Die Welträtsel

Ernst Haeckel · Kapitel 13 von 26

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Die Welträtsel

Neuntes Kapitel. Stammesgeschichte der Seele.

N e u n t e s K a p i t e l .

 

Stammesgeschichte der Seele.

 

Monistische Studien über phylogenetische Psychologie. Entwickelung

des Seelenlebens in der tierischen Ahnenreihe des Menschen.

Die Deszendenztheorie in Verbindung mit der Anthropologie hat uns überzeugt,

daß unser menschlicher Organismus aus einer langen Reihe tierischer Vorfahren

durch allmähliche Umbildung im Laufe vieler Jahrmillionen langsam und

stufenweise sich entwickelt hat. Da wir nun das Seelenleben des Menschen von

seinen übrigen Lebenstätigkeiten nicht trennen können, vielmehr zu der

Überzeugung von der einheitlichen Entwickelung unseres ganzen Körpers und

Geistes gelangt sind, so ergibt sich auch für die moderne m o n i s t i s c h e

P s y c h o l o g i e die Aufgabe, die historische Entwickelung der Menschenseele

aus der Tierseele stufenweise zu verfolgen. Die Lösung dieser Aufgabe versucht

unsere »Stammesgeschichte der Seele« oder die P h y l o g e n i e d e r

P s y c h e. Obgleich diese neue Wissenschaft noch kaum ernstlich in Angriff

genommen ist, obgleich selbst ihre Existenzberechtigung von den meisten

Fachpsychologen bestritten wird, müssen wir für sie dennoch die allerhöchste

Wichtigkeit und das größte Interesse in Anspruch nehmen. Denn nach unserer

festen Überzeugung ist die p h y l e t i s c h e Psychologie vor allem berufen, uns

das große »Welträtsel« vom Wesen und der Entstehung unserer Seele zu lösen.

Methoden der poetischen Psychogenie. Die Mittel und Wege, welche zu dem

weit entfernten, im Nebel der Zukunft für viele noch kaum erkennbaren Ziele

der p h y l o g e n e t i s c h e n P s y c h o l o g i e hinführen sollen, sind von

denjenigen anderer stammesgeschichtlicher Forschungen nicht verschieden. Vor

allem ist auch hier die vergleichende Anatomie, Physiologie und Ontogenie von

höchstem Werte. Aber auch die Paläontologie liefert uns eine Anzahl von

sicheren Stützpunkten; denn die Reihenfolge, in welcher die versteinerten

Überreste der Wirbeltierklassen nacheinander in den Perioden der organischen

Erdgeschichte auftreten, offenbart uns teilweise, zugleich mit deren

phyletischem Zusammenhang, auch die stufenweise Ausbildung ihrer

Seelentätigkeit. Freilich sind wir hier, wie überall bei phylogenetischen

Untersuchungen, zur Bildung zahlreicher Hypothesen gezwungen, um die

Lücken der empirischen Stammesurkunden auszufüllen; aber dennoch werfen die letzteren ein so helles und bedeutungsvolles Licht auf die wichtigsten

Abstufungen der geschichtlichen Entwickelung, daß wir eine befriedigende

Einsicht in deren allgemeinen Verlauf gewinnen können.

Hauptstufen der phyletischen Psychogenie. Die vergleichende Psychologie

des Menschen und der höheren Tiere läßt uns zunächst in den höchsten Gruppen

der Säugetiere, bei den H e r r e n t i e r e n, die wichtigsten Fortschritte erkennen,

durch welche die Menschenseele aus der Psyche der Menschenaffen

hervorgegangen ist. Die Phylogenie der S ä u g e t i e r e und weiterhin der

niederen Wirbeltiere zeigt uns die lange Reihe der älteren Vorfahren der

Primaten, welche innerhalb dieses Stammes seit der Silurzeit sich entwickelt

haben. Alle diese Wirbeltiere stimmen überein in der Struktur und Entwickelung

ihres charakteristischen Seelenorgans, des M a r k r o h r s. Daß dieses sich aus

einem dorsalen S c h e i t e l h i r n wirbelloser Vorfahren hervorgebildet hat,

scheint die vergleichende Anatomie der Wurmtiere oder Ve r m a l i e n zu

lehren. Weiter zurückgehend erfahren wir durch die vergleichende Ontogenie,

daß dieses einfache Seelenorgan aus der Zellenschicht des äußeren Keimblattes,

aus dem Ektoderm von P l a t o d a r i e n entstanden ist; bei diesen ältesten

Plattentieren, die noch kein gesondertes Nervensystem besaßen, wirkt die äußere

Hautdecke als universales Sinnes- und Seelenorgan. Durch die vergleichende

Keimesgeschichte überzeugen wir uns endlich, daß diese einfachsten Metazoen

durch Gastrulation aus B l a s t ä a d e n entstanden sind, aus H o h l k u g e l n,

deren Wand eine einfache Zellenschicht bildete, das B l a s t o d e r m. Zugleich

lernen wir durch dieselbe mit Hilfe des Biogenetischen Grundgesetzes verstehen,

wie diese vielzelligen Gebilde einfachster Art ursprünglich aus einzelligen

Urtieren hervorgegangen sind.

I. Zellseele (Zytopsyche); e r s t e H a u p t s t u f e d e r p h y l e t i s c h e n

P s y c h o g e n e s i s. Die ältesten Vorfahren des Menschen, wie aller übrigen

Tiere, waren einzellige P r o t i s t e n. Diese Fundamental-Hypothese der

Phylogenie ergibt sich nach dem Biogenetischen Grundgesetze aus der

embryologischen T a t s a c h e, daß jeder Mensch, wie jedes andere Tier, im

Beginne seiner individuellen Existenz eine einfache Zelle ist, die

»S t a m m z e l l e«. Wie diese schon von Anfang an »b e s e e l t« war, so auch

jene entsprechende e i n z e l l i g e S t a m m f o r m, welche in der ältesten

Ahnenreihe des Menschen durch eine Kette von verschiedenen Protisten

vertreten war.

Über die Seelentätigkeit dieser einzelligen Organismen unterrichtet uns die

vergleichende Physiologie der heute noch lebenden Protisten; sowohl genaue

Beobachtung als sinnreiches Experiment haben uns hier ein neues Gebiet voll höchst interessanter Erscheinungen eröffnet. Die beste Darstellung derselben hat

1889 M a x Ve r w o r n gegeben, in seinen gedankenreichen, auf eigene

originelle Versuche gestützten »P s y c h o p h y s i o l o g i s c h e n

P r o t i s t e n s t u d i e n«. Auch die wenigen älteren Beobachtungen über »das

Seelenleben der Protisten« sind darin zusammengestellt. Ve r w o r n gelangte zu

der festen Überzeugung, daß bei allen Protisten die unbewußten Vorgänge der

Empfindung und Bewegung noch mit den molekularen Lebensprozessen im

Plasma selbst zusammenfallen, und daß ihre letzten Ursachen in den

Eigenschaften der P l a s m a m o l e k ü l e (der Plastidule) zu suchen sind. »Die

psychischen Vorgänge im Protistenreich sind daher die Brücke, welche die

chemischen Prozesse in der unorganischen Natur mit dem Seelenleben der

höchsten Tiere verbindet; sie repräsentieren den Keim der höchsten psychischen

Erscheinungen bei den Metazoen und dem Menschen.«

Die sorgfältigen Beobachtungen und zahlreichen Experimente von Ve r w o r n,

im Verein mit denjenigen von W i l h e l m E n g e l m a n n, W i l h e l m

P r e y e r, R i c h a r d H e r t w i g und anderen neueren Protistenforschern,

liefern die bündigen Beweise für meine monistische »T h e o r i e d e r

Z e l l s e e l e« (1866). Gestützt auf eigene langjährige Untersuchungen von

verschiedenen Protisten, besonders von Rhizopoden und Infusorien, hatte ich

den Satz aufgestellt, daß jede lebendige Zelle psychische Eigenschaften besitzt,

und daß also auch das Seelenleben der vielzelligen Tiere und Pflanzen nichts

anderes ist als das Resultat der psychischen Funktionen der ihren Leib

zusammensetzenden Zellen. Bei den niederen Gruppen (z. B. Algen und

Spongien) sind a l l e Zellen des Körpers gleichmäßig (oder mit geringen

Unterschieden) daran beteiligt; in den höheren Gruppen dagegen, entsprechend

den Gesetzen der Arbeitsteilung, nur ein auserlesener Teil derselben, die

»Seelenzellen«. Die bedeutungsvollen Konsequenzen dieser »Z e l l u l a r -

P s y c h o l o g i e« hatte ich teils 1876 in meiner Schrift über die »Perigenesis

der Plastidule« erörtert, teils 1877 in meiner Münchner Rede »über die heutige

Entwickelungslehre im Verhältnis zur Gesamtwissenschaft«. Eine mehr populäre

Darstellung enthalten meine beiden Wiener Vorträge (1878) »über Ursprung und

Entwickelung der Sinneswerkzeuge« und »über Zellseelen und Seelenzellen«.

Die einfache Z e l l s e e l e zeigt übrigens schon innerhalb des Protistenreiches

eine lange Reihe von Entwickelungsstufen, von ganz einfachen, primitiven bis

zu sehr vollkommenen und hohen Seelenzuständen. Bei den ältesten und

einfachsten Protisten ist das Vermögen der Empfindung und Bewegung

gleichmäßig auf das ganze Plasma des homogenen Körperchens verteilt; bei den

höheren Formen dagegen sondern sich als physiologische Organe derselben besondere »Zellwerkzeuge« oder O r g a n e l l e. Derartige motorische Zellteile

sind die Pseudopodien der Rhizopoden, die Flimmerhaare, Geißeln und

Wimpern der Infusorien. Als ein inneres Zentralorgan des Zellenlebens wird der

Zellkern betrachtet, welcher den ältesten und niedersten Protisten noch fehlt. In

physiologisch-chemischer Beziehung ist besonders hervorzuheben, daß die

ursprünglichsten und ältesten Protisten P l a s m o d o m e n waren, mit

pflanzlichem Stoffwechsel, also P r o t o p h y t e n oder Urpflanzen; aus ihnen

entstanden sekundär, durch Metasitismus, die ersten P l a s m o p h a g e n mit

tierischem Stoffwechsel, also P r o t o z o e n oder Urtiere. Dieser

M e t a s i t i s m u s, die »Umkehrung des Stoffwechsels«, bedeutete einen

wichtigen psychologischen Fortschritt; denn damit begann die Entwickelung

jener charakteristischen Vorzüge der Tierseele, welche der Pflanzenseele noch

fehlen.

II. Zellvereinsseele oder Zönobial-Seele (Coenopsyche); z w e i t e

H a u p t s t u f e d e r p h y l e t i s c h e n P s y c h o g e n e s i s. Die individuelle

Entwickelung beginnt beim Menschen wie bei allen anderen vielzelligen Tieren

mit der wiederholten Teilung einer einfachen Zelle. Die S t a m m z e l l e (Cytula)

zerfällt dadurch in einen maulbeerähnlichen Zellhaufen, den Maulbeerkeim

(Morula). Indem sich im Inneren dieses soliden Körpers Flüssigkeit ansammelt,

verwandelt er sich in ein kugeliges Bläschen; alle Zellen treten an dessen

Oberfläche und ordnen sich in eine einfache Zellenschicht, die K e i m h a u t

(Blastoderma). Die so entstandene H o h l k u g e l ist der bedeutungsvolle Zustand

der K e i m b l a s e (Blastula).

Die B e w e g u n g e n, die wir unmittelbar bei der Bildung der Blastula

beobachten können, sind ohne entsprechende E m p f i n d u n g e n nicht zu

denken. Die B e w e g u n g e n zerfallen in zwei Gruppen: 1. die inneren

Bewegungen, welche überall in wesentlich gleicher Weise beim Vorgange der

gewöhnlichen (indirekten) Zellteilung sich wiederholen (Bildung der

Kernspindel, Mitose, Karyokinese usw.); 2. die äußeren Bewegungen, welche in

der gesetzmäßigen Lageveränderung der geselligen Zellen und ihrer

Gruppierung bei Bildung des Blastoderms zutage treten. Wir fassen diese

Bewegungen als ererbte auf, weil sie überall in prinzipiell gleicher Weise von

den Ahnen übernommen worden sind. Die E m p f i n d u n g e n können ebenfalls

in zwei Gruppen unterschieden werden: 1. die Empfindungen der einzelnen

Zellen, welche sich in der Behauptung ihrer individuellen Selbständigkeit und

ihrem Verhalten gegen die Nachbarzellen äußern (mit denen sie in Berührung

und teilweise durch Plasmabrücken in direkter Verbindung stehen); 2. die

einheitliche Empfindung des ganzen Zellvereins oder Z ö n o b i u m s, welche in der individuellen Gestaltung der B l a s t u l a als H o h l k u g e l zutage tritt.

Das kausale Verständnis der B l a s t u l abildung liefert uns das

B i o g e n e t i s c h e G r u n d g e s e t z, indem es die unmittelbar zu

beobachtenden Erscheinungen derselben durch die Ve r e r b u n g erklärt und auf

entsprechende historische Vorgänge zurückführt, welche sich ursprünglich bei

der Entstehung der ältesten Protisten-Zönobien, der B l a s t ä a d e n, vollzogen

haben. Die physiologische und psychologische Einsicht in diese wichtigen

Prozesse der ältesten Z e l l e n - A s s o z i o n gewinnen wir aber durch

Beobachtung und Experiment an den heute noch lebenden Zönobien. Solche

beständige Z e l l v e r e i n e der Gegenwart sind z. B. die bekannten

»Kugeltierchen« (Volvocina). Ihre schwimmende Ortsbewegung wird durch

schwingende Geißeln vermittelt, die von den einzelnen Zellen an der Oberfläche

der »Flimmerkugel« ausgehen. In allen diesen Zönobien können wir bereits

neben einander zwei verschiedene Stufen der psychischen Tätigkeit

unterscheiden: I. die Z e l l s e e l e der einzelnen Zellindividuen (als »Elementar-

Organismen«) und II. die Z ö n o b i a l s e e l e des ganzen Zellvereins.

III. Gewebeseele (Histopsyche); d r i t t e H a u p t s t u f e d e r

p h y l e t i s c h e n P s y c h o g e n e s i s. Bei allen vielzelligen und

gewebebildenden Pflanzen (Metaphyten) und ebenso bei den niedersten,

nervenlosen Klassen der G e w e b e t i e r e (Metazoen) haben wir zunächst zwei

verschiedene Formen der Seelentätigkeit zu unterscheiden, nämlich A. die

Psyche der einzelnen Z e l l e n, welche die Gewebe zusammensetzen, und B. die

Psyche der G e w e b e selbst oder des »Zellenstaates«, welcher von diesen

gebildet wird. Diese G e w e b e s e e l e ist überall die höhere psychologische

Funktion, welche den zusammengesetzten vielzelligen Organismus als

einheitliches Lebewesen oder »p h y s i o l o g i s c h e s I n d i v i d u u m«, als

wirklichen »Zellenstaat« erscheinen läßt. Sie beherrscht alle die einzelnen

»Zellseelen« der sozialen Zellen, welche als abhängige »Staatsbürger« den

einheitlichen Zellenstaat konstituieren.

III. A. Die Pflanzenseele (Phytopsyche) ist für uns der Inbegriff der gesamten

psychischen Tätigkeit der gewebebildenden, v i e l z e l l i g e n P f l a n z e n

(Metaphyten); sie ist Gegenstand der verschiedensten Beurteilung bis auf den

heutigen Tag geblieben. Früher fand man gewöhnlich einen Hauptunterschied

zwischen Pflanzen und Tieren darin, daß man den letzteren allgemein eine

»Seele« zuschrieb, den ersteren dagegen nicht. Indessen führte unbefangene

Vergleichung der Reizbarkeit und der Bewegungen bei verschiedenen höheren

Pflanzen und niederen Tieren schon im Anfange des 19. Jahrhunderts einzelne

Forscher zu der Überzeugung, daß beide gleichmäßig beseelt sein müßten. Später traten namentlich F e c h n e r, L e i t g e b u. a., neuerdings besonders

F r a n c é, lebhaft für die Annahme einer »P f l a n z e n s e e l e« ein. Tieferes

Verständnis derselben wurde erst erworben, nachdem durch die

Z e l l e n t h e o r i e (1838) die gleiche Elementarstruktur in Pflanzen und Tieren

nachgewiesen, und besonders seitdem durch die P l a s m a t h e o r i e von M a x

S c h u l t z e (1859) das gleiche Verhalten des aktiven, lebendigen Protoplasma in

beiden erkannt worden war. Die neuere vergleichende Physiologie zeigte sodann,

daß das physiologische Verhalten gegen verschiedene Reize (Licht, Elektrizität,

Wärme, Schwere, Reibung, chemische Einflüsse usw.) in den

»e m p f i n d l i c h e n« Körperteilen vieler Pflanzen und Tiere ganz ähnlich ist,

und daß auch die R e f l e x b e w e g u n g e n, die jene Reize hervorrufen, ganz

ähnlichen Verlauf haben. Wenn man daher diese Tätigkeiten bei niederen,

nervenlosen Metazoen (Schwämmen, Polypen) einer besonderen »Seele«

zuschrieb, so war man berechtigt, diese auch bei den Metaphyten anzunehmen,

besonders bei den sehr »empfindlichen« Sinnpflanzen (Mimosa), den

Fliegenfallen (Dionaea, Drosera) und den zahlreichen rankenden Kletter- und

Schlingpflanzen.

III. B. Die Seele nervenloser Metazoen. Von ganz besonderem Interesse für die

vergleichende Physiologie im allgemeinen und für die Phylogenie der Tierseele

im besonderen ist die Seelentätigkeit jener n i e d e r e n M e t a z o e n, welche

zwar Gewebe und oft bereits differenzierte Organe besitzen, aber weder Nerven

noch spezifische Sinnesorgane. Dahin gehören vier verschiedene Gruppen von

ältesten Z ö l e n t e r i e n oder Niedertieren, nämlich: 1. die G a s t r ä a d e n,

2. die P l a t o d a r i e n, 3. die S p o n g i e n und 4. die H y d r o p o l y p e n, die

niedersten Formen der Nesseltiere.

Die Gasträaden oder Urdarmtiere bilden jene kleine Gruppe von niedersten

Zölenterien, welche als die gemeinsame Stammgruppe aller Metazoen von

höchster Wichtigkeit ist. Der Körper dieser kleinen, schwimmenden Tierchen

erscheint als ein kleines (meist eiförmiges) Bläschen, welche eine einfache

Höhle mit einer Öffnung enthält (Urdarm und Urmund). Die Wand der

verdauenden Höhle wird aus zwei einfachen Zellenschichten oder Epithelien

gebildet, von denen die innere (Darmblatt) die Tätigkeiten der Ernährung, und

die äußere (Hautblatt) die Funktionen der Bewegung und Empfindung vermittelt.

Die gleichartigen sensiblen Zellen dieses Hautblattes tragen zarte Geißeln, lange

Flimmerhaare, deren Schwingungen die willkürliche Schwimmbewegung

bewirken. Die wenigen noch lebenden Formen der Gasträaden sind deshalb so

interessant, weil sie zeitlebens auf derselben Bildungsstufe stehen bleiben,

welche die Keime aller übrigen Metazoen (von den Spongien bis zum Menschen hinauf) im Beginne ihrer Keimesentwickelung durchlaufen. Wie ich in meiner

G a s t r ä a t h e o r i e (1872) gezeigt habe, entsteht bei sämtlichen Gewebetieren

zunächst aus der vorher betrachteten B l a s t u l a eine höchst charakteristische

Keimform, die G a s t r u l a. Die Keimhaut (Blastoderma), welche die Wand der

Hohlkugel darstellt, bildet an einer Seite eine grubenförmige Vertiefung, und

diese wird bald zu einer so tiefen Einstülpung, daß der innere Hohlraum der

Keimblase verschwindet. Die eingestülpte (innere) Hälfte der Keimhaut legt sich

an die äußere (nicht eingestülpte) Hälfte innen an; letztere bildet das

H a u t b l a t t oder äußere Keimblatt (Ektoderm), erstere dagegen das

D a r m b l a t t oder innere Keimblatt (Entoderm). Der neu entstandene Hohlraum

des becherförmigen Körpers ist die verdauende Magenhöhle, der U r d a r m,

seine Öffnung der U r m u n d. Das Hautblatt oder Ektoderm ist bei allen

Metazoen das ursprüngliche »S e e l e n o r g a n«; denn aus ihm entwickeln sich

bei sämtlichen Nerventieren nicht nur die äußere Hautdecke und die

Sinnesorgane, sondern auch das Nervensystem. Bei den Gasträaden, welche

letzteres noch nicht besitzen, sind alle Zellen, welche die einfache Epithelschicht

des Ektoderm zusammensetzen, gleichmäßig Organe der Empfindung und

Bewegung; die Gewebeseele zeigt sich hier in einfachster Form.

Die Spongien oder Schwammtiere stellen einen selbständigen Stamm des

Tierreichs dar, der sich von allen anderen Metazoen durch seine eigentümliche

Organisation unterscheidet; die zahlreichen Arten desselben sitzen meistens auf

dem Meeresboden angewachsen. Die einfachste Form der Schwämme, Olynthus,

ist eigentlich nichts weiter als eine Gastraea, deren Körperwand siebförmig von

feinen Poren durchbrochen ist, zum Eintritt des ernährenden Wasserstromes. Bei

den meisten Spongien (auch beim bekanntesten, dem Badeschwamm) bildet der

knollenförmige Körper einen Stock, welcher aus Tausenden oder Millionen

solcher Gasträaden (»Geißelkammern«) zusammengesetzt und von einem

ernährenden Kanalsystem durchzogen ist. Empfindung und Bewegung sind bei

den Schwammtieren nur in äußerst geringem Grade entwickelt; Nerven,

Sinnesorgane und Muskeln fehlen. Es war daher sehr natürlich, daß man diese

festsitzenden, unförmigen und unempfindlichen Tiere früher allgemein als

»Gewächse« betrachtete. Ihr Seelenleben (für welches keine besonderen Organe

differenziert sind) steht tief unter demjenigen der Mimosen und anderer

empfindlicher Pflanzen.

Die Seele der Nesseltiere (Cnidaria) ist für die vergleichende und phylogenetische

Psychologie von hervorragender Bedeutung. Denn in diesem formenreichen

Stamm der Zölenterien vollzieht sich vor unseren Augen die historische

Entstehung der N e r v e n s e e l e aus der G e w e b e s e e l e. Es gehören zu diesem Stamme die vielgestaltigen Klassen der festsitzenden Polypen und

Korallen, der schwimmenden Medusen und Siphonophoren. Als gemeinsame

hypothetische Stammform aller Nesseltiere läßt sich mit voller Sicherheit ein

einfachster P o l y p erkennen, welcher dem gemeinen, heute noch lebenden

Süßwasserpolypen (Hydra) im wesentlichen gleich gebaut war. Nun besitzen aber

diese Hydra und ebenso die festsitzenden, nahe verwandten Hydropolypen noch

keine gesonderten Nerven und höheren Sinnesorgane, obgleich sie sehr

empfindlich sind. Dagegen die frei schwimmenden M e d u s e n, welche sich aus

letzteren entwickeln (und noch heute mit ihnen durch Generationswechsel

verknüpft sind), besitzen bereits ein selbständiges Nervensystem und gesonderte

Sinnesorgane. Wir können also hier den historischen Ursprung der

N e r v e n s e e l e aus der Gewebeseele unmittelbar ontogenetisch beobachten

und phylogenetisch verstehen lernen. Sehr interessant ist für die Psychologie

auch die Klasse der S t a a t s q u a l l e n (Siphonophorae). An diesen prächtigen,

freischwimmenden Tierstöcken, welche von Hydromedusen abstammen, können

wir eine D o p p e l s e e l e beobachten: die Einzelseele (P e r s o n a l s e e l e) der

zahlreichen Personen, die ihn zusammensetzen, und die gemeinsame, einheitlich

tätige Psyche des ganzen Stockes (K o r m a l s e e l e).

IV. Die Nervenseele (Neuropsyche); v i e r t e H a u p t s t u f e der

p h y l e t i s c h e n P s y c h o g e n e s i s. Das Seelenleben aller höheren Tiere

wird, ebenso wie beim Menschen, durch einen mehr oder minder komplizierten

»S e e l e n a p p a r a t« vermittelt, und dieser besteht immer aus drei

Hauptbestandteilen: die S i n n e s o r g a n e bewirken die verschiedenen

Empfindungen, die M u s k e l n dagegen die Bewegungen; die N e r v e n stellen

die Verbindung zwischen ersteren und letzteren durch ein besonderes

Zentralorgan her: G e h i r n oder Ganglion (Nervenknoten). Die Einrichtung und

Tätigkeit dieses Seelenapparates pflegt man mit einem elektrischen

Telegraphensystem zu vergleichen; die Nerven sind die Leitungsdrähte, das

Gehirn die Zentralstation, die Muskeln und Sensillen die untergeordneten

Lokalstationen. Die motorischen Nervenfasern leiten die Willensbefehle oder

Impulse zentrifugal von diesem Nervenzentrum zu den Muskeln und bewirken

durch deren Kontraktion Bewegungen; die sensiblen Nervenfasern dagegen

leiten die verschiedenen Empfindungen zentripetal von den peripheren

Sinnesorganen zum Gehirn und statten Bericht ab von den empfangenen

Eindrücken der Außenwelt. Die Ganglienzellen oder »Seelenzellen«, welche das

nervöse Zentralorgan zusammensetzen, sind die vollkommensten von allen

organischen Elementarteilen; denn sie vermitteln nicht nur den Verkehr zwischen

den Muskeln und Sinnesorganen, sondern auch die höchsten von allen

Leistungen der Tierseele, die Bildung von Vorstellungen und Gedanken, an der Spitze von allem das Bewußtsein.

Die großen Fortschritte der Anatomie und Physiologie, der Histologie und

Ontogenie haben in der Neuzeit unsere tiefere Kenntnis des Seelenapparates mit

einer Fülle der interessantesten Entdeckungen bereichert. Wenn die spekulative

Philosophie auch nur die wichtigsten von diesen bedeutungsvollen Erwerbungen

der empirischen Biologie in sich aufgenommen hätte, müßte sie heute schon eine

ganz andere Physiognomie zeigen, als es leider der Fall ist.

Jeder der höheren Tierstämme besitzt sein eigentümliches Seelenorgan; in jedem

ist das Zentralnervensystem durch seine besondere Gestalt, Lage und

Zusammensetzung ausgezeichnet. Unter den strahlig gebauten N e s s e l t i e r e n

(Cnidaria) zeigen die Medusen einen Nervenring am Schirmrande, meistens mit

vier oder acht Ganglien ausgestattet. Bei den fünfstrahligen S t e r n t i e r e n

(Echinoderma) ist der Mund von einem Nervenring umgeben, von welchem fünf

Nervenstämme ausstrahlen. Die zweiseitig-symmetrischen P l a t t e n t i e r e

(Platodes) und W u r m t i e r e (Vermalia) besitzen ein Scheitelhirn oder

Akroganglion, zusammengesetzt aus ein paar dorsalen, oberhalb des Mundes

gelegenen Ganglien; von diesen »oberen Schlundknoten« gehen zwei seitliche

Nervenstämme an die Haut und die Muskeln. Bei einem Teile der Vermalien und

bei den W e i c h t i e r e n (Mollusca) treten dazu noch ein paar ventrale »untere

Schlundknoten«, welche sich mit den ersteren durch einen den Schlund

umfassenden Ring verbinden. Dieser »Schlundring« kehrt auch bei den

G l i e d e r t i e r e n (Articulata) wieder, setzt sich aber hier auf der Bauchseite des

langgestreckten Körpers in ein »Bauchmark« fort, einen strickleiterförmigen

Doppelstrang, welcher in jedem Gliede zu einem Doppelganglion anschwillt.

Ganz entgegengesetzte Bildung des Seelenorgans zeigen die W i r b e l t i e r e

(Vertebrata); hier findet sich allgemein auf der Rückenseite des innerlich

gegliederten Körpers ein Rückenmark entwickelt; aus einer Anschwellung seines

vorderen Teiles entsteht später das charakteristische blasenförmige Gehirn.

Obgleich nun so die Seelenorgane der höheren Tierstämme in Lage, Form und

Zusammensetzung sehr charakteristische Verschiedenheiten zeigen, ist doch die

vergleichende Anatomie imstande gewesen, für die meisten einen gemeinsamen

Ursprung nachzuweisen, aus dem S c h e i t e l h i r n der P l a t o d e n und

Ve r m a l i e n; und allen gemeinsam ist die Entstehung aus der äußersten

Zellenschicht des Keimes, aus dem »H a u t s i n n e s b l a t t« (Ektoderm). Ebenso

finden wir in allen Formen der nervösen Zentralorgane dieselbe wesentliche

Struktur wieder, die Zusammensetzung aus Ganglienzellen oder

»S e e l e n z e l l e n« (den eigentlichen aktiven Elementarorganen der P s y c h e)

und aus N e r v e n f a s e r n, welche den Zusammenhang und die Leitung der Aktion vermitteln.

Seelenorgan der Wirbeltiere. Die erste Tatsache, welche uns in der

vergleichenden Psychologie der Wirbeltiere entgegentritt, und welche der

empirische Ausgangspunkt jeder wissenschaftlichen Seelenlehre des Menschen

sein sollte, ist der charakteristische Bau ihres Zentralnervensystems. Wie dieses

zentrale Seelenorgan in jedem der höheren Tierstämme eine besondere, diesem

eigentümliche Lage, Gestalt und Zusammensetzung zeigt, so ist es auch bei den

Wirbeltieren der Fall. Überall finden wir hier ein R ü c k e n m a r k vor, einen

starken zylindrischen Nervenstrang, welcher in der Mittellinie des Rückens

verläuft, oberhalb der Wirbelsäule (oder der sie vertretenden Chorda). Überall

gehen von diesem Rückenmark zahlreiche Nervenstämme in regelmäßiger,

segmentaler Verteilung ab, je ein Paar an jedem Segment oder Wirbelgliede.

Überall entsteht dieses »Medullarrohr« im Embryo auf gleiche Weise: in der

Mittellinie der Rückenhaut bildet sich eine feine Furche oder Rinne; die beiden

parallelen Ränder dieser Markrinne oder M e d u l l a r r i n n e erheben sich,

krümmen sich gegen einander und verwachsen in der Mittellinie zu einem

Rohre.

Das lange dorsale, so entstandene, zylindrische Nervenrohr oder Medullarrohr

ist durchaus für die W i r b e l t i e r e charakteristisch, in der früheren

Embryonalanlage überall dasselbe und die gemeinsame Grundlage aller der

verschiedenen Formen des Seelenorgans, die sich später daraus entwickeln. Nur

eine einzige Gruppe von wirbellosen Tieren zeigt eine ähnliche Bildung; das

sind die seltsamen meerbewohnenden M a n t e l t i e r e (Tunicata). Sie gleichen

den Wirbeltieren auch im Besitze von anderen charakteristischen Organen

(Chorda, Kiemendarm usw.). Wir nehmen daher an, daß die ungegliederten

Manteltiere und die innerlich gegliederten Wirbeltiere aus einer gemeinsamen

älteren Stammgruppe von Wurmtieren hervorgegangen sind (Prochordonia).

Phyletische Bildungsstufen des Medullarrohrs. Die lange Stammesgeschichte

unserer »Wirbeltierseele« beginnt mit der Bildung des einfachsten Medullarrohrs

bei den ältesten Schädellosen; sie führt uns durch einen Zeitraum von vielen

Millionen Jahren langsam und allmählich bis zu jenem komplizierten

Wunderbau des menschlichen Gehirns hinauf, welcher diese höchst entwickelte

Primatenform zu einer Ausnahmestellung in der Natur zu berechtigen scheint.

Da eine klare Vorstellung von diesem langsamen und stetigen Gange unserer

phyletischen Psychogenie die erste Vorbedingung einer wirklich

n a t u r g e m ä ß e n P s y c h o l o g i e ist, erscheint es zweckmäßig, jenen

gewaltigen Zeitraum in eine Anzahl von Stufen oder Hauptabschnitten

einzuteilen; in jedem derselben hat sich gleichmäßig mit der Struktur des Nervenzentrums auch seine Funktion, die »Psyche«, vervollkommnet. Ich

unterscheide acht solche P e r i o d e n i n d e r P h y l o g e n i e d e s

M e d u l l a r r o h r s und in der stufenweisen Vervollkommnung seines

vordersten Teiles, des Gehirns; sie sind charakterisiert durch acht verschiedene

Hauptgruppen der Wirbeltiere; nämlich I. die Schädellosen (Acrania), II. die

Rundmäuler (Cyclostoma), III. die Fische (Pisces), IV. die Lurche (Amphibia), V. die

implacentalen Säugetiere (Monotrema und Marsupialia), VI. die älteren plazentalen

Säugetiere, besonders die Halbaffen (Prosimiae), VII. die jüngeren Herrentiere, die

echten Affen (Simiae), VIII. die Menschenaffen und der Mensch (Anthropomorpha).

Seelengeschichte der Säugetiere. Der wichtigste Folgeschluß, welcher sich aus

dem monophyletischen Ursprung der Säugetiere ergibt, ist die notwendige

Ableitung der M e n s c h e n s e e l e aus einer langen Entwickelungsreihe von

anderen M a m m a l i e n s e e l e n. Eine gewaltige anatomische und

physiologische Kraft trennt den Gehirnbau und das davon abhängige

Seelenleben der höchsten und der niedersten Säugetiere, und dennoch wird diese

tiefe Kluft durch eine lange Reihe von vermittelnden Zwischenstufen vollständig

ausgefüllt. Die allgemeinsten Ergebnisse der wichtigen, neuerdings hier tief

eingedrungenen Forschungen sind folgende:

I . Das Gehirn der Säugetiere entwickelt sich zwar in gleicher Weise, wie das der

anderen Wirbeltiere, aus drei hintereinander gelegenen Blasen, die durch

zweifache Einschnürung der anfangs einfachen Hirnblase entstehen; es

unterscheidet sich von demjenigen der übrigen Vertebraten durch gewisse

Eigentümlichkeiten, welche allen Gliedern der Klasse gemeinsam sind, vor

allem die überwiegende Ausbildung der ersten und dritten Blase, des Großhirns

und Kleinhirns, während die zweite Blase, das Mittelhirn, ganz zurücktritt.

II. Trotzdem schließt sich die Hirnbildung der niedersten und ältesten

Mammalien noch eng an diejenige ihrer paläozoischen Vorfahren an, der

Amphibien in der Steinkohlenperiode. III. Erst während der Tertiärzeit erfolgt die

typische volle Ausbildung des Großhirns, welche die jüngeren Säugetiere so

auffallend vor den älteren auszeichnet. IV. Die besondere (quantitative und

qualitative) Ausbildung des Großhirns, welche den Menschen so hoch erhebt,

und welche ihn zu seinen vorzüglichen psychischen Leistungen befähigt, findet

sich außerdem nur bei einem Teile der höchstentwickelten Säugetiere der

jüngeren Tertiärzeit, vor allen bei den Menschenaffen. V. Die Unterschiede,

welche im Gehirnbau und Seelenleben des Menschen und der Menschenaffen

existieren, sind geringer als die entsprechenden Unterschiede zwischen diesen

letzteren und den niederen Primaten (den ältesten Affen und den Halbaffen).

VI. Demnach muß die historische stufenweise Entwickelung der Menschenseele aus einer langen Kette von höheren und niederen Säugetierseelen als eine

fundamentale, durch die vergleichende Anatomie und Ontogenie

wissenschaftlich bewiesene T a t s a c h e gelten.