Die Welträtsel
Vierzehntes Kapitel. Einheit der Natur.
V i e r z e h n t e s K a p i t e l .
Einheit der Natur.
Monistische Studien über die materielle und energetische Einheit des
Kosmos. — Mechanismus und Vitalismus. — Ziel, Zweck und Zufall.
Durch das Substanzgesetz ist zunächst die fundamentale Tatsache erwiesen, daß
jede Naturkraft mittelbar oder unmittelbar in jede andere umgewandelt werden
kann. Mechanische und chemische Energie, Schall und Wärme, Licht und
Elektrizität können ineinander übergeführt werden und erweisen sich nur als
verschiedene Erscheinungsformen einer und derselben Urkraft, der E n e r g i e.
Daraus ergibt sich der bedeutungsvolle Satz von der E i n h e i t a l l e r
N a t u r k r ä f t e oder, wie wir auch sagen können, dem »M o n i s m u s d e r
E n e r g i e«. Im gesamten Gebiete der Physik und Chemie ist dieser
Fundamentalsatz jetzt allgemein anerkannt, soweit er die anorganischen
Naturkörper betrifft.
Anders verhält sich scheinbar die organische Welt, das bunte und formenreiche
Gebiet des Lebens. Zwar liegt es auch hier auf der Hand, daß ein g r o ß e r
T e i l der Lebenserscheinungen unmittelbar auf mechanische und chemische
Energie, auf elektrische und Lichtwirkungen zurückzuführen ist. Für einen
anderen Teil aber wird das auch heute noch bestritten, so vor allem für das
Welträtsel des S e e l e n l e b e n s, insbesondere des Bewußtseins. Hier ist es nun
das hohe Verdienst der modernen E n t w i c k e l u n g s l e h r e, die Brücke
zwischen den beiden, scheinbar getrennten Gebieten geschlagen zu haben. Wir
sind jetzt zu der klaren Überzeugung gelangt, daß auch alle Erscheinungen des
o r g a n i s c h e n Lebens ebenso dem universalen Substanzgesetz unterworfen
sind wie die a n o r g a n i s c h e n Phänomene im unendlichen Kosmos.
Die Einheit der Natur, die hieraus folgt, die Überwindung des früheren
Dualismus, ist sicher eines der wertvollsten Ergebnisse unserer modernen
Entwickelungslehre. Ich habe diesen »M o n i s m u s d e s K o s m o s«, die
prinzipielle »Einheit der organischen und anorganischen Natur« schon 1866 sehr
eingehend zu begründen versucht, indem ich die Übereinstimmung der beiden
großen Naturreiche in Beziehung auf Stoffe, Formen und Kräfte einer
eingehenden kritischen Prüfung und Vergleichung unterzog (Generelle
Morphologie, 5. Kap.). Einen kurzen Auszug ihrer Ergebnisse enthält der fünfzehnte Vortrag meiner »Natürlichen Schöpfungsgeschichte«. Während die
hier entwickelten Anschauungen von der großen Mehrzahl der Naturforscher
gegenwärtig angenommen sind, ist doch neuerdings von mehreren Seiten der
Versuch gemacht worden, sie zu bekämpfen und den alten Gegensatz von zwei
ganz verschiedenen Naturgebieten aufrecht zu erhalten. In der Hauptsache
handelt es sich auch hier wieder um den uralten Gegensatz der
m e c h a n i s c h e n und der t e l e o l o g i s c h e n Weltanschauung. Bevor wir
auf denselben eingehen, wollen wir kurz auf zwei andere Theorien hinweisen,
welche nach meiner Überzeugung für die Entscheidung dieser wichtigen
Probleme sehr wertvoll sind, die Kohlenstofftheorie und die Urzeugungslehre.
Kohlenstofftheorie. Die physiologische Chemie hat im Laufe der letzten
Dezennien durch unzählige Analysen folgende fünf Tatsachen festgestellt: I. In
den organischen Naturkörpern kommen keine anderen Elemente vor als in den
anorganischen. II. Diejenigen Verbindungen der Elemente, welche dem
Organismus eigentümlich sind, und welche ihre »Lebenserscheinungen«
bewirken, sind zusammengesetzte Plasmakörper, aus der Gruppe der Albuminate
oder Eiweißverbindungen. III. Das organische Leben selbst ist ein chemisch-
physikalischer Prozeß, der auf dem Stoffwechsel dieser Albuminate beruht.
IV. Dasjenige Element, welches allein imstande ist, diese zusammengesetzten
Eiweißkörper in Verbindung mit anderen Elementen (Sauerstoff, Wasserstoff,
Stickstoff, Schwefel) aufzubauen, ist der Kohlenstoff. V. Diese plasmatischen
Kohlenstoff-Verbindungen zeichnen sich vor den meisten anderen chemischen
Verbindungen durch ihre sehr komplizierte Molekularstruktur aus, durch ihre
Unbeständigkeit und ihren gequollenen Aggregatzustand. Auf Grund dieser fünf
fundamentalen Tatsachen stellte ich im Jahre 1866 folgende T h e o r i e auf:
»Lediglich die eigentümlichen, chemisch-physikalischen Eigenschaften des
Kohlenstoffes — und namentlich der festflüssige Aggregatzustand und die
leichte Zersetzbarkeit der höchst zusammengesetzten, eiweißartigen
Kohlenstoff-Verbindungen — sind die mechanischen Ursachen jener
eigentümlichen Bewegungs-Erscheinungen, durch welche sich die Organismen
von den Anorganen unterscheiden, und die man im engeren Sinne das Leben
nennt.« Obwohl diese »Kohlenstofftheorie« von mehreren Biologen heftig
angegriffen worden ist, hat doch bisher keiner eine bessere monistische Theorie
an deren Stelle gesetzt. Heute, wo wir die physiologischen Verhältnisse des
Zellenlebens, die Chemie und Physik des lebendigen Plasma viel besser und
gründlicher kennen als um die Mitte des 19. Jahrhunderts, läßt sich unsere
Theorie eingehender und sicherer begründen, als es damals möglich war.
Achigonie oder Urzeugung. Der alte Begriff der U r z e u g u n g (Generatio spontanea oder aequivoca) wird heute noch in sehr verschiedenem Sinne
verwendet; gerade die Unklarheit über diesen B e g r i f f und die
widersprechende Anwendung desselben auf ganz verschiedene, alte und neue
Hypothesen sind schuld daran, daß dieses wichtige Problem zu den bestrittensten
und konfusesten Fragen der ganzen Naturwissenschaft bis auf den heutigen Tag
gehört. Ich beschränke den Begriff der Urzeugung auf die erste Entstehung von
lebendem Plasma aus anorganischen Kohlenstoff-Verbindungen und
unterscheide als zwei Hauptperioden in diesem »B e g i n n d e r
B i o g e n e s i s«: I. die Entstehung von einfachsten Plasmakörpern in einer
anorganischen Bildungsflüssigkeit, und II. die Individualisierung von
primitivsten Organismen aus jenen Plasmaverbindungen, in Form von
M o n e r e n. Ich habe diese wichtigen, aber auch sehr schwierigen Probleme im
15. Kapitel meiner Natürlichen Schöpfungsgeschichte so eingehend behandelt,
daß ich hier darauf verweisen kann. Eine sehr ausführliche und streng
wissenschaftliche Erörterung derselben habe ich bereits 1866 in der »Generellen
Morphologie« gegeben (Bd. I, S. 167-190); später hat N a e g e l i in seiner
Mechanisch-physiologischen Theorie der Abstammungslehre (1884) die
Hypothese der Urzeugung ganz in demselben Sinne sehr eingehend behandelt
und als eine u n e n t b e h r l i c h e A n n a h m e der natürlichen
Entwickelungstheorie bezeichnet. Ich stimme vollkommen seinem Satze bei:
»Die Urzeugung leugnen heißt das Wunder verkünden.« Eine kritische
Auseinandersetzung der verschiedenartigen Hypothesen, welche neuerdings über
»Urzeugung« aufgestellt worden sind, enthält das 15. Kapitel
(»Lebensursprung«) meines Buches über die »Lebenswunder« (Volksausgabe
1906).
Teleologie und Mechanik. Sowohl die Hypothese der Urzeugung als die eng
damit verknüpfte Kohlenstofftheorie besitzen die größte Bedeutung für die
Entscheidung des alten Kampfes zwischen der t e l e o l o g i s c h e n
(d u a l i s t i s c h e n) und der m e c h a n i s c h e n (m o n i s t i s c h e n)
Beurteilung der Erscheinungen. Seit D a r w i n uns vor fünfzig Jahren durch
seine S e l e k t i o n s t h e o r i e den Schlüssel zur monistischen Erklärung der
Organisation in die Hand gab, sind wir in den Stand gesetzt, die bunte
Mannigfaltigkeit der zweckmäßigen Einrichtungen in der lebendigen Körperwelt
ebenso auf natürliche mechanische Ursachen zurückzuführen, wie dies vorher
nur in der anorganischen Natur möglich war. Die übernatürlichen zwecktätigen
Ursachen, zu welchen man früher seine Zuflucht hatte nehmen müssen, sind
dadurch überflüssig geworden.
Werkursachen (Causae efficientes) und Endursachen (Causae finales). Den tiefen Gegensatz zwischen den bewirkenden Ursachen (oder Werkursachen) und den
zwecktätigen Ursachen (oder Endursachen) hat mit Bezug auf die Erklärung der
Gesamtnatur kein neuerer Philosoph schärfer hervorgehoben, als I m m a n u e l
K a n t. In seinem berühmten Jugendwerke, der »Allgemeinen Naturgeschichte
und Theorie des Himmels«, hatte er 1755 den kühnen Versuch unternommen,
»die Verfassung und den mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebäudes nach
N e w t o nschen Grundsätzen abzuhandeln«. Er stützte sich dabei ganz auf die
mechanischen Bewegungserscheinungen der Gravitation; sie wurde später von
L a p l a c e weiter ausgebildet und mathematisch begründet. Als dieser von
Napoleon I. gefragt wurde, welche Stelle in seinem System Gott, der Schöpfer
und Erhalter des Weltalls, einnehme, antwortete er klar und ehrlich: »Sire, ich
bedarf dieser Hypothese nicht.« Damit war der a t h e i s t i s c h e C h a r a k t e r
dieser m e c h a n i s c h e n K o s m o g e n i e, den sie mit allen anorganischen
Wissenschaften teilt, offen anerkannt. Dies muß um so mehr hervorgehoben
werden, als die K a n t - L a p l a c esche Theorie noch heute in fast allgemeiner
Geltung steht. Wenn man den A t h e i s m u s noch heute in weiten Kreisen als
einen schweren Vorwurf betrachtet, so trifft dieser die gesamte moderne
Naturwissenschaft, insofern sie die a n o r g a n i s c h e Welt unbedingt
mechanisch erklärt.
Der Mechanismus a l l e i n gibt uns eine w i r k l i c h e E r k l ä r u n g der
Naturerscheinungen, indem er dieselben auf reale Werkursachen zurückführt, auf
Bewegungen, welche durch die materielle Konstitution der betreffenden
Naturkörper selbst bedingt sind. K a n t selbst betont, daß es »ohne diesen
Mechanismus der Natur keine Naturwissenschaft geben kann«, und daß die
B e f u g n i s der menschlichen Vernunft zur mechanischen Erklärung a l l e r
Erscheinungen unbeschränkt sei. Als er aber später in seiner Kritik der
ideologischen Urteilskraft die Erklärung der verwickelten Erscheinungen in der
o r g a n i s c h e n Natur besprach, behauptete er, daß dafür jene mechanischen
Ursachen nicht ausreichend seien; hier müsse man zweckmäßig wirkende
Endursachen zu Hilfe nehmen. Zwar sei auch hier die Befugnis unserer Vernunft
zur mechanischen Erklärung anzuerkennen, aber ihr Ve r m ö g e n sei begrenzt.
Allerdings gestand er ihr teilweise dieses Vermögen zu, aber für den größten Teil
der Lebenserscheinungen (und besonders für die Seelentätigkeit des Menschen)
hielt er die Annahme von Endursachen unentbehrlich. Der merkwürdige § 79 der
Kritik der Urteilskraft trägt die charakteristische Überschrift: »Von der
notwendigen Unterordnung des Prinzips des Mechanismus unter das
teleologische in Erklärung eines Dinges als Naturzweck«. Die zweckmäßigen
Einrichtungen im Körperbau der organischen Wesen schienen K a n t ohne
Annahme übernatürlicher Endursachen (d. h. also einer planmäßig wirkenden Schöpferkraft) so unerklärlich, daß er sagte: »Es ist ganz gewiß, daß wir die
organisierten Wesen und deren innere Möglichkeit nach bloß mechanischen
Prinzipien der Natur nicht einmal zureichend kennen, viel weniger uns erklären
können, und zwar so gewiß, daß man dreist sagen kann: Es ist für Menschen
ungereimt, auch nur einen solchen Anschlag zu fassen oder zu hoffen, daß noch
etwa dereinst ein Newton aufstehen könne, der auch nur die Erzeugung eines
Grashalms nach Naturgesetzen, die keine Absicht geordnet hat, begreiflich
machen werde, sondern man muß diese Einsicht dem Menschen schlechterdings
absprechen.« Siebzig Jahre später ist dieser unmögliche »N e w t o n der
organischen Natur« in D a r w i n wirklich erschienen und hat die große Aufgabe
gelöst, die K a n t für unlösbar erklärt hatte.
Der Zweck in der anorganischen Natur (A n o r g a n i s c h e T e l e o l o g i e).
Seitdem N e w t o n (1682) das Gravitationsgesetz aufgestellt, und seitdem K a n t
(1755) »die Verfassung und den m e c h a n i s c h e n Ursprung des ganzen
Weltgeldes nach N e w t o nschen Grundsätzen« festgestellt — seitdem endlich
L a p l a c e (1796) dieses G r u n d g e s e t z d e s W e l t m e c h a n i s m u s
mathematisch begründet hatte, sind die sämtlichen anorganischen
Naturwissenschaften rein m e c h a n i s c h und damit zugleich rein
a t h e i s t i s c h geworden. In der Astronomie und Kosmogenie, in der Geologie
und Meteorologie, in der anorganischen Physik und Chemie gilt seitdem die
absolute Herrschaft mechanischer Gesetze auf mathematischer Grundlage als
unbedingt feststehend. Seitdem ist aber auch der Z w e c k b e g r i f f aus diesem
ganzen großen Gebiete v e r s c h w u n d e n. Jetzt ist diese monistische
Betrachtung nach harten Kämpfen zu allgemeiner Geltung gelangt, und kein
Naturforscher fragt mehr im Ernste nach dem Zweck irgendeiner Erscheinung in
diesem ganzen unermeßlichen Gebiete. Oder sollte wirklich noch heute im
Ernste ein Astronom nach dem Zwecke der Planetenbewegungen oder ein
Mineraloge nach dem Zwecke der einzelnen Kristallformen fragen? Oder sollte
ein Physiker über den Zweck der elektrischen Kräfte oder ein Chemiker über den
Zweck der Atomgewichte grübeln? Wir dürfen getrost antworten: N e i n! Sicher
nicht in dem Sinne, daß der »liebe Gott« oder eine zielstrebige Naturkraft diese
Grundgesetze des Weltmechanismus einmal plötzlich »aus nichts« zu einem
bestimmten Zweck erschaffen hat, und daß er sie nach seinem vernünftigen
Willen tagtäglich wirken läßt. Diese anthropomorphe Vorstellung von einem
zwecktätigen Weltbaumeister und Weltherrscher ist hier völlig überwunden; an
seine Stelle sind die »ewigen, ehernen, großen Naturgesetze« getreten.
Der Zweck in der organischen Natur (B i o l o g i s c h e T e l e o l o g i e). Eine
ganz andere Bedeutung und Geltung als in der anorganischen besitzt der Z w e c k b e g r i f f noch heute in der organischen Natur. Im Körperbau und in
der Lebenstätigkeit aller Organismen tritt uns die Zwecktätigkeit unleugbar
entgegen. Jede Pflanze und jedes Tier erscheinen in der Zusammensetzung aus
einzelnen Teilen ebenso für einen bestimmten Lebenszweck eingerichtet wie die
künstlichen, vom Menschen erfundenen und konstruierten Maschinen; und
solange ihr Leben fortdauert, ist auch die Funktion der einzelnen Organe ebenso
auf bestimmte Zwecke gerichtet wie die Arbeit in den einzelnen Teilen der
Maschine. Es war daher ganz naturgemäß, daß die ältere naive Naturbetrachtung
für die Entstehung und die Lebenstätigkeit der organischen Wesen einen
Schöpfer in Anspruch nahm, der mit »Weisheit und Verstand alle Dinge
geordnet« hatte, und der jedes Tier und jede Pflanze ihrem besonderen
Lebenszweck entsprechend organisiert hatte. Gewöhnlich wurde dieser
»allmächtige Schöpfer Himmels und der Erden« durchaus anthropomorph
gedacht; er schuf »jegliches Wesen nach seiner Art«. Solange dabei dem
Menschen der Schöpfer noch in menschlicher Gestalt erschien, denkend mit
seinem Gehirn, sehend mit seinen Augen, formend mit seinen Händen, konnte
man sich von diesem »göttlichen Maschinenbauer« und von seiner
künstlerischen Arbeit in der großen Schöpfungswerkstätte noch eine
anschauliche Vorstellung machen. Viel schwieriger wurde dies, als sich der
Gottesbegriff läuterte und man in dem »unsichtbaren Gott« einen immateriellen
Schöpfer ohne Organe erblickte. Noch unbegreiflicher endlich wurden diese
anthropistischen Vorstellungen, als die Physiologie an die Stelle des bewußt
bauenden Gottes die unbewußt schaffende »L e b e n s k r a f t« setzte — eine
unbekannte, zweckmäßig tätige Naturkraft, welche von den bekannten
physikalischen und chemischen Kräften verschieden war und diese nur zeitweise
— auf Lebenszeit — in Dienst nahm. Dieser V i t a l i s m u s blieb noch bis um
die Mitte des 19. Jahrhunderts herrschend; er fand seine tatsächliche
Widerlegung erst durch den großen Physiologen J o h a n n e s M ü l l e r. Zwar
war auch dieser geistreiche Biologe im Glauben an die Lebenskraft
aufgewachsen und hielt sie für die Erklärung der »letzten Lebensursachen« für
unentbehrlich, aber er führte zugleich in seinem klassischen, noch heute
unübertroffenen Lehrbuch der Physiologie (1833) den Beweis, daß eigentlich
nichts mit ihr anzufangen ist. M ü l l e r selbst zeigte in einer langen Reihe von
ausgezeichneten Beobachtungen und scharfsinnigen Experimenten, daß die
meisten Lebenstätigkeiten im Organismus des Menschen ebenso wie der übrigen
Tiere nach physikalischen und chemischen Gesetzen geschehen, daß viele von
ihnen sogar mathematisch bestimmbar sind. Das gilt ebensowohl von den
Funktionen der Muskeln und Nerven, der niederen und höheren Sinnesorgane,
wie von den Vorgängen bei der Ernährung und dem Stoffwechsel, der Verdauung und dem Blutkreislauf. Rätselhaft und ohne die Annahme einer Lebenskraft
nicht erklärbar blieben eigentlich nur zwei Gebiete, das der höheren
Seelentätigkeit (Geistesleben) und das der Fortpflanzung (Zeugung). Aber auch
auf diesen Gebieten wurden unmittelbar nach M ü l l e r s Tode so bedeutende
Entdeckungen und Fortschritte gemacht, daß das unheimliche »Gespenst der
Lebenskraft« auch aus diesen letzten Schlupfwinkeln verschwand. Es war ein
merkwürdiger chronologischer Zufall, daß J o h a n n e s M ü l l e r 1858 in
demselben Jahre starb, in welchem C h a r l e s D a r w i n die ersten
Mitteilungen über seine epochemachende Theorie veröffentlichte. Die
S e l e k t i o n s t h e o r i e des letzteren beantwortete das große Rätsel, vor
welchem der erstere stehen geblieben war: die Frage von der Entstehung
zweckmäßiger Einrichtungen durch rein mechanische Ursachen, ohne
vorbedachten Plan.
Der Zweck in der Selektionstheorie (D a r w i n 1859). Das unsterbliche
philosophische Verdienst D a r w i n s bleibt, wie wir schon oft betont haben, ein
doppeltes: erstens die Reform der älteren, 1809 von L a m a r c k begründeten
D e s z e n d e n z t h e o r i e, ihre Begründung durch das gewaltige, im Laufe
dieses halben Jahrhunderts angesammelte Tatsachenmaterial — und zweitens die
Aufstellung der S e l e k t i o n s t h e o r i e, jener Zuchtwahllehre, welche uns erst
eigentlich die wahren bewirkenden Ursachen der allmählichen Artumbildung
enthüllt. D a r w i n zeigte zuerst, wie der unerbittliche »K a m p f u m s
D a s e i n« der unbewußt wirkende Regulator ist, welcher die Wechselwirkung
der Vererbung und Anpassung bei der allmählichen Transformation der Spezies
leitet; er ist der große »z ü c h t e n d e G o t t«, welcher ohne Absicht neue
Formen ebenso durch »natürliche Auslese« bewirkt, wie der züchtende Mensch
neue Formen mit Absicht durch »künstliche Auslese« hervorbringt. Damit wurde
das große philosophische Rätsel gelöst: »Wie können zweckmäßige
Einrichtungen rein mechanisch entstehen, ohne zwecktätige Ursachen?«
Neuerdings hat sich daraus das Prinzip der »t e l e o l o g i s c h e n
M e c h a n i k« zu immer größerer Geltung entwickelt und hat auch die feinsten
und verborgensten Einrichtungen der organischen Wesen uns durch die
»funktionelle Selbstgestaltung der zweckmäßigen Struktur« mechanisch erklärt.
Damit ist aber der transzendente Zweckbegriff unserer teleologischen
Schulphilosophie beseitigt, das größte Hindernis einer vernünftigen und
einheitlichen Naturauffassung.
Neovitalismus. In neuerer Zeit ist das alte Gespenst der mystischen Lebenskraft,
das gründlich getötet schien, wieder aufgelebt; verschiedene Biologen haben
versucht, dasselbe unter neuem Namen zur Geltung zu bringen. Die konsequenteste Darstellung desselben hat der Kieler Botaniker J o h a n n e s
R e i n k e in zwei Büchern gegeben: »Die Welt als Tat« (1899) und »Einleitung
in die theoretische Biologie« (1901). Er nennt sie »Umrisse einer Weltansicht
auf naturwissenschaftlicher Grundlage«; tatsächlich ist aber diese Grundlage der
christliche Kirchenglaube. Indem er von den Offenbarungen der Bibel ausgeht
und M o s e s als höchste wissenschaftliche Autorität betrachtet, verteidigt er
zugleich den Wunderglauben und den T h e i s m u s, die Mosaische
S c h ö p f u n g s g e s c h i c h t e und die Konstanz der Arten; er nennt die
»Lebenskräfte«, im Gegensatze zu den physikalischen Kräften, Richtkräfte,
Oberkräfte oder D o m i n a n t e n. R e i n k e wendet vergeblich alle Mittel auf,
um die herrschenden Glaubenslehren der christlichen Kirche mit den direkt
widersprechenden Erfahrungssätzen der Entwickelungslehre in Einklang zu
bringen. Diesen Widerspruch wird auch der neue sogenannte »Keplerbund«
nicht lösen, den er 1908 zur Bekämpfung und Vernichtung des 1905 gegründeten
»Monistenbundes« ins Leben gerufen hat. Das Widersinnige und Unhaltbare
dieses Neovitalismus (der in den mystischen Kreisen der Spiritisten und
Okkultisten, Theosophen und Metaphysiker viel Anklang findet), habe ich im 2.
und 3. Kapitel meiner »Lebenswunder« eingehend nachgewiesen.
Unzweckmäßigkeitslehre (D y s t e l e o l o g i e). Unter diesem Begriffe habe
ich schon im Jahre 1866 die Wissenschaft von den überaus interessanten und
wichtigen biologischen Tatsachen begründet, welche in handgreiflichster Weise
die hergebrachte teleologische Auffassung von der »zweckmäßigen Einrichtung
der lebendigen Naturkörper« direkt widerlegen. Diese Wissenschaft von den
»rudimentären, abortiven, verkümmerten, fehlgeschlagenen, atrophischen oder
kataplastischen Individuen« stützt sich auf eine unermeßliche Fülle der
merkwürdigsten Erscheinungen, welche zwar den Zoologen und Botanikern
längst bekannt waren, aber erst durch Darwin ursächlich erklärt und in ihrer
hohen philosophischen Bedeutung vollständig gewürdigt worden sind.
Alle höheren Tiere und Pflanzen, überhaupt alle diejenigen Organismen, deren
Körper nicht ganz einfach gebaut, sondern aus mehreren, zweckmäßig
zusammenwirkenden Organen zusammengesetzt ist, lassen bei aufmerksamer
Untersuchung eine Anzahl von nutzlosen oder unwirksamen, ja zum Teil sogar
gefährlichen und schädlichen Einrichtungen erkennen. In den Blüten der meisten
Pflanzen finden sich neben den wirksamen Geschlechtsblättern, welche die
Fortpflanzung vermitteln, einzelne nutzlose Blattorgane ohne Bedeutung
(verkümmerte oder »fehlgeschlagene« Staubfäden, Fruchtblätter, Kronen-,
Kelchblätter usw.). In den beiden großen und formenreichen Klassen der
fliegenden Tiere, Vögel und Insekten, gibt es neben den gewöhnlichen, ihre Flügel täglich gebrauchenden Arten eine Anzahl von Formen, deren Flügel
verkümmert sind, und die nicht fliegen können. Fast in allen Klassen der
höheren Tiere, die ihre Augen zum Sehen gebrauchen, existieren einzelne Arten,
welche im Dunkeln leben und nicht sehen; trotzdem besitzen auch diese
meistens noch Augen; nur sind sie verkümmert, zum Sehen nicht mehr tauglich.
An unserem eigenen menschlichen Körper besitzen wir solche nutzlose
Rudimente in den Muskeln unseres Ohres, in der Nickhaut unseres Auges, in der
Brustwarze und Milchdrüse des Mannes und in anderen Körperteilen; ja der
gefürchtete Wurmfortsatz unseres Blinddarmes ist nicht nur unnütz, sondern
sogar gefährlich, und alljährlich geht eine Anzahl Menschen durch seine
Entzündung zugrunde.
Die E r k l ä r u n g dieser und vieler anderer zweckloser Einrichtungen im
Körperbau der Tiere und Pflanzen vermag weder der alte noch der neue
V i t a l i s m u s zu geben; dagegen finden wir sie sehr einfach durch die
D e s z e n d e n z t h e o r i e. Sie zeigt, daß diese rudimentären Organe
v e r k ü m m e r t sind, und zwar durch Nichtgebrauch. Ebenso, wie die Muskeln,
die Nerven, die Sinnesorgane durch Übung und häufigeren Gebrauch gestärkt
werden, ebenso erleiden sie umgekehrt durch Untätigkeit und unterlassenen
Gebrauch mehr oder weniger Rückbildung. Aber obgleich so durch Übung und
Anpassung die höhere Entwickelung der Organe gefördert wird, so
verschwinden sie doch keineswegs sofort spurlos durch Nichtübung; vielmehr
werden sie durch die Macht der Vererbung noch während vieler Generationen
erhalten und verschwinden erst allmählich nach längerer Zeit. Der blinde
»Kampf ums Dasein zwischen den Organen« bedingt ebenso ihren historischen
Untergang, wie er ursprünglich ihre Entstehung und Ausbildung verursachte. Ein
immanenter »Zweck« spielt dabei überhaupt keine Rolle.
Unvollkommenheit der Natur. Wie das Menschenleben so bleibt auch das Tier-
und Pflanzenleben immer und überall unvollkommen. Diese Tatsache ergibt sich
einfach aus der Erkenntnis, daß die ganze Natur in einem beständigen Flusse der
E n t w i c k e l u n g, der Veränderung und Umbildung begriffen ist. Diese
Entwickelung erscheint uns im großen und ganzen — wenigstens soweit wir die
Stammesgeschichte der organischen Natur auf unserem Planeten übersehen
können — als eine fortschreitende Umbildung, als ein historischer Fortschritt
vom Einfachen zum Zusammengesetzten, vom Niederen zum Höheren, vom
Unvollkommenen zum Vollkommneren. Ich habe schon in der Generellen
Morphologie (1866) den Nachweis geführt, daß dieser historische
F o r t s c h r i t t — oder die allmähliche Ve r v o l l k o m m n u n g — die
n o t w e n d i g e W i r k u n g d e r S e l e k t i o n ist, nicht aber die Folge eines vorbedachten Zweckes. Das ergibt sich auch daraus, daß kein Organismus ganz
vollkommen ist; selbst wenn er in einem gegebenen Augenblicke den
Umständen vollkommen angepaßt wäre, würde dieser Zustand nicht lange
dauern; denn die Existenzbedingungen der Außenwelt sind selbst einem
beständigen Wechsel unterworfen und bedingen damit eine ununterbrochene
Anpassung der Organismen.
Sittliche Weltordnung. In der Philosophie der Geschichte, in den allgemeinen
Betrachtungen, welche die Geschichtschreiber über die Schicksale der Völker
und über den verschlungenen Gang der Staatenentwickelung anstellen, herrscht
noch heute die Annahme einer »sittlichen Weltordnung«. Die Historiker suchen
in dem bunten Wechsel der Völkergeschicke einen leitenden Zweck, eine ideale
Absicht, welche diese oder jene Rasse, diesen oder jenen Staat zu besonderem
Gedeihen auserlesen und zur Herrschaft über die anderen bestimmt hat. Diese
teleologische und dualistische Geschichtsbetrachtung ist neuerdings um so
schärfer in prinzipiellen Gegensatz zu unserer monistischen Weltanschauung
getreten, je sicherer sich diese letztere im gesamten Gebiete der anorganischen
Natur als die allem berechtigte herausgestellt hat. In der gesamten Astronomie
und Geologie, in dem weiten Gebiete der Physik und Chemie spricht heute
niemand mehr von einer sittlichen Weltordnung, ebensowenig als von einem
persönlichen Gotte, dessen »Hand mit Weisheit und Verstand alle Dinge
geordnet hat«. Dieser ist aber auch in dem gesamten Gebiete der Biologie nicht
zu finden, in der ganzen Verfassung und Geschichte der organischen Natur.
D a r w i n hat uns in seiner Selektionstheorie nicht nur gezeigt, wie die
zweckmäßigen Einrichtungen im Leben und im Körperbau der Tiere und
Pflanzen ohne vorbedachten Zweck mechanisch entstanden sind, sondern er hat
uns auch in seinem »K a m p f u m s D a s e i n« die gewaltige Naturmacht
erkennen gelehrt, welche den ganzen Entwickelungsgang der organischen Welt
seit vielen Jahrmillionen ununterbrochen beherrscht und regelt. Man könnte
freilich sagen: Der »Kampf ums Dasein« ist das »Überleben des Passendsten«
oder der »Sieg des Besten«; das kann man aber nur, wenn man das Stärkere stets
als das beste (in moralischem Sinne!) betrachtet; und überdies zeigt uns die
ganze Geschichte der organischen Welt, daß neben dem überwiegenden
Fortschritt zum Vollkommenen jederzeit auch einzelne Rückschritte zu niederen
Zuständen vorkommen.
Verhält es sich nun in der Völkergeschichte, die der Mensch in seinem
anthropozentrischen Größenwahn die »Weltgeschichte« zu nennen liebt, etwa
anders? Ist da überall und jederzeit ein höchstes moralisches Prinzip oder ein
weiser Weltregent zu entdecken, der die Geschicke der Völker leitet? Die unbefangene Antwort kann heute, bei dem vorgeschrittenen Zustande unserer
Naturgeschichte und Völkergeschichte, nur lauten: N e i n ! Die Geschicke der
Zweige des Menschengeschlechts, die als Rassen und Nationen seit
Jahrtausenden um ihre Existenz und ihre Fortbildung gerungen haben,
unterliegen genau denselben »ewigen, ehernen, großen Gesetzen« wie die
Geschichte der ganzen organischen Welt, die seit vielen Jahrmillionen die Erde
bevölkert.
Die Geologen unterscheiden in der »organischen Erdgeschichte«, soweit sie uns
durch die Denkmäler der Versteinerungskunde bekannt ist, drei große Perioden:
das primäre, sekundäre und tertiäre Zeitalter. Ihre Zeitdauer ist schwer
abzuschätzen, beträgt aber (zusammengenommen) jedenfalls mehr als hundert
Millionen Jahre. Die Geschichte des Wirbeltierstammes, aus dem unser eigenes
Geschlecht entsprossen ist, liegt innerhalb dieses langen Zeitraumes klar vor
unseren Augen; drei verschiedene Entwickelungsstufen der Vertebraten waren in
jenen drei großen Perioden nacheinander entwickelt; in der primären Periode die
F i s c h e, in der sekundären die R e p t i l i e n, in der tertiären die
S ä u g e t i e r e. Von diesen drei Hauptgruppen der Wirbeltiere nehmen die
Fische den niedersten, die Reptilien einen mittleren, die Säugetiere den höchsten
Rang der Vollkommenheit ein. Bei tieferem Eingehen in die Geschichte der drei
Klassen finden wir, daß auch die einzelnen Ordnungen und Familien derselben
innerhalb der drei Zeiträume sich fortschreitend zu höherer Vollkommenheit
entwickelten. Kann man nun diesen fortschreitenden Entwickelungsgang als
Ausfluß einer bewußten zweckmäßigen Zielstrebigkeit oder einer sittlichen
Weltordnung bezeichnen? Durchaus nicht! Denn die Selektionstheorie lehrt uns,
daß der organische F o r t s c h r i t t, ebenso wie die organische Differenzierung,
eine n o t w e n d i g e F o l g e des Kampfes ums Dasein ist. Tausende von
bewunderungswürdigen Arten des Tier- und Pflanzenreiches sind im Laufe jener
hundert Millionen Jahre zugrunde gegangen, weil sie anderen, stärkeren, Platz
machen mußten, und diese Sieger im Kampfe ums Dasein waren nicht immer die
edleren oder im moralischen Sinne vollkommneren Formen.
Genau dasselbe gilt von der V ö l k e r g e s c h i c h t e. Die
bewunderungswürdige Kultur des klassischen Altertums ist zugrunde gegangen,
weil das Christentum dem ringenden Menschengeiste damals durch den Glauben
an einen liebenden Gott und die Hoffnung auf ein besseres jenseitiges Leben
einen gewaltigen neuen Aufschwung verlieh. Der Papismus wurde zwar bald zur
schamlosen Karikatur des reinen Christentums und zertrat schonungslos die
Schätze der Erkenntnis, welche die hellenische Philosophie schon erworben
hatte; aber er gewann die Weltherrschaft durch die Unwissenheit der blindgläubigen M a s s e n. Erst die Renaissance zerriß die Ketten dieser
Geistesknechtschaft und verhalf wieder den Ansprüchen der Vernunft zu ihrem
Rechte. Aber auch in dieser neuen, wie in jenen früheren Perioden der
Kulturgeschichte, wogt ewig der große Kampf ums Dasein hin und her, ohne
jede moralische Ordnung.
Vorsehung. So wenig bei unbefangener und kritischer Betrachtung eine
»moralische Weltordnung« im Gange der Völkergeschichte nachzuweisen ist,
ebensowenig können wir eine »weise Vorsehung« im Schicksal der einzelnen
Menschen anerkennen. Dieses wie jener wird mit eiserner Notwendigkeit durch
die mechanische Kausalität bestimmt, welche jede Erscheinung aus einer oder
mehreren vorhergehenden Ursachen ableitet. Schon die alten Hellenen erkannten
als höchstes Weltprinzip das blinde F a t u m (die Anangke), das »Götter und
Menschen beherrscht«. An ihre Stelle trat im Christentum die bewußte
Vorsehung eines Gottes, welcher nicht blind, sondern sehend ist, und welcher die
Weltregierung als patriarchalischer Herrscher führt. Der anthropomorphe
Charakter dieser Vorstellung liegt auf der Hand. Der Glaube an einen »liebenden
Vater«, der die Geschicke von 1500 Millionen Menschen auf unserem Planeten
unablässig lenkt und dabei die millionenfach sich kreuzenden Gebete und
»frommen Wünsche« derselben jederzeit berücksichtigt, ist vollkommen
unhaltbar: das ergibt sich sofort, wenn die Vernunft beim Nachdenken darüber
die farbige Brille des »Glaubens« ablegt.
Bei dem ungeheuren Aufschwung des Verkehrs im 19. Jahrhundert hat
notwendig die Zahl der Verbrechen und Unglücksfälle in einem früher nicht
geahnten Maße zugenommen; das erfahren wir tagtäglich durch die Zeitungen.
In jedem Jahre gehen Tausende von Menschen zugrunde durch Schiffbrüche,
Tausende durch Eisenbahnunglücke, Tausende durch Bergwerkskatastrophen
usw. Viele Tausende töten sich alle Jahre gegenseitig im Kriege, und die
Zurüstung für diesen Massenmord nimmt bei den höchstentwickelten, die
christliche Liebe bekennenden Kulturnationen den weitaus größten Teil des
Nationalvermögens in Anspruch. Und unter jenen Hunderttausenden, die
alljährlich als Opfer der modernen Zivilisation fallen, befinden sich überwiegend
tüchtige, tatkräftige, arbeitsame Menschen. Dabei redet man noch von sittlicher
Weltordnung! Es soll durchaus nicht bestritten werden, daß der heute noch
herrschende und in den Schulen gelehrte Glaube an eine »sittliche Weltordnung«
— ebenso wie an eine »liebevolle Vorsehung« — einen hohen I d e a l w e r t
besitzt. Er tröstet die Leidenden, stärkt die Schwachen, erhebt im Unglück; er
befriedigt unser zweifelndes Gemüt und versetzt uns in eine Idealwelt des
»Jenseits«, in welcher die Mängel des irdischen Daseins im »Diesseits« überwunden sind. So lange der Mensch kindlich und unerfahren genug bleibt,
mag er sich mit diesen Gebilden der Dichtung begnügen. Allein das
fortgeschrittene Kulturleben der Gegenwart reißt ihn gewaltsam aus jener
schönen Idealwelt heraus und stellt ihn vor Aufgaben, zu deren Lösung ihn nur
die vernünftige Erkenntnis der W i r k l i c h k e i t befähigt. Unzweifelhaft wird
die frühzeitige Anpassung an diese R e a l w e l t, zweckmäßig in den Unterricht
eingeführt und auf die moderne Entwickelungslehre gestützt, den höher
gebildeten Menschen der Zukunft nicht allein vernünftiger und vorurteilsfreier,
sondern auch besser und glücklicher machen.
Ziel, Zweck und Zufall. Wenn uns unbefangene Prüfung der Weltentwickelung
lehrt, daß dabei weder ein bestimmtes Ziel noch ein besonderer Zweck (im Sinne
der menschlichen Vernunft!) nachzuweisen ist, so scheint nichts übrig zu
bleiben, als alles dem »b l i n d e n Z u f a l l« zu überlassen. Dieser Vorwurf ist
in der Tat ebenso dem T r a n s f o r m i s m u s von L a m a r c k und D a r w i n,
wie früher der K o s m o g e n i e von K a n t und L a p l a c e entgegengehalten
worden; viele dualistische Philosophen legen gerade hierauf besonderes
Gewicht. Es verlohnt sich daher wohl der Mühe, hier noch einen flüchtigen
Blick darauf zu werfen.
Die eine Gruppe der Philosophen behauptet nach ihrer t e l e o l o g i s c h e n
Auffassung: die ganze Welt ist ein geordneter Kosmos, in dem alle
Erscheinungen Ziel und Zweck haben; es gibt k e i n e n Z u f a l l ! Die andere
Gruppe dagegen meint gemäß ihrer m e c h a n i s t i s c h e n Auffassung: Die
Entwickelung der ganzen Welt ist ein einheitlich mechanischer Prozeß, in dem
wir nirgends Ziel und Zweck entdecken können; was wir im organischen Leben
so nennen, ist eine besondere Folge der biologischen Verhältnisse; weder in der
Entwickelung der Weltkörper, noch in derjenigen unserer organischen Erdrinde
ist ein leitender Zweck nachzuweisen; hier ist a l l e s Z u f a l l ! Beide Parteien
haben recht, je nach der Definition des »Zufalls«. Das allgemeine
K a u s a l g e s e t z, in Verbindung mit dem Substanzgesetz, überzeugt uns, daß
jede Erscheinung ihre mechanische Ursache hat; in diesem Sinne gibt es keinen
Zufall. Wohl aber können und müssen wir diesen unentbehrlichen Begriff
beibehalten, um damit das Z u s a m m e n t r e f f e n von zwei Erscheinungen zu
bezeichnen, die nicht unter sich kausal verknüpft sind, von denen aber natürlich
jede ihre Ursache hat, unabhängig von der anderen. Wie jedermann weiß, spielt
der Zufall in diesem monistischen Sinne die größte Rolle im Leben des
Menschen wie in demjenigen aller anderen Naturkörper. Die wichtigsten
Entscheidungen im bunten Wechsel unserer persönlichen Schicksale werden oft
durch zufällige Begegnung mit anderen Personen bestimmt. Das hindert aber nicht, daß wir in jedem einzelnen »Z u f a l l« wie in der Entwickelung des
Weltganzen die universale Herrschaft des umfassendsten Naturgesetzes
anerkennen, des S u b s t a n z g e s e t z e s.