Die Echsenwelt
Kapitel 15
15
Diese Erkenntnis änderte alles.
Zuerst dachte Flinx, dass er es sich bloß eingebildet hatte. Immerhin besaß er eine äußerst lebhafte Fanta-sie, neigte zu Träumen von bemerkenswerter Band-breite und Tiefe. Keinem Beobachter wäre in diesem Moment ein Vorwurf zu machen gewesen, wenn er geglaubt hätte, Flinx erleide eine leichte Lähmung – dabei war er lediglich im Begriff, sich zu konzentrie-ren.
Da – da war es wieder! Nein, das hier war auf kei-nen Fall Einbildung. Hartnäckig und unmissver-ständlich hämmerte es in seinem Kopf, verlangte, zur Kenntnis genommen zu werden. Es war, als würde man ein zersprungenes und verzerrtes Bild von sich selbst betrachten. Trotz der vorhandenen Ähnlichkeit war es in verstörender Weise anders. Noch niemals zuvor hatte er so etwas verspürt.
Oder – hatte er doch?
Bilder. Er brauchte eine sichtbare Bestätigung. Das dringende Bedürfnis, ein oder mehrere Mitglieder der Crotase-Besatzung abzusondern und zu befragen, war völlig in den Hintergrund getreten.
Mit einer knappen Handbewegung ermahnte er Pip, auf seiner Schulter zu verharren, und setzte sich in Richtung der Stimmen in Bewegung. In geduckter Haltung von einer Deckung in die nächste schlüp-fend, schlich er sich langsam und vorsichtig voran. Die Stimmen wurden lauter. Eine Diskussion war im Gange. Als er endlich nahe genug heran war, um über eine silbrige geschwungene Glaskante hinweg etwas erkennen zu können, hatte sich das Gespräch bereits zu einem offenen Streit ausgewachsen.
Es waren neun Menschen, drei Frauen und sechs Männer, alle in Zivil, alle bewaffnet. Nein, korrigierte sich Flinx im Geiste: Sechs Männer, zwei Frauen und ein halbwüchsiges Mädchen. Ihre Blicke waren auf etwas gerichtet, das eine riesige durchscheinende Membrane zu sein schien, die sich zwischen zwei ge-bogenen, spitz zulaufenden Säulen dunkler Elektrizi-tät aufspannte. Die Säulen summten in Frequenzen, die sich an der Grenze der unteren Hörschwelle be-wegten, während gold- und pinkfarbene Energieblit-ze über die Membranoberfläche jagten. Das Ganze sah aus wie eine elektrisch aufgeladene Seifenblase.
Zwei der Männer bestritten den Hauptteil der De-batte, während ihre Begleiter daneben standen und zuhörten, die Gewehre im Anschlag. Einige schauten sich immer wieder nervös um, als rechneten sie da-mit, dass jeden Augenblick etwas Zähnestarrendes und Schleimiges um die nächste Ecke springen und sich auf sie stürzen könnte, doch im Großen und Ganzen wirkten sie recht gelassen. Erfahrene Profis, folgerte Flinx, angeheuert wegen ihrer Fertigkeiten und höchstwahrscheinlich auch wegen des zusätzli-chen Talents, im Bedarfsfall den Mund halten zu können.
Noch während er sie beobachtete und die Situation analysierte, drangen seltsame Empfindungen auf ihn ein. Schließlich wurde seine Aufmerksamkeit auf die erblühende Gestalt des jüngsten Expeditionsmitglieds gelenkt. Sie stand etwas abseits von der debattieren-den Gruppe und unterhielt sich leise mit zwei ande-ren Mitgliedern des Teams. Und während sie redete, drehte sie sich plötzlich fort von der funkelnden Membrane und wandte Flinx einen Teil ihres Ge-sichts zu.
Der Stich, der ihm das Wiedererkennen versetzte, hätte ihn nicht tiefer durchbohren können, wenn er mit einer spitzen Duraliumklinge ausgeführt worden wäre. Obwohl es sich verändert hatte, erwachsener geworden war und hübscher erschien denn je, er-kannte er dieses Gesicht. Es war nicht mehr das Ant-litz eines unschuldigen Kindes, obschon der Verstand dahinter niemals unschuldig gewesen war. Es gehör-te nun zu einem jungen Mädchen, das zur Frau he-ranwuchs. Sie mochte etwa fünfzehn Jahre alt sein, schätzte er, und sie war der einzige andere Adept, dem er jemals begegnet war. Kein Wunder, dass die ungewöhnlichen Emotionen, die er aufgeschnappt hatte, einen solchen Wahrnehmungsschauer in ihm ausgelöst hatten.
Mahnahmi.
Flinx war ihr zum ersten Mal vor vielen Jahren be-gegnet. Zu dieser Zeit war sie das Mündel eines wohlhabenden Kaufmanns namens Conda Challis gewesen, der sie für seine kriminellen Zwecke miss-brauchte. Flinx selbst hatte damals gerade begonnen, nach Hinweisen auf seine Eltern zu forschen, nur um sich prompt in die Sache mit den in falsche Hände ge-ratenen Janusjuwelen verstrickt zu sehen. Am Ende hatte seine Suche ihn auf eine Welt geführt, die unter Kirchenedikt stand, die merkwürdige Heimat der er-staunlich unverdorbenen, obschon geistig ausgespro-chen hochentwickelten Ulru-Ujurrer. Unter anderem hatte er es dort mit dem einigermaßen frühreifen Mädchen zu tun gehabt, das schließlich allen eine Nase gedreht und das Weite gesucht hatte: vor den habgierigen Menschen, vor den räuberischen AAnn und auch vor den sonderbaren Ulru-Ujurrern. Die damals Neunjährige hatte ihre Flucht in einem, wie der Zufall es wollte, sprachgesteuerten Shuttle be-werkstelligen können – hatte, bereits fliehend, geru-fen, dass sie nicht wisse, wer oder was sie sei, ein Aufschrei, den Flinx, ob laut oder stumm, wohl selbst an die tausend Male ausgestoßen hatte.
Und sie hatte erklärt, dass sie Zeit brauche, um in sich selbst hineinzuwachsen. Körperlich zumindest hatte sie in dieser Hinsicht bereits deutliche Fortschrit-te gemacht. Das Haar flachsblond und die Augen wie Ebenholz, stand sie an der Schwelle zu atemberauben-der Schönheit. Ihr äußeres Erscheinungsbild war dazu angetan, jeden über die eiskalten, berechnenden emo-tionalen Abgründe, die sich darunter verbargen, hin-wegzutäuschen. Die Schale war vollkommen, glän-zend und rein – doch der Kern verfault.
Flinx entsann sich, dass sie, als sie Ulru-Ujurr ver-lassen hatte, voller Hass gewesen war über die Art, wie man sie behandelt hatte, über das Unvermögen der anderen, Verständnis für sie aufzubringen, und über ein Universum, das sie dazu verurteilt hatte, ein solches Leben zu führen. Er selbst hatte dagestanden und zugesehen, wie das Shuttle, das sie so unverhofft an sich gebracht hatte, am Himmel immer kleiner wurde, und sich dann wieder anderen Dingen zuge-wandt, Dingen, die in dem Moment wichtiger gewe-sen waren.
Bald danach hatte er Mahnahmi vergessen.
Und nun stand sie da, der einzige andere nicht-bewusstseinsgelöschte Adept, von dem er wusste, hier in dieser riesigen, rätselhaften Raumstation. Der daraus zu schließende Zusammenhang mit dem ver-missten Sybfile beseitigte eine, doch kaum die ande-ren zahlreichen Fragen, die ihn beschäftigt hatten, seit die Datei von der Erde verschwunden war. Zum Bei-spiel die, was sie hier machte.
Ihre Begabung unterschied sich von der seinen auf eine Art und Weise, die er bislang noch nicht hatte ergründen können. Seines Wissens, und soweit er sich erinnern konnte, waren ihre Fähigkeiten nicht annähernd so weit entwickelt wie seine. Sie mochten vergleichbar sein, waren jedoch eher gering. Oder sie waren lediglich anders. Er hatte sie nicht gut genug kennen gelernt, um sich in diesem Punkt sicher zu sein. Er hatte es gar nicht gewollt.
Nun allerdings würde er es vielleicht müssen.
Als sie ihm zum ersten Mal unter die Augen ge-kommen war, hatte das Mädchen von ihrem Adop-tivvater verlangt, ihn zu töten. Challis hatte sich ge-weigert. Sie hatte die Stärke der Abnormität bei Phil-ip Lynx gespürt und sich davor gefürchtet. Doch ihr Wahrnehmungsbereich war wesentlich eingeschränk-ter gewesen als seiner, und ihre Begabung überaus schwankend. Zweifellos ahnte sie in diesem Moment von seiner Anwesenheit nichts, sei es, weil ihre be-sondere Fähigkeit gerade nicht funktioniert oder weil sie zu sehr von anderen Dingen in Anspruch ge-nommen war, oder aus dem ganz einfachen Grunde, dass sich eine zu große räumliche Distanz zwischen ihnen befand.
Fasziniert verfolgte Flinx, wie sie mit den anderen Mitgliedern der Crotase-Besatzung sprach. Nun, nachdem er sie erkannt hatte, war ihm auch klar, wer den Ton bei dieser Expedition angab. Nicht etwa die beiden bulligen Kerle, die nach wie vor lautstark her-umtönten und heftig auf die Energiesäulen und die gleißende, straff gespannte Folie zeigten, sondern die hübsche junge Frau, die neben ihnen stand. Oh, sie mochten vielleicht denken, dass sie das Sagen hatten, aber Flinx wusste es besser. Von ihm völlig unbe-merkt, bis sie es ihm gegenüber zugab, hatte die klei-ne Mahnahmi jahrelang den Kaufmann Conda Chal-lis manipuliert. Es war ihren Zwecken dienlich gewe-sen, hinter der Bühne des Lebens die Fäden zu ziehen und nach außen hin das unschuldige, treuherzige Kindchen zu mimen. Da sie dieses Spielchen bis zur Vollendung getrieben hatte, nahm Flinx nicht an, dass sie inzwischen dazu übergegangen war, mit of-fenen Karten zu spielen.
Was sollte er tun, wenn sie seine Anwesenheit spürte? Wenn sie einmal gewarnt war, würde er sich nicht mehr vor ihr verstecken können. War ihre Be-gabung herangereift, stärker geworden? Falls ja, so hatte sie sich möglicherweise in eine andere Richtung entwickelt, eine, die er sich nicht vorstellen konnte. Die Melioraren, die verbrecherischen Gen-Ingenieure, die sich vor seiner Geburt an seiner DNA zu schaffen gemacht hatten, waren bei ihren Experimenten durchaus nicht immer auf gleicher Linie gewesen. Soweit Flinx wusste, waren er und seine Fähigkeiten einzigartig. Demzufolge war die junge Frau, die ein Stück weiter vor ihm stand und mit ihren Spießgesel-len plauderte, ihm zwar in gewisser Weise verwandt, aber eben doch anders.
Während er dastand, beobachtete, seine emphati-schen Fühler ausstreckte und zu entscheiden versuch-te, wie er weiter vorgehen wollte, blieben die anderen nicht untätig. Nachdem der Streit offenbar beigelegt war, wandte sich der größere der beiden Diskutanten an die anderen. Dann trat er einen Schritt vor, kramte irgendetwas aus seinem Einsatzgürtel hervor und warf es direkt in das Zentrum der glatten, schillern-den Membrane, die wie ein psychedelisches Spin-nennetz zwischen den beiden Säulen aus unbegreifli-cher Energie gespannt hing.
Flinx zog in seinem Versteck reflexartig den Kopf ein, und ein paar Zuschauer von der Crotase zuckten zurück, doch das Einzige, was das schillernde Stück Folie tat, war, den Wurfgegenstand komplett zu ver-schlucken. Es gab ein leises Knistern, ein kurzes Auf-lodern von goldglänzenden Funken an der Stelle, wo das Objekt eingetaucht war, und dann geschah ... nichts.
Triumphierend drehte sich der Werfer zu den an-deren um und hielt dem Mann, der ihm Paroli gebo-ten hatte, einen längeren Vortrag. Flinx hinter seiner Kante aus metallisch glänzenden Glas richtete sich erneut ein kleines Stück auf, um den Geschehnissen besser folgen zu können. Mahnahmi begab sich in Begleitung eines ihrer Gesprächspartner zur Seite.
In diesem Moment regte sich irgendetwas in den hinteren Regionen von Flinx' Bewusstsein. Es war keine Emotion, aber es war ein Empfinden. Er hatte solche Sinneseindrücke in der Gegenwart vernunft-begabter Wesen schon häufiger erlebt. Für gewöhn-lich waren sie die Folge von plötzlichen Einfällen, willkürliche Projektionen, abgestreift von denkenden Gemütern, ohne sich über ihre Bedeutung weiter Ge-danken zu machen, so wie Träume regelmäßig all das närrische Zeug entsorgten, das sich wie seelischer Abfall in den entlegenen Winkeln des Unterbewusst-seins angesammelt hatte.
Doch das hier war anders. Erst ein einziges Mal hatte er etwas Ähnliches gespürt, vor langer, langer Zeit, noch bevor er jenem verderbten Geschöpf, be-kannt als Mahnahmi, begegnet war. Also war relativ klar, dass es nicht von ihr ausging. Und doch konnte er es nicht einordnen. Auf jeden Fall fehlte ihm dafür die Zeit. Sein Körper und sein Geist reagierten, und er warf sich auf den Boden. Noch während er fiel, konnte er aus den Augenwinkeln sehen, dass Mah-nahmi herumfuhr. In ihrem Gesicht malte sich Ent-setzen ab, während sie auf die gleichen Stimuli an-sprach.
Der schillernde Membranlappen implodierte. Seine zwei Stützen aus dunkler Energie wurden von relativ harmlosen summenden, schimmernden Säulen zu feurigen Lanzen von grimmiger Größe und Pracht. Kreischend und schreiend, verzweifelt um sich tre-tend nach irgendeinem Halt suchend, wurden die Be-satzungsmitglieder der Crotase eines nach dem ande-ren unaufhaltsam in die Feuersbrunst gezogen, die sich zwischen den beiden lodernden Energiesäulen entfacht hatte.
Eine Frau hielt sich an einem milchigen, halb-durchsichtigen Kabel fest. Fast waagerecht hing sie in der Luft, strampelte wie wild mit den Füßen, wäh-rend sie auf und ab flatterte wie eine zerfetzte Fahne im Sturm. Gepackt von der gewaltigen Macht des Portals, oder was immer das Phänomen auch darstel-len mochte, wurden ihr zuerst ihr Einsatzgürtel, dann die Stiefel und zuletzt der gesamte Overall vom Leibe gerissen. Die Hände blutig von ihrer verzweifelten Anstrengung, nicht loszulassen, stieß sie einen letz-ten, heulenden Schrei der Verzweiflung aus, als ihre Finger den Halt verloren und schließlich auch sie in den tödlichen Mahlstrom hineingesaugt wurde.
Der tosende Feuerstrudel zeigte keinerlei Anzei-chen, an Kraft einzubüßen. Flinx klammerte sich an eine der Stützen des silbernen Glasmonolithen, des-sen Masse ihn vor dem Großteil der verheerenden Wirkungskraft schützte. Ihre Windungen um seinen Oberarm geschlungen, klebte Pip ebenso unverrück-bar an ihrem Gefährten wie dieser an der starren Ap-paratur. Ihre Augen waren fest verschlossen, ihr Kopf abgewandt von dem unerbittlichen Sog. Wenn ihr Freund und Begleiter ihm nicht standhalten konnte, so würde sie, wie immer, mit ihm gehen.
Verzweifelt um sein Leben kämpfend, spürte Flinx, wie sich seine Füße leicht vom Boden hoben, wäh-rend der Schlund an ihm zerrte. Als er es für einen kurzen Moment schaffte, an der silberfarbenen Stütze vorbeizuspähen, sah er, dass Mahnahmi sich dort, wo sie noch vor wenigen Augenblicken geplaudert hatte, mit unnachgiebiger Entschlossenheit an einen matt schimmernden Pfeiler klammerte. Der Mann, mit dem sie sich unterhalten hatte, hing an ihrem rechten Bein. Die Emotionen, die sich auf dem Gesicht des Verzweifelten abmalten, waren mannigfaltig, und Flinx vermochte sie zu lesen wie ein Buch. Doch eine wäre für jeden offensichtlich gewesen: die Todes-angst.
Der Todgeweihte war ein kräftiger junger Mann, und sein Griff war eisern. Er machte seine Sache so gut, wie man es von ihm erwarten konnte, bis zu dem Moment, da Mahnahmi ihr freies Bein anzog und ihm mit dem Stiefelabsatz mitten ins Gesicht trat. Mehr war nicht nötig. In den Augen die Ergebung in sein Schicksal, die mit der nahenden Vernichtung kommt, stürzte er in den Strudel und wurde verschluckt.
Dann, so plötzlich und gleichgültig, als hätte je-mand das Zimmer verlassen und im Hinausgehen das Licht ausgeschaltet, ebbte die wirbelnde Feuers-brunst ab. In wenig mehr als einer Minute war sie wieder eine friedliche, unschuldige Membrane, deren Transparenz lediglich von den zufälligen goldenen Entladungen unterbrochen wurde, die auf ihrer Ober-fläche tanzten.
Vom Sog des Mahlstroms befreit, sanken Flinx' Fü-ße wieder zurück auf den Boden. Keuchend machte er eine Bestandsaufnahme von sich und seiner Um-gebung. Von der mörderischen Anziehungskraft, die an seinem Unterkörper gesaugt und gezerrt hatte, war nichts mehr zu spüren. Obwohl sie den Druck ih-rer Windungen ein wenig lockerte, verharrte Pip eng an seine Schultern gedrückt. Zögernd löste er die Hand von dem Segment des Glaskörpers, der ihn da-vor bewahrt hatte, in den Strudel gezogen zu werden. Sein Atem beruhigte sich wieder.
Abgesehen von dem beständigen, stereophonen Summen der Energiesäulen, die in ihren vorherigen Zustand zurückversetzt waren, war alles still. Vor-sichtig stand er auf und spähte um die gläserne Kan-te. Auf der Oberfläche der Membrane war alles genau wie zuvor. Von all denen, die von der Crotase aufge-brochen waren, um sich in dieses Abenteuer zu stür-zen, fehlte, abgesehen von der ihm bekannten zierli-chen Gestalt jegliche Spur: nichts ließ erkennen, was mit ihnen geschehen war oder wohin sie verschwun-den waren. Der Strudel konnte möglicherweise eine Art von Beförderungsvorrichtung gewesen sein, die in einen anderen Teil der Raumstation führte – oder in einen anderen Teil der Galaxis. Oder er war viel-leicht eine Aufbewahrungseinheit, die alles, was sie aufsaugte, einfach nur für eine Zeitlang festhielt. Oder ein Müllschlucker. Oder noch etwas anderes, dessen widerwärtige Zwecke er sich nicht einmal an-satzweise vorzustellen vermochte.
Pip erhob sich augenblicklich von seinen Schultern und stieg in die Höhe, als sie seine Reaktion wahr-nahm. Er spürte die Woge der Feindseligkeit, noch ehe er sich umdrehte, doch da war es bereits zu spät. Unter dem Eindruck der stattgefundenen Tragödie hatte sein Talent gerade lang genug nachgelassen, dass sich jemand von hinten an ihn heranschleichen konnte. Die fliegende Schlange zog ihren Kopf zu-rück, um anzugreifen – und stürzte zu Boden, einge-hüllt in ein Gespinst aus klebrigen Fäden. Als die Fa-sern trockneten, wurde ihr Widerstand schwächer, bis sie schließlich reglos am Boden lag, die Flügel seit-lich eingeklemmt, das Maul verschlossen von einem sich unerbittlich zusammenziehenden Material. Nur mehr ihr langsamer, stetiger Atem ließ erkennen, dass sie noch lebte.
Flinx sah sich jemandem gegenüber, der ebenso schlank war wie er, wenngleich auch anders gebaut. Die Frau war in einen rabenschwarzen Overall ge-kleidet, dessen Beine in schwarzen, bis knapp über die Fußknöchel reichenden Halbstiefeln endeten. Auf dem Kopf trug sie eine schwarze Haube mit blutroten Mustern. Als Flinx das Ensemble und die außerge-wöhnliche Gürtelschnalle erkannte, die aus einem Vanadiumkristall geschnitten und in die in Gold ein Totenschädel mit zwei gekreuzten Knochen eingelegt war, fuhr ihm ein eiskalter Schauer über den Rücken.
Vor ihm stand eine Qwarm.
Trotz ihrer Kahlköpfigkeit war die Profi-Attentäte-rin infamerweise höchst attraktiv. Außer dem schwer beladenen Waffengürtel an ihrer Taille war völlige Haarlosigkeit nur ein weiteres Kennzeichen der Mit-glieder der Assassinengilde. Die Frau hielt zwei Waf-fen in der Hand. Eine davon war die großkalibrige Pi-stole, die Pip mit dem klebrigen Fädengeschlabber ru-hig gestellt hatte. Die andere war ein Schallstilett. Die Lieblingswaffe der Qwarm arbeitete mit ultrahoch-energetischen Schallwellen, die in der Lage waren, beinahe alles zu durchschneiden. Während er sie be-trachtete, wurde Flinx sich schmerzlich der Verwund-barkeit seines ungepanzerten Körpers bewusst.
Obwohl er ein geübter empathischer Telepath war, gab es doch einige sehr wenige Menschen, die wahr-zunehmen ihm Probleme bereitete, selbst wenn sein Talent in vollem Umfang funktionierte. Diese Indivi-duen waren so schwer zu erfassen, weil sie auf einem sehr niedrigen emotionalen Level handelten. Die Frau, die vor ihm stand und seinen Blick erwiderte, war nicht empfindungslos: Sie war nur darauf trai-niert, eine außergewöhnliche Kontrolle über ihre Ge-fühle auszuüben. Erst als sie im Begriff gewesen war, die halbflüssigen Fesseln auf ihn abzufeuern, hatte er ihre Anwesenheit bemerkt. Als dann Pip aufgestiegen war, um ihn zu beschützen, war sie gezwungen ge-wesen, die Waffe stattdessen auf den Minidrachen zu entladen.
Nun, da die Jagd beendet war, waren ihre freige-setzten Emotionen für ihn einfacher zu lesen. Doch lieber wäre es ihm gewesen, wenn die schlanke, mus-kulöse Frau, was ihre Gefühle betraf, für ihn ein un-beschriebenes Blatt geblieben wäre.
»Los, Bewegung.« Ihre Stimme war reinstes Eis, auf dem absoluten Gefrierpunkt, auf dem Tiefststand des Erbarmens. Sie winkte mit ihrem Schallstilett. »Da lang.«
»Meine Begleiterin ...« Er deutete auf Pip, die nach wie vor, wenn auch sichtlich schwächer, mit den in-zwischen verhärteten Geschossfasern kämpfte.
»Vergessen Sie Ihr Tierchen. Es wird nicht sterben. Bloß ein wenig schlafen. Vorwärts jetzt, und immer hübsch sachte. Nur einen Schritt in die falsche Rich-tung, und ich trenne Ihnen die rechte Achillessehne durch.« Sie gestikulierte bedeutungsvoll mit ihrem Schallstilett. Das kurze Geräusch, das dabei entstand, war eine deutlich zu hörende Warnung.
Es gab nichts, was er tun konnte. Mit einem letzten ermutigenden Blick und empathischen Impuls über-ließ er den Minidrachen seinem aussichtslosen Kampf mit den Fesseln und wandte sich in die befohlene Richtung. Er hatte sowieso vorgehabt, Mahnahmi ge-genüberzutreten – wenn vielleicht auch nicht so.
Das hübsche Blondchen hatte sich inzwischen wie-der aufgerappelt und starrte nachdenklich auf die flimmernde Membrane, die bis auf eines alle Mitglie-der ihrer Eskorte mit Haut und Haaren verschluckt hatte. Als die Qwarm sich ihr mit dem Gefangenen näherte, schlug sie einen kaum respektvolleren Ton an als gegenüber Flinx.
»Madam Mahnahmi, ich habe einen männlichen menschlichen Eindringling entdeckt.«
»Wie? Hier treibt sich noch jemand herum? Viel-leicht ist der ja dafür verantwortlich, was mit Jellicor und den anderen passiert ist.« Sie drehte sich ein Stück herum. »Schaff ihn hier rüber. Bei allen Aggre-gatzuständen, wenn uns jemand von der Konkurrenz zuvorgekommen ist, trotz all der Vorkehrungen, die ich getroffen habe, dann werd ich –« Sie brach mitten im Satz ab, als sie sah, wen ihr Bodyguard da an-brachte. Sie erkannte Flinx sofort, obwohl die Jahre auch ihm beträchtliche physische Veränderungen ab-getrotzt hatten. Und ihre emotionale Reaktion war so unerfreulich, wie es zu erwarten gewesen war.
»Du! Hier? Jetzt? An diesem Ort!« Ihr vorlauter Mund, so versiert in der Kunst des kindlichen Schmol-lens, wie Flinx sich noch sehr gut erinnern konnte, ver-zog sich zu einer Grimasse des Hasses. »Du hast mir damals alles vermasselt. Aber ich hatte einige Zeit, mich von deinen Einmischungen zu erholen. Glaub nicht, dass ich das ein zweites Mal zulasse!«
Unbeirrt hielt die Qwarm ihre Pistole auf den Rük-ken ihres Gefangenen gerichtet, zeigte sich jedoch höflich verwirrt. Flinx konnte das Schallstilett gefähr-lich nah an seiner Wirbelsäule spüren.
»Sie kennen den hier?«, fragte sie.
Mahnahmis flachsblondes Haar schimmerte im Schein des künstlichen Lichts, das in dem Raum herrschte, und verlieh ihrem Kopf eine rötlich glän-zende Aureole. Flinx wusste, dass es kein Heiligen-schein war.
»Ob ich ihn kenne? Besser als jeder andere.« Sie kam bis auf Armlänge auf ihn zu und starrte ihm ins Gesicht. »Du lästiger, rothaariger Bastard. Das ist jetzt schon das zweite Mal, dass du dich in meine Angele-genheiten einmischst. Was hast du mit meinen Leuten gemacht?«
»Nichts«, erwiderte er ruhig. »Ich war von der Ak-tivierung des Geräts genauso überrascht wie du. Al-lerdings hat es nicht alle erwischt. Für die Ver-schwendung eines Menschenlebens hast du ja wohl höchstpersönlich gesorgt.«
»Kenboka?« Sein unverhohlener Vorwurf ließ sie vollkommen kalt. »Er wurde zu einem Problem für mich, wie er da so an meinem Bein hing. Aber von wo bist du heruntergefallen?« Bei einem plötzlichen Gedanken sah sie alarmiert an ihm und ihrer Leib-wächterin vorbei. »Briony, das letzte Mal, als ich das Pech hatte, diesem Typen hier zu begegnen, hatte er so ein Schoßtierchen dabei. Einen ziemlich gefährli-chen Warmblüter mit Flügeln.«
»Ist ausgeschaltet.« Die Qwarm deutete nach hin-ten, ohne ihren Gefangenen aus den Augen zu lassen.
Mahnahmi nickte knapp. Oberflächlich gesehen war sie bezaubernd. Doch ihr Gefühlsleben war zu-tiefst verstörend. »Gut. Kannst du dich, mein lieber Flinx, noch erinnern, was ich zu dir sagte, bevor ich mich dank deiner Einmischung gezwungen sah, Ul-ru-Ujurr und allem, wofür ich mich jahrelang abge-rackert hatte, adieu zu sagen?«
»Das ist lange her.« Ob Pip sich wohl nach und nach allein aus ihren Fesseln herauswinden konnte? Es hing davon ab, wie resistent die Fasern gegen ihr ätzendes Gift waren.
»Nicht so sehr lange, denke ich.« Sie kam noch ein kleines Stück näher, streckte die Hand aus und fuhr mit dem Finger an seinem Hemdverschluss auf und ab. »›Eines Tages werde ich stark genug sein, um zu-rückzukommen und es dir heimzuzahlen.‹ Erinnerst du dich?« Sie stieß ein kurzes, unangenehmes Lachen aus. »Ich hätte niemals gedacht, dass du zu mir zu-rückkommen würdest.«
»Darum bin ich nicht hier. Glaub mir, ich hätte nicht damit gerechnet, dich überhaupt noch einmal wiederzusehen.«
Sie neigte leicht den Kopf, trat einen Schritt zurück und sah ihn mit abschätziger Neugierde an. »Und was machst du stattdessen hier?«
»Vielleicht ja das Gleiche wie du«, wagte er einen Schuss ins Blaue. »Ein bisschen Ausschau halten nach meinem wahren Ich.«
Sie zögerte einen Moment, dann lachte sie amü-siert. »Ach was, tatsächlich? Wenn du nicht einmal weißt, wo es sich herumtreibt, dann muss es ja ziem-lich beunruhigend für dich sein, wenn es andauernd weg ist. Zum Glück habe ich keine solchen Probleme. Und du auch bald nicht mehr.« Ihre Miene verfinster-te sich. »Da du dich schon nicht an meine Ab-schiedsworte erinnerst, nehme ich an, dass du auch nicht mehr weißt, was ich bei unserer ersten Begeg-nung zu dir gesagt habe, oder?«
Er schüttelte den Kopf. »Ich hatte genug mit den Janusjuwelen zu tun. Und du warst ein kleines Mäd-chen.«
»Ich war niemals ein kleines Mädchen!« Ihre heftig aufwallende Angst und Wut bestürzten ihn. »Nie-mals! Dafür hat Conda Challis schon gesorgt, sollen seine aufgeblasenen, großkotzigen, perversen Über-reste in irgendeiner einfallsreichen Hölle schmoren!« Ihre Stimme wurde wieder leiser, aber der Ausdruck in ihrem Gesicht blieb. »Ich sagte damals: ›Töte ihn.‹«
Flinx spürte, wie das Schallstilett seinen Rücken berührte, direkt unterhalb seiner linken Schulter, et-wa in Höhe des Herzens. Die unmittelbare Todesge-fahr traf ihn mit der Wucht eines schweren Hammers und löschte alle anderen Gedanken aus. Er hatte sich schon des Öfteren in ähnlichen Situationen befunden. Und jedes Mal war etwas passiert. Jedes Mal war sein Verstand in den Hintergrund getreten, während ein Teil seiner selbst, der für Bedrohungen ausgespro-chen empfänglich war, auf die Gefahr reagierte.
Diesmal jedoch schien sein bevorstehendes Able-ben nicht mehr abwendbar zu sein. Die Qwarm war zu nah, ihre Reflexe zu schnell, das Stilett allzu töd-lich und der Befehl zu plötzlich erteilt. Sein hastiger Versuch, störende Empfindungen von Furcht und Wehrlosigkeit auf die Assassinin zu projizieren, mündete nur in mentalem Chaos. Dunkelheit senkte sich über ihn, und er fragte sich, ob das der nahende Tod sei. Allein – er spürte keinen Schmerz. So sauber ein Schallstilett auch tötete, sollte es doch mit ein paar Schmerzen verbunden sein.
Als er seine Augen öffnete, lag die Qwarm Briony vier Meter hinter ihm verkrümmt auf dem Boden, mit der einen Hand das Stilett umklammernd, in der an-deren ihre Pistole. Benommen und verwirrt stand Flinx da, sein Sehvermögen war mehr als nur ein bisschen getrübt. Als es sich wieder klärte, sah er vor sich eine verdutzte, doch keineswegs angsterfüllte Mahnahmi, die seinen Blick erwiderte.
»Wie hast du das gemacht?« Sie sah ihm fest in die Augen, so als versuche sie, seine Gedanken zu erfor-schen. »Du hast sie ausgeknockt. Nein – du hast sie ausgeknockt und in hohem Bogen durch die Luft ge-worfen. Keine versteckte Strahlenwaffe, keine Kampf-sporttricks, kein gar nichts.« Ihr Blick wanderte zu dem schlichten, bequemen Alltagsoverall hinunter, den er, wenn er an Bord der Teacher unterwegs war, am liebsten trug. »Manchmal, wenn ich richtig, rich-tig wütend bin, kann ich auch solche Dinge tun. Und ich bin ziemlich oft wütend, kann ich dir sagen. Aber nicht jetzt. Jetzt bin ich bloß neugierig. Was hast du da benutzt? Dein angeborenes Talent? Oder etwas Banaleres, so was wie ein aufgeladenes Repulsions-feld zum Beispiel, das automatisch auf jeden Versuch eines körperlichen Angriffs reagiert?«
»Ja, genau das. Du hast doch nicht etwa geglaubt, dass ich mich auf die Erkundung eines solchen Ortes begeben würde ohne irgendeine Möglichkeit, mich zu wehren, oder?« Tatsächlich hatte er nicht den blasse-sten Schimmer, was soeben passiert war. Irgendetwas Unbekanntes hatte ihm das Leben gerettet – und das auch nicht zum ersten Mal. Es war in seiner Vergan-genheit des Öfteren vorgekommen, dass seinem Da-sein ein Ende gesetzt werden sollte und dann etwas Unbegreifliches zu seinen Gunsten einschritt. Auch nach diesem jüngsten Zwischenfall war er kein biss-chen klüger als bei früheren Gelegenheiten, nicht ei-nen Deut schlauer, was die Natur der mysteriösen Selbstverteidigungsmechanismen, die unentwegt über ihn wachten, betraf. Dass sie irgendetwas mit seinen launischen Fähigkeiten zu tun hatten, stand für ihn völlig außer Frage. Es hatte etwas ungeheuer Frustrierendes, derartige Talente zu besitzen, ohne die geringste Ahnung zu haben, woher sie eigentlich kamen und wie sie funktionierten.
Nicht, dass er undankbar sein wollte. »Bleib, wo du bist«, warnte er sie, »oder mit dir passiert das Glei-che!« Würde es das, fragte er sich? Oder würde sie, eingedenk ihrer eigenen einzigartigen Fähigkeiten und ungeachtet dessen, was er alles zu tun vermoch-te, einfach auf ihn zukommen und ihm eine knallen? In Anbetracht der Unterschiedlichkeit ihrer geheimen Talente war so ziemlich alles denkbar.
Nun, nachdem er ein oder zwei Augenblicke ge-wonnen hatte, unternahm er den gezielten Versuch, Angst und Unruhe in sie hineinzuprojizieren, wie er erst kürzlich Liebe und Vertrauen in die Gedanken einer Sicherheitskraft namens Elena Carolles proji-ziert hatte. Doch Mahnahmi glotzte ihn einfach nur an. Ob er scheiterte, weil sie immun gegenüber seinen Anstrengungen war oder weil sein Talent gerade mal wieder streikte, ließ sich schwer sagen.
Er wusste nur, dass die akute Todesgefahr irgen-detwas geweckt hatte, das tief in seinem Innern schlummerte, etwas, das dazu gedacht war, sein Über-leben zu sichern. Es wäre wirklich schön, dachte er, wenn er mal erführe, was zum Teufel da in ihm steck-te.
Aber für den Augenblick würde er sich wohl damit begnügen müssen, dass es existierte. Wenn es freilich ebenso wankelmütig wie sein anderes Talent war, konnte er nicht unbedingt darauf zählen, dass es je-des Mal, wenn irgendein Verhängnis sich anbahnte, auf ihn achtgeben würde.
Seine Warnung reichte aus, um sie zögern zu las-sen, auch wenn sie ihrer reglosen Aufpasserin einen sehnsüchtigen Blick zuwarf. Ihr Zaudern verschaffte Flinx genau die Zeit, die er brauchte. Die unent-schlossene junge Frau im Auge behaltend, trat er zu-rück, bis er neben dem sehnigen, doch kraftlosen Körper der Profikillerin stand. Dann ging er in die Hocke und langte als Erstes nach ihrem Stilett. Ob-wohl sie bewusstlos war, war der Griff der Qwarm so fest, dass er ihr mit beiden Händen die Waffe aus den Fingern lösen musste. Sodann durchstöberte er ihren gefährlich aussehenden Ausrüstungsgürtel und fand ein Sortiment Fesseln. Er suchte sich ein Paar davon aus und benutzte sie an ihren Hand- und Fußgelen-ken. Mahnahmi schaute ihm schweigend zu und fragte sich wahrscheinlich, ob es irgendeinen Sinn hatte, ihm den Besitz der Waffen streitig machen zu wollen. Und obwohl sie fortwährend ein Gesicht zog, war sie noch schön.
Unter behutsamem Einsatz machte die Spitze des Schallstiletts mit Pips klebrigen Fesseln kurzen Pro-zess. Nachdem sie solchermaßen befreit war, begann sich die fliegende Schlange zu säubern, indem sie winzige Mengen von Gift absonderte und die letzten Reste des lästigen Zeugs damit zersetzte. Den Mini-drachen seiner Toilette überlassend, deaktivierte Flinx das Stilett und befestigte es an seinem eigenen Gürtel. Dann ging er zurück, um seiner blassen, blonden Nemesis gegenüberzutreten. Nach außen hin gelassen, schäumte er innerlich vor Wut.
Mahnahmi ließ ihn nicht aus den Augen, während er betont langsam auf sie zuschritt. Ihr Blick begann zu flattern, als sie sein Gesicht und die Pistole in sei-ner Hand sah. Doch sie unternahm keinen Versuch zu fliehen, wich nicht einen Zentimeter zurück. War sie, als mutierter Adept, ebenfalls überzeugt, dass ein innerer Mechanismus sie beschützen würde? Hatte sie nicht eben noch irgendetwas in dieser Richtung erwähnt? Er erinnerte sich, was sie das letzte Mal ge-tan hatte, als er ihr auf Ulru-Ujurr begegnet war, wie sie mit der Kraft ihres Zorns Teppiche zerfetzt und das Mobiliar demoliert hatte. Oder war sie einfach nur der kaltblütigste Mensch, der ihm jemals unter-gekommen war?
»Ich hab mir dich mal etwas genauer angesehen«, säuselte sie, während sie ihn taxierte. »Wenn dein Anzug tatsächlich einen integrierten Abwehrmecha-nismus besäße, müsste es irgendwelche Anzeichen dafür geben. Keine auffälligen, aber erkennbare. Aber ich habe nichts dergleichen entdeckt. Was es auch war, das Briony umgehauen hat, es war mit Sicher-heit nicht dein Outfit. Es muss etwas gewesen sein, das aus dir selbst kommt. Und es scheint dem, was in mir steckt, sehr ähnlich zu sein.«
»Na und?«, schoss er, in die Defensive gedrängt, zurück. »Du brauchst nicht mehr zu wissen, als dass es funktioniert, und genau das wird es wieder tun, solltest du irgendetwas versuchen.«
»So? Wird es das? Wird es das wirklich, Philip Lynx?«
Namen, dachte er. Willkürliche Kombinationen von Buchstaben, die was bezeichneten? Eine Person? Ein bestimmtes Individuum? Sterne trugen Namen, und Nebelflecken, aber welchen Aussagewert besaß schon der Name eines einzelnen lebenden Wesens? Frustration stieg in ihm auf. Zu lange schon hatte er versucht, gegen Namen anzukommen.
Doch sie war noch nicht fertig. »Du weißt über-haupt nicht, was du mit Briony angestellt hast, hab ich recht? Nicht einmal, wie du es gemacht hast, stimmt's?«
»Wie ich schon sagte, es spielt keine Rolle.«
»Oh, es spielt durchaus eine Rolle, Flinx. Sogar eine größere, als du dir vorstellen kannst. Nicht speziell für mich vielleicht, aber ganz allgemein. Ich weiß, was mit dir los ist, im Gegensatz zu dir. Wir sind uns nämlich in vielen Dingen sehr ähnlich. Schon im sel-ben Moment, als ich dich zum ersten Mal sah, da-mals, vor vielen Jahren, als du Conda Challis besu-chen kamst, wusste ich, dass du gefährlich bist. Und ich wusste sofort, dass du der Einzige warst, der mich wirklich verstehen könnte. Aber da ich mich selber gut genug kannte, wusste ich auch, dass du früher oder später für mich zu einem Problem werden wür-dest, falls ich mich nicht beizeiten um dich kümmer-te.« Sie breitete die Hände aus und lächelte verbind-lich. »Das hier ist der beste Beweis.«
»Vielleicht«, erwiderte er geduldig, »würde ich für dich ja keine so große Gefahr darstellen, wenn du es nicht so eilig damit hättest, mich umzubringen.«
»Sieh an, sieh an, über geistreichen Humor verfü-gen wir auch noch.« Sie ließ ihre Hände fallen. »Wie geht's jetzt weiter, Flinx? Wirst du mich jetzt erschie-ßen? Es wird sicher eine interessante Erfahrung für dich sein. Aber was machst du, wenn mein inneres Ich auf so eine Bedrohung genauso reagiert wie dein inneres Ich, wenn es ihm an den Kragen gehen soll?«
Die Pistole in seiner Hand fühlte sich kalt an. »Ich sollte es drauf ankommen lassen. Das Recht dazu ha-be ich.«
»Aber das wirst du nicht, stimmt's?« Abermals ließ sie auf ihrem Gesicht ein Lächeln erstrahlen, das schlüpfrig genug war, um die meisten schwachen Männer zu entwaffnen, und die meisten Frauen. »Zunächst einmal weißt du gar nicht genau, ob du es überhaupt kannst, und zweitens ist der Wille zum Töten kein wirksamer Bestandteil deiner psychischen Struktur.«
»Da wär ich mir nicht so sicher. Ich habe schon ge-tötet.« Flinx' Gesichtszüge strafften sich. Ein vertrau-tes Gewicht ließ sich auf ihm nieder. Er warf einen Blick zur Seite und sah Pip, sauber und geputzt, die sich erneut an seine Schulter schmiegte. »Es macht mir keinen Spaß, aber ich kann es.« Seine Miene ver-zog sich kaum merklich. »Wirksamer Bestandteil meiner psychischen Struktur oder nicht.«
»Ja.« Sie sah ihn nachdenklich an. Wie immer zeig-te sich bei ihr auch jetzt nicht das geringste Anzei-chen von Furcht. »Ich sehe, dass du es kannst. Aber du wirst nicht versuchen, mich zu töten, Flinx.« Das falsche Lächeln kehrte zurück, aber es war nicht mehr sinnlich, sondern durch und durch verdorben. »Nicht weil du es nicht kannst. Ich hab das Gefühl, dass du durchaus dazu imstande wärst, ungeachtet allem, was ich unternehmen könnte, um es zu verhindern.
Du wirst es deshalb nicht tun, weil du niemals dei-ne eigene Schwester umbringen würdest.«