Offi-zier verschont blieb. Sie hatten ihn angetroffen, wie er gerade versuchte, der Sstakoun Einzelheiten über den Aufstand zu übermitteln. Obwohl Mahnahmi die Sprache ihres Gegners einigermaßen passabel be-herrschte, redete sie Dysseen mit Rücksicht auf ihre Mannschaft auf Terranglo an.

»Ihre Bemühungen sind zwecklos. Ich habe von meinen Technikern ein periodisches elektrostatisches Muster in das Kommunikationssystem einfügen las-sen, bevor wir hierherkamen. Jeder auf Ihrem Schiff, der mit Ihnen Kontakt aufzunehmen versucht, würde annehmen, dass Sie mit einer simplen Fehlfunktion zu kämpfen haben, und warten, bis das vermeintliche Problem behoben worden ist, bevor er einen einzigen Gedanken daran verschwenden würde, ob nicht viel-leicht irgendetwas Schlimmeres passiert ist. Jeder weitere Versuch, von der Wiederauferstehung meiner Mannschaft Meldung zu machen, wird ein rasches Ende finden.«

Dysseen stand langsam auf. Aufgrund der Verlet-zung unterhalb seiner vierzehnten Rippe schwankte er ein wenig. »Wer ssind Ssie, und wo kommen Ssie her? Ich habe Ssie noch niemalss gessehen. Hatten Ssie ssich irgendwo auf diessem Schiff versteckt?«

Sowohl ihr Gesichtsausdruck wie ihr Tonfall blie-ben unverändert. »Dies ist mein Schiff. Ich bin die Be-sitzerin, und ich bin gerade erst wieder eingetroffen.«

»Gerade ersst eingetroffen ...?« Dysseen glotzte die junge Menschenfrau an. »Ssie ssind mit dem Transsportmodul gekommen? Aber mir wurde be-richtet, ssein einziger Inssasssse ssei tot!«

»War ich auch. Ist ein kleiner Trick von mir, den ich im Verlauf der letzten paar Jahre ein wenig ver-feinert habe. Ich hab rausgefunden, dass ich mit ein bisschen Zeit und Übung noch ganz andere Salon-kunststückchen vollbringen kann. Einige von ihnen haben sich als ungemein nützlich erwiesen. Aufge-passt, hier kommt noch ein Trick.«

Im gleichen Augenblick schoss ein unerträglicher Schmerz durch Dysseens Schädel, so als würde ihm jemand das Gehirn zusammendrücken. Als sein Blick sich wieder klärte, starrte er die unscheinbare Men-schenfrau entsetzt an.

»Wie – wie haben Ssie dass gemacht?«

»Sie meinen, es hat funktioniert?« Mahnahmi zeig-te sich hellauf begeistert. »Das war erst das zweite Mal, dass ich das versucht hab. Das erste Mal war es bei einem anderen Menschen, und da ist gar nichts passiert. Wie wär's, soll ich's noch mal probieren?«

»Nein, psshassta, nein!« Voller Angst führte Dys-seen eine flehentliche Geste ersten Grades aus, unter-strichen von erstgradiger Angst. »Ich erbitte den Tod für einen ehrbahren Diener des Kaisers.«

»Aber wer wird denn gleich um den Tod winseln? Zeigen Sie sich kooperativ, und ich werde Sie schon bald in dem gleichen Wartungsmodul, mit dem ich hergekommen bin, von hier ablegen sehen. Wenn Sie erst mal sicher aus dem System heraus sind, können Ihre Leute Sie in aller Ruhe einsammeln.«

Dysseens Schwanz zuckte unruhig von einer Seite zur anderen. »Wer ssagt mir, dassss Ssie dass wirk-lich tun?«

Mahnami zuckte die Achseln. »Es steht Ihnen selbstverständlich frei, sich für irgendeine andere Op-tion zu entscheiden.« Bedeutungsvoll wies sie mit dem Kopf auf ein grimmig dreinblickendes Besat-zungsmitglied, das daraufhin augenblicklich die Mündung der AAnn-Waffe in seiner Hand hob. »Wenn Sie natürlich den Tod vorziehen, kann ich Ih-nen zumindest versprechen, dass Sie nicht darum betteln müssen.«

Der verletzte Offizier brauchte weniger als eine Minute, um seine Alternativen abzuwägen. Wenn er von der Sstakoun aufgegriffen wurde, konnte er sich der Gnade der zuständigen Kaiserlichen Gerichtsbar-keit anempfehlen. Es würde zwar wahrscheinlich de-gradiert werden, aber zumindest wäre er noch am Leben.

»Wass genau wollen Ssie von mir?«

»Wie Sie wissen, müssen wir uns mehrere Plane-tendurchmesser von hier fortbringen, bevor wir den Wechsel vornehmen können. Und damit wir auch die Zeit haben, die wir dafür benötigen, werden Sie Ihren Kollegen auf dem Kriegsschiff unsere Manöver erklä-ren. Sobald wir weit genug draußen sind, um den KK-Antrieb zu starten, werfe ich Sie in dem Modul aus der Schleuse hinaus. Für den Fall, dass Sie mit menschlichen Instrumenten nicht vertraut sein soll-ten, hab ich sogar noch einen meiner Techniker für Sie, der Ihnen zeigt, wie man den Zielflugleitstrahl einstellt und aktiviert.«

Dysseen musste über dieses Angebot nicht länger nachdenken. »Ich bin einverstanden. Aber Ihr Tri-umph wird nur ein geringer ssein. Man wird Ssie er-fassssen, wenn Ssie den Kaiserlichen Raum zu ver-lassssen verssuchen, und ssich Ihnen entgegenstellen, noch bevor Ssie in den Wechsel eintreten können.«

»Das glaub ich nicht – nicht, wenn Sie Ihren Job gut machen. Und wenn wir erst einmal im Plusraum sind, kann uns bekanntermaßen niemand mehr etwas anhaben.« Energisch rückte ihr leidenschaftsloses Ge-sicht in sein Blickfeld. »Wir werden uns nicht nur un-behelligt in den Commonwealth verabschieden, son-dern außerdem noch einen Weg finden, wie wir wie-der zurückkehren und die uns zustehende Kontrolle über unsere Entdeckung übernehmen können, bevor irgendwelche herumzankenden Kaiserlichen Büro-kraten darüber befinden können, was damit zu tun ist. Auf alle Fälle garantiere ich Ihnen, dass Sie sich keine Sorgen darum zu machen brauchen.« Sie trat einen Schritt vor und baute sich neben dem Chef-kommunikationstechniker der Crotase vor den ent-sprechenden Schiffssystemen auf.

»Passen Sie auf, was Sie sagen.« Andeutungsweise hob sie ihr Gewehr. »Und kommen Sie nicht auf die Idee, es mit irgendwelchen komisch betonten Silben zu versuchen. Ich spreche sehr gut AAnn.« Es folgte ein hinreichendes Beispiel ihrer diesbezüglichen Fer-tigkeit, um Dysseen in angemessener Weise zu be-eindrucken. »Ihre Leute werden sich wundern, wieso Sie sie nur über Audioverbindung kontaktieren. Er-klären Sie ihnen, dass Sie ein kleines Problem mit dem primären stationären Funktionsablauf haben und Ihre Techniker bereits daran arbeiten.«

Dysseen erwies sich als besonnen, überzeugend und von ruhiger Eloquenz. Mahnahmi war äußerst zufrieden mit ihm. Als das Schiff der Menschen seine Position veränderte und neu ausrichtete, behielt die Sstakoun wie geplant die ihrige bei. Nicht eine Waffe des Kriegsschiffs schwenkte herum, um mit ihrem Mündungsrohr den Bewegungen der Crotase zu fol-gen. Trotz des Unbehagens, das die Besatzung ver-spürte, wurde jedes Manöver gleichmäßig und ohne Hast ausgeführt, um bei dem AAnn-Schiff keinen unnötigen Verdacht zu erregen.

Mahnahmi hielt, was sie versprochen hatte. Sobald ihr Schiff den erforderlichen Abstand von fünf Plane-tendurchmessern zwischen sich und den Methan-zwerg gebracht hatte, um den der künstliche, gasum-hüllte Mond kreiste, wurde dem AAnn-Offizier in das kompakte Transportmodul hineingeholfen und dessen Notrufsignal aktiviert.

Während er von der Crotase wegdriftete, konnte Dysseen beobachten, wie ein tiefrotes Leuchten vor dem KK-Projektionsreflektor des Commonwealth-Raumers Gestalt annahm. Als sich das Posigravitati-onsfeld verdichtete und intensivierte, nahm das vor-malige Beuteschiff langsam, aber stetig Fahrt auf und begann sich aus dem System herauszubewegen. Und als sich die Sstakoun, das elektronische Wehklagen des Moduls anpeilend, in sein Sichtfeld schob, war das menschliche Raumschiff längst in den uner-forschlichen Tiefen des Plusraums verschwunden.

Erleichtert zischte Dysseen auf. Er brauchte einen Moment, um zu bemerken, dass sein Zischen aufge-hört hatte, das fremde jedoch nicht. Ein rascher Blick auf die minimalen Instrumente des Fluggeräts ließ einen alarmierend rapiden Luftdruckabfall erkennen. Fieberhaft versuchte er die für Menschen gemachten Anzeigen zu entziffern, in dem verzweifelten Bemü-hen, die Ursache für das Problem ausfindig zu ma-chen. Als er es schließlich eingegrenzt hatte, war die Erklärung ebenso einfach wie die Beantwortung der Frage, was geschehen war.

Der Druckablass war so programmiert, dass er erst einsetzte, als die Sstakoun seine Position bestätigt hat-te.

Während er in dem sargähnlichen Beförderungs-modul eingezwängt vor Wut kochte, gingen ihm ei-nige Worte dieser grausamen menschlichen Frau durch den Kopf. Sie hatte recht gehabt – er würde sich keine Sorgen zu machen brauchen, was mit dem Commonwealth-Schiff passierte, genauso wenig, wie er um den Tod betteln musste. Da er einer Spezies mit einem hoch entwickelten Sinn für Ironie angehörte, wusste der AAnn-Ofizier die Situation besser zu würdigen als vielleicht manch anderer. Nur wäre sei-ne Würdigung noch weitaus größer gewesen, hätte es sich diesmal nicht um ihn selbst gedreht. Vermutlich war Dysseen noch am Leben, als man an Bord der Sstakoun, nachdem eine Antwort von dem Modul ausblieb, Greifer einsetzte, um das winzige Fluggerät in die Luftschleuse zu ziehen. Gleichwohl war der ehrwürdige Offizier, als die Kammer ordnungsgemäß auf Normaldruck gebracht war und das medizinische Personal endlich das Vehikel gewaltsam öffnen und an ihn herankommen konnte, nicht mehr in der Lage, eine Antwort zu geben. Im Unterschied zu der menschlichen Frau besaß er nicht die Gabe, seinen Tod nur vorzutäuschen.

So schnell er konnte drang Flinx immer weiter ins In-nere vor. Es schien keine Rolle zu spielen, in welche Richtung er sich wandte oder welcher Biegung er folgte: Die Nähe erbarmungsloser AAnn blieb in sei-ner Wahrnehmung stets präsent. Die gut ausgebilde-ten, durchtrainierten Soldaten, die sich seit Kurzem so unverhofft von ihrer Langeweile befreit sahen, würden nicht eher ruhen, als bis sie ihre Beute zur Strecke gebracht hatten. Ganz ohne Frage war ihr Or-tungs- und Zielverfolgungsequipment ebenso gut und beharrlich wie die Techniker, die es bedienten.

Sein Herz schlug so heftig, als wollte es ihm in der Brust zerspringen. Völlig kraftlos vor Erschöpfung hielt er an, stützte die Hände auf die Knie und ver-suchte wieder zu Atem zu kommen. Beflissen flatter-te Pip vor seinem Gesicht hin und her, als ob sie ihren Freund und Begleiter anfeuern wollte, seine Hals über Kopf begonnene Flucht wieder aufzunehmen. Er wünschte, er hätte sich einen kleinen Teil der schein-bar unerschöpflichen Energie des Minidrachen aus-borgen können. Die AAnn, die ihm auf den Fersen waren, gönnten sich keine Pause; deutlich fühlte er sie heranrücken. Da er keine Alternative erkennen konnte und sich zudem weder ihnen noch seinem er-schöpften Körper zu ergeben gedachte, richtete er sich auf und taumelte weiter.

Am schlimmsten von allem war die Erkenntnis, dass er die emotionale Präsenz seiner durchtriebenen Schwester nicht mehr wahrnehmen konnte. Mah-nahmi hatte es geschafft, zu verschwinden. Während er immer weiter durch die schier endlosen Gänge stolperte, fragte er sich, wie viel er ihr eigentlich glauben durfte. Ohne einen Zugriff auf das Sybfile, das sie besaß, wie konnte er da wirklich wissen, was an ihrer Geschichte über ihn wahr und was reine Er-findung war? War sie wirklich seine rechtmäßige Schwester? Oder war sie einfach nur eine clevere Nutznießerin von Informationen, die sie sich aus der gestohlenen Syb zusammengeklaubt hatte?

Hohn und Spott schienen auf der Tagesordnung zu stehen. Von allen Menschen in der Galaxis war sie der einzige, der sich im Besitz des Dokumentenwissens befand, das über Wahrheit oder Unwahrheit ihrer Behauptungen entschied. Sie war die Einzige mit Zu-gang zu den Informationen, die er wollte und brauch-te, zu den Fakten um seine eigene Person, die brisan-terweise aus der Terranischen Shell entfernt worden waren. Es gab – andere, die sich für ihn interessierten, die auf seine Herkunft und seine Fähigkeiten neugie-rig waren, vielleicht gab es sogar ein paar wenige, die genug wussten, um sich vor ihm zu fürchten. Doch unter allen diesen Leuten war sie, soweit er wusste, die Einzige, die von Hass verzehrt wurde.

Was er tun würde, wenn sein ausgelaugter Körper ihn nicht mehr weitertrug, wusste er nicht. Vielleicht würde die gleiche geheimnisvolle Fähigkeit, die ihn schon früher in verzweifelten Situationen gerettet hatte, abermals zu Tage treten. Er empfand diese Vorstellung als wenig tröstend, denn er mochte sich einfach nicht darauf verlassen.

Er war gerade einen relativ schmalen Gang hinun-tergetorkelt, als er sich plötzlich in einer großen Halle wiederfand. Ein Wust von Rohren und Leitungen breitete sich von der Mitte strahlenförmig aus. Es gab kleine Schalttafeln aus sich selbst tragendem reflek-tierenden Material, diverse verschnörkelte Filigran-arbeiten aus gesponnenem metallischem Glas und ei-ne Anzahl frei schwebender geometrischer Gebilde, die stetig und langsam pulsierten. Ungefähr in der Mitte dieses Sammelsuriums aus fremdartigen Vor-richtungen fiel ein einzelnes, längliches Gebilde auf, das aussah, als wäre es aus einem Kessel mit ge-schmolzenem Kunststoff getropft. Da stand eine Art Liege unter einer transparenten Kuppel, welche eine zweite, kleinere Kuppel enthielt, die für einen Helm zu groß und für eine Personenkapsel zu klein war.

Mit heruntergeklappter Kinnlade kam Flinx stol-pernd zum Stehen. Aufgeregt flatterte Pip über sei-nem Kopf. Er spürte, dass die ihn verfolgenden AAnn inzwischen sehr nah waren. Das Verblüffende, ja, ge-radezu Schockierende an der trügerisch harmlos wir-kenden Liege-Kuppel-Schöpfung war weder ihr Aus-sehen noch ihre Bauart, noch der Ort, an dem sie sich befand.

Es war der Umstand, dass er sie kannte.