Die Echsenwelt

Alan Dean Foster · Kapitel 14 von 20

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Die Echsenwelt

Kapitel 14

14

 

Flinx hatte niemals so etwas wie ein wirkliches Zu-hause gehabt, nicht im herkömmlichen Sinne jeden-falls. Mutter Mastiff hatte zwar ihr Bestes getan, ihm eines zu schaffen, doch die ungestüme alte Dame konnte nun wirklich nicht als Inbegriff der Häuslich-keit bezeichnet werden. Infolgedessen und in Erman-gelung richtiger Eltern hatte er den größten Teil sei-ner Jugend damit verbracht, die Straßen und Märkte von Drallar zu durchstreifen und nach Zerstreuung und Erleuchtung anstelle von familiärer Behaglich-keit zu suchen.

Viele Jahre und Welten später streifte er noch im-mer umher, aber dank der außergewöhnlichen Lern-fähigkeit seiner verschrobenen, seltsamen Freunde, den Ulru-Ujurrern, war er nun imstande, zumindest den Anschein eines Zuhauses stets mit sich zu neh-men, wohin er sich auch zu gehen entschloss.

Die Teacher war ein voll ausgerüstetes KK-Schiff, geeignet für die Reise zwischen Sternensystemen. Über die letzten vergangenen Jahre hinweg war sie für Flinx jedoch mehr zu einem festen Zuhause ge-worden als jedes andere. Eines, das ihn nicht nur überall hinbrachte, sondern das auf alle seine Bedürf-nisse und Wünsche einging, kaum dass er sie gedacht hatte. Als das Shuttle im Laderaum über der Abwurf-luke festmachte, wurde ihm bewusst, wie sehr er die tröstliche Hülle seines Schiffes vermisst hatte.

Nach den Tagen des Umherirrens in der Wüste von Pyrassis war das Bad in der Immersionsdusche so wohltuend, so herrlich entspannend, dass es ihn eini-ges an Willenskraft kostete, wieder herauszusteigen und während des automatischen Trockenvorgangs still stehenzubleiben. Nachdem dergestalt seine Le-bensgeister wieder geweckt waren, halfen eine Mahl-zeit aus echter Nahrung und ein fruchtiges Getränk, diese zu stärken. Pip stürzte sich mit wahrem Heiß-hunger auf jeden Bissen und Happen, den er ihr reichte. Ihre staubbedeckten Flügel bekamen wieder ihren Glanz, und das vertraute Glitzern kehrte in ihre grünen Augen zurück.

Doch nichts von all dem dauerte allzu lange. Ob-wohl Flinx am liebsten nichts anderes getan hätte, als zu duschen, zu essen und tagelang zu schlafen, blieb dafür keine Zeit. Nicht, wenn er der Crotase auf der Fährte bleiben wollte. Außerdem war den AAnn, die für die Sicherung von Pyrassis zuständig waren, nun bekannt, dass sich zumindest eine unbefugte mensch-liche Person in ihrer Nähe herumtrieb. Wenngleich Flinx auch nicht wusste, in welchem Rahmen sich die Mittel bewegten, die ihnen vor Ort zu Gebote stan-den, nahm er dennoch nicht an, dass sie ihm, nur weil es ihm gelungen war, von der Planetenoberfläche zu entkommen, gestatten würden, einfach so durch die Gegend zu streunen. Solange er sich noch innerhalb der Grenzen des Kaiserreiches aufhielt, war seine Freiheit nach wie vor gefährdet.

Hatten die AAnn möglicherweise Schiffe in diesem System stationiert, mit denen sie in der Lage waren, nach ihm zu suchen? Es war besser, er ging zunächst davon aus, denn eine andere Annahme könnte sich als verhängnisvoll erweisen. Entsprechend gab er der Teacher Order, den Raum in unmittelbarer Nähe auf verdächtige Flugbewegungen hin zu überwachen und ihm solche, auch wenn er schlief, augenblicklich zu melden. Darüber hinaus gab er Anweisung, um-gehend alle erforderlichen Schritte einzuleiten, wel-che adäquaten Gegenmaßnahmen das Taktikpro-gramm auch immer für notwendig erachten sollte, um sowohl die Sicherheit des Schiffs als auch die ih-res einzelnen menschlichen Insassen zu garantieren.

Dies alles hieß nicht, dass er seine Nachforschun-gen aufzugeben gedachte, sondern nur, dass er Vor-kehrungen traf, um sie im Gegenteil weiter fortsetzen zu können.

Nun, da seine Anwesenheit entdeckt und seine Flucht mit dem Shuttle vermutlich gemeldet worden war, würden die AAnn im Orbit nach ihm suchen. Und wenn sie dort weder auf das Shuttle noch auf ir-gendein anderes nicht identifiziertes Schiff stießen, würden sie ihre Suche unweigerlich weiter ausdeh-nen. Was bedeutete, dass die Zeit, die ihm für das Aufspüren und Beobachten des Crotase-Landetrupps und gegebenenfalls für eine Kontaktaufnahme blieb, mit jedem verstreichenden Augenblick knapper wur-de.

Tapfer ließ er die Annehmlichkeiten der Borddu-sche hinter sich, begab sich zielstrebig in den Bug des Schiffes und nahm im Kommandosessel Platz. Pip vergnügte sich damit, über den Instrumenten hin und her zu huschen und nach Ungeziefer zu suchen, das es nicht gab.

Es war nicht notwendig, sich ausdrücklich an die Haupt-KI der Teacher zu wenden; es war niemand sonst an Bord, der auf seine Frage hätte antworten können. »Hat sich die Position des zu kontrollierenden Landetrupps seit der letzten Bestimmung geändert?«

Das Schiff reagierte ohne zu zögern. »Das hat sie.«

Nun, das war nicht weiter erstaunlich. Er rief die maßstabgetreue Karte von der Region auf, in der er die vergangenen, mühevollen Tage verbracht hatte. Interessanterweise wies sie die enorme Anlage des Transmitters als geologisches Merkmal aus.

»Zeig mir die neue Position, und präzisiere die Konvergenz.«

»Das ist mir nicht möglich, Flinx.«

Er blinzelte. »Wieso nicht?«

»Weil sich der Landetrupp des fraglichen Com-monwealth-Raumers nicht mehr auf der Oberfläche der betreffenden Welt befindet. Seine Mitglieder ha-ben sich vor einigen Tagen wieder an Bord ihres Schiffes begeben.«

»Dann sind sie sicher gerade dabei, den geographi-schen Standort von dem, was sie hier untersuchen wollen, neu zu überprüfen.«

»Das nehme ich nicht an. Sie sind nicht nur von der Oberfläche aufgebrochen, sondern haben auch die unmittelbare Nachbarschaft des Planeten verlassen.«

Flinx lehnte den Kopf zurück und schloss die Au-gen. Auf einmal fühlte er sich unendlich müde. Den ganzen weiten Weg hierhergekommen zu sein, ein Eindringen in den Raumsektor des Kaiserreichs ris-kiert zu haben, nur um jetzt die Spur zu der einen Syb zu verlieren, die möglicherweise entscheidende Hinweise auf seine Vergangenheit enthielt, das war kaum noch zu ertragen.

Und die Spur war verloren. Kein Schiff ließ sich durch den Plusraum verfolgen. Dazu musste man seinen Zielort kennen, oder zumindest seine Abflug-bahn. Und selbst dann, und mit der Hilfe hochent-wickelter grafischer und vorausberechnender Mess-instrumente, war der Versuch, den möglichen Be-stimmungsort eines Schiffes zu ermitteln, ohne einen Schimmer davon zu haben, wo und wann es aus dem Plusraum austreten würde, eine Geheimwissenschaft, die fast schon an Metaphysik grenzte.

Es sei denn ...

»Du sagtest, sie haben die unmittelbare Nachbar-schaft des Planeten verlassen. Haben sie einen Über-gang vollzogen, oder befinden sie sich noch innerhalb des Systems?«

»Ihre Koordinaten sind nach wie vor lokal. Ich er-halte soeben ergänzende Angaben. Demnach haben sie sich in einen Orbit um Pyrassis Zehn begeben, der äußersten Welt dieses Systems.«

Eine Chance. Es gab immer noch eine Chance. Flinx' Erregung wuchs, und auch seine Verwirrung. Was wollte die Besatzung eines scheinbar harmlosen Handelsfrachters eigentlich in diesem uninteressan-ten AAnn-System? Oder hatten sie einfach nur ihren Aufenthaltsort verlagert, um in Ruhe abzuwarten, bis sich die Betriebsamkeit rund um Pyrassis wieder ge-legt hatte, und zu vermeiden, dass das örtliche Mili-tär, das durch Flinx' Anwesenheit zu ungewöhnlicher Aktivität erwacht war, auf sie aufmerksam wurde? Zumindest wies Pyrassis in Form von exotischen Mi-neralformationen und möglicherweise noch anderen, bislang unbekannten Bodenschätzen ein gewisses nicht zu verachtendes Geschäftspotenzial auf. Ein Methanzwerg, der von einem einzelnen, ebenfalls gasförmigen Mond umkreist wurde, hatte wohl kaum ein ähnliches Potenzial zu bieten.

Ein einzelner Mond. Dem altehrwürdigen Ehe-gespann von AAnn-Wissenschaftlern nach war dies allerdings exakt der Ort, auf den die einzelne plötzli-che Energieentladung des Transmitters gerichtet ge-wesen war. Was zum Teufel ging hier eigentlich vor? In welcher Verbindung könnte diese unvorhergese-hene Verkettung von Ereignissen zur Besatzung der Crotase stehen? Und deutete irgendetwas davon auf einen Zusammenhang zwischen ihm und der ver-missten Sybdatei hin? Unzählige Gedanken stürmten auf ihn ein und überschlugen sich in seinem Kopf, und nicht einer ergab irgendeinen Sinn.

Doch das würden sie noch, schwor er sich, wäh-rend er der Teacher Instruktionen erteilte. Früher oder später, auf die eine oder andere Weise.

Es dauerte etwas länger, den Rand des pyrassi-schen Systems anzufliegen und dabei die Ekliptik-ebene zu meiden, doch Flinx war der Meinung – und die KI der Teacher gab ihm recht –, dass sie auf diese Weise weniger Gefahr liefen, einem Erkundungs-schiff der AAnn zu begegnen, mochte es nun be-mannt oder unbemannt sein. Außerdem konnten sie so, falls sich ihnen jemand entgegenstellte und eine Flucht unausweichlich erschien, sicherer und schnel-ler in den Plusraum entkommen.

Ob die auf Pyrassis stationierten AAnn-Streitkräfte langsam oder schlecht ausgerüstet oder konfus oder alles gleichzeitig waren, entzog sich Flinx' Kenntnis, aber er war außerordentlich erleichtert, als die Teacher schließlich ihren Endanflug auf Pyrassis Zehn einlei-tete, ohne dass sie auf etwas Bedrohlicheres gestoßen wären als einen robotgesteuerten Wissenschaftssatel-liten.

Mithilfe der Technik, die die Ulru-Ujurrer sich zu eigen gemacht, weiterentwickelt und in die Konstruk-tion der Teacher integriert hatten, war er in der Lage, die aufgewühlte, schmutzig braune Masse des riesi-gen Planeten in Höhe der oberen Wolkenschichten zu umkreisen. So konnte er sich unbemerkt an dessen einzigen, dicht umwölkten Mond heranpirschen.

Die Crotase war dort, genau wie die KI vorausge-sagt hatte. Abgeschirmt durch hochmoderne Militär-technik, wie sie eigentlich auf einem Privatraumer nichts zu suchen hatte, ignorierte die Teacher die ru-dimentären Scanvorrichtungen des Frachters und trat in einen unabhängigen Orbit ein. Auch wenn Flinx' Schiff durch die Instrumente an Bord der Crotase nicht auszumachen war, hieß das noch lange nicht, dass nicht irgendjemand aus einer Luke herausschau-te und das Schimmern eines in der Nähe dahintrei-benden Raumschiffs mit bloßem Auge entdeckte. Doch indem er die Teacher auf der entgegengesetzten Seite von Pyrassis Zehn positionierte, war auch dieses ausgesprochen simple Problem aus der Welt.

Allerdings brachte seine Ankunft keine großartigen Enthüllungen mit sich. In dem umfangreichen und stets anwachsenden Katalog substellarer astronomi-scher Objekte nahmen weder der Mond noch seine Mutterwelt einen besonderen Rang ein. Methanzwer-ge gehörten in dem Sternenlexikon zu den langwei-ligsten Planetenarten überhaupt. Pyrassis Zehn besaß weder psychedelisch gefärbte Wolkenbänder noch Ringe, noch vulkanisch verursachte Wirbelstürme. Seine Atmosphäre war braun, düster und unglaub-lich dicht, selbst für ein Gestirn von der siebenfachen Größe des Saturn. Und genauso wenig aufsehenerre-gend war auch sein Mond.

Oder war es zumindest gewesen, bis die Teacher, neben den bei einem Anflug üblichen Standardscans, anfing, ihm mithilfe raffiniertester Instrumente ge-nauer auf den Zahn zu fühlen.

»Dieser Trabant ist nicht vollständig gasförmig. Er hat einen festen Kern.«

Angestrengt starrte Flinx auf die schmutzig braune Kugel, konnte jedoch keinerlei Hinweis auf irgen-detwas entdecken, dessen Beschaffenheit nicht dunstartig war. Dessen ungeachtet hielt sich seine Überraschung in Grenzen. Einige Methanzwerge be-saßen einen festen Kern, andere waren durch und durch Gas, und in wieder anderen hatten sich be-stimmte Gase im Zentrum zu einem kugelförmigen Ozean verdichtet. Durchaus denkbar, dass das Glei-che auch für einen Mond zutraf.

»Von steiniger Substanz, Nickel-Eisen, hab ich recht?«, fragte er mäßig interessiert nach.

»Der Kern hat eine breitgefächerte Zusammenset-zung. Metalle sind vorhanden, jedoch in untypischer Kombination. Außerdem lassen sich Schichten von abweichender Konsistenz feststellen. Metallhaltige Flüssigkeiten zum Beispiel, oder flüssige Metalle. Al-les in allem ein äußerst ungewöhnliches Objekt.«

»Abmessung des Kerns?« Weder der Planet noch sein Mond ließen unterhalb der düsteren Wolken ir-gendein Anzeichen von Wetteraktivität erkennen; keine sich aufwärts schraubenden Stürme, keine himmelhohen Blitze eines monumentalen Gewitters.

»Ungefähr vierhundertdreiundsechzig mal ein-hundertneununddreißig Kilometer.«

Flinx runzelte die Stirn, als Pip unsicher auf seiner Schulter landete. »Ungefähr?«

»Der Kern weist eine extrem ungleichmäßige Ober-fläche auf, mit zahlreichen deutlich erkennbaren Er-hebungen und Vertiefungen. Was nicht weiter ver-wunderlich ist angesichts seiner offensichtlichen Na-tur.«

Das wurde immer seltsamer. »Und die wäre?«

»Der Kern ist keineswegs natürlich. Es handelt sich um eine künstliche Konstruktion unbekannten Ur-sprungs.«

Flinx' Interesse an dem soeben noch bemerkens-wert tristen Mond loderte jäh auf. »Bist du sicher? Du meinst, das Ding ist nichts anderes als ein irrsinnig großer ... künstlicher Satellit?«

»Ich habe seit der Kontaktherstellung ununterbro-chen Scans und Analysen durchgeführt. Ein Irrtum ist ausgeschlossen. Der Kern dieses ›Mondes‹ ist nicht natürlichen Ursprungs. Er wurde gebaut.«

Aber wieso dann diese gasförmige methanschwere Umhüllung? Flinx stand vor einem Rätsel. Tarnung? Die Folge von einer Art Leck im Innern des ... Phä-nomens? Ein Störfall in der Sternenmechanik? Was für ein Objekt war er eigentlich gerade im Begriff zu untersuchen? Eine Relaisstation vielleicht? Eine schwebende künstliche Kolonie, die seit langem ver-lassen war? Oder, die Gottheit stehe ihm bei, womög-lich ein Schiff? Was immer es war, es war vierhun-dertsechzig und ein paar zerquetschte Kilometer lang. Selbst wenn es ihm gelang, sich Zutritt ins Inne-re zu verschaffen, würde er in den paar Tagen, die ihm zur Verfügung standen, wohl kaum in der Lage sein, es zu erforschen.

Viel wichtiger jedoch und am interessantesten viel-leicht war dies: Wenn das Objekt tatsächlich das be-absichtigte Ziel des kurzen Energieausstoßes von dem Transmitter auf Pyrassis gewesen war, hatte es auf irgendeine Weise auf diese Übertragung reagiert? Und falls ja, was mochte dann als Nächstes passie-ren? Dass er eigentlich hier war, um nach einem Syb-file zu suchen, das Informationen über seine ureigen-sten Anfänge enthielt, hatte er beinahe vergessen.

Einer Sache war sich Flinx jedenfalls ziemlich ge-wiss: Die hiesigen AAnn wussten nichts von der Exi-stenz eines gigantischen, unter Wolken verborgenen Objekts in den Randgebieten dieses Systems. Wäre es anders gewesen, hätten sie hier draußen längst eine permanente Forschungsstation errichtet.

Wenn es tatsächlich die Absicht gewesen war, das Objekt zu tarnen, indem man ihm den Anschein eines natürlichen Mondes verlieh, dann hatten seine Er-bauer hervorragende Arbeit geleistet. Abgesehen von der jeweiligen Höhe der Atmosphäre gab es keinen Unterschied, weder chemischer noch sichtbarer Art, zwischen dem dunstverhüllten Trabanten und der Welt, die er umkreiste. Flinx wusste nicht, wie lange sich das Schwerkraft erzeugende Objekt schon in der Umlaufbahn befand, doch es war auch denkbar, dass es einfach nur genug feste Materie von dem zehnten Planeten angezogen hatte, um seine eigene beschei-dene Atmosphäre herauszubilden. Der trübe Dunst-schleier, der es umgab, konnte daher genauso gut aufgrund natürlicher Vorgänge entstanden sein an-statt durch intelligente, planvolle Maßnahmen.

»Kannst du eine ungefähre Vermutung hinsichtlich des Alters abgeben?«, fragte er die Teacher.

»Ohne Materialproben, die mir eine genauere Ana-lyse gestatten, leider nicht.« Die Stimme des Schiffs klang aufrichtig bedauernd. »Allerdings sind die Me-than-Ammoniak-Wolken, die ihn umschließen, noch relativ jung.«

Flinx wippte ungeduldig in seinem Sessel. »Dann glaubst du also, dass sie ebenso künstlicher Natur sind wie das Material des Kerns?«

»Das habe ich nicht gesagt. Ich kann anhand ihrer Zusammensetzung nicht feststellen, ob sie natürli-chen Ursprungs sind oder nicht. Aber ich kann ihr Alter abschätzen. Meinen Messungen nach bewegt es sich zwischen vierhundertachtzig- und fünfhundert-tausend Jahren.«

Irgendetwas an dieser Zeitangabe ließ Flinx für ei-nen kurzen Moment stutzen. Etwas, das über die sim-ple Tatsache, dass sie sich mit der Einschätzung der AAnn-Wissenschaftler hinsichtlich des Alters des ge-waltigen Transmitters auf Pyrassis deckten, hinaus-ging. Doch er war viel zu sehr von der Aufregung des Augenblicks gefangen, um in sich zu gehen und die ganze Tragweite dieser Information zu erkennen. Wenn überhaupt, dann konnte das bis später warten.

»Demnach hältst du das Kernobjekt also für genau-so alt?«

»Auch das habe ich nicht gesagt.« Die Teacher hatte über die Jahre gelernt, nachsichtig mit ihrem biswei-len etwas reizbaren Besitzer zu sein. »Obschon eine solche Annahme auf den ersten Blick nicht abwegig erscheint.«

»Bring uns näher ran. Und bleib wachsam, was die Aktivitäten des anderen Commonwealth-Raumschiffs betrifft.«

»Das bin ich bereits die ganze Zeit. Ich werde seine anhaltenden Aktivitäten weiterhin im Auge behalten.«

»Anhaltenden Aktivitäten?« Flinx' Bestürzung währte nur einen kurzen Augenblick. Wenn irgend-eine Gefahr im Verzug gewesen wäre, hätte die Tea-cher längst die entsprechenden Gegenmaßnahmen er-griffen. Zumindest hätte sie ihn von jedem Verdacht unterrichtet.

Die synthetische Stimme blieb ruhig und vollendet moduliert. »Seit dem Zeitpunkt unserer Ankunft hat das andere Schiff einen allgemeinen Umgebungsscan durchgeführt. Ich habe diesen um uns herumgeleitet. Wäre unser KK-Antrieb aktiviert, ließe sich eine Tar-nung natürlich unmöglich aufrechterhalten. Doch al-lein auf die Energie der internen Systeme beschränkt, bin ich mühelos in der Lage, solchen Ortungsversu-chen entgegenzuwirken.«

»Das hab ich mir schon gedacht, aber es ist immer wieder schön zu hören, dass alles ordnungsgemäß funktioniert. Kannst du gewährleisten, dass es auch so bleibt?«

»Ja, es sei denn, das betreffende Schiff offenbart plötzlich Fähigkeiten, die es bislang noch nicht preis-gegeben hat. Obwohl es für einen Handelsraumer er-staunlich gut ausgestattet ist, bleiben seine Möglich-keiten weit hinter denen eines Militärschiffs zurück. Auch hinter meinen«, fügte es ohne jeden Anflug von Überheblichkeit hinzu.

»Die Sensoren zeigen ionisierte Partikel an, die auf vor kurzem ausgestoßene Shuttle-Emissionen in der Nähe des Larnaca-Frachters Crotase schließen lassen«, fuhr die KI fort. »Obwohl sie sich rasch zerstreuen, deutet die bogenförmige Konzentration besagter Par-tikel darauf hin, dass zumindest ein Transfer vom Ba-sisschiff zu der Oberfläche des künstlichen Mondes stattgefunden hat. Ich dachte mir, dass Sie das viel-leicht interessieren würde.«

Das Schiff lag mit seiner Mutmaßung wie üblich richtig. »Sie versuchen also, hineinzukommen und sich dort etwas umzusehen.« Flinx rieb sich die Stirn, während er darüber nachdachte, ob es besser wäre, vorzugehen, wie er eigentlich sollte, oder so, wie er eigentlich wollte. »Daraus kann man ihnen kaum ei-nen Vorwurf machen.«

»Die Emissionen setzen sich über die äußere De-markationslinie hinweg fort. Ich neige zu der An-nahme, dass sie sich bereits im Innern befinden.«

Konnte er sich vielleicht irgendeinen von ihnen greifen und ein wenig zur Brust nehmen, um etwas über die Syb herauszubekommen? Falls nur ein Teil der Mannschaft die Crotase verlassen hatte, würde das ein Eindringen in das Schiff für ihn um einiges er-leichtern.

Andererseits, wenn sich die Leute, mit denen er re-den wollte, in diesem Moment in dem seltsamen Ob-jekt aufhielten, würde er sich die Mühe, die Sicher-heitseinrichtungen ihres Schiffs zu überwinden, völ-lig umsonst gemacht haben. Außerdem war er bis-lang so sehr mit der Rückverfolgung des Sybfiles be-schäftigt gewesen, dass er sich überhaupt noch keine Gedanken darüber gemacht hatte, wie er es lokalisie-ren und an sich bringen wollte.

Nun, da er sich genötigt sah, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, wurde ihm klar, dass das Gan-ze womöglich auf eine eher unelegante Methode hi-nauslief, wie jemandem einfach die Waffe unter die Nase zu halten und ihn aufzufordern, gefälligst mit dem Ding herauszurücken. Ein solches Vorgehen war vielleicht nicht sehr kultiviert, aber Flinx' Erfahrun-gen nach in aller Regel von durchschlagendem Er-folg. Und wenn er schon einmal da war, konnte er auch gleich einen genaueren Blick auf das kolossale anorganische Objekt werfen.

»Kannst du uns noch näher an den Mond heran-bringen, ohne dass die elektronischen Ortungssyste-me der Crotase uns erfassen?«

»Ich denke, schon.«

Die Teacher begann zu sinken. Es dauerte nicht lan-ge, und der Blick aus den Luken war von Wolken versperrt, und Flinx sah sich gezwungen, seine Auf-merksamkeit auf die Monitore zu beschränken. Auf einem erschien in perfekten Umrissen die Silhouette der Crotase, zum Vorschein gebracht von den Beob-achtungssonden der Teacher. Obgleich sie weiterhin unablässig gescannt wurden, versicherte ihm die KI, dass ihre Anwesenheit sowohl von den Menschen wie auch von den Bordinstrumenten des anderen Schiffes unentdeckt bleiben würde.

Unterhalb der dichten Wolkendecke tauchten die gewaltigen Formen des Satelliten auf, die bald schon jeden Bildschirm beherrschten. Über die Funktion oder den Zweck der rätselhaften Auswüchse und Vorsprünge, die seine Oberfläche bedeckten, konnte Flinx bestenfalls Vermutungen anstellen. Viele waren allein schon größer als eine kleine Stadt. An Ausdeh-nung und Umfang übertraf die ganze Konstruktion alles, was jemals von Thranx- oder Menschenhand er-richtet worden war. Doch aufgrund der alles umhül-lenden Wolken ließ sich ihr wahres Ausmaß nur er-ahnen.

Die Bucht oder die Mulde, worin das Shuttle der Crotase gelandet war, war für sich schon beeindruk-kend. Ein Andockhafen für zahlreiche kleine Schiffe, entschied Flinx, während er den steten Strom von Da-tenanzeigen studierte – oder für ein einziges unglaub-lich großes. Aufgrund der Wolkendecke war es für jemanden an Bord des Shuttles unmöglich, die sich direkt über der Bucht haltende Teacher zu sehen, und ihre hochentwickelten elektronischen Tarnvorrich-tungen sorgten weiterhin dafür, dass sie auch vor je-der anderen Art von Entdeckung geschützt blieb.

»Sie sind im Begriff, in das Objekt vorzudringen«, erklärte die KI bestimmt. »Ich kann die Tätigkeit ei-ner Schleuse und das Ausströmen geringer Gasmen-gen ausmachen. Restatmosphäre entweicht aus der Öffnung.«

»Dann herrscht in dem Ding Überdruck?« Flinx blieb skeptisch. »Nach einer halben Million Jahren?«

»Wahrscheinlicher ist, dass es lediglich auf ihre Anwesenheit reagiert und in den Innenbereichen ei-nen entsprechenden Druckausgleich herstellt.«

»Ja, das leuchtet mir ein. Kannst du das austreten-de Gas analysieren?«

Eine Pause, dann: »Sauerstoff-Stickstoff-Verbin-dung, in atembarem Verhältnis. Das zusätzliche Ge-misch von Spurengasen ist meines Erachtens zwar ungewöhnlich, aber dessen ungeachtet harmlos, zu-mindest wenn man es nicht über einen längeren Zeit-raum einatmet.«

Dies war kein sonderlich sensationeller Befund, wie Flinx wusste. Die meisten, wenngleich auch nicht alle, vernunftbegabten Rassen, auf die man bislang gestoßen war, waren auf geringfügige Varianten des im Grunde immer gleichen Atmosphäre-Cocktails angewiesen, um überleben zu können.

Er musste eine Entscheidung treffen. Er konnte die Teacher anweisen, einen elektronischen Angriff auf den Kortex der Crotase auszuführen, oder er konnte sich erneut an die Fersen ihres Landetrupps heften und auf eine günstige Gelegenheit warten, einem oder mehreren von ihnen in persona gegenüberzutre-ten. Die erste Alternative war vermutlich etwas pro-duktiver und barg darüber hinaus deutlich weniger Potenzial für irgendwelche Blessuren in sich. Aller-dings würde Letztere ihm die Gelegenheit geben, sich diese wirklich bemerkenswerte Entdeckung einmal etwas näher anzuschauen. Er brauchte nur wenige Augenblicke, um sich zu entscheiden.

Er wollte nicht mehr nur wissen, was diese Sybda-tei enthielt, nein, inzwischen interessierte es ihn auch brennend, warum sie beseitigt worden war und wie-so die Leute, die mit ihr getürmt waren, sich so große Mühe gemacht hatten, ihre Spuren zu verwischen. Und das waren Informationen, die sich durch das ha-stige elektronische Auslesen von Molekularspei-chereinheiten kaum herausbekommen ließen.

»Ich brauche ein Ein-Mann-Transportmittel«, ver-kündete Flinx, während er aus dem Kommandosessel glitt.

»Es befinden sich drei Fahrzeuge an Bord, auf die dieses Kriterium zutrifft. Ich habe veranlasst, zwei davon für den sofortigen Einsatz vorzubereiten.«

Er begab sich wieder zurück in die Shuttlebucht. Außer den Simplex-Anzügen, die für Inspektionen und Wartungen an der Schiffsaußenhülle gedacht waren, befanden sich dort drei größere, aufwendiger konstruierte torpedoförmige Beförderungsmittel, die einer Person nicht nur das Agieren in der rauen Um-gebung des leeren Raums gestatteten, sondern es ihr gleichzeitig erlaubten, kürzere Entfernungen zurück-zulegen, ohne gleich auf ein Shuttle oder ein Schiff zurückgreifen zu müssen. Für größere Distanzen wa-ren sie ungeeignet, aber sie ermöglichten längere Ar-beitsphasen außenbords.

Und so schlüpfte Flinx, nachdem er sich zuvor mit ausreichend Wasser, einigen Nahrungskonzentraten und einer Handfeuerwaffe nebst Energieladungspack aus den Schiffsbeständen ausgerüstet hatte, bäuch-lings in das erste der kompakten Fluggeräte. Er ent-spannte sich, während das transparente, polarisierte Schutzverdeck über ihm zuglitt und die Sicherheits-gurte sich selbsttätig um seinen Körper legten. Pip schmiegte sich eng an seine Schultern; sie war so leicht, dass er sie kaum wahrnahm, nur dann und wann schnellte ihre Zunge hervor und kitzelte ihn am Nacken oder am Ohr.

Der Transporter erhob sich aus seinen Halterun-gen, wurde herumgeschwenkt und für die Aufnahme in die Hauptschleuse in Position gebracht. Flinx über-ließ es der Teacher, das interne Leitsystem des Ge-fährts so zu programmieren, dass es ihn automatisch zu der Stelle brachte, wo die Besucher von der Crotase in den Satelliten eingedrungen waren. Alles, was er tun musste, war, ruhig durchzuatmen und abzuwar-ten. Es folgten ein kurzer abschließender System-check, die Zündung des kleinen Beiboottriebwerks und zuletzt ein jäher Ruck – dann wurde er mit zu-nehmender Geschwindigkeit vorwärtsgetragen. Als er aus der Schleuse herausschoss, schrumpfte der Rumpf der Teacher hinter ihm rapide und wurde rasch von brodelnden methanhaltigen Miasmen ver-schluckt.

Bald schon war er von Dunkelheit umhüllt.

Eine kleine Ewigkeit später begann die Oberfläche aus dem düsteren braunen Dunst hervorzutreten. Obwohl sein eingeschränktes Sichtfeld ihn hinderte, sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, nahm er an, dass er sich bereits tief im Innern der Andock-bucht befand, die zuvor auch schon das Shuttle der Crotase angesteuert hatte. Fasziniert studierte er die künstliche Umgebung, musste jedoch erkennen, dass er nicht eines der Materialien, aus denen sie gemacht war, genauer zu bestimmen vermochte. Es konnte Metall oder Glas oder Kompositstoff sein, oder viel-leicht auch irgendeine andere verfestigte Verbindung, die jenseits seines Erfahrungshorizonts lag. Die Er-kenntnis, dass er über eine künstliche Oberfläche hinwegflog, die zu einer Zeit gefertigt worden war, als seine Vorfahren noch auf den Bäumen gehockt hatten, war ein einigermaßen ernüchternder Gedan-ke.

Obschon sich das Shuttle der Crotase, wie ihn die Teacher wissen ließ, ganz in seiner Nähe befand, konnte er absolut nichts von dem anderen Raum-schiff entdecken, so finster waren die Wolken, so weiträumig die gewaltigen Proportionen der Anlege-bucht.

Immerhin konnte er eine Decke und eine Wand ausmachen, als die KI der Teacher ihn sanft in den vermuteten Zugang zu der Schleuse steuerte, bei der sie zuvor ein internes Luftleck festgestellt hatte. Wie hatte die Besatzung des Handelsraumers die uralte Apparatur nur in Gang gesetzt?

Die Antwort ließ nicht lang auf sich warten, denn schon im nächsten Moment teilte ihm die Teacher mit, dass sich hinter ihm eine Schwerkraftversiegelung von beeindruckenden Ausmaßen geschlossen hatte. Demzufolge hatte die Mannschaft der Crotase den fremdartigen Mechanismus gar nicht manuell akti-viert; vielmehr hatte dieser ihre Anwesenheit erkannt und in entsprechender Weise reagiert. Diese Annah-me wurde von der Teacher bestätigt, die Flinx versi-cherte, nichts getan zu haben, was irgendwelche Vor-richtungen im Innern des Aliengebildes hätte in Gang setzen können.

Ein Willkommensgruß aus uralten Zeiten, ging es Flinx durch den Kopf, als sein winziges, in der atem-baren Atmosphäre leicht taumelndes Fluggerät auf dem Deck aufsetzte. Er hatte das Gefühl, in irgendei-ner Weise darauf erwidern zu müssen, doch er hatte nicht die leiseste Ahnung wie.

Kaum war sein Gefährt gelandet und hatte das Triebwerk abgeschaltet, befreite er sich von seinen Gurten und ließ das Verdeck zurückgleiten. Sodann erhob er sich aus seiner liegenden Position, kletterte heraus und setzte seine Füße auf den fremdartigen Boden. Ein tiefes Summen drang an sein Ohr, als Pip sich über seinen Kopf erhob; offensichtlich waren die unvertraute Luft und die Gravitation ganz nach ih-rem Geschmack.

An allen Seiten ragten Wände voller rätselhafter Vorsprünge und Wirbel auf, und es gab eine rötliche Innenbeleuchtung. So alt diese Raumstation auch sein mochte, war der Empfang doch nicht anders als freundlich zu nennen. Aber freundlich waren auch die Köche gegenüber widerspenstigen Hühnern, dachte Flinx.

Mit Pip auf seiner Schulter, die dort inzwischen wieder ihren angestammten Platz eingenommen hat-te, schloss er die Augen und konzentrierte sich. Die letzten Jahre über hatte er zunehmend Kontrolle über sein Talent erlangt, und gleichzeitig auch eine tiefere Kenntnis, was er konnte und was nicht. Doch an ei-nem hatte sich absolut nichts geändert: Seine Gabe war und blieb unbeständig. Manchmal strömten die Emotionen anderer ihm so klar und deutlich zu wie Worte in einem totenstillen Raum. Zu anderen Zeiten blieben sie unklar und verschwommen. Und für lan-ge, unvorhersehbare Phasen spürte er gar nichts. Dann war da nichts als eine große Leere anstelle des emotionalen Dauerbeschusses, dem er sich zwischen Scharen von Leuten aussetzen musste.

Doch hier, im Innern der mysteriösen Raumstation, die lange vor dem Aufstieg des Menschengeschlechts von einem unbekannten Volk erbaut worden war, gab es außer ihm bloß seinen Minidrachen und ein kleines Häuflein von Menschen. Und er stellte fest, dass an diesem Ort der totalen Abschottung von an-deren empfindenden Intelligenzen seine Fähigkeiten wesentlich schärfer hervortraten. Tatsächlich konnte er sofort ein sattsam bekanntes Quodlibet aus Hoff-nung, Erwartung, Angst, Neid, Freude und mehr er-fassen: das übliche Gemenge von Gefühlen, die auf die Anwesenheit eines unbedeutenden Grüppchens von Menschen hindeuteten. Schwach wahrgenomme-ne Emotionen wurden stärker und verblassten wie-der: Sein Talent arbeitete nicht mit voller Leistung. Doch es war ausreichend. Ausreichend, um die unge-fähre Position derer, die er ausfindig machen und de-nen er, vielleicht, die Stirn bieten wollte, zu bestim-men.

Auf seine mentale Ortung vertrauend, marschierte Flinx los. Hatten die, die sich vor ihm in dieses Bau-werk hineingewagt hatten, so fragte er sich, ein be-stimmtes Ziel im Auge, oder irrten sie bloß neugierig umher? Ersteres hielt er für unwahrscheinlich, doch nach dem, was er in diesen vergangenen paar Wo-chen schon alles erlebt und erfahren hatte, war er nicht bereit, auch nur irgendeine Möglichkeit auszu-schließen, gleichgültig, wie hanebüchen sie ihm auch vorkommen mochte. Obwohl er sich beim besten Wil-len immer noch nicht vorstellen konnte, was eine Sybdatei, die seine persönliche Geschichte zum Ge-genstand hatte, mit einer uralten Raumstation, die im Randgebiet eines unbedeutenden AAnn-Systems ver-steckt lag, zu tun haben sollte. Fast schien es, als sei es sein Schicksal, sich jedes Mal, wenn er einen winzi-gen Fetzen an Informationen über seine Vergangen-heit zu fassen bekam, ein paar neuen, ungeahnten und immer größeren Rätseln stellen zu müssen.

Der Gang, durch den er in diesem Moment schritt, war von dem gleichen diffusen rötlichen Licht erhellt, das ihn bereits in der Schleuse begrüßt hatte. Ebenso wie die Wiederherstellung der Atmosphäre, die er nun einatmete, war auch die Aktivierung der Be-leuchtungsquellen als Reaktion auf die Ankunft der Gruppe von der Crotase geschehen. Die Luftfeuchtig-keit war spürbar höher als auf seiner Teacher, aber nach dem Backofenklima auf Pyrassis durchaus an-genehm. Pip jedenfalls aalte sich regelrecht in dem feuchtigkeitsgeschwängerten Klima, das dem ihrer Heimatwelt Alaspin so viel ähnlicher war.

Während er weiterging, versuchte Flinx aus seiner Umgebung schlau zu werden, jedoch ohne viel Er-folg. Die innere Bauweise war fließend, ohne ge-schmeidig zu sein, gefällig, aber nicht elegant. Rätsel-hafte Röhren und Leitungen brachen aus massiven Wänden hervor, um unerklärlicherweise mitten in der Luft zu enden. Öffnungen in Decke und Boden offenbarten mehrere Ebenen darunter oder darüber, boten indes keine Möglichkeit des Zugangs. Vom Bo-den aus reckten sich zudem imposante Blöcke aus Me-tall und Kompositstoffen in die Höhe, ohne jedoch Kontakt zu irgendeinem anderen Element in ihrer Umgebung zu haben. Geräte von undefinierbarem Verwendungszweck lagen lose aufgehäuft herum und wichen vor ihm zurück, sobald er eine plötzliche Seit-wärtsbewegung machte, um sich ihnen zu nähern. Es gab freiliegende Drähte, die völlig durchsichtig wa-ren, und so etwas wie blickdichte Fenster. Die vor-herrschenden Farben waren meist gedeckt: Töne von Gelb, Rot, Braun und Orange, mit lebhaften Spritzern von Violett oder Rosa, wo man sie am wenigsten er-wartet hätte.

Im Innern von Ausbuchtungen und Vorsprüngen flackerten und blitzten Lichter auf oder jagten davon, wenn er näher herankam, wie um sich zu verstecken. Silhouetten wurden ebenso schnell gebildet, wie sie sich wieder auflösten, einige zweidimensional, ande-re vollständig ausgestaltet, doch immer unbegreiflich. Deutlich war die planvolle Geräuschkulisse der all-mählich wiedererwachenden Technik zu hören: ihr Klicken und Brummen, ihr Knallen und Flüstern, auf- und absteigendes Geheul, Rasseln, Plappern und Hunderte anderer Laute, die ihren Pulsschlag verrie-ten. Eine mannigfaltige Licht- und Klangkomposition begleitete ihn, die unaufdringlich und doch nicht zu ignorieren war. Seine Fußtritte setzten dazu dumpfe Akzente, während er spürte, wie er sich langsam den einzigen anderen Menschen näherte, die sich in Reichweite seiner Wahrnehmung befanden.

Er hatte längst für sich selbst geklärt, dass er wohl keine andere Wahl hatte, als ihnen direkt gegenüber-zutreten. Allein schon bei seinem Gedanken an eine bevorstehende Konfrontation begann Pip sich auf sei-ner Schulter zu rühren. In seinem Einsatzgürtel drück-te sich die Pistole ab, die er von der Teacher mitgebracht hatte. Er würde waffentechnisch höchstwahrscheinlich unterlegen sein, aber immerhin hatte er die Überra-schung auf seiner Seite. Eine ziemlich große Überra-schung sogar. Das Letzte, womit jemand von einem unrechtmäßig in AAnn-Hoheitsgebiet vorgedrunge-nen Schiff wohl rechnen würde, war, sich plötzlich einem nicht minder dreisten Artgenossen gegenüber-zusehen.

Wenn er Glück hatte, würde sich der Landungs-trupp zur Erkundung aufteilen. Das gäbe ihm die Möglichkeit, sich einen oder zwei von ihnen allein vorknöpfen zu können. Und wenn es ihm nicht ge-lang, sich die benötigten Informationen auf diese Weise zu beschaffen, konnte er die Befragten ja im-mer noch als Geiseln benutzen, um die Einzelheiten aus ihren Komplizen herauszupressen. Obschon es ihm nicht gänzlich fremd war, jemandem Gewalt an-zudrohen und gegebenenfalls seinen Worten auch Taten folgen zu lassen, fühlte er sich doch nicht son-derlich wohl bei der Vorstellung. Aber das würden die Eindringlinge von der Crotase nicht wissen. Er war überzeugt, dass er schon genug gewalttätige Leute erlebt hatte, um eine bedrohliche Fassade so lange aufrechtzuerhalten, bis er bekommen hatte, was er wollte. Im Weitergehen probierte er ein paar hof-fentlich einschüchternd wirkende Gesichtsausdrücke aus, wobei er einen Spiegel schmerzlich vermisste. Ihm war klar, dass sein jugendliches Erscheinungs-bild gegen ihn arbeiten würde. Mit einundzwanzig war es, auch wenn man größer als der Durchschnitt war, eben nicht ganz so einfach, jemanden allein durch Blicke zu erschrecken.

Die fremdartigen Konstruktionen um ihn herum waren von beachtlichem, aber nicht plump wirken-dem Umfang. Stattliche Reihen von zylinderförmigen Gebilden mit ihren Zuleitungen und Verbindungs-elementen hatten etwas Majestätisches und wirkten dennoch schlicht. Während Flinx den kontinuierlich schwankenden Empfindungen der Menschen folgte, musste er durch mehrere große Tore hindurch; es war unschwer zu erkennen, dass sie für weitaus größere Wesen gedacht waren als ihn. Selbst durch den schmalsten Durchgang hätten problemlos fünf aus-gewachsene, von der Erde stammende Braunbären gepasst. Und auch andere Details der Innenarchitek-tur ließen darauf schließen, dass einstmals voluminö-se Körper diese Räumlichkeiten bevölkert hatten.

Wer hatte die Raumstation errichtet, und zu wel-chem Zweck? War die dichte Wolkendecke, die sie umgab, natürlichen Ursprungs, oder steckte dahinter die wohlüberlegte Absicht, ihre Existenz zu verber-gen? Dem, was er sah, ließ sich herzlich wenig entneh-men. Alles war beeindruckend, robust gebaut und un-glaublich alt. Was Flinx jedoch weit mehr interessierte als die Frage, ob es noch mehr konnte, als auf Sauer-stoff atmende Lebensformen zu reagieren und für die entsprechenden Umweltbedingungen zu sorgen, war der Speicherort der verschwundenen Syb.

Mit erhöhter Vorsicht ging er weiter. Der Stärke der Empfindungen nach zu schließen, die er spürte, hatte er die Lücke zwischen sich und dem Erkun-dungstrupp der Crotase so gut wie geschlossen. Im Gegensatz zu ihm verfolgten sie kein bestimmtes Ziel und waren daher wesentlich langsamer vorange-kommen. Mit geübter Hand zog er lautlos die Pistole aus seinem Gürtel. Ein Fingerschnipsen, und die Waf-fe war entsichert und ihre Energiespule aktiviert. Sei-ne Hoffnung bestand darin, ein oder zwei Mitglieder zu erwischen, die sich von dem Rest des Teams ent-fernt hatten, ein oder zwei, die er lang genug separie-ren und in Schach halten konnte, um ihnen in Ruhe ein paar Fragen zu stellen.

Doch das Schicksal schert sich bekanntlich wenig um die Gemütsruhe derer, denen gewichtige Fragen die Gedanken beschweren. Flinx blieb stehen und starrte in die Richtung, aus der er gedämpfte Stim-men vernahm. Seit er die Verfolgung der Gruppe aufgenommen hatte, hatte er viele widerstreitende Emotionen dieser Leute wahrgenommen und wieder ausgeblendet. Ein Leben voll ähnlicher unvermeidba-rer Zusammenstöße hatte ihn befähigt, sie zu sondie-ren und wieder zu ignorieren.

Doch jetzt, mit einem Mal, spürte er noch etwas anderes – etwas, das so einzigartig, so außergewöhn-lich und unerwartet war, dass Pip ihren Schlangen-oberkörper reckte und ihrem Begleiter beunruhigt ins Gesicht spähte. Flinx sah sie gar nicht. Überhaupt sah er nur sehr wenig, denn für den Augenblick war er völlig von den soeben erfassten Gefühlen in An-spruch genommen, die ihn restlos verblüfften.

In den gut zwanzig Jahren des intuitiven Erfassens und Analysierens von Emotionen anderer Menschen hatte er Liebe wahrgenommen, hatte Hass und Freu-de gespürt, Triumph und Verzweiflung, Erleichte-rung und Entsetzen. Ganze Symphonien des Leids waren wie Flutwellen über ihn hinweggebrandet, und in dicht bevölkerten Städten hatte er so manches Mal mit aller Kraft gegen die erdrückende Langewei-le ankämpfen müssen, die das Leben der meisten Menschen beherrschte. Er hatte die exotische, mitun-ter groteske Gefühlswelt anderer Intelligenzen auf-genommen, und ebenso die einfache, genügsame nicht-vernunftbegabter Wesen.

Doch nur ein einziges Mal, so erkannte er, während sich seine Finger fester um den Griff seiner Waffe schlossen, hatte er bisher jemanden gespürt, der ihm so erschreckend ähnlich war.