Die Echsenwelt
Kapitel 7
7
Die KI des Shuttles blieb unerschütterlich, Flinx be-gann zu verzweifeln. In glückseliger Ahnungslosig-keit leugnete sie alle Indizien, die für den drohenden Crash sprachen.
Als Flinx das System anbettelte, doch endlich die Verbindung zur Master-KI an Bord der Teacher wieder-herzustellen, behauptete es dreist, dass eine solche Verbindung ohne Einschränkung bestünde. Als er es mit allen Mitteln bewegen wollte, die Geschwindigkeit zu reduzieren, beharrte es stur darauf, dass sämtliche Landemodi optimal arbeiteten, und ließ sich auch durch die immer dichter, immer heißer werdende At-mosphäre draußen in keiner Weise beirren. Als er ihm befahl, eine vollständige interne Analyse und Bereini-gung des Hauptsystems auszuführen, willigte es ein – nur um am Ende zu dem Schluss zu gelangen, dass alles bestens funktioniere, es keinen Anlass zur Sorge gebe und es sich bis zu ihrer sanften Landung auf dem Plane-ten nur noch um wenige Minuten handeln würde.
Währenddessen wurde das Ablassen gefährlicher Flüssigkeiten eingeleitet, fielen Anzeigegeräte aus, wurden Bildschirme schwarz, und das System wurde rund um seinen einzigen menschlichen Insassen Sek-tion um Sektion heruntergefahren. Während Flinx gegen einen Totalzusammenbruch ankämpfte und das hartnäckige Virus sich unaufhaltsam über das ge-samte Shuttle ausbreitete, wurde ihm klar, dass er schnellstmöglich auf der Oberfläche aufsetzen muss-te, solange er wenigstens einen Hauch von Kontrolle über die rapide sinkende Landefähre besaß. Trotz seiner verzweifelten Lage entging ihm nicht die Iro-nie, die in dieser Feststellung lag. Wie schnell würde zu schnell sein? Wie stark durfte ein Aufprall sein, den er gerade noch überleben konnte?
Zumindest befand sich das Shuttle, wollte man den wenigen noch funktionierenden Instrumenten glau-ben, noch auf Kurs zu der vorgesehenen Landestelle. Und warum auch nicht? Es gab keinen Grund für den Eindringling, die Flugbahn zu ändern. Er konnte das Schiff überall zerschellen lassen, warum also nicht gleich an dessen ursprünglichem Zielpunkt?
Natürlich verfügte das Shuttle auch über manuelle Kontrollen, doch die stellten für Flinx völliges Neu-land dar. Und da er im Augenblick nicht die Zeit hat-te, sich in Ruhe die Handbücher zu Gemüte zu füh-ren, machte er sich aufs Geratewohl daran, die Steue-rung des Schiffs von der überwachenden KI zu lösen. Er hatte erst wenige manuelle Landungen vorge-nommen, doch im Grunde war es bei reinem Herum-probieren geblieben. Jetzt würde sich zeigen, was da-von hängen geblieben war.
Zwar konnte er die verwirrte KI nicht durch Reden überzeugen, aber er konnte sie abkoppeln. Als er die Unterbrechungssequenz initiierte, war eine leichte Gegenwehr festzustellen, doch nichts, was nicht mit ein wenig Wut der Verzweiflung zu überwinden war. Dann, nachdem er nun uneingeschränkte Kontrolle über das hatte, was von den Betriebssystemen des Schiffs noch übrig war, begann Flinx die zahllosen Überwachungssysteme, die die Triebwerke regelten, zu überbrücken. Einen ersten ansehnlichen Erfolg durfte er verbuchen, als es ihm gelang, den Hauptan-trieb herunterzufahren. Ein erheblich größerer Tri-umph indes war errungen, als endlich die Brems-triebwerke zum Leben erwachten. Die Sinkgeschwin-digkeit nahm jäh ab.
Doch würde es reichen? War die Maßnahme noch rechtzeitig erfolgt? Er würde es schon allzu bald wis-sen.
Das Shuttle brach durch die träge Wolkendecke, und Flinx justierte die Deltaflügel auf maximale Ent-faltung. Heulend und kreischend stürzte das kleine Schiff der Oberfläche entgegen, wobei Unmengen von einheimischen Flugwesen in alle Himmelsrich-tungen davonstoben. Die verschwommenen Farben der Planetenoberfläche begannen sich in einzelne Formen aufzulösen. Flinx schoss über Canyons und Ödland hinweg, über ausgetrocknete Flussdeltas und über zerklüftete Gebirge. Irgendwo musste es eine geeignete Stelle zum Landen geben.
Augenblicke später tauchte sie vor ihm auf: Eine weite, sandige Ebene, umgeben von Dünen, deren Gipfel zu verschwommen waren, um ihre Höhe bestimmen zu können. Durch die geöffneten Dich-tungen pfiff gellend und ungehindert die glutheiße Luft ins Cockpit.
Mit ausgefahrenen Landekufen, hochgezogener Bugnase und dröhnenden Bremstriebwerken gab er immer mehr Höhe auf und hoffte das Beste. Plötzlich und unvermittelt nahm vor ihm ein schroffer blau und grün funkelnder Felsbrocken Gestalt an und zwang ihn, das Shuttle in Schräglage scharf herum-zureißen. Jäh kippte die schroffe Oberfläche in sein Blickfeld, die unausweichlich Endstation seiner Reise war. Dann wurde mit einem ohrenbetäubenden Knall alles schwarz ...
Etwas kitzelte ihn an den Lidern. Er blinzelte und starrte in die geschlitzten Augen eines Reptils. Einen AAnn über sich wähnend, der gerade zum Sezieren ansetzen wollte, warf Flinx sich erschrocken zur Seite. Pip wich ein kleines Stück zurück. Ihr Kopf und die oberen Windungen ihres Schlangenkörpers versperr-ten ihm die Sicht auf seine Umgebung.
Noch immer verwirrt, versuchte er sich aufzurich-ten. Es bedurfte mehrerer Anläufe, bis das arg ram-ponierte Sicherheitsgurtzeug ihn widerstrebend aus dem Kommandosessel entließ. In seinem Genick pochte es, und seine Brust fühlte sich an, als hätte sie einem müden Elefanten als behelfsmäßige Ruhestätte gedient. Grelles, buttergelbes Sonnenlicht stach ihm in die Augen, sodass er blinzeln musste. Die Sichtlu-ke, die das blendende Licht eigentlich hätte filtern sollen, lag in Einzelstücken im ganzen Cockpit ver-streut, geborsten von der Wucht des Aufpralls. Etwas hielt ihn am Boden fest.
Er sah nach unten und zog seine Füße aus dem Sand, mit dem der vordere Teil des Shuttles fast gänzlich an-gefüllt war. Plötzlich überkam ihn ein völlig untypi-scher Anfall von Klaustrophobie. Mit zittrigen Fingern befreite er sich hastig von dem Kopfteil seines Anzugs. Nach Angabe der Bordinstrumente, als sie noch ord-nungsgemäß funktionierten, war die Atmosphäre Py-rassis' für Menschen unbedenklich atembar. Sie war heiß, unglaublich trocken und roch leicht nach Myrte. Pip, endlich aus dem engen Gefängnis des Anzugs be-freit, breitete ihre rosa und blau schillernden Flügel aus und schwang sich durch die zerbrochene Vorder-luke in den unbekannten Himmel. Sie würde sich nicht allzu weit entfernen, und Flinx gönnte ihr die Freiheit. Sollte er sich durch irgendetwas bedroht fühlen, wäre sie im Nu wieder bei ihm.
Während er sich mühsam durch den äußerst an-hänglichen Sand arbeitete, der wie der Fels, dem er gerade noch hatte ausweichen können, von blaugrü-nem Erz magnetisiert war, versuchte er sich über sei-ne augenblickliche Situation klar zu werden.
Das Innere des Shuttles war nur noch ein nutzloser Haufen Schrott und spiegelte sozusagen den Zustand seiner KI wider. Dass er selbst mit kaum mehr als ein paar blauen Flecken davongekommen war, war allein der Robustheit und Konstruktionsweise des Gurtsy-stems zu danken, mit dem die Ulru-Ujurrer die Lan-defähre ausgestattet hatten. Nicht weniger schlimm als die Fluguntauglichkeit des Shuttles war, dass sämtliche internen Kommunikationseinrichtungen beim Aufprall zerstört worden waren. Zwar wäre er mit denen, die in seinen Anzug integriert waren, durchaus in der Lage, die grundlegendsten Befehle zur Teacher zu senden, sie zum Beispiel nach ihm su-chen zu lassen, sie vielleicht sogar zu instruieren, ein zweites Shuttle loszuschicken, um ihn wieder aufzu-lesen – wäre da nicht der bedauerliche Umstand, dass sein Schiff hinter dem nächsten Mond des Planeten verborgen war, was die Kontaktaufnahme verhinder-te.
Möglicherweise würde die hochentwickelte KI der Teacher sich irgendwann über seine fortgesetzte Ab-wesenheit wundern, daraus schließen, dass etwas nicht in Ordnung war, und auf eigene Faust eine Su-che nach ihm einleiten. Doch das konnte dauern. Zumal ein solcher Schritt die Entscheidung seitens der KI voraussetzte, Flinx' vorherige Anweisung zu ignorieren, nach welcher das Raumschiff im Versteck zu bleiben hatte. Demzufolge ruhte seine derzeit größte Hoffnung auf jenem Teil der Programmie-rung, der cybernetische Eigeninitiative vorsah. Doch Flinx war in diesem Punkt nicht allzu optimistisch.
Also war er, wenig technisch ausgedrückt, ge-strandet. Er saß auf einer fremden Welt fest, über die er so gut wie nichts wusste. Er kannte den ungefäh-ren letzten Standort des Landetrupps der Crotase, das war immerhin etwas. Alles in allem boten sich ihm mehrere Möglichkeiten, weiter vorzugehen. Erstens könnte er Kontakt zu seinen menschlichen Artgenos-sen aufnehmen und bis zum Gelingen die Zeit nut-zen, sich eine plausible Ausrede für seine Anwesen-heit an diesem unmöglichen Ort einfallen zu lassen. Zweitens könnte er darauf warten, dass die AAnn ihn fanden, in welchem Fall es als höchst unwahrschein-lich gelten durfte, dass er jemals wieder eine Ho-manx-Welt zu sehen bekam. Als dritte Möglichkeit blieb ihm schließlich, sein Überleben zu sichern, bis die Teacher-KI zu der Entscheidung gelangte, sich über Anweisungen hinwegzusetzen und Verbindung mit ihrem Besitzer aufzunehmen; und sei es auch nur, um sich jene einschränkenden Direktiven von ihm noch einmal bestätigen zu lassen.
Möglicherweise lag seine größte Chance in einer Kombination aus Alternative eins und drei. Er würde sich auf die Suche nach dem Landetrupp der Crotase machen. Wenn er ihn gefunden hatte, würde er so lange auf Abstand bleiben, wie er ohne fremde Hilfe zu überleben vermochte, in der Hoffnung, dass die Teacher ihn abholte, bevor sein Durchhaltevermögen erschöpft und er gezwungen wäre zu testen, wie viel Erbarmen seine Artgenossen ihm entgegenbringen würden. Und in der Zwischenzeit konnte er versu-chen, den persönlichen Datenrekorder mit dem heiß-begehrten Sybfile zu lokalisieren und an sich zu brin-gen.
Für Flinx klang das wie ein praktikabler Plan. Vor-ausgesetzt, dass sich die Mannschaft der Crotase nicht schon wieder auf den Abflug vorbereitete, weil sie al-les erledigt hatte, weswegen sie hergekommen war. Und vorausgesetzt, dass die hiesigen AAnn die Men-schen nicht zuerst entdeckten und kurzerhand ausra-dierten. Und natürlich vorausgesetzt, er schaffte es, das extreme Klima, das unwegsame Terrain und die unbekannte Fauna, die diesen unterbevölkerten, ab-gelegenen Sandhaufen bewohnte, zu überleben.
Ja, es war ein praktikabler Plan – sofern man die ganzen Wenn und Aber außer Acht ließ. Der Überle-bensanzug würde eine Hilfe sein. Da dieser den Ab-sturz offenbar unbeschadet überstanden hatte, würde er auch aus so feuchtigkeitsarmer Atmosphäre, wie sie auf dieser Welt herrschte, ausreichend Wasser de-stillieren können. Die Staufächer enthielten Nah-rungsriegel, die ihn eine ganze Weile wenn schon nicht sättigen, so doch am Leben erhalten würden. Die Geräte und Instrumente in dem robusten All-zweckgürtel, der einen integralen Bestandteil des An-zugbunds bildete, stellten wahre Wunderwerke an Miniaturisierungen dar. In einer der Beintaschen steckte eine kompakte Enduralpistole, die kleine, doch wirkungsvolle Explosionsschrotkugeln abfeuer-te, gemäß der Theorie, dass dort, wo sich das Kaliber als ungenügend erweisen sollte, ein Knall vielleicht ausreichte, um ein argloses Geschöpf von einem An-griff abzuhalten.
Und natürlich hatte er Pip.
Er nahm sich einen Moment Zeit, um seine übel-sten Blessuren mit einer Salbe aus dem Medikit seines Anzugs zu versorgen, und begann sodann, sein rui-niertes Shuttle nach irgendwelchen Dingen zu durch-forsten, die sich unter Umständen als nützlich erwei-sen mochten. Da es jedoch in erster Linie dafür kon-struiert war, Passagiere sicher von A nach B zu trans-portieren, war es für seine derzeitigen Bedürfnisse denkbar schlecht ausgestattet. Immerhin gelang es ihm, sich einen primitiven Rucksack zusammenzu-schustern, in den er eine Wasserflasche für den Fall, dass sein Anzugdestillator versagte oder sich als un-zureichend erwies, sowie ein paar Plastizinfolien ver-staute, aus denen sich ein Schutzdach improvisieren ließ. Nachdem er sich schließlich noch vergewissert hatte, dass der abgeschirmte Notfallsignalgeber des Shuttles aktiviert war, sodass die Teacher, falls sie sich zu Nachforschungen bemüßigt fühlte, nicht den hal-ben Planeten nach ihm absuchen musste, kletterte er durch die zerborstene vordere Sichtluke nach drau-ßen. Die Hauptzugangsluke war hoffnungslos ver-klemmt.
Für einen jungen Mann seines Alters hatte er be-reits bemerkenswert viele Erfahrungen mit verschie-denartigen Ökosystemen gemacht, angefangen bei den Regenwäldern Alaspins und Midworlds über die urbanen Zentren und hohen Gebirgsketten der Erde bis hin zu den unterirdischen Höhlensystemen der Welt Long Tunnel und ihrer von Stürmen zerklüfte-ten Kruste. Nicht zu vergessen seine Jugendjahre auf Moth, einem Kolonieplaneten, der gleich eine ganze Palette unterschiedlicher Umweltbedingungen bot. Doch erst ein einziges Mal hatte er eine nennenswerte Zeit auf einem Wüstenplaneten verbracht, und das war in Begleitung eines ergrauten, alten Prospektors namens Knigta Yakus gewesen.
Während er losstapfte, sich mit raschen Schritten von seinem havarierten Shuttle entfernte und von dem Tracker seines Anzugs ostwärts leiten ließ, rief Flinx sich alles ins Gedächtnis, was er über derartige klimatische Verhältnisse gelernt hatte.
Irgendwo dort hinter dem Sanddünenhorizont war die Besatzung des Commonwealth-Frachters Crotase mit gefährlichen, illegalen oder schändlichen Aktivi-täten befasst, die Flinx nach wie vor schleierhaft wa-ren. Es war ein ernüchternder Gedanke, dass, solange sich an seiner Situation nicht drastisch – und bald – etwas änderte, seine Überlebenshoffnungen sich an diese Eindringlinge knüpften.
Obwohl Pip die Hitze nicht viel ausmachte, würde sie irgendwann unter dem Mangel an Umgebungs-feuchtigkeit zu leiden beginnen. Er musste darauf achten, dass sie genug Flüssigkeit erhielt. Mit aufge-setztem Helm und zurückgeschobener Blende ließ es sich in dem Anzug einigermaßen aushalten. Konzi-piert, um seinem Träger ein Überleben von bis zu zehn Tagen im freien Weltraum zu ermöglichen, würde die interne Energiequelle in der vergleichs-weise freundlichen Umgebung einer bewohnbaren Welt zweifellos eine ganze Weile länger durchhalten. Während des Tages würde der Anzug ihn kühlen und in der Nacht warm halten, und falls Flinx es für angebracht hielt, konnte er seine Ressourcen noch zu-sätzlich strecken, indem er die Ökofunktionen des Anzugs abschaltete, wenn sie nicht benötigt wurden.
Im Moment hielt er sie allerdings aktiv, da er in der kräftezehrenden Hitze des Tages sonst nicht einmal annähernd so rasch vorwärtsgekommen wäre, wie er wollte. Und er musste den Landetrupp von der Crota-se unbedingt ausfindig machen, bevor diese Leute ih-re Arbeit abschlossen. Wenn er sie aus sicherer Ent-fernung beobachtete, würde ihn das nicht nur von seiner prekären Situation ablenken, sondern zudem vielleicht einige der Fragen beantworten, die ihn hierher geführt hatten. Sie ahnten nicht, dass sie von ihm verfolgt wurden. Somit gab es für sie auch kei-nen Grund, in ständiger Bewegung zu bleiben. Wahr-scheinlich hatten sie sich sogar direkt an ihrem Lan-depunkt häuslich niedergelassen.
So sehr sich Flinx auch bemühte, er konnte sich nicht vorstellen, was für eine Verbindung zwischen dieser unwirtlichen Welt und dem schändlichen Tun der Meliorare-Eugeniker bestand. Über ihm und vor ihm schwang sich Pip auf den warmen Lüften in die Höhe, froh, der Enge des Überlebensanzugs entron-nen zu sein. Mit ein wenig Glück würden sie sich schon in ein paar Tagen an das Feldlager der Crotase heranschleichen können.
Ob jemand von diesem Schiff den Sinkflug des Shuttles bemerkt und verfolgt hatte? Und wenn ja, würde es sie genügend beunruhigen, um ihre Pläne aufzugeben? Letzteres wagte Flinx zu bezweifeln. Sie waren bereits zu weit fortgeschritten, hatten zu viel Geld in diese Sache gesteckt, viel zu viel riskiert, um beim ersten Anzeichen von etwas Unerwartetem ei-nen Rückzieher zu machen. Die Landung des Shuttles war rau und verheerend gewesen, aber es hatte keine Explosion stattgefunden. Der Crew der Crotase wür-den sich jedenfalls mehrere Erklärungen für den Sinkflug anbieten. Sofern sie ihn denn beobachtete. Das Shuttle war von Westen gekommen, in einem äußerst flachen Anflugwinkel. Gut möglich, dass trotz der klaren Wüstenluft seine ferne Ankunft gar nicht bemerkt worden war.
Er schritt weiter aus, marschierte zuversichtlich über den Sand, indes Pip ein ums andere Mal nach links oder nach rechts ausscherte, um irgendein un-gewöhnliches Gebilde, eine Pflanze oder etwas Un-sichtbares, das sich in den Schatten regte, zu inspizie-ren. Indem er an dem internen Versorgungsschlauch sog, aktivierte er den Anzug-Destillator und genoss die kühle Flüssigkeit. Flinx brauchte nicht zu befürch-ten, dass er unversehens ins Lager der Crotase-Besatzung hineinstolpern könnte, oder in einen ab-seits aufgestellten Wachposten, denn zumindest für den Moment waren seine bisweilen sprunghaften Fä-higkeiten regsam und wach. In dieser ansonsten un-bewohnten Öde würde er selbst ruhige Emotionen von AAnn oder Menschen problemlos auffangen können, noch bevor er ihre Verursacher zu Gesicht bekam. Er war zuversichtlich, dass er trotz aller Rückschläge schon bald Antwort auf die Flut verwir-render Fragen erlangen würde, die ihn über die äu-ßersten Grenzen des Commonwealth hinweggeführt hatten.
Flinx' Optimismus wurde von einigen Gewächsen an Bord der Teacher nicht geteilt. Auf eine Art und Wei-se, die sich mithilfe der modernen Biologie oder Phy-sik oder irgendeines anderen Zweigs der vertrauten Wissenschaften nicht erklären ließ, spürten sie, dass bei dem warmblütigen Wirbeltier, in dessen Obhut sie gegeben worden waren, etwas entschieden schief-gelaufen war. Als sein Fernbleiben andauerte, wur-den sie von einer lautlosen Erregung erfasst. Blätter begannen sich in der windstillen Enge des Aufent-haltsraums unmerklich zu kräuseln. Blüten fielen un-ter dem Einfluss von Kräften herab, die um etliches subtiler und weniger offensichtlich als herabstürzen-de Regenmassen waren. Und als Reaktion auf Wel-lenmuster, die nichts gemein hatten mit den immer-währenden Bewegungen von Erde und Sand, rollten sich unsichtbare Wurzeln ein.
Obwohl das fehlte, was Flinx oder irgendein anderer Chordat als Gehirn ausgemacht hätte, wurde die Situa-tion analysiert. Dies schloss einen vielschichtigen Denkprozess ein, der noch fremdartiger war als der ei-nes jeden AAnn oder Thranx, Otoiden oder Quillp. Un-ter den empfindungsfähigen Spezies hätten allenfalls vielleicht noch die Cetacea von Cachalot oder die Su-macrea auf Long Tunnel eine flüchtige Andeutung dieses Prozesses erfasst, mehr aber auch nicht. Es war für kompartimentalisierte organische Gehirne, die mit-tels aufeinanderfolgender elektrischer Impulse arbei-teten, schlichtweg unmöglich, das, was sich unter den Pflanzen von Midworld vollzog, zu begreifen.
Gedanken wurden erwogen, mit allen daraus resul-tierenden Konsequenzen. Überlegungen brachen sich auf einer unbekannten Ebene Bahn und kamen zu ei-nem Schluss. Kein menschliches Wesen, und wäre es noch so zeitgemäß und gut ausgerüstet gewesen, hät-te den Vorgang als das erkannt, was er war. Und dennoch – es gab feine Berührungspunkte.
In aller Stille, einzig durchbrochen vom Raunen der im Schiffsrumpf recycelten Luft, blitzten Vorstel-lungen inmitten der außerirdischen Flora auf und griffen unvermindert um sich. Was ihnen innewohn-te, war auch jedem anderen keimenden Geschöpf je-ner Welt zu eigen, von der sie stammte. Es entspann sich keine Debatte in dem Sinne, dass bestimmte Punkte vorgebracht und diskutiert wurden. Stritten etwa die Wolken, ehe sie sich in Regen auflösten? Führte die Atmosphäre erst Argumente an, bevor sie einen Lufthauch nordwärts schickte? Wenn ein wir-belnder Magnetar überwältigende Mengen von Gammastrahlen ins All hinausblies, waren die Rich-tung und der Zeitpunkt der Eruption dann eine Folge planvoller Abwehr?
Für das unfassbar weit zerstreute und dennoch ein Ganzes bildende Planetenbewusstsein, von dem das Grün an Bord der Teacher ein untrennbarer Teil war, wurde was war zu dem, was ist. Man mag es Denken nennen, wenn es hilft, zu verstehen. Die Pflanzen selbst dachten nicht in solchen Begriffen. Sie dachten überhaupt nicht. Was zwischen ihnen stattfand, konnte nicht in irgendeinem Sinne als Denken defi-niert werden.
Was jedoch nicht bedeutete, dass das, was sich un-ter ihnen abspielte, folgenlos blieb. In diesem Fall stand am Ende die Erkenntnis, dass, zumindest für den Augenblick, nichts getan werden konnte, um auf das, was ihnen bekannt geworden war, Einfluss zu nehmen. Geduld war das Gebot der Stunde. Und vielleicht bereinigte sich die beunruhigende Situation ja für die, deren Kenntnis davon unmittelbarer war, auch ohne ihr Zutun. Ihre Wahrnehmung des physi-kalischen Existenzzustands, den die Menschen als Zeit definierten, war eine gänzlich andere.
Es schien so, als ließe sich, bis die Lage auf der Pla-netenoberfläche unter ihnen sich von selber klärte, nichts weiter unternehmen. Es sei denn – die Flora einer gewissen einzigartigen grünen Welt hatte einen Evolutionsstand erreicht, der weit über die Existenz-stufe hinausging, auf die ihre Wurzeln treibenden Verwandten auf anderen Welten nach wie vor be-schränkt waren. Ihr Äquivalent von Denken war im-stande, Folgeerscheinungen hervorzurufen. Norma-lerweise benötigten diese ein ungeheuerliches Quan-tum an Zeit, um sich zu manifestieren. Doch seit vor Jahrhunderten die Menschen gekommen waren, hat-ten die neuen Bedingungen aus dem wechselseitigen Zusammenspiel die Abläufe beschleunigt. Ereignisse fanden von nun an in gerafften Zeiträumen statt, die Millionen Jahre zuvor, als das Planetenbewusstsein erstmals angefangen hatte, sich selbst als disparate Entität zu begreifen, nicht einmal vorstellbar gewesen waren.
Tastend und allein von den arglosen elektronischen Augen der Teacher bemerkt, schoben sich aus dem In-nern einiger Gewächse Ranken hervor.
Langsam, doch beharrlich krochen sie über die Ränder der Pflanzkübel.