Die Welträtsel

Ernst Haeckel · Kapitel 19 von 26

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Die Welträtsel

Fünfzehntes Kapitel. Gott und Welt.

F ü n f z e h n t e s K a p i t e l .

 

Gott und Welt.

 

Monistische Studien über Theismus und Pantheismus. Der

anthropistische Monotheismus der drei großen Mediterran-Religionen.

Extramundaner und intramundaner Gott.

Als letzten und höchsten Urgrund aller Erscheinungen betrachtet die Menschheit

seit Jahrtausenden eine bewirkende Ursache unter dem Begriffe G o t t (Deus,

Theos). Wie alle anderen allgemeinen Begriffe, so ist auch dieser höchste

Grundbegriff im Laufe der Vernunftentwickelung den bedeutendsten

Umbildungen und den mannigfaltigsten Abartungen unterworfen gewesen. Ja

man kann sagen, daß kein anderer Begriff so sehr umgestaltet und abgeändert

worden ist; denn kein anderer berührt in gleich hohem Maße sowohl die

höchsten Aufgaben des erkennenden Verstandes und der vernünftigen

Wissenschaft als auch zugleich die tiefsten Interessen des gläubigen Gemütes

und der dichtenden Phantasie.

Eine vergleichende Kritik der zahlreichen verschiedenen Hauptformen der

Gottesvorstellung ist zwar höchst interessant und lehrreich, würde uns hier aber

viel zu weit führen; wir müssen uns damit begnügen, nur auf die wichtigsten

Gestaltungen der Gottesidee und auf ihre Beziehung zu unserer heutigen, durch

die reine Naturerkenntnis bedingten Weltanschauung einen flüchtigen Blick zu

werfen.

Wenn wir von allen feineren Abtönungen und bunten Gewandungen des

Gottesbildes absehen, können wir füglich — mit Beschränkung auf den tiefsten

Inhalt desselben — alle verschiedenen Vorstellungen darüber in zwei

entgegengesetzte Hauptgruppen ordnen, in die t h e i s t i s c h e und die

p a n t h e i s t i s c h e Gruppe. Die letztere ist eng verknüpft mit der

m o n i s t i s c h e n oder rationellen, die erstere mit der d u a l i s t i s c h e n oder

mystischen Weltanschauung.

I . Theismus: Gott und Welt sind zwei verschiedene Wesen. Gott steht der Welt

gegenüber als deren Schöpfer, Erhalter und Regierer. Dabei wird Gott stets mehr

oder weniger menschenähnlich gedacht, als ein Organismus, welcher dem

Menschen ähnlich (wenn auch in höchst vollkommener Form) denkt und

handelt. Dieser a n t h r o p o m o r p h e G o t t, den die verschiedenen Naturvölker offenbar unabhängig voneinander mehrmals erdacht haben,

unterliegt in ihrer Phantasie bereits den mannigfaltigsten Abstufungen, vom

Fetischismus aufwärts bis zu den geläuterten monotheistischen Religionen der

Gegenwart. Als wichtigste Unterarten der theistischen Begriffsbildung

unterscheiden wir Polytheismus, Triplotheismus, Amphitheismus und

Monotheismus.

Polytheismus (Vielgötterei). Die Welt ist von vielen verschiedenen Göttern

bevölkert, welche mehr oder weniger selbständig in deren Getriebe eingreifen.

Der F e t i s c h i s m u s findet dergleichen untergeordnete Götter in den

verschiedensten leblosen Naturkörpern, in den Steinen, im Wasser, in der Luft, in

menschlichen Kunstprodukten einfachster Art. Der D ä m o n i s m u s erblickt

Götter in lebendigen Organismen, in Bäumen, Tieren und Menschen. Diese

Vielgötterei nimmt schon in den niedersten Religionsformen der rohen

Naturvölker sehr mannigfaltige Formen an. Sie erscheint auf der höchsten Stufe

geläutert im h e l l e n i s c h e n P o l y t h e i s m u s, in jenen herrlichen

Göttersagen des alten Griechenlands, welche noch heute unserer modernen

Kunst die schönsten Vorbilder für Poesie und Bildnerei liefern. Auf viel tieferer

Stufe steht der k a t h o l i s c h e P o l y t h e i s m u s, in dem zahlreiche

»Heilige« als untergeordnete Gottheiten angebetet und um gütige Vermittelung

beim obersten Gott oder bei der »Jungfrau Maria« ersucht werden.

Triplotheismus (Dreigötterei, Trinitätslehre). Die Lehre von der

»D r e i e i n i g k e i t G o t t e s«, welche heute noch im Glaubensbekenntnis der

christlichen Kulturvölker die grundlegenden »drei Glaubensartikel« bildet,

gipfelt bekanntlich in der Vorstellung, daß der E i n e G o t t des Christentums

eigentlich in Wahrheit aus d r e i P e r s o n e n von verschiedenem Wesen sich

zusammensetzt: I. G o t t d e r Va t e r ist der »allmächtige Schöpfer Himmels

und der Erde« (dieser unhaltbare Mythus ist durch die wissenschaftliche

Kosmogenie, Astronomie und Geologie längst widerlegt). I I. J e s u s

C h r i s t u s ist der »eingeborene Sohn Gottes des Vaters« (und zugleich der

dritten Person, des »Heiligen Geistes«!!), erzeugt durch unbefleckte Empfängnis

der Jungfrau Maria. III. Der H e i l i g e G e i s t, ein mystisches Wesen, über

dessen unbegreifliches Verhältnis zum »Sohne« und zum Vater sich viele

christliche Theologen seit 1900 Jahren den Kopf ganz umsonst zerbrochen

haben. Die Evangelien, die doch die einzigen lauteren Quellen dieses

c h r i s t l i c h e n T r i p l o t h e i s m u s sind, lassen uns über die eigentlichen

Beziehungen dieser drei Personen zu einander völlig im Dunkeln und geben auf

die Frage nach ihrer rätselhaften Einheit keine irgendwie befriedigende Antwort.

Dagegen müssen wir besonders darauf hinweisen, welche Verwirrung diese unklare und mystische Trinitätslehre in den Köpfen unserer Kinder schon beim

ersten Schulunterricht notwendig anrichten muß. Montag morgens in der ersten

Unterrichtsstunde (Religion) lernen sie: Dreimal eins ist eins! — und gleich

darauf in der zweiten Stunde (Rechnen): Dreimal eins ist drei! Ich erinnere mich

selbst sehr wohl noch der Bedenken, welche dieser auffällige Widerspruch in mir

selbst beim ersten Unterricht erregte. — Übrigens ist die »D r e i e i n i g k e i t«

im Christentum keineswegs originell, sondern gleich den meisten anderen

Lehren desselben aus älteren Religionen übernommen. Aus dem Sonnendienste

der chaldäischen Magier entwickelt sich die Trinität der I l u, der

geheimnisvollen Urquelle der Welt; ihre drei Offenbarungen waren A n u, das

ursprüngliche Chaos, B e l, der Ordner der Welt, und A o, das himmlische Licht,

die alles erleuchtende Weisheit. — In der Brahmanenreligion wird die

T r i m u r t i als »Gotteseinheit« ebenfalls aus drei Personen zusammengesetzt,

aus B r a h m a (dem Schöpfer), W i s c h n u (dem Erhalter) und S c h i w a (dem

Zerstörer).

Amphitheismus (Zweigötterei). Die Welt wird von zwei verschiedenen Göttern

regiert, einem guten und einem bösen Wesen, G o t t und T e u f e l. Beide

Weltregenten befinden sich in einem beständigen Kampfe, wie Kaiser und

Gegenkaiser, Papst und Gegenpapst. Das Ergebnis dieses Kampfes ist jederzeit

der gegenwärtige Zustand der Welt. Der liebe G o t t, als das gute Wesen, ist der

Urquell des Guten und Schönen, der Lust und Freude. Die Welt würde

vollkommen sein, wenn sein Wirken nicht beständig durchkreuzt würde von dem

bösen Wesen, dem T e u f e l; dieser schlimme Satanas ist die Ursache alles

Bösen und Häßlichen, der Unlust und des Schmerzes.

Dieser A m p h i t h e i s m u s ist unter allen verschiedenen Formen des

Götterglaubens insofern der vernünftigste, als sich seine Theorie am ersten mit

einer wissenschaftlichen Welterklärung verträgt. Wir finden ihn daher schon

mehrere Jahrtausende vor Christus bei verschiedenen Kulturvölkern des

Altertums ausgebildet. Im alten Indien kämpft W i s c h n u, der Erhalter, mit

S c h i w a, dem Zerstörer. Im alten Ägypten steht dem guten O s i r i s der böse

T y p h o n gegenüber. In der Zendreligion der alten Perser, von Zoroaster 2000

Jahre vor Christus gegründet, herrscht beständiger Kampf zwischen O r m u d z,

dem guten Gott des Lichtes, und A h r i m a n, dem bösen Gott der Finsternis.

Keine geringere Rolle spielt der Teufel als Gegner des guten Gottes in der

Mythologie des Christentums als der Versucher und Verführer, der Fürst der

Hölle und Herr der Finsternis. Als persönlicher S a t a n a s war er auch noch im

Anfange des 19. Jahrhunderts ein wesentliches Element im Glauben der meisten

Christen; erst gegen die Mitte desselben wurde er mit zunehmender Aufklärung allmählich abgesetzt, oder er mußte sich mit jener Rolle begnügen, welche ihm

G o e t h e in der größten aller dramatischen Dichtungen, im »Faust«, als

M e p h i s t o p h e l e s zuteilt. Gegenwärtig gilt in den besseren gebildeten

Kreisen der »Glaube an den persönlichen Teufel« als ein überwundener

Aberglaube des Mittelalters, während gleichzeitig der »Glaube an Gott« (d. h.

den persönlichen, guten und lieben Gott) als ein unentbehrlicher Bestandteil der

Religion festgehalten wird. Und doch ist der erstere Glaube ebenso voll

berechtigt (vielmehr ebenso haltlos!) wie der letztere! Jedenfalls erklärt sich die

vielbeklagte »Unvollkommenheit des Erdenlebens« viel einfacher und

natürlicher durch diesen Kampf des guten und bösen Gottes als durch irgend

welche andere Form des Gottesglaubens.

Monotheismus (Eingötterei). Die Lehre von der Einheit Gottes kann in vieler

Beziehung als die einfachste und natürlichste Form der Gottesverehrung gelten.

Nach der allgemeinen Meinung ist sie die weitest verbreitete Grundlage der

Religion und beherrscht namentlich den Kirchenglauben der Kulturvölker.

Tatsächlich ist dies jedoch nicht der Fall; denn der angebliche

M o n o t h e i s m u s erweist sich bei näherer Betrachtung meistens als eine der

vorher angeführten Formen des Theismus, indem neben dem obersten

»Hauptgotte« noch einer oder mehrere Nebengötter angebetet werden. Auch sind

die meisten Religionen, welche einen rein monotheistischen Ausgangspunkt

haben, im Laufe der Zeit mehr oder minder polytheistisch geworden. Allerdings

behauptet die moderne Statistik, daß unter den 1500 Millionen Menschen,

welche unsere Erde bevölkern, die große Mehrzahl M o n o t h e i s t e n seien;

a n g e b l i c h sollen davon u n g e f ä h r 600 Millionen Brahma-Buddhisten sein,

500 Millionen (sogenannte!) Christen, 200 Millionen Heiden (verschiedenster

Sorte), 180 Millionen Mohammedaner, 10 Millionen Israeliten und 10 Millionen

ganz religionslos. Allein die große Mehrzahl der angeblichen Monotheisten hat

ganz unklare Gottesvorstellungen oder glaubt neben dem einen Hauptgott auch

noch an viele Nebengötter, als da sind: Engel, Teufel, Dämonen usw. Die

verschiedenen Formen, in denen sich der Monotheismus p o l y p h y l e t i s c h

entwickelt hat, können wir in zwei Hauptgruppen bringen: naturalistische und

anthropistische Eingötterei.

Naturalistischer Monotheismus. Diese alte Form der Religion erblickt die

Verkörperung Gottes in einer erhabenen, alles beherrschenden Naturerscheinung.

Als solche imponierte schon vor vielen Jahrtausenden den Menschen vor allem

die S o n n e, die leuchtende und erwärmende Gottheit, von deren Einfluß

sichtlich alles organische Leben unmittelbar abhängig ist. Der

S o n n e n k u l t u s oder Solarismus kann für den modernen Naturforscher wohl unter allen theistischen Glaubensformen als die würdigste erscheinen. Denn

unsere moderne Astrophysik und Geogenie hat uns überzeugt, daß die Erde ein

abgelöster Teil der Sonne ist und später wieder in ihren Schoß zurückkehren

wird. Die moderne Physiologie lehrt uns, daß der erste Urquell des organischen

Lebens auf der Erde die Plasmabildung ist und daß diese Synthese von einfachen

anorganischen Verbindungen, von Wasser, Kohlensäure und Ammoniak nur

unter dem Einflusse des S o n n e n l i c h t e s erfolgt. Auf die primäre

Entwickelung der P f l a n z e n ist erst nachträglich, sekundär, diejenige der

T i e r e gefolgt, die sich direkt oder indirekt von ihnen nähren; und die

Entstehung des Menschengeschlechtes selbst ist wiederum nur ein späterer

Vorgang in der Stammesgeschichte des Tierreichs. Auch unser gesamtes

körperliches und geistiges Menschenleben ist ebenso wie alles andere organische

Leben im letzten Grunde auf die strahlende, Licht und Wärme spendende Sonne

zurückzuführen. Unbefangen und vernünftig betrachtet, erscheint daher der

S o n n e n k u l t u s als n a t u r a l i s t i s c h e r M o n o t h e i s m u s besser

begründet als der anthropistische Gottesdienst der Christen und anderer

Kulturvölker, welche Gott in Menschengestalt sich vorstellen. Tatsächlich haben

auch schon vor Jahrtausenden die Sonnenanbeter sich auf eine höhere

intellektuelle und moralische Bildungsstufe erhoben als die meisten anderen

Theisten. Als ich im November 1881 in Bombay war, betrachtete ich mit der

größten Teilnahme die erhebenden Andachtsübungen der frommen Parsi, welche

beim Aufgang und Untergang der Sonne, am Meeresstrande stehend oder auf

ausgebreitetem Teppich kniend, dem kommenden und scheidenden Tagesgestirn

ihre Verehrung bezeugten (Indische Reisebriefe, IV. Aufl., S. 56).

Anthropistischer Monotheismus. Die Vermenschlichung Gottes, die

Vorstellung, daß das »höchste Wesen« dem Menschen gleich empfindet, denkt

und handelt (wenn auch in erhabenster Form), spielt als a n t h r o p o m o r p h e r

M o n o t h e i s m u s die größte Rolle in der Kulturgeschichte. Vor allen anderen

treten hier in den Vordergrund die drei großen Religionen der mediterranen

Menschenart, die ältere mosaische, die mittlere christliche und die jüngere

mohammedanische. Diese d r e i g r o ß e n M i t t e l m e e r - R e l i g i o n e n,

alle drei an der gesegneten Ostküste des interessantesten aller Meere entstanden,

alle drei in ähnlicher Weise von einem phantasiereichen Schwärmer semitischer

Rasse gestiftet, hängen nicht nur äußerlich durch diesen gemeinsamen Ursprung

innig zusammen, sondern auch durch zahlreiche gemeinsame Züge ihrer inneren

Glaubensvorstellungen. Wie das Christentum einen großen Teil seiner

Mythologie aus dem älteren Judentum direkt übernommen hat, so hat der

jüngere Islam wiederum von diesen beiden Religionen viele Erbschaften

beibehalten. Alle drei Mediterran-Religionen waren ursprünglich rein m o n o t h e i s t i s c h; alle drei sind späterhin den mannigfaltigsten

p o l y t h e i s t i s c h e n Umbildungen unterlegen, je weiter sie sich zunächst an

den vielteiligen Küsten des mannigfach bevölkerten Mittelmeers und sodann in

den übrigen Erdteilen ausbreiteten.

Der Mosaismus. Der jüdische Monotheismus, wie ihn M o s e s (1600 vor Chr.)

begründete, gilt gewöhnlich als diejenige Glaubensform des Altertums, welche

die höchste Bedeutung für die weitere ethische und religiöse Entwickelung der

Menschheit besitzt. Unzweifelhaft ist ihr dieser hohe historische Wert schon

deshalb zuzugestehen, weil die beiden anderen weltbeherrschenden Mediterran-

Religionen aus ihr hervorgegangen sind; Christus steht ebenso auf den Schultern

von Moses, wie später Mohammed auf den Schultern von beiden. Ebenso ruht

das Neue Testament, welches in der kurzen Zeitspanne von 1900 Jahren das

Glaubens-Fundament der höchstentwickelten Kulturvölker gebildet hat, auf der

Basis des Alten Testaments. Beide zusammengenommen haben als B i b e l einen

Einfluß und eine Verbreitung gewonnen wie kein anderes Buch in der Welt.

Wenn wir aber diese merkwürdige Geschichtsquelle unbefangen und

vorurteilslos prüfen, so stellen sich viele wichtige Beziehungen ganz anders dar,

als gelehrt wird. Auch hier hat die tiefer eindringende moderne Kritik und

Kulturgeschichte wichtige Aufschlüsse geliefert, welche die geltende Tradition

in ihren Fundamenten erschüttern.

Der Monotheismus, wie ihn Moses im Jehovahdienste zu begründen suchte, und

wie ihn später mit großem Erfolge die P r o p h e t e n ausbildeten, hatte

ursprünglich harte und lange Kämpfe mit dem herrschenden älteren

Polytheismus zu bestehen. Ursprünglich war J e h o v a h oder Japheh aus jenem

Himmelsgotte abgeleitet, der als Moloch oder Baal eine der meistverehrten

orientalischen Gottheiten war. Die vielbesprochenen Forschungen der modernen

Assyriologen über »B i b e l u n d B a b e l« (Delitzsch u. a.) haben gelehrt, daß

der monotheistische Japhehglaube schon lange vor Moses in Babylon heimisch

war. Daneben aber blieben andere Götter vielfach in hohem Ansehen, und der

Kampf mit der »Abgötterei« bestand im jüdischen Volke immer fort. Trotzdem

blieb im Prinzipe Jehovah der alleinige Gott, der im ersten der zehn Gebote

Mosis ausdrücklich sagt: »Ich bin der Herr dein Gott, du sollst nicht andere

Götter haben neben mir.«

Das Christentum. Der christliche Monotheismus teilte das Schicksal seiner

Mutter, des Mosaismus, und blieb wahre Eingötterei meistens nur theoretisch im

Prinzip, während er praktisch in die mannigfaltigsten Formen des Polytheismus

sich verwandelte. Eigentlich war ja schon in der Trinitätslehre selbst, die doch

als ein unentbehrliches Fundament der christlichen Religion gilt, der Monotheismus logischerweise aufgegeben. Die d r e i P e r s o n e n, die als

Vater, Sohn und Heiliger Geist unterschieden werden, sind und bleiben ebenso

drei verschiedene I n d i v i d u e n (und zwar anthropomorphe Personen!) wie die

drei indischen Gottheiten der Trimurti (Brahma, Wischnu, Schiwa). Dazu kommt

noch, daß in den weiterverbreiteten Abarten des Christianismus als vierte

Gottheit die Jungfrau Maria, als unbefleckte Mutter Christi, eine große Rolle

spielt; in weiten katholischen Kreisen gilt sie sogar als viel wichtiger und

einflußreicher als die drei männlichen Personen der Himmelsregierung. Der

M a d o n n e n k u l t u s hat hier tatsächlich eine solche Bedeutung gewonnen,

daß man ihn als einen w e i b l i c h e n M o n o t h e i s m u s der gewöhnlichen

männlichen Form der Eingötterei gegenüberstellen kann. Die »hehre

Himmelskönigin« erscheint hier so sehr im Vordergrund aller Vorstellungen (wie

es auch unzählige Madonnenbilder und Sagen bezeugen), daß die drei

männlichen Personen dagegen ganz zurücktreten.

Nun hat sich aber außerdem schon frühzeitig in der Phantasie der gläubigen

Christen eine zahlreiche Gesellschaft von »H e i l i g e n« aller Art zu dieser

obersten Himmelsregierung gesellt, und musikalische Engel sorgen dafür, daß es

im »ewigen Leben« an Konzertgenüssen nicht fehlt. Die römischen Päpste —

die größten Charlatans, die jemals eine Religion hervorgebracht hat! — sind

beständig beflissen, durch neue Heiligsprechungen die Zahl dieser

anthropomorphen Himmelstrabanten zu vermehren. Den reichsten und

interessantesten Zuwachs hat aber diese seltsame Paradiesgesellschaft am

13. Juli 1870 dadurch bekommen, daß das vatikanische Konzil die Päpste als

Stellvertreter Christi für u n f e h l b a r erklärt und sie damit selbst zum Range

von G ö t t e r n erhoben hat. Nimmt man dazu noch den von ihnen anerkannten

»persönlichen Teufel« und die »bösen Engel«, welche seinen Hofstaat bilden, so

gewährt uns der P a p i s m u s, die heute noch meistverbreitete Form des

modernen Christentums, ein so buntes Bild des reichsten anthropistischen

P o l y t h e i s m u s, daß der hellenische Olymp im Vergleiche dazu klein und

dürftig erscheint.

Der Islam (oder der m o h a m m e d a n i s c h e M o n o t h e i s m u s) ist die

jüngste Form der Eingötterei. Als der junge Mohammed (geb. 570) frühzeitig

den polytheistischen Götzendienst seiner arabischen Stammesgenossen

verachten und das Christentum der Nestorianer kennen lernte, eignete er sich

zwar ihre Grundlehren im allgemeinen an; er konnte sich aber nicht

entschließen, in Christus etwas anderes zu erblicken als einen Propheten, gleich

Moses. Im Dogma der Dreieinigkeit fand er das, was bei unbefangenem

Nachdenken jeder vorurteilsfreie Mensch darin finden muß, einen widersinnigen Glaubenssatz, der weder mit den Grundsätzen unserer Vernunft vereinbar noch

für unsere religiöse Erhebung von irgend welchem Werte ist. Die Anbetung der

unbefleckten Jungfrau Maria als der »Mutter Gottes« betrachtete er ebenso als

eitle Götzendienerei wie die Verehrung von Bildern und Bildsäulen. Je länger er

darüber nachdachte, und je mehr er nach einer reineren Gottesvorstellung

hinstrebte, desto klarer wurde ihm die Gewißheit seines Hauptsatzes: »Gott ist

der alleinige Gott«; es gibt keine anderen Götter neben ihm.

Allerdings konnte auch Mohammed sich von dem Anthropomorphismus der

Gottesvorstellung nicht frei machen. Auch sein alleiniger Gott blieb ein

idealisierter, allmächtiger Mensch, ebenso wie der strenge, strafende Gott des

Moses, ebenso wie der milde, liebende Gott des Christus. Aber trotzdem kann

man der mohammedanischen Religion den Vorzug lassen, daß sie auch im

Verlaufe ihrer historischen Entwickelung und unvermeidlichen Abartung den

ursprünglichen reinen Charakter strenger bewahrte als die mosaische und die

christliche Religion. Das zeigt sich auch heute noch äußerlich in den

Gebetsformen und Predigtweisen ihres Kultus, wie in der Architektur und

Ausschmückung ihrer Gotteshäuser. Als ich 1873 zum ersten Male den Orient

besuchte und die herrlichen Moscheen in Kairo und Smyrna, in Brussa und

Konstantinopel bewunderte, erfüllten mich mit wahrer Andacht die einfache und

geschmackvolle Dekoration des Innern, der erhabene und zugleich prächtige

architektonische Schmuck des Äußern. Wie edel und erhaben erscheinen diese

Moscheen im Vergleiche zu der Mehrzahl der katholischen Kirchen, welche

innen mit bunten Bildern und goldenem Flitterkram überladen, außen durch

übermäßige Fülle von Menschen- und Tierfiguren verunstaltet sind! Nicht

minder schön erscheinen die stillen Gebete und die einfachen Andachtsübungen

des Koran im Vergleiche mit dem lauten, unverstandenen Wortgeplapper der

katholischen Messen und der lärmenden Musik ihrer theatralischen

Prozessionen.

Mixotheismus (Mischgötterei). Unter diesem Begriffe kann man füglich alle

diejenigen Formen des Götterglaubens zusammenfassen, welche

M i s c h u n g e n von religiösen Vorstellungen verschiedener und zum Teil direkt

widersprechender Art enthalten. Theoretisch ist diese weitestverbreitete

Religionsform bisher nirgends anerkannt. Praktisch aber ist sie die wichtigste

und merkwürdigste von allen. Denn die große Mehrzahl der Menschen, die sich

überhaupt religiöse Vorstellungen bildeten, waren von jeher und sind noch heute

M i x o t h e i s t e n; ihre Gottesvorstellung ist bunt gemischt aus den frühzeitig in

der Kindheit eingeprägten Glaubenssätzen ihrer speziellen Konfession und aus

vielen verschiedenen Eindrücken, welche später bei der Berührung mit anderen Glaubensformen empfangen werden, und welche die ersteren modifizieren. Bei

vielen Gebildeten kommen dazu noch der umgestaltende Einfluß

philosophischer Studien im reiferen Alter und vor allem die unbefangene

Beschäftigung mit den Erscheinungen der Natur, welche die Nichtigkeit der

theistischen Glaubensbilder dartun. Der Kampf dieser widersprechenden

Vorstellungen, welcher für feiner empfindende Gemüter äußerst schmerzlich ist

und oft das ganze Leben hindurch unentschieden bleibt, offenbart klar die

ungeheure Macht der Ve r e r b u n g alter Glaubenssätze einerseits und der

frühzeitigen A n p a s s u n g an irrtümliche Lehren andererseits. Die besondere

Konfession, in welche das Kind von frühester Jugend an durch die Eltern

eingezwängt wurde, bleibt meistens in der Hauptsache maßgebend, falls nicht

später durch den stärkeren Einfluß eines anderen Glaubensbekenntnisses eine

Konversion eintritt. Aber auch bei diesem Übertritt von einer Glaubensform zur

anderen ist oft der neue Name, ebenso wie der alte aufgegebene, nur eine äußere

Etikette, unter welcher bei näherer Untersuchung die allerverschiedensten

Überzeugungen und Irrtümer sich bunt gemischt verstecken. Die große Mehrzahl

der sogenannten Christen sind nicht Monotheisten (wie sie glauben), sondern

Amphitheisten, Triplotheisten oder Polytheisten. Dasselbe gilt aber auch von den

Bekennern des Islam und des Mosaismus, wie von anderen monotheistischen

Religionen. Überall gesellen sich zu der ursprünglichen Vorstellung des

»alleinigen oder dreieinigen Gottes« später erworbene Glaubensbilder von

untergeordneten Gottheiten: Engeln, Teufeln, Heiligen und anderen Dämonen,

eine bunte Mischung der verschiedensten theistischen Gestalten.

Wesen des Theismus. Alle hier angeführten Formen des Theismus im

eigentlichen Sinne haben gemeinsam die Vorstellung Gottes als des

A u ß e r w e l t l i c h e n oder Ü b e r n a t ü r l i c h e n. Immer steht Gott als

selbständiges Wesen der Welt oder der Natur gegenüber, meistens als Schöpfer,

Erhalter und Regierer der Welt. In den allermeisten Religionen kommt dazu

noch der Charakter des P e r s ö n l i c h e n und bestimmter noch die Vorstellung,

daß Gott als Person dem Menschen ähnlich ist. »In seinen Göttern malet sich der

Mensch.« Dieser A n t h r o p o m o r p h i s m u s G o t t e s, die Vorstellung eines

Wesens, welches gleich dem Menschen denkt, empfindet und handelt, ist bei der

großen Mehrzahl der Gottesgläubigen maßgebend, bald in mehr roher und

naiver, bald in mehr feiner und abstrakter Form. Allerdings wird die

fortgeschrittenste Form der Theosophie behaupten, daß Gott als höchstes Wesen

von absoluter Vollkommenheit und daher gänzlich von dem unvollkommenen

Wesen des Menschen verschieden sei. Allein bei genauerer Untersuchung bleibt

immer das Gemeinsame beider ihre Seelen-oder Geistestätigkeit.

Der persönliche Anthropismus Gottes ist bei der großen Mehrzahl der

Gläubigen zu einer so geläufigen Vorstellung geworden, daß sie keinen Anstoß

an der menschlichen Personifikation Gottes in Bildern und Statuen nehmen, und

an den mannigfaltigen Dichtungen der Phantasie, in welchen Gott menschliche

Gestalt annimmt. In vielen Mythen erscheint die Person Gottes auch in Gestalt

anderer Säugetiere (Affen, Löwen, Stiere usw.), seltener in Gestalt von Vögeln

(Adler, Tauben, Schwäne) oder in Form von anderen Wirbeltieren (Schlangen,

Krokodile, Drachen).

In den höheren und abstrakteren Religionsformen wird diese körperliche

Erscheinung aufgegeben und Gott nur als »r e i n e r G e i s t« ohne Körper

verehrt. »Gott ist ein Geist, und wer ihn anbetet, soll ihn im Geist und in der

Wahrheit anbeten.« Trotzdem bleibt aber die Seelentätigkeit dieses reinen

Geistes ganz dieselbe wie diejenige der anthropomorphen Gottesperson. In

Wirklichkeit wird auch dieser immaterielle Geist nicht unkörperlich, sondern

unsichtbar gedacht, gasförmig.

II. Pantheismus (All-Eins-Lehre): G o t t u n d W e l t s i n d e i n

e i n z i g e s W e s e n . Der Begriff Gottes fällt mit demjenigen der N a t u r oder

der S u b s t a n z zusammen. Diese pantheistische Weltanschauung steht im

Prinzip sämtlichen angeführten und allen sonst noch möglichen Formen des

T h e i s m u s schroff gegenüber, wenngleich man durch Entgegenkommen von

beiden Seiten die tiefe Kluft zwischen beiden zu überbrücken, sich vielfach

bemüht hat. Immer bleibt zwischen beiden der fundamentale Gegensatz

bestehen, daß im T h e i s m u s Gott als außerweltliches oder

e x t r a m u n d a n e s Wesen der Natur schaffend und erhaltend gegenübersteht

und v o n a u ß e n auf sie einwirkt, während im P a n t h e i s m u s Gott als

innerweltliches oder i n t r a m u n d a n e s Wesen allenthalben die Natur selbst ist

und als denkende Substanz, als »Kraft oder Energie« tätig ist. Diese letztere

Ansicht allein ist vereinbar mit dem S u b s t a n z g e s e t z e. Daher ist

notwendigerweise d e r P a n t h e i s m u s d i e W e l t a n s c h a u u n g

u n s e r e r m o d e r n e n N a t u r w i s s e n s c h a f t.

Da der P a n t h e i s m u s erst aus der geläuterten Naturbetrachtung des

denkenden Kulturmenschen hervorgehen konnte, ist er begreiflicherweise viel

jünger als der T h e i s m u s, dessen roheste Formen sicher schon vor mehr als

zehntausend Jahren bei den primitiven Naturvölkern in mannigfaltigen

Variationen ausgebildet wurden. Wenn auch in den ersten Anfängen der

Philosophie bei den ältesten Kulturvölkern (in Indien und Ägypten, in China und

Japan) schon mehrere Jahrtausende vor Christus Keime des Pantheismus in

verschiedenen Religionsformen eingestreut sich finden, so tritt doch eine bestimmte philosophische Fassung desselben erst in dem H y l o z o i s m u s

d e r i o n i s c h e n N a t u r p h i l o s o p h e n auf, in der ersten Hälfte des

6. Jahrhunderts vor Chr. Alle großen Denker dieser Blüteperiode des

hellenischen Geistes überragt der gewaltige A n a x i m a n d e r von Milet, der

die prinzipielle Einheit des u n e n d l i c h e n W e l t g a n z e n tief und klar

erfaßte. Nicht nur den großen Gedanken der ursprünglichen E i n h e i t des

Kosmos, der E n t w i c k e l u n g aller Erscheinungen aus der alles

durchdringenden U r m a t e r i e, hatte A n a x i m a n d e r bereits ausgesprochen,

sondern auch die kühne Vorstellung von zahllosen, in periodischem W e c h s e l

entstehenden und vergehenden Weltbildungen.

Auch viele von den folgenden großen Philosophen des klassischen Altertums,

vor allen D e m o k r i t o s, H e r a k l i t o s und E m p e d o k l e s, hatten in

gleichem oder ähnlichem Sinne tief eindringend bereits jene Einheit von Natur

und Gott, von Körper und Geist erfaßt, welche im Substanzgesetze unseres

heutigen M o n i s m u s den bestimmtesten Ausdruck gewonnen hat. Der große

römische Dichter und Naturphilosoph L u c r e t i u s C a r u s hat ihn in seinem

berühmten Lehrgedichte »De rerum natura« in hochpoetischer Form dargestellt.

Allein dieser naturwahre pantheistische Monismus wurde bald ganz

zurückgedrängt durch den mystischen Dualismus von P l a t o und besonders

durch den gewaltigen Einfluß, den seine idealistische Philosophie durch die

Verschmelzung mit den christlichen Glaubenslehren gewann. Als sodann deren

mächtigster Anwalt, der römische Papst, die geistige Weltherrschaft gewann,

wurde der Pantheismus gewaltsam unterdrückt; G i o r d a n o B r u n o, sein

geistvollster Vertreter, wurde am 17. Februar 1600 auf dem Campo Fiori in Rom

von dem »Stellvertreter Gottes« lebendig verbrannt.

Erst in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts wurde durch den großen

B a r u c h S p i n o z a das System des Pantheismus in reinster Form ausgebildet;

er stellte für die Gesamtheit der Dinge den reinen S u b s t a n z b e g r i f f auf, in

welchem »Gott und Welt« untrennbar vereinigt sind. Wir müssen die Klarheit,

Sicherheit und Folgerichtigkeit des monistischen Systems von S p i n o z a heute

um so mehr bewundern, als diesem gewaltigen Denker vor 250 Jahren noch alle

die sicheren empirischen Fundamente fehlten, die wir erst in der zweiten Hälfte

des 19. Jahrhunderts gewonnen haben. Das Verhältnis von S p i n o z a zum

späteren M a t e r i a l i s m u s im 18. und zu unserem heutigen M o n i s m u s im

19. Jahrhundert haben wir bereits im ersten Kapitel besprochen. Zur weiteren

Verbreitung desselben, besonders im deutschen Geistesleben, haben vor allem

die unsterblichen Werke unseres größten Dichters und Denkers beigetragen,

W o l f g a n g G o e t h e. Seine herrlichen Dichtungen »Gott und Welt«, »Prometheus«, »Faust« usw. hüllen die Grundgedanken des Pantheismus in die

vollkommenste und schönste dichterische Form.

Die Beziehungen unseres heutigen Monismus zu den früheren philosophischen

Systemen, sowie die wichtigsten Grundzüge von deren historischer

Entwickelung, sind in dem »Grundriß der Geschichte der Philosophie« von

F r i e d r i c h Ü b e r w e g eingehend dargestellt (10. Auflage, bearbeitet von

M a x H e i n z e, Berlin 1906). Eine vortreffliche klare Übersicht derselben —

gewissermaßen eine »Stammesgeschichte der Welträtsel und der Versuche zu

ihrer Lösung« — hat F r i t z S c h u l t z e (Dresden) in seinem

»S t a m m b a u m d e r P h i l o s o p h i e« gegeben; ein »Tabellarisch-

Schematischer Grundriß der Geschichte der Philosophie von den Griechen bis

zur Gegenwart« (Leipzig, 2. Auflage, 1899).

Atheismus (»Die entgötterte Weltanschauung«). Es g i b t k e i n e n Gott und

keine Götter, falls man unter diesem Begriff persönliche, außerhalb der Natur

stehende Wesen versteht. Diese »g o t t l o s e W e l t a n s c h a u u n g« fällt im

wesentlichen mit dem M o n i s m u s oder P a n t h e i s m u s unserer modernen

Naturwissenschaft zusammen; sie gibt nur einen anderen Ausdruck dafür, indem

sie eine negative Seite desselben hervorhebt, die Nichtexistenz einer

außerweltlichen und übernatürlichen Gottheit. In diesem Sinne sagt

S c h o p e n h a u e r ganz richtig: »P a n t h e i s m u s ist nur ein höflicher

Atheismus. Die Wahrheit des Pantheismus besteht in der Aufhebung des

dualistischen Gegensatzes zwischen Gott und Welt, in der Erkenntnis, daß die

Welt aus ihrer inneren Kraft und durch sich selbst da ist. Der Satz des

Pantheismus: 'Gott und die Welt ist eins' ist bloß eine höfliche Wendung, dem

Herrgott den Abschied zu geben.«

Während des ganzen Mittelalters, unter der blutigen Tyrannei des Papismus,

wurde der A t h e i s m u s als die entsetzlichste Form der Weltanschauung mit

Feuer und Schwert verfolgt. Da der »Gottlose« im Evangelium mit dem »Bösen«

schlechtweg identifiziert und ihm im ewigen Leben die Höllenstrafe der ewigen

Verdammnis angedroht wird, ist es begreiflich, daß jeder gute Christ selbst den

entfernten Verdacht des Atheismus ängstlich mied. Leider besteht auch heute

noch diese Auffassung in weiten Kreisen fort. Dem a t h e i s t i s c h e n

Naturforscher, der seine Kraft und sein Leben der Erforschung der W a h r h e i t

widmet, traut man von vornherein alles Böse zu; der t h e i s t i s c h e

Kirchgänger dagegen, der die leeren Zeremonien des papistischen Kultus

gedankenlos mitmacht, gilt schon deswegen als guter Staatsbürger, auch wenn er

sich bei seinem G l a u b e n gar nichts denkt und nebenher der verwerflichsten

Moral huldigt. Dieser Irrtum wird sich erst klären, wenn im 20. Jahrhundert der herrschende Aberglaube mehr der vernünftigen Naturerkenntnis weicht und der

monistischen Überzeugung der E i n h e i t v o n G o t t u n d W e l t.