Die Welträtsel
Elftes Kapitel. Unsterblichkeit der Seele.
E l f t e s K a p i t e l .
Unsterblichkeit der Seele.
Monistische Studien über Fanatismus und Athanismus. Kosmische und
persönliche Unsterblichkeit. Seelen-Substanz.
Indem wir uns von der genetischen Betrachtung der Seele zu der großen Frage
ihrer »Unsterblichkeit« wenden, betreten wir jenes höchste Gebiet des
Aberglaubens, welches gewissermaßen die unzerstörbare Zitadelle aller
mystischen und dualistischen Vorstellungskreise bildet. Denn bei dieser
Kardinalfrage knüpft sich an die rein philosophischen Vorstellungen mehr als bei
jedem anderen Problem das egoistische Interesse der menschlichen Person,
welche um jeden Preis ihre individuelle Fortdauer über den Tod hinaus garantiert
haben will. Dieses »höhere Gemütsbedürfnis« ist so mächtig, daß es alle
logischen Schlüsse der kritischen Vernunft über den Haufen wirft. Bewußt oder
unbewußt werden bei den meisten Menschen alle übrigen allgemeinen
Ansichten, also auch die ganze Weltanschauung, von dem Dogma der
persönlichen Unsterblichkeit beeinflußt, und an diesen theoretischen Irrtum
knüpfen sich praktische Folgerungen von weitestreichender Wirkung. Es wird
daher unsere Aufgabe sein, alle Seiten dieses wichtigen Dogmas kritisch zu
prüfen und seine Unhaltbarkeit gegenüber den empirischen Erkenntnissen der
modernen Biologie nachzuweisen.
Athanismus und Thanatismus. Um einen kurzen und bequemen Ausdruck für
die beiden entgegengesetzten Grundanschauungen über die
Unsterblichkeitsfrage zu haben, bezeichnen wir den Glauben an die »persönliche
Unsterblichkeit des Menschen« als A t h a n i s m u s. Dagegen nennen wir
T h a n a t i s m u s die Überzeugung, daß mit dem Tode des Menschen nicht nur
alle übrigen physiologischen Lebenstätigkeiten erlöschen, sondern auch die
»S e e l e« verschwindet, d. h. jene Summe von Gehirnfunktionen, welche der
psychische Dualismus als ein eigenes »Wesen«, unabhängig von den übrigen
Lebensäußerungen des lebendigen Körpers, betrachtet.
Indem wir hier das physiologische Problem des T o d e s berühren, betonen wir
nochmals den i n d i v i d u e l l e n Charakter dieser organischen
Naturerscheinung. Wir verstehen unter Tod ausschließlich das definitive
Aufhören der Lebenstätigkeit des organischen I n d i v i d u u m s, gleichviel welcher Kategorie oder welcher Stufenfolge der Individualität das betreffende
Einzelwesen angehört. Der Mensch ist tot, wenn seine Person stirbt, gleichviel,
ob er gar keine Nachkommenschaft hinterlassen hat, oder ob er Kinder erzeugt
hat, deren Nachkommen sich durch viele Generationen fruchtbar fortpflanzen.
Man sagt ja in gewissem Sinne, daß der »Geist« großer Männer (z. B. in einer
Dynastie hervorragender Herrscher, in einer Familie talentvoller Künstler) durch
Generationen fortlebt; und ebenso sagt man, daß die »Seele« ausgezeichneter
Frauen oft in den Kindern und Kindeskindern sich forterhält. Allein in diesen
Fällen handelt es sich stets um verwickelte Vorgänge der Ve r e r b u n g, bei
welchen eine abgelöste mikroskopische Zelle (die Spermazelle des Vaters, die
Eizelle der Mutter) gewisse Eigenschaften der Substanz auf die Nachkommen
überträgt. Die einzelnen P e r s o n e n, welche jene Geschlechtszellen zu
Tausenden produzieren, bleiben trotzdem sterblich, und mit ihrem Tode erlischt
ihre individuelle Seelentätigkeit ebenso wie jede andere physiologische
Funktion.
Kosmische und persönliche Unsterblichkeit. Wenn man den Begriff der
Unsterblichkeit ganz allgemein auffaßt und auf die Gesamtheit der erkennbaren
Natur ausdehnt, so gewinnt er wissenschaftliche Bedeutung; er erscheint dann
der monistischen Philosophie nicht nur annehmbar, sondern selbstverständlich.
Denn die These von der Unzerstörbarkeit und ewigen Dauer alles Seienden fällt
dann zusammen mit unserem höchsten Naturgesetze, dem S u b s t a n z g e s e t z
(12. Kapitel). Wir werden diese kosmische Unsterblichkeit später, bei
Begründung der Lehre von der Erhaltung der Kraft und des Stoffes, ausführlich
erörtern; jetzt wenden wir uns sogleich zur Kritik jenes
»Unsterblichkeitsglaubens«, der gewöhnlich allein unter diesem Begriffe
verstanden wird, der Immortalität der p e r s ö n l i c h e n S e e l e. Wir
untersuchen zunächst die Verbreitung und Entstehung dieser mystischen und
dualistischen Vorstellung und betonen dabei besonders die weite Verbreitung
ihres Gegenteils, des m o n i s t i s c h e n, empirisch begründeten
T h a n a t i s m u s. Ich unterscheide hier als zwei wesentlich verschiedene
Erscheinungen desselben den p r i m ä r e n und den s e k u n d ä r e n
Thanatismus; bei ersterem ist der Mangel des Unsterblichkeitsdogmas ein
ursprünglicher (bei primitiven Naturvölkern); der sekundäre Thanatismus
dagegen ist das späte Erzeugnis vernunftgemäßer Naturerkenntnis bei hoch
entwickelten Kulturvölkern.
Primärer Thanatismus (Ursprünglicher Mangel der Unsterblichkeitsidee).
In vielen philosophischen und besonders theologischen Schriften lesen wir noch
heute die Behauptung, daß der Glaube an die persönliche Unsterblichkeit der menschlichen Seele allen Menschen ursprünglich gemeinsam sei. Das ist falsch.
Dieses Dogma ist weder eine ursprüngliche Vorstellung der menschlichen
Vernunft, noch hat es jemals allgemeine Verbreitung gehabt. In dieser Beziehung
ist vor allem wichtig die sichere, erst neuerdings durch die vergleichende
Ethnologie festgestellte Tatsache, daß mehrere Naturvölker der ältesten und
primitivsten Stufe ebensowenig von einer Unsterblichkeit als von einem Gotte
irgend eine Vorstellung haben. Das gilt namentlich von den Weddas auf Ceylon,
jenen primitiven Pygmäen, die wir auf Grund der ausgezeichneten Forschungen
der Herren S a r a s i n für einen Überrest der ältesten indischen »Urmenschen«
halten; ferner von mehreren ältesten Stämmen der nächstverwandten Dravidas,
von den indischen Seelongs und einigen Stämmen der Australneger. Ebenso
kennen mehrere der primitivsten Urvölker der amerikanischen Rasse, im inneren
Brasilien, am oberen Amazonenstrom usw., weder Götter noch Unsterblichkeit.
Sekundärer Thanatismus (Erworbener Mangel der Unsterblichkeitsidee).
Im Gegensatze zu dem primären Thanatismus, der sicher bei den ältesten
Urmenschen ursprünglich bestand und noch heute besteht, ist der sekundäre
Mangel des Unsterblichkeitsglaubens erst spät entstanden; er ist erst die reife
Frucht eingehenden Nachdenkens über »Leben und Tod«, also ein Produkt
echter und unabhängiger philosophischer Reflexion. Als solcher tritt er uns
schon im sechsten Jahrhundert v. Chr. bei einem Teile der ionischen
Naturphilosophen entgegen, später bei den Gründern der alten materialistischen
Philosophie, bei D e m o k r i t o s und E m p e d o k l e s, aber auch bei
S i m o n i d e s und E p i k u r, bei S e n e c a und P l i n i u s, am meisten
durchgebildet bei L u c r e t i u s C a r u s. Als dann nach dem Untergange des
klassischen Altertums das Christentum sich ausbreitete, gewann mit ihm der
Athanismus, als einer seiner wichtigsten Glaubensartikel, die höchste
Bedeutung.
Während der langen Geistesnacht des christlichen Mittelalters wagte
begreiflicherweise nur selten ein kühner Freidenker, seine abweichende
Überzeugung zu äußern; die Beispiele von G a l i l e i, von G i o r d a n o
B r u n o und anderen unabhängigen Philosophen, welche von den »Nachfolgern
Christi« der Tortur und dem Scheiterhaufen überliefert wurden, schreckten
genügend jedes freie Bekenntnis ab. Dieses wurde erst wieder möglich, nachdem
die Reformation und die Renaissance die Allmacht des Papismus gebrochen
hatten. Die Geschichte der neueren Philosophie zeigt die mannigfaltigen Wege,
auf denen die gereifte menschliche Vernunft dem Aberglauben der
Unsterblichkeit zu entrinnen versuchte. Immerhin verlieh ihm die enge
Verknüpfung mit dem christlichen Dogma auch in den freieren protestantischen Kreisen solche Macht, daß selbst die meisten überzeugten Freidenker ihre
Meinung still für sich behielten. Nur selten wagten einzelne hervorragende
Männer, ihre Überzeugung von der Unmöglichkeit der Seelenfortdauer nach dem
Tode frei zu bekennen. Besonders geschah dies in der zweiten Hälfte des
achtzehnten Jahrhunderts in Frankreich von Vo l t a i r e, D a n t o n, M i r a b e a u
u. a., ferner von den Hauptvertretern des damaligen Materialismus, H o l b a c h,
L a m e t t r i e u. a. Dieselbe Überzeugung vertrat auch der geistreiche Freund
der letzteren, der größte der Hohenzollernfürsten, der »Philosoph von
Sanssouci«. Was würde F r i e d r i c h d e r G r o ß e, dieser g e k r ö n t e
T h a n a t i s t u n d A t h e i s t, sagen, wenn er heute seine monistischen
Überzeugungen mit den mittelalterlich-dualistischen Kundgebungen seiner
Nachfolger vergleichen könnte!
Unter den d e n k e n d e n Ä r z t e n ist die Überzeugung, daß mit dem Tode des
Menschen auch die Existenz seiner Seele aufhöre, wohl seit Jahrhunderten sehr
verbreitet gewesen; aber auch sie hüteten sich meistens wohl, dieselbe
auszusprechen. Auch blieb immerhin noch im 18. Jahrhundert die empirische
Kenntnis des Gehirns so unvollkommen, daß die »Seele« als ein rätselhafter
Bewohner desselben ihre freie Existenz fortfristen konnte. Endgültig beseitigt
wurde sie erst durch die Fortschritte der Biologie in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts. Die Begründung der Deszendenztheorie und der Zellentheorie,
die überraschenden Entdeckungen der Ontogenie und der
Experimentalphysiologie, vor allem aber die bewundernswürdigen Fortschritte
der mikroskopischen Gehirnanatomie entzogen dem Athanismus allmählich
jeden Boden, so daß jetzt nur selten ein sachkundiger und ehrlicher Biologe noch
für die Unsterblichkeit der Seele eintritt. Die monistischen Philosophen des
19. Jahrhunderts (S t r a u ß, F e u e r b a c h, B ü c h n e r, R a u, S p e n c e r usw.)
sind sämtlich T h a n a t i s t e n.
Athanismus und Religion. Die weiteste Verbreitung und die höchste Bedeutung
hat das Dogma der persönlichen Unsterblichkeit erst durch seine innige
Verbindung mit den Glaubenslehren des C h r i s t e n t u m s gefunden; und diese
hat auch zu der irrtümlichen, heute noch sehr verbreiteten Ansicht geführt, daß
jenes Dogma überhaupt einen wesentlichen Grundbestandteil jeder geläuterten
R e l i g i o n bilde. Das ist durchaus nicht der Fall! Der Glaube an die
Unsterblichkeit der Seele fehlt vollständig den meisten höher entwickelten
orientalischen Religionen; er fehlt dem B u d d h i s m u s, der noch heute über
30 Prozent der gesamten menschlichen Bevölkerung der Erde beherrscht; er fehlt
ebenso der alten Volksreligion der Chinesen wie der reformierten, später an
deren Stelle getretenen Religion des C o n f u c i u s; und, was das Wichtigste ist, er fehlt der älteren und reineren jüdischen Religion; weder in den fünf Büchern
M o s e s' noch in jenen älteren Schriften des Alten Testamentes, welche vor dem
babylonischen Exil geschrieben wurden, ist die Lehre von der individuellen
Fortdauer nach dem Tode zu finden.
Entstehung des Unsterblichkeitsglaubens. Die mystische Vorstellung, daß die
Seele des Menschen nach seinem Tode fortdauere und unsterblich weiterlebe,
fehlte dem ältesten, schon mit Sprache begabten U r m e n s c h e n gewiß ebenso
wie seinen Vorfahren und wie seinen modernen, wenig entwickelten
Nachkommen, den Weddas von Ceylon, den Seelongs von Indien und anderen
primitiven Naturvölkern. Erst bei zunehmender Vernunft, bei eingehenderem
Nachdenken über Leben und Tod, über Schlaf und Traum, entwickelten sich bei
verschiedenen älteren Menschenrassen — unabhängig voneinander — mystische
Vorstellungen über die dualistische Zusammensetzung unseres Organismus. Sehr
verschiedene Motive werden bei diesem Vorgange zusammengewirkt haben:
Ahnenkultus, Verwandtenliebe, Lebenslust und Wunsch der
Lebensverlängerung, Hoffnung auf bessere Lebensverhältnisse im Jenseits,
Hoffnung auf Belohnung der guten und Bestrafung der schlechten Taten usw.
Die vergleichende Physiologie hat uns neuerdings eine große Anzahl von sehr
verschiedenen derartigen Glaubensdichtungen kennen gelehrt; großenteils
hängen sie eng zusammen mit den ältesten Formen des Gottesglaubens und der
Religion überhaupt. In den meisten modernen Religionen ist der
A t h a n i s m u s eng verknüpft mit dem T h e i s m u s. Die Vorstellung, welche
sich die meisten Gläubigen von ihrer »persönlichen unsterblichen Seele« bilden,
ist ebenso materialistisch, wie das individuelle Bild von ihrem »persönlichen
lieben Gott«.
Christlicher Unsterblichkeitsglaube. Wie allgemein bekannt, hat das Dogma
von der Unsterblichkeit der Seele in der christlichen Religion schon lange
diejenige feste Form angenommen, welche sich in dem Glaubensartikel
ausspricht: »Ich glaube an die Auferstehung des Fleisches und ein ewiges
Leben.« Wie am Osterfest Christus selbst von den Toten auferstanden ist und
nun in Ewigkeit als »Gottes Sohn, sitzend zur rechten Hand Gottes«, gedacht
wird, versinnlichen uns unzählige Bilder und Legenden. In gleicher Weise wird
auch der Mensch »am jüngsten Tage auferstehen« und seinen Lohn für die
Führung seines einstigen Erdenlebens empfangen. Dieser ganze christliche
Vorstellungskreis ist durch und durch m a t e r i a l i s t i s c h und anthropistisch;
er erhebt sich nicht viel über die entsprechenden rohen Vorstellungen vieler
niederer Naturvölker. Daß die »Auferstehung des Fleisches« unmöglich ist, weiß
eigentlich jeder, der einige Kenntnisse in Anatomie und Physiologie besitzt. Die materielle Auferstehung Christi, welche von Millionen gläubiger Christen an
jedem Osterfeste gefeiert wird, ist ebenso ein reiner Mythus wie die
»Auferweckung von den Toten«, welche er mehrfach ausgeführt haben soll. Für
die reine Vernunft sind diese mystischen Glaubensartikel ebenso unannehmbar
wie die damit verknüpfte Hypothese eines »ewigen Lebens«.
Metaphysischer Unsterblichkeitsglaube. Gegenüber dem materialistischen
Athanismus, welcher in der christlichen und mohammedanischen Kirche
herrschend ist, vertritt scheinbar eine reinere und höhere Glaubensform der
m e t a p h y s i s c h e A t h a n i s m u s, wie ihn die meisten dualistischen und
spiritualistischen Philosophen lehren. Als der bedeutendste Begründer desselben
ist Plato zu betrachten; er lehrte schon im vierten Jahrhundert vor Chr. jenen
vollkommenen Dualismus zwischen Leib und Seele, welcher dann in der
christlichen Glaubenslehre zu einem der theoretisch wichtigsten und praktisch
wirkungsvollsten Artikel wurde. Der Leib ist sterblich, materiell (physisch); die
Seele ist unsterblich, immateriell (metaphysisch). Beide sind nur während des
individuellen Lebens vorübergehend verbunden. Da P l a t o ein ewiges Leben
der selbständigen Seele sowohl vor als nach dieser zeitweiligen Verbindung
annimmt, ist er auch Anhänger der »S e e l e n w a n d e r u n g«; die Seelen
existierten als solche, als »ewige Ideen«, schon bevor sie in den menschlichen
Körper eintraten. Nachdem sie denselben verlassen, suchen sie sich als Wohnort
einen anderen Körper aus, der ihrer Beschaffenheit am meisten angemessen ist;
die Seelen von grausamen Tyrannen schlüpfen in den Körper von Wölfen und
Geiern, diejenigen von tugendhaften Arbeitern in den Leib von Bienen und
Ameisen usw. Die kindlichen und naiven Anschauungen dieser platonischen
Seelenlehre liegen auf der Hand; bei weiterem Eindringen erscheinen sie völlig
unvereinbar mit unseren festgegründeten physiologischen Erkenntnissen. Wir
erwähnen sie hier nur, weil sie trotz ihrer Absurdität den größten
kulturhistorischen Einfluß erlangten. Denn einerseits knüpfte an die platonische
Seelenlehre die Mystik der Neuplatoniker an, welche in das Christentum
Eingang gewann; andererseits wurde sie später zu einem Hauptpfeiler der
spiritualistischen und idealistischen Philosophie. Die platonische »I d e e«
verwandelte sich später in den Begriff der S e e l e n s u b s t a n z, die allerdings
ebenso unfaßbar und metaphysisch ist, aber doch oft einen physikalischen
Anschein gewann.
Seelensubstanz. Die Auffassung der Seele als »S u b s t a n z« ist bei vielen
Psychologen sehr unklar; bald wird dieselbe in abstraktem und idealistischem
Sinne als ein »immaterielles Wesen« von ganz eigentümlicher Art betrachtet,
bald in konkretem und realistischem Sinne, bald als ein unklares Mittelding zwischen beiden. Halten wir an dem monistischen Substanzbegriffe fest, wie wir
ihn (im 12. Kapitel) als einfachste Grundlage unserer gesamten Weltanschauung
entwickeln, so ist in demselben E n e r g i e und M a t e r i e untrennbar
verbunden. Dann müssen wir an der »Seelensubstanz« die eigentliche, uns allein
bekannte p s y c h i s c h e E n e r g i e unterscheiden (Empfinden, Vorstellen,
Wollen) und die p s y c h i s c h e M a t e r i e, durch welche allein dieselbe zur
Wirkung gelangen kann, also das lebendige P l a s m a. Bei den höheren Tieren
bildet dann der »Seelenstoff« einen Teil des Nervensystems, bei den niederen,
nervenlosen Tieren und den Pflanzen einen Teil ihres vielzelligen
Plasmakörpers, bei den einzelligen Protisten einen Teil ihres plasmatischen
Zellenkörpers. Somit kommen wir wieder auf die S e e l e n o r g a n e und
gelangen zu der naturgemäßen Erkenntnis, daß diese materiellen Organe für die
Seelentätigkeit unentbehrlich sind; die Seele selbst aber ist a k t u e l l, ist die
Summe ihrer physiologischen Funktionen.
Anders gestaltet sich der Begriff der spezifischen Seelensubstanz bei vielen
dualistischen Philosophen und Theologen. Die unsterbliche »Seele« soll dann
zwar materiell sein, aber doch unsichtbar und ganz verschieden von dem
sichtbaren Körper, in welchem sie wohnt. Die U n s i c h t b a r k e i t der Seele
wird dabei als ein sehr wesentliches Attribut derselben betrachtet. Einige
vergleichen dabei die Seele mit dem Äther und betrachten sie gleich diesem als
einen äußerst feinen und leichten, höchst beweglichen Stoff oder ein
imponderables Agens, welches überall zwischen den wägbaren Teilchen des
lebendigen Organismus schwebt. Andere hingegen vergleichen die Seele mit
dem wehenden Winde und schreiben ihr also einen gasförmigen Zustand zu; und
dieser Vergleich ist ja auch derjenige, welcher zuerst bei den Naturvölkern zu der
später so allgemein gewordenen dualistischen Auffassung führte. Wenn der
Mensch starb, blieb der Körper als Leiche zurück; die unsterbliche Seele aber
»entfloh aus ihm mit dem letzten Atemzuge«.
Ätherseele. Die Vergleichung der menschlichen Seele mit dem physikalischen
Äther als qualitativ ähnlichem Gebilde hat in neuerer Zeit eine konkretere
Gestalt gewonnen durch die großartigen Fortschritte der Optik und der
Elektrizität (besonders in den letzten Dezennien). Diese haben uns mit der
Energie des Äthers bekannt gemacht und damit zugleich gewisse Schlüsse auf
die materielle Natur dieses raumerfüllenden Wesens gestattet. Da ich diese
wichtigen Verhältnisse später (im 12. Kapitel) besprechen werde, will ich nur
kurz darauf hinweisen, daß dadurch die Annahme einer Ä t h e r s e e l e
vollkommen unhaltbar geworden ist. Eine solche »ä t h e r i s c h e S e e l e«,
d. h. eine Seelensubstanz, welche dem physikalischen Äther ähnlich ist und gleich ihm zwischen den wägbaren Teilchen des lebendigen Plasma oder den
Gehirnmolekeln schwebt, kann unmöglich individuelles Seelenleben
hervorbringen. Weder die mystischen Anschauungen, welche darüber um die
Mitte unseres Jahrhunderts lebhaft diskutiert wurden, noch die Versuche des
modernen N e o v i t a l i s m u s, die mystische »Lebenskraft« mit dem
physikalischen Äther in Beziehung zu setzen, sind heute mehr der Widerlegung
bedürftig.
Luftseele. Viel allgemeiner verbreitet und auch heute noch in hohem Ansehen
steht jene Anschauung, welche der Seelensubstanz eine g a s f ö r m i g e
Beschaffenheit zuschreibt. Uralt ist die Vergleichung des menschlichen
Atemzuges mit dem wehenden Windhauche; beide wurden ursprünglich für
identisch gehalten und mit demselben Namen belegt. A n e m o s und P s y c h e
der Griechen, A n i m a und S p i r i t u s der Römer sind ursprünglich
Bezeichnungen für den Lufthauch des Windes; sie wurden von diesem auf den
Atemhauch des Menschen übertragen. Später wurde dann dieser »lebendige
Odem« mit der »Lebenskraft« identifiziert und zuletzt als das Wesen der Seele
selbst angesehen oder in engerem Sinne als deren höchste Äußerung, der
»Geist«. Davon leitete dann weiterhin wieder die Phantasie die mystische
Vorstellung der individuellen Geister ab, der »G e s p e n s t e r« (»Spirits«); auch
diese werden ja heute noch meistens als »luftförmige Wesen« — aber begabt mit
den physiologischen Funktionen des Organismus! — vorgestellt; in manchen
berühmten Spiritistenkreisen werden dieselben freilich trotzdem photographiert!
Flüssige und feste Seele. Der Experimentalphysik ist es in den letzten
Dezennien des 19. Jahrhunderts gelungen, alle gasförmigen Körper in den
tropfbar-flüssigen — und die meisten auch in den festen — Aggregatzustand
überzuführen. Es bedarf dazu weiter nichts als geeigneter Apparate, welche unter
sehr hohem Druck und bei sehr niedriger Temperatur die Gase sehr stark
komprimieren. Nicht allein die luftförmigen Elemente, Sauerstoff, Wasserstoff,
Stickstoff, sondern auch zusammengesetzte Gase (Kohlensäure) und
Gasgemenge (atmosphärische Luft) sind so aus dem luftförmigen in den
flüssigen Zustand versetzt worden. Dadurch sind aber jene u n s i c h t b a r e n
Körper für jedermann s i c h t b a r und in gewissem Sinne »handgreiflich«
geworden. Mit dieser Änderung der Dichtigkeit ist der mystische Nimbus
verschwunden, welcher früher das Wesen der Gase in der gemeinen Anschauung
verschleierte, als unsichtbare Körper, die doch sichtbare Wirkungen ausüben.
Wenn nun die Seelensubstanz wirklich, wie viele »Gebildete« noch heute
glauben, gasförmig wäre, so müßte man auch imstande sein, sie durch
Anwendung von hohem Druck und sehr niederer Temperatur in den flüssigen Zustand überzuführen. Man könnte dann die Seele, welche im Momente des
Todes »ausgehaucht« wird, auffangen, unter sehr hohem Druck bei niederer
Temperatur kondensieren und in einer Glasflasche als »u n s t e r b l i c h e
F l ü s s i g k e i t« aufbewahren (Fluidum animae immortale). Durch weitere
Abkühlung und Kondensation müßte es dann auch gelingen, die flüssige Seele in
den festen Zustand überzuführen (»Seelenschnee«). Bis jetzt ist das Experiment
noch nicht gelungen.
Unsterblichkeit der Tierseele. Wenn der Athanismus wahr wäre, wenn wirklich
die »Seele« des Menschen in alle Ewigkeit fortlebte, so müßte man ganz
dasselbe auch für die Seele der höheren Tiere behaupten, mindestens für
diejenige der ihm am nächsten stehenden Säugetiere (Affen, Hunde usw.). Denn
der Mensch zeichnet sich vor diesen letzteren nicht durch eine besondere neue
A r t oder eine eigentümliche, nur ihm zukommende Funktion der Psyche aus,
sondern lediglich durch einen höheren G r a d der psychischen Tätigkeit, durch
eine vollkommenere Stufe ihrer Entwickelung. Besonders ist bei vielen
Menschen das B e w u ß t s e i n höher entwickelt als bei den meisten Tieren, die
Fähigkeit der Ideenassoziation, des Denkens und der Vernunft. Indessen ist
dieser Unterschied bei weitem nicht so groß, als man gewöhnlich annimmt; und
er ist in jeder Beziehung viel geringer als der entsprechende Unterschied
zwischen den höheren und niederen Tierseelen oder selbst als der Unterschied
zwischen den höchsten und tiefsten Stufen der Menschenseele. Wenn man also
der letzteren »persönliche Unsterblichkeit« zuschreibt, so muß man sie auch den
höheren Tieren zugestehen. Diese Überzeugung von der individuellen
Unsterblichkeit der Tiere ist denn auch ganz naturgemäß bei vielen Völkern alter
und neuer Zeit zu finden.
Beweise für den Athanismus. Die Gründe, welche man seit zweitausend Jahren
für die Unsterblichkeit der Seele anführt, und welche auch heute noch dafür
geltend gemacht werden, entspringen zum größten Teile nicht dem Streben nach
Erkenntnis der Wahrheit, sondern vielmehr dem sogenannten »Bedürfnis des
Gemütes«, d. h. dem Phantasieleben und der Dichtung. Um mit K a n t zu reden,
ist die Unsterblichkeit der Seele ein unbegründetes Dogma für die r e i n e
Vernunft, ein bloßes »Postulat für die p r a k t i s c h e Vernunft«. Diese letztere
und die mit ihr zusammenhängenden »Bedürfnisse des Gemütes, der
moralischen Erziehung usw.« müssen wir aber ganz aus dem Spiele lassen, wenn
wir ehrlich und unbefangen zur reinen Erkenntnis der W a h r h e i t gelangen
wollen; denn diese ist einzig und allein durch empirisch begründete und logisch
klare Schlüsse der reinen Vernunft möglich. Es gilt also hier vom
A t h a n i s m u s dasselbe, wie vom T h e i s m u s; beide sind nur Gegenstände der mystischen Dichtung, des transzendenten »Glaubens«, nicht der vernünftig
schließenden Wissenschaft.
Wollten wir alle die einzelnen Gründe analysieren, welche für den
Unsterblichkeitsglauben geltend gemacht worden sind, so würde sich ergeben,
daß nicht ein einziger derselben wirklich w i s s e n s c h a f t l i c h ist; kein
einziger verträgt sich mit den klaren Erkenntnissen, welche wir durch die
physiologische Psychologie und die Entwickelungstheorie in den letzten
Dezennien gewonnen haben. Der t h e o l o g i s c h e Beweis, daß ein
persönlicher Schöpfer dem Menschen eine unsterbliche Seele eingehaucht habe,
ist reiner Mythus. Der k o s m o l o g i s c h e Beweis, daß die »sittliche
Weltordnung« die ewige Fortdauer der menschlichen Seele erfordere, ist
unbegründetes Dogma. Der t e l e o l o g i s c h e Beweis, daß die »höhere
Bestimmung« des Menschen eine volle Ausbildung seiner mangelhaften
irdischen Seele im Jenseits erfordere, beruht auf einem falschen Anthropismus.
Der m o r a l i s c h e Beweis, daß die Mängel und die unbefriedigten Wünsche
des irdischen Daseins durch eine »ausgleichende Gerechtigkeit« im Jenseits
befriedigt werden müssen, ist ein frommer Wunsch, weiter nichts. Der
e t h n o l o g i s c h e Beweis, daß der Glaube an die Unsterblichkeit ebenso wie
an Gott eine angeborene, allen Menschen gemeinsame Wahrheit sei, ist
tatsächlicher Irrtum. Der o n t o l o g i s c h e Beweis, daß die Seele als ein
»einfaches, immaterielles und unteilbares Wesen« unmöglich mit dem Tode
verschwinden könne, beruht auf einer ganz falschen Auffassung der psychischen
Erscheinungen; sie ist ein spiritualistischer Irrtum. Alle diese und andere
ähnliche »Beweise für den Athanismus« sind hinfällig geworden; sie sind durch
die wissenschaftliche Kritik jetzt d e f i n i t i v w i d e r l e g t.
Beweise gegen den Athanismus. Gegenüber den angeführten, sämtlich
unhaltbaren Gründen f ü r die Unsterblichkeit der Seele ist es bei der hohen
Bedeutung dieser Frage wohl zweckmäßig, die wohlbegründeten,
wissenschaftlichen Beweise g e g e n dieselbe hier kurz zusammenzufassen. Der
p h y s i o l o g i s c h e Beweis lehrt uns, daß die menschliche Seele ebenso wie
die der höheren Tiere kein selbständiges, immaterielles Wesen ist, sondern der
Kollektivbegriff für eine Summe von Gehirnfunktionen; diese sind ebenso wie
alle anderen Lebenstätigkeiten durch physikalische und chemische Prozesse
bedingt, also auch dem Substanzgesetz unterworfen. Der h i s t o l o g i s c h e
Beweis gründet sich auf den höchst verwickelten mikroskopischen Bau des
Gehirns und lehrt uns in den Ganglienzellen desselben die wahren
»Elementarorgane der Seele« kennen. Der e x p e r i m e n t e l l e Beweis
überzeugt uns, daß die einzelnen Seelentätigkeiten an einzelne Bezirke des Gehirns gebunden und ohne deren normale Beschaffenheit unmöglich sind;
werden diese Bezirke zerstört, so erlischt damit auch deren Funktion;
insbesondere gilt dies von den »Denkorganen«, den einzigen zentralen
Werkzeugen des »Geisteslebens«. Der p a t h o l o g i s c h e Beweis ergänzt den
physiologischen; wenn bestimmte Gehirnbezirke (Sprachzentrum, Sehsphäre,
Hörsphäre) durch Krankheit zerstört werden, so verschwindet auch deren Arbeit
(Sprechen, Sehen, Hören); die Natur selbst führt hier das entscheidende
physiologische Experiment aus. Der o n t o g e n e t i s c h e Beweis führt uns
unmittelbar die Tatsachen der individuellen Entwickelung der Seele vor Augen;
wir sehen, wie die Kindesseele ihre einzelnen Fähigkeiten nach und nach
entwickelt; der Jüngling bildet sich zur vollen Blüte, der Mann zur reifen Frucht
aus; im Greisenalter findet allmähliche Rückbildung der Seele statt,
entsprechend der senilen Degeneration des Gehirns. Der p h y l o g e n e t i s c h e
Beweis stützt sich auf die Paläontologie, die vergleichende Anatomie und
Physiologie des Gehirns; in ihrer gegenseitigen Ergänzung begründen diese
Wissenschaften die Gewißheit, daß das Gehirn des Menschen (und also auch
dessen Funktion, die Seele) sich stufenweise und allmählich aus demjenigen der
Säugetiere und weiterhin der niederen Wirbeltiere entwickelt hat.
Athanistische Illusionen. Die vorhergehenden Untersuchungen, die durch viele
andere Ergebnisse der modernen Wissenschaft ergänzt werden könnten, haben
das alte Dogma von der »Unsterblichkeit der Seele« als völlig unhaltbar
nachgewiesen; dasselbe kann im 20. Jahrhundert nicht mehr Gegenstand ernster
wissenschaftlicher Forschung, sondern nur noch des transzendenten
G l a u b e n s sein. Die »Kritik der reinen Vernunft« weist aber nach, daß dieser
hochgeschätzte Glaube, bei Licht betrachtet, der reine A b e r g l a u b e ist,
ebenso wie der oft damit verknüpfte Glaube an den »persönlichen Gott«. Nun
halten aber noch heute Millionen von »Gläubigen« — nicht nur aus den
niederen, ungebildeten Volksmassen, sondern aus den höheren und höchsten
Bildungskreisen — diesen Aberglauben für ihr teuerstes Besitztum, für ihren
»kostbarsten Schatz«. Es wird daher nötig sein, in den damit verknüpften
Vorstellungskreis noch etwas tiefer einzugehen und seinen wirklichen Wert einer
kritischen Prüfung zu unterziehen. Da ergibt sich denn für den objektiven
Kritiker die Einsicht, daß jener Wert zum größten Teile auf Einbildung beruht,
auf Mangel an klarem Urteil und an folgerichtigem Denken. Der definitive
Verzicht auf diese »a t h a n i s t i s c h e n I l l u s i o n e n« würde nach meiner
festen und ehrlichen Überzeugung für die Menschheit nicht nur keinen
schmerzlichen Ve r l u s t, sondern einen unschätzbaren positiven Gewinn
bedeuten.
Das menschliche »G e m ü t s b e d ü r f n i s« hält den Unsterblichkeitsglauben
besonders aus zwei Gründen fest, erstens in der Hoffnung auf ein besseres
zukünftiges Leben im Jenseits, und zweitens in der Hoffnung auf Wiedersehen
der teuren Lieben und Freunde, welche uns der Tod hier entrissen hat. Die erste
Hoffnung entspricht einem natürlichen Vergeltungsgefühl, das zwar subjektiv
berechtigt, aber objektiv ohne jeden Anhalt ist. Wir erheben Ansprüche auf
Entschädigung für die zahllosen Mängel und traurigen Erfahrungen dieses
irdischen Daseins, ohne irgend eine reale Aussicht oder Garantie dafür zu
besitzen. Wir verlangen eine unbegrenzte Dauer eines ewigen Lebens, in
welchem wir nur Lust und Freude, keine Unlust und keinen Schmerz erfahren
wollen. Die Vorstellungen der meisten Menschen über dieses »selige Leben im
Jenseits« sind höchst seltsam und um so sonderbarer, als darin die »immaterielle
Seele« sich an höchst materiellen Genüssen erfreut. Die Phantasie jeder
gläubigen Person gestaltet sich diese fortdauernde Herrlichkeit entsprechend
ihren persönlichen Wünschen. Der amerikanische Indianer, dessen Athanismus
S c h i l l e r in seiner nadowessischen Totenklage so anschaulich schildert, hofft
in seinem Paradiese die herrlichsten Jagdgründe zu finden, mit unermeßlich
vielen Büffeln und Bären; der Eskimo erwartet dort sonnenbestrahlte Eisflächen
mit einer unerschöpflichen Fülle von Eisbären, Robben und anderen Polartieren;
der sanfte Singhalese gestaltet sich sein jenseitiges Paradies entsprechend dem
wunderbaren Inselparadiese Ceylon mit seinen herrlichen Gärten und Wäldern;
nur setzt er voraus, daß jederzeit unbegrenzte Mengen von Reis und Curry, von
Kokosnüssen und anderen Früchten bereit stehen; der mohammedanische Araber
ist überzeugt, daß in seinem Paradiese blumenreiche, schattige Gärten sich
ausdehnen, durchrauscht von kühlen Quellen und bevölkert mit den schönsten
Mädchen; der katholische Fischer in Sizilien erwartet dort täglich einen Überfluß
der köstlichsten Fische und der feinsten Makkaroni, und ewigen Ablaß für alle
Sünden, die er auch im ewigen Leben noch täglich zu begehen hofft; der
evangelische Nordeuropäer hofft auf einen unermeßlichen gothischen Dom, in
welchem »ewige Lobgesänge auf den Herrn der Heerscharen« ertönen. Kurz,
jeder Gläubige erwartet von seinem ewigen Leben in Wahrheit eine direkte
Fortsetzung seines individuellen Erdendaseins, nur in einer bedeutend
»vermehrten und verbesserten Auflage«.
Besonders muß hier noch die durchaus m a t e r i a l i s t i s c h e
Grundanschauung des c h r i s t l i c h e n A t h a n i s m u s betont werden, die mit
dem absurden Dogma von der »Auferstehung des Fleisches« eng
zusammenhängt. Wie uns Tausende von Ölgemälden berühmter Meister
versinnlichen, gehen die »auferstandenen Leiber« mit ihren »wiedergeborenen
Seelen« droben im Himmel gerade so spazieren, wie hier im Jammerthal der Erde; sie schauen Gott mit ihren Augen, sie hören seine Stimme mit ihren
Ohren, sie singen Lieder zu seinen Ehren mit ihrem Kehlkopf usw. Kurz, die
modernen Bewohner des christlichen Paradieses sind ebenso Doppelwesen von
Leib und Seele, ebenso mit allen Organen des irdischen Leibes ausgestattet, wie
unsere Altvordern in Odins Saal zu Walhalla, wie die »unsterblichen« Türken
und Araber in Mohammeds lieblichen Paradiesgärten, wie die altgriechischen
Halbgötter und Helden an Zeus' Tafel im Olymp, im Genusse von Nektar und
Ambrosia.
Mag man sich dieses »ewige Leben« im Paradiese aber noch so herrlich
ausmalen, so muß dasselbe auf die Dauer unendlich langweilig werden. Und nun
gar: »E w i g!« Ohne Unterbrechung, ohne Weiterentwickelung diese ewige
individuelle Existenz fortführen! Der tiefsinnige Mythus vom »E w i g e n
J u d e n«, das vergebliche Ruhesuchen des unseligen Ahasverus sollte uns über
den Wert eines solchen »ewigen Lebens« aufklären! Das beste, was wir uns nach
einem tüchtigen, nach unserm besten Gewissen gut angewandten Leben
wünschen können, ist der ewige Friede des Grabes: »H e r r , s c h e n k e
i h n e n d i e e w i g e R u h e !«
Jeder vernünftige Gebildete, der die g e o l o g i s c h e Z e i t r e c h n u n g kennt,
und der über die lange Reihe der Jahrmillionen in der organischen Erdgeschichte
nachgedacht hat, muß bei unbefangenem Urteil zugeben, daß der banale
Gedanke des »ewigen Lebens« auch für den besten Menschen kein herrlicher
T r o s t , sondern eine furchtbare D r o h u n g ist. Nur Mangel an klarem Urteil
und folgerichtigem Denken kann dies bestreiten.
Den besten und den am meisten berechtigten Grund für den Athanismus gibt die
Hoffnung, im »ewigen Leben« die teueren Angehörigen und Freunde wieder zu
sehen, von denen uns hier auf Erden ein grausames Schicksal früh getrennt hat.
Aber auch dieses vermeintliche Glück erweist sich bei näherer Betrachtung als
Illusion; und jedenfalls würde es stark durch die Aussicht getrübt, dort auch
allen den weniger angenehmen Bekannten und den widerwärtigen Feinden zu
begegnen, die hier unser Dasein getrübt haben.
Unlösbare Schwierigkeiten bereitet auch den gläubigen Athanisten die Frage, in
welchem S t a d i u m i h r e r i n d i v i d u e l l e n E n t w i c k e l u n g die
abgeschiedene Seele ihr »ewiges Leben« fortführen soll? Sollen die
Neugeborenen erst im Himmel ihre Seele entwickeln, unter demselben harten
»Kampf ums Dasein«, der den Menschen hier auf der Erde erzieht? Soll der
talentvolle Jüngling, der dem Massenmorde des Krieges zum Opfer fällt, erst in
Walhalla seine reichen, ungenutzten Geistesgaben entwickeln? Soll der
altersschwache, kindisch gewordene Greis, der als reifer Mann die Welt mit dem Ruhm seiner Taten erfüllte, ewig als rückgebildeter Geist fortleben? Oder soll er
sich gar in ein früheres Blütestadium zurück entwickeln? Wenn aber die
unsterblichen Seelen im Olymp als v o l l k o m m e n e Wesen verjüngt fortleben
sollen, dann ist auch der Reiz und das Interesse der P e r s ö n l i c h k e i t für sie
ganz verschwunden.
Ebenso unhaltbar erscheint uns heute im Lichte der reinen Vernunft der
anthropistische Mythus vom »j ü n g s t e n G e r i c h t«, von der Scheidung aller
Menschenseelen in zwei große Haufen, von denen der eine zu den e w i g e n
Freuden des Paradieses, der andere zu den e w i g e n Qualen der Hölle bestimmt
ist — und das von einem persönlichen Gott, welcher »der Vater der Liebe« ist!
Hat doch dieser liebende Allvater selbst die Bedingungen der Vererbung und
Anpassung »geschaffen«, unter denen sich einerseits die bevorzugten
Glücklichen n o t w e n d i g zu straflosen Seligen, andererseits die unglücklichen
Armen und Elenden ebenso n o t w e n d i g zu strafwürdigen Verdammten
entwickeln mußten.
Eine kritische Vergleichung der unzähligen bunten Phantasiegebilde, welche der
Unsterblichkeitsglaube der verschiedenen Völker und Religionen seit
Jahrtausenden erzeugt hat, gewährt das merkwürdigste Bild; eine
hochinteressante, auf ausgedehnte Quellenstudien gegründete Darstellung
derselben hat A d a l b e r t S v o b o d a gegeben in seinen ausgezeichneten
Werken: »Seelenwahn« (1886) und »Gestalten des Glaubens« (1897). Wie
absurd uns auch die meisten dieser Mythen erscheinen mögen, wie unvereinbar
sie sämtlich mit der vorgeschrittenen Naturerkenntnis der Gegenwart sind, so
spielen sie dennoch auch heute eine höchst wichtige Rolle und üben trotzdem als
»Postulate der praktischen Vernunft« den größten Einfluß auf die
Lebensanschauungen der Individuen und die Geschicke der Völker.
Die idealistische und spiritualistische Philosophie der Gegenwart wird nun
freilich zugeben, daß diese herrschenden materialistischen Formen des
Unsterblichkeitsglaubens unhaltbar seien, und sie wird behaupten, daß an ihre
Stelle die geläuterte Vorstellung von einem immateriellen Seelenwesen, von
einer platonischen Idee oder einer transzendenten Seelensubstanz treten müsse.
Allein mit diesen unfaßbaren Vorstellungen kann die realistische
Naturanschauung der Gegenwart absolut nichts anfangen; sie befriedigen weder
das Kausalitätsbedürfnis unseres Verstandes, noch die Wünsche unseres
Gemütes. Fassen wir alles zusammen, was vorgeschrittene Anthropologie,
Psychologie und Kosmologie der Gegenwart über den Athanismus ergründet
haben, so müssen wir zu dem bestimmten Schlusse kommen: »Der Glaube an
die Unsterblichkeit der menschlichen Seele ist ein Dogma, welches den sichersten Erfahrungssätzen der modernen Naturwissenschaft völlig
widerspricht.«