Die Welträtsel
Fünftes Kapitel. Unsere Stammesgeschichte.
F ü n f t e s K a p i t e l .
Unsere Stammesgeschichte.
Monistische Studien über Ursprung und Abstammung des Menschen
von den Wirbeltieren, zunächst von den Herrentieren.
Der jüngste unter den großen Zweigen am lebendigen Baume der Biologie ist
diejenige Naturwissenschaft, welche wir S t a m m e s g e s c h i c h t e oder
P h y l o g e n i e nennen. Sie hat sich noch weit später und unter viel größeren
Schwierigkeiten entwickelt als ihre natürliche Schwester, die Keimesgeschichte
oder Ontogenie. Diese hatte zur Aufgabe die Erkenntnis der geheimnisvollen
Vorgänge, durch welche sich die organischen I n d i v i d u e n, die Einzelwesen
der Tiere und Pflanzen, aus dem Ei entwickeln. Die Stammesgeschichte
hingegen hat die viel dunklere und schwierigere Frage zu beantworten: »Wie
sind die organischen S p e z i e s entstanden, die einzelnen Arten der Tiere und
Pflanzen?«
Die O n t o g e n i e konnte zur Lösung ihrer nahe liegenden Aufgabe zunächst
unmittelbar den empirischen Weg der B e o b a c h t u n g betreten; sie brauchte
nur Tag für Tag und Stunde für Stunde die sichtbaren Umbildungen zu
verfolgen, welche der organische Keim innerhalb kurzer Zeit während der
Entwickelung aus dem Ei erfährt. Viel schwieriger war von vornherein die
Aufgabe der P h y l o g e n i e; denn die langsamen Prozesse der allmählichen
Umbildung, welche die Entstehung der Tier- und Pflanzenarten bewirken,
vollziehen sich unmerklich im Verlaufe von Jahrtausenden und Jahrmillionen;
ihre unmittelbare Beobachtung ist nur in sehr engen Grenzen möglich, und der
weitaus größte Teil dieser historischen Vorgänge kann nur indirekt erschlossen
werden: durch vergleichende Benutzung von empirischen Urkunden, die sehr
verschiedenen Gebieten angehören, der Paläontologie, Ontogenie und
Morphologie. Dazu kam noch das gewaltige Hindernis, welches der natürlichen
Stammesgeschichte durch die enge Verknüpfung der »Schöpfungsgeschichte«
mit übernatürlichen Mythen und religiösen Dogmen bereitet wurde; es ist daher
begreiflich, daß die wissenschaftliche Existenz der wahren Stammesgeschichte
erst unter vielen Mühen und schweren Kämpfen errungen und gesichert werden
mußte.
Mythische Schöpfungsgeschichte. Alle ernstlichen Versuche, welche bis zum Beginne des 19. Jahrhunderts zur Beantwortung des Problems von der
Entstehung der Organismen unternommen wurden, blieben in dem
mythologischen Labyrinthe der übernatürlichen Schöpfungssagen stecken.
Einzelne Bemühungen hervorragender Denker, sich von diesem zu befreien und
zu einer natürlichen Auffassung zu gelangen, blieben erfolglos. Die
mannigfaltigsten Schöpfungsmythen entwickelten sich bei allen älteren
Kulturvölkern im Zusammenhang mit der Religion, und während des
Mittelalters war es naturgemäß das zur Herrschaft gelangte Christentum,
welches die Beantwortung der Schöpfungsfrage für sich in Anspruch nahm. Da
die Bibel als die unerschütterliche Grundlage des christlichen Religionsgebäudes
galt, wurde die ganze Schöpfungsgeschichte dem ersten Buche Moses
entnommen. Auf dieses stützte sich auch noch der große schwedische
Naturforscher C a r l L i n n é, als er 1735 in seinem grundlegenden »Systema
Naturae« den ersten Versuch zu einer systematischen Ordnung, Benennung und
Klassifikation der unzähligen verschiedenen Naturkörper unternahm. Als bestes,
praktisches Hilfsmittel derselben führte er die bekannte doppelte Namengebung
ein; jeder einzelnen Art von Tieren und Pflanzen gab er einen besonderen
Artnamen und stellte diesem einen allgemeinen Gattungsnamen voran. In einer
G a t t u n g (Genus) wurden die nächstverwandten A r t e n (Species)
zusammengestellt.
Höchst verhängnisvoll wurde für die Wissenschaft das theoretische D o g m a,
welches schon von L i n n é selbst mit seinem praktischen Speziesbegriffe
verknüpft wurde. Die erste Frage, welche sich dem denkenden Systematiker
aufdrängen mußte, war natürlich die Frage nach dem eigentlichen Wesen des
Spezies-B e g r i f f e s, nach Inhalt und Umfang desselben. Und gerade diese
Grundfrage beantwortete sein Schöpfer in naivster Weise, in Anlehnung an den
allgemein gültigen Mosaischen Schöpfungsmythus: »Es gibt so viel
verschiedene Arten, als im Anfange vom unendlichen Wesen verschiedene
Formen erschaffen worden sind«. Mit diesem Dogma war jede natürliche
Erklärung der Artentstehung abgeschnitten. L i n n é kannte nur die gegenwärtig
existierende Tier- und Pflanzenwelt; er hatte keine Ahnung von den viel
zahlreicheren ausgestorbenen Arten, welche in den früheren Perioden der
Erdgeschichte unseren Erdball in wechselnder Gestaltung bevölkert haben.
Erst im Anfange des 19. Jahrhunderts wurden diese fossilen Tiere durch
C u v i e r näher bekannt. Er gab in seinem berühmten Werke über die fossilen
Knochen der vierfüßigen Wirbeltiere (1812) die erste genaue Beschreibung und
richtige Deutung zahlreicher Versteinerungen. Zugleich wies er nach, daß in den
verschiedenen Perioden der Erdgeschichte eine Reihe von ganz verschiedenen Tierbevölkerungen aufeinander gefolgt war. Da nun C u v i e r hartnäckig an
L i n n é s Lehre von der absoluten Beständigkeit der Spezies festhielt, glaubte er
ihre Entstehung nur durch die Annahme erklären zu können, daß eine Reihe von
großen Katastrophen und von wiederholten Neuschöpfungen in der
Erdgeschichte auf einander gefolgt sei; im Beginne jeder großen Erdrevolution
sollten alle lebenden Geschöpfe vernichtet und am Ende derselben eine neue
Bevölkerung erschaffen worden sein. Obgleich diese Katastrophentheorie von
C u v i e r zu den absurdesten Folgerungen führte und auf den nackten
Wunderglauben hinauslief, gewann sie doch bald allgemeine Geltung und blieb
bis auf D a r w i n (1859) herrschend.
Transformismus. G o e t h e. Daß die herrschenden Vorstellungen von der
absoluten Beständigkeit und übernatürlichen Schöpfung der organischen Arten
tiefer denkende Forscher nicht befriedigen konnten, ist leicht einzusehen. Daher
finden wir denn schon in der zweiten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts
einzelne hervorragende Geister mit Versuchen beschäftigt, zu einer
naturgemäßen Lösung des großen »Schöpfungsproblems« zu gelangen. Allen
voran war unser größter Dichter und Denker W o l f g a n g G o e t h e durch
seine vieljährigen und eifrigen morphologischen Studien schon am Ende des 18.
Jahrhunderts zu der klaren Einsicht in den inneren Zusammenhang aller
organischen Formen und zu der festen Überzeugung eines gemeinsamen
natürlichen Ursprungs gelangt. In seiner berühmten »Metamorphose der
Pflanzen« (1790) leitete er alle verschiedenen Formen der Gewächse von einer
Urpflanze ab, und alle verschiedenen Organe derselben von einem Urorgane,
dem Blatt. In seiner Wirbeltheorie des Schädels versuchte er zu zeigen, daß die
Schädel aller verschiedenen Wirbeltiere — mit Inbegriff des Menschen! — in
gleicher Weise aus bestimmt geordneten Knochengruppen zusammengesetzt
seien, und daß diese letzteren nichts anderes seien als umgebildete Wirbel. Grade
seine eingehenden Studien über vergleichende Knochenlehre hatten G o e t h e zu
der festen Überzeugung von der Einheit der Organisation geführt; er hatte
erkannt, daß das Knochengerüst des Menschen nach demselben Typus
zusammengesetzt sei wie das aller übrigen Wirbeltiere — »geformt nach einem
Urbilde, das nur in seinen sehr beständigen Teilen mehr oder weniger hin- und
herweicht und sich noch täglich durch Fortpflanzung aus- und umbildet« —.
Diese Umbildung oder Transformation läßt G o e t h e durch die beständige
Wechselwirkung von zwei gestaltenden Bildungskräften geschehen, einer
inneren Zentripetalkraft des Organismus, dem »Spezifikationstrieb«, und einer
äußeren Zentrifugalkraft, dem Variationstrieb oder der »Idee der
Metamorphose«; erstere entspricht dem, was wir heute Ve r e r b u n g, letztere
dem, was wir A n p a s s u n g nennen. Wie tief G o e t h e durch diese naturphilosophischen Studien über »Bildung und Umbildung organischer
Naturen« in deren Wesen eingedrungen war, und inwiefern er demnach als der
bedeutendste Vorläufer von D a r w i n und L a m a r c k betrachtet werden kann,
ist aus den interessanten Stellen seiner Werke zu ersehen, welche ich im vierten
Vortrage meiner Natürlichen Schöpfungsgeschichte zusammengestellt habe. In
meinem Vortrage über »Die Naturanschauung von D a r w i n, G o e t h e und
L a m a r c k« (Eisenach 1882) habe ich dies näher begründet. Doch kamen diese
naturgemäßen Entwickelungsideen von G o e t h e ebenso wie ähnliche
Vorstellungen von K a n t, O k e n, T r e v i r a n u s und anderen
Naturphilosophen im Beginne des 19. Jahrhunderts nicht über gewisse
allgemeine Überzeugungen hinaus. Es fehlte ihnen noch der große Hebel, dessen
die »natürliche Schöpfungsgeschichte« zu ihrer Begründung durch die Kritik des
S p e z i e s d o g m a bedurfte, und diese verdanken wir erst L a m a r c k.
Deszendenztheorie oder Abstammungslehre. L a m a r c k (1809). Den ersten
eingehenden Versuch zu einer wissenschaftlichen Begründung des
Transformismus unternahm im Beginne des 19. Jahrhunderts der große
französische Naturphilosoph J e a n L a m a r c k, der bedeutendste Gegner
seines Kollegen C u v i e r in Paris. Schon 1802 hatte derselbe in seinen
»Betrachtungen über die lebenden Naturkörper« die bahnbrechenden Ideen über
die Unbeständigkeit und Umbildung der Arten ausgesprochen, die er dann 1809
in den zwei Bänden seines tiefsinnigsten Werkes, der Philosophie zoologique,
eingehend begründete. Hier führte L a m a r c k zum ersten Male — gegenüber
dem herrschenden Spezies-Dogma — den richtigen Gedanken aus, daß die
organische »A r t oder S p e z i e s« eine k ü n s t l i c h e A b s t r a k t i o n sei, ein
Begriff von relativem Werte, ebenso wie die übergeordneten Begriffe der
Gattung, Familie, Ordnung und Klasse. Er behauptete ferner, daß alle Arten
veränderlich und im Laufe sehr langer Zeiträume aus älteren Arten durch
Umbildung entstanden seien. Die gemeinsamen Stammformen, von denen
dieselben abstammen, waren ursprünglich ganz einfache und niedere
Organismen; die ersten und ältesten entstanden durch Urzeugung. Während
durch Ve r e r b u n g der Typus sich beständig erhält, werden anderseits durch
A n p a s s u n g, durch Gewohnheit und Übung der Organe, die Arten allmählich
umgebildet. Auch unser menschlicher Organismus ist auf dieselbe natürliche
Weise durch Umbildung aus einer Reihe von affenartigen Säugetieren
entstanden. Für all diese Vorgänge, wie überhaupt für alle Erscheinungen in der
Natur und im Geistesleben, nimmt L a m a r c k ausschließlich m e c h a n i s c h e,
physikalische und chemische Vorgänge als wahre, bewirkende Ursachen an. Sein
Werk enthält die Elemente für ein rein monistisches Natursystem auf Grund der
Entwickelungslehre.
Man hätte erwarten sollen, daß dieser großartige Versuch, die
Abstammungslehre oder Deszendenztheorie wissenschaftlich zu begründen,
alsbald den herrschenden Mythus von der Speziesschöpfung erschüttert und
einer natürlichen Entwickelungslehre Bahn gebrochen hätte. Indessen vermochte
L a m a r c k gegenüber der konservativen Autorität seines großen Gegners
C u v i e r ebensowenig durchzudringen, wie zwanzig Jahre später sein Kollege
und Gesinnungsgenosse G é o f f r o y S t . H i l a i r e. Die berühmten Kämpfe,
welcher dieser Naturphilosoph 1830 im Schoße der Pariser Akademie mit
C u v i e r zu bestehen hatte, endigten mit einem vollständigen Siege des
letzteren. Die mächtige Entfaltung, welche zu jener Zeit das empirische Studium
der Biologie fand, die Fülle von interessanten Entdeckungen auf dem Gebiete
der vergleichenden Anatomie und Physiologie, die Begründung der
Zellentheorie und die Fortschritte der Ontogenie gaben den Zoologen und
Botanikern einen solchen Überfluß von dankbarem Arbeitsmaterial, daß darüber
die schwierige und dunkle Frage nach der Entstehung der Arten ganz vergessen
wurde. Man beruhigte sich bei dem althergebrachten Schöpfungs-Dogma. Selbst
nachdem der große englische Naturforscher C h a r l e s L y e l l 1830 in seinen
Prinzipien der Geologie die abenteuerliche Katastrophentheorie von C u v i e r
widerlegt und für die anorganische Natur unseres Planeten einen natürlichen und
kontinuierlichen Entwickelungsgang nachgewiesen hatte, fand sein einfaches
Kontinuitätsprinzip keine Anwendung auf die organische Natur. Die Anfänge
der natürlichen Phylogenie, welche in L a m a r c k s Werke verborgen lagen,
wurden ebenso vergessen, wie die Keime zu ihrer natürlichen Ontogenie, welche
50 Jahre früher (1759) C a s p a r F r i e d r i c h W o l f f in seiner Theorie der
Generation gegeben hatte. Hier wie dort verfloß ein volles halbes Jahrhundert,
ehe die bedeutendsten Ideen über natürliche Entwickelung die gebührende
Anerkennung fanden. Erst nachdem D a r w i n 1859 die Lösung des
Schöpfungsproblems von einer ganz anderen Seite angefaßt und den reichen,
inzwischen angesammelten Schatz von empirischen Kenntnissen glücklich dazu
verwertet hatte, fing man an, sich auf L a m a r c k, als seinen bedeutendsten
Vorgänger, wieder zu besinnen.
Selektionstheorie. D a r w i n (1859). Der beispiellose Erfolg von C h a r l e s
D a r w i n ist allbekannt. Kein anderer von den zahlreichen großen Geisteshelden
unserer Zeit hat mit einem einzigen klassischen Werke einen so gewaltigen, so
tiefgehenden und so umfassenden Erfolg erzielt, wie D a r w i n 1859 mit seinem
berühmten Hauptwerk: »Über die Entstehung der Arten im Tier- und
Pflanzenreich durch natürliche Züchtung oder Erhaltung der vervollkommneten
Rassen im Kampfe ums Dasein.« Gewiß hat die Reform der vergleichenden
Anatomie und Physiologie durch J o h a n n e s M ü l l e r der ganzen Biologie eine neue, fruchtbare Epoche eröffnet, gewiß waren die Begründung der
Zellentheorie durch S c h l e i d e n und S c h w a n n, die Reform der Ontogenie
durch B a e r, die Begründung des Substanzgesetzes durch R o b e r t M a y e r
und H e l m h o l t z wissenschaftliche Großtaten ersten Ranges; aber keine von
ihnen hat nach Tiefe und Ausdehnung eine so gewaltige, unser ganzes
menschliches Wissen umgestaltende Wirkung ausgeübt, wie D a r w i n s Theorie
von der natürlichen Entstehung der Arten. Denn damit war ja das mystische
»S c h ö p f u n g s p r o b l e m« gelöst, und mit ihm die inhaltsschwere »Frage
aller Fragen«, das Problem vom wahren Wesen und von der Entstehung des
Menschen selbst.
Vergleichen wir die beiden großen Begründer des Transformismus, so finden wir
bei L a m a r c k überwiegende Neigung zur D e d u k t i o n und zum Entwurfe
eines vollständigen Naturbildes, bei D a r w i n hingegen vorherrschende
Anwendung der I n d u k t i o n und das vorsichtige Bemühen, die einzelnen Teile
der Deszendenztheorie durch Beobachtung und Experiment möglichst sicher zu
begründen. Während der französische Naturphilosoph den damaligen Kreis des
empirischen Wissens weit überschritt und eigentlich das Programm der
zukünftigen Forschung entwarf, hatte der englische Experimentator umgekehrt
den großen Vorteil, das einigende Erklärungsprinzip für eine Masse von
empirischen Kenntnissen zu begründen, die bis dahin unverstanden sich
angehäuft hatten. So erklärt es sich, daß der Erfolg von D a r w i n ebenso
überwältigend, wie derjenige von L a m a r c k verschwindend war. D a r w i n
hatte aber nicht allein das große Verdienst, die allgemeinen Ergebnisse der
verschiedenen biologischen Forschungskreise in dem gemeinsamen Brennpunkte
des Deszendenzprinzips zu sammeln und dadurch einheitlich zu erklären,
sondern er entdeckte auch in dem S e l e k t i o n s p r i n z i p jenen wichtigen
Faktor der Umbildung, welcher L a m a r c k noch gefehlt hatte. Indem D a r w i n
als praktischer Tierzüchter die Erfahrungen der künstlichen Zuchtwahl auf die
Organismen im freien Naturzustande anwendete und in dem »K a m p f u m s
D a s e i n« das auslesende Prinzip der natürlichen Zuchtwahl entdeckte, schuf er
seine bedeutungsvolle Selektionstheorie, den eigentlichen D a r w i n i s m u s.
Stammesgeschichte (Phylogenie) (1866). Unter den zahlreichen und wichtigen
Aufgaben, welche D a r w i n der modernen Biologie stellte, erschien als eine der
nächsten die Reform des zoologischen und botanischen S y s t e m s. Wenn die
unzähligen Tier- und Pflanzenarten nicht durch übernatürliche Wunder
»erschaffen«, sondern durch natürliche Umbildung »entwickelt« waren, so ergab
sich das »n a t ü r l i c h e S y s t e m« derselben als ihr S t a m m b a u m. Den
ersten Versuch, das System in diesem Sinne umzugestalten, unternahm ich selbst (1866) in meiner »G e n e r e l l e n M o r p h o l o g i e d e r O r g a n i s m e n«.
Bis dahin hatte man unter »E n t w i c k e l u n g s g e s c h i c h t e« sowohl in der
Zoologie als in der Botanik ausschließlich diejenige der organischen
I n d i v i d u e n verstanden. Ich begründete dagegen die Ansicht, daß dieser
K e i m e s g e s c h i c h t e (Ontogenie) als zweiter, gleichberechtigter und eng
verbundener Zweig die S t a m m e s g e s c h i c h t e (Phylogenie) gegenüberstehe.
Beide Zweige der Entwickelungsgeschichte stehen nach meiner Auffassung im
engsten kausalen Zusammenhang; dieser beruht auf der Wechselwirkung der
Vererbungs- und Anpassungsgesetze; er fand seinen präzisen und umfassenden
Ausdruck in meinem allgemein gültigen »B i o g e n e t i s c h e n
G r u n d g e s e t z«.
Natürliche Schöpfungsgeschichte (1868). Da die neuen, in der »Generellen
Morphologie« niedergelegten Anschauungen trotz ihrer streng
wissenschaftlichen Fassung bei den sachkundigen Fachgenossen sehr wenig
Beachtung und noch weniger Beifall fanden, versuchte ich, den wichtigsten Teil
derselben in einem kleineren, mehr populär gehaltenen Werke einem größeren,
gebildeten Leserkreise zugänglich zu machen. Dies geschah 1868 in der
»Natürlichen Schöpfungsgeschichte« (Gemeinverständliche wissenschaftliche
Vorträge über die Entwickelungslehre im allgemeinen und diejenige von Darwin,
Goethe und Lamarck im besonderen). Wenn der gehoffte Erfolg der »Generellen
Morphologie« weit unter meiner berechtigten Erwartung blieb, so ging
umgekehrt derjenige der »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« weit über dieselbe
hinaus. Trotz seiner großen Mängel hat dieses Buch doch viel dazu beigetragen,
die Grundgedanken unserer modernen Entwickelungslehre in weiteren Kreisen
zu verbreiten. Allerdings konnte ich meinen Hauptzweck, die phylogenetische
Umbildung des natürlichen Systems, dort nur in allgemeinen Umrissen
andeuten. Indessen habe ich die ausführliche, dort vermißte Begründung des
phylogenetischen Systems später in einem größeren Werke nachgeholt, in der
»S y s t e m a t i s c h e n P h y l o g e n i e« (Entwurf eines natürlichen Systems
der Organismen auf Grund ihrer Stammesgeschichte). Der erste Band derselben
(1894) behandelt die Protisten und Pflanzen, der zweite (1896) die wirbellosen
Tiere, der dritte (1895) die Wirbeltiere. Die S t a m m b ä u m e der kleineren und
größeren Gruppen sind hier so weit ausgeführt, als es mir meine Kenntnis der
drei großen »Stammesurkunden« gestattete, der Paläontologie, Ontogenie und
Morphologie.
Biogenetisches Grundgesetz. Den engen, ursächlichen Zusammenhang,
welcher nach meiner Überzeugung zwischen beiden Zweigen der organischen
Entwickelungsgeschichte besteht, hatte ich schon in der Generellen Morphologie als einen der wichtigsten Begriffe des Transformismus hervorgehoben und einen
präzisen Ausdruck dafür in mehreren »Thesen von dem Kausalnexus der
biontischen und der phyletischen Entwickelung« gegeben: »D i e
O n t o g e n e s i s i s t e i n e k u r z e u n d s c h n e l l e
R e k a p i t u l a t i o n d e r P h y l o g e n e s i s, bedingt durch die
physiologischen Funktionen der Vererbung (Fortpflanzung) und Anpassung
(Ernährung)«. Schon D a r w i n hatte (1859) die große Bedeutung seiner Theorie
für die Erklärung der Embryologie betont, und F r i t z M ü l l e r hatte dieselbe
(1864) an dem Beispiele einer einzelnen Tierklasse, der Krebstiere, erläutert, in
der geistvollen kleinen Schrift: »F ü r D a r w i n« (1864). Ich selbst habe dann
die allgemeine Geltung und die fundamentale Bedeutung jenes Biogenetischen
Grundgesetzes in einer Reihe von Arbeiten nachzuweisen versucht, insbesondere
in der Biologie der Kalkschwämme (1872) und in den »Studien zur
Gasträatheorie« (1873-1884). Die dort aufgestellte Lehre von der Homologie der
Keimblätter, sowie von den Verhältnissen der Palingenie
(A u s z u g s g e s c h i c h t e) und der Zenogenie (S t ö r u n g s g e s c h i c h t e)
ist seitdem durch zahlreiche Arbeiten anderer Zoologen bestätigt worden; durch
sie ist es möglich geworden, die natürlichen Gesetze der Einheit in der
mannigfaltigen Keimesgeschichte der Tiere nachzuweisen; für ihre
Stammesgeschichte ergibt sich daraus die gemeinsame Ableitung von einer
einfachsten ursprünglichen Stammform.
Anthropogenie (1874). Der weitschauende Begründer der Abstammungslehre,
L a m a r c k, hatte schon 1809 richtig erkannt, daß sie allgemeine Geltung
besitze, und daß also auch der M e n s c h, als das höchst entwickelte Säugetier,
von demselben Stamme abzuleiten sei, wie alle anderen Säugetiere, und diese
weiter hinauf von demselben älteren Zweige des Stammbaums, wie die übrigen
Wirbeltiere. Er hatte auch schon auf die Vorgänge hingewiesen, durch welche die
A b s t a m m u n g d e s M e n s c h e n v o m A f f e n, als dem
nächstverwandten Säugetiere, wissenschaftlich erklärt werden könne. D a r w i n,
der naturgemäß zu derselben Überzeugung gelangt war, ging in seinem
Hauptwerk (1859) über diese anstößigste Folgerung seiner Lehre absichtlich
hinweg und hat dieselbe erst später (1871) in seinem Werke über »Die
Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl« geistreich
ausgeführt. Inzwischen hatte aber schon sein Freund H u x l e y (1863) jenen
wichtigsten Folgeschluß der Abstammungslehre sehr scharfsinnig erörtert in
seiner berühmten kleinen Schrift über die »Zeugnisse für die Stellung des
Menschen in der Natur«. An der Hand der vergleichenden Anatomie und
Ontogenie und gestützt auf die Tatsachen der Paläontologie zeigte H u x l e y,
daß die »Abstammung des Menschen vom Affen« eine notwendige Konsequenz des Darwinismus sei, und daß eine andere wissenschaftliche Erklärung von der
Entstehung des Menschengeschlechts überhaupt nicht gegeben werden könne.
Als weitere Folgerung dieser wichtigen Erkenntnis ergab sich die schwierige
Aufgabe, nicht nur die nächstverwandten Säugetier-A h n e n d e s
M e n s c h e n in der Tertiärzeit zu erforschen, sondern auch die lange Reihe der
älteren tierischen Vorfahren, welche in früheren Zeiträumen der Erdgeschichte
gelebt und während ungezählter Jahrmillionen sich entwickelt hatten. Die
hypothetische Lösung dieser großen historischen Aufgabe hatte ich schon 1866
in der Generellen Morphologie versucht; weiter ausgeführt habe ich dieselbe
1874 in meiner A n t h r o p o g e n i e (I. Teil: Keimesgeschichte; II. Teil:
Stammesgeschichte). Die fünfte umgearbeitete Auflage dieses Buches (1903)
enthält diejenige Darstellung der Entwickelungsgeschichte des Menschen,
welche bei dem gegenwärtigen Zustande unserer Urkundenkenntnis sich dem
fernen Ziele der Wahrheit nach meiner persönlichen Auffassung am meisten
nähert; ich war dabei stets bemüht, alle drei empirischen Urkunden, die
P a l ä o n t o l o g i e, O n t o g e n i e und M o r p h o l o g i e (oder vergleichende
Anatomie), möglichst gleichmäßig und im Zusammenhange zu benutzen. Sicher
werden die hier gegebenen Deszendenz-Hypothesen im einzelnen durch spätere
phylogenetische Forschungen vielfach ergänzt und berichtigt werden; aber eben
so sicher steht für mich die Überzeugung, daß der dort entworfene Stufengang
der menschlichen Stammesgeschichte im großen und ganzen der Wahrheit
entspricht. Denn die h i s t o r i s c h e R e i h e n f o l g e d e r
W i r b e l t i e r v e r s t e i n e r u n g e n entspricht vollständig der
morphologischen Entwickelungsreihe, welche uns die vergleichende Anatomie
und Ontogenie enthüllt: auf die silurischen Fische folgen die devonischen
Lurchfische, die karbonischen Amphibien, die permischen Reptilien und die
mesozoischen Säugetiere; von diesen erscheinen wiederum zunächst in der Trias
die niedersten Formen, die Gabeltiere (Monotremen), dann im Jura die Beuteltiere
(Marsupialien) und darauf in der Kreide die ältesten Zottentiere (Plazentalien). Von
diesen letzteren treten wieder zunächst in der ältesten Tertiärzeit die niedersten
Primatenahnen auf, die Halbaffen, darauf die echten Affen, und zwar von den
Catarrhinen zuerst die Hundsaffen (Cynopitheken), später die Menschenaffen
(Anthropomorphen); aus einem Zweige dieser letzteren ist während der Pliozänzeit
der sprachlose A f f e n m e n s c h entstanden (Pithecanthropus alalus), und aus
diesem endlich der sprechende Mensch.
Viel schwieriger und unsicherer als diese Kette unserer W i r b e l t i e r - A h n e n
ist diejenige der vorhergehenden wirbellosen Ahnen zu erforschen; denn von
ihren weichen skelettlosen Körpern kennen wir keine versteinerten Überreste; die Paläontologie kann uns hier keinerlei Zeugnis liefern. Um so wichtiger
werden hier die Urkunden der vergleichenden Anatomie und Ontogenie. Da der
menschliche Keim denselben Chordula-Zustand durchläuft wie der Embryo aller
anderen Wirbeltiere, da er sich ebenso aus zwei Keimblättern einer Gastrula
entwickelt, schließen wir nach dem Biogenetischen Grundgesetze auf die frühere
Existenz entsprechender Ahnenformen (Vermalien, Gastraeaden). Vor allem wichtig
aber ist die fundamentale Tatsache, daß auch der Keim des Menschen, gleich
demjenigen aller anderen Tiere, sich ursprünglich aus einer einfachen Zelle
entwickelt; denn diese S t a m m z e l l e (Cytula) — die »befruchtete Eizelle« —
weist zweifellos auf eine entsprechende einzellige Stammform hin, ein uraltes
P r o t o z o o n.
Für unsere m o n i s t i s c h e P h i l o s o p h i e ist es übrigens zunächst ziemlich
gleichgültig, wie sich im einzelnen die Stufenreihe unserer Vorfahren noch
sicherer feststellen lassen wird. Für sie bleibt als s i c h e r e h i s t o r i s c h e
T a t s a c h e die folgenschwere Erkenntnis bestehen, daß der M e n s c h
z u n ä c h s t v o m A f f e n a b s t a m m t, weiterhin von einer langen Reihe
niederer Wirbeltiere. Die logische Begründung dieses Satzes habe ich schon
1866 im siebenten Buche der »Generellen M o r p h o l o g i e « betont (S. 427):
»Der Satz, daß der Mensch sich aus niederen Wirbeltieren, und zwar zunächst
aus echten Affen, entwickelt hat, ist ein spezieller Deduktionsschluß, der sich
aus dem generellen Induktionsgesetze der Deszendenztheorie mit absoluter
Notwendigkeit ergibt.«
Von größter Bedeutung für die definitive Feststellung und Anerkennung dieses
fundamentalen Satzes sind die p a l ä o n t o l o g i s c h e n E n t d e c k u n g e n
der letzten Dezennien geworden; insbesondere haben uns die überraschenden
Funde von zahlreichen ausgestorbenen Säugetieren der Tertiärzeit in den Stand
gesetzt, die Stammesgeschichte dieser wichtigsten Tierklasse, von den
niedersten, eierlegenden Monotremen bis zum Menschen hinauf, in ihren
Grundzügen klarzulegen. Die vier Hauptgruppen der Z o t t e n t i e r e, die
formenreichen Legionen der Raubtiere, Nagetiere, Huftiere und Herrentiere,
erscheinen durch tiefe Klüfte getrennt, wenn wir nur die heute noch lebenden
Epigonen als Vertreter derselben ins Auge fassen. Diese Klüfte werden aber
vollkommen ausgefüllt und die scharfen Unterschiede der vier Legionen
gänzlich verwischt, wenn wir ihre tertiären, ausgestorbenen Vorfahren
vergleichen, und wenn wir bis in die eozäne Geschichtsdämmerung der ältesten
Tertiärzeit hinabsteigen. Da finden wir die große Unterklasse der Zottentiere, die
heute mehr als 2500 Arten umfaßt, nur durch eine geringe Zahl von kleinen und
unbedeutenden »Urzottentieren« vertreten; und in diesen Prochoriaten erscheinen die Charaktere jener vier divergenten Legionen so gemischt und verwischt, daß
wir sie vernünftigerweise nur als g e m e i n s a m e Vo r f a h r e n derselben
deuten können. Sie besitzen alle im wesentlichen dieselbe Bildung des
Knochengerüstes und dasselbe t y p i s c h e G e b i ß der ursprünglichen
Plazentalien mit 44 Zähnen; sie zeichnen sich alle durch die geringe Größe und
die unvollkommene Bildung ihres Gehirns aus; sie haben alle kurze Beine und
fünfzehige Füße, die mit der flachen Sohle auftreten. Bei manchen dieser
ältesten Zottentiere der Eozänzeit war es anfangs zweifelhaft, ob man sie zu den
Raubtieren oder Nagetieren, zu den Huftieren oder Herrentieren stellen sollte; so
sehr nähern sich hier unten diese vier großen, später so sehr verschiedenen
Legionen der Plazentalien. Unzweifelhaft folgt daraus ihr gemeinsamer
Ursprung aus einer einzigen Stammgruppe. Diese Urzottentiere lebten schon in
der vorhergehenden Kreideperiode und sind wahrscheinlich aus einer Gruppe
von insektenfressenden B e u t e l t i e r e n hervorgegangen.
Die wichtigsten von allen neueren paläontologischen Entdeckungen, welche die
Stammesgeschichte der Zottentiere aufgeklärt haben, betreffen unseren eigenen
Stamm, die Legion der Herrentiere (Primates). Früher waren versteinerte Reste
derselben äußerst selten. Noch C u v i e r, der große Gründer der Paläontologie,
behauptete bis zu seinem Tode (1832), daß es keine Versteinerungen von
Primaten gäbe; zwar hatte er selbst schon den Schädel eines eozänen Halbaffen
(Adapis) beschrieben, ihn aber irrtümlich für ein Huftier gehalten. In den letzten
Dezennien sind aber gut erhaltene, versteinerte Skelette von Halbaffen und
Affen in ziemlicher Zahl entdeckt worden; darunter befinden sich alle die
wichtigen Zwischenglieder, welche eine zusammenhängende Ahnenkette von
den ältesten Halbaffen bis zum Menschen hinauf darstellen.
Der berühmteste und interessanteste von diesen fossilen Funden ist d e r
v e r s t e i n e r t e A f f e n m e n s c h v o n J a v a, welchen der holländische
Militärarzt E u g e n D u b o i s 1891 entdeckt hat, der vielbesprochene
Pithecanthropus erectus. Er ist in der Tat das vielgesuchte »Missing link«, das
angeblich »fehlende Glied« in der Primatenkette, welche sich ununterbrochen
vom niedersten Affen bis zum höchst entwickelten Menschen hinaufzieht. Ich
habe die hohe Bedeutung, welche dieser merkwürdige Fund besitzt, ausführlich
erörtert in dem Vortrage »Über unsere gegenwärtige Kenntnis vom Ursprung des
Menschen«, welchen ich am 26. August 1898 auf dem vierten internationalen
Zoologenkongreß in Cambridge gehalten habe. Der Paläontologe, welcher die
Bedingungen für Bildung und Erhaltung von Versteinerungen kennt, wird die
Entdeckung des Pithecanthropus als einen besonders glücklichen Zufall
betrachten. Denn als Baumbewohner kommen die Affen nach ihrem Tode (wenn sie nicht zufällig ins Wasser fallen) nur selten unter Verhältnisse, welche die
Erhaltung und Versteinerung ihres Knochengerüstes gestatten. Durch den Fund
dieses fossilen Affenmenschen von Java ist also auch von seiten der
P a l ä o n t o l o g i e die »Abstammung des Menschen vom Affen« ebenso klar
und sicher bewiesen, wie es früher schon durch die Urkunden der
v e r g l e i c h e n d e n A n a t o m i e u n d O n t o g e n i e geschehen war; wir
besitzen jetzt in der Tat alle wesentlichen Urkunden unserer Stammesgeschichte.
Z u s a t z (1908). Die dreißig Hauptstufen, die sich gegenwärtig in der
Stammeskette unserer tierischen Vorfahren unterscheiden und auf sechs Strecken
verteilen lassen, habe ich übersichtlich zusammengestellt in meiner Festschrift
über: »Unsere Ahnenreihe (Prognotaxis hominis)«. Jena 1908.