Die Welträtsel
Siebzehntes Kapitel. Wissenschaft und Christentum.
S i e b z e h n t e s K a p i t e l .
Wissenschaft und Christentum.
Monistische Studien über den Kampf zwischen der wissenschaftlichen
Erfahrung und der christlichen Offenbarung. Vier Perioden in der
historischen Metamorphose der christlichen Religion. Vernunft und
Dogma.
Zu den hervorragenden Charakterzügen des 19. Jahrhunderts gehört die
wachsende Schärfe des Gegensatzes zwischen Wissenschaft und Christentum.
Das ist ganz natürlich und notwendig; denn in demselben Maße, in welchem die
siegreichen Fortschritte der modernen N a t u r e r k e n n t n i s alle
wissenschaftlichen Eroberungen früherer Jahrhunderte überflügeln, ist zugleich
die Unhaltbarkeit aller jener mystischen Weltanschauungen offenbar geworden,
welche die Vernunft unter das Joch der sogenannten »O f f e n b a r u n g« beugen
wollten, und dazu gehört auch die christliche Religion. Je sicherer durch die
moderne Astronomie, Physik und Chemie die Alleinherrschaft unbeugsamer
Naturgesetze im Universum, durch die moderne Botanik, Zoologie und
Anthropologie die Gültigkeit derselben Gesetze im Gesamtbereiche der
organischen Natur nachgewiesen ist, desto heftiger sträubt sich die christliche
Religion, im Vereine mit der dualistischen Metaphysik, die Geltung dieser
Naturgesetze im Bereiche des sogenannten »G e i s t e s l e b e n s« anzuerkennen,
d. h. in einem Teilgebiete der Gehirnphysiologie.
Diesen offenkundigen und unversöhnlichen Gegensatz zwischen der modernen
wissenschaftlichen und der überlebten christlichen Weltanschauung hat niemand
klarer, mutiger und unwiderleglicher bewiesen, als der größte Theologe des
19. Jahrhunderts, D a v i d F r i e d r i c h S t r a u ß. Sein letztes Bekenntnis:
»D e r a l t e u n d d e r n e u e G l a u b e« 1872, (14. Auflage 1900) ist der
allgemein gültige Ausdruck der ehrlichen Überzeugung aller derjenigen
Gebildeten der Gegenwart, welche den unvermeidlichen Konflikt zwischen den
anerzogenen, herrschenden Glaubenslehren des Christentums und den
einleuchtenden, vernunftgemäßen Offenbarungen der modernen
Naturwissenschaft einsehen; aller derjenigen, welche den Mut finden, das Recht
der Ve r n u n f t gegenüber den Ansprüchen des A b e r g l a u b e n s zu wahren,
und welche das philosophische Bedürfnis nach einer einheitlichen Naturanschauung empfinden. S t r a u ß hat als ehrlicher und mutiger Freidenker
weit besser, als ich es vermag, die wichtigsten Gegensätze zwischen »altem und
neuem Glauben« klargelegt. Die volle Unversöhnlichkeit zwischen beiden
Gegensätzen, die Unvermeidlichkeit des Entscheidungskampfes zwischen
beiden — »auf Tod und Leben« — hat von philosophischer Seite namentlich
E d u a r d H a r t m a n n nachgewiesen in seiner interessanten Schrift über die
Selbstzersetzung des Christentums (1874).
Unter den zahlreichen Werken, die im Laufe des 19. Jahrhunderts die
wissenschaftliche Kritik des Christentums, seines Wesens und seiner Lehre
gefördert haben, sind außerdem namentlich folgende hervorzuheben: D a v i d
S t r a u ß, Das Leben Jesu für das deutsche Volk. 1864 (11. Auflage, Bonn
1890). L u d w i g F e u e r b a c h, Das Wesen des Christentums. 1841 (4. Aufl.
1883). P a u l d e R e g l a (P. Desjardin), Jesus von Nazareth, vom
wissenschaftlichen, geschichtlichen und gesellschaftlichen Standpunkte
dargestellt. Leipzig 1894. S . E . Ve r u s, Vergleichende Übersicht der vier
Evangelien. Leipzig 1897.
Wenn man die Werke von S t r a u ß und F e u e r b a c h, sowie die »Geschichte
der Konflikte zwischen Religion und Wissenschaft« von J o h n W i l l i a m
D r a p e r (1875) gelesen hat, könnte es überflüssig erscheinen, diesem
Gegenstande hier ein besonderes Kapitel zu widmen. Trotzdem wird es nützlich
und notwendig sein, hier einen kritischen Blick auf den historischen Verlauf
dieses großen Kampfes zu werfen, und zwar deshalb, weil die A n g r i f f e der
streitenden Kirche auf die Wissenschaft im allgemeinen und auf die
Entwickelungslehre im besonderen in neuester Zeit besonders scharf und
gefahrdrohend geworden sind. Auch ist leider die geistige Erschlaffung, welche
sich neuerdings geltend macht, sowie die steigende Flut der Reaktion auf
politischem, sozialem und kirchlichem Gebiete nur zu sehr geeignet, jene
Gefahren zu verschärfen. Wollte jemand daran zweifeln, so braucht er nur die
Verhandlungen der christlichen Synoden und des Deutschen Reichstags in den
letzten Jahren zu lesen. Im Einklang damit stehen die Bemühungen vieler
weltlicher Regierungen, sich mit dem geistlichen Regimente, ihrem natürlichen
Todfeinde, auf möglichst guten Fuß zu setzen, d. h. sich dessen Joche zu
unterwerfen; als gemeinsames Ziel schwebt dabei den beiden Verbündeten die
Unterdrückung des freien Gedankens und der freien wissenschaftlichen
Forschung vor, mit dem Zwecke, sich auf diese Weise am leichtesten die
a b s o l u t e H e r r s c h a f t zu sichern.
Wir müssen ausdrücklich betonen, daß es sich hier um notgedrungene
Ve r t e i d i g u n g der Wissenschaft und der Vernunft gegen die scharfen Angriffe der christlichen Kirche und ihrer gewaltigen Heerscharen handelt, und
nicht etwa um unberechtigte A n g r i f f e der ersteren gegen die letzteren. In
erster Linie muß dabei unsere Abwehr gegen den P a p i s m u s oder
U l t r a m o n t a n i s m u s gerichtet sein; denn diese »allein seligmachende« und
»für alle bestimmte« katholische Kirche ist nicht allein weit größer und weit
mächtiger als die anderen christlichen Konfessionen, sondern sie besitzt vor
allem den Vorzug einer großartigen, zentralisierten Organisation und einer
unübertroffenen politischen Schlauheit. Man hört allerdings oft von
Naturforschern und von anderen Männern der Wissenschaft die Ansicht äußern,
daß der katholische Aberglaube nicht schlimmer sei als die anderen Formen des
übernatürlichen Glaubens, und daß diese trügerischen »Gestalten des Glaubens«
alle in gleichem Maße die natürlichen Feinde der Vernunft und Wissenschaft
seien. Im allgemeinen theoretischen Prinzip ist diese Behauptung richtig, aber in
bezug auf die praktischen Folgen irrtümlich; denn die zielbewußten und
rücksichtslosen Angriffe der ultramontanen Kirche auf die Wissenschaft,
gestützt auf die Trägheit und Dummheit der Volksmassen, sind vermöge ihrer
mächtigen Organisation ungleich schwerer und gefährlicher als diejenigen aller
anderen Religionen.
Entwickelung des Christentums. Um die ungeheure Bedeutung des
Christentums für die ganze Kulturgeschichte, besonders aber seinen prinzipiellen
Gegensatz gegen Vernunft und Wissenschaft richtig zu würdigen, müssen wir
einen flüchtigen Blick auf die wichtigsten Abschnitte seiner geschichtlichen
Entwickelung werfen. Wir unterscheiden in derselben vier Hauptperioden: I. das
U r c h r i s t e n t u m (die drei ersten Jahrhunderte), II. den P a p i s m u s (zwölf
Jahrhunderte, vom vierten bis fünfzehnten), III. die R e f o r m a t i o n (drei
Jahrhunderte, vom sechzehnten bis achtzehnten), IV. das moderne
S c h e i n c h r i s t e n t u m (im neunzehnten Jahrhundert).
I. D a s U r c h r i s t e n t u m umfaßt die ersten drei Jahrhunderte. Christus selbst,
der edle, ganz von Menschenliebe erfüllte Prophet und Schwärmer, stand tief
unter dem Niveau der klassischen Kulturbildung; er kannte nur jüdische
Tradition; er hat selbst keine einzige Zeile hinterlassen. Auch hatte er von dem
hohen Zustande der Welterkenntnis, zu dem griechische Philosophie und
Naturforschung schon ein halbes Jahrtausend früher sich erhoben hatten, keine
Ahnung. Alles, was wir von ihm und seinen ursprünglichen Lehren wissen, ist
den Hauptdokumenten des Neuen Testamentes entnommen — den vier
Evangelien und den Episteln des Paulus. Was die vier kanonischen Evangelien
betrifft, so wissen wir, daß sie ausgewählt sind aus einem Haufen von sich
widersprechenden und gefälschten Manuskripten aus dem 2. Jahrhundert. Der gültige Kanon scheint vor dem Ende des 2. Jahrhunderts festgesetzt zu sein,
obwohl Zweifel und Meinungsverschiedenheiten bis weit ins 4. Jahrhundert
hineinreichen. Das Konzilium von Nicäa, 325, fügt nach dem hl. Hieronymus
ein gewisses Buch in den Kanon ein, was auf eine Ungewißheit bis zu diesem
Datum schließen läßt. Neuere Gelehrsamkeit setzt den Zeitpunkt der Abfassung
der drei synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus und Lukas — die
anerkanntermaßen nach und nicht von diesen Männern geschrieben worden sind)
auf 65-100 n. Chr. und das Evangelium von Johannes auf einige Zeit vor 125
fest. Aber es kommt dabei in Betracht, daß, wenn die biblischen Gelehrten von
diesen Daten sprechen (im einzelnen — 65-70 für Markus, 70-75 für Matthäus,
80-98 für Lukas, 80-120 für Johannes), sie nicht an die Evangelien denken, wie
wir sie heute haben. Bis zum Hl. Justinus mindestens (und selbst er kann nicht
als Zeuge des wirklichen Evangeliums von Johannes angeführt werden), das ist
also bis zur Mitte des 2. Jahrhunderts, finden wir nur Erwähnungen (oft sehr
fragliche) von Sagen angeführt, die in den Evangelien zu finden sind. Mit andern
Worten, wir haben keinerlei authentischen Beweis für die Echtheit irgend einer
der Evangelienerzählungen, bis mehr als ein Jahrhundert nach dem Tode Christi.
Niemand, der weiß, in welchem Grade Legenden in der orientalischen
Atmosphäre anwachsen, kann Dokumenten solch späten Datums nur den
geringsten Glauben schenken. Selbst wenn das früheste synoptische Evangelium
70 n. Chr. datiert wäre (wir müssen immer bedenken, daß sich das nur auf »die
Aussagen Jesu« bezieht), so wäre noch der weite Spielraum von vierzig Jahren
für die Mythenbildung gegeben.
Die dreizehn Episteln des Apostels P a u l u s, von denen nur vier Anspruch auf
Echtheit machen können (Römer, Korinther 2, Galater), vermehren unsere
Kenntnis über die Begebenheiten im Leben Jesu nur sehr wenig. So bleiben wir
beschränkt auf sehr kärgliche und unsichere Nachforschungen über die
Handlungen und die Persönlichkeit des Gründers des Christentums. Der Glaube
an die tief eingewurzelten und beliebtesten Traditionen muß gänzlich verlassen
werden. Die Geschichte von der wunderbaren Geburt Christi wird verworfen;
dieser Mythus wird sowohl von den führenden christlichen Gelehrten
Deutschlands als auch Englands für eine der spätesten und der wenigst
glaubwürdigen »biblischen Geschichten« erklärt, mit anderen Worten: für eine
später eingeschobene wertlose Fälschung. Die Sagen von der Auferstehung und
von der Himmelfahrt Christi erfahren jetzt ein gleiches Schicksal. Das Neue
Testament wird zerstört wie das Alte, und die schöne Figur von Jesus löst sich
zusehends in ein Nebelbild auf.
Die unbefangenen und scharfsinnigen Forschungen der deutschen Theologen (S t r a u ß, F e u e r b a c h, B a u r u. a.), denen sich später auch englische,
französische und italienische Philosophen anschlossen, hatten schon um die
Mitte des 19. Jahrhunderts gezeigt, daß das »Leben Jesu« zum größten Teile ein
Erzeugnis der religiösen D i c h t u n g, ähnlich der von Buddha ist, und daß keine
zuverlässigen historischen Quellen darüber existieren. Viel klarer ergibt sich das
aus den überraschenden kritischen Forschungen der vergleichenden
Religionsgeschichte im Beginne des 20. Jahrhunderts. Danach bleibt weder von
den einzelnen Wundergeschichten und Sagen, noch von dem ganzen
dogmatischen Lehrgebäude des Christentums etwas Originelles von Bedeutung
mehr bestehen. Denn fast alles, was uns die Evangelien davon erzählen, ist aus
älteren orientalischen Quellen zusammengetragen und entstammt den
babylonischen und assyrischen, den indischen und hellenischen Sagenkreisen.
Hervorragende Kritiker gehen noch weiter und führen mit großer
Wahrscheinlichkeit den Beweis, daß der Jesus des Evangeliums überhaupt
niemals gelebt hat, sondern ein reines I d e a l b i l d d e r D i c h t u n g ist.
Vergl. die interessanten Schriften von K a l t h o f f und P r o m u s über »die
Entstehung des Christentums« (1904) und von K a r l Vo l l e r s: »Die
Weltreligionen in ihrem geschichtlichen Zusammenhange« (1907), ferner die
sehr scharfe Kritik des englischen Theologen S a l a d i n (Stewart Roß):
»Jehovahs gesammelte Werke, eine kritische Untersuchung des christlichen
Religionsgebäudes auf Grund der Bibelforschung« (Leipzig 1896).
II. Der Papismus, das »l a t e i n i s c h e C h r i s t e n t u m« oder P a p s t t u m.
Der Papismus oder die »römisch-katholische Kirche«, oft auch
U l t r a m o n t a n i s m u s oder nach ihrer Residenz Va t i k a n i s m u s genannt,
ist unter allen Erscheinungen der menschlichen Kulturgeschichte eine der
großartigsten und merkwürdigsten, eine »welthistorische Größe« ersten Ranges.
Trotz aller Stürme der Zeit erfreut sie sich noch heute des mächtigsten
Einflusses. Von den 500 Millionen Christen, welche die Erde gegenwärtig
bewohnen, bekennt die größere Hälfte, nämlich über 250 Millionen, den
römischen, nur 75 Millionen den griechischen Katholizismus, und 120 Millionen
sind Protestanten. Während eines Zeitraumes von 1200 Jahren, vom vierten bis
zum sechzehnten Jahrhundert, hat der Papismus das geistige Leben Europas fast
vollkommen beherrscht; dagegen hat er den großen alten Religionssystemen in
Asien und Afrika nur sehr wenig Boden abgewonnen. In Asien zählt der
Buddhismus heute noch ungefähr 503 Millionen, die Brahmareligion
140 Millionen, der stetig vordringende Islam mehr als 120 Millionen Anhänger.
Die Weltherrschaft des Papismus prägt vor allem dem M i t t e l a l t e r seinen
finsteren Charakter auf; sie bedeutet den Tod alles freien Geisteslebens, den
Rückgang aller wahren Wissenschaft, den Verfall aller reinen Sittlichkeit. Von der glänzenden Blüte, zu welcher sich das menschliche Geistesleben im
klassischen Altertum erhoben hatte, im ersten Jahrtausend vor Christus und in
den ersten Jahrhunderten nach demselben, sank dasselbe unter der Herrschaft
des Papsttums bald zu einem Niveau herab, das mit Bezug auf die
E r k e n n t n i s d e r W a h r h e i t nur als B a r b a r e i bezeichnet werden kann.
Man rühmt wohl am Mittelalter, daß andere Seiten des Geisteslebens darin zu
reicher Entfaltung gekommen seien, Dichtkunst und bildende Kunst,
scholastische Gelehrsamkeit und patristische Philosophie. Aber diese
Kulturtätigkeit befand sich im Dienste der herrschenden Kirche und wurde nicht
zur Hebung, sondern zur Unterdrückung der freien Geistesforschung verwandt.
Die ausschließliche Vorbereitung für ein unbekanntes »ewiges Leben im
Jenseits«, die Verachtung der Natur, die Abwendung von ihrem Studium, welche
im Prinzip der christlichen Religion innewohnt, wurde von der römischen
Hierarchie zur heiligen Pflicht gemacht. Eine durchgreifende Wandlung zum
Besseren brachte erst im Beginn des 16. Jahrhunderts die R e f o r m a t i o n.
Rückschritte der Kultur im Mittelalter. Es würde uns viel zu weit führen,
wenn wir hier die jammervollen Rückschritte schildern wollten, welche
menschliche Kultur und Gesittung während zwölf Jahrhunderte unter der
geistigen Gewaltherrschaft des Papismus erlitten. Am prägnantesten sind sie
wohl durch einen einzigen Satz des größten und geistreichsten
H o h e n z o l l e r nfürsten illustriert; F r i e d r i c h d e r G r o ß e faßte sein
Urteil in dem Satze zusammen, man werde durch das S t u d i u m d e r
G e s c h i c h t e zu der Überzeugung geführt, daß von Konstantin dem Großen
bis auf die Zeit der Reformation d i e g a n z e W e l t w a h n s i n n i g gewesen
sei. Eine vortreffliche kurze Schilderung dieser »Wahnsinnsperiode« hat (1887)
L . B ü c h n e r gegeben in seiner Schrift »Über religiöse und wissenschaftliche
Weltanschauung«.
Unter den historischen Tatsachen, welche am einleuchtendsten die
Verwerflichkeit der ultramontanen Geistestyrannei beweisen, interessiert uns vor
allem ihre energische und konsequente Bekämpfung der wahren
W i s s e n s c h a f t als solcher. Diese war zwar schon von Anfang an prinzipiell
im Christentum dadurch bestimmt, daß dasselbe den Glauben über die Vernunft
stellte und die blinde Unterwerfung der letzteren unter den ersteren forderte;
nicht minder dadurch, daß es das ganze Erdenleben nur als eine Vorbereitung für
das erdichtete »Jenseits« betrachtete, also auch der wissenschaftlichen
Forschung an sich jeden Wert absprach. Allein die planmäßige und erfolgreiche
Bekämpfung der letzteren begann doch erst im Anfange des vierten
Jahrhunderts, besonders seit dem berüchtigten Konzil von Nicäa (325), welchem Kaiser K o n s t a n t i n präsidierte, — »d e r G r o ß e« genannt, weil er das
Christentum zur Staatsreligion erhob und Konstantinopel gründete, dabei ein
nichtswürdiger Charakter, ein falscher Heuchler und vielfacher Mörder. Wie
erfolgreich der Papismus in seinem Kampfe gegen jedes selbständige
wissenschaftliche Denken und Forschen war, beweist am besten der jammervolle
Zustand der Naturerkenntnis und ihrer Literatur im Mittelalter. Nicht nur wurden
die reichen Geistesschätze, welche das klassische Altertum hinterlassen hatte,
zum größten Teile vernichtet oder der Verbreitung entzogen, sondern
Folterknechte und Scheiterhaufen sorgten dafür, daß jeder »Ketzer«, d. h. jeder
selbständige Denker, seine vernünftigen Gedanken für sich behielt. Tat er das
nicht, so mußte er sich darauf gefaßt machen, lebendig verbrannt zu werden, wie
es dem großen monistischen Philosophen G i o r d a n o B r u n o, dem
Reformator J o h a n n H u s und mehr als hunderttausend anderen »Zeugen der
Wahrheit« geschah. Die Geschichte der Wissenschaften im Mittelalter belehrt
uns auf jeder Seite, daß das selbständige Denken und die empirische
wissenschaftliche Forschung unter dem Drucke des allmächtigen Papismus
durch zwölf traurige Jahrhunderte wirklich völlig begraben blieben.
Papismus und Christentum. Alles das, was wir am wahren Christentum im
Sinne seines Stifters und seiner edelsten Nachfolger hochschätzen, und was wir
aus dem unausbleiblichen Untergange dieser »Weltreligion« in unsere neue,
monistische Religion hinüber zu retten suchen müssen, liegt auf seiner
e t h i s c h e n und s o z i a l e n Seite. Die Prinzipien der wahren Humanität, der
goldenen Regel, der Toleranz, der Menschenliebe im besten und höchsten Sinne
des Wortes, alle diese wahren Lichtseiten des Christentums sind zwar nicht von
ihm zuerst erfunden und aufgestellt, aber doch erfolgreich in jener kritischen
Periode zur Geltung gebracht worden, in der das klassische Altertum seiner
Auflösung entgegenging. Der Papismus aber hat es verstanden, alle jene
Tugenden in ihr direktes G e g e n t e i l zu verkehren und dabei doch die a l t e
F i r m a als Aushängeschild zu bewahren. An die Stelle der christlichen Liebe
trat der fanatische Haß gegen alle Andersgläubigen; mit Feuer und Schwert
wurden nicht allein die Heiden ausgerottet, sondern auch jene christlichen
Sekten, welche in besserer Erkenntnis Einwendungen gegen die
aufgezwungenen Lehrsätze des ultramontanen Aberglaubens zu erheben wagten.
Überall in Europa blühten die Ketzergerichte und forderten unzählige Opfer,
deren Folterqualen ihren frommen, von »christlicher Bruderliebe« erfüllten
Peinigern besonderes Vergnügen bereiteten. Die Papstmacht wütete auf ihrer
Höhe durch Jahrhunderte erbarmungslos gegen alles, was ihrer Herrschaft im
Wege stand. Unter dem berüchtigten Großinquisitor Torquemada (1481-1498)
wurden in Spanien allein achttausend Ketzer lebendig verbrannt, neunzigtausend mit Einziehung des Vermögens und den empfindlichsten Kirchenbußen bestraft,
während in den Niederlanden unter der Herrschaft Karl des Fünften dem
klerikalen Blutdurst mindestens fünfzigtausend Menschen zum Opfer fielen.
Und während das Geheul gemarterter Menschen die Luft erfüllte, strömten in
Rom, dem die ganze christliche Welt tributpflichtig war, die Reichtümer der
halben Welt zusammen, und wälzten sich die angeblichen Stellvertreter Gottes
auf Erden und ihre Helfershelfer in Lüsten und Lastern jeder Art. »Welche
Vorteile,« sagte der frivole und syphilitische Papst L e o X. ironisch, »hat uns
doch diese F a b e l v o n J e s u s C h r i s t u s gebracht!« Dabei war der
Zustand der europäischen Gesellschaft trotz Kirchenzucht und Gottesfurcht von
der allerschlimmsten Art. Feudalismus, Leibeigenschaft, Gottesgnadentum und
Mönchtum beherrschten das Land, und die armen Heloten waren froh, wenn sie
ihre elenden Hütten im Machtbereiche der Schlösser oder Klöster ihrer
geistlichen und weltlichen Unterdrücker und Ausbeuter errichten durften.
Heutzutage noch leiden wir unter den Nachwehen und Überbleibseln dieser
traurigen Zustände und Zeiten, in welchen von Pflege der Wissenschaft und
höherer Geistesbildung nur ausnahmsweise und im Verborgenen die Rede sein
konnte. »Unwissenheit, Armut und Aberglaube vereinigten sich mit der
entsittlichenden Wirkung des im elften Jahrhundert eingeführten Z ö l i b a t s, um
die absolute Papstmacht immer stärker werden zu lassen« (B ü c h n e r a. a. O.).
Man hat berechnet, daß während dieser Glanzperiode des Papismus über zehn
Millionen Menschen dem fanatischen Glaubenshaß der »c h r i s t l i c h e n
L i e b e« zum Opfer fielen; und wie viel mehr Millionen betrugen die geheimen
Menschenopfer, welche das Z ö l i b a t, die O h r e n b e i c h t e und der
G e w i s s e n s z w a n g erforderten, die gemeinschädlichsten und
fluchwürdigsten Institutionen des päpstlichen Absolutismus! Die »ungläubigen«
Philosophen, welche Beweise g e g e n das Dasein Gottes sammelten, haben
einen der stärksten Beweise dagegen übersehen, die Tatsache, daß die römischen
»S t a t t h a l t e r C h r i s t i zwölf Jahrhunderte« hindurch ungestraft die
greulichsten Verbrechen und Schandtaten »i m N a m e n G o t t e s« verüben
durften.
III. Die Reformation. Die Geschichte der Kulturvölker, welche wir »die
Weltgeschichte« zu nennen belieben, läßt deren dritten Hauptabschnitt, die
»Neuzeit«, mit der Reformation der christlichen Kirche beginnen, ebenso wie
den zweiten, das Mittelalter, mit der Gründung des Christentums, und sie tut
recht daran. Denn mit der Reformation beginnt die W i e d e r g e b u r t d e r
g e f e s s e l t e n Ve r n u n f t, das Wiedererwachen der Wissenschaft, welche
die eiserne Faust des christlichen Papismus durch 1200 Jahre gewaltsam
niedergehalten hatte. Allerdings hatte die Verbreitung allgemeiner Bildung durch die Buchdruckerkunst schon um die Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts
begonnen, und gegen Ende desselben traten mehrere große Ereignisse ein,
welche im Verein mit der »R e n a i s s a n c e« der Kunst auch diejenige der
Wissenschaft vorbereiteten, vor allem die Entdeckung von Amerika (1492).
Auch wurden in der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts mehrere höchst
wichtige Fortschritte in der Erkenntnis der Natur gemacht, welche die
bestehende Weltanschauung in ihren Grundfesten erschütterten; so die erste
Umschiffung der Erde durch M a g e l l a n, welche den empirischen Beweis für
ihre Kugelgestalt lieferte (1522); die Gründung des neuen Weltsystems durch
K o p e r n i k u s (1543). Aber der 31. Oktober 1517, an welchem M a r t i n
L u t h e r seine 95 Thesen an die hölzerne Tür der Schloßkirche zu Wittenberg
nagelte, bleibt daneben ein weltgeschichtlicher Tag; denn damit wurde die
eiserne Tür des Kerkers gesprengt, in dem der päpstliche Absolutismus durch
1200 Jahre die gefesselte Vernunft eingeschlossen gehalten hatte. Man hat die
Verdienste des großen Reformators, der auf der Wartburg die Bibel übersetzte,
teils übertrieben, teils unterschätzt; man hat auch mit Recht darauf hingewiesen,
wie er gleich den anderen Reformatoren noch vielfach im tiefsten Aberglauben
befangen blieb. So konnte sich L u t h e r zeitlebens nicht von dem starren
Buchstabenglauben der Bibel befreien; er verteidigte eifrig die Lehre von der
Auferstehung, der Erbsünde und Prädestination, der Rechtfertigung durch den
Glauben usw. Die gewaltige Geistestat des K o p e r n i k u s verwarf er als
Narrheit, weil in der Bibel »Josua die Sonne stillstehen hieß und nicht das
Erdreich«. Für die großen politischen Umwälzungen seiner Zeit, besonders die
großartige und vollberechtigte Bauernbewegung, hatte er kein Verständnis.
Schlimmer noch war der fanatische Reformator C a l v i n in Genf, welcher
(1553) den geistreichen spanischen Arzt S e r v e t o lebendig verbrennen ließ,
weil er den unsinnigen Glauben an die Dreieinigkeit bekämpfte. Überhaupt
traten die fanatischen »Rechtgläubigen« der reformierten Kirche nur zu oft in die
blutbefleckten Fußtapfen ihrer papistischen Todfeinde, wie sie es auch heute
noch tun. Leider folgten auch ungeheure Greueltaten der Reformation auf dem
Fuße: die Bartholomäusnacht und die Hugenottenverfolgung in Frankreich,
blutige Ketzerjagden in Italien, lange Bürgerkriege in England, der
Dreißigjährige Krieg in Deutschland. Aber trotz alledem bleibt dem sechzehnten
und siebzehnten Jahrhundert der Ruhm, dem denkenden Menschengeiste zuerst
wieder freie Bahn geschaffen und die Vernunft von dem erstickenden Drucke der
papistischen Herrschaft befreit zu haben. Erst dadurch wurde die mächtige
Entfaltung verschiedener Richtungen der kritischen Philosophie und neuer
Bahnen der Naturforschung möglich, welche dann dem folgenden achtzehnten
Jahrhundert den Ehrentitel des »J a h r h u n d e r t s d e r A u f k l ä r u n g« erwarb.
IV. Das Scheinchristentum des neunzehnten Jahrhunderts. Als vierten und
letzten Hauptabschnitt in der Geschichte des Christentums stellen wir das
19. Jahrhundert seinen Vorgängern gegenüber. Wenn in diesen letzteren bereits
die »A u f k l ä r u n g« nach allen Richtungen hin die kritische Philosophie
gefördert, und wenn ihr das Aufblühen der Naturwissenschaften die stärksten
empirischen Waffen in die Hände gegeben hatte, so erscheint uns doch der
Fortschritt nach beiden Richtungen hin in unserem 19. Jahrhundert ganz
gewaltig; es beginnt damit wiederum eine ganz neue Periode in der Geschichte
des Menschengeistes, charakterisiert durch die Entwickelung der
m o n i s t i s c h e n N a t u r p h i l o s o p h i e. Schon im Beginne desselben
wurde der Grund zu einer neuen Anthropologie gelegt (durch die vergleichende
Anatomie von C u v i e r) und zu einer neuen Biologie (durch die Philosophie
zoologique von L a m a r c k). Bald folgten diesen beiden großen Franzosen zwei
ebenbürtige Deutsche, B a e r als Begründer der Entwickelungsgeschichte (1828)
und J o h a n n e s M ü l l e r (1834) als der der vergleichenden Morphologie und
Physiologie. Ein Schüler des letzteren, T h e o d o r S c h w a n n, schuf 1838, im
Verein mit M a t t h i a s S c h l e i d e n, die grundlegende Zellentheorie. Schon
vorher hatte L y e l l (1830) die Entwickelungsgeschichte der Erde auf natürliche
Ursachen zurückgeführt und damit auch für unseren Planeten die Geltung der
mechanischen Kosmogenie bestätigt, welche K a n t bereits 1755 mit kühner
Hand entworfen hatte. Endlich wurde durch R o b e r t M a y e r und
H e l m h o l t z (1842) das Energieprinzip festgestellt und damit die zweite,
ergänzende Hälfte des großen Substanzgesetzes gegeben, dessen erste Hälfte die
Konstanz der Materie, schon L a v o i s i e r 1789 entdeckt hatte. Allen diesen
tiefen Einblicken in das innere Wesen der Natur setzte dann 1859 C h a r l e s
D a r w i n die Krone auf durch seine neue Entwickelungslehre, das größte
naturphilosophische Ereignis des 19. Jahrhunderts.
Wie verhält sich nun zu diesen gewaltigen Fortschritten der Naturerkenntnis das
m o d e r n e C h r i s t e n t u m? Zunächst wurde naturgemäß die tiefe Kluft
zwischen seinen beiden Hauptrichtungen immer größer, zwischen dem
konservativen P a p i s m u s und dem progressiven Protestantismus. Der
ultramontane Klerus ( — und im Verein mit ihm die orthodoxe »Evangelische
Allianz« — ) mußten naturgemäß jenen mächtigen Eroberungen des freien
Geistes den heftigsten Widerstand entgegensetzen; sie verharrten unbeirrt auf
ihrem strengen Buchstabenglauben und verlangten die unbedingte Unterwerfung
der Vernunft unter das Dogma. Der liberale P r o t e s t a n t i s m u s hingegen
verflüchtigte sich immer mehr zu einem monistischen Pantheismus und strebte nach Versöhnung der beiden entgegengesetzten Prinzipien; er suchte die
unvermeidliche Anerkennung der empirisch bewiesenen Naturgesetze und der
daraus gefolgerten philosophischen Schlüsse mit einer geläuterten Religionsform
zu verbinden, in der freilich von der eigentlichen Glaubenslehre fast nichts mehr
übrig blieb. Zwischen beiden Extremen bewegten sich zahlreiche
Kompromißversuche; darüber hinaus aber drang in immer weitere Kreise die
Überzeugung, daß das dogmatische Christentum überhaupt jeden Boden
verloren habe, und daß man nur seinen wertvollen ethischen Inhalt in die neue,
monistische Religion des 20. Jahrhunderts hinüberretten könne. Da jedoch
gleichzeitig die gegebenen äußeren Formen der herrschenden christlichen
Religion fortbestanden, da sie sogar trotz der fortgeschrittenen politischen
Entwickelung mit den praktischen Bedürfnissen des Staates immer enger
verknüpft wurden, entwickelte sich jene weitverbreitete religiöse
Weltanschauung der gebildeten Kreise, die wir nur als
S c h e i n c h r i s t e n t u m bezeichnen können — im Grunde eine »religiöse
Lüge« bedenklichster Art. Die großen Gefahren, welche dieser tiefe Konflikt
zwischen der wahren Überzeugung und dem falschen Bekenntnis der modernen
Scheinchristen mit sich bringt, hat u. a. trefflich M a x N o r d a u geschildert in
seinem interessanten Werke: »D i e k o n v e n t i o n e l l e n L ü g e n d e r
K u l t u r m e n s c h h e i t.«
Inmitten dieser offenkundigen Unwahrhaftigkeit des herrschenden
Scheinchristentums ist es für den Fortschritt der vernunftgemäßen
Naturerkenntnis sehr wertvoll, daß dessen mächtigster und entschiedenster
Gegner, der P a p i s m u s, um die Mitte des 19. Jahrhunderts die alte Maske
angeblicher höherer Geistesbildung abgeworfen und der selbständigen
W i s s e n s c h a f t als solcher den entscheidenden »Kampf auf Tod und Leben«
angekündigt hat. Es geschah dies in drei bedeutungsvollen Kriegserklärungen
gegen die Vernunft, für deren Unzweideutigkeit und Entschiedenheit die
moderne Wissenschaft und Kultur dem römischen »Statthalter Christi« nur
dankbar sein kann: I. Im Dezember 1854 verkündete der Papst das Dogma von
der u n b e f l e c k t e n E m p f ä n g n i s M a r i ä. II. Zehn Jahre später, im
Dezember 1864, sprach der »heilige Vater« in der berüchtigten E n z y k l i k a
das a b s o l u t e Ve r d a m m u n g s u r t e i l ü b e r d i e g a n z e
m o d e r n e Z i v i l i s a t i o n u n d G e i s t e s b i l d u n g aus; in dem
begleitenden S y l l a b u s gab er eine Aufzählung und Verfluchung aller
einzelnen Vernunftsätze und philosophischen Prinzipien, welche von unserer
modernen Wissenschaft als sonnenklare Wahrheit anerkannt sind. III. Endlich
setzte sechs Jahre später, am 13. Juli 1870, der streitbare Kirchenfürst im Vatikan
seinem Aberwitz die Krone auf, indem er für sich und alle seine Vorgänger in der Papstwürde die U n f e h l b a r k e i t in Anspruch nahm.
Unfehlbarkeit des Papstes. Diese drei wichtigsten Akte des Papismus im
19. Jahrhundert waren so offenkundige Faustschläge in das Antlitz der Vernunft,
daß sie selbst innerhalb der orthodoxen katholischen Kreise von Anfang an das
höchste Bedenken erregten. Als man im vatikanischen Konzil am 13. Juli 1870
zur Abstimmung über das Dogma von der U n f e h l b a r k e i t schritt, erklärten
sich nur drei Viertel der Kirchenfürsten zugunsten desselben, nämlich 451 von
601 Abstimmenden; dazu fehlten noch zahlreiche andere Bischöfe, welche sich
der gefährlichen Abstimmung enthalten wollten. Indessen zeigte sich bald, daß
der kluge und menschenkundige Papst richtiger gerechnet hatte als die zaghaften
»besonnenen Katholiken«; denn in den leichtgläubigen und ungebildeten Massen
fand auch dieses ungeheuerliche Dogma trotz aller Bedenken blinde Annahme.
Die ganze G e s c h i c h t e d e s P a p s t t u m s, wie sie von zuverlässigen
Quellen und handgreiflichen historischen Dokumenten unwiderleglich
festgenagelt ist, erscheint für den unbefangenen Kenner als ein gewissenloses
Gewebe von Lug und Trug, als ein rücksichtsloses Streben nach absoluter
geistlicher Herrschaft und weltlicher Macht, als eine frivole Verleugnung aller
der hohen sittlichen Gebote, welche das wahre Christentum predigt:
Menschenliebe, und Duldung, Wahrheit und Keuschheit, Armut und Entsagung.
Wenn man die lange Reihe der Päpste und der römischen Kirchenfürsten, aus
denen sie gewählt wurden, nach dem Maßstabe der reinen christlichen Moral
mustert, ergibt sich klar, daß die große Mehrzahl derselben schamlose Gaukler
und Betrüger waren, viele von ihnen nichtswürdige Verbrecher. Diese
allbekannten h i s t o r i s c h e n T a t s a c h e n hindern aber nicht, daß noch
heute Millionen von »gebildeten« gläubigen Katholiken an die »Unfehlbarkeit«
dieses »heiligen Vaters« glauben und durch Spenden von »Peterspfennigen« sein
Regiment stützen; sie hindern nicht, daß noch heute protestantische Fürsten nach
Rom fahren und dem »heiligen Vater« (ihrem gefährlichsten Feinde!) ihre
Verehrung bezeugen.
Enzyklika und Syllabus. Unter den angeführten drei großen Gewalttaten, durch
welche der moderne Papismus in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine
absolute Herrschaft zu retten und zu befestigen suchte, ist für uns am
interessantesten die Verkündigung der E n z y k l i k a und des S y l l a b u s im
Dezember 1864; denn in diesen denkwürdigen Aktenstücken wird der Vernunft
und Wissenschaft überhaupt jede selbständige Tätigkeit abgesprochen und ihre
absolute Unterwerfung unter den »alleinseligmachenden Glauben«, d. h. unter
die Dekrete des »unfehlbaren Papstes«, gefordert. Die ungeheure Erregung,
welche diese maßlose Frechheit in allen gebildeten und unabhängig denkenden Kreisen hervorrief, entsprach dem ungeheuerlichen Inhalte der Enzyklika; eine
vortreffliche Erörterung ihrer kulturellen und politischen Bedeutung hat u. a.
D r a p e r in seiner Geschichte der Konflikte zwischen Religion und
Wissenschaft gegeben (1875).
Unbefleckte Empfängnis der Jungfrau Maria. Weniger einschneidend und
bedeutungsvoll als die Enzyklika und als das Dogma der Infallibilität des
Papstes erscheint vielleicht das Dogma von der unbefleckten Empfängnis.
Indessen legt nicht nur die römische Hierarchie auf diesen Glaubenssatz das
höchste Gewicht, sondern auch ein Teil der orthodoxen Protestanten (z. B. die
Evangelische Allianz). Der sogenannte »I m m a k u l a t e i d«, d. h. die
e i d l i c h e Versicherung des Glaubens an die unbefleckte Empfängnis Mariä,
gilt noch heute Millionen von Christen als heilige Pflicht. Viele Gläubige
verbinden damit einen doppelten Begriff; sie behaupten, daß die Mutter der
Jungfrau Maria ebenso durch den »Heiligen Geist« befruchtet worden sei wie
diese selbst. Jedoch soll ursprünglich das Dogma der unbefleckten Empfängnis
nur bedeuten, daß Maria selbst eine Tochter des heiligen Geistes, und daher frei
von Erbsünde sei. Die vergleichende und kritische Theologie hat neuerdings
nachgewiesen, daß auch dieser Mythus, gleich den meisten anderen Legenden
der christlichen Mythologie, keineswegs originell, sondern aus älteren
orientalischen Religionen, besonders dem B u d d h i s m u s, übernommen ist.
Ähnliche Sagen hatten schon mehrere Jahrhunderte vor Christi Geburt eine weite
Verbreitung in Indien, Persien, Kleinasien und Griechenland. Wenn
Königstöchter oder andere Jungfrauen aus höheren Ständen, ohne legitim
verheiratet zu sein, durch die Geburt eines Kindes erfreut wurden, so wurde als
der Vater dieses illegitimen Sprößlings meistens ein »Gott« oder »Halbgott«
ausgegeben, in diesem Falle der mysteriöse »Heilige Geist«.
Die Erzählung der beiden Evangelisten Matthäus und Lukas, daß auch Maria
selbst vom heiligen Geiste befruchtet und demnach dieser rätselhafte Gott der
wahre Vater von Christus sei, wird gegenwärtig von den meisten Theologen als
eine später entstandene Sage angesehen; sie behaupten, daß der jüdische
Zimmermann Joseph der wirkliche Vater gewesen sei. Andere wieder erklären
die uneheliche Geburt Christi durch folgende Angabe eines apokryphen
Evangeliums, auf welche sich auch C e l s u s (178 n. Chr.) bezieht:
»J o s e p h u s P a n d e r a, der römische Hauptmann einer kalabresischen
Legion, welche in Judäa stand, verführte M i r j a m von Bethlehem, ein
hebräisches Mädchen, und wurde der Va t e r v o n J e s u s.« Diese Legende
fand besonders bei jenen Theologen Beifall, welche die übernatürliche
Erzeugung Christi (durch den heiligen Geist) leugneten, aber als seinen natürlichen Vater nicht einen J u d e n (den Zimmermann Joseph), sondern einen
G r i e c h e n (den Hauptmann Pandera oder Pantheras) anerkannt zu sehen
wünschten. Historische Zeugnisse, die wissenschaftliche Bedeutung
beanspruchen, können weder für die Wahrheit der einen noch der anderen Sage
gefunden werden.
Interessant ist übrigens die verschiedene Auffassung und Beurteilung, welche
dieser angebliche Liebesroman der Mirjam von seiten der vier großen
christlichen Kulturnationen Europas erfahren hat. Nach den strengeren
Moralbegriffen der g e r m a n i s c h e n Rassen wird derselbe schlechtweg
verworfen; lieber glaubt der ehrliche Deutsche und der prüde Brite blind an die
unmögliche Sage von der Erzeugung durch den »Heiligen Geist«. Wie bekannt,
entspricht diese strenge, sorgfältig zur Schau getragene Prüderie der feineren
Gesellschaft (besonders in England!) keineswegs dem wahren Zustande der
sexuellen Sittlichkeit in dem dortigen »High life«. Die Enthüllungen z. B., welche
darüber vor einigen Jahren die »Pall Mall Gazette« brachte, erinnerten sehr an
die Zustände von B a b y l o n und an das Rom der Kaiserzeit.
Die r o m a n i s c h e n Rassen, welche diese Prüderie verlachen und die
sexuellen Verhältnisse leichtfertiger beurteilen, finden jenen »R o m a n d e r
M a r i a« recht anziehend, und der besondere Kultus, dessen gerade in
Frankreich und Italien »Unsere liebe Frau« sich erfreut, ist oft in merkwürdiger
Naivetät mit jener Liebesgeschichte verknüpft. So findet z. B. P a u l d e
R e g l a (Dr. D e s j a r d i n), welcher (1894) »Jesus von Nazareth vom
wissenschaftlichen, geschichtlichen und gesellschaftlichen Standpunkte aus
dargestellt« hat, gerade in der u n e h e l i c h e n G e b u r t C h r i s t i ein
besonderes »Anrecht auf den H e i l i g e n s c h e i n, der seine herrliche Gestalt
umstrahlt«!
Der Streit über diese drei verschiedenen Mythen von der Vaterschaft Christi, der
noch zu Ende des 19. Jahrhunderts die Theologen lebhaft erregte, hat
gegenwärtig an Interesse sehr verloren. Denn die überraschenden Fortschritte der
vergleichenden Religionsgeschichte haben das ganze orientalische
Prachtgebäude der c h r i s t l i c h e n M y t h o l o g i e in seinen Grundfesten
erschüttert. Das reine I d e a l b i l d von Jesus Christus, dessen erhabene Züge der
Gläubige aus dem Neuen Testament sich zusammensetzt, hat als wirklicher
Mensch (oder »Gottmensch«) in dieser Vollkommenheit niemals auf unserem
Planeten existiert. Der hohe ethische Wert des ursprünglichen reinen
Christentums, der veredelnde Einfluß dieser »Religion der Liebe« auf die
Kulturgeschichte, ist ganz unabhängig von jenen mythologischen Dogmen. Die
angeblichen »O f f e n b a r u n g e n«, auf welche sich diese Mythen stützen, sind dagegen ( — ebenso wie sämtliche Wundergeschichten des Alten und des Neuen
Testaments — ) Erzeugnisse der dichtenden Phantasie; sie bleiben unvereinbar
mit den sichersten Ergebnissen unserer modernen N a t u r e r k e n n t n i s.