Die Welträtsel

Ernst Haeckel · Kapitel 10 von 26

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Die Welträtsel

Sechstes Kapitel. Das Wesen der Seele.

S e c h s t e s K a p i t e l .

 

Das Wesen der Seele.

 

Monistische Studien über den Begriff der Psyche. Aufgaben und

Methoden der wissenschaftlichen Psychologie. Psychologische

Metamorphosen.

Die Lebenstätigkeiten, welche man allgemein unter dem Begriffe des

S e e l e n l e b e n s oder der psychischen Funktionen zusammenfaßt, sind unter

allen uns bekannten Erscheinungen einerseits die wichtigsten und

interessantesten, andererseits die verwickeltsten und rätselhaftesten. Da die

Naturerkenntnis selbst ein Teil des Seelenlebens ist, und da mithin auch die

Anthropologie, ebenso wie die Kosmologie, eine richtige Erkenntnis der

» P s y c h e « zur Voraussetzung hat, so kann man die P s y c h o l o g i e, die

wirklich wissenschaftliche Seelenlehre, auch als das Fundament und als die

Voraussetzung aller anderen Wissenschaften ansehen; von der anderen Seite

betrachtet, ist sie wieder ein Teil der Philosophie, oder der Physiologie, oder der

Anthropologie.

Die große Schwierigkeit ihrer naturgemäßen Begründung liegt nun aber darin,

daß die Psychologie wiederum die genaue Kenntnis des menschlichen

Organismus voraussetzt und vor allem des G e h i r n s, als des wichtigsten

O r g a n s des Seelenlebens. Die große Mehrzahl der sogenannten

»Psychologen« besitzt jedoch von diesen anatomischen Grundlagen der Psyche

nur sehr unvollständige oder gar keine Kenntnis, und so erklärt sich die

bedauerliche Tatsache, daß in keiner anderen Wissenschaft so widersprechende

und unhaltbare Vorstellungen über ihren eigenen Begriff und ihre wesentliche

Aufgabe herrschen, wie in der Psychologie. Diese Verwirrung ist in den letzten

Dezennien um so fühlbarer hervorgetreten, je mehr die großartigen Fortschritte

der Anatomie und Physiologie unsere Kenntnis vom Bau und von den

Funktionen des wichtigsten Seelenorgans erweitert haben.

Methoden der Seelenforschung. Nach meiner Überzeugung ist das, was man

die » S e e l e « nennt, in Wahrheit eine N a t u r e r s c h e i n u n g; ich betrachte

daher die Psychologie als einen Zweig der Naturwissenschaft — und zwar der

P h y s i o l o g i e. Demzufolge muß ich von vornherein betonen, daß wir für

dieselbe keine anderen Forschungswege zulassen können als in allen übrigen Naturwissenschaften; d. h. in erster Linie die B e o b a c h t u n g und das

E x p e r i m e n t, in zweiter Linie die E n t w i c k e l u n g s g e s c h i c h t e und in

dritter Linie die theoretische S p e k u l a t i o n, welche durch induktive und

deduktive Schlüsse möglichst dem unbekannten »W e s e n« der Erscheinung

sich zu nähern sucht. Mit Bezug auf seine prinzipielle Beurteilung aber müssen

wir zunächst gerade hier den Gegensatz der dualistischen und der monistischen

Ansicht scharf ins Auge fassen.

Dualistische Psychologie. Die allgemein herrschende Auffassung des

Seelenlebens, welche wir bekämpfen, betrachtet Seele und Leib als zwei

verschiedene » W e s e n «. Diese beiden Wesen können unabhängig voneinander

existieren und sind nicht notwendig aneinander gebunden. Der organische L e i b

ist ein sterbliches m a t e r i e l l e s Wesen, chemisch zusammengesetzt aus

lebendigem Plasma und den von diesem erzeugten Verbindungen. Die S e e l e

hingegen ist ein unsterbliches, i m m a t e r i e l l e s Wesen, ein spirituelles Agens,

dessen rätselhafte Tätigkeit uns völlig unbekannt ist. Diese übliche Auffassung

ist als solche rein spiritualistisch und ihr prinzipielles Gegenteil im gewissen

Sinne materialistisch. Sie ist zugleich transzendent und

s u p r a n a t u r a l i s t i s c h; denn sie behauptet die Existenz von Kräften,

welche ohne materielle Basis existieren und wirksam sind; sie fußt auf der

Annahme, daß außer und über der Natur noch eine »geistige Welt« existiert, eine

immaterielle Welt, von der wir durch Erfahrung nichts wissen und unserer Natur

nach nichts wissen können.

Diese hypothetische »G e i s t e s w e l t«, die von der materiellen Körperwelt

ganz unabhängig sein soll, und auf deren Annahme das ganze künstliche

Gebäude der dualistischen Weltanschauung ruht, ist lediglich ein Produkt der

dichtenden Phantasie; und dasselbe gilt von dem mystischen, eng mit ihr

verknüpften Glauben an die »Unsterblichkeit der Seele«, dessen

wissenschaftliche Unhaltbarkeit wir nachher noch besonders dartun müssen (im

11. Kapitel). Wenn die in diesem Sagenkreise herrschenden

Glaubensvorstellungen wirklich begründet wären, so müßten die betreffenden

Erscheinungen n i c h t d e m S u b s t a n z g e s e t z e unterworfen sein; diese

einzige Ausnahme von dem höchsten kosmologischen Grundgesetze müßte aber

erst sehr spät im Laufe der organischen Erdgeschichte eingetreten sein, da sie

nur die »Seele« des Menschen und der höheren Tiere betrifft. Auch das Dogma

des »freien Willens«, ein anderes wesentliches Stück der dualistischen

Psychologie, ist mit dem Substanzgesetze ganz unvereinbar.

Monistische Psychologie. Unsere natürliche Auffassung des Seelenlebens

erblickt dagegen in ihm eine Summe von Lebenserscheinungen, welche gleich allen anderen an ein bestimmtes materielles Substrat gebunden sind. Wir wollen

diese materielle Basis aller psychischen Tätigkeit, ohne welche dieselbe nicht

denkbar ist, vorläufig als P s y c h o p l a s m a bezeichnen, und zwar deshalb,

weil sie durch die chemische Analyse überall als ein Körper nachgewiesen ist,

welcher zur Gruppe der P l a s m a k ö r p e r gehört, d. h. jener eiweißartigen

Kohlenstoff-Verbindungen, welche sämtlichen Lebensvorgängen zugrunde

liegen. Bei den höheren Tieren, welche ein Nervensystem und Sinnesorgane

besitzen, ist aus dem P s y c h o p l a s m a durch Differenzierung das

N e u r o p l a s m a, die Nervensubstanz, entstanden. Unsere Auffassung ist in

d i e s e m Sinne m a t e r i a l i s t i s c h. Sie ist aber zugleich e m p i r i s t i s c h

und n a t u r a l i s t i s c h; denn unsere wissenschaftliche Erfahrung hat uns noch

keine Kräfte kennen gelehrt, welche der materiellen Grundlage entbehren, und

keine »geistige Welt«, welche außer der Natur und über der Natur stünde.

Gleich allen anderen Naturerscheinungen sind auch diejenigen des Seelenlebens

dem alles beherrschenden S u b s t a n z g e s e t z e unterworfen; es gibt auch in

diesem Gebiete keine Ausnahme von diesem höchsten kosmologischen

Grundgesetze. Die Erscheinungen des niederen Seelenlebens bei den einzelligen

Protisten und bei den Pflanzen — aber ebenso auch bei den niederen Tieren —,

ihre Reizbarkeit, ihre Reflexbewegungen, ihre Empfindlichkeit und ihr Streben

nach Selbsterhaltung beruhen auf physiologischen Vorgängen im P l a s m a ihrer

Zellen, auf physikalischen und chemischen Veränderungen, welche teils auf

Ve r e r b u n g, teils auf A n p a s s u n g zurückzuführen sind. Aber ganz dasselbe

müssen wir auch für die höheren Seelentätigkeiten der höheren Tiere und des

Menschen behaupten, für die Bildung der Vorstellungen und Begriffe, für die

wunderbaren Phänomene der Vernunft und des Bewußtseins; denn diese haben

sich phylogenetisch aus jenen entwickelt, und nur der höhere Grad der

Zentralisation, durch innige und mannigfaltige Verbindung der einzelnen

Funktionen, erhebt sie zu dieser erstaunlichen Höhe.

Begriffe der Psychologie. In jeder Wissenschaft gilt mit Recht als erste Aufgabe

die klare B e g r i f f s b e s t i m m u n g des Gegenstandes, den sie zu erforschen

hat. In keiner Wissenschaft aber ist die Lösung dieser ersten Aufgabe so

schwierig als in der Seelenlehre, und diese Tatsache ist um so merkwürdiger, als

die L o g i k, die Lehre von der Begriffsbildung, selbst nur ein Teil der

Psychologie ist. Wenn wir alles vergleichen, was über die Grundbegriffe der

Seelenkunde von den angesehensten Philosophen und Naturforschern aller

Zeiten gesagt worden ist, so ersticken wir in einem Chaos der

widersprechendsten Ansichten. Was ist denn eigentlich die »S e e l e«? Wie

verhält sie sich zum »G e i s t«? Welche Bedeutung hat eigentlich das »B e w u ß t s e i n«? Wie unterscheiden sich »E m p f i n d u n g« und

»G e f ü h l«? Was ist der »I n s t i n k t«? Wie verhält sich der »f r e i e W i l l e«?

Was ist »Vo r s t e l l u n g«? Welcher Unterschied besteht zwischen

»Ve r s t a n d und Ve r n u n f t«? Und was ist eigentlich »G e m ü t«? Welche

Beziehung besteht zwischen allen diesen »Seelenerscheinungen und dem

K ö r p e r«? Die Antworten auf diese und viele andere, sich daran

anschließenden Fragen lauten so verschieden als möglich; nicht allein gehen die

Ansichten der angesehensten Autoritäten darüber weit auseinander, sondern auch

eine und dieselbe w i s s e n s c h a f t l i c h e Autorität hat oft im Laufe ihrer

eigenen psychologischen Entwickelung ihre Ansichten völlig verändert. Sicher

hat diese »p s y c h o l o g i s c h e Metamorphose« vieler Denker (die wir noch

am Schlusse dieses 6. Kapitels beleuchten wollen) nicht wenig zu der

k o l o s s a l e n K o n f u s i o n d e r B e g r i f f e beigetragen, welche in der

Seelenlehre mehr als in jedem anderen Gebiete der Erkenntnis herrscht.

Objektive und subjektive Psychologie. Die ganz eigentümliche Natur vieler

Seelenerscheinungen, und vor allem des Bewußtseins bedingt gewisse

Abänderungen und Modifikationen unserer naturwissenschaftlichen

Untersuchungsmethoden. Besonders wichtig ist hier der Umstand, daß zu der

gewöhnlichen, o b j e k t i v e n, ä u ß e r n Beobachtung noch die

i n t r o s p e k t i v e M e t h o d e treten muß, die s u b j e k t i v e, i n n e r e

Beobachtung, welche die Spiegelung unseres »Ich« im Bewußtsein bedingt. Von

dieser »unmittelbaren Gewißheit des Ich« gingen die meisten Psychologen aus:

»C o g i t o , e r g o s u m ! « »I c h d e n k e , a l s o b i n i c h.« Wir werden daher

zunächst auf diesen Erkenntnisweg und dann erst auf die anderen, ihn

ergänzenden Methoden einen Blick werfen.

Introspektive Psychologie (Selbstbeobachtung der Seele). Der weitaus größte

Teil aller derjenigen Kenntnisse, welche seit Jahrtausenden in unzähligen

Schriften über das menschliche Seelenleben niedergelegt sind, beruht auf

introspektiver Seelenforschung, d. h. auf S e l b s t b e o b a c h t u n g, und auf

Schlüssen, welche wir aus der Assozion und Kritik dieser subjektiven, »inneren

Erfahrungen« ziehen. Für einen wichtigen Teil der Seelenlehre ist dieser

introspektive Weg überhaupt der einzig mögliche, vor allem für die Erforschung

des B e w u ß t s e i n s; diese Gehirnfunktion nimmt daher eine ganz

eigentümliche Stellung ein und ist mehr als jede andere die Quelle unzähliger

philosophischer Irrtümer geworden (vergl. Kap. 10). Es ist aber ganz

ungenügend und führt zu ganz unvollkommenen und falschen Vorstellungen,

wenn man diese Selbstbeobachtung unseres Geistes als die wichtigste oder

überhaupt als die einzige Quelle seiner Erkenntnis betrachtet, wie es von zahlreichen und angesehenen Philosophen geschehen ist. Denn ein großer Teil

der wichtigsten Erscheinungen im Seelenleben, vor allem die

S i n n e s f u n k t i o n e n (Sehen, Hören, Riechen usw.), ferner die S p r a c h e,

kann nur auf demselben Wege erforscht werden wie jede andere Lebenstätigkeit

des Organismus, nämlich erstens durch gründliche anatomische Untersuchung

ihrer O r g a n e, und zweitens durch exakte physiologische Analyse der davon

abhängigen F u n k t i o n e n. Um diese »äußere Beobachtung« der

Seelentätigkeit auszuführen und dadurch die Ergebnisse der »inneren

Beobachtung« zu ergänzen, bedarf es aber gründlicher Kenntnisse in Anatomie

und Histologie, Ontogenie und Physiologie des Menschen. Von diesen

unentbehrlichen Grundlagen der Anthropologie haben nun die meisten

sogenannten »P s y c h o l o g e n« gar keine oder nur höchst unvollkommene

Kenntnis; sie sind daher nicht imstande, auch nur von ihrer eigenen Seele eine

genügende Vorstellung zu erwerben. Dazu kommt noch der schlimme Umstand,

daß die eigene Seele dieser Psychologen gewöhnlich die einseitig ausgebildete

(wenn auch in ihrem spekulativen Sport sehr hoch entwickelte!) Psyche eines

K u l t u r m e n s c h e n höchster Rasse darstellt, also das letzte E n d g l i e d

einer langen phyletischen Entwickelungsreihe, deren zahlreiche ältere und

niedere Vorläufer für ihr richtiges Verständnis unentbehrlich sind. So erklärt es

sich, daß der größte Teil der gewaltigen psychologischen Literatur heute

wertlose Makulatur ist. Die introspektive Methode ist gewiß höchst wertvoll und

unentbehrlich, sie bedarf aber durchaus der Mitwirkung und Ergänzung durch

die übrigen Methoden.

Exakte Psychologie. Je reicher im Laufe des 19. Jahrhunderts sich die

verschiedenen Zweige des menschlichen Erkenntnisbaumes entwickelt, je mehr

sich die verschiedenen Methoden der einzelnen Wissenschaften vervollkommnet

haben, desto mehr ist das Bestreben gewachsen, dieselben e x a k t zu gestalten,

d. h. die Erscheinungen möglichst g e n a u empirisch zu untersuchen und die

daraus abzuleitenden Gesetze tunlichst scharf, womöglich m a t h e m a t i s c h zu

formulieren. Letzteres ist aber nur bei einem kleinen Teile des menschlichen

Wissens erreichbar, vorzüglich in jenen Wissenschaften, bei denen es sich in der

Hauptsache um meßbare Größenbestimmungen handelt: in erster Linie der

Mathematik, sodann der Astronomie, der Mechanik, überhaupt einem großen

Teile der Physik und Chemie. Diese Wissenschaften werden daher auch als

e x a k t e D i s z i p l i n e n im engeren Sinne bezeichnet. Dagegen ist es nicht

richtig und führt nur irre, wenn man oft a l l e Naturwissenschaften als »exakte«

betrachtet und anderen, namentlich den historischen und den

»Geisteswissenschaften« gegenüberstellt. Denn ebensowenig als diese letzteren

kann auch der größere Teil der Naturwissenschaft wirklich exakt behandelt werden; ganz besonders gilt dies von der Biologie und in dieser wieder von der

Psychologie. Da diese letztere nur ein Teil der Physiologie ist, muß sie im

allgemeinen deren fundamentale Erkenntniswege teilen. Sie muß die

tatsächlichen Erscheinungen des Seelenlebens möglichst genau e m p i r i s c h

ergründen, durch Beobachtung und durch Experiment; und sie muß dann die

Gesetze der Psyche aus diesen durch induktive und deduktive Schlüsse ableiten

und möglichst scharf formulieren. Allein ihre m a t h e m a t i s c h e

Formulierung ist aus leicht begreiflichen Gründen nur sehr selten möglich; sie ist

mit großem Erfolge nur bei einem Teile der Sinnesphysiologie ausgeführt; für

den weitaus größten Teil der Gehirnphysiologie ist sie dagegen nicht anwendbar.

Psychophysik. Ein kleiner Teil der Psychologie, welcher der erstrebten

»exakten« Untersuchung zugänglich erscheint, ist seit Jahren mit großer Sorgfalt

studiert und zum Range einer besonderen Disziplin erhoben worden unter der

Bezeichnung P s y c h o p h y s i k. Die Begründer derselben, die Physiologen

T h e o d o r F e c h n e r und E r n s t H e i n r i c h W e b e r, untersuchten

zunächst genau die Abhängigkeit der Empfindungen von den äußeren, auf die

Sinnesorgane wirkenden Reizen und besonders das quantitative Verhältnis

zwischen Reizstärke und Empfindungsintensität. Sie fanden, daß zur Erregung

einer Empfindung eine bestimmte minimale Reizstärke erforderlich ist (die

»Reizschwelle«), und daß ein gegebener Reiz immer um einen gewissen Betrag

(die »Unterschiedsschwelle«) geändert werden muß, ehe die Empfindung sich

merklich verändert. Für die wichtigsten Sinnesempfindungen (Gesicht, Gehör,

Druckempfindung) gilt das Gesetz, daß ihre Änderung derjenigen der Reizstärke

proportional ist. Aus diesem empirischen »Weberschen Gesetz« leitete

F e c h n e r sein »psycho-physisches Grundgesetz« ab, wonach die

Empfindungsintensitäten in arithmetischer Progression wachsen sollen, hingegen

die Reizstärken in geometrischer Progression. Indessen haben spätere Forscher

gezeigt, daß dieses Fechnersche Gesetz exakt nur für mittlere Intensitäten gilt,

also nicht die allgemeine Bedeutung hat, die man ihm früher zuschrieb.

Vergleichende Psychologie. Die auffällige Ähnlichkeit, welche im Seelenleben

des Menschen und der höheren Tiere — besonders der nächstverwandten

Säugetiere — besteht, ist eine altbekannte Tatsache. Die meisten Naturvölker

machen noch heute zwischen beiden psychischen Erscheinungsreihen keinen

wesentlichen Unterschied, wie schon die allgemein verbreiteten Tierfabeln, die

alten Sagen und die Vorstellungen von der Seelenwanderung beweisen. Auch die

meisten Philosophen des klassischen Altertums waren davon überzeugt und

entdeckten zwischen der menschlichen und tierischen Psyche keine wesentlichen

Unterschiede. Selbst P l a t o, der zuerst den fundamentalen Unterschied von Leib und Seele behauptete, ließ in seiner Seelenwanderung eine und dieselbe

Seele (oder »Idee«) durch verschiedene Tier- und Menschenleiber

hindurchwandern. Erst das Christentum, das den Unsterblichkeitsglauben auf das

engste mit dem Gottesglauben verknüpfte, führte die prinzipielle Scheidung

zwischen der unsterblichen Menschenseele und der sterblichen Tierseele durch.

In der dualistischen Philosophie gelangte sie vor allem durch den Einfluß von

D e s c a r t e s (1643) zur Geltung; er behauptete, daß nur der Mensch eine wahre

»Seele« und somit Empfindung und freien Willen besitze, daß hingegen die

Tiere Automaten, Maschinen ohne Willen und Empfindung seien. Seitdem

wurde von den meisten Psychologen — namentlich auch von K a n t — das

Seelenleben der Tiere ganz vernachlässigt und das psychologische Studium auf

den Menschen beschränkt; die menschliche, meistens rein introspektive

Psychologie entbehrte der befruchtenden Vergleichung und blieb daher auf

demselben niederen Standpunkt stehen, welchen die menschliche Morphologie

einnahm, ehe sie C u v i e r durch die Begründung der vergleichenden Anatomie

zur Höhe einer philosophischen Naturwissenschaft erhob.

Tierpsychologie. Das wissenschaftliche Interesse für das Seelenleben der Tiere

wurde erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts neu belebt, im

Zusammenhang mit den Fortschritten der systematischen Zoologie und

Physiologie. Besonders anregend wirkte die Schrift von R e i m a r u s:

Allgemeine Betrachtungen über die Triebe der Thiere (Hamburg 1760). Eine

tiefere wissenschaftliche Erforschung wurde erst möglich durch J o h a n n e s

M ü l l e r s Reform der Physiologie. Dieser geistvolle Biologe, das ganze Gebiet

der organischen Natur, Morphologie und Physiologie, gleichmäßig umfassend,

führte zuerst die e x a k t e n M e t h o d e n der Beobachtung und des Versuchs

im gesamten Gebiete der Physiologie durch und verknüpfte sie zugleich in

genialer Weise mit den v e r g l e i c h e n d e n M e t h o d e n; er wendete sie

ebenso auf das Seelenleben im weitesten Sinne an (auf Sprache, Sinne,

Gehirntätigkeit) wie auf alle übrigen Lebenserscheinungen. Das sechste Buch

seines »Handbuchs der Physiologie des Menschen« (1840) handelt speziell

»Vom Seelenleben« und enthält auf 80 Seiten eine Fülle der wichtigsten

psychologischen Betrachtungen.

Völkerpsychologie. Für die fruchtbare Ausbildung der vergleichenden

Seelenlehre ist es höchst wichtig, die kritische Vergleichung nicht auf Tier und

Mensch im allgemeinen zu beschränken, sondern auch die mannigfaltigen

A b s t u f u n g e n in ihrem Seelenleben nebeneinander zu stellen. Erst dadurch

gelangen wir zur klaren Erkenntnis der langen S t u f e n l e i t e r psychischer

Entwickelung, welche ununterbrochen von den niedersten, einzelligen Lebensformen bis zu den Säugetieren und an deren Spitze bis zum Menschen

hinauf führt. Auch innerhalb des Menschengeschlechts selbst sind jene

Abstufungen sehr beträchtlich und die Verzweigungen des

»Seelenstammbaums« höchst mannigfaltig. Der psychische Unterschied

zwischen dem rohesten Naturmenschen der niedersten Stufe und dem

vollkommensten Kulturmenschen der höchsten Stufe ist kolossal, viel größer, als

gemeinhin angenommen wird. In der richtigen Erkenntnis dieser Tatsache hat

besonders in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die »A n t h r o p o l o g i e

d e r N a t u r v ö l k e r« (W a i t z) einen lebhaften Aufschwung genommen und

die vergleichende Ethnographie eine hohe Bedeutung für die Psychologie

gewonnen. Leider ist nur das massenhaft gesammelte Rohmaterial dieser

Wissenschaft noch nicht genügend kritisch durchgearbeitet.

Ontogenetische Psychologie. Am meisten vernachlässigt und am wenigsten

angewendet unter allen Methoden der Seelenforschung war bis auf die letzte Zeit

die E n t w i c k e l u n g s g e s c h i c h t e d e r S e e l e; und doch ist gerade

dieser selten betretene Pfad derjenige, der uns am kürzesten und sichersten durch

den dunklen Urwald der psychologischen Vorurteile, Dogmen und Irrtümer zu

der klaren Einsicht in viele der wichtigsten »Seelenfragen« führt. Wie in jedem

anderen Gebiete der organischen Entwickelungsgeschichte, so stelle ich auch

hier zunächst die beiden Hauptzweige derselben gegenüber, die ich zuerst 1866

unterschieden habe: die Keimesgeschichte (Ontogenie) und die

Stammesgeschichte (Phylogenie). Die K e i m e s g e s c h i c h t e d e r S e e l e

untersucht die allmähliche und stufenweise Entwickelung der Seele in der

einzelnen Person und strebt nach Erkenntnis der Gesetze, welche sie ursächlich

bedingen. Für einen wichtigen Abschnitt des menschlichen Seelenlebens ist hier

schon seit Jahrtausenden sehr viel geschehen; denn die rationelle P ä d a g o g i k

mußte sich ja schon frühzeitig die Aufgabe stellen, theoretisch die stufenweise

Entwickelung und Bildungsfähigkeit der kindlichen Seele kennen zu lernen,

deren harmonische Ausbildung und Leitung sie praktisch durchzuführen hatte.

Allein die meisten Pädagogen waren idealistische und dualistische Philosophen

und gingen daher an ihre Aufgabe von vornherein mit den althergebrachten

Vorurteilen der spiritualistischen Psychologie. Erst seit wenigen Dezennien ist

dieser dogmatischen Richtung gegenüber auch in der Schule die

naturwissenschaftliche Methode zu größerer Geltung gelangt; man bemüht sich

jetzt mehr, auch in der Beurteilung der Kindesseele die Grundsätze der

Entwickelungslehre zur Anwendung zu bringen. Das individuelle Rohmaterial

der kindlichen Seele ist ja bereits durch Ve r e r b u n g von Eltern und Voreltern

von vornherein gegeben; die Erziehung hat die schöne Aufgabe, dasselbe durch

intellektuelle Belehrung und moralische Erziehung, also durch A n p a s s u n g, zur reichen Blüte zu entwickeln. Für die Kenntnis unserer frühesten psychischen

Entwickelung hat erst W i l h e l m P r e y e r (1882) den Grund gelegt in seiner

interessanten Schrift »Die Seele des Kindes, Beobachtungen über die geistige

Entwickelung des Menschen in den ersten Lebensjahren«. Für die Erkenntnis der

späteren Stufen und Metamorphosen der individuellen Psyche bleibt noch sehr

viel zu tun; die richtige, kritische Anwendung des Biogenetischen Grundgesetzes

beginnt auch hier sich als klarer Leitstern des wissenschaftlichen Verständnisses

zu bewähren. (Vergl. H e r m a n n K r o e l l, Der Aufbau der menschlichen

Seele, 1900.)

Phylogenetische Psychologie. Eine neue, fruchtbare Periode höherer

Entwickelung begann für die Psychologie, wie für alle anderen biologischen

Wissenschaften, als C h a r l e s D a r w i n die Grundsätze der

Entwickelungslehre auf sie anwendete. Das siebente Kapitel seines

epochemachenden Werkes über die Entstehung der Arten (1859) ist dem

I n s t i n k t gewidmet; es enthält den wertvollen Nachweis, daß die Instinkte der

Tiere, gleich allen anderen Lebenstätigkeiten, den allgemeinen Gesetzen der

historischen Entwickelung unterliegen. Die speziellen Instinkte der einzelnen

Tierarten werden durch A n p a s s u n g umgebildet, und diese »erworbenen

Abänderungen« werden durch Ve r e r b u n g auf die Nachkommen übertragen;

bei ihrer Erhaltung und Ausbildung spielt die natürliche S e l e k t i o n durch den

»Kampf ums Dasein« ebenso eine züchtende Rolle wie bei der Transformation

jeder anderen physiologischen Tätigkeit. Später hat D a r w i n in mehreren

Werken diese fundamentale Ansicht weiter ausgeführt und gezeigt, daß

dieselben Gesetze »geistiger Entwickelung« durch die ganze organische Welt

hindurch walten, beim Menschen ebenso wie bei den Tieren und bei diesen

ebenso wie bei den Pflanzen. D i e E i n h e i t d e r o r g a n i s c h e n W e l t,

die sich aus ihrem gemeinsamen Ursprung erklärt, gilt also auch für das gesamte

Gebiet des Seelenlebens, vom einfachsten, einzelligen Organismus bis hinauf

zum Menschen.

Die weitere Ausführung von D a r w i n s Psychologie und ihre besondere

Anwendung auf alle einzelnen Gebiete des Seelenlebens verdanken wir einem

ausgezeichneten englischen Naturforscher, G e o r g e R o m a n e s. Leider

wurde er durch seinen allzu frühen Tod an der Vollendung des großen Werkes

gehindert, welches alle Teile der vergleichenden Seelenkunde gleichmäßig im

Sinne der monistischen Entwickelungslehre ausbauen sollte. Die beiden Teile

dieses Werkes, welche erschienen sind, gehören zu den wertvollsten

Erzeugnissen der gesamten psychologischen Literatur. Denn getreu den

Prinzipien unserer modernen monistischen Naturforschung sind darin erstens die wichtigsten T a t s a c h e n zusammengefaßt und geordnet, welche seit

Jahrtausenden durch Beobachtung und Experiment auf dem Gebiete der

vergleichenden Seelenlehre empirisch festgestellt wurden; zweitens sind dieselbe

mit o b j e k t i v e r K r i t i k geprüft und zweckmäßig gruppiert; und drittens

ergeben sich daraus diejenigen Ve r n u n f t s c h l ü s s e über die wichtigsten

allgemeinen Fragen der Psychologie, welche allein mit den Grundsätzen unserer

modernen monistischen Weltanschauung vereinbar sind. Der erste Band von

R o m a n e s' Werk (Leipzig 1885) führt den Titel: »Die geistige Entwickelung

im Tierreich« und stellt die ganze lange Stufenreihe der psychischen

Entwickelung im Tierreiche von den einfachsten Empfindungen und Instinkten

der niedersten Tiere bis zu den vollkommensten Erscheinungen des Bewußtseins

und der Vernunft bei den höchststehenden Tieren im natürlichen Zusammenhang

dar. Es sind darin auch viele Mitteilungen aus hinterlassenen Manuskripten

»über den Instinkt« von Darwin mitgeteilt, und zugleich ist eine »vollständige

Sammlung von allem, was er auf dem Gebiete der Psychologie geschrieben hat«,

gegeben.

Der zweite Teil von R o m a n e s' Werk behandelt »die geistige Entwickelung

beim Menschen und den Ursprung der menschlichen Befähigung« (Leipzig

1893). Der scharfsinnige Psychologe führt darin den überzeugenden Beweis,

»d a ß d i e p s y c h o l o g i s c h e S c h r a n k e z w i s c h e n T i e r u n d

M e n s c h ü b e r w u n d e n i s t«; das begriffliche Denken und

Abstraktionsvermögen des Menschen hat sich allmählich aus den nicht

begrifflichen Vorstufen des Denkens und Vorstellens bei den nächstverwandten

Säugetieren entwickelt. Die höchsten Geistestätigkeiten des Menschen,

Ve r n u n f t, S p r a c h e u n d B e w u ß t s e i n, sind aus den niederen

Vorstufen derselben in der Reihe der P r i m a t e n a h n e n (Affen und Halbaffen)

hervorgegangen. Der Mensch besitzt keine einzige »Geistestätigkeit«, welche

ihm ausschließlich eigentümlich ist; sein ganzes Seelenleben ist von demjenigen

der nächstverwandten Säugetiere nur dem G r a d e, nicht der A r t nach, nur

quantitativ, nicht qualitativ verschieden.

Psychologische Metamorphosen. Nicht unerwähnt soll eine merkwürdige

Erscheinung bleiben, die uns manche bedeutende Naturforscher und Philosophen

wahrzunehmen Gelegenheit gaben. Sie besteht in einem eigentümlichen

philosophischen Prinzipienwechsel, in der Vertauschung des ursprünglichen

m o n i s t i s c h e n Standpunktes mit einem späteren d u a l i s t i s c h e n. Das

interessanteste Beispiel solcher Verwandlung liefert I m m a n u e l K a n t. Als

kritischer Philosoph war er zur Überzeugung gelangt, daß die drei

G r o ß m ä c h t e d e s M y s t i z i s m u s: »Gott, Freiheit und Unsterblichkeit« — als Dogmen der »r e i n e n Vernunft« — unhaltbar erscheinen. Der

d o g m a t i s c h e K a n t dagegen fand später, daß diese drei Hauptgespenster

»Postulate der p r a k t i s c h e n Vernunft« und als solche unentbehrlich seien. Je

mehr neuerdings die angesehene Schule der N e o k a n t i a n e r den »Rückgang

auf K a n t« als einzige Rettung aus dem entsetzlichen Wirrwarr der modernen

Metaphysik predigt, desto klarer offenbart sich der unleugbare und unheilvolle

Widerspruch der beiden Grundanschauungen, zwischen denen K a n t hin und her

schwankte.

In Deutschland gilt gegenwärtig als einer der bedeutendsten Psychologen

W i l h e l m W u n d t in Leipzig; er besitzt vor den meisten anderen

Philosophen den unschätzbaren Vorzug einer gründlichen z o o l o g i s c h e n,

a n a t o m i s c h e n und p h y s i o l o g i s c h e n Bildung. Früher Assistent und

Schüler von H e l m h o l t z, hatte sich W u n d t frühzeitig daran gewöhnt, die

Grundgesetze der Physik und Chemie im gesamten Gebiete der Physiologie

geltend zu machen, also auch (im Sinne von J o h a n n e s M ü l l e r) in der

Psychologie, als einem Teilgebiete der letzteren. Von diesen Gesichtspunkten

geleitet, veröffentlichte W u n d t 1863 wertvolle »Vorlesungen über die

Menschen- und Tierseele«. Er liefert darin, wie er selbst in der Vorrede sagt, den

N a c h w e i s, daß der Schauplatz der wichtigsten Seelenvorgänge in der

u n b e w u ß t e n S e e l e liegt, und er eröffnet uns »einen Einblick in jenen

M e c h a n i s m u s, der im unbewußten Hintergrund der Seele die Anregungen

verarbeitet, die aus den äußeren Eindrücken stammen«. Was mir aber besonders

wichtig und wertvoll an W u n d t s Werk erscheint, ist, daß er »hier zum ersten

Male das G e s e t z d e r E r h a l t u n g d e r K r a f t a u f d a s

p s y c h i s c h e G e b i e t a u s d e h n t und dabei eine Reihe von Tatsachen der

Elektrophysiologie zur Beweisführung benutzt« (a. a. O. S. VIII).

Dreißig Jahre später veröffentlichte W u n d t (1892) eine zweite, wesentlich

verkürzte und gänzlich umgearbeitete Auflage seiner »Vorlesungen über die

Menschen- und Tierseele«. Die wichtigsten Prinzipien der ersten Auflage sind in

dieser zweiten völlig aufgegeben, und der m o n i s t i s c h e Standpunkt der

ersteren ist mit einem rein d u a l i s t i s c h e n vertauscht. W u n d t selbst sagt in

der Vorrede zur zweiten Auflage, daß er sich erst allmählich von den

fundamentalen Irrtümern der ersten befreit habe, und daß er »diese Arbeit schon

seit Jahren als eine J u g e n d s ü n d e betrachten lernte«; sie »lastete auf ihm als

eine Art S c h u l d, der er, so gut es gehen mochte, ledig zu werden wünschte«.

In der Tat sind die wichtigsten Grundanschauungen der Seelenlehre in den

beiden Auflagen von W u n d t s weit verbreiteten »Vorlesungen« völlig

entgegengesetzte; in der ersten Auflage rein monistisch und materialistisch, in der zweiten Auflage rein dualistisch und spiritualistisch. Dort wird die

P s y c h o l o g i e als N a t u r w i s s e n s c h a f t behandelt, nach denselben

Grundsätzen wie die gesamte Physiologie, von der sie nur ein Teil ist; dreißig

Jahre später ist für ihn die Seelenlehre eine reine G e i s t e s w i s s e n s c h a f t

geworden, deren Prinzipien und Objekte von denjenigen der Naturwissenschaft

völlig verschieden sind. Den schärfsten Ausdruck findet diese Bekehrung in

seinem Prinzip des p s y c h o p h y s i s c h e n P a r a l l e l i s m u s, wonach zwar

einem »jeden psychischen Geschehen irgendwelche physische Vorgänge

entsprechen«, beide aber völlig unabhängig voneinander sind und n i c h t i n

n a t ü r l i c h e m K a u s a l z u s a m m e n h a n g s t e h e n. Dieser

vollkommene D u a l i s m u s von Leib und Seele, von Natur und Geist hat

begreiflicherweise den lebhaften Beifall der herrschenden Schulphilosophie

gefunden und wird von ihr als ein bedeutungsvoller Fortschritt gepriesen, um so

mehr, als er von einem angesehenen Naturforscher bekannt wird, der früher die

entgegengesetzten Anschauungen unseres modernen M o n i s m u s vertrat. Da

ich selbst auf diesem letzteren, »beschränkten« Standpunkt seit mehr als fünfzig

Jahren stehe und mich trotz aller bestgemeinten Anstrengungen nicht von ihm

habe losmachen können, muß ich natürlich die »Jugendsünden« des jungen

Physiologen W u n d t für die richtige Naturerkenntnis halten und sie gegen die

entgegengesetzten Grundanschauungen des alten Philosophen W u n d t

energisch verteidigen.

Ein interessantes Beispiel ähnlicher tiefgehender Wandlung bieten zwei der

berühmtesten Naturforscher, R. V i r c h o w und E. D u B o i s - R e y m o n d;

die Metamorphose ihrer psychologischen Grundanschauungen darf um so

weniger übersehen werden, als beide Berliner Biologen mehr als 40 Jahre

hindurch an der größten Universität Deutschlands eine höchst bedeutende Rolle

gespielt und sowohl direkt wie indirekt einen tiefgreifenden Einfluß auf das

moderne Geistesleben geübt haben. R u d o l f V i r c h o w, der verdienstvolle

Begründer der Zellularpathologie, war in der besten Zeit seiner

wissenschaftlichen Tätigkeit, um die Mitte des 19. Jahrhunderts (und besonders

während seines Würzburger Aufenthalts, von 1849 1856) reiner M o n i s t; er

galt damals als einer der hervorragendsten Vertreter jenes neu erwachenden

»M a t e r i a l i s m u s«, der im Jahre 1855 besonders durch zwei berühmte, fast

gleichzeitig erschienene Werke eingeführt wurde: L u d w i g B ü c h n e r s Kraft

und Stoff, und C a r l Vo g t s Köhlerglaube und Wissenschaft. Seine

allgemeinen biologischen Anschauungen von den Lebensvorgängen im

Menschen — sämtlich als mechanische Naturerscheinungen aufgefaßt! — legte

damals V i r c h o w in einer Reihe ausgezeichneter Artikel in den ersten Bänden

des von ihm herausgegebenen Archivs für pathologische Anatomie nieder. Wohl die bedeutendste unter diesen Abhandlungen und diejenige, in der er seine

damalige m o n i s t i s c h e W e l t a n s c h a u u n g am klarsten zusammenfaßte,

ist die Rede über »Die Einheitsbestrebungen in der wissenschaftlichen Medizin«

(1849). Es geschah gewiß mit Bedacht und mit der Überzeugung ihres

philosophischen Wertes, daß V i r c h o w 1856 dieses »medizinische

Glaubensbekenntnis« an die Spitze seiner »Gesammelten Abhandlungen zur

wissenschaftlichen Medizin« stellte. Er vertritt darin ebenso klar als bestimmt

die fundamentalen Prinzipien unseres heutigen Monismus, wie ich sie hier mit

bezug auf die Lösung der »Welträtsel« darstelle; er verteidigt die alleinige

Berechtigung der Erfahrungswissenschaft, deren einzige zuverlässige Quellen

Sinnestätigkeit und Gehirnfunktion sind; er bekämpft ebenso entschieden den

anthropologischen Dualismus, jede sogenannte Offenbarung und jede

»Transzendenz« mit ihren zwei Wegen: »Glauben und Anthropomorphismus«.

Vor allem betont er den monistischen Charakter der Anthropologie, den

untrennbaren Zusammenhang von Geist und Körper, von Kraft und Materie; am

Schlusse seines Vorworts spricht er (S. 4) den Satz aus: »Ich habe die

Überzeugung, daß ich mich niemals in der Lage befinden werde, den Satz von

der E i n h e i t d e s m e n s c h l i c h e n W e s e n s und seine Konsequenzen zu

verleugnen.« Leider war diese »Überzeugung« ein schwerer Irrtum; denn 28

Jahre später vertrat Virchow ganz entgegengesetzte prinzipielle Anschauungen;

es geschah dies in jener vielbesprochenen Rede über »Die Freiheit der

Wissenschaft im modernen Staate«, die er 1877 auf der

Naturforscherversammlung in München hielt, und deren Angriffe ich in meiner

Schrift »Freie Wissenschaft und freie Lehre« (1878) zurückgewiesen habe.

Ähnliche Widersprüche in bezug auf die wichtigsten philosophischen

Grundsätze wie V i r c h o w hat auch E m i l D u B o i s - R e y m o n d gezeigt

und damit den lauten Beifall der dualistischen Schulen und vor allem der Ecclesia

militans errungen. Je mehr dieser berühmte Rhetor der Berliner Akademie im

allgemeinen die Grundsätze unseres Monismus vertrat, je mehr er selbst zur

Widerlegung des Vitalismus und der transzendenten Lebensauffassung

beigetragen hatte, desto lauter war das Triumphgeschrei der Gegner, als er 1872

in seiner wirkungsvollen I g n o r a b i m u s - R e d e das »Bewußtsein« als ein

unlösbares Welträtsel hingestellt und als eine übernatürliche Erscheinung den

anderen Gehirnfunktionen gegenübergestellt hatte.

Der totale philosophische Prinzipienwechsel, der uns in den »psychologischen

Metamorphosen« dieser und anderer berühmter Denker entgegentritt, ist sehr

merkwürdig. In ihrer Jugend umfassen diese kühnen und talentvollen

Naturforscher das ganze Gebiet ihrer biologischen Forschung mit weitem Blick und streben eifrig nach einem einheitlichen, natürlichen Erkenntnisgrunde; in

ihrem Alter haben sie eingesehen, daß dieser nicht vollkommen erreichbar ist,

und deshalb geben sie ihn lieber ganz auf. Zur Entschuldigung dieser

psychologischen Metamorphose können sie natürlich anführen, daß sie in der

Jugend die Schwierigkeiten der großen Aufgabe übersehen und die wahren Ziele

verkannt hätten; erst mit der reiferen Einsicht des Alters und der Sammlung

vieler Erfahrungen hätten sie sich von ihren Irrtümern überzeugt und den wahren

Weg zur Quelle der Wahrheit gefunden. Man kann aber auch umgekehrt

behaupten, daß die großen Männer der Wissenschaft in jüngeren Jahren

unbefangener und mutiger an ihre schwierige Aufgabe herantreten, daß ihr Blick

freier und ihre Urteilskraft reiner ist; die Erfahrungen späterer Jahre führen

vielfach nicht nur zur Bereicherung, sondern auch zur Trübung der Einsicht, und

mit dem Greisenalter tritt allmähliche Rückbildung ebenso im Gehirn wie in

anderen Organen ein. Jedenfalls ist diese Metamorphose an sich eine lehrreiche

psychologische Tatsache; denn sie beweist mit vielen anderen Formen des

»Gesinnungswechsels«, daß die höchsten Seelenfunktionen ebenso wesentlichen

individuellen Veränderungen im Laufe des Lebens unterliegen wie alle anderen

Lebenstätigkeiten.