Die Welträtsel
Siebentes Kapitel. Stufenleiter der Seele.
S i e b e n t e s K a p i t e l .
Stufenleiter der Seele.
Monistische Studien über vergleichende Psychologie. Psychologische
Stufenleiter. Instinkt und Vernunft.
Die großartigen Fortschritte, welche die Psychologie in der zweiten Hälfte des
19. Jahrhunderts mit Hilfe der Entwickelungslehre gemacht hat, gipfeln in der
Anerkennung der p s y c h o l o g i s c h e n E i n h e i t d e r o r g a n i s c h e n
W e l t . Die vergleichende Seelenlehre, im Vereine mit der Ontogenie und
Phylogenie der Psyche, hat uns zu der Überzeugung geführt, daß das organische
Leben in allen Abstufungen, vom einfachsten, einzelligen Protisten bis zum
Menschen hinauf, aus denselben elementaren Naturkräften sich entwickelt, aus
den Funktionen der Empfindung und Bewegung. Die Hauptaufgabe der
wissenschaftlichen Psychologie wird daher künftig nicht, wie bisher, die
ausschließlich subjektive und introspektive Zergliederung der
höchstentwickelten Philosophenseele sein, sondern die objektive und
vergleichende Untersuchung der langen Stufenleiter, auf welcher sich der
menschliche Geist allmählich aus einer langen Reihe von niederen tierischen
Zuständen entwickelt hat. Die schöne Aufgabe, die einzelnen Stufen dieser
psychologischen Kette zu unterscheiden und ihren ununterbrochenen
phylogenetischen Zusammenhang nachzuweisen, ist erst in den letzten
Dezennien des 19. Jahrhunderts ernstlich in Angriff genommen worden.
Materielle Basis der Psyche. Alle Erscheinungen des Seelenlebens ohne
Ausnahme sind verknüpft mit materiellen Vorgängen in der lebendigen Substanz
des Körpers, im P l a s m a oder P r o t o p l a s m a. Wir haben jenen Teil des
letzteren, der als der Träger der Psyche erscheint, als P s y c h o p l a s m a
bezeichnet; wir erblicken darin kein besonderes »Wesen«, sondern wir
betrachten die P s y c h e a l s K o l l e k t i v b e g r i f f f ü r d i e
g e s a m t e n p s y c h i s c h e n F u n k t i o n e n d e s P l a s m a. »Seele« ist
in diesem Sinne ebenso eine physiologische Abstraktion wie der Begriff
»Stoffwechsel« oder »Zeugung«. Beim Menschen und den höheren Tieren ist
das Psychoplasma, zufolge der vorgeschrittenen Arbeitsteilung der Organe und
Gewebe, ein differenzierter Bestandteil des Nervensystems, das
N e u r o p l a s m a der Ganglienzellen und ihrer leitenden Ausläufer, der Nervenfasern. Bei den niederen Tieren dagegen, die noch keine gesonderten
Nerven und Sinnesorgane besitzen, ist das Psychoplasma noch nicht zur
selbständigen Differenzierung gelangt, ebensowenig bei den Pflanzen. Bei den
einzelligen Protisten ist das Psychoplasma identisch mit dem ganzen lebendigen
P r o t o p l a s m a desselben. In allen Fällen, ebenso auf dieser niedersten wie auf
jener höchsten S t u f e der psychologischen Entwickelungsreihe, ist eine gewisse
c h e m i s c h e Zusammensetzung des Psychoplasma und eine gewisse
p h y s i k a l i s c h e Beschaffenheit desselben unentbehrlich, wenn die »Seele«
arbeiten soll. Das gilt ebenso von der elementaren Seelentätigkeit der
plasmatischen Empfindung und Bewegung bei den Protozoen, wie von den
zusammengesetzten Funktionen der Sinnesorgane und des Gehirns bei den
höheren Tieren und dem Menschen. Die Arbeit des Psychoplasma, die wir
»Seele« nennen, ist stets mit Stoffwechsel verknüpft.
Stufenleiter der Empfindungen. Alle lebendigen Naturkörper ohne Ausnahme
sind empfindlich; sie unterscheiden die Zustände der umgebenden Außenwelt
und reagieren darauf durch gewisse Veränderungen in ihrem Innern. Licht und
Wärme, Schwerkraft und Elektrizität, mechanische Prozesse und chemische
Vorgänge in der Umgebung wirken als »R e i z e« auf das empfindliche
P s y c h o p l a s m a und rufen Veränderungen in seiner molekularen
Zusammensetzung hervor. Als Hauptstufen seiner E m p f i n d l i c h k e i t
unterscheiden wir folgende fünf Grade:
I . Auf den untersten Stufen der Organisation ist das ganze P s y c h o p l a s m a
als solches empfindlich und reagiert auf die einwirkenden Reize, so bei den
niederen Protisten, bei vielen Pflanzen und einem Teile der unvollkommensten
Tiere. II. Auf der zweiten Stufe beginnen sich an der Oberfläche des Körpers
einfachste S i n n e s w e r k z e u g e zu entwickeln, in Form von Plasmahaaren
und Pigmentflecken, als Vorläufer von Tastorganen und Augen; so bei einem
Teile der höheren Protisten, aber auch bei vielen niederen Tieren und Pflanzen.
III. Auf der dritten Stufe haben sich aus diesen einfachen Grundlagen durch
D i f f e r e n z i e r u n g s p e z i f i s c h e S i n n e s o r g a n e entwickelt, mit
eigentümlicher Anpassung: die chemischen Werkzeuge des Geruchs und
Geschmacks, die physikalischen Organe des Tastsinnes und Wärmesinnes, des
Gehörs und Gesichts. Die »spezifische Energie« dieser höheren Sinnesorgane ist
keine ursprüngliche Eigenschaft, sondern durch funktionelle Anpassung und
progressive Vererbung erworben. IV. Auf der vierten Stufe tritt die
Z e n t r a l i s a t i o n d e s N e r v e n s y s t e m s und damit zugleich diejenige
der Empfindung ein, durch Assozion der früheren isolierten oder lokalisierten
Empfindungen entstehen Vorstellungen, die zunächst noch unbewußt bleiben, so bei vielen niederen und höheren Tieren. V. Auf der fünften Stufe bildet sich im
Zentralteil des Nervensystems eine besondere Sammelstelle für die empfangenen
Eindrücke und die aus ihnen zusammengesetzten Erlebnisse aus. Ihre Funktion
kennen wir bei uns selbst als bewußte Empfindung; ähnliche Organe besitzen
alle höheren Wirbeltiere und unter den Wirbellosen sind sie besonders bei den
Gliedertieren bekannt.
Stufenleiter der Bewegungen. Alle lebendigen Naturkörper ohne Ausnahme
sind s p o n t a n beweglich, im Gegensatze zu den starren und unbeweglichen
Anorganen (Krystallen), d. h. es finden im lebendigen P s y c h o p l a s m a
Lageveränderungen der Teilchen aus inneren Ursachen statt, welche in dessen
chemischer Konstitution selbst begründet sind. Diese aktiven vitalen
Bewegungen sind zum Teil direkt durch Beobachtung wahrzunehmen, zum
anderen Teil aber nur indirekt aus ihren Wirkungen zu erschließen. Wir
unterscheiden fünf Abstufungen derselben.
I . Auf der untersten Stufe des organischen Lebens nehmen wir nur jene
W a c h s t u m sbewegungen wahr, welche allen Organismen gemeinsam
zukommen. Sie geschehen gewöhnlich so langsam, daß man sie nicht
unmittelbar beobachten, sondern nur indirekt aus ihrem Resultate erschließen
kann, aus der Veränderung in Größe und Gestalt des wachsenden Körpers. II.
Viele Protisten, namentlich einzellige Algen aus den Gruppen der Diatomeen
und Desmidiaceen, bewegen sich kriechend oder schwimmend durch
S e k r e t i o n fort, durch einseitige Ausscheidung einer schleimigen Masse. III.
Andere, im Wasser schwebende Organismen, z. B. viele Radiolarien,
Siphonophoren, Ktenophoren u. a., steigen auf und nieder, indem sie ihr
s p e z i f i s c h e s G e w i c h t verändern, bald durch Osmose, bald durch
Absonderung oder Ausstoßung von Luft. IV. Viele Pflanzen, besonders die
empfindlichen Sinnpflanzen (Mimosen) und andere Papilionaceen, führen
Bewegungen von Blättern oder anderen Teilen mittels T u r g o r w e c h s e l s
aus, d. h. es verändert sich die Spannung des Protoplasmas und damit auch
dessen Druck auf die umschließende elastische Zellenwand. V. Die wichtigsten
von allen organischen Bewegungen sind die
K o n t r a k t i o n s e r s c h e i n u n g e n, d. h. Gestaltsveränderungen der
Körperoberfläche, welche mit gegenseitigen Lageverschiebungen ihrer Teilchen
verbunden sind; sie verlaufen stets in zwei verschiedenen Zuständen oder Phasen
der Bewegung: der K o n t r a k t i o n s p h a s e (Zusammenziehung) und der
E x p a n s i o n s p h a s e (Ausdehnung). Als vier verschiedene Formen der
Plasmakontraktion werden unterschieden Va: die a m ö b o i d e n Bewegungen
(bei Rhizopoden, Blutzellen, Pigmentzellen usw.); Vb: die ähnlichen P l a s m a s t r ö m u n g e n im Innern von abgeschlossenen Zellen; Vc: die
F l i m m e r b e w e g u n g (Geißelbewegung und Wimperbewegung) bei
Infusorien, Samenzellen, Flimmerepithelzellen, und endlich Vd: die
Muskelbewegung (bei den meisten Tieren).
Reflexe. Die elementare Seelentätigkeit, welche durch die Verknüpfung von
Empfindung und Bewegung entsteht, nennen wir R e f l e x. Die Bewegung —
gleichviel welcher Art — erscheint hier als die unmittelbare Folge des R e i z e s,
welcher die Empfindung hervorgerufen hat; man hat sie daher auch im
einfachsten Falle (bei Protisten) kurz als »R e i z b e w e g u n g« bezeichnet.
Alles lebende Plasma besitzt Reizbarkeit (Irritabilität). Jede physikalische oder
chemische Veränderung der umgebenden Außenwelt kann unter Umständen auf
das Psychoplasma als Reiz wirken und eine Bewegung hervorrufen oder
»auslösen«. Wir werden später sehen, wie der wichtige physikalische Begriff der
A u s l ö s u n g die einfachsten organischen Reflextaten unmittelbar anschließt an
ähnliche mechanische Bewegungsvorgänge in der anorganischen Natur (z. B. bei
der Explosion von Pulver durch einen Funken, von Dynamit durch einen Stoß).
Einfache und zusammengesetzte Reflexe. Der wichtige Unterschied, den wir
in morphologischer und physiologischer Hinsicht zwischen den einzelligen
Organismen (Protisten) und den vielzelligen (Histonen) machen, gilt auch für deren
elementare Seelentätigkeit, für die Reflextat. Bei den e i n z e l l i g e n
P r o t i s t e n läuft der ganze Prozeß des Reflexes innerhalb des Protoplasma
einer einzigen Zelle ab; die »Z e l l s e e l e« derselben erscheint noch als eine
einheitliche Funktion des Psychoplasma, deren einzelne Phasen sich erst mit der
Differenzierung besonderer Organe zu sondern beginnen. Schon bei
Z e l l v e r e i n e n beginnt die zweite Stufe der Seelentätigkeit, der
z u s a m m e n g e s e t z t e R e f l e x. Die zahlreichen sozialen Zellen, welche
diese Zellvereine zusammensetzen, stehen immer in mehr oder weniger enger
Verbindung, oft direkt durch fadenförmige Plasmabrücken. Ein Reiz, welcher
eine oder mehrere Zellen des Verbandes trifft, wird durch die
Verbindungsbrücken den übrigen mitgeteilt und kann alle zu gemeinsamer
Kontraktion veranlassen. Dieser Zusammenhang besteht auch in den Geweben
der vielzelligen Pflanzen und Tiere. Während man früher irrtümlich annahm, daß
die Zellen der Pflanzengewebe ganz isoliert nebeneinander stehen, sind jetzt
überall feine Plasmafäden nachgewiesen, welche die dicken Zellmembranen
durchsetzen und ihre lebendigen Plasmakörper in materiellem und
psychologischem Zusammenhang erhalten. So erklärt es sich, daß die
Erschütterung der empfindlichen Wurzel von Mimosa, welche der Tritt des
Wanderers auf den Boden verursacht, sofort den Reiz auf alle Zellen des Pflanzenstockes überträgt und ihre zarten Fiederblätter zum Zusammenlegen, die
Blattstiele zum Herabsinken veranlaßt.
Reflex und Bewußtsein. Auf die Frage, inwieweit dem Organismus seine
Reaktionen auf die Reize der Umwelt bewußt werden, kann eine allgemeine
Antwort nicht gegeben werden. Vom Bewußtsein wissen wir eigentlich nur
insofern, als es die unmittelbare Erfahrung unseres eigenen Erlebens ist.
Vergleichende Betrachtung der Reflexe selbst und besonders auch ihrer
anatomischen Grundlagen berechtigen uns aber zu der Annahme, daß diejenigen
Tiere, die einen ähnlichen Assozionsapparat in ihren Reflexbogen eingeschaltet
haben wie wir, auch in ähnlicher Weise erleben, also ein dem unseren analoges
Bewußtwerden ihrer psychischen Funktionen besitzen. Als solche Tiere kommen
die uns stammesgeschichtlich nahe stehenden Wirbeltiere und von den
Wirbellosen vielleicht die sozialen Gliedertiere und die Kopffüßer (Cephalopoden)
in Betracht.
Stufenleiter der Vorstellungen. Der Schauplatz klaren Bewußtseins sind beim
Menschen vor allem die Vorstellungen. Doch ist das Bewußtsein kein
wesentliches Merkmal der Vorstellungen; wir nehmen solche vielmehr bei allen
Organismen an, ohne daß wir ihnen ein dem unseren ähnliches klar bewußtes
Erleben zuschreiben. Im allgemeinen erscheint die Vorstellung als das i n n e r e
B i l d des äußeren Objektes, welches durch die Empfindung übermittelt ist.
I . Z e l l u l a r e Vo r s t e l l u n g. Auf den niedersten Stufen begegnet uns die
Vorstellung als eine allgemeine physiologische Funktion des Psychoplasma;
schon bei den einfachsten einzelligen Protisten können Empfindungen bleibende
Spuren im Psychoplasma hinterlassen, und diese können vom Gedächtnis
reproduziert werden. Bei mehr als viertausend Radiolarienarten, welche ich
beschrieben habe, ist jede einzelne Spezies durch eine besondere erbliche
Skelettform ausgezeichnet. Die Produktion dieses spezifischen, oft höchst
verwickelt gebauten Skeletts durch eine höchst einfach gestaltete (meist
kugelige) Zelle ist nur dann erklärlich, wenn wir dem bauenden Plasma die
Fähigkeit der Vorstellung zuschreiben, und zwar der besonderen Reproduktion
des »plastischen Distanzgefühls«, wie ich in meiner Psychologie der Radiolarien
gezeigt habe (1887, S. 121).
II. H i s t o n a l e Vo r s t e l l u n g . Schon bei den Zönobien oder Zellvereinen
der geselligen Protisten, noch mehr aber in den Geweben der Pflanzen und der
niederen, nervenlosen Tiere (Spongien, Polypen) begegnen wir der zweiten Stufe
der Vorstellung, welche auf dem gemeinsamen Seelenleben zahlreicher, eng
verbundener Zellen beruht. Da einmalige Reize nicht bloß eine vorübergehende
Bewegung eines Organes (z. B. eines Pflanzenblattes, eines Polypenarmes) auslösen, sondern einen bleibenden Eindruck hinterlassen, der von diesem später
reproduziert werden kann, so müssen wir zur Erklärung dieser Erscheinung eine
Histonal-Vorstellung annehmen, gebunden an das Psychoplasma der assoziierten
Gewebezellen.
III. U n b e w u ß t e Vo r s t e l l u n g d e r G a n g l i e n z e l l e n . Die dritte,
höhere Stufe der Vorstellung ist die häufigste Form dieser Seelentätigkeit im
Tierreich; sie erscheint als eine Lokalisation des Vorstellens auf bestimmte
»Seelenzellen« oder Gruppen von Nervenzellen. Mit der aufsteigenden
Entwickelung des Zentralnervensystems im Tierreich, seiner zunehmenden
Differenzierung und Integration erhebt sich auch die Ausbildung dieser
Vorstellungen zu immer höheren Stufen.
IV. B e w u ß t e Vo r s t e l l u n g d e r G e h i r n z e l l e n . Erst auf den
höchsten Entwickelungsstufen der tierischen Organisation entwickelt sich das
Bewußtsein als eine besondere Funktion eines bestimmten Zentralorgans des
Nervensystems. Indem die Vorstellungen bewußte werden, und indem besondere
Gehirnteile sich zur A s s o z i o n der bewußten Vorstellungen reich entfalten,
wird der Organismus zu jenen höchsten psychischen Funktionen befähigt,
welche wir als D e n k e n und Überlegen, als Verstand und Ve r n u n f t
bezeichnen. Obgleich die Absteckung der phyletischen Grenze zwischen den
älteren, unbewußten und den jüngeren, bewußten Vorstellungen höchst schwierig
ist, können wir doch mit Wahrscheinlichkeit annehmen, daß die letzteren aus den
ersteren p o l y p h y l e t i s c h entstanden sind. Denn wir dürfen bewußtes und
vernünftiges Denken nicht nur bei den höchsten Formen des Wirbeltierstammes
annehmen (Mensch, Säugetiere, ein Teil der niederen Vertebraten), sondern auch
bei den höchstentwickelten Vertretern anderer Tierstämme (Ameisen und andere
Insekten, Spinnen und höhere Krebse unter den Gliedertieren, Cephalopoden
unter den Weichtieren).
Stufenleiter des Gedächtnisses. Eng verknüpft mit der Stufenleiter in der
Entwickelung der Vorstellungen ist diejenige des Gedächtnisses; diese höchst
wichtige Funktion des Psychoplasma — die Bedingung aller fortschreitenden
Seelenentwickelung — ist ja im wesentlichen R e p r o d u k t i o n v o n
Vo r s t e l l u n g e n. Die Eindrücke im Plasma, welche der Reiz als Empfindung
bewirkt hatte, und welche bleibend zu Vorstellungen geworden waren, werden
neu belebt; sie gehen aus dem p o t e n t i e l l e n in den a k t u e l l e n Zustand
über. Entsprechend den vier Stufen der Vorstellung können wir auch beim
Gedächtnis vier Hauptstufen der aufsteigenden Entwickelung unterscheiden.
I . Zellulargedächtnis. Mit Recht hatte der Physiologe E w a l d H e r i n g in
einer gedankenreichen Abhandlung »das Gedächtnis als eine allgemeine Funktion der organisierten Materie« bezeichnet und die hohe Bedeutung dieser
Seelentätigkeit hervorgehoben, »der wir fast alles verdanken, was wir sind und
haben« (1870). Ich habe später (1876) diesen Gedanken weiter ausgeführt und in
seiner fruchtbaren Anwendung auf die Entwickelungslehre zu begründen
versucht, in meiner Abhandlung über »Die Perigenesis der Plastidule oder die
Wellenzeugung der Lebensteilchen; ein Versuch zur mechanischen Erklärung der
elementaren Entwickelungsvorgänge«. Ich habe dort das »unbewußte
Gedächtnis« als eine allgemeine, höchst wichtige Funktion aller P l a s t i d u l e
nachzuweisen gesucht, d. h. jener hypothetischen Moleküle oder
Molekülgruppen, welche von N a e g e l i als M i c e l l e n, von anderen als
B i o p l a s t e n usw. bezeichnet worden sind. Nur die l e b e n d i g e n Plastidule,
als die individuellen Molekeln des aktiven Plasma, sind reproduktiv und besitzen
somit Gedächtnis; das ist der Hauptunterschied der organischen Natur von der
anorganischen. Man kann sagen: »D i e E r b l i c h k e i t i s t d a s
G e d ä c h t n i s d e r P l a s t i d u l e, hingegen die Variabilität ist die
Fassungskraft der Plastidule«. Das elementare Gedächtnis der einzelligen
Protisten setzt sich zusammen aus dem molekularen Gedächtnis der Plastidule
oder Micellen, aus welchen ihr lebendiger Zellenleib sich aufbaut. Für die
erstaunlichen Leistungen des unbewußten Gedächtnisses bei diesen einzelligen
Protisten ist wohl keine Tatsache lehrreicher als die unendlich mannigfaltige und
regelmäßige Bildung ihrer Schutzapparate, der Schalen und Skelette; besonders
die Diatomeen unter den Protophyten, die Radiolarien unter den Protozoen
liefern dafür eine Fülle von interessanten Beispielen. In vielen tausend Arten
dieser Protisten vererbt sich die spezifische Skelettform r e l a t i v k o n s t a n t.
(Vergl. die wichtige Schrift von R i c h a r d S e m o n, 1904: »Die Mneme als
erhaltendes Prinzip im Wechsel des organischen Geschehens«).
II. Histonalgedächtnis. Ebenso interessante Beweise für die zweite Stufe der
Erinnerung, für das unbewußte Gedächtnis der G e w e b e, liefert die Vererbung
der einzelnen Organe und Gewebe im Körper der Pflanzen und der niederen,
nervenlosen Tiere (Spongien usw.). Diese zweite Stufe erscheint als
R e p r o d u k t i o n d e r H i s t o n a l v o r s t e l l u n g e n, jener Assozion von
Zellularvorstellungen, die schon mit der Bildung von Zönobien bei den sozialen
Protisten beginnt.
III. Gleicherweise ist die dritte Stufe, das »u n b e w u ß t e G e d ä c h t n i s«
derjenigen Tiere, die bereits ein Nervensystem besitzen, als Reproduktion der
entsprechenden »unbewußten Vorstellungen« zu betrachten, welche in gewissen
Ganglienzellen aufgespeichert sind. Bei den meisten niederen Tieren ist wohl
alles Gedächtnis unbewußt. Aber auch beim Menschen und den höheren Tieren, denen wir Bewußtsein zuschreiben müssen, sind die täglichen Funktionen des
unbewußten Gedächtnisses ungleich häufiger und mannigfaltiger als diejenigen
des bewußten; davon überzeugt uns leicht eine unbefangene Prüfung von
tausend unbewußten Tätigkeiten, die wir aus Gewohnheit, ohne daran zu
denken, beim Gehen, Sprechen, Schreiben, Essen usw., täglich vollziehen.
IV. Das b e w u ß t e G e d ä c h t n i s, welches durch bestimmte Gehirnzellen
beim Menschen und den höheren Tieren vermittelt wird, erscheint daher nur als
eine spät entstandene »i n n e r e S p i e g e l u n g«, als die höchste Blüte
derselben psychischen Vorstellungs-Reproduktionen, welche bei unseren
niederen tierischen Vorfahren sich als unbewußte Vorgänge in den
Ganglienzellen abspielten.
Assozion der Vorstellungen. Die Ve r k e t t u n g der Vorstellungen, welche
man gewöhnlich als Assoziation der Ideen (oder kürzer Assozion) bezeichnet,
durchläuft ebenfalls eine lange Stufenleiter von den niedersten bis zu den
höchsten Stufen. Die Erzeugnisse dieser »Ideenassozion« sind äußerst
mannigfaltig; trotzdem aber führt eine sehr lange, ununterbrochene Stufenleiter
allmählicher Entwickelung von den einfachsten Assozionen der niedersten
Protisten bis zu den vollkommensten Ideenverkettungen des Kulturmenschen
hinauf. Alles höhere Seelenleben wird um so vollkommener, je mehr sich die
normale Assozion unendlich zahlreicher Vorstellungen ausdehnt, und je
naturgemäßer dieselben durch die kritische Vernunft geordnet werden. Im
T r a u m e, wo diese Kritik fehlt, erfolgt oft die Assozion der reproduzierten
Vorstellungen in der konfusesten Form. Aber auch im Schaffen der
P h a n t a s i e, welche durch mannigfaltige Verkettung vorhandener
Vorstellungen ganz neue Gruppen derselben produziert, ebenso in den
Halluzinationen usw. werden dieselben oft ganz naturwidrig geordnet und
erscheinen daher bei nüchterner Betrachtung u n v e r n ü n f t i g. Ganz besonders
gilt dies von den übernatürlichen »G e s t a l t e n d e s G l a u b e n s«, dem
Geisterspuk des Spiritismus und Okkultismus. Aber gerade diese a b n o r m e n
A s s o z i o n e n des »Glaubens« und der angeblichen »Offenbarung« werden
vielfach als die wertvollsten »Geistesgüter« des Menschen hochgeschätzt.
Instinkte. Die veraltete Psychologie des Mittelalters, die allerdings auch heute
noch viele Anhänger besitzt, betrachtete das Seelenleben des Menschen und der
Tiere als gänzlich verschiedene Erscheinungen; sie leitete das erstere von der
»Ve r n u n f t«, das letztere von dem »I n s t i n k t« ab. Der traditionellen
Schöpfungsgeschichte entsprechend nahm man an, daß jeder Tierart bei ihrer
Schöpfung eine bestimmte, unbewußte Seelenqualität vom Schöpfer
eingepflanzt sei, und daß dieser »N a t u r t r i e b« (Instinctus) einer jeden Species ebenso unveränderlich sei wie deren körperliche Organisation. Nachdem schon
L a m a r c k (1809) bei Begründung seiner Deszendenztheorie diesen Irrtum als
unhaltbar erwiesen, wurde er durch D a r w i n (1859) vollständig widerlegt; er
bewies an der Hand seiner Selektionstheorie folgende wichtige Lehrsätze: I. Die
Instinkte der Spezies sind individuell verschieden und ebenso der Abänderung
durch A n p a s s u n g unterworfen wie die morphologischen Merkmale der
Körperbildung. II. Diese Variationen (großenteils durch veränderte
Gewohnheiten entstanden) werden durch Ve r e r b u n g teilweise auf die
Nachkommen übertragen und im Laufe der Generationen gehäuft und befestigt.
III. D i e S e l e k t i o n (ebenso die künstliche wie die natürliche) trifft unter
diesen erblichen Abänderungen der Seelentätigkeit eine Auswahl, sie erhält die
zweckmäßigsten und entfernt die weniger passenden Modifikationen. IV. Die
dadurch bedingte D i v e r g e n z des psychischen Charakters führt so im Laufe
der Generationsfolgen ebenso zur Entstehung neuer Instinkte, wie die Divergenz
des morphologischen Charakters zur Entstehung neuer Spezies. Dies gilt für
sämtliche Protisten und Pflanzen ebenso wie für sämtliche Tiere und Menschen.
Die Instinkte treten aber bei letzteren um so mehr zurück, je mehr sich auf ihre
Kosten die Ve r n u n f t entwickelt.
Stufenleiter der Vernunft. In jenen oberflächlichen, mit dem Seelenleben der
Tiere unbekannten psychologischen Betrachtungen, welche nur im Menschen
eine »wahre Seele« anerkennen, wird auch ihm allein als höchstes Gut die
»Ve r n u n f t« und das Bewußtsein zugeschrieben. Auch dieser Irrtum ist durch
die vergleichende Psychologie der letzten Jahrzehnte gründlich widerlegt. Die
höheren Wirbeltiere besitzen ebensogut Vernunft wie der Mensch selbst, und
innerhalb der Tierreihe zeigt sich ebenso eine lange Stufenleiter in der
allmählichen Entwickelung der Vernunft wie innerhalb der Menschenreihe. Der
Unterschied zwischen der Vernunft eines G o e t h e, K a n t, L a m a r c k,
D a r w i n und derjenigen des niedersten Naturmenschen, eines Wedda, Akka,
Australnegers und Patagoniers, ist viel größer als die Differenz zwischen der
Vernunft dieser letzteren und der »vernünftigsten« Säugetiere, der
Menschenaffen, Hunde, Elefanten usw.
Sprache. Der höhere Grad von Entwickelung der Begriffe, von Verstand und
Vernunft, welcher den Menschen so hoch über die Tiere erhebt, ist eng verknüpft
mit der Ausbildung seiner Sprache. Aber auch hier, wie dort, ist eine lange
Stufenleiter der Entwickelung nachweisbar, welche ununterbrochen von den
niedersten zu den höchsten Bildungsstufen hinaufführt. Sprache ist ebensowenig
als Vernunft ein ausschließliches Eigentum des Menschen. Vielmehr ist Sprache
im weiteren Sinne ein gemeinsamer Vorzug aller höheren s o z i a l e n T i e r e, mindestens aller Gliedertiere und Wirbeltiere, welche in Gesellschaften und
Herden vereinigt leben; sie ist ihnen notwendig zur Verständigung, zur
Mitteilung ihrer Vorstellungen. Diese kann nun entweder durch Berührung oder
durch Zeichengebung geschehen, oder durch Töne, welche bestimmte Begriffe
bezeichnen. Auch der Gesang der Singvögel und der singenden Menschenaffen
(Hylobates) gehört zur Lautsprache, ebenso wie das Bellen der Hunde und das
Wiehern der Pferde; ferner das Zirpen der Grillen und das Geschrei der Zikaden.
Aber nur beim Menschen hat sich jene a r t i k u l i e r t e B e g r i f f s s p r a c h e
entwickelt, welche seine Vernunft zu so viel höheren Leistungen befähigt. Die
v e r g l e i c h e n d e S p r a c h f o r s c h u n g hat gelehrt, wie die zahlreichen
hochentwickelten Sprachen der verschiedenen Völker sich aus wenigen
einfachen Ursprachen langsam und allmählich entwickelt haben. R o m a n e s
(1893) hat überzeugend dargetan, daß die Sprache des Menschen nur dem
G r a d e der Entwickelung nach, nicht dem Wesen und der A r t nach von
derjenigen der höheren Tiere verschieden ist.
Stufenleiter der Gemütsbewegungen oder Affekte. Die wichtige Gruppe von
Seelentätigkeiten, welche wir unter dem Begriffe »G e m ü t« zusammenfassen,
spielt eine große Rolle ebenso in der theoretischen wie in der praktischen
Vernunftlehre. Für unsere Betrachtungsweise sind sie deshalb besonders wichtig,
weil hier der direkte Zusammenhang der Gehirnfunktion mit anderen
physiologischen Funktionen (Herzschlag, Sinnestätigkeit, Muskelbewegung)
unmittelbar einleuchtet; dadurch wird hier besonders das Widernatürliche und
Unhaltbare jener Philosophie klar, welche die Psychologie prinzipiell von der
Physiologie trennen will. Alle die zahlreichen Äußerungen des Gemütslebens,
welche wir beim Menschen finden, kommen auch bei den höheren Tieren vor
(besonders bei den Menschenaffen und Hunden); so verschiedenartig sie auch
entwickelt sind, so lassen sich doch alle wieder auf die beiden
E l e m e n t a r f u n k t i o n e n d e r P s y c h e zurückführen, auf Empfindung
und Bewegung, und auf deren Verbindung im Reflex und in der Vorstellung.
Zum Gebiete der Empfindung im weiteren Sinne gehört das G e f ü h l v o n
L u s t u n d U n l u s t, welches das Gemüt bestimmt, und ebenso gehört auf der
anderen Seite zum Gebiete der Bewegung die entsprechende Z u n e i g u n g
u n d A b n e i g u n g (»Liebe und Haß«), das Streben nach Erlangen der Lust
und nach Vermeiden der Unlust. »Anziehung und Abstoßung« erscheinen hier
zugleich als die Urquelle des Willens. D i e L e i d e n s c h a f t e n, welche eine
so große Rolle im höheren Seelenleben des Menschen spielen, sind nur
Steigerungen der »Gemütsbewegungen« und Affekte. Daß auch diese den
Menschen und Tieren gemeinsam sind, hat R o m a n e s einleuchtend gezeigt.
Auf der tiefsten Stufe des organischen Lebens schon finden wir bei allen Protisten jene elementaren Gefühle von Lust und Unlust, welche sich in ihren
sogenannten T r o p i s m e n äußern, in dem S t r e b e n nach Licht oder
Dunkelheit, nach Wärme oder Kälte, in dem verschiedenen Verhalten gegen
positive und negative Elektrizität. Auf der höchsten Stufe des Seelenlebens
dagegen treffen wir beim Kulturmenschen jene feinsten Gefühlstöne und
Abstufungen von Entzücken und Abscheu, von Liebe und Haß, welche die
Triebfedern der Kulturgeschichte und die unerschöpfliche Fundgrube der Poesie
sind. Und doch verbindet eine zusammenhängende Kette von allen denkbaren
Übergangsstufen jene primitivsten Urzustände des Gemüts im
P s y c h o p l a s m a der einzelligen Protisten mit diesen höchsten
Entwickelungsformen der Leidenschaften beim Menschen, welche sich in den
Ganglienzellen der Großhirnrinde abspielen.
Stufenleiter des Willens. Der Begriff des W i l l e n s unterliegt gleich anderen
psychologischen Grundbegriffen den verschiedensten Deutungen und
Definitionen. Bald wird der Wille im weitesten Sinne als k o s m o l o g i s c h e s
Attribut betrachtet: »die W e l t als Wille und Vorstellung« (S c h o p e n h a u e r),
bald im engsten Sinne als ein a n t h r o p o l o g i s c h e s Attribut, als eine
ausschließliche Eigenschaft des Menschen; letzteres gilt z. B. für D e s c a r t e s,
für welchen die Tiere willenlose und empfindungslose Maschinen sind. Im
gewöhnlichen Sprachgebrauch wird der Wille von der Erscheinung der
willkürlichen Bewegung abgeleitet und somit als eine Seelentätigkeit der
meisten Tiere betrachtet. Wenn wir den Willen im Lichte der vergleichenden
Physiologie und Entwickelungsgeschichte untersuchen, so kommen wir —
ebenso wie bei der Empfindung — zur Überzeugung, daß er eine allgemeine
Eigenschaft des lebenden P s y c h o p l a s m a ist.
Willensfreiheit. Das Problem von der Freiheit des menschlichen Willens ist
unter allen Welträtseln dasjenige, welches den denkenden Menschen von jeher
am meisten beschäftigt hat, und zwar deshalb, weil sich hier mit dem hohen
philosophischen Interesse der Frage zugleich die wichtigsten Folgerungen für
die praktische Philosophie verknüpfen, für die Moral, die Erziehung, die
Rechtspflege usw. E. D u B o i s - R e y m o n d, welcher dasselbe als das
siebente und letzte unter seinen »sieben Welträtseln« behandelt, sagt daher von
dem Problem der Willensfreiheit mit Recht: »Jeden berührend, scheinbar jedem
zugänglich, innig verflochten mit den Grundbedingungen der menschlichen
Gesellschaft, auf das tiefste eingreifend in die religiösen Überzeugungen, hat
diese Frage in der Geistes- und Kulturgeschichte eine Rolle von unermeßlicher
Wichtigkeit gespielt, und in ihrer Behandlung spiegeln sich die
Entwickelungsstadien des Menschengeistes deutlich ab. — Vielleicht gibt es keinen Gegenstand menschlichen Nachdenkens, über welchen längere Reihen
nie mehr aufgeschlagener Folianten im Staube der Bibliotheken modern.« —
Diese Wichtigkeit der Frage tritt auch darin klar zutage, daß K a n t die
Überzeugung von der »Willensfreiheit« unmittelbar neben diejenige von der
»Unsterblichkeit der Seele« und neben den »Glauben an Gott« stellte. Er
bezeichnete diese drei großen Fragen als die drei unentbehrlichen »P o s t u l a t e
d e r p r a k t i s c h e n Ve r n u n f t«, nachdem er vorher in der »K r i t i k d e r
r e i n e n Ve r n u n f t« klar dargelegt hatte, daß ihre Annahme völlig
unbegründet ist.
Das Merkwürdigste in dem großartigen und höchst verworrenen Streite über die
Willensfreiheit ist vielleicht die Tatsache, daß dieselbe theoretisch nicht nur von
höchst kritischen Philosophen, sondern auch von den extremsten Gegensätzen
verneint und trotzdem von den meisten Menschen als selbstverständlich noch
heute bejaht wird. Hervorragende Lehrer der christlichen Kirche, wie der
Kirchenvater A u g u s t i n und der Reformator C a l v i n, leugnen die
Willensfreiheit ebenso bestimmt wie die bekanntesten Führer des reinen
Materialismus, H o l b a c h im 18. und B ü c h n e r im 19. Jahrhundert. Die
christlichen Theologen verneinen sie, weil sie mit ihrem festen Glauben an die
Allmacht Gottes und die Prädestination unvereinbar ist; Gott, der Allmächtige
und Allwissende, sah und wollte alles von Ewigkeit voraus; also bestimmte er
auch das Handeln der Menschen. Wenn der Mensch nach freiem Willen
handelte, anders, als es Gott vorausbestimmt hatte, so wäre Gott nicht allmächtig
und allwissend gewesen. In demselben Sinne war auch L e i b n i z unbedingter
D e t e r m i n i s t. Die monistischen Naturforscher des 18. Jahrhunderts, allen
voran L a p l a c e, verteidigten den Determinismus wieder auf Grund ihrer
einheitlichen mechanischen Weltanschauung.
Der gewaltige Kampf zwischen den D e t e r m i n i s t e n und
I n d e t e r m i n i s t e n, zwischen den Gegnern und den Anhängern der
Willensfreiheit, ist heute, nach mehr als zwei Jahrtausenden, endgültig zugunsten
der ersteren entschieden. Der menschliche Wille ist ebensowenig frei als
derjenige der höheren Tiere, von welchem er sich nur dem Grade, nicht der Art
nach unterscheidet. Während noch im 18. Jahrhundert das alte Dogma von der
Willensfreiheit wesentlich mit allgemeinen, philosophischen und
kosmologischen Gründen bestritten wurde, hat uns dagegen das 19. Jahrhundert
ganz andere Waffen zu dessen definitiver Widerlegung geschenkt, die
gewaltigen Waffen, welche wir dem Arsenal der v e r g l e i c h e n d e n
P h y s i o l o g i e u n d E n t w i c k e l u n g s g e s c h i c h t e verdanken. Wir
wissen jetzt, daß jeder Willensakt ebenso durch die Organisation des wollenden Individuums bestimmt und ebenso von den jeweiligen Bedingungen der
umgebenden Außenwelt abhängig ist wie jede andere Seelentätigkeit. Der
Charakter des Strebens ist von vornherein durch die Ve r e r b u n g von Eltern
und Voreltern bedingt; der Entschluß zum jedesmaligen Handeln wird durch die
A n p a s s u n g an die momentanen Umstände gegeben, wobei das stärkste
Motiv den Ausschlag gibt, entsprechend den Gesetzen, welche die Statik der
Gemütsbewegungen bestimmen. Die O n t o g e n i e lehrt uns die individuelle
Entwickelung des Willens beim Kinde verstehen, die P h y l o g e n i e aber die
historische Ausbildung des Willens innerhalb der Reihe unserer Wirbeltier-
Ahnen.