Die Welträtsel

Ernst Haeckel · Kapitel 14 von 26

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Die Welträtsel

Zehntes Kapitel. Bewußtsein.

Z e h n t e s K a p i t e l .

 

Bewußtsein.

 

Monistische Studien über bewußtes und unbewußtes Seelenleben.

Entwickelungsgeschichte und Theorie des Bewußtseins.

Unter allen Äußerungen des Seelenlebens gibt es keine, die so wunderbar

erscheint und so verschieden beurteilt wird wie das B e w u ß t s e i n. Nicht allein

über das eigentliche Wesen dieser Seelentätigkeit und über ihr Verhältnis zum

Körper, sondern auch über ihre Verbreitung in der organischen Welt, über ihre

Entstehung und Entwickelung stehen sich noch heute, wie seit Jahrtausenden,

die widersprechendsten Ansichten gegenüber. Mehr als jede andere psychische

Funktion hat das Bewußtsein zu der irrtümlichen Vorstellung eines

»immateriellen Seelenwesens« und im Anschluß daran zu dem Aberglauben der

»persönlichen Unsterblichkeit« Veranlassung gegeben; viele der schwersten

Irrtümer, die unser modernes Kulturleben noch heute beherrschen, sind darauf

zurückzuführen. Ich habe daher schon früher das Bewußtsein als das

»p s y c h o l o g i s c h e Z e n t r a l m y s t e r i u m« bezeichnet; es ist die feste

Zitadelle aller mystischen und dualistischen Irrtümer, an deren gewaltigen

Wällen alle Angriffe der bestgerüsteten Vernunft zu scheitern drohen. Schon

diese Tatsache allein rechtfertigt es, daß wir hier dem Bewußtsein eine

besondere kritische Betrachtung von unserem monistischen Standpunkte aus

widmen. Wir werden sehen, daß das Bewußtsein nicht mehr und nicht minder

wie jede andere Seelentätigkeit eine N a t u r e r s c h e i n u n g ist, und daß es

gleich allen anderen Naturerscheinungen dem S u b s t a n z g e s e t z unterworfen

ist.

Begriff des Bewußtseins. Schon über den elementaren Begriff dieser

Seelentätigkeit, über seinen Inhalt und Umfang, gehen die Ansichten der

angesehensten Philosophen und Naturforscher weit auseinander. Vielleicht am

besten bezeichnet man den Inhalt des Bewußtseins als i n n e r e

A n s c h a u u n g und vergleicht diese einer S p i e g e l u n g. Als zwei

Hauptbezirke desselben unterscheidet man häufig das objektive und subjektive

Bewußtsein, das Weltbewußtsein und Selbstbewußtsein. Bei weitem der größte

Teil aller bewußten Seelentätigkeit betrifft, wie schon S c h o p e n h a u e r

hervorhob, das Bewußtsein der Außenwelt, der »a n d e r e n D i n g e«; dieses W e l t b e w u ß t s e i n umfaßt alle möglichen Erscheinungen der Außenwelt,

welche überhaupt unserer Erkenntnis zugänglich sind. Viel beschränkter ist

unser S e l b s t b e w u ß t s e i n, die innere Spiegelung unserer eigenen gesamten

Seelentätigkeit, aller Vorstellungen, Empfindungen und Strebungen oder

Willenstätigkeiten.

Bewußtsein und Seelenleben. Viele und angesehene Denker, namentlich unter

den Physiologen (z. B. W u n d t und Z i e h e n), halten die Begriffe des

Bewußtseins und der psychischen Funktionen für identisch: »a l l e

S e e l e n t ä t i g k e i t i s t b e w u ß t e«; das Gebiet der Psychologie reicht nur

so weit als dasjenige des Bewußtseins. Nach unserer Ansicht erweitert diese

Definition die Bedeutung des letzteren in ungebührlicher Weise und gibt

Veranlassung zu zahlreichen Irrtümern und Mißverständnissen. Wir teilen

vielmehr die Ansicht anderer Philosophen (z. B. R o m a n e s und F r i t z

S c h u l t z e), daß auch die unbewußten Vorstellungen, Empfindungen und

Strebungen zum Seelenleben gehören; in der Tat ist sogar das Gebiet dieser

unbewußten psychischen Aktionen (der Reflextätigkeit usw.) viel ausgedehnter

als dasjenige der bewußten. Beide Gebiete stehen übrigens im engsten

Zusammenhang und sind durch keine scharfe Grenze getrennt; jederzeit kann

uns eine unbewußte Vorstellung plötzlich bewußt werden; wird unsere

Aufmerksamkeit darauf durch ein anderes Objekt gefesselt, so kann sie ebenso

rasch wieder unserem Bewußtsein völlig entschwinden.

Bewußtsein des Menschen. Die einzige Quelle unserer Erkenntnis des

Bewußtseins ist dieses selbst, und hierin liegt in erster Linie die außerordentliche

Schwierigkeit seiner wissenschaftlichen Untersuchung und Deutung. S u b j e k t

und O b j e k t fallen hier in eins zusammen; das erkennende Subjekt spiegelt sich

in seinem eigenen inneren Wesen, welches Objekt der Erkenntnis sein soll. Auf

das Bewußtsein anderer Wesen können wir also niemals mit voller objektiver

Sicherheit schließen, sondern immer nur durch Vergleichung seiner Äußerungen

mit unseren eigenen. Soweit diese Vergleichung sich nur auf n o r m a l e

M e n s c h e n erstreckt, können wir allerdings auf deren Bewußtsein gewisse

Schlüsse ziehen, deren Richtigkeit niemand bezweifelt. Aber schon bei

a b n o r m e n Persönlichkeiten (bei genialen und exzentrischen, stumpfsinnigen

und geisteskranken Menschen) sind diese Analogieschlüsse entweder unsicher

oder falsch. In noch höherem Grade gilt das, wenn wir das Bewußtsein des

Menschen mit demjenigen der Tiere in Vergleich stellen. Da ergeben sich alsbald

so große tatsächliche Schwierigkeiten, daß die Ansichten der hervorragendsten

Physiologen und Philosophen himmelweit auseinander gehen. Wir wollen hier

nur die wichtigsten Anschauungen darüber kurz einander gegenüberstellen.

I . Anthropistische Theorie des Bewußtseins: e s i s t d e m M e n s c h e n

e i g e n t ü m l i c h. Die weitverbreitete Anschauung, daß Bewußtsein und

Denken ausschließliches Eigentum des Menschen seien, und daß auch ihm allein

eine »unsterbliche Seele« zukomme, ist auf D e s c a r t e s zurückzuführen

(1643). Dieser geistreiche französische Philosoph und Mathematiker errichtete

eine vollkommene Scheidewand zwischen der Seelentätigkeit des Menschen und

der Tiere. Die Seele des Menschen, als denkendes, immaterielles Wesen, ist nach

ihm vom Körper, als ausgedehntem, materiellem Wesen, vollständig getrennt.

Trotzdem soll sie an einem Punkte des Gehirns (an der Zirbeldrüse!) mit dem

Körper verbunden sein, um hier Einwirkungen der Außenwelt aufzunehmen und

ihrerseits auf den Körper auszuüben. Die T i e r e dagegen, als nicht denkende

Wesen, sollen keine Seele besitzen und reine A u t o m a t e n sein, kunstvoll

gebaute Maschinen, deren Empfinden, Vorstellen und Wollen rein mechanisch

zustande kommt und nach physikalischen Gesetzen verläuft. Für die Psychologie

des M e n s c h e n vertrat demnach D e s c a r t e s den D u a l i s m u s, für

diejenige der T i e r e den M o n i s m u s. Dieser offenkundige Widerspruch bei

einem so klaren und scharfsinnigen Denker muß höchst auffallend erscheinen;

zu Erklärung desselben darf man wohl mit Recht annehmen, daß er seine wahre

Überzeugung verschwieg und deren Erkenntnis den selbständigen Denkern

überließ. Als Zögling der Jesuiten war D e s c a r t e s schon frühzeitig dazu

erzogen, wider bessere Einsicht die Wahrheit zu verleugnen; vielleicht fürchtete

er auch die Macht der Kirche und ihre Scheiterhaufen. Ohnehin hatte ihm seine

skeptische Forderung, daß jedes reine Erkenntnisstreben vom Zweifel am

überlieferten Dogma ausgehen müsse, fanatische Anklagen wegen Skeptizismus

und Atheismus zugezogen. Die mächtige Wirkung, welche D e s c a r t e s auf die

nachfolgende Philosophie ausübte, war sehr merkwürdig und seiner »doppelten

Buchführung« entsprechend. Die M a t e r i a l i s t e n des 17. und

18. Jahrhunderts beriefen sich für ihre monistische Psychologie auf die

kartesianische Theorie von der Tierseele und ihrer mechanischen

Maschinentätigkeit. Die S p i r i t u a l i s t e n umgekehrt behaupteten, daß ihr

Dogma von der Unsterblichkeit der Seele und ihrer Unabhängigkeit vom Körper

durch die kartesianische Theorie der Menschenseele unwiderleglich begründet

sei. Diese Ansicht ist auch heute noch im Lager der Theologen und der

dualistischen Metaphysiker die herrschende. Die naturwissenschaftliche

Anschauung des 19. Jahrhunderts hat sie mit Hülfe der empirischen Fortschritte

im Gebiete der physiologischen, pathologischen und vergleichenden Psychologie

völlig überwunden.

II. Neurologische Theorie des Bewußtseins: es k o m m t n u r d e m

M e n s c h e n u n d j e n e n h ö h e r e n T i e r e n zu, welche ein zentralisiertes Nervensystem und Sinnesorgane besitzen. Die Überzeugung, daß

ein großer Teil der Tiere — zum mindesten die höheren Säugetiere — ebenso

eine denkende Seele und also auch Bewußtsein besitzt, wie der Mensch,

beherrscht die Kreise der modernen Zoologie, Physiologie und monistischen

Psychologie. Die großartigen Fortschritte der Neuzeit in mehreren Gebieten der

Biologie haben uns übereinstimmend zu der Anerkennung dieser

bedeutungsvollen Erkenntnis geführt. Wir beschränken uns bei ihrer Würdigung

zunächst auf die höheren W i r b e l t i e r e und vor allem die Säugetiere. Daß die

intelligentesten Vertreter dieser höchst entwickelten Wirbeltiere — allen voran

die Affen und Hunde — in ihrer gesamten Seelentätigkeit sich dem Menschen

höchst ähnlich verhalten, ist seit Jahrtausenden bekannt und bewundert. Ihre

Vorstellungs- und Sinnestätigkeit, ihr Empfinden und Begehren ist dem

Menschen so ähnlich, daß wir keine Beweise dafür anzuführen brauchen. Aber

auch die höhere Assoziationstätigkeit ihres Gehirns, die Bildung von Urteilen

und deren Verbindung zu Schlüssen, das Denken und das Bewußtsein im

engeren Sinne, sind bei ihnen ähnlich entwickelt wie beim Menschen — nur

dem Grade, nicht der Art nach davon verschieden. Überdies lehrt uns die

vergleichende Anatomie und Histologie, daß die verwickelte Zusammensetzung

des Gehirns (sowohl die feinere als die gröbere Struktur) bei diesen höheren

S ä u g e t i e r e n im wesentlichen dieselbe wie beim Menschen ist. Dasselbe

zeigt uns die vergleichende Ontogenie bezüglich der Entstehung dieser

Seelenorgane. Die vergleichende Physiologie lehrt, daß die verschiedenen

Zustände des Bewußtseins sich bei diesen höchst entwickelten Plazentaltieren

ganz ähnlich wie beim Menschen verhalten, und das Experiment beweist, daß sie

auch auf äußere Eingriffe ebenso reagieren. Man kann höhere Tiere durch

Alkohol, Chloroform, Äther usw. ebenso betäuben, durch geeignete Behandlung

ebenso hypnotisieren usw. wie den Menschen. Dagegen ist es nicht möglich, die

G r e n z e scharf zu bestimmen, wo auf den niederen Stufen des Tierlebens das

Bewußtsein zuerst als solches erkennbar wird. Die einen Zoologen setzen

dieselbe sehr hoch oben an, die anderen sehr tief unten. D a r w i n, der die

verschiedenen Abstufungen des Bewußtseins, der Intelligenz und des Gemüts

bei den höheren Tieren sehr genau unterscheidet und durch zunehmende

Entwickelung erklärt, weist zugleich darauf hin, wie schwer oder eigentlich wie

unmöglich es ist, die ersten Anfänge dieser höchsten Seelentätigkeiten bei den

niederen Tieren zu bestimmen. Am wahrscheinlichsten ist die Annahme, daß

diejenigen Tiere ein unserem eigenen ähnliches bewußtes Erleben haben, die ein

Nervensystem von annähernd so feiner Struktur, histologischer Differenzierung

und Zentralisation besitzen.

III. Animalische Theorie des Bewußtseins: e s f i n d e t s i c h b e i a l l e n T i e r e n u n d n u r b e i d i e s e n. Hiernach würde ein scharfer Unterschied

im Seelenleben der Tiere und Pflanzen bestehen; ein solcher wurde schon von

vielen alten Autoren angenommen und von L i n n é scharf formuliert in seinem

grundlegenden »Systema naturae« (1735); die beiden großen Reiche der

organischen Natur unterscheiden sich nach ihm dadurch, daß die Tiere

Empfindung und Bewußtsein haben, die Pflanzen nicht. Später hat besonders

S c h o p e n h a u e r diesen Unterschied scharf betont: »Das Bewußtsein ist uns

schlechthin nur als Eigenschaft a n i m a l e r Wesen bekannt. Auch nachdem es

sich durch die ganze Tierreihe, bis zum Menschen und seiner Vernunft,

gesteigert hat, bleibt die Bewußtlosigkeit der Pflanze, von der es ausging, noch

immer die Grundlage. Die untersten Tiere haben bloß eine Dämmerung

desselben.« Die Unhaltbarkeit dieser Ansicht wurde schon um die Mitte des

neunzehnten Jahrhunderts klar, als man das Seelenleben der niederen

Tierstämme, besonders der Schwämme und Nesseltiere, näher kennen lernte:

echte Tiere, die ebenso wenig Spuren von klarem Bewußtsein besitzen, wie die

meisten Pflanzen. Noch mehr wurde der Unterschied zwischen beiden Reichen

verwischt, als man die einzelligen Lebensformen derselben genauer untersuchte.

Die U r t i e r e und die U r p f l a n z e n zeigen keine psychologischen

Unterschiede, auch nicht in Beziehung auf ihr fragliches Bewußtsein.

IV. Biologische Theorie des Bewußtseins: e s i s t a l l e n O r g a n i s m e n

g e m e i n s a m, es findet sich bei allen Tieren und Pflanzen, während es den

anorganischen Naturkörpern (Krystallen usw.) fehlt. Diese Annahme wird

gewöhnlich mit der Ansicht verknüpft, daß alle Organismen (im Gegensatze zu

den Anorganen) beseelt sind; die drei Begriffe: Leben, Seele und Bewußtsein,

fließen dann gewöhnlich zusammen. Eine andere Modifikation dieser

Anschauung ist, daß diese drei Grunderscheinungen des organischen Lebens

zwar unzertrennbar verknüpft sind, daß aber das Bewußtsein nur ein T e i l der

psychischen Tätigkeit ist, wie diese selbst ein T e i l der Lebenstätigkeit. Daß die

Pflanzen in demselben Sinne wie die Tiere eine »Seele« besitzen, hat namentlich

F e c h n e r sich zu zeigen bemüht, und manche schreiben der Pflanzenseele ein

Bewußtsein von ähnlicher Art zu wie der Tierseele. In der Tat sind ja bei sehr

empfindlichen »S i n n p f l a n z e n« (Mimosa, Drosera, Dionaea) die auffallenden

Reizbewegungen der Blätter, bei manchen anderen (Klee und Sauerklee,

besonders aber Hedysarum) die autonomen Bewegungen, bei »schlafenden

Pflanzen« (auch vorzugsweise Papilionaceen) die Schlafbewegungen usw.

auffallend ähnlich denjenigen vieler niederen Tiere; wer den letzteren

Bewußtsein zuschreibt, darf es ganz gewiß auch den ersteren nicht absprechen.

V. Zellulare Theorie des Bewußtseins: e s i s t e i n e L e b e n s e i g e n s c h a f t j e d e r Z e l l e. Die Anwendung der Zellentheorie

auf alle Zweige der Biologie verlangt auch ihre Verknüpfung mit der

Psychologie. Mit demselben Rechte, mit dem man in der Anatomie und

Physiologie die lebendige Zelle als den »Elementarorganismus« behandelt und

das ganze Verständnis des höheren, vielzelligen Tier- und Pflanzenkörpers

daraus ableitet, mit demselben Rechte kann man auch die »Z e l l s e e l e« als das

psychologische Element betrachten und die zusammengesetzte Seelentätigkeit

der höheren Organismen als das Resultat aus dem vereinigten Seelenleben der

Zellen, die sie zusammensetzen. Ich habe die Grundzüge dieser Z e l l u l a r -

P s y c h o l o g i e schon 1866 in meiner »Generellen Morphologie« entworfen

und sie später weiter ausgeführt in meinem Aufsatz über »Zellseelen und

Seelenzellen«. Zum tieferen Eindringen in diese »Elementarpsychologie« wurde

ich durch meine langjährige Beschäftigung mit den einzelligen Lebensformen

geführt. Viele von diesen kleinen (meist mikroskopischen) Protisten zeigen

ähnliche Äußerungen von Empfindung und Willen, ähnliche Instinkte und

Bewegungen wie höhere Tiere; besonders gilt das von den sehr empfindlichen

und lebhaft beweglichen Infusorien. Sowohl in dem Verhalten dieser reizbaren

Zellinge gegenüber der Außenwelt, wie in vielen anderen Lebensäußerungen

derselben, z. B. in dem wunderbaren Gehäusebau der Rhizopoden,

(Thalamophoren und Radiolarien) könnte man deutliche Spuren bewußter

Seelentätigkeit zu erkennen glauben. Wenn man nun die biologische Theorie des

Bewußtseins akzeptiert (Nr. IV), und wenn man jede psychische Funktion mit

einem Bewußtseinsanteil ausstattet, dann wird man auch jeder selbständigen

Protistenzelle Bewußtsein zuschreiben müssen. Die materielle Grundlage

desselben wäre dann entweder das ganze P l a s m a der Zelle, oder deren Kern,

oder ein Teil desselben. Definitiv widerlegen läßt sich diese Annahme, die ich

früher vertrat, nicht. Ich muß aber jetzt M a x Ve r w o r n zustimmen, welcher

in seinen ausgezeichneten »Psychophysiologischen Protistenstudien« annimmt,

daß wohl sämtlichen Protisten ein entwickeltes »Ichbewußtsein« fehlt, und daß

ihre Empfindungen und Bewegungen durchweg den Charakter des

»U n b e w u ß t e n« tragen.

VI. Atomistische Theorie des Bewußtseins: e s i s t e i n e

E l e m e n t a r e i g e n s c h a f t a l l e r A t o m e. Unter allen verschiedenen

Anschauungen über die Verbreitung des Bewußtseins geht diese aromatische

Hypothese am weitesten. Sie ist wohl hauptsächlich der Schwierigkeit

entsprungen, welche manche Philosophen und Biologen bei der Frage nach der

ersten Entstehung des B e w u ß t s e i n s empfinden. Diese Erscheinung trägt ja

einen so eigenartigen Charakter, daß ihre Ableitung aus anderen psychischen

Funktionen höchst bedenklich erscheint; man glaubte daher dieses Hindernis am leichtesten dadurch zu überwinden, daß man sie als eine Elementareigenschaft

aller Materie annahm, gleich der Massenanziehung oder der chemischen

Wahlverwandtschaft. Es würde danach so viele Formen des

Elementarbewußtseins geben, als es chemische Elemente gibt; jedes Atom

Wasserstoff würde sein hydrogenes Bewußtsein haben, jedes Atom Kohlenstoff

sein karbonisches Bewußtsein usw.

Ich halte diese Hypothese für unbegründet und beharre in der Überzeugung, daß

das Bewußtsein an einen hohen Grad von Differenzierung und Zentralisation des

Nervensystems gebunden ist, wie beim Menschen und einem Teile der höheren

Wirbeltiere.

Monistische und dualistische Theorie des Bewußtseins. Soweit auch die

verschiedenen Ansichten über die Natur und die Entstehung des Bewußtseins

auseinander gehen, so lassen sich doch alle schließlich — bei klarer und

konsequenter logischer Behandlung — auf zwei entgegengesetzte

Grundanschauungen zurückführen, auf die t r a n s z e n d e n t e (übernatürliche,

d u a l i s t i s c h e) und die p h y s i o l o g i s c h e (natürliche, m o n i s t i s c h e).

Ich selbst habe von jeher diese letztere Auffassung, und zwar auf Grund der

E n t w i c k e l u n g s l e h r e, vertreten, und sie wird gegenwärtig von einer

großen Anzahl hervorragender Naturforscher geteilt.

Transzendenz des Bewußtseins. In dem berühmten Vortrag »über die Grenzen

des Naturerkennens«, welchen E . D u B o i s - R e y m o n d am

14. August 1872 auf der Naturforscherversammlung in Leipzig hielt, stellte

derselbe zwei verschiedene »u n b e d i n g t e G r e n z e n« unseres

Naturerkennens auf, welche der menschliche Geist auch bei vorgeschrittenster

Naturerkenntnis niemals überschreiten werde — n i e m a l s, wie das oft zitierte

Schlußwort des Vortrags emphatisch betont: »Ignorabimus!« Das eine absolut

unlösbare »Welträtsel« ist der »Zusammenhang von Materie und Kraft« und das

eigentliche Wesen dieser fundamentalen Naturerscheinungen; wir werden dieses

»S u b s t a n z p r o b l e m« im zwölften Kapitel eingehend behandeln. Das

zweite unübersteigliche Hindernis der Philosophie soll das Problem des

B e w u ß t s e i n s bilden, die Frage: wie unsere Geistestätigkeit aus materiellen

Bedingungen, bezüglich Bewegungen zu erklären ist, wie die (der Materie und

Kraft zugrunde liegende) »Substanz unter bestimmten Bedingungen empfindet,

begehrt und denkt«.

Wenn man diese vielbesprochene »Ignorabimusrede« unbefangen auf ihren Kern

untersucht, so muß man darin das entschiedene Programm des

m e t h a p h y s i s c h e n D u a l i s m u s finden; die Welt ist »d o p p e l t

unbegreiflich«: einmal die materielle Welt, in welcher »Materie und Kraft« ihr Wesen treiben, und gegenüber, ganz getrennt, die immaterielle Welt des

»Geistes«, in welcher »Denken und Bewußtsein nicht aus materiellen

Bedingungen erklärbar sind«, wie bei der ersteren. Es war ganz naturgemäß, daß

der herrschende Dualismus und Mystizismus diese Anerkennung der zwei

verschiedenen Welten mit Begierde ergriff, um damit die Doppelnatur des

Menschen und die Unsterblichkeit der Seele zu beweisen. Der Jubel der

Spiritualisten darüber war um so heller und berechtigter, als E . D u B o i s -

R e y m o n d bis dahin als ein bedeutender prinzipieller Vertreter des

wissenschaftlichen Materialismus gegolten hatte; und das war und blieb er auch

(trotz seiner »schönen Reden«!), ebenso wie alle anderen sachkundigen, klaren

und k o n s e q u e n t d e n k e n d e n Naturforscher der Gegenwart.

Allerdings hat der Verfasser der Ignorabimusrede am Schlusse derselben kurz

auf die Frage hingewiesen, ob nicht jene beiden gegenüberstehenden

»Welträtsel«, das allgemeine Substanzproblem und das besondere

Bewußtseinsproblem, zusammenfallen. Er sagt: »Freilich ist diese Vorstellung

die einfachste und der vorzuziehen, wonach die Welt doppelt unbegreiflich

erscheint. Aber es liegt in der Natur der Dinge, daß wir auch in diesem Punkte

nicht zur Klarheit kommen, und alles weitere Reden darüber bleibt müßig.« —

Dieser letzteren Ansicht bin ich von Anfang an entschieden entgegengetreten

und habe mich zu zeigen bemüht, daß jene beiden großen Fragen nicht zwei

verschiedene Welträtsel sind. »D a s n e u r o l o g i s c h e P r o b l e m d e s

B e w u ß t s e i n s i s t n u r e i n b e s o n d e r e r F a l l v o n d e m

a l l u m f a s s e n d e n k o s m o l o g i s c h e n P r o b l e m , d e r

S u b s t a n z f r a g e .« (Monismus, 1892, S. 23.)

Physiologie des Bewußtseins. Die eigenartige Naturerscheinung des

Bewußtseins ist nicht, wie D u B o i s - R e y m o n d und mit ihm die

dualistische Philosophie behauptet, ein völlig und »durchaus transzendentes

Problem«; sondern sie ist, wie ich schon seit 1866 behauptet habe, ein

p h y s i o l o g i s c h e s P r o b l e m, und als solches auf die Erscheinungen im

Gebiete der Physik und Chemie zurückzuführen. Ich habe es später noch

bestimmter als ein n e u r o l o g i s c h e s P r o b l e m bezeichnet, auf der

Annahme fußend, daß ein dem menschlichen analoges Bewußtsein nur bei den

höheren Tieren mit stark zentralisiertem Nervensystem zu suchen ist. Mit voller

Sicherheit läßt sich das für die höheren Wirbeltiere behaupten, und vor allem für

die plazentalen Säugetiere, aus deren Stamm das Menschengeschlecht selbst

entsprossen ist. Das Bewußtsein der höchstentwickelten Affen, Hunde,

Elephanten usw. ist von demjenigen des Menschen nur dem Grade, nicht der Art

nach verschieden, und die graduellen Unterschiede im Bewußtsein dieser »vernünftigsten« Zottentiere und der niedersten Menschenrassen (Weddas,

Australneger usw.) sind geringer als die entsprechenden Unterschiede zwischen

diesen letzteren und den höchst entwickelten Vernunftmenschen (S p i n o z a,

G o e t h e, L a m a r c k, D a r w i n usw.). Das Bewußtsein ist mithin nur e i n

T e i l d e r h ö h e r e n S e e l e n t ä t i g k e i t, und als solche abhängig von der

normalen Struktur des betreffenden Seelenorgans, des G e h i r n s.

Physiologische Beobachtung und Experiment haben seit zwanzig Jahren den

sicheren Beweis geführt, daß derjenige engere Bezirk des Säugetiergehirns, den

man in diesem Sinne als O r g a n des Bewußtseins bezeichnet, ein Teil des

G r o ß h i r n s ist, und zwar der spät entstandene »graue Mantel« oder die

»Großhirnrinde«. Aber auch die m o r p h o l o g i s c h e Begründung dieser

physiologischen Erkenntnis ist den bewunderungswürdigen Fortschritten der

m i k r o s k o p i s c h e n G e h i r n a n a t o m i e gelungen, welche wir den

vervollkommneten Forschungsmethoden der neuesten Zeit verdanken.

Wohl die wichtigste von diesen Erkenntnissen ist die Entdeckung der

D e n k o r g a n e durch P a u l F l e c h s i g in Leipzig; er wies 1894 nach, daß in

der grauen Rindenzone des Hirnmantels vier Gebiete der zentralen Sinnesorgane

oder vier »innere Empfindungssphären« liegen, die Körperfühlsphäre im

Scheitellappen, die Riechsphäre im Stirnlappen, die Sehsphäre im

Hinterhauptslappen, die Hörsphäre im Schläfenlappen. Zwischen diesen vier

»S i n n e s h e r d e n« liegen die vier großen »D e n k h e r d e« oder

Assozionszentren, die realen O r g a n e d e s G e i s t e s l e b e n s; sie sind jene

höchsten Werkzeuge der Seelentätigkeit, welche das D e n k e n und das

B e w u ß t s e i n vermitteln: vorn das Stirnhirn oder das frontale

Assozionszentrum, hinten oben das Scheitelhirn oder parietale

Assozionszentrum, hinten unten das Prinzipalhirn oder das »große occipito-

temporale Assozionszentrum« (das wichtigste von allen!) und endlich tief unten,

im Innern versteckt, das Inselhirn oder »die Reilsche Insel«, das insulare

Assozionszentrum. Diese vier Denkherde, durch eigentümliche und höchst

verwickelte Nervenstruktur vor den zwischenliegenden Sinnesherden

ausgezeichnet, sind die wahren »D e n k o r g a n e«, die einzigen Organe unseres

Bewußtseins. In neuester Zeit hat F l e c h s i g nachgewiesen, daß in einem Teile

derselben sich beim Menschen noch ganz besonders verwickelte Strukturen

finden, welche den übrigen Säugetieren fehlen, und welche die Überlegenheit

des menschlichen Bewußtseins erklären.

Pathologie des Bewußtseins. Die bedeutungsvolle Erkenntnis der modernen

Physiologie, daß das Großhirn beim Menschen und den höheren Säugetieren das

Organ des Geisteslebens und des Bewußtseins ist, wird einleuchtend bestätigt durch die Pathologie, durch die Kenntnis seiner E r k r a n k u n g e n. Wenn die

betreffenden Teile der Großhirnrinde durch Krankheit zerstört werden, erlischt

ihre Funktion, und zwar läßt sich hier die L o k a l i s a t i o n der

Gehirnfunktionen sogar partiell nachweisen; wenn einzelne Stellen jenes

Gebietes erkranken, verschwindet auch der Teil des Denkens und des

Bewußtseins, welcher an die betreffende Stelle gebunden ist. Dasselbe Ergebnis

liefert das pathologische Experiment; Zerstörung einer solchen bekannten Stelle

(z. B. im Sprachzentrum) vernichtet deren Funktion (die Sprache). Übrigens

genügt ja der Hinweis auf die bekanntesten alltäglichen Erscheinungen im

Gebiete des Bewußtseins, um die völlige Abhängigkeit desselben von den

c h e m i s c h e n Veränderungen der Gehirnsubstanz zu beweisen. Viele

Genußmittel (Kaffee, Tee) regen unser Denkvermögen an; andere (Wein, Bier)

stimmen unser Gemüt heiter; Moschus und Kampher als »Excitantia« beleben das

erlöschende Bewußtsein; Äther und Chloroform betäuben dasselbe usw. Wie

wäre das alles möglich, wenn das Bewußtsein ein immaterielles Wesen,

unabhängig von jenen anatomisch nachgewiesenen Organen wäre? Und worin

besteht das Bewußtsein der »unsterblichen Seele«, wenn sie nicht mehr jene

Organe besitzt.

Alle diese und andere bekannte Tatsachen beweisen, daß das Bewußtsein beim

Menschen (genau ebenso wie bei den nächstverwandten Säugetieren)

v e r ä n d e r l i c h ist, und daß seine Tätigkeit jederzeit abgeändert werden kann

durch innere Ursachen (Stoffwechsel, Blutkreislauf) und äußere Ursachen

(Verletzung des Gehirns, Reizung usw.). Sehr lehrreich sind auch die

merkwürdigen Zustände des alternierenden oder d o p p e l t e n

B e w u ß t s e i n s; derselbe Mensch zeigt an verschiedenen Tagen, unter

veränderten Umständen, ein ganz verschiedenes Bewußtsein; er weiß heute nicht

mehr, was er gestern getan hat, gestern konnte er sagen: Ich bin ich; — heute

muß er sagen: Ich bin ein anderer. Solche Intermissionen des Bewußtseins

können nicht bloß Tage, sondern Monate und Jahre dauern; sie können selbst

bleibend werden.

Ontogenie des Bewußtseins. Wie jedermann weiß, ist das neugeborene Kind

noch ganz ohne Bewußtsein, und wie P r e y e r gezeigt hat, entwickelt sich

dasselbe erst spät, nachdem das kleine Kind zu sprechen angefangen hat; es

spricht von sich lange Zeit in der dritten Person. Erst in dem bedeutungsvollen

Momente, in welchem es zum ersten Male »Ich« sagt, in welchem das

»I c h g e f ü h l« klar wird, beginnt sein Selbstbewußtsein zu keimen und damit

auch der Gegensatz zur Außenwelt. Die schnellen und tiefgreifenden Fortschritte

der Erkenntnis, welche das Kind durch den Unterricht der Eltern und der Schule in den ersten zehn Lebensjahren macht, und später langsamer im zweiten

Dezennium bis zur vollendeten geistigen Reife, sind eng verknüpft mit

unzähligen Fortschritten im Wachstum und in der Entwickelung des

B e w u ß t s e i n s und mit derjenigen seines Organs, des G e h i r n s. Aber auch,

wenn der Schüler das »Zeugnis der Reife« erlangt hat, ist in Wahrheit sein

Bewußtsein noch lange nicht reif, und jetzt beginnt erst recht, in vielseitiger

Berührung mit der Außenwelt, das »W e l t b e w u ß t s e i n« sich zu entwickeln.

Jetzt erst reift im dritten Dezennium jene volle Ausbildung des vernünftigen

Denkens und damit des Bewußtseins, welche dann bei normaler Entwickelung in

den folgenden drei Jahrzehnten ihre reifen Früchte trägt. Gewöhnlich mit Beginn

des siebenten Dezennium (bald früher, bald später) beginnt dann jene langsame

und allmähliche Rückbildung der höheren Geistestätigkeit, welche das

Greisenalter charakterisiert. Gedächtnis, Rezeptionsfähigkeit und Interesse an

speziellen Objekten nehmen mehr und mehr ab; dagegen bleibt die

Produktionsfähigkeit, das gereifte Bewußtsein und das philosophische Interesse

an allgemeinen Beziehungen oft noch lange erhalten. Die individuelle

Entwickelung des Bewußtseins in früher Jugend beweist die allgemeine Geltung

des B i o g e n e t i s c h e n G r u n d g e s e t z e s; aber auch in späteren Jahren ist

dieselbe noch vielfach erkennbar. Jedenfalls überzeugt uns die Ontogenese des

Bewußtseins aufs klarste von der Tatsache, daß dasselbe kein »immaterielles

Wesen«, sondern eine physiologische Funktion des Gehirns ist, und daß es also

auch keine Ausnahme vom Substanzgesetze bildet.

Phylogenie des Bewußtseins. Die Tatsache, daß das Bewußtsein, gleich allen

anderen Seelentätigkeiten, an die normale Ausbildung bestimmter Organe

gebunden ist, und daß es sich beim Kinde, in Zusammenhang mit diesen

Gehirnorganen, allmählich entwickelt, läßt schon von vornherein schließen, daß

es auch innerhalb der Tierreihe sich stufenweise historisch entwickelt hat. So

sicher wir aber auch eine solche natürliche S t a m m e s g e s c h i c h t e d e s

B e w u ß t s e i n s im Prinzip behaupten müssen, so wenig sind wir doch leider

imstande, tiefer in dieselbe einzudringen und spezielle Hypothesen darüber

aufzustellen. Indessen liefert uns die Paläontologie doch einige interessante

Anhaltspunkte, die nicht ohne Bedeutung sind. Auffallend ist z. B. die

bedeutende, quantitative und qualitative Entwickelung des Gehirns der

plazentalen Säugetiere innerhalb der T e r t i ä r z e i t. An vielen fossilen

Schädeln derselben ist die innere Schädelhöhle genau bekannt und liefert uns

sichere Aufschlüsse über die Größe und teilweise auch über den Bau des davon

umschlossenen Gehirns. Da zeigt sich denn innerhalb einer und derselben

Legion (z. B. der Huftiere, der Raubtiere, der Herrentiere) ein gewaltiger

Fortschritt von den älteren eozänen und oligozänen zu den jüngeren miozänen und pliozänen Vertretern desselben Stammes; bei den letzteren ist das Gehirn

(im Verhältnis zur Körpergröße) 6-8 mal so groß als bei den ersteren.

Auch jene höchste Entwickelungsstufe des Bewußtseins, welche nur der

K u l t u r m e n s c h erreicht, hat sich erst allmählich und stufenweise — eben

durch den Fortschritt der Kultur selbst — aus niederen Zuständen entwickelt,

wie wir sie noch heute bei primitiven Naturvölkern antreffen. Das zeigt uns

schon die Vergleichung ihrer S p r a c h e n, welche mit derjenigen der

B e g r i f f e eng verknüpft ist. Je höher sich beim denkenden Kulturmenschen

die Begriffsbildung entwickelt, je mehr er fähig wird, aus zahlreichen

verschiedenen Einzelheiten die gemeinsamen Merkmale zusammenzufassen und

unter allgemeine Begriffe zu bringen, desto klarer und tiefer wird damit sein

Bewußtsein.