Die Echsenwelt

Alan Dean Foster · Kapitel 13 von 20

PDF-Seiten

Die Echsenwelt

Kapitel 13

13

 

Falls die beiden AAnn sich Gedanken um den jungen Menschen machten, der mit der Waffe in der Hand um sie herumlungerte, so ließen sie es sich jedenfalls nicht anmerken.

Gleich nachdem die endlose, zerklüftete Fläche des Transmitters ihren völlig unerwarteten Energiestoß freigesetzt hatte, waren sie eilig von der Beobach-tungsplattform heruntergeklettert und zu ihren Wohn-und Arbeitsquartieren hinabgestiegen. Flinx war ihnen dichtauf gefolgt und hatte genauestens aufgepasst, was sie anfassten, doch ansonsten hatte er sie in ihrer enthusiastischen Betriebsamkeit nicht gestört. Er war ebenso neugierig zu erfahren, was da eigentlich pas-siert war, wie sie.

Das Duo schnatterte so aufgeregt miteinander, mit hektisch gestikulierenden Händen und Armen, dass er Schwierigkeiten hatte, dem Gesagten zu folgen. Da er lediglich mit umgangssprachlichem AAnn vertraut war, fielen eine Menge wissenschaftlicher Begriffe, die er nicht verstand. TROTZ DER Lücken versuchte er, sich den Sinn ihrer Fachdiskussion zu erschließen.

Im Grunde hatte er für die beiden AAnn-Wissen-schaftler praktisch aufgehört zu existieren. Ihr gegen-wärtiges Interesse war einzig und allein darauf gerich-tet, die Natur der Lichtemission zu analysieren und zu bestimmen. War es eine zufällige Erscheinung, oder war sie aufgrund der gezielten Folge von Stimulierun-gen durch die Waffe hervorgerufen worden? Und falls Letzteres zutraf, war es möglich, sie zu reproduzieren und eine repräsentative Sequenzfolge abzuleiten? Wenn es kein Zufall gewesen war, was hatte dann die Entladung ausgelöst? War sie ausschließlich auf natür-lich vorkommenden Elektromagnetismus zurückzu-führen, oder waren noch andere Eigenschaften mit im Spiel? War sie präzise fokussiert, oder war sie ab-sichtslos zerstreut?

Als er die Ungewissheit nicht mehr länger ertragen konnte, wies er das verzückte Echsengespann höflich darauf hin, dass es an der Zeit war, mit ein paar In-formationen herauszurücken. Er musste dies zweimal tun, bevor sie seiner Anwesenheit Aufmerksamkeit schenkten.

»Ess isst höchsst außergewöhnlich.« Der Blick aus den vertikalen Pupillen der AAnn-Frau schnellte an ihm vorbei und blieb an den Anzeigen einer Reihe von Geräten hängen, die an der nahe gelegenen Wand be-festigt waren. »Darauf mussss man ersst einmal kom-men, eine Apparatur aktivieren zu wollen, indem man auf ssie schießt.«

»Ich werd's mir merken«, ließ Flinx sie wissen. »Was haben Sie herausgefunden?«

Falls erforderlich würde er ihnen mit der Waffe drohen, um eine Antwort zu bekommen. Doch das war gar nicht nötig. Die Aufregung der beiden war viel zu groß, als dass sie irgendetwas zurückhalten konnten, selbst nicht vor einem ins Kaiserreich einge-drungenen Menschen.

»Unssere Insstrumente haben den Aussstoß in ssei-ner Gessamtheit aufgezeichnet.« Der Mann sprach, ohne von den Messgeräten aufzublicken, die er über-prüfte. »Er wurde tief unter unss erzeugt, dort, wo ssich dass Herz der Anlage befinden mussss. Trotz sseiner kurzen Dauer war er außerordentlich stark.«

Flinx dachte einen Augenblick nach. »Subraum-Kommunikator?«

»Dass Potenzial wäre möglicherweisse vorhanden. Wir wissssen ess nicht.« Die Frau richtete ihre Auf-merksamkeit weiterhin auf ihre Instrumente und An-zeigen; flink huschten ihre manikürten Klauen über Kontrollen und Berührungskontakte. »Diesse speziel-le Effussion weisst nicht nach außerhalb dess Ssy-stemss, ssondern war auf eine Possition im Inneren gerichtet. Dassss scheinbare Ziel isst ebensso überra-schend wie der Aussbruch selbsst.«

Flinx trat einen Schritt näher, sodass er fast genau zwischen ihnen stand. Nach wie vor war es seine vor-dringlichste Absicht, den Landetrupp der Crotase aus-findig zu machen. Nichts würde ihn davon abbringen können. Doch seine unbändige Neugierde ließ ihn nicht los. »Welches Ziel?«

»Ssoweit wir ssagen können«, teilte ihm der Mann aufgeregt mit, »war die Emissssion auf einen Punkt gerichtet, der ssich in der Peripherie diessess Ssys-stemss befindet.«

»Natürlich isst dort nichtss«, fügte die Frau hinzu. »Anderersseitss isst diesser Ssektor dess Kaisser-reichss noch wenig erforscht.« Sie rief eine schwe-bende verkleinerte Darstellung des pyrassischen Sy-stems auf. Flinx konnte zehn Welten ausmachen, die von einem ausgetrockneten, narbigen Planeten, der viel zu nah um seine Sonne kreiste, über eine Reihe von Gasriesen weiter draußen bis hin zu einigen stei-nig-metallischen Himmelskugeln reichten, von denen Pyrassis Prime eine war. Außerdem gab es die übli-che Kollektion aus Monden und planetaren Orbital-objekten sowie zwei dichte, scharf umrissene Aste-roidengürtel.

»Aber wenn dort nichts ist ...«, setzte er an, nur um von dem aufgeregten Mann sogleich unterbrochen zu werden.

»Jssacch! Eine interessssante Frage, nicht wahr? Ssehen Ssie dass hier?« Mit seiner klauenbewehrten Hand zeigte er auf einige kleine, rasch oszillierende Zeichen im oberen Bereich seines Instrumentenpa-neels. »Wass denken Ssie, wass dass bessagt?«

Flinx beugte sich vor und versuchte die Bedeutung der schwankenden Anzeige zu ergründen. »Eine fluktuierende Energiequelle?«

»Nein«, erwiderte der AAnn, »ess bessagt, dass Ssie nicht aufmerkssam genug ssind.« Woraufhin beide, Mann und Frau, über den unverwandt auf die Instrumente glotzenden Flinx herfielen.

Wild ineinander verschlungen stürzten alle drei zu Boden. Peripheriegeräte flogen in hohem Bogen durch die Luft, als Flinx versuchte, sich aus dem Griff der AAnn zu befreien. Mit beiden Klauen hielt die Frau sein Handgelenk umklammert, um ihn davon abzuhalten, die Pistole zu benutzen, während ihr Le-bensgefährte sich redlich Mühe gab, an Flinx' Ober-arm eine Art Polizeigriff anzuwenden. Über ihnen flatterte aufgeregt Pip in der Luft, darum bemüht, ei-ne klare Sichtlinie auf die Rangelnden zu bekommen, die es ihr erlaubte, einzugreifen, ohne dabei ihren Herrn zu treffen.

Der strampelnde Flinx hingegen wollte, trotz eines starken Verlangens, sich kein zweites Mal gefangen-nehmen zu lassen, die beiden Alten nur ungern um-bringen müssen. Allerdings setzte der Umstand, dass die AAnn auf sein Befindens offenbar keine Rücksicht zu nehmen gedachten, seine Nächstenliebe empfind-lich herab. Während er sich aus ihren Klauen zu be-freien versuchte, wunderte er sich, wieso sie nicht mit den Zähnen nach ihm schnappten. Als reine Fleisch-fresser waren sie mit scharfen Beißwerkzeugen aus-gestattet. Nicht ein Mahlzahn befand sich darunter. Vermutlich wäre er entsetzt gewesen zu erfahren, dass sie es nur aus Angst vor den angeblichen Kör-pergiften der Menschen nicht taten. Und so blieben ihm dank eines unschönen Gerüchts ein paar hässli-che Bisswunden erspart.

Ohne jede Anmut wälzte sich das Knäuel aus ei-nem um sich schlagenden und tretenden Menschen und zwei AAnn über den Boden. Unermüdlich ver-folgte Pip jede ihrer Bewegungen. Nennasu lockerte den Griff um Flinx' Handgelenk für keine Sekunde, während es für Flinx immer schwieriger wurde zu verhindern, dass Tenukac seinen anderen Arm zu fassen bekam. Er konzentrierte sich so stark, wie es in Anbetracht seiner Lage möglich war, und versuchte, seine Gefühle in einer kurzen, ungetrübten Suggesti-onsspitze zu bündeln. Aufgebracht schoss Pip auf der Suche nach einer geeigneten Schusslinie hin und her, um wie gewohnt auf die Augen zu zielen.

Flinx spürte, dass er den Kampf gegen den emotio-nalen Zustand der AAnn verlor. Er wurde schwächer und schwächer. Allein durch ihr bloßes Gewicht raubten die beiden Kontrahenten ihm die Kraft. Sie würden die Kontrolle über die Waffe zurückerlangen und ihn, falls sie ihn nicht gleich niederschossen, wieder gefangen setzen, zweifellos in einer Weise, dass Pip ihn kein weiteres Mal befreien konnte. Er wand und krümmte sich in dem Versuch, Blickkon-takt zu dem Minidrachen herzustellen, als er auch schon das vertraute, gedämpfte Geräusch vernahm. Flinx hielt den Atem an und wartete auf das unaus-weichliche schmerzgepeinigte Heulen.

Doch tatsächlich war es mehr ein fauchender Auf-schrei. Selbst während er weiterkämpfte, musste er lächeln. Pip hatte gespürt, was er von ihr wollte: seine Angreifer aufhalten, sie ablenken, aber nicht töten. Und das hatte sie getan.

Sie hatte kaum mehr als einen Tropfen gespuckt, doch selbst dieser kleine Klecks von dem ätzenden Gift auf dem ungeschützten Oberschenkel der Frau reichte aus, damit die AAnn ihren Griff um das Handgelenk des Menschen augenblicklich löste und wie verrückt auf ihr Bein einschlug. Aus den glän-zenden Schuppen kräuselte sich ein winziges Rauch-fähnchen empor. Ein weiteres ausgespienes Tröpf-chen traf den Mann an seiner bloßen Schulter. Im gleichen Moment ließ er Flinx los und begann wie wild an der brennenden Oberfläche seiner schuppi-gen Außenhaut zu reiben. Der Minidrache blieb auf Abstand und beobachtete die beiden, dicht unter der Decke schwebend und bereit, eventuell einen kräfti-geren Strahl auszustoßen.

Doch das war nicht nötig. Beide AAnn waren nun hinreichend beschäftigt. Flinx rappelte sich auf und sah sich, ohne ihnen weiter Beachtung zu schenken, nach etwas um, womit er sie aus dem Weg schaffen konnte. In Form eines großen durchlöcherten Contai-ners, der mit einem Zeitschloss versehen war, wurde er fündig. Sekunden später trieb er die fauchenden, jammernden und protestierenden Wissenschaftler in das Behältnis hinein, schloss die Klappe und stellte den Timer auf die maximale Anzahl kleinstmöglicher Zeitteile ein – schätzungsweise einen Tag. So lange würden sie mit dem Hunger schon zurechtkommen, und ohne Wasser konnten AAnn es ohne Weiteres ein paar Tage aushalten. Jedenfalls würden sie nun ge-nug Zeit haben, um in Ruhe über ihre Niedertracht nachzudenken.

»Ich hab euch vor dieser Wurmkreatur gerettet, und das ist nun der Dank dafür!«

»Wir sind jemandem, der kein AAnn isst, nicht zu Dank verpflichtet.« Erschöpft spähte die Frau durch eines der Löcher nach draußen und funkelte ihn an, als ob sie ihn am liebsten in der Luft zerreißen würde. »Vor allem keinem ungeladenen Reprässentanten dess Commonwealth!«

»Ich bin niemandes Repräsentant«, gab Flinx zu-rück und überließ es ihnen, darüber nachzugrübeln, was er wohl damit gemeint haben könnte. Mochten sie sich doch weiter den Kopf zerbrechen, ob er auf eigene Faust arbeitete oder ob irgendwo in der Ge-gend noch mehr von seiner Sorte steckten, die auf seine baldige Rückkehr warteten. »Bis der Timer euch wieder herauslässt, seid ihr in dem Ding da gut un-tergebracht.« Er schenkte ihnen ein dünnes Lächeln. »Ihr könnt euch ja ein wenig die Zeit damit vertrei-ben, über das Wunder eurer Entdeckung zu sinnie-ren. Aber vorher will ich, dass ihr mir erzählt, worauf der Transmitterausstoß ausgerichtet war. Nur um meine Neugier zu befriedigen.« Er brachte eine Geste zustande, die nicht einmal allzu sehr misslungen war. »Ich finde, das seid ihr mir schuldig, nachdem ich euch das Leben gerettet habe und es auch weiterhin schone.«

»Wir schulden Ihnen gar nichtss. Warum ssollten wir Ihnen irgendetwass ssagen?« Tenukac fauchte.

Flinx hob die Mündung der kleinen Waffe. »Weil ich, wenn ihr es nicht tut, einen von euch erschieße.«

»Welchen?«, fragte der Mann. Ein Mensch wäre von Tenukacs Reaktion wohl entsetzt gewesen, nicht so seine Begleiterin. Es war eine völlig natürliche AAnn-Reaktion.

»Euch beide. Hübsch der Reihe nach.« Flinx hätte so etwas niemals getan, aber da sie offenbar bereit schie-nen, einem Menschen so ziemlich alles zuzutrauen, sah er auch keinen Grund, warum er sie von dieser Mei-nung abbringen sollte. Nicht, solange sie sich für ihn als nützlich erweisen konnten. Tatsächlich verhielt er sich genau so, wie es ein AAnn-Agent getan hätte, wä-re er in der gleichen Situation gewesen.

Nachdem nun allen Förmlichkeiten der Gefangen-nahme, Androhung und Erduldung Genüge getan war, vollführte die Frau eine Geste des Einverständ-nisses ersten Grades, unterstrichen von drittgradiger Unwilligkeit. »Die vier äußeren Planeten diessess Ssysstemss ssind aussnahmssloss Gassriessen mit Atmossphären unterschiedlicher Zussammensset-zung und Dichte. Der am weitessten von der hiessi-gen Ssonne entfernte Himmelsskörper bessitzt einen einzelnen Mond, isst aber kein Gassriesse. Er zählt zu einer Klasssse stellarer Objekte, die alss Methanzwer-ge bekannt sind. Größer alss ein Gassgigant, aber kleiner alss ein normaler Brauner Zwerg. Interesss-santerweisse scheint der dazugehörige Mond eine ähnliche Atmossphäre zu bessitzen.«

»Das ist in der Tat ungewöhnlich.« Flinx' Interesse für Astronomie war sowohl pragmatischen wie ästhe-tischen Ursprungs. »Ein durchschnittlicher Trabant wäre viel zu klein, um diese Art von Gasgemisch an sich zu binden.«

»Es könnte unmittelbar von den oberen At-mossphärebereichen dess Planeten sselbst angezogen werden. Der Mond bewegt ssich in einer außeror-dentlich engen Umlaufbahn um sseine Mutterwelt. Ssoweit wir ess ssagen können, war die kurze Emissssion auf diessen Mond gerichtet.«

»Irgendeine Antwort?« Die Frage war halb scherz-haft gemeint. Flinx war klar, dass er eigentlich aufbre-chen sollte, und zwar schleunigst, doch seine Neugier forderte, dass er wenigstens noch eine Information mehr mitnahm.

Zähne klackten amüsiert aufeinander. »Von einem gassförmigen Mond, der um einen unbewohnbaren Methanzwerg kreist? Ssie haben zu viel Fantassie, Mensch.«

»Und außerdem abssolut keine Ahnung«, fügte die Frau als Dreingabe hinzu.

»Ich werte das mal als Nein in Bezug auf meine Frage.« Nachdem die Sache mit dem Transmitteraus-stoß nun zu seiner Zufriedenheit geklärt war, wandte er sich von dem Container ab und begann sich auf die Suche nach irgendwelchen Ausrüstungsgegenstän-den zu machen, die ihm bei seiner weiteren Reise nützlich sein konnten.

Der AAnn-Schutzanzug, den er fand, hing zwar an mehreren Stellen in losen Falten herab und saß dafür an anderen entschieden zu eng, stellte jedoch im Ver-gleich zu den Fetzen, die er anhatte, eine deutliche Verbesserung dar. Das Loch in der unteren Rückfront war mit einer Vorrichtung versehen, die sich automa-tisch um den Ansatz des Schwanzes zu legen ver-suchte, den er nicht hatte; stattdessen zog sie sich weiter zusammen, bis die Öffnung völlig verschlos-sen war, womit sich seine Hoffnung exakt erfüllte. Einen Sichtschutz für die Augen suchte er vergeblich, die AAnn brauchten so etwas nicht. Selbst bei inten-sivster Sonneneinstrahlung konnten sie problemlos und ohne Blinzeln hervorragend sehen. Davon abge-sehen jedoch fühlte er sich jetzt schon wesentlich bes-ser vor den Elementen geschützt als seit Tagen. Frei-lich war nirgendwo eine Kühleinheit zu finden, aber zumindest würde der Anzug die stechenden Strahlen der Sonne von seiner empfindlichen Haut fernhalten.

Mehr Glück hatte er damit, einen Feldrucksack der AAnn, den er bis oben hin mit Wasserbehältern und gedörrter Reptilienmarschverpflegung vollstopfte, an seinen menschlichen Körperbau anzupassen. In Er-mangelung von konserviertem Obst und Gemüse würde er sich wohl oder übel noch eine Weile durch eine rein fleischliche Ernährung am Leben erhalten müssen. Schließlich sammelte er die beiden Waffen der AAnn ein und nahm sie an sich.

Dergestalt ausgerüstet, verlangte er von den beiden Eingesperrten den Aktivierungscode für den Zwei-Personen-Skimmer, der draußen stand.

»Dieb«, zischte ihn der Mann aus seinem durchlö-cherten Gefängnis an.

»Dreckiger Ssäuger!«, fauchte die Frau und nannte ihm dann widerstrebend den Code.

Flinx wandte sich um und schaute die beiden ruhig an. »Nichts zu danken, ihr beiden. Ich wünsch euch viel Glück bei euren zukünftigen Recherchen. Die Sa-che sieht wirklich sehr interessant aus, aber leider bin ich derzeit mit einer Entdeckung anderer Art beschäf-tigt.« Er winkte ihnen zum Abschied noch einmal zu und stapfte sodann die Rampe hinauf, die aus der un-terirdischen Forschungsstation führte. Ihre Flüche verfolgten ihn, bis er oben angelangt und außer Hör-weite war.

Das Gewicht der neuen Vorräte auf seinem Rücken hatte etwas Beruhigendes, zumal der robuste Schutz-anzug dafür sorgte, dass der schlecht sitzende Ruck-sack ihm nicht die Haut aufscheuerte. Im Innern des Skimmers angekommen, befreite er sich von beidem. Nach einem mehrminütigen, intensiven Studium der Kontrollen gab er versuchsweise den Code ein, den die Frau ihm gegeben hatte. Der Antrieb des Skim-mers erwachte stotternd zum Leben, und das kom-pakte Fluggefährt erhob sich fünf Meter über den Bo-den. Trotz allen Herumexperimentierens mit den Steuervorrichtungen konnte er es jedoch nicht dazu bewegen, auch nur einen Zentimeter höher aufzu-steigen. Gleichwohl würde es mit den meisten Hin-dernissen, die sich auf seinem Weg befanden, zu-rechtkommen. Wenn er auch nicht in einer perfekten geraden Linie fliegen konnte, so würde er doch zu-mindest nicht gezwungen sein, allzu oft von seinem geplanten Kurs abzuweichen.

Nahe der Basis der Aussichtsplattform, von der sie die Energieentladung des sonderbaren Transmitters beobachtet hatten, hielt Flinx das Fahrzeug an und überlegte, wie er am besten weiter vorgehen sollte. Es blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als anzuneh-men, dass das Crotase-Lager sich immer noch an den ursprünglichen Koordinaten befand. Nach seiner mehr als unfreundlichen Begegnung mit den beiden AAnn wäre er wahrhaftig froh, wieder einmal ein paar menschliche Artgenossen zu sehen: und wenn auch nur von weitem und selbst wenn sie ihm feind-lich gesonnen waren. Er ließ sich auf einem für AAnn ausgelegten Sitz nieder und schob den Beschleuni-gungshebel nach vorn. Der Skimmer schwenkte ab in südöstliche Richtung. Pip, die sich inzwischen von al-len Strapazen wieder erholt hatte, ruhte zufrieden neben seinen Füßen.

Weniger als eine Stunde später verreckte das Getrie-be.

Flinx schaffte es gerade noch, das Gefährt einiger-maßen heil herunterzubringen – seine zweite Bruch-landung auf Pyrassis, konstatierte er zerknirscht. Obwohl er mit den technischen Spezifikationen des Alien-Vehikels nicht vertraut war, schien es zumin-dest äußerlich unbeschädigt zu sein. Diese gerissene, hinterlistige Schlange von einer AAnn hatte ihm of-fenbar einen unvollständigen Aktivierungscode ge-geben. Zweifellos war es Absicht, dass der Skimmer ihn weit genug von ihrem Camp wegbefördert hatte, sodass er, wenn die Kiste ihren Geist aufgab, mehr als einen Tagesmarsch benötigen würde, um wieder nach dorthin zurückzukehren – und bis dahin wären sie längst aus ihrer Arrestzelle heraus und hätten sich bewaffnet und verbarrikadiert für den Fall, dass er wieder auftauchen sollte. Eine leise Verwünschung ausstoßend, warf er sich seine Vorräte über die Schul-ter und machte sich zu Fuß auf den Weg, immer Pip hinterher, die ihm durch die glühend heiße schwarze Landschaft mühelos vorausflatterte.

Es war schon fast Abend, als er das sich nähernde Flugfahrzeug entdeckte. Genau genommen waren es zwei, immer noch recht hoch, aber rapide fallend und unverkennbar AAnn-typischer Bauart. Auch wenn er über ihren beabsichtigten Zielpunkt keine Gewissheit haben konnte, war er sich doch, ausgehend von sei-ner letzten Begegnung, ziemlich sicher, zu wissen, in welche Richtung sie flogen. Obwohl er es für un-wahrscheinlich hielt, dass irgendjemand an Bord, selbst wenn sie nach ihm suchten, imstande war, dort unten zwischen den tiefdunklen Windungen des halb versunkenen Transmitters eine einzelne Gestalt aus-zumachen, ging er kein Risiko ein und versteckte sich unter einem Vorsprung des pechschwarzen Materi-als, bis sie außer Sicht waren.

Als er schließlich weitereilte, drang aus der Ferne ein anschwellendes Dröhnen an sein Ohr. Sie setzten zur Landung an der Wissenschaftsstation an, schluss-folgerte Flinx, und ließen sich steil von oben herabfal-len. Er wünschte, er hätte zwischen sich und den Au-ßenposten mehr Abstand bringen können, bevor der Skimmer seinen Dienst versagt hatte. Es würde nicht lang dauern, bis die Neuankömmlinge das einge-sperrte Wissenschaftlerpärchen entdeckten. Als sein Blick nach unten fiel, stellte er fest, dass er kaum Spu-ren auf der schwärzlichen, geriffelten Oberfläche zu-rückließ. Nur dort, wo der Sand sich in irgendwel-chen Spalten und Ritzen angesammelt oder Minia-turdünen gebildet hatte, waren einzelne Fußstapfen zu sehen. Fortan achtete er darauf, die Sandhaufen zu meiden.

Falls sie ihm hinterherkamen, würde es schon raf-finierterer Verfolgungsmethoden bedürfen, als mit dem bloßen Auge den Boden nach Fußabdrücken ab-zusuchen. Und dann hatte er ja auch immer noch das unergründliche Labyrinth des Transmitters, in dem er sich verstecken konnte, und nicht zu vergessen ein kleines bisschen Vorsprung. Aber vielleicht brachen sie auch in eine andere Richtung auf oder beschlos-sen, am Außenposten auf weitere Anweisungen zu warten.

Der Möglichkeiten waren viele.

Er verfiel in einen raschen Trott und versuchte, weiter auszuschreiten.

Seite an Seite setzten die AAnn-Transporter auf dem schmalen Bereich auf, der als Landezone gekenn-zeichnet war. Ein herkömmlicher Navigationsleit-strahl lotste sie herein. Dysseen hatte keinerlei Be-denken, und wie erwartet ließ sich weit und breit nichts blicken, was gegen ihre Ankunft Einwände er-hob. Andererseits waren seine Kommunikatoren auch nicht in der Lage, das Pärchen zu kontaktieren, das den Entschluss gefasst hatte, im Namen der Wis-senschaft an diesem unglückseligen Ort zu kampie-ren.

»Vielleicht ssind ssie eifrig bei der Arbeit, ehrwür-diger Ssir«, vermutete Unteroffizier Hizzvuak. »Oder irgendwo draußen unterwegss. Gussasst, wenn ssie nicht hier ssind, dann wüssssten ssie nichtss davon, dassss wir heute kommen, und würden daher auch keinen Bessuch erwarten.«

Dysseen bekundete mit einer Geste seine Zustim-mung dritten Grades. Er mochte Hizzvuak. Der Un-teroffizier war eine geradlinige und kompetente Per-son, die niemals aus der Rolle fiel. Ein Stoßtrupp stand bereit und erwartete den Befehl zum Aus-schwärmen. Immerhin hatte der lange Flug vom Hauptquartier den unerträglich mitteilungsbedürfti-gen Soldaten Qiscep zum Verstummen gebracht. Zu guter Letzt waren diesem Individuum schlichtweg die Worte ausgegangen, um seine eigenen Leistungen zu rühmen.

Es war bereits spät geworden, wie Dysseen fest-stellte, als er aus der Vorderluke blickte. Man sollte annehmen, dass die Leute an so einem abgelegenen Ort wie diesem darauf achteten, dass sie bei Einbruch der Dunkelheit wieder in ihrem Unterschlupf waren – besonders, wenn es sich dabei um ein älteres Paar handelte. Er kratzte sich an einer seiner Nacken-schuppen. Nun ja, man konnte bei Wissenschaftlern nie wissen. Er verstand sie nicht, und sonderlich viel übrig hatte er für sie auch nicht. Doch wie jeder ande-re AAnn, sah er den unverzichtbaren Beitrag, den sie für die fortgesetzte Ausdehnung des Kaiserreichs lei-steten, und erkannte ihn an.

Hizzvuak starrte gespannt aus der Sichtluke, als der Transporterpilot den Landevorgang beendete. »Keine Spur von einem fremden Eindringen, Ssir. Keine Bodenfahrzeuge, keine Fluggeräte.« Er machte eine Geste der Belustigung dritten Grades. »Wie ssoll denn dann ein mutmaßlicher Spion überhaupt an ei-nen Ort wie diessen gekommen ssein?«

»Mussss ssich wohl von sseinem eigenen Lager ent-fernt haben und verssehentlich in die Wüsste hinaus-spaziert ssein«, scherzte Dysseen. »Kommen Ssie, bringen wir diesse Ssache rasch zu Ende. Wenn schon nichtss anderess, dann können wir wenigsstenss ein Nachtmahl außerhalb der Enge dess Stützpunktss und fernab der Oberherrschaft von Kommandant Voocim genießen.«

Hizzvuak war mehr als empfänglich für diesen Gedanken. »Ess wird eine nette Abwechsslung ssein, Ssir. Mal eine andere Umgebung.« Während er seine Montur überprüfte, deutete er mit der Schwanzspitze auf den Ausblick, der sich durch die Vorderluke bot. »Wass isst eigentlich sso Bessonderess an diessem Ort?«

Dysseen bedeutete ihm mit einer Geste seine Un-kenntnis. »Keine Ahnung. Ich verfolge nicht die Ar-beit der wissssenschaftlichen Außenteamss.« Seine Pupillen verengten sich. »Dass umliegende Gelände ssetzt ssich, gelinde gessagt, auss höchsst merkwür-digen Gebilden zusammen.«

Er befahl dem Anführer des Stoßtrupps, die Unter-kunft zu stürmen, und überließ es denen in dem an-deren Transporter, Vorkehrungen zur Sicherung der näheren Umgebung zu treffen. Nicht, weil er das Ge-fühl hatte, dass irgendeine Gefahr im Verzug war, sondern weil es der üblichen Vorgehensweise ent-sprach; und weil die Soldaten dann etwas zu tun hat-ten neben ihrem Gemurre über den langen Flug und die fortgeschrittene Stunde.

Mit ihm selbst an der Spitze drang der Stoßtrupp in die Einrichtung ein. Sie war unversperrt und unver-schlossen.

»Hier drüben, Ersster Offizier!«

Das Auffinden der beiden Wissenschaftler, die in dem Lagercontainer zusammengepfercht waren, reichte als Überraschung für einen Abend. Während er ihrem Bericht über das Geschehene lauschte, traf Dysseen wie ein Schock die Erkenntnis, dass ihre Ge-schichte keineswegs das Produkt zweier seniler Ge-müter darstellte, die zu lange ohne Kontakt zur Zivi-lisation gewesen waren. Dennoch blieb er trotz der wachsenden Aufregung, die er verspürte, vorsichtig.

»Ssie haben Ihre Schilderung ssehr anschaulich dargestellt, aber allein dass reicht noch nicht auss, um volless Vertrauen zu erwecken.«

Tenukac fauchte frustriert. Seine stille Empörung machte auf Dysseen und seine begleitenden Unterof-fiziere keinen Eindruck, die Aufzeichnungen, die Nennasu aus den Überwachungsmonitoren der Ein-richtung geborgen hatte, taten es dafür umso mehr. Klar und deutlich zeigten sie den Menschen, zuerst als Gast, dann als einen Gefangenen des Paars, und schließlich als einen bewaffneten Flüchtling, der sich aus dem Staub machte. Hizzvuak beugte sich nach vorn und stieß mit einem Finger in das dreidimen-sionale Abbild eines sich rasch bewegenden Objekts.

»Und dass, verehrte Gelehrte: Was isst dass?«

»Eine Art kleiness Begleitwessen, dass mit dem Menschen reisst. Ssie wissssen ja, dass ssie den Hang haben, die Gessellschaft grundverschiedener Ge-schöpfe zu ssuchen, die weniger intelligent ssind alss ssie. Ich glaube, ssolche Gefolgsskreaturen werden ›Schoßtiere‹ genannt.«

»Ich habe davon gehört.« Fasziniert beobachtete Hizzvuak die flinken Bewegungen des kleinen geflü-gelten Geschöpfs. »Welche Weissheit lässsst sich noch auss ssolch einer Ssitte schließen?«

»Möglicherweisse verschafft ess ihnen ein Gefühl von Überlegenheit, wenn ssie ssich mit schwächeren Lebewessen umgeben«, meinte Dysseen nachdenk-lich.

»In diessem Beispiel ssorgt ess fragloss dafür, dassss der Mensch ssich ssicherer fühlt, und zwar auss gutem Grund.« Nennasu zeigte ihr Bein. Sofort fiel Dysseens Blick auf die auffällige ovale Wunde. »Um sseinen Bessitzer zu verteidigen stößt dass flie-gende Geschöpf unter hohem Druck eine stark ssäu-rehaltige Flüssssigkeit auss, über deren maximaless Potenzial wir noch in Unkenntniss ssind. Wenn Ssie den Menschen aufgestöbert haben, hüten Ssie ssich davor, sseinen kleinen Gefährten auss den Augen zu lassssen.«

Dysseen zeigte sich angemessen beeindruckt. »Wir werden darauf achten, ess zu besseitigen, bevor wir den Menschen ergreifen.« Er schaute zu einer der schmalen Luken hinüber, durch die man nach drau-ßen sehen konnte. »Bei Ssonnenaufgang werden wir unss an die Verfolgung dess Eindringlingss machen.«

Tenukacs flinke Finger vollführten eine Geste der Verwirrung zweiten Grades unterlegt mit drittgradi-gem Unbehagen. »Ssie wollen biss zum Morgen war-ten? Wir haben dafür gessorgt, dassss der Skimmer, den er unss gestohlen hat, nach einer Weile un-brauchbar wird, aber wenn Ssie die Aktion biss Sson-nenaufgang aufschieben, geben Ssie der Kreatur nur Zeit, einen größeren Abstand zwischen ssich und unss zu bringen.«

»Erzählen Ssie mir nicht, wie ich meine Arbeit zu machen habe.« Dysseen war höflich, aber bestimmt. »Meine Leute haben einen langen Flug vom Kyl-Stützpunkt hinter ssich. Ssie ssind müde und hung-rig. Wohin ssoll ssich diesser einzelne Mensch schon wenden? Ich werde bei beiden meiner Luftfahrzeuge eine Wache aufstellen lassssen. Jede Störung, jeder Energieaussstoß in einem Radiuss von hundert Ogon wird selbssttätig erfasssst, und wir werden ssofort in angemessssener Weisse reagieren. Wenn wir ihnen ein bisssschen Zeit geben, werden die Komplizen diesses Menschen vielleicht auftauchen und ihn he-rausszuholen verssuchen. Dass würde ess unss er-möglichen, ssie alle auf einen Schlag ausszuschalten, oder irgendein automatissiertess Fluggefährt, dass ssich möglicherweisse im Einssatz befindet.

Wass den Eindringling angeht, sso operiert er al-lein und auf unvertrautem Territorium, einzig auf dass angewiessen, wass er auf sseinem Rücken zu tragen vermag. Ich habe einen voll aussgebildeten Trupp kaisserlicher Ssoldaten unter meinem Kom-mando, um die Sspur der Kreatur zu verfolgen, und außerdem alss Rückendeckung zwei Transsporter. Ich ssehe die Anwessenheit dess Menschen alss eine aussgezeichnete Gelegenheit für meine Ssoldaten, etwass Felderfahrung zu ssammeln. Eine willkom-mene Unterbrechung der Routine, für die wir nur dankbar ssein können. Und jetzt – wass können Ssie mir über die Abssichten dess Menschen berichten, die er hier auf Pyrassssiss hat?«

Nennasu machte eine hilflose Geste. »Darüber ließ er nichtss Konkretess verlauten.«

»Dass isst verständlich.« Dysseen blieb geduldig. Draußen war sein Trupp bereits damit beschäftigt, das Nachtlager aufzuschlagen.

»Wir nehmen an, dassss er auss dem gleichen Grund hierherkam, auss dem auch wir hier ssind«, erklärte der Mann. »Um diessen alten Transsmitter zu unterssuchen, auf dem wir stehen. Aber dabei han-delt ess sich lediglich um eine Vermutung, bassierend auf dem, wass er unss gessagt hat. Nicht auszuschlie-ßen, dass er auch nur verssucht hat, sseine wahren Abssichten zu verbergen.«

»Wir befinden unss auf einer Art Transsmitter?« Abermals blickte Dysseen auf die dunkle Oberfläche unter seinen Füßen. »Ssehr interessssant. Wenn ess dass isst, wass der Mensch Ihnen erzählt hat, wird er dass Gleiche ohne Zweifel auch unss erzählen, wenn wir ihn geschnappt haben.« Er ließ seine spitzen Zähne aufblitzen. »Ssollte ess einen anderen Grund geben, werden wir nicht lange brauchen, um die Ein-zelheiten herauszufinden.« Mit einer zweitgradigen Geste des Dankes, unterstrichen durch Höflichkeit fünften Grades, trat er einen Schritt zurück. »Wenn Ssie mich jetzt entschuldigen, ich mussss nach meiner Truppe ssehen.«

Tenukac bedeutete dem Offizier zu warten. »Wir haben hier eine wichtige Entdeckung gemacht, ehr-würdiger Ssir! Die Informationen darüber müssssen sso schnell wie möglich den zuständigen Obrigkeiten mitgeteilt werden.«

»Vyessh, vyessh.« Dysseen machte eine beschwichti-gende Geste. »Verfassssen Ssie Ihren Bericht, und ich werde zussehen, dass er, ssobald ess ssich einrichten lässt, weitergeleitet wird. Ess liegen immer Anfragen für die Nutzung dess Ssubraum-Kommunikatorss vor.« Er drehte sich um und wandte sich dem offen stehenden Ausgang zu.

»Ess isst von größter wissssenschaftlicher Bedeu-tung«, rief Nennasu ihm hinterher. »Einige hypothe-tische Ausswirkungen könnten dazu führen, dass ...«

Doch Dysseen trat bereits den Rückzug an; zügig verschwanden seine sandalenbewehrten Füße und sein müßig hin und her peitschender Schwanz auf dem abgeschrägten Gang nach oben außer Sicht.

Der Sonnenaufgang brachte die Klarheit des Morgens und weckte in Dysseen eine neue Entschlossenheit, den herumstreunenden Menschen so bald wie mög-lich dingfest zu machen. Er hatte seinen abendlichen Bericht an den Stützpunkt absichtlich vage gehalten. Wenn die stets reizbare Voocim erfuhr, dass sich tat-sächlich ein menschlicher Spion auf Pyrassis befand, war es ihre Pflicht, die Suche nach ihm sowie seine Festnahme persönlich zu leiten. Ganz nach Art der AAnn sah Dysseen indes keinen Grund, warum sein vorgesetzter Offizier auch nur in irgendeiner Weise an der Ehre teilhaben sollte, die die bevorstehende Verhaftung mit sich bringen würde. Bestimmt würde es jede Menge Lob und Beifall geben, wenn der un-gebetene Gast erst einmal sicher in den Stützpunkt geschafft worden war.

Die engen und gewundenen Pfade zwischen den Monolithen und gekrümmten Gebilden auf der fremdartigen Oberfläche machten den Einsatz bo-denbasierter Fahrzeuge unmöglich. Auch Gleiter wa-ren ohne Nutzen, da bei einem Flug über die labyrin-thische Anlage eine einzelne, zweibeinige Gestalt, die sich dort unten versteckte, allzu leicht übersehen werden konnte. Das hieß, sie mussten den Menschen zu Fuß verfolgen. Es wäre eine gute Übung für die Truppe. Andererseits hatte Dysseen natürlich auch nicht vor, tagelang in unübersichtlichem Gelände umherzuirren.

Nachdem das Signal des gestohlenen Skimmers einmal geortet war, wurden ein halbes Dutzend klei-ner Suchdrohnen ausgeschickt, um dessen nähere Umgebung zu erkunden. Von einem gemeinsamen Punkt ausschwärmend, dauerte es weniger als zwei Stunden, bis eine von ihnen, die den südöstlichen Quadranten abgraste, Aktivitäten ausmachte, die der Fortbewegung eines Objekts von der Größe eines Menschen entsprachen. Eine genauere Anpeilung des Ziels erbrachte einige erste Eindrücke von der auser-sehenen Beute. Obwohl er erstaunlich großes Ge-schick bewies bei dem Versuch, sich zwischen den Gebilden zu verbergen, konnte der Mensch der Auf-merksamkeit des hartnäckigen automatischen Su-chers doch nicht ewig entgehen.

Obwohl es dem Menschen gelungen war, sich ei-nen beachtlichen Vorsprung zu verschaffen, war Dys-seen zuversichtlich, dass seine Soldaten ihn bis zum Ende des Tages eingeholt haben würden. Unterstützt würden Ihre Bemühungen zu einem nicht geringen Teil durch die Tatsache, dass die eine Hälfte der Doppelgleiter, die in den beiden Transportern unter-gebracht waren, vor dem Flüchtigen und die andere Hälfte hinter ihm landen würde.

»Denken Ssie immer daran«, ermahnte er seine vier Unteroffiziere, »dassss wir diessess Individuum le-bend haben wollen. Es isst unerlässsslich, dassss wir erfahren, warum ess hier isst, ob ess allein arbeitet oder bissher noch nicht entdeckte Verbündete hat und ob ess ein auf eigene Rechnung handelnder Gauner ist oder mit Einwilligung dess Common-wealth agiert. Von einer Leiche werden wir dass al-less kaum zu hören bekommen. Alsso insstruieren Ssie Ihre Ssoldaten entsprechend.« Er machte eine Gebärde der Entschlossenheit dritten Grades. »Wenn der Mensch stirbt, wird jemand dafür die Verantwor-tung zu tragen haben. Ich verspreche Ihnen, die Konssequenzen werden nicht ssehr angenehm ssein.«

»Wass isst mit der gefährlichen kleinen fliegenden Kreatur, die er bei ssich hat?«, fragte Unteroffizier Ulmussit nach.

»Ssofort töten. Passssen Ssie nur auf, dassss Ssie den Menschen nicht verletzen.« Mit einer Handbewegung bedeutete er seinen Männern abzutreten, wünschte ih-nen zugleich in althergebrachter Weise mit einer kom-binierten Geste dritten Grades viel Glück und steuerte auf den nächststehenden Gleiter zu.

Bald befanden sich die beiden kompakten Flugge-fährte in der Luft, glitten sanft über die höchsten Hindernisse hinweg. Dysseen schaute nach unten und musste daran denken, dass die zwei Wissen-schaftler die erodierte Schwärze, die sich dort auftat, als die Oberfläche eines uralten Transmitters klassifi-ziert hatten. Es schien ihm schlichtweg nicht möglich. Doch andererseits war er nicht hier, um sich den Kopf über die Tragfähigkeit von Hypothesen zu zerbre-chen, die zu beurteilen er nicht die erforderlichen Qualifikationen besaß. Und ohnedies war die Ergrei-fung eines lebenden Menschen weit bedeutender als irgendein obskurer archäologischer Fund.

Flinx hörte die Gleiter einige Minuten bevor er sie sah. Und auch die näher kommenden erwartungsvol-len Emotionen ihrer tatenhungrigen Insassen konnte er spüren. Er suchte unter der uterusförmigen Aus-buchtung zweier tiefschwarzer Türme Deckung und beobachtete, wie eines der tief fliegenden Vehikel über ihn hinwegfegte. Seine Zuversicht sank. Fraglos hatten sie ihn ausfindig gemacht und seinen Standort festgestellt. Seine Aktionsmöglichkeiten waren nun äußerst begrenzt. Dennoch war er nicht bereit, so oh-ne Weiteres seine Freiheit aufzugeben. Noch gab es ein paar Dinge, die er tun konnte, noch eine Chance, zu entkommen.

Doch entkommen wohin? Wenn sich der Lande-trupp von der Crotase noch in der Nähe befunden hatte, dürfte er mit Sicherheit den kürzlich erfolgten Anstieg von AAnn-Aktivität bemerkt und sich, so hervorra-gend ihr Camp auch getarnt sein mochte, eilig woan-dershin verzogen haben. Das sollte jede noch verblei-bende Hoffnung, ihnen entgegenzutreten oder sich ih-nen anzuschließen, drastisch verringern. Die Alterna-tiven, die Flinx hatte, schienen schlechter denn je: Vor den AAnn fliehen und allein in der Wüste sterben, oder sich ihnen ergeben und die Konsequenzen erdulden, welche auch immer sie als angemessen erachteten.

Er presste die Lippen aufeinander. Er hatte zu viele Jahre damit zugebracht, den Anfeindungen anderer zu entgehen, um jetzt klein beizugeben. Kaum war der Gleiter außer Sicht, da preschte er aus seinem Versteck hervor und eilte in die entgegengesetzte Richtung davon.

Dysseen erhielt weniger als ein Zehntzeitteil nach-dem sie aufgesetzt hatten über seinen Gefechtshelm Meldung. Sie wären möglicherweise in der Lage ge-wesen, den Menschen schneller aufzuspüren, wenn sie alle Hilfsmittel, die zur Verfügung standen, einge-setzt hätten. Aber das hätte es zu leicht gemacht. Es war ihm ebenso darum zu tun, den zeitlichen Auf-wand für dieses Unternehmen zu rechtfertigen wie seinen Soldaten Gelegenheit zu geben, ihre Fähigkei-ten zu trainieren.

Es gab für den Menschen nicht die geringste Mög-lichkeit zu entkommen. Da der Weg vor ihm ver-sperrt und der Rückzug nach hinten ausgeschlossen war, konnte er sich von seiner ursprünglich ausge-machten Position nur noch nach links oder rechts oh-ne Einschränkungen bewegen. Und diese letzten verbleibenden Optionen würden ihm rasch von den Soldaten abgeschnitten, die ausschwärmten, um ihre Beute einzukreisen. Und tatsächlich dauerte es nicht lange, bis ein Zweimannteam, das am nördlichen Saum des Südtrupps operierte, eine einzelne Gestalt identifizierte, die sich offenbar so gut sie konnte zu verbergen versuchte und mit der Waffe im Anschlag auf das wartete, was da kommen mochte.

Während er gleichzeitig an alle, die sich im nähe-ren Umkreis befanden, den Befehl erließ, die Schlinge enger zu ziehen, ohne dabei die Beute aufzuschrek-ken, eilte Dysseen zu der angegebenen Stelle. Der Un-teroffizier vor Ort teilte ihm Koordinaten mit, die Dysseen sogleich in seinen Helm eingab. Sensorlinsen stellten sich augenblicklich auf sie ein und zoomten das Zielobjekt näher heran.

Es war viel zu einfach, aber was wollte man ande-res erwarten, wenn modernes Kampfgerät gegen ei-nen einzelnen, kümmerlich ausgerüsteten Flüchtigen zum Einsatz kam? Ohne zusätzliche Eingaben oder weiteren Aufwand konnte Dysseen klar und deutlich zwei Arme und den Teil einer Schulter erkennen und dass der Mensch in dem Schutzanzug steckte, den er sich bei den beiden Wissenschaftlern angeeignet hat-te. Die stummeligen, krallenlosen Finger der Hand, die die gestohlene Pistole hielt, waren, in dem offen-sichtlichen und trotz allem ehrenhaften Versuch, das blasse, weiche Fleisch darunter zu verbergen, mit Staub geschwärzt. Ein unförmiger Schatten verriet die Position des Kopfes. Von der fliegenden Kreatur war, bis jetzt, noch keine Spur zu sehen. Zweifellos hielt ihr Besitzer sie irgendwo im Hintergrund ver-steckt, in dem nutzlosen, wiewohl bewundernswür-digen Unterfangen, sich Rückendeckung zu verschaf-fen.

Ein einziger Schuss mit einem Explosionsprojektil hätte den Menschen erledigt. Und ihn gleichzeitig für ein Verhör unbrauchbar gemacht. Alles wäre viel ein-facher und unkomplizierter, wenn der Flüchtige ein Thranx gewesen wäre. Die Insektoiden sprachen we-nigstens bereitwillig auf Vernunft und Logik an. Von seinem Akademiestudium her wusste Dysseen, dass das bei Menschen nicht immer der Fall war. Obwohl der Säuger rettungslos unterlegen und nur leicht be-waffnet war, hatte Dysseen nicht vor, bei seiner Er-greifung auch nur einen einzigen seiner Soldaten zu riskieren. Der Gegner war komplett eingekesselt, und sie hatten jede Menge Zeit.

Er löste einen Voclo von seinem Gürtel und klemmte ihn an den Empfänger seines Helms. Von einem Offizier seines Ranges wurde verlangt, dass er über ein gewisses Mindestmaß an Terranglo-Kenntnissen verfügte. Nun war es an der Zeit, sie zu erproben.

»Mensch!« Seine Stimme hallte durch die spitzen Vorsprünge und fadenhaften Windungen des unbe-kannten schwarzen Materials. Der Ausruf brachte ei-ne zufriedenstellende Reaktion der im Umkreis ver-borgenen Soldaten hervor. Sogar der unausstehliche Qiscep war beeindruckt. »Ssie vollständig umzingelt. Ssich zeigen jetzt, lassssen Waffe fallen. Kommen zu unss. Nichtss Gefahr für Ssie. Offizierversprechung. Kommen jetzt zu unss. Alle Sicherheit ich gebe.«

Aus dem Versteck des Menschen kam keine Ant-wort. Drohend blieb die gestohlene Waffe nach vorne gerichtet, während sich ihr Besitzer nicht einmal rührte. Irritiert versuchte es Dysseen noch einmal.

»Ssie zu unss kommen, Mensch! Kommen jetzt, oder bald sterben. Kein Entlaufen für Ssie. Viele Kai-serliche hier. Große Gewehre.«

Der Mensch musste ihn einfach gehört haben. Um ganz sicher zu sein, nahm Dysseen sich die Zeit, bei einem außerordentlich gebildeten Unteroffizier na-mens Amuruun rückzufragen, der seinem Vorgesetz-ten jedoch beteuerte, dass die Worte, die dieser in Terranglo gesprochen hatte, nicht nur völlig passend, sondern geradezu eloquent gewesen seien. Über-zeugt, dass damit in angemessener Weise Kontakt aufgenommen war, gab Dysseen seinen Soldaten wi-derstrebend den Befehl, gleichzeitig von allen Seiten weiter vorzurücken und die fliegende Kreatur, sobald sie sie sahen, augenblicklich zu eliminieren. Nach-dem seine Anordnung an alle weitergeleitet worden war, nahm er das Beobachten wieder auf – und war-tete.

Besorgt stand er Seite an Seite mit Hizzvuak. Falls es notwendig sein sollte, waren die Soldaten instru-iert, auf den Feind zu feuern, um ihn an der Flucht zu hindern, doch es gab keine Garantie, dass nicht ir-gendein übereifriger Recke den Menschen versehent-lich in den Kopf anstatt in die unteren Gliedmaßen schoss. Dysseen würde nicht eher wieder zur Ruhe kommen können, bis der Eindringling sicher in Ge-wahrsam genommen war.

So warteten sie weiter auf das peitschende Ge-räusch abgefeuerter Schüsse, entweder von dem Menschen oder von seinen ihn einkreisenden Hä-schern. Doch nicht ein einziger hallte durch die ge-spenstische Umgebung. Schließlich meldete sich über seinen Helm eine wispernde Stimme.

»Ssie ssollten besssser herkommen und ssich dass hier anssehen, ehrwürdiger Ssir.«

»Wass gibt'ss? Isst der Mensch unverssehrt?« Dys-seens Schwanz zuckte unbehaglich hin und her. Ir-gendetwas war schiefgelaufen. Er konnte es an der Stimme des Unteroffiziers hören.

»Hassessh, Ssir, er isst ganz ssicher wohlauf. Kom-men Ssie und ssehen Ssie sselbsst.«

Dysseen und Hizzvuak schwangen sich über den niedrigen Wall, hinter dem sie ausgeharrt hatten, und rannten mit großen Schritten los, die meisten boden-nahen Hindernisse mit ihren langen Beinen einfach überspringend. Als sie sich dem Versteck des Men-schen näherten, verlangsamten sie ihren Lauf. Wäh-rend Dysseen glotzte und vor Verblüffung keinen Ton herausbrachte, kam neben ihm sein etwas hin-terherhinkender Unteroffizier zum Stehen.

Die Pistole des Menschen war immer noch feuerbe-reit erhoben, und der gestohlene Schutzanzug glitzer-te in der Sonne. Hizzvuak trat vor und versetzte der zweibeinigen Gestalt einen kräftigen Tritt.

Die sorgsam aufeinander geschichteten Brocken von Transmittermaterial, die den Schutzanzug aus-füllten, fielen zu einem hässlichen Schutthaufen zu-sammen und brachten die längeren, dünneren Bruchstücke, die in den Ärmeln steckten, mit sich zu Fall. Eben noch von ein paar Steinscherben gestützt, die aus der Ferne wie mit Schmutz bedeckte Finger gewirkt hatten, purzelte die Pistole zu Boden. Einzig der klotzige, sorgfältig ausgewählte große Stein, der einen kopfähnlichen Schatten geworfen hatte, ver-harrte an seinem Platz, nun abgetrennt vom Rest der metamorphen Schaufensterpuppe.

Ulmussits Stimme klang trocken. »Wie Ssie ssehen, isst der Mensch unverletzt, Ssir.«

»Ein ssehr effektiver Einssatz improvissierter pri-mitiver Technologie«, bemerkte Hizzvuak.

Dysseen fand das keineswegs lustig. Mit geringsten Mitteln hatte der Mensch aus seinen Verfolgern Voll-idioten gemacht.

»Er könnte jetzt irgendwo hinter unss ssein – aber nicht weit. Schwärmt auss und ssucht nach ihm. Ssetzt die Bewegungsdetektoren und ssämtliche ver-fügbaren Ssenssorgeräte ein. Ich will ihn in spätes-stenss einem Zeitteil gefesssselt vor mir ssehen!«

Sein Befehl wurde ausgegeben. Diesmal verteilte sich der Trupp in alle Himmelsrichtungen anstatt sich wie eine Schlinge zusammenzuziehen. Mit den bei-den Gleitern in Aktion, die die Suche von oben be-trieben, war Dysseen zuversichtlich, dass sie den Menschen innerhalb der von ihm festgesetzten Zeit-spanne aufspüren würden. Das hier war bloß eine kurze Verzögerung, und zwar eine, die dem einfalls-reichen Säuger wenig nützen würde. Und falls dieser zufällig ein paar unangenehme, doch nicht weiter le-bensbedrohliche Verletzungen davontragen sollte, bevor er bei Stützpunktkommandantin Voocim abge-liefert wurde, nun ja, dann wäre dadurch kein wirkli-cher Schaden angerichtet. Einigermaßen verärgert nahm Dysseen sich vor, für ein paar davon höchst-persönlich zu sorgen.

Flinx war ein drahtiger, ausdauernder Läufer, aber selbst wenn er in Topform gewesen wäre, hätte er keinen Gleiter abzuhängen vermocht.

Keine halbe Stunde nachdem er sich mittels seines mit akribischer Sorgfalt hergestellten Lockvogels ge-nug Zeit verschafft hatte, um durch das Netz, das die AAnn immer enger um ihn zogen, zu schlüpfen, wurden seine fast nackten Umrisse von einem von ihnen entdeckt. Da nichts damit gewonnen war, ein-fach stehenzubleiben und in Richtung des Gleiters zu starren und mit Blicken seiner Flugbahn zu folgen, versuchte er sein Tempo zu halten und rannte unver-drossen weiter zu dem wissenschaftlichen Außenpo-sten zurück. Wenn es ihm gelang, die AAnn-Soldaten abzuschütteln, konnte er dort vielleicht etwas finden, das ihm von Nutzen sein würde. Ein nettes Trans-portvehikel zum Beispiel, oder die zusätzlichen Waf-fen, die das Wissenschaftlerpärchen ganz bestimmt besaß. Nicht einen Augenblick dachte er daran, einen der betagten Forscher oder gar beide als Geisel zu nehmen. Ihren militärischen Gepflogenheiten fol-gend, würden die AAnn-Soldaten einfach das Feuer auf sie eröffnen, um an ihn heranzukommen, und dann ihn für ihren Tod verantwortlich machen.

Angesichts der Strecke, die er zurückzulegen hatte, waren die Chancen, seine missliche Lage dadurch zu verbessern, dass er es bis zu dem Außenposten schaffte, nur unwesentlich höher als null. Aber alles war besser, als einfach nur dazuhocken und darauf zu warten, dass die AAnn kamen, um ihn einzukas-sieren. Auch wenn ein Schachmatt unausweichlich schien, war er entschlossen, die Partie so lange fort-zusetzen, bis ihm keine Zugmöglichkeit mehr blieb. Er hatte immer noch Pip, die über ihm dahinsegelte, und vielleicht noch ein oder zwei weitere Tricks auf Lager. Zumindest würde er es den AAnn nicht allzu leicht machen.

Ein Dröhnen drang in seine Ohren, und von hinten zerrte ein jäher Windstoß an seinem langen roten Haar. Versuchte der Gleiter, ihn zu überrollen? Falls ja, so gab es wenig, was er dagegen tun konnte. Die Hand-feuerwaffe, die sich noch in seinem Besitz befand, mochte zwar geeignet sein, um an einem Militärfahr-zeug leichte Schäden zu verursachen, aber wenn er auf sie schoss, lief er Gefahr, im Gegenzug von ihnen in die Luft gejagt zu werden. Wenn sie vorhatten, ihn mit ei-nem Gleiter anzugreifen, konnte er auch genauso gut gleich aufgeben und sich eine Verletzung ersparen. Er-schöpft und schwer atmend, verlangsamte er seine Schritte und drehte sich um. Über ihm, gefährlich nah und von heißen Luftströmen umspielt, die in Wellen aus seinem Inneren austraten, schwebte ein großes, außerordentlich wendiges Schiff.

Und es war kein Militärgleiter der AAnn.

Es war das zweite Shuttle der Teacher.

Eine honigsüße Stimme drang zu ihm herab. »Gu-ten Tag, Flinx. Sie benötigen ein Transportmittel. Ihr Schiff vermisst Sie.«

Es handelte sich nur um die KI eines Raumschiffs, die ein von ihm vorgegebenes Programm abspulte, aber er hätte nicht dankbarer sein können, wenn die Worte von der alten Mutter Mastiff selbst gekommen wären.

»Das kann man wohl sagen. Zugang, bitte.«

Da das Shuttle auf der zerklüfteten schwarzen Transmitteroberfläche nicht aufsetzen konnte, wurde ein Lastenaufzug heruntergelassen. Es war vielleicht nicht die eleganteste Art, sich einzuschiffen, aber immerhin gelangte Flinx auf diese Weise an Bord. Pip, die solch plumper Gerätschaften nicht bedurfte, geleitete ihn flatternd nach oben.

Kaum war er in dem vertrauten Inneren des Er-satzshuttles angekommen, warf Flinx sich in den Pi-lotensitz und gab den Befehl, mit Höchstgeschwin-digkeit zur Teacher zurückzukehren. Einige weitere Nachforschungen ergaben, dass der Weg des Shuttles nicht verfolgt worden war und es im Augenblick auch nicht überwacht wurde. Was die Teacher anbe-langte, so befand sie sich noch genau dort, wo er sie zurückgelassen hatte, einsam in einem festen Orbit hinter dem äußeren Mond. Binnen Minuten waren sie aus der Atmosphäre Pyrassis' heraus und nahmen Geschwindigkeit auf. Erst dann begann Flinx sich ein wenig sicherer zu fühlen.

Das destillierte, wiederaufbereitete Wasser aus dem Vorrat des Shuttles glitt wie kühler Nektar seine ausgedörrte Kehle hinab. Wie eine vertrocknete Haut fiel seine Erschöpfung von ihm ab, als er an die Be-stellung dachte, die er dem Autokoch der Teacher zu präsentieren beabsichtigte, und an die Immersions-dusche, die er sich gönnen würde, sobald er seine verdreckten restlichen Klamotten los war.

Es war klar, was passiert war. Nachdem ein unver-tretbares Maß an Zeit ohne irgendeinen Kontakt zu ihrem Besitzer verstrichen war, hatte sich schließlich die Intuitivprogrammierung der Schiffs-KI einge-schaltet und das Shuttle losgeschickt, um nach ihm zu suchen. Hätte er in einer Stadt festgesessen, hätte es Ewigkeiten gedauert, ihn zu finden. Doch auf Pyras-sis' karger Oberfläche den einzigen Menschen auf dem Planeten zu lokalisieren hatte beträchtlich weni-ger Zeit in Anspruch genommen.

Eigentlich hätte er sich mittels der Shuttle-Ausstattung noch bei der Teacher nach der augenblick-lichen Position des mutmaßlichen Erkundungstrupps von der Crotase erkundigen wollen. Und auch die ver-trockneten Blätter, die in der Nähe des Pilotensitzes auf dem Deck herumlagen, kamen ihm merkwürdig vor. Aber er war viel zu müde, um die entsprechenden An-fragen zu formulieren: zu müde und viel zu sehr von der Vorfreude auf die ordentliche Mahlzeit und die Dusche in Anspruch genommen, die auf ihn warteten. Nichts anderes war so wichtig, dass es nicht noch ein klein wenig länger warten konnte.

Als Dysseen der Kommandantin über die Ereignisse Bericht erstattete, war sie wütend und erleichtert zu-gleich: wütend, weil ihre aufgestörte Jagdbeute es ir-gendwie geschafft hatte, der Aufmerksamkeit eines ganzen Trupps von vermutlich hervorragend ausge-bildeten Soldaten zu entkommen, und erleichtert, weil sich ihre Annahmen bewahrheitet hatten. Der Mensch war ein Spion, also schön, ein Spion, dessen Operationen die ganze Zeit über von den hochent-wickelten Instrumenten an Bord eines bislang noch nicht ausfindig gemachten interstellaren Raumschiffs überwacht worden waren. Das machte die Auszeich-nung, die zu erwarten war, wenn er sich erst einmal in ihren Händen befand, nur umso verlockender. Ei-nen Spion zu ergreifen, das war definitiv viel wert: einen Spion und sein KK-Schiff hingegen noch um ein Beträchtliches mehr.

Als ein System von eher untergeordneter Bedeu-tung war Pyrassis gegen feindliches Eindringen nicht sonderlich gut gesichert. Doch es war auch nicht völ-lig wehrlos. Keine vom Kaiserreich beanspruchte Welt war ganz ohne Schutz. Es gab Maßnahmen, die sie ergreifen, Streitkräfte, die sie mobilisieren konnte. Der hinterlistige Mensch war von Pyrassis' Oberflä-che entwischt. Doch aus dem System zu entkommen würde ihm nicht gelingen. Im All gab es nicht so viel Spielraum für Improvisation wie in der Atmosphäre.

Voocim schaltete ihren Kommunikator ein und be-gann, die nötigen Befehle zu geben.