Die Welträtsel
Erstes Kapitel. Stellung der Welträtsel.
E r s t e s K a p i t e l.
Stellung der Welträtsel.
Allgemeines Kulturbild des neunzehnten Jahrhunderts. Der Kampf der
Weltanschauungen. Monismus und Dualismus.
Am Schlusse des neunzehnten Jahrhunderts bietet sich dem denkenden
Beobachter eines der merkwürdigsten Schauspiele dar. Alle Gebildeten sind
darüber einig, daß dieses großartige Jahrhundert in vieler Beziehung alle seine
Vorgänger unendlich überflügelt und Aufgaben gelöst hat, die in seinem
Anfange unlösbar erschienen. Die überraschenden theoretischen Fortschritte in
der Naturerkenntnis und ihre fruchtbare praktische Verwertung in Technik,
Industrie, Verkehr usw. haben unserem modernen Kulturleben ein völlig neues
Gepräge gegeben. Dagegen haben wir auf wichtigen Gebieten des geistigen
Lebens und der Gesellschafts-Beziehungen wenige oder gar keine Fortschritte
gegen frühere Jahrhunderte aufzuweisen, vielfach sogar leider bedenkliche
Rückschritte. Aus diesem offenkundigen Zwiespalt entspringt nicht nur ein
unbehagliches Gefühl innerer Zerrissenheit und Unwahrheit, sondern auch die
Gefahr schwerer Katastrophen auf politischem und sozialem Gebiete. Es ist
daher nicht nur das gute Recht, sondern auch die heilige Pflicht jedes ehrlichen
und von Menschenliebe beseelten Forschers, nach bestem Wissen zur
Aufhebung jenes Zwiespaltes und zur Vermeidung der daraus entspringenden
Gefahren beizutragen. Dies kann aber nach unserer Überzeugung nur durch
mutiges Streben nach E r k e n n t n i s d e r W a h r h e i t geschehen und durch
Gewinnung einer klaren, fest gegründeten, n a t u r g e m ä ß e n
W e l t a n s c h a u u n g.
Fortschritte der Naturerkenntnis. Wenn wir uns den unvollkommenen
Zustand der Naturerkenntnis im Anfang des 19. Jahrhunderts vergegenwärtigen
und ihn mit der glänzenden Höhe an dessen Schlusse vergleichen, so muß jedem
Sachkundigen der Fortschritt erstaunlich groß erscheinen. Jeder einzelne Zweig
der Naturwissenschaft darf sich rühmen, daß er innerhalb dieses Jahrhunderts
Gewinne von größter Tragweite erzielt habe. In der mikroskopischen Kenntnis
des Kleinsten wie in der teleskopischen Erforschung des Größten haben wir
unschätzbare Einsichten gewonnen, die noch vor hundert Jahren undenkbar
erschienen. Verbesserte Untersuchungsmethoden haben uns im Reiche der einzelligen Lebewesen eine »unsichtbare Welt« voll unendlichen
Formenreichtums offenbart, sowie in der winzigen kleinen Zelle den
gemeinsamen »Elementar-Organismus« kennen gelehrt, aus dessen sozialen
Zellverbänden, den Geweben, der Körper aller vielzelligen Pflanzen und Tiere
ebenso wie der des Menschen zusammengesetzt ist. Diese anatomischen
Kenntnisse sind von größter Tragweite; sie werden ergänzt durch den
embryologischen Nachweis, daß jeder höhere vielzellige Organismus sich aus
einer einzigen einfachen Zelle entwickelt, der »befruchteten Eizelle«. Die
bedeutungsvolle, hierauf gegründete Z e l l e n t h e o r i e hat uns erst das wahre
Verständnis für die geheimnisvollen Lebenserscheinungen eröffnet, zu deren
Erklärung man früher eine übernatürliche »Lebenskraft« oder ein »unsterbliches
Seelenwesen« annahm. Auch das eigentliche Wesen der Krankheit ist dem Arzte
erst durch die damit verknüpfte Zellularpathologie klar und verständlich
geworden.
Nicht minder gewaltig sind aber die Entdeckungen des 19. Jahrhunderts im
Bereiche der anorganischen Natur. Die Physik hat in allen Teilen ihres Gebietes
die erstaunlichsten Fortschritte gemacht; und was wichtiger ist, sie hat die
E i n h e i t d e r N a t u r k r ä f t e im ganzen Universum nachgewiesen. Die
mechanische Wärmetheorie hat gezeigt, wie eng dieselben zusammenhängen
und wie jede unter bestimmten Bedingungen sich direkt in die andere
verwandeln kann. Die Spektralanalyse hat uns gelehrt, daß dieselben Stoffe,
welche unseren Erdkörper und seine lebendigen Bewohner aufbauen, auch die
Masse der übrigen Planeten, der Sonne und der entferntesten Fixsterne
zusammensetzen. Die Astrophysik hat unsere Weltanschauung im großartigsten
Maßstabe erweitert, indem sie uns im unendlichen Weltraum Millionen von
kreisenden Weltkörpern nachgewiesen hat, größer als unsere Erde, und gleich
dieser in beständiger Umbildung begriffen, in einem ewigen Wechsel von
»Werden und Vergehen«. Die Chemie hat uns mit einer Menge von neuen, früher
unbekannten Stoffen bekannt gemacht, die alle aus Verbindungen von wenigen
unzerlegbaren Elementen (ungefähr achtzig) bestehen. Sie hat gezeigt, daß eines
von diesen Elementen, der Kohlenstoff, der wunderbare Körper ist, welcher die
Bildung der unendlich mannigfaltigen organischen Verbindungen bewirkt und
somit die »chemische Basis des Lebens« darstellt. Alle einzelnen Fortschritte der
Physik und Chemie stehen jedoch an theoretischer Bedeutung der Erkenntnis des
gewaltigen Gesetzes nach, welches alle in einem gemeinsamen Brennpunkt
vereinigt, des S u b s t a n z g e s e t z e s. Indem dieses »k o s m o l o g i s c h e
G r u n d g e s e t z« die ewige Erhaltung der Kraft und des Stoffes, die allgemeine
Konstanz der Energie und der Materie im ganzen Weltall nachweist, ist es der
sichere Leitstern geworden, der unsere monistische Philosophie durch das gewaltige Labyrinth der Welträtsel zu deren Lösung führt.
Da es unsere Aufgabe sein wird, in den folgenden Kapiteln eine allgemeine
Übersicht über den jetzigen Stand unserer Naturerkenntnis und über ihre
Fortschritte in unserem Jahrhundert zu gewinnen, wollen wir hier nicht weiter
auf eine Musterung der einzelnen Gebiete eingehen. Nur einen größten
Fortschritt wollen wir noch hervorheben, der dem Substanzgesetz ebenbürtig ist
und der es ergänzt: die Begründung der E n t w i c k e l u n g s l e h r e. Zwar
haben einzelne denkende Forscher schon seit Jahrtausenden von
»E n t w i c k e l u n g« der Dinge gesprochen; daß aber dieser Begriff das
U n i v e r s u m beherrscht, und daß die Welt selbst weiter nichts ist als eine
ewige »Entwickelung der Substanz«, dieser gewaltige Gedanke ist ein Kind des
19. Jahrhunderts. Erst in seiner zweiten Hälfte gelangte er zu voller Klarheit und
zu allgemeiner Anwendung. Das unsterbliche Verdienst, diesen höchsten
philosophischen Begriff empirisch begründet und zu umfassender Geltung
gebracht zu haben, gebührt dem großen englischen Naturforscher C h a r l e s
D a r w i n; er legte 1859 den festen Grund für jene Abstammungslehre, welche
der geniale französische Naturphilosoph J e a n L a m a r c k schon 1809 in ihren
Hauptzügen erkannt, und deren Grundgedanken unser größter deutscher Dichter
und Denker, W o l f g a n g G o e t h e, schon 1790 prophetisch erfaßt hatte.
Damit wurde uns zugleich der Schlüssel zur »Frage aller Fragen« geschenkt, zu
dem großen Welträtsel von der »Stellung des Menschen in der Natur« und von
seiner natürlichen Entstehung. Wenn wir heute imstande sind, die Herrschaft des
E n t w i c k e l u n g s g e s e t z e s im Gesamtgebiete der Natur klar zu erkennen
und sie in Verbindung mit dem S u b s t a n z g e s e t z e zur einheitlichen
Erklärung aller Naturerscheinungen zu benutzen, so verdanken wir dies in erster
Linie jenen drei genialen, weitblickenden Naturphilosophen, drei Sternen erster
Größe unter allen anderen großen Männern des neunzehnten Jahrhunderts.
Diesen erstaunlichen Fortschritten unserer t h e o r e t i s c h e n Naturerkenntnis
entspricht deren mannigfaltige p r a k t i s c h e Anwendung auf allen Gebieten
des menschlichen Kulturlebens. Wenn wir heute im »Zeitalter des Verkehrs«
stehen, wenn der internationale Handel und das Reisen eine früher nicht geahnte
Bedeutung erlangt haben, wenn wir mittels Telegraph und Telephon die
Schranken von Raum und Zeit überwunden haben, so verdanken wir das in
erster Linie den Fortschritten der technischen Physik, besonders in der
Anwendung der Dampfkraft und der Elektrizität. Wenn wir durch die
Photographie das Sonnenlicht zwingen, uns in einem Augenblick naturgetreue
Bilder von jedem beliebigen Gegenstande zu verschaffen, wenn wir in der
Landwirtschaft und in den verschiedensten Gewerben erstaunliche praktische Fortschritte gemacht haben, wenn wir in der Medizin durch Chloroform und
Morphium, durch antiseptische und Serumtherapie die Leiden der Menschheit
unendlich gemildert haben, so verdanken wir dies der angewandten Chemie.
Durch diese und andere Erfindungen der Technik haben wir alle früheren
Jahrhunderte weit überflügelt.
Fortschritte der sozialen Einrichtungen. So dürfen wir heute mit gerechtem
Stolze auf die gewaltigen Fortschritte des 19. Jahrhunderts in der
Naturerkenntnis und deren praktische Verwertung zurückblicken. Leider bietet
sich uns ein ganz anderes und wenig erfreuliches Bild, wenn wir andere, nicht
minder wichtige Gebiete des modernen Kulturlebens ins Auge fassen. Zu
unserem Bedauern müssen wir da den Satz von A l f r e d W a l l a c e
unterschreiben: »Verglichen mit unseren erstaunlichen Fortschritten in den
physikalischen Wissenschaften und ihrer praktischen Anwendung, bleibt unser
System der Regierung, der administrativen Justiz, der Nationalerziehung und
unsere ganze soziale und moralische Organisation in einem Z u s t a n d e d e r
B a r b a r e i.« Um uns von der Wahrheit dieser schweren Vorwürfe zu
überzeugen, brauchen wir nur einen unbefangenen Blick in unser öffentliches
Leben zu werfen, oder in den Spiegel zu blicken, den uns täglich unsere Zeitung,
als das Organ der öffentlichen Meinung, vorhält.
Unsere Rechtspflege. Beginnen wir unsere Rundschau mit der Justiz, dem
»Fundamentum regnorum«. Niemand wird behaupten können, daß deren heutiger
Zustand mit unserer fortgeschrittenen Erkenntnis des Menschen und der Welt in
Einklang sei. Keine Woche vergeht, in der wir nicht von richterlichen Urteilen
lesen, welche dem gesunden Menschenverstand widersprechen; viele
Entscheidungen unserer höheren und niederen Gerichtshöfe erscheinen geradezu
unbegreiflich. Wir sehen ganz davon ab, daß in vielen modernen Staaten — trotz
der auf Papier gedruckten Verfassung — noch tatsächlich der Absolutismus
herrscht und daß manche »Männer des Rechts« nicht nach ehrlicher
Überzeugung urteilen, sondern entsprechend dem »höheren Wunsche von
maßgebender Stelle«. Wir nehmen vielmehr an, daß die meisten Richter und
Staatsanwälte nach bestem Gewissen urteilen und nur menschlich irren. Dann
erklären sich wohl die meisten Irrtümer durch mangelhafte Vorbildung und
durch die veraltete Gesetzgebung. Freilich herrscht vielfach die Ansicht, daß
gerade die Juristen die höchste Bildung besitzen; gerade sie werden bei der
Besetzung der verschiedensten Ämter vorgezogen. Allein diese vielgerühmte
»juristische Bildung« ist größtenteils eine rein f o r m a l e, keine reale. Den
menschlichen Organismus und seine wichtigste Funktion, die Seele, lernen
unsere Juristen nur oberflächlich kennen; das beweisen z. B. die wunderlichen Ansichten über »Willensfreiheit, Verantwortung« usw., denen wir täglich
begegnen. Den meisten Studierenden der Jurisprudenz fällt es gar nicht ein, sich
um A n t h r o p o l o g i e , P s y c h o l o g i e und
E n t w i c k e l u n g s g e s c h i c h t e zu bekümmern, die ersten Vorbedingungen
für richtige Beurteilung des Menschenwesens. Freilich bleibt dazu auch »keine
Zeit«; diese wird leider nur zu sehr durch das gründliche Studium von Bier und
Wein in Anspruch genommen, sowie das »veredelnde« Mensurenwesen; der
Rest der kostbaren Studienzeit aber ist notwendig, um die Hunderte von
Paragraphen der Gesetzbücher zu erlernen, deren Kenntnis den Juristen zu allen
möglichen Stellungen im heutigen Kulturstaate befähigt.
Unsere Staatsordnung. Das leidige Gebiet der Politik wollen wir hier nur ganz
flüchtig streifen. Die unerfreulichen Zustände des modernen Staatslebens sind ja
allbekannt und jedermann täglich fühlbar. Zum großen Teile erklären sich deren
Mängel daraus, daß die meisten Staatsbeamten eben Juristen sind, Männer von
hoher formaler Bildung, aber ohne jene gründliche Kenntnis der Menschennatur,
die nur durch vergleichende Anthropologie und Psychologie erworben werden
kann. »Bau und Leben des sozialen Körpers«, d. h. des S t a a t e s, lernen wir nur
dann richtig verstehen, wenn wir naturwissenschaftliche Kenntnis vom »Bau und
Leben« der P e r s o n e n besitzen, welche den Staat zusammensetzen, und der
Z e l l e n, welche jene Personen zusammensetzen. Wenn unsere »Staatslenker«
und »Volksvertreter« diese u n s c h ä t z b a r e n b i o l o g i s c h e n und
a n t h r o p o l o g i s c h e n Vo r k e n n t n i s s e besäßen, so würde unmöglich in
den Zeitungen täglich jene entsetzliche Fülle von soziologischen Irrtümern und
von politischer Kannegießerei zu lesen sein, welche unsere Parlamentsberichte
und auch viele Regierungserlasse nicht gerade erfreulich auszeichnen. Am
meisten zu beklagen ist es, daß der moderne K u l t u r s t a a t sich der
kulturfeindlichen K i r c h e in die Arme wirft, und daß der bornierte Egoismus
der Parteien, die Verblendung der kurzsichtigen Parteiführer die Hierarchie
unterstützt. Dadurch entstehen so traurige Bilder, wie sie uns am Schlusse des
19. Jahrhunderts der Deutsche Reichstag vor Augen führte: die Geschicke des
gebildeten deutschen Volkes in der Hand des ultramontanen Zentrums, unter der
Leitung des römischen Papismus, der sein ärgster und gefährlichster Feind ist.
Statt Recht und Vernunft regiert Aberglaube und Verdummung. Unsere
Staatsordnung kann nur dann besser werden, wenn sie sich von den Fesseln der
Kirche befreit und wenn sie durch allgemeine n a t u r w i s s e n s c h a f t l i c h e
B i l d u n g die Welt- und Menschenkenntnis der Staatsbürger auf eine höhere
Stufe hebt. Dabei kommt es gar nicht auf die besondere S t a a t s f o r m an. Ob
Monarchie oder Republik, ob aristokratische oder demokratische Verfassung, das
sind untergeordnete Fragen gegenüber der großen Hauptfrage: Soll der moderne Kulturstaat geistlich oder weltlich sein? Soll er t h e o k r a t i s c h, durch
unvernünftige Glaubenssätze und klerikale Willkür, oder soll er
n o m o k r a t i s c h, durch vernünftige Gesetze und bürgerliches Recht geleitet
werden?
Unsere Schule. Ebenso wie unsere Rechtspflege und Staatsordnung entspricht
auch unsere Jugenderziehung durchaus nicht den Anforderungen, welche die
wissenschaftlichen Fortschritte des 19. Jahrhunderts an die moderne Bildung
stellen. Die N a t u r w i s s e n s c h a f t, die alle anderen Wissenschaften so weit
überflügelt und welche, bei Licht betrachtet, auch alle sogenannten
Geisteswissenschaften in sich aufgenommen hat, wird in unseren Schulen immer
noch als Aschenbrödel in die Ecke gestellt. Unseren meisten Lehrern erscheint
immer noch als Hauptaufgabe jene tote Gelehrsamkeit, die aus den
Klosterschulen des Mittelalters übernommen ist; im Vordergrunde steht der
grammatikalische Sport und die zeitraubende »gründliche Kenntnis« der
klassischen Sprachen, sowie der äußerlichen Völkergeschichte. Die Sittenlehre,
der wichtigste Gegenstand der praktischen Philosophie, wird vernachlässigt und
an ihre Stelle die kirchliche Konfession gesetzt. Der Glaube soll dem Wissen
vorangehen; nicht jener wissenschaftliche Glaube, welcher uns zu einer
monistischen Religion führt, sondern jener unvernünftige Aberglaube, der die
Grundlage eines verunstalteten Christentums bildet. Während die großartigen
Erkenntnisse der modernen Kosmologie und Anthropologie, der heutigen
Biologie und Entwickelungslehre auf unseren höheren Schulen gar keine oder
nur ganz ungenügende Verwertung finden, wird das Gedächtnis mit einer
Unmasse von philologischen und historischen Tatsachen überladen, die weder
für die Geistesbildung, noch für das praktische Leben von Nutzen sind. Auch die
veralteten Einrichtungen und Fakultätsverhältnisse der Universitäten entsprechen
der heutigen Entwickelungsstufe der natürlichen Weltanschauung ebensowenig
wie der Unterricht in den Gymnasien und in den niederen Schulen.
Unsere Kirche. Im schärfsten Gegensatze zu der modernen Bildung und zu
deren Grundlage, der vorgeschrittenen Naturerkenntnis, steht unstreitig die
Kirche. Wir wollen hier garnicht vom ultramontanen Papismus sprechen, oder
von den orthodoxen evangelischen Richtungen, welche diesem in bezug auf
krassesten Aberglauben und Unkenntnis der Wirklichkeit nichts nachgeben.
Vielmehr versetzen wir uns in die Predigt eines liberalen protestantischen
Pfarrers, der gute Durchschnittsbildung besitzt und der Vernunft neben dem
Glauben ihr gutes Recht einräumt. Da hören wir neben vortrefflichen
Sittenlehren, die mit unserer monistischen Ethik (im 19. Kapitel) vollkommen
harmonieren, Vorstellungen über das Wesen von Gott und Welt, von Mensch und Leben, welche allen Erkenntnissen der Naturforschung direkt widersprechen. Es
ist kein Wunder, wenn Techniker und Chemiker, Ärzte und Philosophen, die
gründlich über die Natur beobachtet und nachgedacht haben, solchen Predigten
kein Gehör schenken wollen. Es fehlt eben unseren Theologen und Philologen,
ebenso wie unseren Politikern und Juristen, an jener u n e n t b e h r l i c h e n
N a t u r e r k e n n t n i s, auf welche sich die monistische Entwickelungslehre
gründet.
Konflikt zwischen Vernunft und Dogma. Aus diesen bedauerlichen
Gegensätzen ergeben sich für unser modernes Kulturleben schwere Konflikte,
deren Gefahr dringend zur Beseitigung auffordert. Unsere heutige Bildung
verlangt ihr gutes Recht auf allen Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens;
sie wünscht die Menschheit mittels der Ve r n u n f t auf jene höhere Stufe der
Erkenntnis und damit zugleich auf jenen besseren Weg zum Glück erhoben zu
sehen, welche wir unserer hoch entwickelten Naturwissenschaft verdanken.
Dagegen sträuben sich mit aller Macht diejenigen einflußreichen Kreise, welche
unsere Geistesbildung in den überwundenen Anschauungen des Mittelalters
zurückhalten wollen; sie verharren im Banne der traditionellen D o g m e n und
verlangen, daß die Vernunft sich unter diese »höhere Offenbarung« beuge. Das
ist der Fall in weiten Kreisen der Theologie und Philologie, der Soziologie und
Jurisprudenz. Diese Rückständigkeit beruht zum größten Teile gewiß nicht auf
eigennützigem Streben, sondern teils auf Unkenntnis der realen Tatsachen, teils
auf der bequemen Gewohnheit der Tradition. Die gefährlichste Feindin der
Vernunft und Wissenschaft ist nicht die Bosheit, sondern die Unwissenheit und
vielleicht noch mehr die Trägheit. Gegen diese beiden Mächte kämpfen die
Götter selbst dann noch vergebens, wenn sie die erstere glücklich überwunden
haben.
Anthropismus. Eine der mächtigsten Stützen gewährt jener rückständigen
Weltanschauung der A n t h r o p i s m u s oder die »Ve r m e n s c h l i c h u n g«.
Unter diesem Begriffe verstehe ich jenen mächtigen und weit verbreiteten
Komplex von irrtümlichen Vorstellungen, welcher den menschlichen
Organismus in Gegensatz zu der ganzen übrigen Natur stellt, ihn als
vorbedachtes Endziel der organischen Schöpfung und als ein von dieser
verschiedenes, gottähnliches Wesen auffaßt. Bei genauerer Kritik dieses
einflußreichen Vorstellungskreises ergibt sich, daß er eigentlich aus drei
verschiedenen Dogmen besteht, die wir als den a n t h r o p o z e n t r i s c h e n ,
a n t h r o p o m o r p h i s c h e n und a n t h r o p o l a t r i s c h e n Irrtum
unterscheiden. I. Das a n t h r o p o z e n t r i s c h e D o g m a ruht auf der
Vorstellung, daß der Mensch der vorbedachte Mittelpunkt und Endzweck alles Erdenlebens — oder in weiterer Fassung der ganzen Welt — sei. Da dieser
Irrtum dem menschlichen Eigendünkel äußerst erwünscht, und da er mit den
Schöpfungsmythen und mit den Dogmen der m o s a i s c h e n ,
c h r i s t l i c h e n und m o h a m m e d a n i s c h e n Religion innig verwachsen ist,
beherrscht er auch heute noch den größten Teil der Kulturwelt. — II. Das
a n t h r o p o m o r p h i s c h e D o g m a knüpft ebenfalls an die
Schöpfungssagen der drei genannten, sowie vieler anderen Religionen an. Es
vergleicht die Weltschöpfung und Weltregierung Gottes mit den
Kunstschöpfungen eines sinnreichen Technikers und mit der Staatsregierung
eines weisen Herrschers. »Gott der Herr« als Schöpfer, Erhalter und Regierer der
Welt wird dabei in seinem Denken und Handeln durchaus menschenähnlich
vorgestellt. Daraus folgt dann wieder umgekehrt, daß der Mensch gottähnlich ist.
»Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde.« Die ältere naive Mythologie
verleiht ihren Göttern Menschengestalt, Fleisch und Blut. Weniger
materialistisch sind die Vorstellungen der neueren mystischen Theosophie,
welche den persönlichen Gott als »unsichtbares« Wesen verehrt und ihn doch
gleichzeitig nach Menschenart denken, sprechen und handeln läßt. — III. Das
a n t h r o p o l a t r i s c h e D o g m a ergibt sich aus dieser Vergleichung der
menschlichen und göttlichen Seelentätigkeit von selbst; es führt zu der göttlichen
Ve r e h r u n g des menschlichen Organismus, zum »anthropistischen
Größenwahn«. Daraus folgt wieder der hochgeschätzte »Glaube an die
persönliche Unsterblichkeit der Seele«, sowie das dualistische Dogma von der
Doppelnatur des Menschen, dessen »unsterbliche Seele« den sterblichen Körper
nur zeitweise bewohnt. Diese drei anthropistischen Dogmen, mannigfach
ausgebildet und der wechselnden Glaubensform der verschiedenen Religionen
angepaßt, wurden zur Quelle der gefährlichsten Irrtümer. Die
a n t h r o p i s t i s c h e W e l t a n s c h a u u n g, die daraus entsprang, steht in
unversöhnlichem Gegensatz zu unserer monistischen Naturerkenntnis; sie wird
zunächst schon durch deren kosmologische Perspektive widerlegt.
Kosmologische Perspektive. Die Unhaltbarkeit dieser drei anthropistischen
Dogmen, wie auch vieler anderer Anschauungen der dualistischen Philosophie
und der orthodoxen Religion, offenbart sich, sobald wir sie aus der
k o s m o l o g i s c h e n P e r s p e k t i v e unseres Monismus kritisch betrachten.
Wir verstehen darunter jene umfassende A n s c h a u u n g d e s
W e l t g a n z e n, welche uns der höchste Standpunkt der monistischen
Naturerkenntnis gewährt. Da überzeugen wir uns von der Wahrheit der
folgenden wichtigen »k o s m o l o g i s c h e n L e h r s ä t z e«:
1. Das Weltall (Universum oder Kosmos) ist ewig, unendlich und unbegrenzt. 2. Die Substanz desselben mit ihren beiden Attributen (Materie und Energie)
erfüllt den unendlichen Raum und befindet sich in ewiger Bewegung. 3. Diese
Bewegung verläuft in der unendlichen Zeit als eine einheitliche Entwickelung,
mit periodischem Wechsel von Werden und Vergehen, von Fortbildung und
Rückbildung. 4. Die unzähligen Weltkörper, welche im raumerfüllenden Äther
verteilt sind, unterliegen sämtlich dem Substanzgesetz. 5. Unsere Sonne ist einer
von diesen unzähligen vergänglichen Weltkörpern, und unsere Erde ist einer von
den zahlreichen vergänglichen Planeten, welche diese umkreisen. 6. Unsere Erde
hat einen langen Abkühlungsprozeß durchgemacht, ehe auf derselben tropfbar
flüssiges Wasser und damit die erste Vorbedingung organischen Lebens
entstehen konnte. 7. Der darauf folgende biogenetische Prozeß, die langsame
Entwickelung und Umbildung zahlloser organischer Formen, hat viele Millionen
Jahre (weit über hundert!) in Anspruch genommen. 8. Unter den verschiedenen
Tierstämmen, welche sich im späteren Verlaufe des biogenetischen Prozesses auf
unserer Erde entwickelten, hat der Stamm der Wirbeltiere im Wettlaufe der
Entwickelung neuerdings alle anderen weit überflügelt. 9. Als der bedeutendste
Zweig des Wirbeltierstammes hat sich erst spät (während der Triasperiode) aus
Amphibien die Klasse der Säugetiere entwickelt. 10. Der vollkommenste und
höchst entwickelte Zweig dieser Klasse ist die Ordnung der Herrentiere oder
Primaten, die erst im Beginne der Tertiärzeit durch Umbildung aus niedersten
Zottentieren entstanden ist. 11. Das jüngste und vollkommenste Ästchen des
Primatenzweiges ist der Mensch, der erst in späterer Tertiärzeit aus einer Reihe
von Menschenaffen hervorging. 12. Demnach ist die sogenannte
»Weltgeschichte« eine verschwindend kurze Episode in dem langen Verlaufe der
organischen Erdgeschichte, ebenso wie diese selbst ein kleines Stück von der
Geschichte unseres Planetensystems; und wie unsere Mutter Erde ein
vergängliches Sonnenstäubchen im unendlichen Weltall, so ist der einzelne
Mensch eine vorübergehende Erscheinung in der vergänglichen organischen
Natur.
Nichts scheint mir geeigneter als diese großartige k o s m o l o g i s c h e
P e r s p e k t i v e, um von vornherein den richtigen Maßstab und den
weitsichtigen Standpunkt festzusetzen, welchen wir zur Lösung der Welträtsel
einhalten müssen. Denn dadurch wird nicht nur die maßgebende »Stellung des
Menschen in der Natur« klar bezeichnet, sondern auch der herrschende
a n t h r o p i s t i s c h e G r ö ß e n w a h n widerlegt, die Anmaßung, mit welcher
der Mensch sich dem unendlichen Universum gegenüberstellt und als
wichtigsten Teil des Weltalls verherrlicht. Diese grenzenlose Selbstüberhebung
des eiteln Menschen hat ihn dazu verführt, sich als »Ebenbild Gottes« zu
betrachten, für seine vergängliche Person ein »ewiges Leben« in Anspruch zu nehmen und sich einzubilden, daß er unbeschränkte »Freiheit des Willens«
besitzt. Der lächerliche Cäsarenwahn des Caligula ist eine spezielle Form dieser
hochmütigen Selbstvergötterung des Menschen. Erst wenn wir diesen
unhaltbaren Größenwahn aufgeben und die naturgemäße kosmologische
Perspektive einnehmen, können wir zur Lösung der »Welträtsel« gelangen.
Zahl der Welträtsel. Der ungebildete Kulturmensch ist noch ebenso wie der
rohe Naturmensch auf Schritt und Tritt von unzähligen Welträtseln umgeben. Je
weiter die Kultur fortschreitet und die Wissenschaft sich entwickelt, desto mehr
wird ihre Zahl beschränkt. Die m o n i s t i s c h e P h i l o s o p h i e wird
schließlich nur ein einziges, allumfassendes Welträtsel anerkennen, das
»S u b s t a n z p r o b l e m«. In der berühmten Rede, welche E m i l d u B o i s -
R e y m o n d 1880 in der Leibniz-Sitzung der Berliner Akademie der
Wissenschaften hielt, unterscheidet er »s i e b e n W e l t r ä t s e l«; er führt
dieselben in nachstehender Reihenfolge auf: I. das Wesen von Materie und Kraft,
II. der Ursprung der Bewegung, III. die erste Entstehung des Lebens, IV. die
(anscheinend absichtsvoll) zweckmäßige Einrichtung der Natur, V. das Entstehen
der einfachen Sinnesempfindung und des Bewußtseins, VI. das vernünftige
Denken und der Ursprung der damit eng verbundenen Sprache, VII. die Frage
nach der Willensfreiheit. Von diesen sieben Welträtseln erklärt der Rhetor der
Berliner Akademie d r e i für ganz transzendent und unlösbar (das erste, zweite
und fünfte); d r e i andere hält er zwar für schwierig, aber für lösbar (das dritte,
vierte und sechste); bezüglich des siebenten und letzten »Welträtsels«, welches
praktisch das wichtigste ist, nämlich der Willensfreiheit, verhält er sich
unentschieden.
Nach meiner Ansicht werden die drei »transzendenten« Rätsel (I, II, V) durch
unsere Auffassung der S u b s t a n z erledigt (Kapitel 12); die drei anderen,
schwierigen, aber lösbaren Probleme (III, IV, VI) sind durch unsere moderne
E n t w i c k e l u n g s l e h r e endgültig gelöst; das siebente und letzte Welträtsel,
die Willensfreiheit, ist gar kein Objekt kritischer wissenschaftlicher Erklärung,
da sie als reines D o g m a auf bloßer Täuschung beruht und in Wirklichkeit gar
nicht existiert.
Lösung der Welträtsel. Die Mittel und Wege zur Lösung der Welträtsel sind
diejenigen der reinen wissenschaftlichen Erkenntnis überhaupt: E r f a h r u n g
und S c h l u ß f o l g e r u n g. Die wissenschaftliche Erfahrung erwerben wir uns
durch Beobachtung und Experiment, wobei in erster Linie unsere Sinnesorgane,
in zweiter die »inneren Sinnesherde« unserer Großhirnrinde tätig sind. Die
mikroskopischen Elementarorgane der ersteren sind die Sinneszellen, die der
letzteren Gruppen von Ganglienzellen. Die Erfahrungen, welche wir von der Außenwelt durch diese unschätzbarsten Organe unseres Geisteslebens erhalten
haben, werden dann durch andere Gehirnteile in Vorstellungen umgesetzt und
diese wiederum durch Assoziation zu Schlüssen verknüpft. Die Bildung dieser
Schlußfolgerungen erfolgt auf zwei verschiedenen Wegen, die nach meiner
Überzeugung gleich wertvoll und unentbehrlich sind: I n d u k t i o n u n d
D e d u k t i o n. Die weiteren verwickelten Gehirnoperationen, die Bildung von
zusammenhängenden Kettenschlüssen, die Abstraktion und Begriffsbildung, die
Ergänzung des erkennenden Verstandes durch die plastische Phantasie,
schließlich das Bewußtsein, das Denken und Philosophieren, sind ebenso
Funktionen der Ganglienzellen der Großhirnrinde wie die vorhergehenden
einfacheren Seelentätigkeiten. Alle zusammen vereinigen wir in dem höchsten
Begriffe der Ve r n u n f t.
Vernunft, Gemüt und Offenbarung. Durch die Vernunft allein können wir zur
wahren Naturerkenntnis und zur Lösung der Welträtsel gelangen. Indessen hat
die Vernunft ihren hohen Wert erst durch die fortschreitende Kultur und
Geistesbildung, durch die Entwickelung der W i s s e n s c h a f t erhalten. Der
ungebildete Mensch und der rohe Naturmensch sind ebensowenig (oder
ebensosehr) »vernünftig« wie die nächstverwandten Säugetiere (Affen, Hunde,
Elefanten usw.). Nun ist noch heute in weiten Kreisen die Ansicht verbreitet, daß
es außer der Vernunft noch zwei weitere (ja sogar wichtigere!) Erkenntniswege
gebe: Gemüt und Offenbarung. Diesem gefährlichen Irrtum müssen wir
entschieden entgegentreten. D a s G e m ü t h a t m i t d e r E r k e n n t n i s
d e r W a h r h e i t g a r n i c h t s z u t u n . Was wir »Gemüt« nennen und
hochschätzen, ist eine verwickelte Tätigkeit des Gehirns, welche sich aus
Gefühlen der Lust und Unlust, aus Vorstellungen der Zuneigung und Abneigung,
aus Strebungen des Begehrens und Fliehens zusammensetzt. Dabei können die
verschiedensten anderen Tätigkeiten des Organismus mitspielen, Bedürfnisse der
Sinne und der Muskeln, des Magens und der Geschlechtsorgane usw. Die
Erkenntnis der Wahrheit fördern alle diese Gemütszustände und
Gemütsbewegungen in keiner Weise; im Gegenteil stören sie oft die allein dazu
befähigte Vernunft. Noch kein »Welträtsel« ist durch die Gehirnfunktion des
Gemüts gelöst oder auch nur gefördert worden. Dasselbe gilt aber auch von der
sogenannten »O f f e n b a r u n g« und den angeblichen, dadurch erreichten
»G l a u b e n s w a h r h e i t e n«; diese beruhen sämtlich auf bewußter oder
unbewußter Täuschung (vergl. das 16. Kapitel).
Philosophie und Naturwissenschaft. Als einen der erfreulichsten Fortschritte
zur Lösung der Welträtsel müssen wir es begrüßen, daß in neuerer Zeit immer
mehr die beiden einzigen dazu führenden Wege: E r f a h r u n g u n d D e n k e n (oder E m p i r i e u n d S p e k u l a t i o n) als gleichberechtigte und
sich gegenseitig ergänzende Erkenntnismethoden anerkannt worden sind. Die
Philosophen haben allmählich eingesehen, daß die reine Spekulation zur wahren
Erkenntnis nicht ausreicht. Und ebenso haben sich anderseits die Naturforscher
überzeugt, daß die bloße Erfahrung für die Bildung einer realen Weltanschauung
ungenügend ist. Die zwei großen Erkenntniswege, die sinnliche Erfahrung und
das vernünftige Denken, sind z w e i v e r s c h i e d e n e
G e h i r n f u n k t i o n e n; die erstere wird durch die Sinnesorgane und die
zentralen Sinnesherde, die letztere durch die dazwischen liegenden Denkherde,
die großen »Assozionszentren der Großhirnrinde« vermittelt. (Vergl. Kapitel 7
und 10.) Erst durch die vereinigte Tätigkeit beider entsteht wahre Erkenntnis.
Allerdings gibt es auch heute noch Philosophen, welche die Welt bloß aus ihrem
Kopfe konstruieren wollen, und welche die empirische Naturerkenntnis schon
deshalb verschmähen, weil sie die wirkliche Welt nicht kennen. Anderseits
behaupten auch heute noch manche Naturforscher, daß die einzige Aufgabe der
Wissenschaft das »tatsächliche Wissen, die objektive Erforschung der einzelnen
Naturerscheinungen sei«; das »Zeitalter der Philosophie« sei vorüber, und an
ihre Stelle sei die Naturwissenschaft getreten (V i r c h o w 1893). Diese
einseitige Überschätzung der Empirie ist ein ebenso gefährlicher Irrtum wie jene
entgegengesetzte der Spekulation. Beide Erkenntniswege sind sich gegenseitig
unentbehrlich. Die größten Triumphe der modernen Naturforschung, die
Zellentheorie und die Wärmetheorie, die Entwickelungstheorie und das
Substanzgesetz, sind p h i l o s o p h i s c h e T a t e n, aber nicht Ergebnisse der
reinen S p e k u l a t i o n, sondern der vorausgegangenen, ausgedehntesten und
gründlichsten E m p i r i e.
Dualismus und Monismus. Alle verschiedenen Richtungen der Philosophie
lassen sich, vom heutigen Standpunkte der Naturwissenschaft beurteilt, in zwei
entgegengesetzte Reihen bringen, einerseits die d u a l i s t i s c h e oder
zwiespältige, anderseits die m o n i s t i s c h e oder einheitliche Weltanschauung.
Der D u a l i s m u s (im weitesten Sinne!) zerlegt das Universum in zwei ganz
verschiedene Substanzen, die materielle Welt und den immateriellen Gott, der
ihr als Schöpfer, Erhalter und Regierer gegenübersteht. Der M o n i s m u s
hingegen (ebenfalls im weitesten Sinne begriffen!) erkennt im Universum nur
eine einzige Substanz, die »Gott und Natur« zugleich ist; Körper und Geist (oder
Materie und Energie) sind für sie untrennbar verbunden. Der außerweltliche
»persönliche« Gott des Dualismus führt zum T h e i s m u s, der innerweltliche
Gott des Monismus zum P a n t h e i s m u s.
Materialismus und Spiritualismus. Sehr häufig werden auch heute noch die verschiedenen Begriffe M o n i s m u s und M a t e r i a l i s m u s und ebenso die
wesentlich verschiedenen Richtungen des theoretischen und des praktischen
Materialismus verwechselt. Da diese und ähnliche Begriffsverwirrungen
zahlreiche Irrtümer veranlassen, wollen wir zur Vermeidung aller
Mißverständnisse nur kurz noch folgendes bemerken: I. Unser r e i n e r
M o n i s m u s ist weder mit jenem M a t e r i a l i s m u s identisch, welcher den
Geist leugnet und die Welt in eine Summe von toten Atomen auflöst, noch mit
dem theoretischen S p i r i t u a l i s m u s (neuerdings als E n e r g e t i k
bezeichnet), welcher die Materie leugnet und die Welt nur als eine räumlich
geordnete Gruppe von bloßen Empfindungen und Vorstellungen (oder von
Energien oder immateriellen Naturkräften) betrachtet. II. Vielmehr sind wir mit
G o e t h e der festen Überzeugung, daß »die Materie nie ohne Geist, der Geist
nie ohne Materie existiert und wirksam sein kann«. Wir halten fest an der
monistischen Auffassung von S p i n o z a: D i e M a t e r i e, als die unendlich
ausgedehnte Substanz, und der G e i s t (oder die Energie), als die empfindende
oder denkende Substanz, sind die beiden A t t r i b u t e oder Grundeigenschaften
des allumfassenden göttlichen Weltwesens, der universalen S u b s t a n z. (Vergl.
Kapitel 12.)