Die Welträtsel
Achtes Kapitel. Keimesgeschichte der Seele.
A c h t e s K a p i t e l .
Keimesgeschichte der Seele.
Monistische Studien über ontogenetische Psychologie. Entwickelung des
Seelenlebens im individuellen Leben der Person.
Unsere menschliche Seele — gleichviel, wie man ihr Wesen auffaßt — unterliegt
im Laufe unseres individuellen Lebens einer stetigen Entwickelung. Diese
o n t o g e n e t i s c h e T a t s a c h e ist für unsere monistische Psychologie von
fundamentaler Bedeutung, obwohl die meisten »Psychologen von Fach« ihr teils
nur geringe, teils gar keine Berücksichtigung schenken. Wie nun die individuelle
Entwickelungsgeschichte der »wahre Lichtträger für alle Untersuchungen über
organische Körper ist«, so wird sie auch über die wichtigsten Geheimnisse des
Seelenlebens uns erst das wahre Licht anzünden.
Obgleich nun diese »Keimesgeschichte der Menschenseele« äußerst wichtig und
interessant ist, hat sie doch bisher nur in sehr beschränktem Umfange die
verdiente Berücksichtigung gefunden. Es waren bisher fast ausschließlich die
P ä d a g o g e n, welche sich mit einem Teile derselben beschäftigten; durch ihren
praktischen Beruf darauf angewiesen, die Ausbildung der Seelentätigkeit beim
Kinde zu leiten und zu überwachen, mußten sie auch theoretisches Interesse an
den dabei beobachteten psychogenetischen Tatsachen finden. Indessen standen
die Pädagogen in der Neuzeit wie im Altertum größtenteils im Banne der
herrschenden dualistischen Psychologie; dagegen waren sie mit den wichtigsten
Tatsachen der vergleichenden Psychologie, sowie mit der Organisation und
Funktion des Gehirns meistens nicht bekannt. Außerdem aber betrafen ihre
Beobachtungen größtenteils erst die Kinder in schulpflichtigem Alter oder in den
unmittelbar vorhergehenden Lebensjahren. Die merkwürdigen Erscheinungen,
welche die individuelle Psychogenie des Kindes gerade in den ersten
Lebensjahren darbietet, und welche alle denkenden Eltern freudig bewundern,
wurden fast niemals Gegenstand eingehender wissenschaftlicher Studien. Hier
hat erst W i l h e l m P r e y e r (1881) Bahn gebrochen, in seiner Schrift über
»Die Seele des Kindes; Beobachtungen über die geistige Entwickelung des
Menschen in den ersten Lebensjahren«. Indessen müssen wir, um volle Klarheit
zu gewinnen, noch weiter zurückgehen, bis auf die erste Entstehung der Seele im
befruchteten Ei.
Entstehung der individuellen Seele. Der Ursprung und die erste Entstehung des
menschlichen I n d i v i d u u m s galt noch im Anfange des 19. Jahrhunderts für
ein vollkommenes Geheimnis. Allerdings hatte C a s p a r F r i e d r i c h
W o l f f schon 1759 in seiner Theoria generationis das wahre Wesen der
embryonalen Entwickelung aufgedeckt und an der sicheren Hand kritischer
Beobachtung gezeigt, daß bei der Entwickelung des Keimes aus dem einfachen
Ei eine wahre E p i g e n e s i s, d. h. eine Reihe der merkwürdigsten
Neubildungsprozesse stattfinde. Allein die damalige Physiologie lehnte diese
e m p i r i s c h e n, unmittelbar mikroskopisch zu demonstrierenden Erkenntnisse
rundweg ab und hielt an dem hergebrachten Dogma der embryonalen
P r ä f o r m a t i o n fest. Nach diesem nahm man an, daß im Ei der Organismus
mit allen seinen Teilen vorgebildet oder präformiert sei; die »Entwickelung« des
Keimes bestehe eigentlich nur in einer »Auswickelung« der eingewickelten Teile
(Evolutio). Als notwendiger Folgeschluß dieses Irrtums ergab sich daraus
weiterhin die oben erwähnte Einschachtelungstheorie (S. 33). Diesem Dogma
der »O v u l i s t e n«schule stand gegenüber eine andere, ebenso irrtümliche
Ansicht, die der »A n i m a l k u l i s t e n«; diese glaubten, daß der eigentliche
Keim nicht in der weiblichen Eizelle der Mutter, sondern in der männlichen
Spermazelle des Vaters liege, und daß in diesem »Samentierchen« die
Einschachtelung der Generationsreihen zu suchen sei.
L e i b n i z übertrug diese Einschachtelungslehre ganz folgerichtig auch auf die
menschliche S e e l e; er leugnete für sie eine wahre Entwickelung (Epigenesis)
ebenso wie für den Körper und sagte in seiner Theodicee: »So sollte ich meinen,
daß die Seelen, welche eines Tages menschliche Seelen sein werden, im Samen,
wie jene von anderen Spezies, dagewesen sind; daß sie in den Voreltern bis auf
Adam, also seit dem Anfang der Dinge, immer in der Form organisierter Körper
existiert haben.« Ähnliche Vorstellungen erhielten sich sowohl in der Biologie
wie in der Philosophie noch bis in das dritte Dezennium des 19. Jahrhunderts,
wo ihnen die Reform der Keimesgeschichte durch B a e r den Todesstoß
versetzte.
Mythologie des Seelenursprungs. Die näheren Aufschlüsse, welche wir durch
die vergleichende Ethnologie neuerdings über die mannigfaltigen
Mythenbildungen der älteren Kulturvölker sowohl als der heutigen Naturvölker
gewonnen haben, sind auch für die Psychogenie von großem Interesse. Betreffs
ihres wissenschaftlichen oder poetischen Gehaltes können die Mythen über den
Seelenursprung etwa folgendermaßen in fünf Gruppen geordnet werden:
I . Mythus der S e e l e n w a n d e r u n g: die Seele lebte früher im Körper eines
anderen Tieres und ist erst aus diesem in den menschlichen Körper übergetreten; die ägyptischen Priester z. B. behaupteten, daß die menschliche Seele nach dem
Tode des Leibes durch alle Tiergattungen hindurchwandere, nach 3000 Jahren
aber wieder in einen Menschenleib zurückkehre. II. Mythus der
S e e l e n e i n p f l a n z u n g: die Seele existierte selbständig an einem anderen
Orte, in einer Seelen-Vorratskammer (etwa in einer Art von K e i m s c h l a f oder
latentem Leben); sie wird von einem Vogel (bisweilen als Adler, oft als
»Klapperstorch« gedacht) geholt und in den menschlichen Körper eingesetzt.
III. Mythus der S e e l e n s c h ö p f u n g: der göttliche Schöpfer, als persönlicher
»Gott-Vater« gedacht, erschafft die Seelen, hält sie vorrätig — bald in einem
Seelenteich, bald an einem Seelenbaum; der Schöpfer nimmt dieselben heraus
und setzt sie (während des Zeugungsaktes) dem menschlichen Keime ein.
IV. Mythus der S e e l e n e i n s c h a c h t e l u n g (von L e i b n i z, vorher
erwähnt). V. Mythus der S e e l e n t e i l u n g (von R u d o l f W a g n e r, 1855);
im Zeugungsakte spaltet sich ein Teil von beiden (immateriellen!) Seelen ab, die
den Körper der beiden kopulierenden Eltern bewohnen; der mütterliche
Seelenkeim lebt in der Eizelle, der väterliche in dem beweglichen
Samentierchen; indem diese beiden Keimzellen verschmelzen, wachsen auch die
beiden sie begleitenden Seelen zur Bildung einer neuen immateriellen Seele
zusammen.
Physiologie des Seelenursprungs. Obwohl die angeführten Dichtungen über die
Entstehung der einzelnen Menschenseele heute noch sehr weite Verbreitung und
Anerkennung besitzen, ist dennoch ihr rein mythologischer Charakter jetzt sicher
nachgewiesen. Die bewunderungswürdigen Untersuchungen, welche im Laufe
der letzten Dezennien über die feineren Vorgänge bei der Befruchtung und
Keimung des Eies ausgeführt worden sind, haben ergeben, daß diese
mysteriösen Erscheinungen sämtlich in das Gebiet der Z e l l e n p h y s i o l o g i e
gehören. Sowohl die weibliche Keimanlage, das Ei, als der männliche
Befruchtungskörper, das Spermium oder Samentierchen, sind e i n f a c h e
Z e l l e n. Diese lebendigen Zellen besitzen eine Summe von physiologischen
Eigenschaften, welche wir unter dem Begriff der Z e l l s e e l e zusammenfassen,
ebenso wie bei den permanent einzelligen Protisten (vergl. S. 92). Beiderlei
Geschlechtszellen besitzen das Vermögen der Bewegung und Empfindung. Die
jugendliche Eizelle oder das »Urei« bewegt sich nach Art einer A m ö b e; die
sehr kleinen Samenkörperchen oder Spermien, von welchen Millionen in jedem
Tropfen des schleimartigen, männlichen Samens sich finden, sind Geißelzellen
und bewegen sich mittels ihrer schwingenden Geißel ebenso lebhaft
schwimmend im Sperma umher wie die gewöhnlichen G e i ß e l i n f u s o r i e n
(F l a g e l l a t e n).
Wenn nun die beiderlei Zellen bei der Begattung zusammentreffen, oder wenn
sie durch künstliche Befruchtung (z. B. bei Fischen) in Berührung gebracht
werden, ziehen sie sich gegenseitig an und legen sich fest aneinander. Die
Ursache dieser zellularen Attraktion ist eine chemische, dem Geruche oder
Geschmacke verwandte Sinnestätigkeit des Plasma, die wir als »e r o t i s c h e n
C h e m o t r o p i s m u s« bezeichnen. Man kann sie auch geradezu (sowohl im
Sinne der Chemie als im Sinne der Romanliebe) »Zellenwahlverwandtschaft«
oder »sexuelle Z e l l e n l i e b e« nennen. Zahlreiche Geißelzellen des Sperma
schwimmen auf die ruhige Eizelle lebhaft hin und versuchen in deren Körper
einzudringen. Es gelingt aber normalerweise nur einem einzigen glücklichen
Bewerber, das ersehnte Ziel wirklich zu erreichen. Sobald sich dieses bevorzugte
»Samentierchen« mit seinem »Kopfe« (d. h. dem Zellenkern) in den Leib der
Eizelle eingebohrt hat, wird von der Eizelle eine dünne Schleimschicht
abgesondert, welche das Eindringen anderer männlicher Zellen verhindert. Nur
wenn man durch niedere Temperatur die Eizelle in Kältestarre versetzt oder sie
durch narkotische Mittel (Chloroform, Morphium, Nikotin) betäubt, unterbleibt
die Bildung dieser Schutzhülle; dann tritt »Ü b e r f r u c h t u n g o d e r
P o l y s p e r m i e« ein, und zahlreiche Samenfäden bohren sich in den Leib der
bewußtlosen Zelle ein. Diese merkwürdige Tatsache bezeugt ebenso einen
niederen Grad von spezifischer, sinnlicher, lebhafter Empfindung in den
beiderlei Geschlechtszellen wie die wichtigen Vorgänge, die gleich darauf sich in
ihrem Innern abspielen. Die beiderlei Zellenkerne, der weibliche Eikern und der
männliche Spermakern, ziehen sich gegenseitig an, nähern sich und
verschmelzen bei der Berührung vollständig miteinander. So ist denn aus der
befruchteten Eizelle jene wichtige neue Zelle entstanden, welche wir
S t a m mzelle nennen, und aus deren wiederholter Teilung der ganze vielzellige
Organismus hervorgeht.
Die psychologischen Erkenntnisse, welche sich aus diesen merkwürdigen
T a t s a c h e n der Befruchtung ergeben, sind überaus wichtig und bisher nicht
entfernt in ihrer allgemeinen Bedeutung gewürdigt. Wir fassen die
wesentlichsten Folgerungen in folgenden fünf Sätzen zusammen: I. Jedes
menschliche Individuum ist, wie jedes andere höhere Tier, im Beginne seiner
Existenz eine einfache Zelle. II. Diese Stammzelle entsteht überall auf dieselbe
Weise, durch Verschmelzung oder Kopulation von zwei getrennten Zellen
verschiedenen Ursprungs, der weiblichen Eizelle und der männlichen
Spermazelle. III. Beide Geschlechtszellen besitzen eine verschiedene »Zellseele«,
d. h. beide sind durch eine besondere Form von Empfindung und von Bewegung
ausgezeichnet. IV. In dem Momente der Befruchtung oder Empfängnis
verschmelzen nicht nur die Plasmakörper der beiden Geschlechtszellen und ihre Kerne, sondern auch ihre »Seelen«; d. h. die in ihnen enthaltenen psychischen
Anlagen (oder »Spannkräfte«) vereinigen sich zum »Seelenkeim« der
neugebildeten Stammzelle. V. Daher besitzt jede Person leibliche und geistige
Eigenschaften von beiden Eltern; der Kern der Eizelle überträgt einen Teil der
mütterlichen, der Kern der Spermazelle einen Teil der väterlichen Eigenschaften.
Durch diese empirisch erkannten Erscheinungen der »Empfängnis« oder
Konzeption wird ferner die höchst wichtige Tatsache festgestellt, daß jeder
Mensch, wie jedes andere Tier, einen B e g i n n d e r i n d i v i d u e l l e n
E x i s t e n z hat; die völlige Kopulation der beiden sexuellen Zellkerne
bezeichnet haarscharf den Augenblick, in welchem nicht nur der Körper der
neuen S t a m m z e l l e entsteht, sondern auch ihre »Seele«. Durch diese
Tatsache allein schon wird der alte Mythus von der U n s t e r b l i c h k e i t d e r
S e e l e widerlegt, auf den wir später zurückkommen. Ferner wird dadurch der
noch sehr verbreitete Aberglaube widerlegt, daß der Mensch seine individuelle
Existenz der »Gnade des liebenden Gottes« verdankt. Die Ursache derselben
beruht vielmehr einzig und allein auf dem »E r o s« seiner beiden Eltern, auf
jenem mächtigen, allen vielzelligen Tieren und Pflanzen gemeinsamen
Geschlechtstriebe, welcher zu deren Begattung führt. Das Wesentliche bei
diesem physiologischen Prozesse ist aber nicht, wie man früher annahm, die
»Umarmung« oder die damit verknüpften Liebesspiele, sondern einzig und allein
die Einführung des männlichen Sperma in die weiblichen Geschlechtskanäle.
Nur dadurch wird es bei den landbewohnenden Tieren möglich, daß der
befruchtende Samen mit der abgelösten Eizelle zusammenkommt (was beim
Menschen gewöhnlich innerhalb des Uterus geschieht). Bei niederen,
wasserbewohnenden Tieren (z. B. Fischen, Muscheln, Medusen) werden
beiderlei reife Geschlechtsprodukte einfach in das Wasser entleert, und hier
bleibt ihr Zusammentreffen dem Zufall überlassen; dann fehlt eine eigentliche
Begattung, und damit fallen zugleich jene zusammengesetzten psychischen
Funktionen des »Liebeslebens« hinweg, die bei höheren Tieren eine so große
Rolle spielen. Daher fehlen auch allen niederen, nicht kopulierenden Tieren jene
interessanten Organe, die D a r w i n als »sekundäre Sexualcharaktere«
bezeichnet hat, die Produkte der geschlechtlichen Zuchtwahl: der Bart des
Mannes, das Geweih des Hirsches, das prachtvolle Gefieder der Paradiesvögel
und vieler Hühnervögel, sowie viele andere Auszeichnungen der Männchen,
welche den Weibchen fehlen. (Vergl. W i l h e l m B ö l s c h e, Liebesleben der
Natur, 3 Bände, 1901.)
Vererbung der Seele. Unter den angeführten Folgeschlüssen der
K o n z e p t i o n s p h y s i o l o g i e ist für die Psychologie ganz besonders wichtig die Ve r e r b u n g d e r S e e l e n q u a l i t ä t e n v o n b e i d e n
E l t e r n. Daß jedes Kind besondere Eigentümlichkeiten des Charakters,
Temperament, Talent, Sinnesschärfe, Willensenergie von b e i d e n Eltern erbt,
ist allgemein bekannt. Ebenso bekannt ist die Tatsache, daß auch psychische
Eigenschaften von beiderlei Großeltern durch Vererbung übertragen werden; ja,
häufig stimmt in einzelnen Beziehungen der Mensch mehr mit den Großeltern
als mit den Eltern überein. Alle die merkwürdigen G e s e t z e d e r
Ve r e r b u n g besitzen ebenso allgemeine Gültigkeit für die besonderen
Erscheinungen der Seelentätigkeit wie der Körperbildung; ja, sie treten uns
häufig an der ersteren noch viel auffallender und klarer entgegen, als an der
letzteren.
Nun ist ja an sich das große Gebiet der Ve r e r b u n g, für dessen ungeheuere
Bedeutung uns erst D a r w i n das wissenschaftliche Verständnis eröffnet hat,
reich an dunkeln Rätseln und physiologischen Schwierigkeiten; wir dürfen nicht
beanspruchen, daß uns schon jetzt alle Seiten desselben klar vor Augen liegen.
Aber so viel haben wir doch schon sicher gewonnen, daß wir die Ve r e r b u n g
a l s e i n e p h y s i o l o g i s c h e F u n k t i o n des Organismus betrachten, die
mit der Tätigkeit seiner Fortpflanzung unmittelbar verknüpft ist; und wie alle
anderen Lebenstätigkeiten müssen wir auch diese schließlich auf physikalische
und chemische Prozesse, auf M e c h a n i k d e s P l a s m a zurückführen. Nun
kennen wir aber jetzt den Vorgang der Befruchtung selbst genau; wir wissen, daß
dabei ebenso der Spermakern die väterlichen, wie der Eikern die mütterlichen
Eigenschaften auf die neugebildete Stammzelle überträgt. Die Vermischung
beider Zellkerne ist das eigentliche Hauptmoment der Vererbung; durch sie
werden ebenso die individuellen Eigenschaften der Seele wie des Leibes auf das
neugebildete Individuum übertragen. Diesen ontogenetischen Tatsachen steht die
dualistische und mystische Psychologie der noch heute herrschenden Schulen
ratlos gegenüber, während sie sich durch unsere monistische Psychogenie in
einfachster Weise erklären.
Seelenmischung (Psychische Amphigonie). Die physiologische Tatsache, auf
welche es für die richtige Beurteilung der individuellen Psychogenie vor allem
ankommt, ist die K o n t i n u i t ä t d e r P s y c h e in der Generationsreihe.
Wenn im Moment der Empfängnis auch tatsächlich ein neues Individuum
entsteht, so ist dasselbe doch weder hinsichtlich seiner geistigen noch leiblichen
Qualität eine unabhängige Neubildung, sondern lediglich das Produkt aus der
Verschmelzung der beiden elterlichen Faktoren. Die Zellseelen beider
Geschlechtszellen verschmelzen im Befruchtungsakte ebenso vollständig zur
Bildung einer neuen Z e l l s e e l e, wie die beiden Zellkerne, welche die materiellen Träger dieser psychischen Spannkräfte sind, zu einem neuen
Z e l l k e r n sich verbinden. Da wir nun sehen, daß die Individuen einer und
derselben Art stets gewisse, wenn auch geringfügige Unterschiede zeigen, so
müssen wir annehmen, daß solche auch schon in der chemischen Beschaffenheit
der kopulierenden Keimzellen selbst vorhanden sind.
Psychologischer Atavismus. Wenn bei der Seelenmischung im Augenblicke der
Empfängnis zunächst auch nur die besonderen Eigenschaften der beiden
Elternseelen mittels Verschmelzung der beiden erotischen Zellkerne erblich
übertragen werden, so kann damit doch zugleich der erbliche psychische Einfluß
älterer, oft weit zurückliegender Generationen mit fortgepflanzt werden. Denn
auch die Gesetze der l a t e n t e n Ve r e r b u n g oder des A t a v i s m u s gelten
ebenso für die Psyche wie für die anatomische Organisation. Gerade in feineren
Zügen des Seelenlebens, im Besitze bestimmter künstlerischer Talente oder
Neigungen, in der Energie des Charakters, in der Leidenschaft des
Temperamentes gleichen oft hervorragende Menschen mehr ihren Großeltern als
den Eltern; nicht selten tritt auch ein auffälliger Charakterzug hervor, den weder
diese noch jene besaßen, der aber in einem älteren Gliede der Ahnenreihe vor
langer Zeit sich offenbart hatte. Auch in diesen merkwürdigen Atavismen gelten
dieselben Vererbungsgesetze für die Psyche wie für die Physiognomie, für die
individuelle Qualität der Sinnesorgane, wie für die der Muskeln, des Skeletts und
anderer Körperteile. Am auffälligsten können wir dieselben in regierenden
Dynastien und in alten Adelsgeschlechtern verfolgen, deren hervorragende
Tätigkeit im Staatsleben zur genaueren historischen Darstellung der Individuen
in der Generationskette Veranlassung gegeben hat, so z. B. bei den
Hohenzollern, Hohenstaufen, Oraniern, Bourbonen usw., und nicht minder bei
den römischen Zäsaren.
Das Biogenetische Grundgesetz in der Psychologie (1866). Der
K a u s a l z u s a m m e n h a n g der b i o n t i s c h e n (individuellen) und der
p h y l e t i s c h e n (historischen) Entwickelung, den ich schon in der Generellen
Morphologie als oberstes Gesetz an die Spitze aller biogenetischen
Untersuchungen gestellt hatte, besitzt ebenso allgemeine Geltung für die
P s y c h o l o g i e wie für die M o r p h o l o g i e. Wie bei allen anderen
Organismen, so ist auch beim Menschen »d i e K e i m e s g e s c h i c h t e e i n
A u s z u g d e r S t a m m e s g e s c h i c h t e«. Diese gedrängte und abgekürzte
Rekapitulation ist um so vollständiger, je mehr durch beständige Vererbung die
ursprüngliche A u s z u g s e n t w i c k e l u n g (Palingenesis) beibehalten wird;
hingegen wird sie um so unvollständiger, je mehr durch wechselnde Anpassung
die spätere S t ö r u n g s e n t w i c k e l u n g (Cenogenesis) eingeführt wird (Anthropogenie, 1. Vortrag).
Indem wir dieses Grundgesetz auf die Entwickelungsgeschichte der Seele
anwenden, müssen wir ganz besonderen Nachdruck darauf legen, daß stets
b e i d e Seiten desselben kritisch im Auge zu behalten sind. Denn beim
Menschen wie bei allen höheren Tieren und Pflanzen haben im Laufe der
phyletischen Jahrmillionen so beträchtliche Störungen oder Z e n o g e n e s e n
sich ausgebildet, daß dadurch das ursprüngliche reine Bild der P a l i n g e n e s e
oder des »Geschichtsauszuges« stark getrübt und verändert erscheint. Während
einerseits durch die Gesetze der gleichzeitigen und gleichörtlichen Vererbung die
p a l i n g e n e t i s c h e Rekapitulation erhalten bleibt, wird sie andererseits durch
die Gesetze der abgekürzten und vereinfachten Vererbung wesentlich
z e n o g e n e t i s c h verändert. Zunächst ist das deutlich erkennbar in der
Keimesgeschichte der Seelenorgane, des Nervensystems, der Muskeln und
Sinnesorgane. In ganz gleicher Weise gilt dasselbe aber auch von der
Seelentätigkeit, die untrennbar an die normale Ausbildung dieser Organe
gebunden ist. Ihre Keimesgeschichte ist beim Menschen, wie bei allen anderen
lebendig gebärenden Tieren, schon deshalb stark zenogenetisch abgeändert, weil
die volle Ausbildung des Keimes hier längere Zeit innerhalb des mütterlichen
Körpers stattfindet. Wir müssen daher als zwei Hauptperioden der individuellen
Psychogenie unterscheiden: I. die embryonale und II. die post-embryonale
Entwickelungsgeschichte der Seele.
Embryonale Psychogenie. Der menschliche Keim oder Embryo entwickelt sich
normalerweise im Mutterleibe während des Zeitraumes von neun Monaten.
Während dieser Zeit ist er vollkommen von der Außenwelt abgeschlossen und
nicht allein durch die dicke Muskelwand des mütterlichen Fruchtbehälters
(Uterus) geschützt, sondern auch durch die besonderen Fruchthüllen (Amnion und
Serolemma) welche allen drei höheren Wirbeltierklassen gemeinsam zukommen,
den Reptilien, Vögeln und Säugetieren. Es sind das Schutzeinrichtungen, welche
von den ältesten Reptilien, den gemeinsamen Stammformen aller Amnioten, erst
in der Permperiode (gegen Ende des paläozoischen Zeitalters) erworben wurden,
als diese höheren Wirbeltiere sich an das beständige Landleben und die
Luftatmung gewöhnten. Ihre vorhergehenden Ahnen, die Amphibien der
Steinkohlenperiode, lebten und atmeten noch im Wasser, wie ihre älteren
Vorfahren, die Fische.
Bei diesen älteren und niederen wasserbewohnenden Wirbeltieren besaß die
Keimesgeschichte noch in viel höherem Grade den palingenetischen Charakter,
wie es auch noch bei den meisten Fischen und Amphibien der Gegenwart der
Fall ist. Die bekannten Kaulquappen, die Larven der Salamander und Frösche, bewahren noch heute in der ersten Zeit ihres freien Wasserlebens den Körperbau
ihrer Fischahnen; sie gleichen ihnen auch in der Lebensweise, in der
Kiemenatmung, in der Funktion ihrer Sinnesorgane und ihrer anderen
Seelenorgane. Erst wenn die interessante Metamorphose der schwimmenden
Kaulquappen eintritt, und wenn sie sich an das Landleben gewöhnen, verwandelt
sich ihr fischähnlicher Körper in das vierfüßige, kriechende Amphibium; an die
Stelle der Kiemenatmung im Wasser tritt die ausschließliche Luftatmung durch
Lungen, und mit der veränderten Lebensweise erlangt auch der Seelenapparat,
Nervensystem und Sinnesorgane, einen höheren Grad der Ausbildung. Die
schwimmende Kaulquappe besitzt nicht nur die Organisation, sondern auch die
Lebensweise und Seelentätigkeit des Fisches und erlangt erst durch ihre
Verwandlung diejenige des Frosches.
Beim Menschen wie bei allen anderen Amniontieren ist das nicht der Fall; ihr
Embryo ist schon durch den Einschluß in die schützenden Eihüllen dem direkten
Einflusse der Außenwelt ganz entzogen und jeder Wechselwirkung mit derselben
entwöhnt. Außerdem aber bietet die besondere B r u t p f l e g e der Amniontiere
ihrem Keime viel günstigere Bedingungen für zenogenetische Abkürzung der
palingenetischen Entwickelung. Vor allem gehört dahin die vortreffliche
Ernährung des Keims; sie geschieht bei den Reptilien, Vögeln und Monotremen
(den eierlegenden Säugetieren) durch den großen gelben Nahrungsdotter,
welcher dem Ei beigegeben ist, bei den übrigen Säugetieren hingegen (den
lebendig gebärenden Beuteltieren und Zottentieren) durch das Blut der Mutter,
welches durch die Blutgefäße des Dottersackes und der Allantois dem Keime
zugeführt wird. Bei den höchstentwickelten Z o t t e n t i e r e n (Placentalia) hat
diese zweckmäßige Ernährungsform durch Ausbildung des Mutterkuchens
(Placenta) den höchsten Grad der Vollkommenheit erreicht; daher ist der Embryo
schon vor der Geburt hier vollkommen ausgebildet. Seine Seele aber befindet
sich während dieser ganzen Zeit im Zustande des K e i m s c h l a f e s, einem
Ruhezustande, welchen P r e y e r mit Recht dem Winterschlafe der Tiere
verglichen hat. Einen gleichen, lange dauernden Schlaf finden wir auch im
Puppenzustande jener Insekten, welche eine vollkommene Verwandlung
durchmachen (Schmetterlinge, Immen, Fliegen, Käfer usw.). Hier ist der
P u p p e n s c h l a f, während dessen die wichtigsten Umbildungen der Organe
und Gewebe vor sich gehen, um so interessanter, als der vorhergehende Zustand
der frei lebenden Larve (Raupe, Engerling oder Made) ein sehr entwickeltes
Seelenleben besitzt, und als dieses bedeutend unter derjenigen Stufe steht,
welche später (nach dem Puppenschlaf) das vollendete, geflügelte und
geschlechtsreife Insekt zeigt.
Postembryonale Psychogenie. Die Seelentätigkeit des Menschen durchläuft
während seines individuellen Lebens, ebenso wie bei den meisten höheren
Tieren, eine Reihe von Entwickelungsstufen; als die wichtigsten derselben
können wir wohl folgende fünf Hauptabschnitte unterscheiden: 1. die Seele des
Neugeborenen bis zum Erwachen des Selbstbewußtseins und zum Erlernen der
Sprache, 2. die Seele des Knaben und des Mädchens bis zur Pubertät (zum
Erwachen des Geschlechtstriebes), 3. die Seele des Jünglings und der Jungfrau
bis zum Eintritt der sexuellen Verbindung (die Periode der »Ideale«), 4. die Seele
des erwachsenen Mannes und der reifen Frau (Periode der vollen Reife und der
Familiengründung), 5. die Seele des Greises und der Greisin (Periode der
Rückbildung). Das Seelenleben des Menschen durchläuft also dieselben
Entwickelungsstufen der aufsteigenden Fortbildung, der vollen Reife und der
absteigenden Rückbildung wie jede andere Lebenstätigkeit des Organismus.