Die Echsenwelt

Alan Dean Foster · Kapitel 8 von 20

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Die Echsenwelt

Kapitel 8

8

 

Aus dem Orbit, durch die hohen, wirbelnden Wolken betrachtet, war Pyrassis ein von Erdtönen dominier-ter Planet, von auffälligen und unvermuteten Streifen hellerer Färbung durchzogen. Die zahlreichen Blau- und Grünschattierungen waren ebenso wenig auf ei-nen Ozean zurückzuführen wie die gelben, orange-nen, roten und purpurfarbenen auf Sand – obwohl es von Letzterem mehr als genug gab. Ihre Ursachen waren weitaus massiverer, unnachgiebigerer Natur und boten zudem für die geringe Präsenz von AAnn eine schlüssige Erklärung. Auf Pyrassis hatte der Ab-lagerungsprozess von Kupfer angefangen verrückt zu spielen.

Überall zwischen dem geäderten und gefleckten Felsgestein, durch das Flinx wanderte, blitzten und funkelten Quarzlager im diffusen Licht der fremden Sonne.

Aus den Tiefen aufgeplatzter Hohlräume glitzerten ihm nadelartige Konzentrationen fragiler Silikate entgegen und lockten ihn mit der Verheißung völlig unbekannter Verbindungen von Elementen.

Staunend ging er an ihnen vorüber, einzig darauf bedacht, das Lager der Besucher von der Crotase zu fin-den. Doch ungeachtet aller Vorsätze war es schlicht-weg unmöglich, die unglaubliche Vielfalt an Formen und Farben komplett zu ignorieren.

Schließlich blieb er vor einer der offenen Drusen stehen, richtete den Datenauswerter seines Anzugs auf das schillernde Innere und ließ ihn eine chemi-sche Analyse vornehmen. »Gebhardit, Leiteit, Ludi-ockit, Reinerit, Schneiderhöhnit und wenigstens drei naturwissenschaftlich nicht bekannte Verbindungen. Alles Arsenite oder arsenhaltige Oxide.«

Flinx versuchte nicht einmal, sich einen Reim dar-auf zu machen. »Noch nie was auch nur von einem gehört.«

»Es ist strittig, welches von ihnen seltener vor-kommt«, merkte der Datenauswerter an. »Sie alle an einem Ort vorzufinden ist äußerst ungewöhnlich.«

Flinx hielt es für müßig, hierzu einen Kommentar abzugeben, da sich die Möglichkeiten des Datenaus-werters zu fachlichem Austausch allein auf die schlichten Informationen in dessen Wissenskernel be-schränkten. Stattdessen beugte er sich nach vorn und begann, eine Reihe stufenähnlicher Felssimse hoch-zuklettern. Der Untergrund bestand aus gelblich-orangenen Silikaten und war von tiefen Rissen und Spalten mit abgelagertem Quarz und Kalkspat durch-setzt. Pyrassis war ein Paradies für Mineralogen, doch Flinx hatte kein Interesse an Gesteinsproben – ihm war an Informationen gelegen. Wenigstens, dachte er bei sich, mangelte es seiner unvorhergese-henen Pilgertour nicht an optischen Reizen.

Als er auf dem Felskamm angelangt war, blieb er ei-nen Augenblick stehen und nahm erneut einen Schluck aus seinem Destillator. Gedankenverloren kraulte er Pips Hinterkopf. Vor ihm erstreckte sich ein leuchten-des Panorama aus spektakulären Farben und bizarren Gebilden, das sich vor einem dunstigen Himmel in Grauweiß und Türkis abhob. Absolut nichts in seiner Blickrichtung sah zu hoch aus, um es zu erklimmen, oder zu schwierig zu erreichen. In der Ferne vermeinte er ein paar dunkle, träge wogende Umrisse ausmachen zu können, doch er war sich nicht sicher. Möglicher-weise nur ein Streich, den das Licht ihm spielte, oder eine Luftspiegelung. Als er auf der anderen Seite des Felsgrats ein paar Schritte hinabgegangen war und noch einmal hinsah, waren die Schemen fort.

Mit jedem Schritt, den er tat, machten seine Stiefel ein wahres Vermögen an Sammlerstücken zunichte. Immer wieder hielt er an, um seine Position zu bestimmen. Ihm war klar, dass sich die Besucher von der Crotase, um miteinander in Verbindung zu blei-ben, ausschließlich einfachster Kommunikationstech-niken bedienen würden, damit sie nicht irgendwelche luft- oder bodenbasierten AAnn-Überwachungsein-richtungen auf den Plan riefen; daher hatte er seinen Datenauswerter instruiert, jede noch so geringe elek-tronische Emanation aus dem genau eingegrenzten Gebiet anzumessen, in dem die anderen Menschen sich aufhielten. Inmitten der eindrucksvollen, fremd-artigen Ödnis aus kristallinem Gestein hatte es jedes Mal etwas ausgesprochen Beruhigendes, wenn er das kleine Gerät zu Rate zog und aufs Neue bestätigt be-kam, dass er sich auf dem richtigen Weg zu seinem geplanten Zielort befand.

Mit der einsetzenden Dunkelheit legte sich über al-les eine erdrückende Stille, nur dann und wann durchbrochen vom Ächzen eines seltenen Lufthauchs und einem nicht identifizierbaren, unbedrohlichen Zirpen. Der Wind, so wollte ihm scheinen, klang an diesem Ort so einsam und verlassen, wie er sich fühl-te. Mehr aus Langeweile als aus Interesse strich er mit dem Scanner des Datenauswertungsgeräts über ein glitzerndes Büschel von funkelnden Nadeln, die sich unter einem umgekippten, abgeflachten Felsbrocken dicht zusammendrängten.

»Molybdofornacit, Thometzekit, Ferrilotharmeye-rit«, stellte das Gerät fest.

»Ist recht.« Er schaute zu den unvertrauten Sternen empor und kicherte leise in sich hinein. Pip, auf seine Gemütsverfassung reagierend, veränderte auf seinem Bauch ihre Lage und blinzelte verschlafen zu ihm hoch. »Kein Eisen?« Immerhin etwas, das er ausspre-chen konnte, ohne sich dabei die Zunge zu brechen.

»Zu einem geringen Anteil, aber das Grundelement ist Kupfer. Wünschen Sie eine Zusammenfassung al-ler in unmittelbarer Nähe vorhandenen Derivate?«, fragte das Gerät hoffnungsvoll nach.

»Nein, danke.« Flinx' Interesse an den mineralogi-schen Wundern, die ihn umgaben, ließ sich besten-falls als peripher bezeichnen. Sie waren ohne Emo-tionen.

Wenngleich auch wunderschön. Wie zum Beispiel die erstarrten Wellen winziger, bräunlicher Kristalle, die einen Spalt zwischen zwei graugelben Felsen füll-ten, wenige Meter von der Stelle, die er sich zum Schlafen ausgesucht hatte. Im Schein seiner Anzugs-beleuchtung glitzerten sie wie ein Teich aus gesplit-tertem Glas. Während er seine auf der Brust ruhen-den Finger betrachtete und versuchte, nicht an das behagliche, komfortable Bett zu denken, das in seiner Kabine an Bord der Teacher auf ihn wartete, gab er sich der Stille und Erschöpfung hin, den Boten des herannahenden Schlafs. Seine Augenlider flatterten, schlossen sich – und flatterten erneut.

Waren diese unaussprechlichen mineralogischen Unfassbarkeiten das Einzige, was da auf ihn zukroch, als er den Blick darauf richtete, oder war da noch et-was anderes?

Blinzelnd starrte er auf das Beet von Kristallen und runzelte die Stirn. Pip auf seinem Bauch rührte sich kaum merklich. Von hellem Braun, unterlegt mit dunkleren, rotbraunen Flecken, schien die kristalline Struktur sich nicht von den hundert anderen Gebil-den zu unterscheiden, die er im Verlaufe des Tages gesehen und wieder vergessen hatte. Wie ihre ebenso bemerkenswerten Verwandten fingen sie das Licht ein und warfen es in schillernden Mustern zurück, selbst bei dieser schwachen Beleuchtung. Ganz sicher regten sie sich nicht. Nicht einmal ein heftiger Sturm hätte ausgereicht, um sie in Bewegung zu versetzen.

Verdrießlich rutschte Flinx mit dem Hinterteil auf dem harten Stein hin und her und versuchte, eine be-quemere Lage zu finden, als hoffte er, wenn er nur oft genug seine Wirbelsäule neu ausrichtete, am Ende doch noch eine weichere Stelle zu erwischen. Er schloss die Augen – doch nicht ganz. Durch den schmalen, of-fen gebliebenen Spalt glaubte er abermals die funkeln-de Zusammenballung kleiner, emsiger Kristalle sich bewegen zu sehen, wenn auch nur ganz schwach.

Das ist absolut lächerlich, schalt er sich selbst. Aber solange er sich nicht von der Festigkeit des Gesteins überzeugt hatte, würde er keine Ruhe finden. Er zog die Beine an und stand auf. Unwillig glitt Pip von seinem Bauch herunter und nahm ihren angestamm-ten Ruheplatz auf seiner Schulter ein. In der Ferne nahm irgendetwas Fremdartiges sein eintöniges Ge-zirpe wieder auf.

Zielstrebig ging Flinx auf den Kristallteppich zu, streifte einen Handschuh ab und strich mit der nack-ten Handfläche über die scharfen braunen Spitzen. Die siliziumhaltige Substanz fühlte sich hart und un-nachgiebig an und erinnerte ihn an die Kristalle, aus denen Janusjuwelen geschliffen wurden. Die Sub-stanz, die er berührte, war offenkundig anorganisch. Solchermaßen zufriedengestellt, streifte er sich den Handschuh wieder über und wandte sich in Richtung seines Schlafplatzes, den er sich für die Nacht ausge-sucht hatte. Einen letzten Blick auf das schimmernde Gebilde werfend, trat er sanft mit der Fußspitze da-gegen, um noch einmal die Festigkeit der funkelnden Ablagerungen zu prüfen.

Augenblicklich platzte nahe am Ansatz des Gebil-des ein Büschel Kristalle auseinander, und hervor schoss eine schleimtriefende, bronzefarbene Kanüle. Ihr kranzförmiges Ende war scheinbar mit Kristallen besetzt, aber in Wirklichkeit waren es Zähne. Oder besser Reißzähne, wie es Flinx durch den Kopf schoss, als er erschrocken zurücksprang. Interessan-terweise schnappten sie nicht zu, sondern rotierten mit hoher Geschwindigkeit um eine zentrale ösopha-geale Achse. Staunend stand er da und betrachtete den biologischen Mechanismus, der die ungewöhnli-chen Bewegungen ermöglichte.

Zumindest tat er das bis zu dem Moment, da die felsblockgroße Masse brauner Kristalle sich auf vier stumpfartige, muskulöse Beine erhob und auf ihn zu-gestapft kam.

Pip, die seine Bestürzung spürte, war auf der Stelle hellwach; als blau-pinkfarbenes Schemen schwebte sie ein wenig links von ihm über seinem Kopf. Mit Flügelschlägen, die das Auge kaum wahrnehmen konnte, brachte sie sich in Position, um der massigen, behäbigen Bedrohung entgegenzutreten. Schon machte sie sich bereit, ihr Gift in die perfekt getarnten Augen des Raubtiers zu speien. Lediglich ein Pro-blem, ein winzig kleines Hindernis hielt sie davon ab.

Das Ding besaß keine Augen.

Auf welche Weise es die Anwesenheit seiner Beute spürte, wusste Flinx nicht – nur, dass es ihm, als er langsam zurückwich, unerbittlich folgte. Mochte sein, dass es bloß neugierig geworden war, aber die wir-belnden Sägezähne legten eine andere Vermutung nahe. Während das Maul etwas beinahe übertrieben Beängstigendes haben mochte, deuteten Körperbau und Fortbewegungsart nicht darauf hin, dass das Wesen ein zu raschen Aktionen fähiger Fleischfresser war. Immer wenn es Anstalten machte, schneller zu werden, machte Flinx einfach einen weiteren Schritt zurück. Und die ganze Zeit hörten die tödlichen Mundwerkzeuge nicht auf, zu rotieren.

Ein Lauerer, ein lautloser Jäger ersten Ranges, dachte Flinx, während er sein Gegenüber nicht aus den Augen ließ und sich langsam und kontinuierlich zurückzog. Es war ein Glück, dass er seinem Arg-wohn nachgegeben hatte, anstatt ihn zugunsten eines vermeintlich sorglosen Schlafs zu ignorieren. Seine nachdrückliche Tuchfühlung in Form eines kleinen Fußtritts hatte die Kreatur veranlasst, die Maske fal-len zu lassen. Glücklicherweise wurde sie, trotz of-fenkundiger Absicht, von diesem neuartigen Beute-typus zu kosten, durch ihre Langsamkeit erheblich behindert.

Pip zeigte sich durch das Verhalten der Kreatur weitaus beunruhigter als ihr menschlicher Begleiter, der nahe genug war, um das Kleid aus Kristallen zu begutachten, das aus dem Rücken des Aliens wuchs. Es waren unbestreitbar kristalline Formationen, keine biologischen Pseudomorphe wie Glassinhärchen. Kurz: Einige wahrhaft kuriose chemische Körpervor-gänge ermöglichten es dem Tier, aus seiner Haut kupferartige Silikate sprießen zu lassen. Flinx fragte sich, welche biologischen Wunder dieser unwirtliche, gleichwohl farbenfrohe Planet wohl noch bereithalten mochte.

Das rüsselartige Maul streckte sich einen weiteren halben Meter nach ihm aus, um mit den wirbelnden Zähnen an das weiche Fleisch zu gelangen, das sich nur knapp außerhalb ihrer Reichweite befand. Mühe-los kletterte Flinx über einen herumliegenden Fels-brocken und wartete gespannt darauf, was die Krea-tur nun tun würde. Die plumpen Beine schienen zum Klettern nicht geeignet zu sein. Während das Biest näher kam, nahm es mit dem Rüssel weiter Witte-rung auf.

Mit schnell schlagenden Flügeln und brummend wie die Mutter aller Hummeln schoss plötzlich der zunehmend gereizte Minidrache auf das träge voran-stampfende Raubtier herab und attackierte mehrmals dessen Hinterfront sowie die Stelle, wo eigentlich der Kopf sitzen sollte. Natürlich waren Pips Fänge nicht in der Lage, den glitzernden Kristallmantel zu durchdringen. Flinx bemühte sich, sie zu beruhigen.

»Lass gut sein, Pip. Siehst du, wie langsam es ist? Ich könnte ohne Gefahr ganz gemütlich darum her-umspazieren, wenn ich wollte.« Er trat hinter dem Felsbrocken hervor und sah sich bereits nach einem alternativen Schlafplatz um. »Wenn dich seine Ge-genwart so sehr stört, suchen wir uns einfach eine andere Stelle für die Nacht.« Er winkte dem behäbi-gen Räuber noch einmal zu und wandte sich sodann zum Gehen.

Ob er die plötzliche Reaktion ausgelöst hatte, weil er der Kreatur den Rücken zukehrte oder weil ir-gendein anderer Faktor eintrat, der eine unerwartete Reaktion ausgelöst hatte, konnte er nicht sagen, doch seiner Unkenntnis erfolgten die Konsequenzen eben-so prompt wie unvorhersehbar.

Vor ihm bäumte sich eine kristallbedeckte Stein-masse auf, wuchs zu einer Höhe von schätzungswei-se sieben Metern empor und stieß mit einer sägenbe-wehrten Schnauze von der Größe einer Ausstiegsluke geradewegs auf sein Gesicht herab. Mehrere Dinge schossen dem schreckensstarren Flinx auf einmal durch den Kopf: Kein Wunder, dass die kleine Krea-tur hinter ihm eine solche Neugier entwickelt hatte. Für die Jungen der meisten Spezies war es völlig normal, bei allen unbekannten Phänomenen neugie-rig zu werden. Hingegen wurde das ausgewachsene Exemplar vor ihm ganz bestimmt nicht von Wissens-durst getrieben. Es beabsichtigte vielmehr, sein Opfer zu zerkleinern und dann dessen Nährwert in Erfah-rung zu bringen.

Die gewaltige Kreissäge von einer Schnauze raste auf ihn zu. Gleichzeitig schoss auf flinken Flügeln etwas Grellfarbenes herab, um einen Giftstrahl auf das Monstrum zu spucken. Der traf die Kreatur di-rekt oberhalb des Rüssels, wo die Kristallschicht be-sonders fein war; zischend fraß sich die ätzende Flüs-sigkeit durch die mineralogische Maskierung in das darunter liegende Fleisch. Als von der Stelle Rauch aufstieg, zuckte die ungeschlachte Bestie zusammen, der Rüssel zog sich etwas zurück. Dann machte sie einen weiteren schwerfälligen Schritt nach vorn, kam behäbig, doch auf mächtigen Beinen – von denen je-des größer war als Flinx – auf ihn zu. Nicht Ge-schwindigkeit, sondern die Schrittweite machten sie weit gefährlicher als ihre vorwitzige Brut.

Dennoch war Flinx sicher, sie trotz des hinderli-chen Überlebensanzugs ohne Schwierigkeiten abhän-gen zu können. Den Rückzug antretend setzte er über einen verwitterten Felsen hinweg und wollte bereits losspurten, als ein heftiger, glühender Schmerz sein rechtes Bein durchfuhr. Ruckartig drehte er den Kopf und sah, dass eine geschmeidige, schleimige Kanüle seinen Überlebensanzug durchstoßen hatte und sich unerbittlich in seine Wade fraß. Und zum ersten Mal, seit er sich von seinem Schlafplatz erhoben hatte, schlug seine Neugier in Angst um.

In seinem Eifer, dem ausgewachsenen Exemplar zu entkommen, hatte er den Nachwuchs völlig verges-sen.

Rotierende Zähne zerfetzten seine Haut. Hinter ihm verkündete ein lautes Grollen das Herannahen des Elterntiers. Mit seinem weitaus größeren Rüssel wäre es durchaus imstande, ihm den Kopf ebenso sauber vom Hals zu rupfen, wie er einen Apfel vom Ast pflücken würde. Reflexartig zog er das rechte Bein an, legte sein ganzes Gewicht in den Versuch, sich zu befreien. Das Junge ließ von ihm ab, mit ei-nem ordentlichen Stück extrem haltbaren Anzugge-webes in der Schnauze, das es prompt zerkaute, her-unterschluckte und wieder erbrach. Doch dieser Fehl-schlag vermochte weder sein eigenes noch das Inter-esse seines mächtigen Erzeugers zu mindern.

Eine Blutspur hinter sich herziehend, verfiel Flinx in gehetztes Humpeln. In einer der großen Beinta-schen seines Anzugs befand sich die kleine Handfeu-erwaffe, die das Jungtier möglicherweise außer Ge-fecht setzte, doch ihm war klar, dass er damit nur die Wut der ausgewachsenen Kreatur anstacheln würde. Mit jedem Schritt konnte er allmählich besser auftre-ten. Die Wunde war zwar hässlich, aber nicht tief.

Doch dann, indem es den Rüssel auf das Doppelte ausdehnte, versetzte ihm das Muttertier einen Schlag ins Kreuz, der ihm die Luft aus den Lungen presste und ihn augenblicklich zu Boden gehen ließ. Er konn-te die rotierenden Zähne, die sich über das Rückenteil seines Anzugs hermachten, sowohl hören als auch spüren. Unwillkürlich schoss ihm durch den Kopf, wie lange die wirbelnden Beißwerkzeuge wohl brauchten, bis sie durch das strapazierfähige Material hindurch waren und seine Wirbelsäule zerraspelten. Da ihm solche Überlegungen ziemlich sinnlos er-schienen und er zudem nicht bereit war, kampflos unterzugehen, tastete er mit fahrigen Fingern nach der Tasche, in der die kompakte Waffe untergebracht war. Es war nicht ganz einfach, sie zu fassen zu be-kommen, denn während die Kreatur damit beschäf-tigt war, ihn anzufressen, schleifte sie ihn rückwärts durch die Felsen.

Jetzt unternahm der Minidrache einen weiteren Angriff auf das Biest. Da er keine Augen ausmachen konnte, richtete er seinen Giftstrahl auf den oberen, ungeschützten Teil Schnauze. Zischend drang das Gift ein, während eine übel riechende Wolke von der Stelle aufstieg. Unter heftigem Zittern zog sich der Alienrüssel krampfartig zusammen und gab seine Beute frei.

Augenblicklich rappelte Flinx sich wieder auf. Für einen kurzen Moment von leichtem Schwindel er-fasst, starrte er auf das biegsame Anhängsel der Krea-tur, das die Luft nach dem kleinen, geflügelten Ge-schöpf absuchte, welches für seine Schmerzen ver-antwortlich war. Pip konnte dem plumpen Tastorgan locker ausweichen. Ohne abzuwarten, wie lange sei-ne Begleiterin den Zeitvertreib noch ausdehnen woll-te, drehte Flinx sich um und stolperte die nächstbeste Felsböschung hinauf. Er war ziemlich übel zugerich-tet, aber immerhin blutete sein Bein nicht mehr ganz so stark. Binnen weniger Sekunden hatte er zwischen sich und den einheimischen Räuber einen beruhigen-den Sicherheitsabstand gebracht. Kurz darauf schloss Pip zu ihm auf, flatterte ängstlich vor seinem Gesicht hin und her und musterte ihn aus reptilischen Au-genschlitzen. Da sie seine Empfindungen wahrneh-men und daher spüren konnte, dass er zwar verletzt, aber ansonsten okay war, wusste er, dass sie sich schon bald wieder beruhigen und irgendwo nieder-lassen würde.

Was mehr war, als er von sich selbst behaupten konnte. Er war stinkwütend. Er sollte es inzwischen eigentlich besser wissen, als sich von exotischer Schönheit oder irgendwelchen bizarren außerirdi-schen Wesen täuschen zu lassen. Hatte er denn an Orten wie Long Tunnel und Midworld überhaupt nichts gelernt? Dass sich die hiesige Biosphäre arm an Lebensformen zeigte, hieß doch noch lange nicht, dass sie es auch war. Er schwor sich, von jetzt an vor-sichtiger sein. Er würde alles und jedes vorbehaltlos als lebendig und damit als potenziell gefährlich anse-hen, ganz gleichgültig, wie reglos oder anorganisch es ihm erschien. Auf einer unbekannten, fremdarti-gen Welt tat man gut daran, nicht einmal den Wolken zu trauen.

Er konnte sich glücklich schätzen, dass er nur mit ei-ner verletzten Wade und einem zerrissenen Hosenbein davongekommen war. Letzteres würde die Tauglich-keit seines Anzugs, ihm Kühlung zu verschaffen, er-heblich vermindern, solange er sich nicht etwas einfal-len ließ, wie er die beschädigte Stelle unterhalb des Knies abdichten könnte. Andererseits stellte der Riss noch keine Umweltkrise dar. Schlimmstenfalls konnte er das Problem immer noch durch den zwar etwas ar-chaischen, doch durchaus bewährten Kunstgriff lösen, den zerfetzen Stoff einfach zusammenzuknoten.

Als er den so trügerisch einladend wirkenden Fels-abhang und dessen gefräßige, gleichwohl träge Be-wohnerschaft weit hinter sich gelassen hatte, fühlte er sich schon bedeutend besser. Er beschloss, sich einen neuen Schlafplatz zu suchen, diesmal jedoch einen, der nicht bereits in Beschlag genommen war. Er schloss die Lippen um den Versorgungsschlauch und nahm einen kleinen Schluck von dem kühlen Wasser, das der Anzugdestillator für ihn bereithielt.

Da blinkte direkt vor seinen Augen wie aus dem Nichts eine winzige, beinahe zaghaft wirkende Kon-trollleuchte auf, um ihm etwas mitzuteilen, das er am liebsten ignoriert hätte. Nach all der Mühsal des Ta-ges fiel es ihm schwer, den Ärger und Unmut in sei-ner Stimme zu unterdrücken. Nicht, dass es dem An-zug etwas ausgemacht hätte.

»Was ist denn nun schon wieder?«

Die synthetisch erzeugte Antwort kam stotternd und unter Auslassung vieler Vokale. In der elektroni-schen Klangkulisse, mit der sie unterlegt war, fiepte es, als ob da eine Metallmaus an einem Stahlkäse nag-te. Beunruhigende Geräusche.

Und beunruhigende Worte dazu. »Anzugintegrität wurde verletzt.«

Mit einem humorlosen Grinsen schaute Flinx ohne seine Schritte zu verlangsamen auf sein rechtes Bein hinab. Zumindest hatte es aufgehört zu bluten. »Das sehe ich. Sonst noch was?«

»Bedauerlicherweise ja. Der Parc Neun-Null Elek-trostatik-Destillator wurde beschädigt.«

Wie vom Blitz getroffen blieb Flinx stehen; Pip musste ihren Griff verstärken, um nicht von seiner Schulter zu rutschen. Mit einem zerrissenen Anzug wäre er ja noch zurechtgekommen. Aber ein kaputter Destillator ...

»Kannst du ihn reparieren?«

»Ja«, teilte der Anzug Flinx zu dessen großer Erleich-terung mit. »Eine neue Außenspule und ein neues ex-ternes Kondensatoraggregat werden die Funktionsfä-higkeit der Einheit wieder zu hundert Prozent herstel-len. Es befinden sich je zwei der benötigten Austausch-komponenten in Achternversorgungsraum vier.«

»An Bord der Teacher«, stellte Flinx mit tonloser Stimme fest.

»An Bord der Teacher«, bestätigte der Anzug.

Den Blick auf den Boden gerichtet, scharrte Flinx mit einem stiefelbewehrten Fuß müßig auf einer klei-nen Fläche mit zarten dunkelblauen Azurit-Kristallen herum. »Das nützt mir herzlich wenig, solange ich keine Möglichkeit hab, mit dem Schiff Kontakt auf-zunehmen.«

»Das stellt in der Tat ein Problem dar«, stimmte der Anzug ihm zu.

»Irgendwelche Vorschläge, wie sich das Problem kompensieren lässt?«

Fortgeschrittenes Denkvermögen zählte nicht zu den besonderen Stärken des Anzugs. Letzten Endes war er nicht mehr als ein Hilfsmittel. »Weniger trin-ken.«

Flinx nickte matt und verkniff sich eine Antwort. Jeder Sarkasmus war an diese Einheit verschwendet. Es bedurfte einer höher entwickelten KI, um Ironie zu verstehen.

Er ließ den Blick umherschweifen und sondierte so gut es ging die nähere Umgebung; schließlich suchte er sich eine ausgetrocknete, durch Auswaschung ent-standene Vertiefung als neue Schlafstätte aus. Die Unterseite des kleinen Felsüberhangs, unter dem er sich niederlegte, glühte förmlich vor lauter riesigen, rotorangenen Kristallen aus Vanadinit. Flinx indes würdigte ihre feurig flammende Pracht nicht im Ge-ringsten. Er war einfach nicht in der Stimmung dazu.

Vorsichtig befreite er sich von seinem Überlebens-anzug und legte ihn beiseite. Jetzt konnte er das wah-re Ausmaß des Schadens erkennen. Nicht nur war der Destillator ruiniert, zudem lagen etliche andere Komponenten offen den Elementen ausgesetzt oder waren auf irgendeine Weise defekt. Die räumlichen Sensoren funktionierten noch, was es ihm ermöglichen würde, auch weiterhin die Position des Landetrupps von der Crotase durch Anpeilung der schwachen Strah-lung ihrer Elektronik zu lokalisieren. Inzwischen al-lerdings berechnete er die Entfernung zu ihrem Stand-ort nicht mehr in Kilometern, sondern in Wasser-schlucken. Das Reservoir des Anzugs war zwar voll, doch in Anbetracht der brütenden Hitze, die hier tags-über herrschte, würde es nicht lange reichen. Allenfalls ein paar Tage – vorausgesetzt, seine Marschbedingun-gen blieben einigermaßen annehmbar. Zudem sollte er ab nun tunlichst weiteren brenzligen Begegnungen mit der einheimischen Tier-und Pflanzenwelt aus dem Wege gehen. Was er, wenn er am Lager angelangt war, für einen Schluck Wasser bereit sein würde zu tun, konnte er im Moment noch nicht sagen.

Er musste den Befehl drei Mal wiederholen, bevor der beschädigte Anzug endlich seiner Aufforderung nachkam, das interne Kühlsystem abzuschalten. Wenn er es bei hochgeklappter Gesichtsblende und flatterndem zerrissenen Hosenbein, also bei ausgiebi-ger Luftzufuhr, morgen unterwegs auf Maximallei-stung laufen ließ, sollte sich auf der gekühlten Innen-seite eigentlich etwas Kondenswasser bilden. Er wür-de die kostbaren Tropfen sammeln und auf diese Weise das Wasser in dem isolierten Reservoir des Anzugs so lange aufsparen, bis ihm keine andere Wahl mehr blieb, als davon zu trinken.

Nachts würde es zwar kälter sein, doch das Voran-kommen noch lange nicht leichter. Die Möglichkeiten der integrierten Anzugbeleuchtung waren durchaus begrenzt. Und ohne ausreichende Sicht nach vorn konnte er leicht in eine dunkle Felsspalte treten – oder auf irgendeinen Verwandten jener schwerfälli-gen, doch gut getarnten Räuber, die er soeben hinter sich zurückgelassen hatte. Besser, er wartete bis Son-nenaufgang, wenn er die Hindernisse, die sich ihm in den Weg stellten, wenigstens sehen und einschätzen konnte.

Außerdem war er vollkommen erschöpft. Morgen früh würde er vielleicht Wasser brauchen. Doch das, was er im Augenblick mehr als alles andere brauchte, war Schlaf. Um die Felsen und um ihre protoplasmi-schen Imitationen würde er sich morgen kümmern.

Unter fremdem Himmel streckte er sich auf glattem, flachem Gestein aus, das mit seinem geschundenen Selbst nicht einen Hauch Mitleid empfand, und wälzte beunruhigende Gedanken, bis der Schlaf ihn überkam. Wie sich herausstellen sollte, hätte er sich über Fels und Kristall keine Gedanken zu machen brauchen.

Denn vor ihm lag nichts als Sand.

Mit hochgeklappter Gesichtsblende, um feuchtigkeits-haltige Luft in das inzwischen kalte Innere seines An-zugs zu lassen, dessen Kühlaggregat er manuell auf Maximum gestellt hatte, stand er am nächsten Tag da und schirmte seine Augen gegen die Morgensonne ab. Wie er gehofft hatte, schlug sich Feuchtigkeit auf der nun preisgegebenen Innenauskleidung nieder. Er senkte den Kopf und leckte geschmacklose Kondens-flüssigkeit von dem Material. Wenn es auch seinen Durst nicht löschen konnte, so vermochte es ihn we-nigstens zu lindern. Jedenfalls genug, entschied er, um, falls alles gut ging und er sich zusammennahm, mit einem ordentlichen Schluck aus dem Anzugre-servoir bis zum Mittag zu warten. Pip glitt an seiner Brust herab und sammelte mit ihrer Zunge das Kon-denswasser weiter unten auf, bevor sie aus dem Loch im Hosenbein wieder auftauchte und sich in die Lüfte erhob.

Nie zuvor hatte er Sanddünen von solcher Farbe gesehen. Und er fragte sich, ob dies überhaupt schon mal ein Mensch hatte. Abgetragen und verweht von dem Wind, der aus den eindrucksvollen Kupferfelsen und Tälern von Pyrassis wehte, schoben sich mehrere hundert Meter hohe Dünen nach Osten, in Tönen aus Dunkelgrün und Blauviolett, Pink und Rot und feuri-gem Orange. Es war ein atemberaubender Anblick. Hätte ihm nicht der Tod durch Verdursten im Nak-ken gesessen, wäre er vielleicht sogar imstande gewe-sen, ihre Schönheit zu bewundern.

Als er von dem letzten der soliden Gesteinsbrocken heruntertrat, sank er mit den Füßen etwa einen Zen-timeter in den weichen grünen Sand ein. Er kam bes-ser voran, als er erwartet hatte. Der über Jahrhunder-te hinweg verdichtete Sand stellte einen überra-schend festen Untergrund dar. Zwar ließ sich auf ihm nicht so zügig marschieren wie auf nacktem Fels, aber man sank auch nicht bis zu den Knien in den bunten Körnchen ein, wie Flinx zunächst befürchtet hatte.

Das Leitsignal im Innern des Anzugs blieb auch weiterhin ein treuer und tröstlicher Begleiter. Vor-ausgesetzt, er hielt sein derzeitiges Tempo durch, sollte er das Lager der Crotase binnen vier oder fünf Tagen erreicht haben. Was er tun sollte, falls sich de-ren Besatzung vor seiner Ankunft zur Abreise ent-schloss, wusste er noch nicht. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt war die Kontaktaufnahme mit ihnen seine einzige Option. Vielleicht hatte die fortgeschrittene KI, die das Herz und die Seele der Teacher ausmachte, ja bis dahin angefangen sich zu wundern, warum ihr Herr und Meister so gar nichts mehr von sich hören ließ, und hatte sich auf die Suche nach ihm gemacht.

Doch auch darum konnte er sich im Augenblick nicht kümmern. Seine Gedanken waren einzig und allein auf das Überwinden der jeweils nächsten Sanddüne gerichtet. Nicht zum ersten Mal in seinem Leben ertappte er sich dabei, dass er Pip um ihre Flü-gel beneidete. Harter, flacher Stein oder weicher, wel-lenförmiger Sand, dem dahinsegelnden Minidrachen war es einerlei.

Das Ersteigen der Dünen war in etwa so, als würde man bunt schillernde Meereswogen erklimmen. Wie in den Felsen waren auch hier die Farben mannigfal-tig und fantastisch. Aufgrund des in der Planetenkru-ste in Hülle und Fülle vorhandenen Kupfers gab es jede nur erdenkliche Abstufung von Blau und Grün, durchzogen von überraschend kräftigem Gelb, Rot oder Dunkelviolett. Die erste Nacht, die er auf den Dünen verbrachte – zum Glück ohne Wind, der den Sand aufgewirbelt hätte –, gestaltete sich völlig an-ders als die vorige. Der Sand war weich und warm. Nichts ließ sich blicken, um seine Ruhe zu stören. Als er am nächsten Morgen erwachte, frisch und erholt nach einem unverhofft tiefen Schlaf, stand Pyrassis' Sonne schon hoch am Himmel.

Und der neue Morgen brachte Besuch.

Etwas krabbelte an seinem rechten Bein hoch, ver-suchte sich durch das zerfetzte Material hindurchzu-arbeiten und in seinen Anzug zu gelangen. Nahezu sein ganzes Leben hatte er es vermocht, blitzschnell wachzuwerden aus lauter Angst, dass irgendetwas oder irgendjemand über ihn herfiel. Doch auf dem lauwarmen Sand war es so wunderbar behaglich, dass seine Reflexe dieses Mal langsamer waren als sonst. Aber das Kribbeln auf seiner Haut brachte ihn noch einigermaßen rasch in eine aufrechte Haltung.

Es waren drei Besucher. Der größte von ihnen war etwa so dick wie sein Daumen und doppelt so lang. Winzige schwarze Vorsprünge an seiner Vorderseite markierten einfache, nicht sonderlich hoch entwickel-te Augen. Die Mäuler waren breit, flach und ragten leicht aus dem Körperteil hervor, der sich gegebenen-falls als Kopf bezeichnen ließe. Verwegen gefärbt in sattem Tannengrün, mit einander abwechselnden dunkelblauen und fliederfarbenen Streifen, bewegten sich die drei Störenfriede auf Dutzenden von winzig kleinen, kaum erkennbaren Beinchen Zentimeter um Zentimeter voran.

Flinx' erster Impuls bestand darin, panisch nach hinten zurückzuweichen und sie dabei von seinem Bein herunterzuschlagen. Doch er war nicht unbe-schadet durch ein abenteuerreiches und hartes Leben gekommen, indem er sklavisch seinen ersten Impul-sen nachgegeben hatte. So lästig das vorrückende Trio auch sein mochte, abgesehen davon, dass es ihn aus einem angenehmen Schlaf geweckt hatten, zeigte es doch bislang keinerlei feindseliges Verhalten. Mit zum Schlag erhobener Hand behielt er die Besucher misstrauisch im Auge.

Pinkblaue Flügel blitzten auf, als Pip über sein Bein hinwegglitt. Als sie sich auf dem Sand niederließ, hat-te sie eine der Raupen im Maul. Seine Aufmerksam-keit zwischen den beiden Kriechtieren an seinem Bein und dem dritten teilend, verfolgte er, wie Pip ihre Beute kopfüber verschlang. Außer heftigem Gezappel machte das gestreifte Aliengeschöpf keinerlei Anstal-ten, sich zur Wehr zu setzten, und war schon bald vertilgt.

Ohne irgendwelche unerwünschten Nachwirkun-gen ihrer Mahlzeit erkennen zu lassen, erhob sich Pip wieder in die Luft, sauste in einem neuerlichen Sturz-flug über sein Bein hinweg, suchte sich ein ruhiges Plätzchen im Sand und verleibte sich die zweite Wü-stenraupe ein, die sie nun nicht mehr ganz so gierig verzehrte. Mit spitzen Fingern pflückte Flinx den üb-rig gebliebenen Besucher von seinem Bein. Das fla-che, vorstehende Maul machte winzige, saugende Geräusche, indes die zahlreichen Beinchen sich wü-tend und heftig bewegten. Er fragte sich, ob er die fei-ste Kreatur wohl ebenso schmackhaft finden würde wie Pip. Er verzog das Gesicht und entschied, derart drastische Experimente noch ein Weilchen aufzu-schieben.

Er setzte die Raupe in den Sand, um zu sehen, ob sie erneut auf ihn zukrabbeln würde. Doch stattdes-sen, offensichtlich nicht willens, die wiedererlangte Freiheit aufs Spiel zu setzen, buddelte sich das Ge-schöpf unverzüglich ein, indem es eine Sandfontäne aufwarf. Flinx fragte sich, welche anderen Invertebra-ten wohl noch in diesen Dünen lebten und sich unter seinem Hinterteil entlangschlängelten. Das hierdurch heraufbeschworene Bild veranlasste ihn, augenblick-lich aufzustehen.

Als er so dastand, spürte er, wie etwas sein rechtes Bein hinunterglitt. Dann purzelten zwei weitere Sandbuddler aus seinem Anzug heraus, die zylindri-schen grünen Körper aufgedunsen und bis zum Zer-platzen mit Flüssigkeit gefüllt. Mit offenem Mund schaute Flinx zu, wie sie es ihrem weniger erfolgrei-chen Vorgänger nachmachten und sich Hals über Kopf in die Dünenflanke gruben.

Er verspürte zwar keine Schmerzen, unterließ es aber nicht, sich unverzüglich aus seinem Anzug zu schälen. Denn zahlreiche Parasiten sonderten Sub-stanzen ab, die den Bereich, wo sie sich zu ernähren gedachten, taub werden ließen. Ganz ohne Zweifel hatte das Gespann, das von seinen oberen Körpertei-len heruntergefallen war, sich an irgendetwas über-fressen. Grässliche Gedanken schossen ihm durch den Kopf. Wo an seinem Leib hatten sich die Raupen gütlich getan?

Doch nirgendwo waren Wunden festzustellen, we-der angeschwollene noch eingesunkene Bissstellen. Nackt in der heißen Sonne stehend und sich nichts sehnlicher wünschend als einen Spiegel, untersuchte Flinx an sich jeden Quadratzentimeter, den er sehen oder ertasten konnte. Alles schien völlig intakt. Er-leichtert, wenn auch ein wenig verwirrt, stieg er lang-sam wieder in seine Kleider und in den beschädigten Anzug. Es dauerte einen kleinen Moment, bis er be-merkte, dass sich etwas verändert hatte.

Das Kühlaggregat tuckerte in einem fort auf Maxi-mum, aber das Innere des Anzugs war, anstatt mit kal-ter Feuchtigkeit überzogen, vollkommen trocken. Da dämmerte es ihm: Die Pseudowürmer hatten es nicht auf sein Blut abgesehen. Sie hatten nach einer wesent-lich leichter zugänglichen Flüssigkeit gesucht. Und sie hatten sie gefunden. Das Kondenswasser, mit dem er den Vorrat im Anzugreservoir hatte aufstocken wol-len, war bis auf den letzten Tropfen von der Innenaus-kleidung des Anzugs verschwunden. Was hätten die drei, die an seinem Bein hochgekrabbelt waren, wohl gemacht, wenn sie es bis in den Anzug hinein geschafft und dann festgestellt hätten, dass ihre Vorgänger ihn längst trocken geleckt hatten? Hätten sie in diesem Fall womöglich Blut gesaugt? Wie dem auch sei, es war gut, dass er beizeiten aufgewacht war.

Im Gegenzug hatte die Invasion Pip eine gehaltvolle Mahlzeit verschafft. Gib ein bisschen Flüssigkeit ab, und hol sie dir dann zurück, dachte Flinx versonnen.

Er sammelte sich und brach in Richtung des näch-sten Dünenkamms auf.

Am Nachmittag machten die Sanderhebungen Salzpfannen Platz. Die Tatsache, dass sie hellgrün und blau waren statt weiß, minderte nicht das Risiko, das sie darstellten. Wenn seine Berechnungen stimm-ten, dann sollte sich das Camp der Crotase unweit der anderen Seite befinden. Demzufolge bereitete ihm das neue Gelände Sorge: Wie sollte er sich unbemerkt an das Lager heranschleichen, wenn er nichts vor sich hatte als absolut ebenes Terrain?

Kommt Zeit, kommt Rat, sagte er sich. Er nahm ei-nen Schluck von dem kostbaren Rest aus dem An-zugreservoir und setzte sich in Bewegung. Der an seinen Stiefeln haftende malachithaltige Sand ließ seine Schritte von Mal zu Mal schwerer werden, und von oben prügelte unbarmherzig die heiße, glühende Sonne auf ihn herab, als Strafe für seinen übermüti-gen Versuch, ein so offensichtlich lebensfeindliches Gelände zu durchqueren.

Es war bereits später Nachmittag, als er sich einen weiteren Schluck gönnte. Doch der Strom kühlen, er-frischenden Wassers wurde alsbald schwächer. Stirn-runzelnd saugte er fester. Ein paar letzte Tropfen rannen aus dem Schlauch in seine Kehle. Dann ver-siegte er.

Zum zweiten Mal an diesem Tag quälte er sich aus dem Anzug. Dann stülpte er ihn um und entfernte das Schutzmaterial über dem Speicherbehälter des ruinierten Destillators. Alles schien völlig normal – bis er das Loch knapp über dem Boden entdeckte. Es war winzig und rund. Schwer zu glauben, dass etwas so Unbedeutendes, etwas so Triviales sein Ende be-siegeln sollte. Und es war genau die Art von Öffnung, wie sie von kleinen, flachen, ein wenig vorstehenden Mäulern geschaffen sein mochte.

Trotz der Hitze lief es Flinx eiskalt den Rücken herunter. Es war wahrhaftig ein Glück gewesen, dass er aufgewacht war, bevor die zweite Welle von Wü-stenraupen in seinen Anzug vorgedrungen wäre und sich in Ermangelung bequem erreichbarer Flüssigkeit genötigt gesehen hätte, eine andere Quelle anzuzap-fen.

Er streckte den Oberkörper, schirmte mit der Hand seine Augen ab und schaute in die Richtung, aus der er gekommen war. Irgendwo dort hinten, verborgen unter schützendem, farbigem Sand, befand sich in diesem Moment eine bis zum Platzen mit Wasser vollgesogene Raupe.

Etwas von dem kostbaren Nass befand sich noch am Boden des Behälters. Er würde irgendeine Art von Flüssigkeit auftreiben müssen, um das, was noch übrig geblieben war, zu ergänzen. Er wandte sich wieder um und ließ den Blick über die ausgedörrte, kaleidoskopische Einöde wandern, die sich vor ihm erstreckte. Nirgends gab es ein Anzeichen von Vege-tation, von Schluchten oder sonst etwas, das auf das Vorhandensein von Wasser hingedeutet hätte.

Über ihm zogen dunkle Gestalten auf willfährigen Aufwinden dahin. Und plötzlich hatte Flinx das un-gute Gefühl, dass er schon bald Gelegenheit haben würde, sich die außerirdischen Aasfresser aus der Nähe anzusehen.