Die Welträtsel
Zehntes Kapitel. Bewußtsein.
Z e h n t e s K a p i t e l .
Bewußtsein.
Monistische Studien über bewußtes und unbewußtes Seelenleben.
Entwickelungsgeschichte und Theorie des Bewußtseins.
Unter allen Äußerungen des Seelenlebens gibt es keine, die so wunderbar
erscheint und so verschieden beurteilt wird wie das B e w u ß t s e i n. Nicht allein
über das eigentliche Wesen dieser Seelentätigkeit und über ihr Verhältnis zum
Körper, sondern auch über ihre Verbreitung in der organischen Welt, über ihre
Entstehung und Entwickelung stehen sich noch heute, wie seit Jahrtausenden,
die widersprechendsten Ansichten gegenüber. Mehr als jede andere psychische
Funktion hat das Bewußtsein zu der irrtümlichen Vorstellung eines
»immateriellen Seelenwesens« und im Anschluß daran zu dem Aberglauben der
»persönlichen Unsterblichkeit« Veranlassung gegeben; viele der schwersten
Irrtümer, die unser modernes Kulturleben noch heute beherrschen, sind darauf
zurückzuführen. Ich habe daher schon früher das Bewußtsein als das
»p s y c h o l o g i s c h e Z e n t r a l m y s t e r i u m« bezeichnet; es ist die feste
Zitadelle aller mystischen und dualistischen Irrtümer, an deren gewaltigen
Wällen alle Angriffe der bestgerüsteten Vernunft zu scheitern drohen. Schon
diese Tatsache allein rechtfertigt es, daß wir hier dem Bewußtsein eine
besondere kritische Betrachtung von unserem monistischen Standpunkte aus
widmen. Wir werden sehen, daß das Bewußtsein nicht mehr und nicht minder
wie jede andere Seelentätigkeit eine N a t u r e r s c h e i n u n g ist, und daß es
gleich allen anderen Naturerscheinungen dem S u b s t a n z g e s e t z unterworfen
ist.
Begriff des Bewußtseins. Schon über den elementaren Begriff dieser
Seelentätigkeit, über seinen Inhalt und Umfang, gehen die Ansichten der
angesehensten Philosophen und Naturforscher weit auseinander. Vielleicht am
besten bezeichnet man den Inhalt des Bewußtseins als i n n e r e
A n s c h a u u n g und vergleicht diese einer S p i e g e l u n g. Als zwei
Hauptbezirke desselben unterscheidet man häufig das objektive und subjektive
Bewußtsein, das Weltbewußtsein und Selbstbewußtsein. Bei weitem der größte
Teil aller bewußten Seelentätigkeit betrifft, wie schon S c h o p e n h a u e r
hervorhob, das Bewußtsein der Außenwelt, der »a n d e r e n D i n g e«; dieses W e l t b e w u ß t s e i n umfaßt alle möglichen Erscheinungen der Außenwelt,
welche überhaupt unserer Erkenntnis zugänglich sind. Viel beschränkter ist
unser S e l b s t b e w u ß t s e i n, die innere Spiegelung unserer eigenen gesamten
Seelentätigkeit, aller Vorstellungen, Empfindungen und Strebungen oder
Willenstätigkeiten.
Bewußtsein und Seelenleben. Viele und angesehene Denker, namentlich unter
den Physiologen (z. B. W u n d t und Z i e h e n), halten die Begriffe des
Bewußtseins und der psychischen Funktionen für identisch: »a l l e
S e e l e n t ä t i g k e i t i s t b e w u ß t e«; das Gebiet der Psychologie reicht nur
so weit als dasjenige des Bewußtseins. Nach unserer Ansicht erweitert diese
Definition die Bedeutung des letzteren in ungebührlicher Weise und gibt
Veranlassung zu zahlreichen Irrtümern und Mißverständnissen. Wir teilen
vielmehr die Ansicht anderer Philosophen (z. B. R o m a n e s und F r i t z
S c h u l t z e), daß auch die unbewußten Vorstellungen, Empfindungen und
Strebungen zum Seelenleben gehören; in der Tat ist sogar das Gebiet dieser
unbewußten psychischen Aktionen (der Reflextätigkeit usw.) viel ausgedehnter
als dasjenige der bewußten. Beide Gebiete stehen übrigens im engsten
Zusammenhang und sind durch keine scharfe Grenze getrennt; jederzeit kann
uns eine unbewußte Vorstellung plötzlich bewußt werden; wird unsere
Aufmerksamkeit darauf durch ein anderes Objekt gefesselt, so kann sie ebenso
rasch wieder unserem Bewußtsein völlig entschwinden.
Bewußtsein des Menschen. Die einzige Quelle unserer Erkenntnis des
Bewußtseins ist dieses selbst, und hierin liegt in erster Linie die außerordentliche
Schwierigkeit seiner wissenschaftlichen Untersuchung und Deutung. S u b j e k t
und O b j e k t fallen hier in eins zusammen; das erkennende Subjekt spiegelt sich
in seinem eigenen inneren Wesen, welches Objekt der Erkenntnis sein soll. Auf
das Bewußtsein anderer Wesen können wir also niemals mit voller objektiver
Sicherheit schließen, sondern immer nur durch Vergleichung seiner Äußerungen
mit unseren eigenen. Soweit diese Vergleichung sich nur auf n o r m a l e
M e n s c h e n erstreckt, können wir allerdings auf deren Bewußtsein gewisse
Schlüsse ziehen, deren Richtigkeit niemand bezweifelt. Aber schon bei
a b n o r m e n Persönlichkeiten (bei genialen und exzentrischen, stumpfsinnigen
und geisteskranken Menschen) sind diese Analogieschlüsse entweder unsicher
oder falsch. In noch höherem Grade gilt das, wenn wir das Bewußtsein des
Menschen mit demjenigen der Tiere in Vergleich stellen. Da ergeben sich alsbald
so große tatsächliche Schwierigkeiten, daß die Ansichten der hervorragendsten
Physiologen und Philosophen himmelweit auseinander gehen. Wir wollen hier
nur die wichtigsten Anschauungen darüber kurz einander gegenüberstellen.
I . Anthropistische Theorie des Bewußtseins: e s i s t d e m M e n s c h e n
e i g e n t ü m l i c h. Die weitverbreitete Anschauung, daß Bewußtsein und
Denken ausschließliches Eigentum des Menschen seien, und daß auch ihm allein
eine »unsterbliche Seele« zukomme, ist auf D e s c a r t e s zurückzuführen
(1643). Dieser geistreiche französische Philosoph und Mathematiker errichtete
eine vollkommene Scheidewand zwischen der Seelentätigkeit des Menschen und
der Tiere. Die Seele des Menschen, als denkendes, immaterielles Wesen, ist nach
ihm vom Körper, als ausgedehntem, materiellem Wesen, vollständig getrennt.
Trotzdem soll sie an einem Punkte des Gehirns (an der Zirbeldrüse!) mit dem
Körper verbunden sein, um hier Einwirkungen der Außenwelt aufzunehmen und
ihrerseits auf den Körper auszuüben. Die T i e r e dagegen, als nicht denkende
Wesen, sollen keine Seele besitzen und reine A u t o m a t e n sein, kunstvoll
gebaute Maschinen, deren Empfinden, Vorstellen und Wollen rein mechanisch
zustande kommt und nach physikalischen Gesetzen verläuft. Für die Psychologie
des M e n s c h e n vertrat demnach D e s c a r t e s den D u a l i s m u s, für
diejenige der T i e r e den M o n i s m u s. Dieser offenkundige Widerspruch bei
einem so klaren und scharfsinnigen Denker muß höchst auffallend erscheinen;
zu Erklärung desselben darf man wohl mit Recht annehmen, daß er seine wahre
Überzeugung verschwieg und deren Erkenntnis den selbständigen Denkern
überließ. Als Zögling der Jesuiten war D e s c a r t e s schon frühzeitig dazu
erzogen, wider bessere Einsicht die Wahrheit zu verleugnen; vielleicht fürchtete
er auch die Macht der Kirche und ihre Scheiterhaufen. Ohnehin hatte ihm seine
skeptische Forderung, daß jedes reine Erkenntnisstreben vom Zweifel am
überlieferten Dogma ausgehen müsse, fanatische Anklagen wegen Skeptizismus
und Atheismus zugezogen. Die mächtige Wirkung, welche D e s c a r t e s auf die
nachfolgende Philosophie ausübte, war sehr merkwürdig und seiner »doppelten
Buchführung« entsprechend. Die M a t e r i a l i s t e n des 17. und
18. Jahrhunderts beriefen sich für ihre monistische Psychologie auf die
kartesianische Theorie von der Tierseele und ihrer mechanischen
Maschinentätigkeit. Die S p i r i t u a l i s t e n umgekehrt behaupteten, daß ihr
Dogma von der Unsterblichkeit der Seele und ihrer Unabhängigkeit vom Körper
durch die kartesianische Theorie der Menschenseele unwiderleglich begründet
sei. Diese Ansicht ist auch heute noch im Lager der Theologen und der
dualistischen Metaphysiker die herrschende. Die naturwissenschaftliche
Anschauung des 19. Jahrhunderts hat sie mit Hülfe der empirischen Fortschritte
im Gebiete der physiologischen, pathologischen und vergleichenden Psychologie
völlig überwunden.
II. Neurologische Theorie des Bewußtseins: es k o m m t n u r d e m
M e n s c h e n u n d j e n e n h ö h e r e n T i e r e n zu, welche ein zentralisiertes Nervensystem und Sinnesorgane besitzen. Die Überzeugung, daß
ein großer Teil der Tiere — zum mindesten die höheren Säugetiere — ebenso
eine denkende Seele und also auch Bewußtsein besitzt, wie der Mensch,
beherrscht die Kreise der modernen Zoologie, Physiologie und monistischen
Psychologie. Die großartigen Fortschritte der Neuzeit in mehreren Gebieten der
Biologie haben uns übereinstimmend zu der Anerkennung dieser
bedeutungsvollen Erkenntnis geführt. Wir beschränken uns bei ihrer Würdigung
zunächst auf die höheren W i r b e l t i e r e und vor allem die Säugetiere. Daß die
intelligentesten Vertreter dieser höchst entwickelten Wirbeltiere — allen voran
die Affen und Hunde — in ihrer gesamten Seelentätigkeit sich dem Menschen
höchst ähnlich verhalten, ist seit Jahrtausenden bekannt und bewundert. Ihre
Vorstellungs- und Sinnestätigkeit, ihr Empfinden und Begehren ist dem
Menschen so ähnlich, daß wir keine Beweise dafür anzuführen brauchen. Aber
auch die höhere Assoziationstätigkeit ihres Gehirns, die Bildung von Urteilen
und deren Verbindung zu Schlüssen, das Denken und das Bewußtsein im
engeren Sinne, sind bei ihnen ähnlich entwickelt wie beim Menschen — nur
dem Grade, nicht der Art nach davon verschieden. Überdies lehrt uns die
vergleichende Anatomie und Histologie, daß die verwickelte Zusammensetzung
des Gehirns (sowohl die feinere als die gröbere Struktur) bei diesen höheren
S ä u g e t i e r e n im wesentlichen dieselbe wie beim Menschen ist. Dasselbe
zeigt uns die vergleichende Ontogenie bezüglich der Entstehung dieser
Seelenorgane. Die vergleichende Physiologie lehrt, daß die verschiedenen
Zustände des Bewußtseins sich bei diesen höchst entwickelten Plazentaltieren
ganz ähnlich wie beim Menschen verhalten, und das Experiment beweist, daß sie
auch auf äußere Eingriffe ebenso reagieren. Man kann höhere Tiere durch
Alkohol, Chloroform, Äther usw. ebenso betäuben, durch geeignete Behandlung
ebenso hypnotisieren usw. wie den Menschen. Dagegen ist es nicht möglich, die
G r e n z e scharf zu bestimmen, wo auf den niederen Stufen des Tierlebens das
Bewußtsein zuerst als solches erkennbar wird. Die einen Zoologen setzen
dieselbe sehr hoch oben an, die anderen sehr tief unten. D a r w i n, der die
verschiedenen Abstufungen des Bewußtseins, der Intelligenz und des Gemüts
bei den höheren Tieren sehr genau unterscheidet und durch zunehmende
Entwickelung erklärt, weist zugleich darauf hin, wie schwer oder eigentlich wie
unmöglich es ist, die ersten Anfänge dieser höchsten Seelentätigkeiten bei den
niederen Tieren zu bestimmen. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, daß
diejenigen Tiere ein unserem eigenen ähnliches bewußtes Erleben haben, die ein
Nervensystem von annähernd so feiner Struktur, histologischer Differenzierung
und Zentralisation besitzen.
III. Animalische Theorie des Bewußtseins: e s f i n d e t s i c h b e i a l l e n T i e r e n u n d n u r b e i d i e s e n. Hiernach würde ein scharfer Unterschied
im Seelenleben der Tiere und Pflanzen bestehen; ein solcher wurde schon von
vielen alten Autoren angenommen und von L i n n é scharf formuliert in seinem
grundlegenden »Systema naturae« (1735); die beiden großen Reiche der
organischen Natur unterscheiden sich nach ihm dadurch, daß die Tiere
Empfindung und Bewußtsein haben, die Pflanzen nicht. Später hat besonders
S c h o p e n h a u e r diesen Unterschied scharf betont: »Das Bewußtsein ist uns
schlechthin nur als Eigenschaft a n i m a l e r Wesen bekannt. Auch nachdem es
sich durch die ganze Tierreihe, bis zum Menschen und seiner Vernunft,
gesteigert hat, bleibt die Bewußtlosigkeit der Pflanze, von der es ausging, noch
immer die Grundlage. Die untersten Tiere haben bloß eine Dämmerung
desselben.« Die Unhaltbarkeit dieser Ansicht wurde schon um die Mitte des
neunzehnten Jahrhunderts klar, als man das Seelenleben der niederen
Tierstämme, besonders der Schwämme und Nesseltiere, näher kennen lernte:
echte Tiere, die ebenso wenig Spuren von klarem Bewußtsein besitzen, wie die
meisten Pflanzen. Noch mehr wurde der Unterschied zwischen beiden Reichen
verwischt, als man die einzelligen Lebensformen derselben genauer untersuchte.
Die U r t i e r e und die U r p f l a n z e n zeigen keine psychologischen
Unterschiede, auch nicht in Beziehung auf ihr fragliches Bewußtsein.
IV. Biologische Theorie des Bewußtseins: e s i s t a l l e n O r g a n i s m e n
g e m e i n s a m, es findet sich bei allen Tieren und Pflanzen, während es den
anorganischen Naturkörpern (Krystallen usw.) fehlt. Diese Annahme wird
gewöhnlich mit der Ansicht verknüpft, daß alle Organismen (im Gegensatze zu
den Anorganen) beseelt sind; die drei Begriffe: Leben, Seele und Bewußtsein,
fließen dann gewöhnlich zusammen. Eine andere Modifikation dieser
Anschauung ist, daß diese drei Grunderscheinungen des organischen Lebens
zwar unzertrennbar verknüpft sind, daß aber das Bewußtsein nur ein T e i l der
psychischen Tätigkeit ist, wie diese selbst ein T e i l der Lebenstätigkeit. Daß die
Pflanzen in demselben Sinne wie die Tiere eine »Seele« besitzen, hat namentlich
F e c h n e r sich zu zeigen bemüht, und manche schreiben der Pflanzenseele ein
Bewußtsein von ähnlicher Art zu wie der Tierseele. In der Tat sind ja bei sehr
empfindlichen »S i n n p f l a n z e n« (Mimosa, Drosera, Dionaea) die auffallenden
Reizbewegungen der Blätter, bei manchen anderen (Klee und Sauerklee,
besonders aber Hedysarum) die autonomen Bewegungen, bei »schlafenden
Pflanzen« (auch vorzugsweise Papilionaceen) die Schlafbewegungen usw.
auffallend ähnlich denjenigen vieler niederen Tiere; wer den letzteren
Bewußtsein zuschreibt, darf es ganz gewiß auch den ersteren nicht absprechen.
V. Zellulare Theorie des Bewußtseins: e s i s t e i n e L e b e n s e i g e n s c h a f t j e d e r Z e l l e. Die Anwendung der Zellentheorie
auf alle Zweige der Biologie verlangt auch ihre Verknüpfung mit der
Psychologie. Mit demselben Rechte, mit dem man in der Anatomie und
Physiologie die lebendige Zelle als den »Elementarorganismus« behandelt und
das ganze Verständnis des höheren, vielzelligen Tier- und Pflanzenkörpers
daraus ableitet, mit demselben Rechte kann man auch die »Z e l l s e e l e« als das
psychologische Element betrachten und die zusammengesetzte Seelentätigkeit
der höheren Organismen als das Resultat aus dem vereinigten Seelenleben der
Zellen, die sie zusammensetzen. Ich habe die Grundzüge dieser Z e l l u l a r -
P s y c h o l o g i e schon 1866 in meiner »Generellen Morphologie« entworfen
und sie später weiter ausgeführt in meinem Aufsatz über »Zellseelen und
Seelenzellen«. Zum tieferen Eindringen in diese »Elementarpsychologie« wurde
ich durch meine langjährige Beschäftigung mit den einzelligen Lebensformen
geführt. Viele von diesen kleinen (meist mikroskopischen) Protisten zeigen
ähnliche Äußerungen von Empfindung und Willen, ähnliche Instinkte und
Bewegungen wie höhere Tiere; besonders gilt das von den sehr empfindlichen
und lebhaft beweglichen Infusorien. Sowohl in dem Verhalten dieser reizbaren
Zellinge gegenüber der Außenwelt, wie in vielen anderen Lebensäußerungen
derselben, z. B. in dem wunderbaren Gehäusebau der Rhizopoden,
(Thalamophoren und Radiolarien) könnte man deutliche Spuren bewußter
Seelentätigkeit zu erkennen glauben. Wenn man nun die biologische Theorie des
Bewußtseins akzeptiert (Nr. IV), und wenn man jede psychische Funktion mit
einem Bewußtseinsanteil ausstattet, dann wird man auch jeder selbständigen
Protistenzelle Bewußtsein zuschreiben müssen. Die materielle Grundlage
desselben wäre dann entweder das ganze P l a s m a der Zelle, oder deren Kern,
oder ein Teil desselben. Definitiv widerlegen läßt sich diese Annahme, die ich
früher vertrat, nicht. Ich muß aber jetzt M a x Ve r w o r n zustimmen, welcher
in seinen ausgezeichneten »Psychophysiologischen Protistenstudien« annimmt,
daß wohl sämtlichen Protisten ein entwickeltes »Ichbewußtsein« fehlt, und daß
ihre Empfindungen und Bewegungen durchweg den Charakter des
»U n b e w u ß t e n« tragen.
VI. Atomistische Theorie des Bewußtseins: e s i s t e i n e
E l e m e n t a r e i g e n s c h a f t a l l e r A t o m e. Unter allen verschiedenen
Anschauungen über die Verbreitung des Bewußtseins geht diese aromatische
Hypothese am weitesten. Sie ist wohl hauptsächlich der Schwierigkeit
entsprungen, welche manche Philosophen und Biologen bei der Frage nach der
ersten Entstehung des B e w u ß t s e i n s empfinden. Diese Erscheinung trägt ja
einen so eigenartigen Charakter, daß ihre Ableitung aus anderen psychischen
Funktionen höchst bedenklich erscheint; man glaubte daher dieses Hindernis am leichtesten dadurch zu überwinden, daß man sie als eine Elementareigenschaft
aller Materie annahm, gleich der Massenanziehung oder der chemischen
Wahlverwandtschaft. Es würde danach so viele Formen des
Elementarbewußtseins geben, als es chemische Elemente gibt; jedes Atom
Wasserstoff würde sein hydrogenes Bewußtsein haben, jedes Atom Kohlenstoff
sein karbonisches Bewußtsein usw.
Ich halte diese Hypothese für unbegründet und beharre in der Überzeugung, daß
das Bewußtsein an einen hohen Grad von Differenzierung und Zentralisation des
Nervensystems gebunden ist, wie beim Menschen und einem Teile der höheren
Wirbeltiere.
Monistische und dualistische Theorie des Bewußtseins. Soweit auch die
verschiedenen Ansichten über die Natur und die Entstehung des Bewußtseins
auseinander gehen, so lassen sich doch alle schließlich — bei klarer und
konsequenter logischer Behandlung — auf zwei entgegengesetzte
Grundanschauungen zurückführen, auf die t r a n s z e n d e n t e (übernatürliche,
d u a l i s t i s c h e) und die p h y s i o l o g i s c h e (natürliche, m o n i s t i s c h e).
Ich selbst habe von jeher diese letztere Auffassung, und zwar auf Grund der
E n t w i c k e l u n g s l e h r e, vertreten, und sie wird gegenwärtig von einer
großen Anzahl hervorragender Naturforscher geteilt.
Transzendenz des Bewußtseins. In dem berühmten Vortrag »über die Grenzen
des Naturerkennens«, welchen E . D u B o i s - R e y m o n d am
14. August 1872 auf der Naturforscherversammlung in Leipzig hielt, stellte
derselbe zwei verschiedene »u n b e d i n g t e G r e n z e n« unseres
Naturerkennens auf, welche der menschliche Geist auch bei vorgeschrittenster
Naturerkenntnis niemals überschreiten werde — n i e m a l s, wie das oft zitierte
Schlußwort des Vortrags emphatisch betont: »Ignorabimus!« Das eine absolut
unlösbare »Welträtsel« ist der »Zusammenhang von Materie und Kraft« und das
eigentliche Wesen dieser fundamentalen Naturerscheinungen; wir werden dieses
»S u b s t a n z p r o b l e m« im zwölften Kapitel eingehend behandeln. Das
zweite unübersteigliche Hindernis der Philosophie soll das Problem des
B e w u ß t s e i n s bilden, die Frage: wie unsere Geistestätigkeit aus materiellen
Bedingungen, bezüglich Bewegungen zu erklären ist, wie die (der Materie und
Kraft zugrunde liegende) »Substanz unter bestimmten Bedingungen empfindet,
begehrt und denkt«.
Wenn man diese vielbesprochene »Ignorabimusrede« unbefangen auf ihren Kern
untersucht, so muß man darin das entschiedene Programm des
m e t h a p h y s i s c h e n D u a l i s m u s finden; die Welt ist »d o p p e l t
unbegreiflich«: einmal die materielle Welt, in welcher »Materie und Kraft« ihr Wesen treiben, und gegenüber, ganz getrennt, die immaterielle Welt des
»Geistes«, in welcher »Denken und Bewußtsein nicht aus materiellen
Bedingungen erklärbar sind«, wie bei der ersteren. Es war ganz naturgemäß, daß
der herrschende Dualismus und Mystizismus diese Anerkennung der zwei
verschiedenen Welten mit Begierde ergriff, um damit die Doppelnatur des
Menschen und die Unsterblichkeit der Seele zu beweisen. Der Jubel der
Spiritualisten darüber war um so heller und berechtigter, als E . D u B o i s -
R e y m o n d bis dahin als ein bedeutender prinzipieller Vertreter des
wissenschaftlichen Materialismus gegolten hatte; und das war und blieb er auch
(trotz seiner »schönen Reden«!), ebenso wie alle anderen sachkundigen, klaren
und k o n s e q u e n t d e n k e n d e n Naturforscher der Gegenwart.
Allerdings hat der Verfasser der Ignorabimusrede am Schlusse derselben kurz
auf die Frage hingewiesen, ob nicht jene beiden gegenüberstehenden
»Welträtsel«, das allgemeine Substanzproblem und das besondere
Bewußtseinsproblem, zusammenfallen. Er sagt: »Freilich ist diese Vorstellung
die einfachste und der vorzuziehen, wonach die Welt doppelt unbegreiflich
erscheint. Aber es liegt in der Natur der Dinge, daß wir auch in diesem Punkte
nicht zur Klarheit kommen, und alles weitere Reden darüber bleibt müßig.« —
Dieser letzteren Ansicht bin ich von Anfang an entschieden entgegengetreten
und habe mich zu zeigen bemüht, daß jene beiden großen Fragen nicht zwei
verschiedene Welträtsel sind. »D a s n e u r o l o g i s c h e P r o b l e m d e s
B e w u ß t s e i n s i s t n u r e i n b e s o n d e r e r F a l l v o n d e m
a l l u m f a s s e n d e n k o s m o l o g i s c h e n P r o b l e m , d e r
S u b s t a n z f r a g e .« (Monismus, 1892, S. 23.)
Physiologie des Bewußtseins. Die eigenartige Naturerscheinung des
Bewußtseins ist nicht, wie D u B o i s - R e y m o n d und mit ihm die
dualistische Philosophie behauptet, ein völlig und »durchaus transzendentes
Problem«; sondern sie ist, wie ich schon seit 1866 behauptet habe, ein
p h y s i o l o g i s c h e s P r o b l e m, und als solches auf die Erscheinungen im
Gebiete der Physik und Chemie zurückzuführen. Ich habe es später noch
bestimmter als ein n e u r o l o g i s c h e s P r o b l e m bezeichnet, auf der
Annahme fußend, daß ein dem menschlichen analoges Bewußtsein nur bei den
höheren Tieren mit stark zentralisiertem Nervensystem zu suchen ist. Mit voller
Sicherheit läßt sich das für die höheren Wirbeltiere behaupten, und vor allem für
die plazentalen Säugetiere, aus deren Stamm das Menschengeschlecht selbst
entsprossen ist. Das Bewußtsein der höchstentwickelten Affen, Hunde,
Elephanten usw. ist von demjenigen des Menschen nur dem Grade, nicht der Art
nach verschieden, und die graduellen Unterschiede im Bewußtsein dieser »vernünftigsten« Zottentiere und der niedersten Menschenrassen (Weddas,
Australneger usw.) sind geringer als die entsprechenden Unterschiede zwischen
diesen letzteren und den höchst entwickelten Vernunftmenschen (S p i n o z a,
G o e t h e, L a m a r c k, D a r w i n usw.). Das Bewußtsein ist mithin nur e i n
T e i l d e r h ö h e r e n S e e l e n t ä t i g k e i t, und als solche abhängig von der
normalen Struktur des betreffenden Seelenorgans, des G e h i r n s.
Physiologische Beobachtung und Experiment haben seit zwanzig Jahren den
sicheren Beweis geführt, daß derjenige engere Bezirk des Säugetiergehirns, den
man in diesem Sinne als O r g a n des Bewußtseins bezeichnet, ein Teil des
G r o ß h i r n s ist, und zwar der spät entstandene »graue Mantel« oder die
»Großhirnrinde«. Aber auch die m o r p h o l o g i s c h e Begründung dieser
physiologischen Erkenntnis ist den bewunderungswürdigen Fortschritten der
m i k r o s k o p i s c h e n G e h i r n a n a t o m i e gelungen, welche wir den
vervollkommneten Forschungsmethoden der neuesten Zeit verdanken.
Wohl die wichtigste von diesen Erkenntnissen ist die Entdeckung der
D e n k o r g a n e durch P a u l F l e c h s i g in Leipzig; er wies 1894 nach, daß in
der grauen Rindenzone des Hirnmantels vier Gebiete der zentralen Sinnesorgane
oder vier »innere Empfindungssphären« liegen, die Körperfühlsphäre im
Scheitellappen, die Riechsphäre im Stirnlappen, die Sehsphäre im
Hinterhauptslappen, die Hörsphäre im Schläfenlappen. Zwischen diesen vier
»S i n n e s h e r d e n« liegen die vier großen »D e n k h e r d e« oder
Assozionszentren, die realen O r g a n e d e s G e i s t e s l e b e n s; sie sind jene
höchsten Werkzeuge der Seelentätigkeit, welche das D e n k e n und das
B e w u ß t s e i n vermitteln: vorn das Stirnhirn oder das frontale
Assozionszentrum, hinten oben das Scheitelhirn oder parietale
Assozionszentrum, hinten unten das Prinzipalhirn oder das »große occipito-
temporale Assozionszentrum« (das wichtigste von allen!) und endlich tief unten,
im Innern versteckt, das Inselhirn oder »die Reilsche Insel«, das insulare
Assozionszentrum. Diese vier Denkherde, durch eigentümliche und höchst
verwickelte Nervenstruktur vor den zwischenliegenden Sinnesherden
ausgezeichnet, sind die wahren »D e n k o r g a n e«, die einzigen Organe unseres
Bewußtseins. In neuester Zeit hat F l e c h s i g nachgewiesen, daß in einem Teile
derselben sich beim Menschen noch ganz besonders verwickelte Strukturen
finden, welche den übrigen Säugetieren fehlen, und welche die Überlegenheit
des menschlichen Bewußtseins erklären.
Pathologie des Bewußtseins. Die bedeutungsvolle Erkenntnis der modernen
Physiologie, daß das Großhirn beim Menschen und den höheren Säugetieren das
Organ des Geisteslebens und des Bewußtseins ist, wird einleuchtend bestätigt durch die Pathologie, durch die Kenntnis seiner E r k r a n k u n g e n. Wenn die
betreffenden Teile der Großhirnrinde durch Krankheit zerstört werden, erlischt
ihre Funktion, und zwar läßt sich hier die L o k a l i s a t i o n der
Gehirnfunktionen sogar partiell nachweisen; wenn einzelne Stellen jenes
Gebietes erkranken, verschwindet auch der Teil des Denkens und des
Bewußtseins, welcher an die betreffende Stelle gebunden ist. Dasselbe Ergebnis
liefert das pathologische Experiment; Zerstörung einer solchen bekannten Stelle
(z. B. im Sprachzentrum) vernichtet deren Funktion (die Sprache). Übrigens
genügt ja der Hinweis auf die bekanntesten alltäglichen Erscheinungen im
Gebiete des Bewußtseins, um die völlige Abhängigkeit desselben von den
c h e m i s c h e n Veränderungen der Gehirnsubstanz zu beweisen. Viele
Genußmittel (Kaffee, Tee) regen unser Denkvermögen an; andere (Wein, Bier)
stimmen unser Gemüt heiter; Moschus und Kampher als »Excitantia« beleben das
erlöschende Bewußtsein; Äther und Chloroform betäuben dasselbe usw. Wie
wäre das alles möglich, wenn das Bewußtsein ein immaterielles Wesen,
unabhängig von jenen anatomisch nachgewiesenen Organen wäre? Und worin
besteht das Bewußtsein der »unsterblichen Seele«, wenn sie nicht mehr jene
Organe besitzt.
Alle diese und andere bekannte Tatsachen beweisen, daß das Bewußtsein beim
Menschen (genau ebenso wie bei den nächstverwandten Säugetieren)
v e r ä n d e r l i c h ist, und daß seine Tätigkeit jederzeit abgeändert werden kann
durch innere Ursachen (Stoffwechsel, Blutkreislauf) und äußere Ursachen
(Verletzung des Gehirns, Reizung usw.). Sehr lehrreich sind auch die
merkwürdigen Zustände des alternierenden oder d o p p e l t e n
B e w u ß t s e i n s; derselbe Mensch zeigt an verschiedenen Tagen, unter
veränderten Umständen, ein ganz verschiedenes Bewußtsein; er weiß heute nicht
mehr, was er gestern getan hat, gestern konnte er sagen: Ich bin ich; — heute
muß er sagen: Ich bin ein anderer. Solche Intermissionen des Bewußtseins
können nicht bloß Tage, sondern Monate und Jahre dauern; sie können selbst
bleibend werden.
Ontogenie des Bewußtseins. Wie jedermann weiß, ist das neugeborene Kind
noch ganz ohne Bewußtsein, und wie P r e y e r gezeigt hat, entwickelt sich
dasselbe erst spät, nachdem das kleine Kind zu sprechen angefangen hat; es
spricht von sich lange Zeit in der dritten Person. Erst in dem bedeutungsvollen
Momente, in welchem es zum ersten Male »Ich« sagt, in welchem das
»I c h g e f ü h l« klar wird, beginnt sein Selbstbewußtsein zu keimen und damit
auch der Gegensatz zur Außenwelt. Die schnellen und tiefgreifenden Fortschritte
der Erkenntnis, welche das Kind durch den Unterricht der Eltern und der Schule in den ersten zehn Lebensjahren macht, und später langsamer im zweiten
Dezennium bis zur vollendeten geistigen Reife, sind eng verknüpft mit
unzähligen Fortschritten im Wachstum und in der Entwickelung des
B e w u ß t s e i n s und mit derjenigen seines Organs, des G e h i r n s. Aber auch,
wenn der Schüler das »Zeugnis der Reife« erlangt hat, ist in Wahrheit sein
Bewußtsein noch lange nicht reif, und jetzt beginnt erst recht, in vielseitiger
Berührung mit der Außenwelt, das »W e l t b e w u ß t s e i n« sich zu entwickeln.
Jetzt erst reift im dritten Dezennium jene volle Ausbildung des vernünftigen
Denkens und damit des Bewußtseins, welche dann bei normaler Entwickelung in
den folgenden drei Jahrzehnten ihre reifen Früchte trägt. Gewöhnlich mit Beginn
des siebenten Dezennium (bald früher, bald später) beginnt dann jene langsame
und allmähliche Rückbildung der höheren Geistestätigkeit, welche das
Greisenalter charakterisiert. Gedächtnis, Rezeptionsfähigkeit und Interesse an
speziellen Objekten nehmen mehr und mehr ab; dagegen bleibt die
Produktionsfähigkeit, das gereifte Bewußtsein und das philosophische Interesse
an allgemeinen Beziehungen oft noch lange erhalten. Die individuelle
Entwickelung des Bewußtseins in früher Jugend beweist die allgemeine Geltung
des B i o g e n e t i s c h e n G r u n d g e s e t z e s; aber auch in späteren Jahren ist
dieselbe noch vielfach erkennbar. Jedenfalls überzeugt uns die Ontogenese des
Bewußtseins aufs klarste von der Tatsache, daß dasselbe kein »immaterielles
Wesen«, sondern eine physiologische Funktion des Gehirns ist, und daß es also
auch keine Ausnahme vom Substanzgesetze bildet.
Phylogenie des Bewußtseins. Die Tatsache, daß das Bewußtsein, gleich allen
anderen Seelentätigkeiten, an die normale Ausbildung bestimmter Organe
gebunden ist, und daß es sich beim Kinde, in Zusammenhang mit diesen
Gehirnorganen, allmählich entwickelt, läßt schon von vornherein schließen, daß
es auch innerhalb der Tierreihe sich stufenweise historisch entwickelt hat. So
sicher wir aber auch eine solche natürliche S t a m m e s g e s c h i c h t e d e s
B e w u ß t s e i n s im Prinzip behaupten müssen, so wenig sind wir doch leider
imstande, tiefer in dieselbe einzudringen und spezielle Hypothesen darüber
aufzustellen. Indessen liefert uns die Paläontologie doch einige interessante
Anhaltspunkte, die nicht ohne Bedeutung sind. Auffallend ist z. B. die
bedeutende, quantitative und qualitative Entwickelung des Gehirns der
plazentalen Säugetiere innerhalb der T e r t i ä r z e i t. An vielen fossilen
Schädeln derselben ist die innere Schädelhöhle genau bekannt und liefert uns
sichere Aufschlüsse über die Größe und teilweise auch über den Bau des davon
umschlossenen Gehirns. Da zeigt sich denn innerhalb einer und derselben
Legion (z. B. der Huftiere, der Raubtiere, der Herrentiere) ein gewaltiger
Fortschritt von den älteren eozänen und oligozänen zu den jüngeren miozänen und pliozänen Vertretern desselben Stammes; bei den letzteren ist das Gehirn
(im Verhältnis zur Körpergröße) 6-8 mal so groß als bei den ersteren.
Auch jene höchste Entwickelungsstufe des Bewußtseins, welche nur der
K u l t u r m e n s c h erreicht, hat sich erst allmählich und stufenweise — eben
durch den Fortschritt der Kultur selbst — aus niederen Zuständen entwickelt,
wie wir sie noch heute bei primitiven Naturvölkern antreffen. Das zeigt uns
schon die Vergleichung ihrer S p r a c h e n, welche mit derjenigen der
B e g r i f f e eng verknüpft ist. Je höher sich beim denkenden Kulturmenschen
die Begriffsbildung entwickelt, je mehr er fähig wird, aus zahlreichen
verschiedenen Einzelheiten die gemeinsamen Merkmale zusammenzufassen und
unter allgemeine Begriffe zu bringen, desto klarer und tiefer wird damit sein
Bewußtsein.