Die Welträtsel

Ernst Haeckel · Kapitel 8 von 26

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Die Welträtsel

Viertes Kapitel. Unsere Keimesgeschichte.

V i e r t e s K a p i t e l .

 

Unsere Keimesgeschichte.

 

Monistische Studien über menschliche und vergleichende Ontogenie.

Übereinstimmung in der Keimbildung und Entwickelung des Menschen

und der Wirbeltiere.

In noch höherem Maße als die vergleichende Anatomie und Physiologie ist die

v e r g l e i c h e n d e O n t o g e n i e, d i e E n t w i c k e l u n g s g e s c h i c h t e

d e s E i n z e l t i e r e s oder Individuums, ein Kind des neunzehnten

Jahrhunderts. Wie entsteht der Mensch im Mutterleibe? Wie entstehen die Tiere

aus den Eiern? Wie entsteht die Pflanze aus dem Samenkorn? Diese

inhaltsschwere Frage hat auch schon seit Jahrtausenden den denkenden

Menschengeist beschäftigt; aber erst sehr spät, 1828, zeigte uns der Embryologe

B a e r die rechten Mittel und Wege, um tiefer in die Kenntnis der

geheimnisvollen Tatsachen der Keimesgeschichte einzudringen; und erst 1859

lieferte uns D a r w i n durch seine Reform der Deszendenztheorie den Schlüssel,

mit dessen Hülfe wir zur Erkenntnis ihrer Ursachen gelangen können. Da ich

diese hochinteressanten, aber schwierig zu verstehenden Verhältnisse in meiner

K e i m e s g e s c h i c h t e d e s M e n s c h e n (im ersten Teile der

Anthropogenie) einer ausführlichen, populär-wissenschaftlichen Darstellung

unterzogen habe, beschränke ich mich hier auf eine kurze Zusammenfassung

und Deutung der wichtigsten Erscheinungen. Wir wollen dabei zunächst einen

historischen Rückblick auf die ältere O n t o g e n i e werfen.

Präformationslehre. Ä l t e r e K e i m e s g e s c h i c h t e . (Vergl. den

2. Vortrag meiner »Anthropogenie«.) Wie für die vergleichende Anatomie, so

sind auch für die Entwickelungsgeschichte die klassischen Werke des

A r i s t o t e l e s, des vielseitigen »Vaters der Naturgeschichte«, die älteste uns

bekannte wissenschaftliche Quelle (im 4. Jahrhundert v. Chr.). Nicht allein in

seiner großen Tiergeschichte, sondern auch in einer besonderen kleinen Schrift:

»Fünf Bücher von der Zeugung und Entwickelung der Tiere« erzählt uns der

große Philosoph eine Menge von interessanten Tatsachen und stellt

Betrachtungen über deren Bedeutung an; viele davon sind erst in unserer Zeit

wieder zur Geltung gekommen und eigentlich erst wieder neu entdeckt worden.

Natürlich sind aber daneben auch viele Fabeln und Irrtümer zu finden, und von der verborgenen Entstehung des Menschenkeimes war noch nichts Näheres

bekannt. Auch in dem langen folgenden Zeitraume von zwei Jahrtausenden

machte die schlummernde Wissenschaft keine weiteren Fortschritte. Erst im

Anfange des 17. Jahrhunderts fing man wieder an, sich damit zu beschäftigen;

der italienische Anatom F a b r i c i u s a b A q u a p e n d e n t e veröffentlichte

1600 die ältesten Abbildungen und Beschreibungen von Embryonen des

Menschen und einiger höheren Tiere; und der berühmte M a r c e l l o

M a l p i g h i in Bologna, gleich bahnbrechend in der Zoologie wie in der

Botanik, gab 1687 die erste zusammenhängende Darstellung von der Entstehung

des Hühnchens im bebrüteten Ei.

Alle diese älteren Beobachter waren von der Vorstellung beherrscht, daß im Ei

der Tiere, ähnlich wie im Samen der höheren Pflanzen, der ganze Körper mit

allen seinen Teilen bereits fertig vorhanden sei, nur in einem so feinen und so

durchsichtigen Zustande, daß man sie nicht erkennen könne; die ganze

Entwickelung sei demnach nichts weiter, als Wachstum oder

»A u s w i c k e l u n g« (Evolutio) der eingewickelten Teile. Diese falsche Lehre,

die bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts fast allgemein in Geltung blieb, nennen

wir am besten die Vorbildungslehre oder P r ä f o r m a t i o n s t h e o r i e.

E i n s c h a c h t e l u n g s l e h r e. In engem Zusammenhange mit der

Präformationslehre entstand im 17. Jahrhundert eine weitere Theorie, welche die

denkenden Biologen lebhaft beschäftigte: die sonderbare

»Einschachtelungslehre«. Da man annahm, daß im Ei bereits die Anlage des

ganzen Organismus mit allen seinen Teilen vorhanden sei, mußte auch der

Eierstock des jungen Keimes mit den Eiern der folgenden Generation darin

vorgebildet sein, und in diesen wiederum die Eier der nächstfolgenden, usw. in

infinitum! Daraufhin berechnete der berühmte Physiologe H a l l e r, daß der liebe

Gott vor 6000 Jahren — am sechsten Tage seines Schöpfungswerkes — die

Keime von 200 000 Millionen Menschen gleichzeitig erschaffen und sie im

Eierstock der ehrwürdigen Urmutter Eva kunstgerecht eingeschachtelt habe.

Kein Geringerer als der hochangesehene Philosoph L e i b n i z schloß sich diesen

Ausführungen an und verwertete sie für seine Monadenlehre; und da dieser

zufolge sich Seele und Leib in ewig unzertrennlicher Gemeinschaft befinden,

übertrug er sie auch auf die Seele; — »die Seelen der Menschen haben in deren

Voreltern bis auf Adam, also seit dem Anfang der Dinge(!!), immer in der Form

organisierter Körper existiert«.

Epigenesislehre. Im November 1759 verteidigte in Halle ein junger, 26jähriger

Mediziner, K a s p a r F r i e d r i c h W o l f f, seine Doktordissertation unter

dem Titel: »Theoria generationis«. Gestützt auf eine Reihe der mühsamsten und sorgfältigsten Beobachtungen wies er nach, daß die ganze herrschende

Präformationstheorie falsch sei. Im bebrüteten Hühnerei ist anfangs noch keine

Spur vom späteren Vogelkörper und seinen Teilen vorhanden; vielmehr finden

wir statt dessen oben auf der bekannten gelben Dotterkugel eine kleine,

kreisrunde, weiße Scheibe. Diese dünne »K e i m s c h e i b e« wird länglich rund

und zerfällt dann in vier übereinanderliegende Schichten, die Anlagen der vier

wichtigsten Organsysteme: zuerst die oberste, das Nervensystem, darunter die

Fleischmasse (Muskelsystem), dann das Gefäßsystem mit dem Herzen und

zuletzt der Darmkanal. Also, sagt Wolff richtig, besteht die Keimbildung nicht in

einer Auswickelung vorgebildeter Organe, sondern in einer K e t t e v o n

N e u b i l d u n g e n, einer wahren »Epigenesis«; ein Teil entsteht nach dem

andern, und alle erscheinen zuerst in einer einfachen Form, welche von der

später ausgebildeten ganz verschieden ist; diese entsteht erst durch eine Reihe

der merkwürdigsten Umbildungen. Obgleich nun diese große Entdeckung sich

unmittelbar durch Nachuntersuchung der beobachteten Tatsachen hätte

bestätigen lassen, und obgleich die darauf gegründete »T h e o r i e d e r

G e n e r a t i o n« eigentlich gar keine Theorie, sondern eine nackte Tatsache war,

fand sie dennoch ein halbes Jahrhundert hindurch nicht die mindeste

Anerkennung. Besonders hinderlich war die mächtige Autorität von H a l l e r,

der sie hartnäckig bekämpfte mit dem Dogma: »Es gibt kein Werden! Kein Teil

im Tierkörper ist vor dem anderen gemacht worden, und alle sind zugleich

erschaffen.« W o l f f, der nach Petersburg gehen mußte, war schon lange tot, als

die vergessenen, von ihm beobachteten Tatsachen von L o r e n z O k e n in Jena

(1806) aufs neue entdeckt und richtig gedeutet wurden.

Keimblätterlehre. Nachdem durch O k e n die E p i g e n e s i s t h e o r i e von

W o l f f bestätigt worden war, warfen sich in Deutschland mehrere junge

Naturforscher mit großem Eifer auf die genauere Untersuchung der

Keimesgeschichte. Der bedeutendste war K a r l E r n s t B a e r; sein berühmtes

Hauptwerk erschien 1828 unter dem Titel: »Entwickelungsgeschichte der Tiere,

Beobachtung und Reflexion«. Nicht allein sind darin die Vorgänge der

Keimbildung ausgezeichnet klar und vollständig beschrieben, sondern auch

zahlreiche geistvolle Spekulationen daran geknüpft. Die zwei blattförmigen

Schichten, welche in der runden Keimscheibe der höheren Wirbeltiere zuerst

auftreten, zerfallen nach B a e r zunächst in je zwei B l ä t t e r, und diese vier

Keimblätter verwandeln sich in vier R ö h r e n. Durch sehr verwickelte Prozesse

der Epigenesis entstehen daraus die späteren Organe, und zwar bei dem

Menschen und bei allen Wirbeltieren in wesentlich gleicher Weise. Unter den

vielen einzelnen Entdeckungen von B a e r war eine der wichtigsten das

menschliche Ei. Bis dahin hatte man beim Menschen, wie bei allen anderen Säugetieren, für Eier kleine Bläschen gehalten, die sich zahlreich im Eierstock

finden. Erst B a e r zeigte (1827), daß die wahren Eier in diesen Bläschen, den

»Graafschen Follikeln«, eingeschlossen und viel kleiner sind, Kügelchen von

nur 0,2 mm Durchmesser, unter günstigen Verhältnissen eben als Pünktchen mit

bloßem Auge zu sehen. Auch entdeckte er zuerst, daß aus dieser kleinen Eizelle

der Säugetiere sich zunächst eine charakteristische Keimblase entwickelt, eine

H o h l k u g e l mit flüssigem Inhalt, deren Wand die dünne Keimhaut bildet.

Eizelle und Samenzelle. Zehn Jahre, nachdem B a e r der Embryologie durch

seine Keimblätterlehre eine feste Grundlage gegeben, entstand für dieselbe eine

neue wichtige Aufgabe durch die Begründung der Z e l l e n t h e o r i e (1838).

Wie verhalten sich das Ei der Tiere und die daraus entstehenden Keimblätter zu

den Geweben und Zellen, welche den entwickelten Tierkörper zusammensetzen?

Die richtige Beantwortung dieser inhaltschweren Frage gelang um die Mitte des

19. Jahrhunderts zwei Schülern von J o h a n n e s M ü l l e r: R o b e r t

R e m a k und A l b e r t K ö l l i k e r. Sie wiesen nach, daß das Ei ursprünglich

nichts anderes ist als eine einfache Z e l l e, und daß auch die zahlreichen

Keimkörper oder »Furchungskugeln«, welche durch wiederholte Teilung daraus

entstehen, einfache Zellen sind. Aus diesen »Furchungzellen« bauen sich

zunächst die Keimblätter auf, und weiterhin durch Arbeitsteilung oder

Differenzierung derselben die verschiedenen Organe. K ö l l i k e r erwarb sich

das große Verdienst, auch die schleimartige Samenflüssigkeit der männlichen

Tiere als Anhäufung von mikroskopischen kleinen Zellen nachzuweisen. Die

beweglichen stecknadelförmigen »Samentierchen« (Spermatozoen) sind nichts

anderes als eigentümliche »G e i ß e l z e l l e n«, wie ich (1866) zuerst an den

Samenfäden der Schwämme nachgewiesen habe. Damit war für b e i d e wichtige

Zeugungsstoffe der Tiere, das männliche Sperma und das weibliche Ei,

bewiesen, daß auch sie der Zellentheorie sich fügen.

Gasträatheorie. Alle älteren Untersuchungen über Keimbildung betrafen den

Menschen und die höheren W i r b e l t i e r e, vor allem aber den Vogelkeim:

denn das Hühnerei ist das größte und bequemste Objekt dafür und steht jederzeit

in beliebiger Menge zur Verfügung; man kann in der Brutmaschine sehr bequem

das Ei ausbrüten und dabei stündlich die ganze Reihe der Umbildungen, von der

einfachen Eizelle bis zum fertigen Vogelkörper innerhalb dreier Wochen

beobachten. Auch B a e r hatte nur für die verschiedenen Klassen der Wirbeltiere

die Übereinstimmung in der charakteristischen Bildung der Keimblätter und in

der Entstehung der einzelnen Organe aus derselben nachweisen können.

Dagegen in den zahlreichen Klassen der W i r b e l l o s e n — also der großen

Mehrzahl der Tiere — schien die Keimung in wesentlich verschiedener Weise abzulaufen, und den meisten schienen wirkliche Keimblätter ganz zu fehlen. Erst

um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden solche auch bei einzelnen Wirbellosen

nachgewiesen, so von K ö l l i k e r 1844 bei den Cephalopoden und von

H u x l e y 1849 bei den Medusen. Besonders wichtig wurde sodann die

Entdeckung von K o w a l e v s k y (1866), daß das niederste Wirbeltier, der

Lanzelot oder Amphioxus, sich genau in derselben, und zwar in einer sehr

ursprünglichen Weise entwickelt wie ein wirbelloses, anscheinend ganz

entferntes Manteltier, die S e e s c h e i d e oder Ascidia. Auch bei verschiedenen

Würmern, Sterntieren und Gliedertieren wies Kowalevsky eine ähnliche Bildung

der Keimblätter nach. Ich selbst war damals (seit 1866) mit der

Entwickelungsgeschichte der Spongien, Korallen, Medusen und Siphonophoren

beschäftigt, und da ich auch bei diesen niedersten Klassen der vielzelligen Tiere

überall dieselbe Bildung von zwei primären Keimblättern fand, gelangte ich zu

der Überzeugung, daß dieser bedeutungsvolle Keimungsvorgang im ganzen

Tierreiche derselbe ist.

Besonders wichtig erschien mir dabei der Umstand, daß bei den Schwammtieren

und bei den niederen Nesseltieren (Polypen, Medusen) der Körper lange Zeit

hindurch oder selbst zeitlebens nur aus zwei einfachen Zellenschichten besteht.

Schon H u x l e y hatte sie bei den Medusen mit den beiden primären

Keimblättern der Wirbeltiere verglichen. Gestützt auf diese Beobachtungen und

Vergleichungen, stellte ich dann 1872 in meiner »Biologie der Kalkschwämme«

die »G a s t r ä a t h e o r i e« auf, deren wesentlichste Lehrsätze folgende sind:

I . Das ganze Tierreich zerfällt in zwei wesentlich verschiedene Hauptgruppen:

die einzelligen U r t i e r e (Protozoa) und die vielzelligen G e w e b t i e r e

(Metazoa); der ganze Organismus der P r o t o z o e n bleibt zeitlebens eine

einfache Zelle (seltener ein lockerer Zellverein ohne Gewebebildung, ein

Coenobium). II. Dagegen ist der Organismus der M e t a z o e n nur im ersten

Beginn einzellig, später aus vielen Zellen zusammengesetzt, welche G e w e b e

bilden. III. Nur bei den Metazoen entstehen wirkliche K e i m b l ä t t e r, und aus

diesen G e w e b e, die den Protozoen noch ganz fehlen. IV. Bei allen Metazoen

entstehen zunächst nur z w e i primäre Keimblätter, die überall dieselbe

wesentliche Bedeutung haben: aus dem äußeren H a u t b l a t t entwickelt sich die

äußere Hautdecke und das Nervensystem, aus dem inneren D a r m b l a t t

hingegen der Darmkanal und alle übrigen Organe. V. Die Keimform, welche

überall zunächst aus dem befruchteten Ei hervorgeht, und welche allein aus

diesen beiden primären Keimblättern besteht, ist die D a r m l a r v e oder der

Becherkeim (Gastrula); ihr becherförmiger, zweischichtiger Körper umschließt

ursprünglich eine einfache verdauende Höhle, den U r d a r m, und dessen

einfache Öffnung ist der U r m u n d. Dies sind die ältesten Organe des vielzelligen Tierkörpers, und die beiden Zellenschichten seiner Wand sind seine

ältesten Gewebe; alle anderen Organe und Gewebe sind erst später (sekundär)

daraus hervorgegangen. VI. Aus dieser Gleichartigkeit oder H o m o l o g i e d e r

G a s t r u l a in sämtlichen Stämmen und Klassen der Gewebtiere zog ich nach

dem Biogenetischen Grundgesetze den Schluß, daß a l l e M e t a z o e n

u r s p r ü n g l i c h v o n e i n e r g e m e i n s a m e n S t a m m f o r m

a b s t a m m e n , G a s t r ä a, und daß diese uralte, längst ausgestorbene

Stammform im wesentlichen die Körperform und Zusammensetzung der

heutigen, durch Ve r e r b u n g erhaltenen Gastrula besaß. VII. Dieser

phylogenetische Schluß aus der Vergleichung der ontogenetischen Tatsachen

wird auch dadurch gerechtfertigt, daß noch heute einzelne G a s t r ä a d e n

existieren, sowie älteste Formen anderer Tierstämme, deren Organisation sich

nur sehr wenig über diese letzteren erhebt. VIII. Bei der weiteren Entwickelung

der verschiedenen Gewebtiere aus der Gastrula sind zwei verschiedene

Hauptgruppen zu unterscheiden: Die älteren N i e d e r t i e r e (Coelenteria) bilden

noch keine Leibeshöhle und besitzen weder Blut noch After; das ist der Fall bei

den Gasträaden, Spongien, Nesseltieren und Plattentieren. Die jüngeren

O b e r t i e r e (Coelomaria) hingegen besitzen eine echte Leibeshöhle und meistens

auch Blut und After; dahin gehören die W u r m t i e r e (Vermalia) und die höheren

typischen Tierstämme, welche sich aus diesen entwickelt haben, die Sterntiere,

Weichtiere, Gliedertiere, Manteltiere und Wirbeltiere.

Eizelle und Samenzelle des Menschen. Das Ei des Menschen ist, wie das aller

anderen Gewebtiere, eine einfache Zelle, und diese kleine kugelige Eizelle (von

nur 0,2 mm Durchmesser) hat dieselbe charakteristische Beschaffenheit wie die

aller anderen, lebendig gebärenden Säugetiere. Dasselbe gilt von den

beweglichen S p e r m i e n oder Samenfäden des Mannes, den winzig kleinen,

fadenförmigen Geißelzellen, welche sich zu Millionen in jedem Tröpfchen des

schleimartigen m ä n n l i c h e n S a m e n s (Sperma) finden; sie wurden früher

wegen ihrer lebhaften Bewegung für besondere »S a m e n t i e r c h e n«

(Spermatozoa) gehalten. Auch die Entstehung dieser beiden wichtigen

Geschlechtszellen in der G e s c h l e c h t s d r ü s e ist dieselbe beim Menschen

und den übrigen Säugetieren; sowohl die Eier im Eierstock des Weibes, als die

Samenfäden im Hoden oder Samenstock des Mannes entstehen überall auf

dieselbe Weise, aus der Zellenschicht, welche die Leibeshöhle auskleidet.

Empfängnis oder Befruchtung. Der wichtigste Augenblick im Leben eines

jeden Menschen, wie jedes anderen Gewebtieres, ist der Moment, in welchem

seine individuelle Existenz beginnt; es ist der Augenblick, in welchem die

Geschlechtszellen der beiden Eltern zusammentreffen und zur Bildung einer einzigen, einfachen Zelle verschmelzen. Diese neue Zelle, die »befruchtete

Eizelle«, ist die individuelle S t a m m z e l l e (Cytula), aus deren wiederholter

Teilung die Zellen der Keimblätter und die Gastrula hervorgehen. Erst mit der

Bildung dieser Stammzelle, also mit dem Vorgange der B e f r u c h t u n g selbst,

beginnt die E x i s t e n z d e r P e r s o n , des selbständigen Einzelwesens. Diese

ontogenetische Tatsache ist ü b e r a u s w i c h t i g, denn aus ihr allein schon

lassen sich die weitestreichenden Schlüsse ableiten. Zunächst folgt daraus die

klare Erkenntnis, daß der Mensch, gleich allen anderen Gewebtieren, alle

persönlichen Eigenschaften, körperliche und geistige, von seinen beiden Eltern

durch Ve r e r b u n g erhalten hat; und weiterhin die inhaltschwere Überzeugung,

daß die neue, so entstandene Person unmöglich Anspruch haben kann,

»u n s t e r b l i c h« zu sein.

Die feineren Vorgänge bei der Empfängnis und der geschlechtlichen Zeugung

überhaupt sind daher von allerhöchster Wichtigkeit; sie sind uns in ihren

Einzelheiten erst seit 1875 bekannt geworden. Das einzige wesentliche Ereignis

bei der Befruchtung ist die Verschmelzung der beiden Geschlechtszellen und

ihrer Kerne. Von den Millionen männlicher Geißelzellen, welche die weibliche

Eizelle umschwärmen, dringt nur eine einzige in deren Plasmakörper ein. Die

Kerne beider Zellen, der Spermakern und der Eikern, verschmelzen miteinander.

So entsteht eine neue Zelle, welche die erblichen Eigenschaften beider Eltern in

sich vereinigt; der Spermakern überträgt die väterlichen, der Eikern die

mütterlichen Charakterzüge auf die S t a m m z e l l e, aus der sich nun das Kind

entwickelt; das gilt ebenso von den körperlichen wie von den geistigen

Eigenschaften.

Keimanlage des Menschen. Die Bildung der Keimblätter durch wiederholte

Teilung der Stammzelle, die Entstehung der Gastrula und der weiterhin aus ihr

hervorgehenden Keimformen geschieht beim Menschen genau so wie bei den

übrigen höheren Säugetieren, unter denselben eigentümlichen Besonderheiten,

welche diese Gruppe vor den niederen Wirbeltieren auszeichnen. Die

bedeutungsvolle Keimform der C h o r d u l a oder »Chordalarve«, die zunächst

aus der Gastrula entsteht, zeigt bei allen Wirbeltieren im wesentlichen die

gleiche Bildung: ein einfacher gerader Achsenstab, die Chorda, geht der Länge

nach durch die Hauptachse des länglich-runden, schildförmigen Körpers (des

»Keimschildes«); oberhalb der Chorda entwickelt sich aus dem äußeren

Keimblatt das Rückenmark, unterhalb das Darmrohr. Dann erst erscheinen zu

beiden Seiten, rechts und links vom Achsenstab, die Ketten der »Urwirbel«, die

Anlagen der Muskelplatten, mit denen die Gliederung des Wirbeltierkörpers

beginnt. Vorn am Darm treten beiderseits die Kiemenspalten auf, die Öffnungen des Schlundes, durch welche ursprünglich bei unseren Fischahnen das vom

Munde aufgenommene Atemwasser an den Seiten des Kopfes nach außen trat. In

zäher Ve r e r b u n g treten diese K i e m e n s p a l t e n, die nur bei den

fischartigen, im Wasser lebenden Vorfahren von Bedeutung waren, auch heute

noch beim Menschen wie bei allen übrigen Wirbeltieren auf; sie verschwinden

später. Selbst nachdem schon am Kopfe die fünf Hirnblasen, seitlich die

Anfänge der Augen und Ohren sichtbar geworden, nachdem am Rumpfe die

Anlagen der beiden Beinpaare in Form rundlicher platter Knospen aus dem

fischartigen Menschenkeim hervorgesproßt sind, ist dessen Bildung derjenigen

anderer Wirbeltiere noch so ähnlich, daß man sie nicht unterscheiden kann.

Ähnlichkeit der Wirbeltierkeime. Die wesentliche Übereinstimmung in der

äußeren Körperform und dem inneren Bau, welche die Embryonen des

Menschen und der übrigen Wirbeltiere in dieser früheren Bildungsperiode

zeigen, ist eine e m b r y o l o g i s c h e T a t s a c h e e r s t e n R a n g e s; aus

ihr lassen sich nach dem Biogenetischen Grundgesetze die wichtigsten Schlüsse

ableiten. Denn es gibt dafür keine andere Erklärung als die Annahme einer

Ve r e r b u n g von einer gemeinsamen Stammform. Wenn wir sehen, daß in

einem bestimmten Stadium die Keime des Menschen und des Affen, des Hundes

und des Kaninchens, des Schweines und des Schafes zwar als höhere Wirbeltiere

erkennbar, aber sonst nicht zu unterscheiden sind, so kann diese Tatsache nur

durch gemeinsame Abstammung erklärt werden. Diese Erklärung erscheint um

so sicherer, wenn wir die später eintretende Sonderung oder Divergenz jener

Keimformen verfolgen. Je näher sich zwei Tierformen in der gesamten

Körperbildung stehen, desto länger bleiben sich auch ihre Embryonen ähnlich,

und desto enger hängen sie auch im Stammbaum der betreffenden Gruppe

zusammen, desto näher sind sie »stammverwandt«. Daher erscheinen die

Embryonen des Menschen und der Menschenaffen auch später noch höchst

ähnlich, auf einer hoch entwickelten Bildungsstufe, auf welcher ihre

Unterschiede von den Embryonen anderer Säugetiere sofort erkennbar sind.

Die Keimhüllen des Menschen. Die hohe Bedeutung der eben besprochenen

Ähnlichkeit tritt nicht nur bei Vergleichung der Wirbeltier-Embryonen selbst

hervor, sondern auch bei derjenigen ihrer Keimhüllen. Es zeichnen sich nämlich

alle Wirbeltiere der drei höheren Klassen, Reptilien, Vögel und Säugetiere, vor

den niederen Klassen durch die Bildung eigentümlicher Embryonalhüllen aus,

des Amnion (Wasserhaut) und des Serolemma (seröse Haut). In diesen mit Wasser

gefüllten Säcken liegt der Embryo eingeschlossen und ist dadurch gegen Druck

und Stoß geschützt. Diese zweckmäßige Schutzeinrichtung ist wahrscheinlich

erst entstanden, als die ältesten Reptilien (Proreptilien), die gemeinsamen Stammformen aller A m n i o n t i e r e, vollständig an das Landleben sich

anpaßten. Bei ihren direkten Vorfahren, den Amphibien, f e h l t diese

Hüllenbildung noch ebenso wie bei den Fischen; sie war bei diesen

Wasserbewohnern überflüssig. Mit der Erwerbung dieser Schutzhüllen stehen

bei allen Amnioten noch zwei andere Veränderungen in engem Zusammenhang,

erstens der gänzliche Verlust der Kiemen (während die Kiemenbogen und die

Spalten dazwischen als »rudimentäre Organe« sich forterben), und zweitens die

Bildung der A l l a n t o i s. Dieser blasenförmige, mit Wasser gefüllte Sack

wächst bei dem Embryo aller Amniontiere aus dem Enddarm hervor und ist

nichts anderes als die vergrößerte Harnblase der Amphibien-Ahnen. Aus ihrem

innersten und untersten Teile bildet sich später die bleibende Harnblase der

Amnioten, während der größere äußere Teil rückgebildet wird. Gewöhnlich

spielt dieser eine Zeitlang eine wichtige Rolle als Atmungsorgan des Embryo,

indem sich mächtige Blutgefäße auf seiner Wand ausbreiten. Sowohl die

Entstehung der Keimhüllen, als auch der Allantois geschieht beim Menschen

genau ebenso wie bei allen anderen Amnioten und durch dieselben verwickelten

Prozesse des Wachstums; d e r M e n s c h i s t e i n e c h t e s

A m n i o n t i e r.

Die Placenta des Menschen. Die Ernährung des menschlichen Keimes im

Mutterleibe geschieht durch ein eigentümliches, äußerst blutreiches Organ, die

sogenannte Placenta, den A d e r k u c h e n oder Blutgefäßkuchen. Sie wird nach

erfolgter Geburt des Kindes abgelöst und als sogenannte »Nachgeburt«

ausgestoßen. Die Placenta besteht aus zwei wesentlich verschiedenen Teilen,

dem F r u c h t k u c h e n oder der kindlichen Placenta und dem

M u t t e r k u c h e n oder dem mütterlichen Gefäßkuchen. Dieser letztere enthält

reich entwickelte Bluträume, welche ihr Blut durch die Gefäße der Gebärmutter

zugeführt erhalten. Der Fruchtkuchen dagegen wird aus zahlreichen verästelten

Zotten gebildet, welche von der Außenfläche der kindlichen Allantois

hervorwachsen und ihr Blut von deren Nabelgefäßen beziehen. Die hohlen,

blutgefüllten Zotten des Fruchtkuchens wachsen in die Bluträume des

Mutterkuchens hinein, und die zarte Scheidewand zwischen beiden wird so sehr

verdünnt, daß durch sie hindurch ein unmittelbarer Stoffaustausch der

ernährenden Blutflüssigkeit erfolgen kann.

In den einzelnen Gruppen der Zottentiere ist die Ausbildung des Mutterkuchens

wesentlich verschieden. Höchst wichtig ist nun die erst 1890 von E m i l

S e l e n k a entdeckte Tatsache, daß gerade die M e n s c h e n a f f e n, besonders

der Orang (Satyrus), mit dem Menschen gewisse Eigentümlichkeiten, die sich

sonst nirgends finden, gemeinsam haben (Siehe den 23. Vortrag meiner Anthropogenie). Also bestätigt sich auch hier wieder der

P i t h e c o m e t r a s a t z von H u x l e y: »Die Unterschiede zwischen dem

Menschen und den Menschenaffen sind geringer als diejenigen zwischen den

letzteren und den niederen Affen.« Die angeblichen »Beweise g e g e n die nahe

Blutsverwandtschaft des Menschen und der Affen« ergaben sich bei genauer

Untersuchung der tatsächlichen Verhältnisse auch hier wieder umgekehrt als

wichtige Gründe z u g u n s t e n derselben.

Jeder Naturforscher, der mit offenen Augen in diese dunkeln, aber höchst

interessanten Labyrinthgänge unserer Keimesgeschichte eindringt, und der

imstande ist, sie kritisch mit derjenigen der übrigen Säugetiere zu vergleichen,

wird in denselben die bedeutungsvollsten Lichtträger für das Verständnis unserer

Stammesgeschichte finden. Denn die verschiedenen Stufen der Keimbildung

werfen als Vererbungs-Phänomene ein helles Licht auf die entsprechenden

Stufen unserer Ahnenreihe, gemäß dem Biogenetischen Grundgesetze. (Kap. 5.)

Aber auch die Anpassungserscheinungen, die Bildung der vergänglichen

Embryonalorgane — der charakteristischen Keimhüllen, und vor allem der

Placenta — geben uns ganz bestimmte Aufschlüsse über unsere nahe

S t a m m v e r w a n d t s c h a f t m i t d e n P r i m a t e n.