Die Welträtsel

Ernst Haeckel · Kapitel 2 von 26

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Die Welträtsel

Vorwort zur ersten Auflage. (1899).

Vorwort zur ersten Auflage.

 

(1899).

 

Die vorliegenden Studien über m o n i s t i s c h e P h i l o s o p h i e sind für die

denkenden, ehrlich die Wahrheit suchenden Gebildeten aller Stände bestimmt.

Zu den hervorragenden Merkmalen des 19. Jahrhunderts, an dessen Ende wir

stehen, gehört das lebendige Wachstum des Strebens nach E r k e n n t n i s d e r

W a h r h e i t in weitesten Kreisen. Dasselbe erklärt sich einerseits durch die

ungeheuren Fortschritte der wirklichen Naturerkenntnis in diesem

merkwürdigsten Abschnitte der menschlichen Geschichte, andererseits durch

den offenkundigen Widerspruch, in den dieselbe zur gelehrten Tradition der

»O f f e n b a r u n g« geraten ist, und endlich durch die entsprechende

Ausbreitung und Verstärkung des vernünftigen Bedürfnisses nach Verständnis

der unzähligen neu entdeckten Tatsachen, nach klarer Erkenntnis ihrer Ursachen.

Den gewaltigen Fortschritten der empirischen Kenntnisse in unserem

»J a h r h u n d e r t d e r N a t u r w i s s e n s c h a f t« entspricht keineswegs eine

gleiche Klärung ihres theoretischen Verständnisses und jene höhere Erkenntnis

des kausalen Zusammenhanges aller einzelnen Erscheinungen, die wir mit einem

Worte P h i l o s o p h i e nennen. Vielmehr sehen wir, daß die abstrakte und

größtenteils metaphysische Wissenschaft, welche auf unseren Universitäten seit

Jahrhunderten als »Philosophie« gelehrt wird, weit davon entfernt ist, jene neu

erworbenen Schätze der Erfahrungswissenschaft in sich aufzunehmen. Und mit

gleichem Bedauern müssen wir auf der anderen Seite zugestehen, daß die

meisten Vertreter der sogenannten »exakten Naturwissenschaft« sich mit der

speziellen Pflege ihres engeren Gebietes der Beobachtung und des Versuchs

begnügen und die tiefere Erkenntnis des allgemeinen Zusammenhanges der

beobachteten Erscheinungen — d. h. eben Philosophie! — für überflüssig halten.

Während diese reinen Empiriker »den Wald vor Bäumen nicht sehen«, begnügen

sich jene Metaphysiker mit dem bloßen Begriffe des Waldes, ohne seine Bäume

zu sehen. Der Begriff der »N a t u r p h i l o s o p h i e«, in welchem ganz

naturgemäß jene beiden Wege der Wahrheitsforschung, die empirische und die

spekulative Methode, zusammenlaufen, wird sogar noch heute in weiten Kreisen

beider Richtungen mit Abscheu zurückgewiesen.

Dieser unnatürliche und verderbliche Gegensatz zwischen Naturwissenschaft

und Philosophie, zwischen den Ergebnissen der Erfahrung und des Denkens, wird unstreitig in weiten gebildeten Kreisen immer lebhafter und schmerzlicher

empfunden. Das bezeugt schon der wachsende Umfang der ungeheuren

populären »naturphilosophischen« Literatur, die im Laufe des letzten halben

Jahrhunderts entstanden ist. Das bezeugt auch die erfreuliche Tatsache, daß trotz

jener gegenseitigen Abneigung der beobachtenden Naturforscher und der

denkenden Philosophen dennoch hervorragende Männer der Wissenschaft aus

beiden Lagern sich gegenseitig die Hand zum Bunde reichen und vereinigt nach

der Lösung jener höchsten Aufgabe der Forschung streben, die wir kurz mit

einem Worte als »D i e W e l t r ä t s e l« bezeichnen.

Die Untersuchungen über diese »Welträtsel«, welche ich in der vorliegenden

Schrift gebe, können vernünftigerweise nicht den Anspruch erheben, eine

vollständige L ö s u n g derselben zu bringen; vielmehr sollen sie nur eine

kritische B e l e u c h t u n g derselben für weitere gebildete Kreise geben und die

Frage zu beantworten suchen, wie weit wir uns gegenwärtig deren Lösung

genähert haben. W e l c h e S t u f e i n d e r E r k e n n t n i s d e r

W a h r h e i t h a b e n w i r a m E n d e d e s 1 9 . J a h r h u n d e r t s

w i r k l i c h e r r e i c h t ? Und welche Fortschritte nach diesem unendlich

entfernten Ziele haben wir im Laufe desselben wirklich gemacht?

Die Antwort auf diese großen Fragen, die ich hier gebe, kann naturgemäß nur

s u b j e k t i v und nur teilweise richtig sein; denn meine Kenntnisse der

wirklichen Natur und meine Vernunft zur Beurteilung ihres objektiven Wesens

sind beschränkt, ebenso wie diejenigen aller anderen Menschen. Das Einzige,

was ich für dieselben voll in Anspruch nehme, und was auch meine

entschiedensten Gegner anerkennen müssen, ist, daß meine monistische

Philosophie von Anfang bis zu Ende e h r l i c h ist, d. h. der vollständige

Ausdruck der Überzeugung, welche ich durch vieljähriges eifriges Forschen in

der Natur und durch unablässiges Nachdenken über den wahren Grund ihrer

Erscheinungen erworben habe. Diese naturphilosophische Gedankenarbeit

erstreckt sich jetzt über ein volles halbes Jahrhundert, und ich darf jetzt, in

meinem 66. Lebensjahre, wohl annehmen, daß sie r e i f im menschlichen Sinne

ist; ich bin auch völlig gewiß, daß diese »r e i f e F r u c h t« vom Baume der

Erkenntnis für die kurze Spanne des Daseins, die mir noch beschieden ist, keine

bedeutende Vervollkommnung und keine prinzipiellen Veränderungen erfahren

wird.

Alle wesentlichen und entscheidenden Anschauungen meiner monistischen und

genetischen Philosophie habe ich schon vor 33 Jahren in meiner

»G e n e r e l l e n M o r p h o l o g i e d e r O r g a n i s m e n« niedergelegt,

einem weitschweifig und schwerfällig geschriebenen Werke, welches nur sehr wenig Leser gefunden hat. Es war der erste Versuch, die neubegründete

Entwickelungslehre für das ganze Gebiet der organischen Formenwissenschaft

durchzuführen. Um wenigstens einen Teil der neuen, darin enthaltenen

Gedanken zur Geltung zu bringen und um zugleich einen weiteren Kreis von

Gebildeten für die größten Erkenntnisfortschritte unseres Jahrhunderts zu

interessieren, veröffentlichte ich zwei Jahre später (1868) meine

»N a t ü r l i c h e S c h ö p f u n g s g e s c h i c h t e«. Da dieses leichter

geschürzte Werk trotz seiner großen Mängel in neun starken Auflagen und zwölf

verschiedenen Übersetzungen erschien, hat es nicht wenig zur Verbreitung der

monistischen Weltanschauung beigetragen. Dasselbe gilt auch wohl von der

weniger gelesenen »A n t h r o p o g e n i e«, in welcher ich (1874) die schwierige

Aufgabe zu lösen versuchte, die wichtigsten Tatsachen der menschlichen

Entwickelungsgeschichte einem größeren Kreise von Gebildeten zugänglich und

verständlich zu machen; die vierte, umgearbeitete Auflage derselben erschien

1891. Einige bedeutende und besonders wertvolle Fortschritte, welche

neuerdings dieser wichtigste Teil der Anthropologie gemacht hat, habe ich in

dem Vortrage beleuchtet, den ich 1898 »Über unsere gegenwärtige Kenntnis

vom U r s p r u n g d e s M e n s c h e n« auf dem vierten internationalen

Zoologenkongreß in Cambridge gehalten habe (siebente Auflage 1899). Mehrere

einzelne Fragen unserer modernen Naturphilosophie, die ein besonderes

Interesse bieten, habe ich behandelt in meinen »Gesammelten populären

Vorträgen aus dem Gebiete der E n t w i c k e l u n g s l e h r e« (1878). Endlich

habe ich die allgemeinsten Grundsätze meiner monistischen Philosophie und

ihre besondere Beziehung zu den herrschenden Glaubenslehren kurz

zusammengefaßt in dem »Glaubensbekenntnis eines Naturforschers: D e r

M o n i s m u s a l s B a n d z w i s c h e n R e l i g i o n u n d

W i s s e n s c h a f t« (1892, achte Auflage 1899).

Die vorliegende Schrift über die »W e l t r ä t s e l« ist die weitere Ausführung,

Begründung und Ergänzung der Überzeugungen, welche ich in den vorstehend

angeführten Schriften bereits ein Menschenalter hindurch vertreten habe. Ich

gedenke damit meine Studien auf dem Gebiete der monistischen

Weltanschauung abzuschließen.

Der alte, viele Jahre hindurch gehegte Plan, ein ganzes »S y s t e m d e r

m o n i s t i s c h e n P h i l o s o p h i e« auf Grund der Entwickelungslehre

auszubauen, wird nicht mehr zur Ausführung gelangen. Meine Kräfte reichen

dazu nicht mehr aus, und mancherlei Mahnungen des herannahenden Alters

drängen zum Abschluß. Auch bin ich ganz und gar ein Kind des

n e u n z e h n t e n J a h r h u n d e r t s und will mit dessen Ende einen Strich unter meine Lebensarbeit machen.

Die unermeßliche Ausdehnung, welche das menschliche Wissen infolge

fortgeschrittener Arbeitsteilung in unserem Jahrhundert erlangt hat, läßt es schon

heute unmöglich erscheinen, alle Zweige desselben mit gleicher Gründlichkeit

zu umfassen und ihren inneren Zusammenhang einheitlich darzustellen. Selbst

ein Genius ersten Ranges, der alle Gebiete der Wissenschaft gleichmäßig

beherrschte, und der die künstlerische Gabe ihrer einheitlichen Darstellung in

vollem Maße besäße, würde doch nicht imstande sein, im Raume eines mäßigen

Bandes ein umfassendes allgemeines Bild des ganzen »Kosmos« auszuführen.

Mir selbst, dessen Kenntnisse in den verschiedenen Gebieten sehr ungleich und

lückenhaft sind, konnte hier nur die Aufgabe zufallen, den allgemeinen Plan

eines solchen Weltbildes zu entwerfen und die durchgehende E i n h e i t seiner

Teile nachzuweisen, trotz sehr ungleicher Ausführung derselben. Das

vorliegende Buch über die Welträtsel trägt daher auch nur den Charakter eines

»Skizzenbuches«, in welchem S t u d i e n von sehr ungleichem Werte zu einem

Ganzen zusammengefügt sind. Da die Niederschrift derselben zum Teil schon in

früheren Jahren, zum anderen Teil aber erst in der letzten Zeit erfolgte, ist die

Behandlung leider oft ungleichmäßig; auch sind mehrfache Wiederholungen

nicht zu vermeiden gewesen; ich bitte dieselben zu entschuldigen.

Indem ich hiermit von meinen Lesern mich verabschiede, spreche ich die

Hoffnung aus, daß ich durch meine ehrliche und gewissenhafte Arbeit — trotz

ihrer mir wohl bewußten Mängel — ein kleines Scherflein zur Lösung der

»Welträtsel« beigetragen habe, und daß ich im Kampfe der Weltanschauungen

manchem ehrlichen und nach reiner Vernunfterkenntnis ringenden Leser

denjenigen Weg gezeigt habe, der nach meiner festen Überzeugung allein zur

Wahrheit führt, den Weg der e m p i r i s c h e n N a t u r f o r s c h u n g und der

darauf gegründeten m o n i s t i s c h e n P h i l o s o p h i e.

J e n a, 2. April 1899.

Ernst Haeckel.