Die Welträtsel
Zwölftes Kapitel. Das Substanzgesetz.
Z w ö l f t e s K a p i t e l .
Das Substanzgesetz.
Monistische Studien über das kosmologische Grundgesetz. Erhaltung
der Materie und der Energie. Einheit und Trinität der Substanz.
Als das oberste und allumfassende Naturgesetz betrachte ich das
S u b s t a n z g e s e t z, das wahre und einzige k o s m o l o g i s c h e
G r u n d g e s e t z; seine Entdeckung und Feststellung ist die größte Geistestat
des 19. Jahrhunderts, insofern alle anderen erkannten Naturgesetze sich ihm
unterordnen. Unter dem Begriffe »S u b s t a n z g e s e t z« fasse ich zwei höchste
allgemeine Gesetze verschiedenen Ursprungs und Alters zusammen, das ältere
c h e m i s c h e Gesetz von der »Erhaltung des Stoffes« und das jüngere
p h y s i k a l i s c h e Gesetz von der »Erhaltung der Kraft«. Daß diese beiden
Grundgesetze der exakten Naturwissenschaft im Wesen unzertrennlich sind, wird
vielen Lesern wohl selbstverständlich erscheinen und ist von den meisten
Naturforschern der Gegenwart anerkannt. Indessen wird diese fundamentale
Überzeugung doch von anderer Seite noch heute vielfach bestritten und muß
jedenfalls erst bewiesen werden. Wir müssen daher zunächst einen kurzen Blick
auf beide Gesetze gesondert werfen.
Gesetz von der Erhaltung des Stoffes (oder der »Konstanz der Materie«,
L a v o i s i e r, 1789). D i e S u m m e d e s S t o f f e s , w e l c h e r d e n
W e l t r a u m e r f ü l l t , i s t u n v e r ä n d e r l i c h . Wenn ein Körper zu
verschwinden scheint, wechselt er nur seine Form; wenn die Kohle verbrennt,
verwandelt sie sich durch Verbindung mit dem Sauerstoff der Luft in gasförmige
Kohlensäure; wenn ein Zuckerstück sich im Wasser löst, geht seine feste Form in
die tropfbar flüssige über. Ebenso wechselt die Materie nur ihre Form, wenn ein
neuer Naturkörper zu entstehen scheint; wenn es regnet, wird der Wasserdampf
der Luft in Tropfenform niedergeschlagen; wenn das Eisen rostet, verbindet sich
die oberflächliche Schicht des Metalles mit Wasser und dem Sauerstoff der Luft
und bildet so Rost. Nirgends in der Natur sehen wir, daß neue Materie entsteht
oder »geschaffen« wird; nirgends finden wir, daß vorhandene Materie
verschwindet oder in Nichts zerfällt. Dieser Erfahrungssatz gilt heute als erster
und unerschütterlicher Grundsatz der Chemie und kann jederzeit mittels der
Wage unmittelbar bewiesen werden. Es war aber das unsterbliche Verdienst des großen französischen Chemikers L a v o i s i e r, diesen Beweis durch die Wage
zuerst geführt zu haben. Heute sind alle Naturforscher, welche sich jahrelang mit
dem denkenden Studium der Naturerscheinungen beschäftigt haben, so fest von
der absoluten Konstanz der Materie überzeugt, daß sie sich das Gegenteil gar
nicht mehr vorstellen können.
Gesetz von der Erhaltung der Kraft (oder der »Konstanz der Energie«,
R o b e r t M a y e r, 1842.) D i e S u m m e d e r K r a f t o d e r E n e r g i e ,
w e l c h e i m W e l t r a u m a l l e E r s c h e i n u n g e n b e w i r k t , i s t
u n v e r ä n d e r l i c h . Wenn die Lokomotive den Eisenbahnzug fortführt,
verwandelt sich die Spannkraft des erhitzten Wasserdampfes in die lebendige
Kraft der mechanischen Bewegung; wenn wir die Pfeife der Lokomotive hören,
werden die Schallschwingungen der bewegten Luft durch unser Trommelfell und
die Kette der Gehörknochen zum Labyrinth unseres inneren Ohres fortgeleitet
und von da durch den Hörnerv zu den akustischen Ganglienzellen, welche die
Hörsphäre im Schläfenlappen unserer Großhirnrinde bilden. Die ganze
wunderbare Gestaltenfülle, welche unseren Erdball belebt, ist in letzter Instanz
umgewandeltes Sonnenlicht. Allbekannt ist, wie gegenwärtig die
bewunderungswürdigen Fortschritte der Technik dazu geführt haben, die
verschiedenen Naturkräfte ineinander zu verwandeln: Wärme wird in
Massenbewegung, diese wieder in Licht oder Schall, diese wiederum in
Elektrizität übergeführt oder umgekehrt. Die genaue M e s s u n g der
Kraftmenge, welche bei dieser Verwandlung tätig ist, hat ergeben, daß auch sie
konstant bleibt. Der großen Entdeckung dieser fundamentalen Tatsache hatte
sich schon 1837 F r i e d r i c h M o h r in Bonn sehr genähert; sie erfolgte 1842
durch den geistreichen schwäbischen Arzt R o b e r t M a y e r in Heilbronn;
unabhängig von ihm kam H e r m a n n H e l m h o l t z auf die Erkenntnis
desselben Prinzips; er wies fünf Jahre später seine allgemeine Anwendbarkeit
und Fruchtbarkeit auf allen Gebieten der P h y s i k nach. Wir würden heute
sagen müssen, daß es auch das gesamte Gebiet der P h y s i o l o g i e — d. h. der
»organischen Physik!« — beherrsche, wenn dagegen nicht entschiedener
Widerspruch von seiten der vitalistischen Biologen, sowie der dualistischen und
spiritualistischen Philosophen erhoben würde. Diese erblicken in den
eigentümlichen »Geisteskräften« des Menschen eine Gruppe von »freien«, dem
Energiegesetz nicht unterworfenen Krafterscheinungen; besonders gestützt wird
diese dualistische Auffassung durch das Dogma von der Willensfreiheit. Wir
haben schon bei deren Besprechung gesehen, daß ihre Annahme unhaltbar ist. In
neuester Zeit hat die Physik den Begriff der »K r a f t« und der »E n e r g i e«
getrennt; für unsere vorliegende allgemeine Betrachtung ist diese
Unterscheidung gleichgültig.
Einheit des Substanzgesetzes. Von größter Wichtigkeit für unsere monistische
Weltanschauung ist die feste Überzeugung, daß die beiden großen
kosmologischen Grundlehren, das chemische Grundgesetz von der Erhaltung des
Stoffes und das physikalische Grundgesetz von der Erhaltung der Kraft,
untrennbar zusammengehören; beide Theorien sind ebenso innig verknüpft, wie
ihre beiden Objekte, S t o f f und K r a f t (oder Materie und Energie). Vielen
monistisch denkenden Naturforschern und Philosophen wird diese
f u n d a m e n t a l e E i n h e i t beider Gesetze selbstverständlich erscheinen, da
ja beide nur zwei verschiedene Seiten eines und demselben Objektes, des
»K o s m o s«, betreffen; indessen ist diese naturgemäße Überzeugung weit
entfernt, sich allgemeiner Anerkennung zu erfreuen. Sie wird vielmehr energisch
bekämpft von der gesamten dualistischen Philosophie, von der vitalistischen
Biologie, der parallelistischen Psychologie; ja sogar von vielen
(inkonsequenten!) Monisten, welche im »Bewußtsein« oder in der höheren
Geistestätigkeit des Menschen, oder auch in anderen Erscheinungen des »freien
Geisteslebens« einen Gegenbeweis zu finden glauben.
Ich betone daher ganz besonders die fundamentale Bedeutung des
e i n h e i t l i c h e n Substanzgesetzes als Ausdruck des untrennbaren
Zusammenhanges jener beiden begrifflich getrennten Gesetze. Daß dieselben
ursprünglich nicht zusammengefaßt und nicht in dieser Einheit erkannt wurden,
ergibt sich ja schon aus der Tatsache ihrer verschiedenen Entdeckungszeit. Die
Einheit beider Grundgesetze, welche noch heute vielfach bestritten wird,
drücken viele überzeugte Naturforscher in der Benennung aus: »Gesetz von der
Erhaltung der Kraft und des Stoffes«. Um einen kürzeren und bequemeren
Ausdruck für diesen fundamentalen, aus neun Worten zusammengesetzten
Begriff zu haben, habe ich schon vor längerer Zeit vorgeschlagen, dasselbe das
»S u b s t a n z g e s e t z« oder das »kosmologische Grundgesetz« zu nennen
(Monismus, 1892, S. 14, 39).
Substanzbegriff. Der erste Denker, der den reinen m o n i s t i s c h e n
»Substanzbegriff« in die Wissenschaft einführte und seine fundamentale
Bedeutung erkannte, war der große Philosoph B a r u c h S p i n o z a; sein
Hauptwerk erschien kurz nach seinem frühzeitigen Tode, 1677. In seiner
großartigen pantheistischen Weltanschauung fällt der Begriff der Welt
(Universum, Kosmos) zusammen mit dem allumfassenden Begriff G o t t; sie ist
gleichzeitig der reinste und vernünftigste M o n i s m u s, und der geklärteste und
abstrakteste M o n o t h e i s m u s. Diese U n i v e r s a l s u b s t a n z oder dieses
göttliche Weltwesen zeigt uns zwei verschiedene Seiten seines wahren Wesens,
zwei fundamentale A t t r i b u t e: die M a t e r i e (den unendlichen a u s g e d e h n t e n Substanzstoff) und den G e i s t (die allumfassende
d e n k e n d e Substanzenergie). Alle Wandelungen, die später der
Substanzbegriff gemacht hat, kommen bei konsequenter Analyse auf diesen
höchsten Grundbegriff von S p i n o z a zurück, den ich mit G o e t h e für einen
der erhabensten und wahrsten Gedanken aller Zeiten halte. Alle einzelnen
Objekte der Welt, die unserer Erkenntnis zugänglich sind, alle individuellen
Formen des Daseins, sind nur besondere vergängliche Formen der Substanz,
A k z i d e n z e n oder M o d e n. Diese M o d i sind körperliche Dinge, materielle
Körper, wenn wir sie unter dem Attribut der A u s d e h n u n g (der
»Raumerfüllung«) betrachten, dagegen Kräfte oder Ideen, wenn wir sie unter
dem Attribut des D e n k e n s (der »Energie«) betrachten. Auf diese
Grundvorstellung von S p i n o z a kommt auch unser M o n i s m u s jetzt zurück;
auch für uns sind M a t e r i e (der raumerfüllende Stoff) und E n e r g i e (die
bewegende Kraft) nur zwei untrennbare Attribute des einheitlichen Weltwesens,
der einen Substanz.
Der kinetische Substanzbegriff. (Urprinzip der Schwingung oder Vibration.)
Unter den verschiedenen Formen, welche der fundamentale Substanzbegriff in
der neueren Physik, in Verbindung mit der herrschenden Atomistik,
angenommen hat, überwog bisher die Annahme, daß allen Erscheinungen eine
schwingende Bewegung der kleinsten Massenteilchen zugrunde liege, eine
V i b r a t i o n d e r A t o m e. Die Atome selbst sind dem gewöhnlichen
»kinetischen Substanzbegriff« zufolge tote diskrete Körperteilchen, welche im
leeren Raum schwingen und in die Ferne wirken. Der eigentliche Begründer und
angesehenste Vertreter dieser kinetischen Substanztheorie ist der große
Mathematiker N e w t o n, der berühmte Entdecker des
G r a v i t a t i o n s g e s e t z e s. In seinem Hauptwerke »Principia philosophiae
naturalis mathematica« (1687) wies er nach, daß im ganzen Weltall ein und dasselbe
Grundgesetz der M a s s e n a n z i e h u n g, dieselbe unveränderliche
Gravitationskonstante herrscht; die Anziehung von je zwei Massenteilchen steht
im geraden Verhältnis ihrer Massen und im umgekehrten Verhältnis des Quadrats
ihrer Entfernungen. Diese allgemeine »S c h w e r k r a f t« bewirkt ebenso die
Bewegung des fallenden Apfels und die Flutwelle des Meeres, wie den Umlauf
der Planeten um die Sonne und die kosmischen Bewegungen aller Weltkörper.
Das unsterbliche Verdienst von N e w t o n war, dieses Gravitationsgesetz
endgültig festzustellen und dafür eine unanfechtbare mathematische Formel zu
finden. Aber diese t o t e m a t h e m a t i s c h e F o r m e l, auf welche die
meisten Naturforscher hier, wie in vielen anderen Fällen, das größte Gewicht
legen, gibt uns nur die q u a n t i t a t i v e Beweisführung für die Theorie, sie
gewährt uns nicht die mindeste Einsicht in das q u a l i t a t i v e Wesen der Erscheinungen. Die unvermittelte F e r n w i r k u n g, welche N e w t o n aus
seinem Gravitationsgesetz ableitete und welche zu einem der wichtigsten und
gefährlichsten Dogmen der späteren Physik wurde, gibt uns nicht den mindesten
Aufschluß über die eigentlichen Ursachen der Massenanziehung; vielmehr
versperrt sie uns den Weg zu deren Erkenntnis.
Der trinitäre Substanzbegriff. Die tiefer liegenden Ursachen der
Massenanziehung werden klar, und zugleich werden manche Einwände gegen
unsere monistische Substanztheorie hinfällig, wenn wir den beiden
Substanzattributen von Spinoza noch ein drittes, davon untrennbares Attribut
hinzufügen, die unbewußte E m p f i n d u n g (Psychoma). Die wahren »inneren
Ursachen« der mechanischen Bewegungen, welche die dualistische Metaphysik
als immaterielle Kräfte, als Geisteskräfte oder psychische Energieformen den
materiellen Energieformen der Physik gegenüberstellt, sind gleich den letzteren
untrennbar an die raumerfüllende Materie gebunden. Gewöhnlich wird ja von
der neueren monistischen Philosophie die Empfindung selbst als eine Form der
Energie aufgefaßt; das geschieht sowohl von deren materialistischer Richtung
(»Stoff und Kraft« von B ü c h n e r), als von der spiritualistischen, ihr
entgegengesetzten Richtung (»Energetik« als »Überwindung des Materialismus«
von O s t w a l d). Die Einseitigkeit beider Richtungen wird vermieden, und
zugleich werden manche irreführende Mißverständnisse beseitigt, wenn wir den
bisher vorherrschenden Begriff der »Energie« in zwei gleichwertige Attribute
zerlegen, in »aktive Energie« — M e c h a n i k (»Wille« im Sinne von
Schopenhauer) und in »passive Energie« — P s y c h o m a (»unbewußte
Empfindung« im weitesten Sinne). Ich habe diese Theorie von der
»D r e i e i n i g k e i t d e r S u b s t a n z« (oder »Trinität des Kosmos«) im
19. Kapitel meiner »L e b e n s w u n d e r« näher erläutert. (Ergänzungsband zu
den »Welträtseln«, 1904; — Volksausgabe 1906, S. 184-188.) Dabei habe ich
mich besonders auf die gleichgerichteten Ansichten von mehreren unserer
hervorragendsten modernen Naturphilosophen bezogen, C a r l N a e g e l i
(1877), A l b r e c h t R a u (1896) und E r n s t M a c h (1901). Die drei
fundamentalen Attribute der Substanz: A. R a u m e r f ü l l u n g oder
»Ausdehnung«, Stoff, (= M a t e r i e), B. B e w e g u n g oder »Mechanik«, Kraft
(= E n e r g i e), und C. E m p f i n d u n g oder »Weltseele«, Geist (= P s y c h o m)
sind demnach ganz allgemeine Grundeigenschaften aller Körper.
Gesetz von der Erhaltung der Empfindung. Wenn diese »Trinitärtheorie« der
Substanz richtig ist, dann muß auch das große Konstanzgesetz, die Lehre von der
»E r h a l t u n g« der unzerstörbaren Substanz, ebenso auf die Empfindung, wie
auf »Stoff und Kraft« Anwendung finden. Die niedersten und einfachsten Psychomformen (Massenanziehung in der Physik, Wahlverwandtschaft in der
Chemie) sind dann nur stufenweise verschieden von den niederen und höheren
Formen des organischen Seelenlebens, von der Sinnestätigkeit der niederen
Organismen, von der Geistestätigkeit des Menschen (»Denken«). Jede
Psychomform kann in die andere übergeführt werden. D i e S u m m e d e r
E m p f i n d u n g i m u n e n d l i c h e n W e l t r a u m i s t
u n v e r ä n d e r l i c h .
Der dualistische Substanzbegriff. Die beiden Substanztheorien, die wir
vorstehend einander gegenübergestellt haben, sind im Prinzip m o n i s t i s c h;
beide betrachten »Stoff und Kraft« als untrennbar, die ganze Welt als
e i n h e i t l i c h e Substanz. Ganz anders verhält es sich mit den
d u a l i s t i s c h e n Substanztheorien, welche noch heute in der idealistischen
und spiritualistischen Philosophie herrschend sind; diese werden auch von der
einflußreichen Theologie gestützt, soweit sich dieselbe überhaupt auf solche
metaphysische Spekulationen einläßt. Hiernach sind zwei ganz verschiedene
Hauptbestandteile der Substanz zu unterscheiden, m a t e r i e l l e und
i m m a t e r i e l l e. Die m a t e r i e l l e S u b s t a n z bildet die
»K ö r p e r w e l t«, deren Erforschung Objekt der Physik und Chemie ist; hier
allein gilt das Gesetz von der Erhaltung der Materie und Energie (soweit man
nicht überhaupt an deren »Erschaffung aus Nichts« und andere Wunder glaubt!).
Die i m m a t e r i e l l e S u b s t a n z hingegen bildet die »G e i s t e r w e l t«, in
welcher jenes Gesetz nicht gilt; hier gelten die Gesetze der Physik und Chemie
entweder gar nicht, oder sie sind der »Lebenskraft« unterworfen, oder dem
»freien Willen«, oder der »göttlichen Allmacht«, oder anderen solchen
Gespenstern, von denen die kritische Wissenschaft nichts weiß. Eigentlich
bedürfen diese prinzipiellen Irrtümer heute keiner Widerlegung mehr; denn die
Erfahrung hat uns bis auf den heutigen Tag keine einzige i m m a t e r i e l l e
S u b s t a n z kennen gelehrt, keine einzige Kraft, welche nicht an den Stoff
gebunden ist.
Masse oder Körperstoff (P o n d e r a b l e M a t e r i e). Die Erkenntnis dieses
w ä g b a r e n Teiles der Materie ist in erster Linie Gegenstand der C h e m i e.
Allbekannt sind die erstaunlichen theoretischen Fortschritte, welche diese
Wissenschaft im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts gemacht hat, und der
ungeheuere Einfluß, welchen sie auf alle Seiten des praktischen Kulturlebens
gewonnen hat. Wir begnügen uns daher mit wenigen Bemerkungen über die
wichtigsten prinzipiellen Fragen von der Natur der Masse. Der analytischen
Chemie ist es bekanntlich gelungen, alle die unzähligen verschiedenen
Naturkörper durch Zerlegung auf eine geringe Anzahl von Urstoffen oder E l e m e n t e n zurückzuführen, d. h. auf einfache Körper, welche nicht weiter
zerlegt werden können. Die Zahl dieser Elemente beträgt ungefähr achtzig. Nur
der kleinere Teil derselben (eigentlich nur vierzehn) ist allgemein auf der Erde
verbreitet und von hoher Bedeutung; die größere Hälfte besteht aus seltenen und
weniger wichtigen Elementen (meistens Metallen). Die g r u p p e n w e i s e
Ve r w a n d t s c h a f t dieser Elemente und die merkwürdigen Beziehungen ihrer
Atomgewichte, welche L o t h a r M e y e r und M e n d e l e j e f f in ihrem
»P e r i o d i s c h e n S y s t e m d e r E l e m e n t e« nachgewiesen haben,
machen es sehr wahrscheinlich, daß dieselben keine a b s o l u t e n S p e z i e s
d e r M a s s e, keine ewig unveränderlichen Größen sind. Man hat nach jenem
System die 80 Elemente auf acht Hauptgruppen verteilt und innerhalb derselben
nach der Größe ihrer Atomgewichte geordnet, so daß die chemisch ähnlichen
Elemente Familienreihen bilden. Die gruppenweisen Beziehungen im
natürlichen System der Elemente erinnern einerseits an ähnliche Verhältnisse der
mannigfach zusammengesetzten Kohlenstoff-Verbindungen, andererseits an die
Beziehungen paralleler Gruppen, wie sie im natürlichen System der Tier- und
Pflanzenarten sich zeigen. Wie nun bei diesen die »Verwandtschaft« der
ähnlichen Gestalten auf Abstammung von gemeinsamen einfachen
Stammformen beruht, so ist es sehr wahrscheinlich, daß auch dasselbe für die
Familien und Ordnungen der Elemente gilt. Wir dürfen daher annehmen, daß die
jetzigen »empirischen Elemente« keine wirklich einfachen und unveränderlichen
»S p e z i e s d e r M a s s e« sind, sondern ursprünglich zusammengesetzt aus
gleichartigen einfachen Uratomen in verschiedener Zahl und Lagerung.
Neuerdings soll es tatsächlich gelungen sein, ein Element in ein anderes zu
verwandeln, so z. B. Radium in Helium. Der alte Traum der Alchymisten scheint
dadurch teilweise in Erfüllung zu gehen.
Atome und Elemente. Die moderne A t o m l e h r e, wie sie heute der Chemie
als unentbehrliches Hilfsmittel erscheint, ist wohl zu unterscheiden von dem
alten philosophischen A t o m i s m u s, wie er schon vor mehr als zweitausend
Jahren von hervorragenden monistischen Philosophen des Altertums gelehrt
wurde, von L e u k i p p o s, D e m o k r i t o s und L u k r e t i u s; später fand
derselbe eine weitere und mannigfach verschiedene Ausbildung durch
D e s c a r t e s, H o b b e s, L e i b n i z und andere hervorragende Philosophen.
Eine bestimmte annehmbare Fassung und e m p i r i s c h e B e g r ü n d u n g
fand aber der m o d e r n e A t o m i s m u s erst 1808 durch den englischen
Chemiker D a l t o n, welcher das »Gesetz der einfachen und multiplen
Proportionen« bei der Bildung chemischer Verbindungen aufstellte. Er
bestimmte zuerst die A t o m g e w i c h t e d e r e i n z e l n e n E l e m e n t e
und schuf damit die unerschütterliche e x a k t e B a s i s, auf welcher die neueren chemischen Theorien ruhen; diese sind sämtlich a t o m i s t i s c h,
insofern sie die Elemente aus gleichartigen, kleinsten, diskreten Teilchen
zusammengesetzt annehmen, die nicht weiter zerlegt werden können. Jedoch
haben die gewaltigen Fortschritte der neueren Physik (besonders der Elektrik)
dazu geführt, die Atome wieder in viel kleinere (hypothetische!) Bestandteile
theoretisch zu zerlegen, die E l e k t r o n e n (Ionentheorie). Dabei bleibt die
Frage nach dem eigentlichen W e s e n der Atome, ihrer Gestalt, Größe,
Beseelung usw. ganz außer Spiele; denn diese Qualitäten sind hypothetisch;
empirisch dagegen ist der C h e m i s m u s der Atome oder ihre »chemische
Affinität«, d. h. die konstante Proportion, in der sie sich mit den Atomen anderer
Elemente verbinden (Monismus, 1892, S. 17, 41).
Wahlverwandtschaft der Elemente. Das verschiedene Verhalten der einzelnen
Elemente gegeneinander, das die Chemie als »Affinität oder Verwandtschaft«
bezeichnet, ist eine der wichtigsten Eigenschaften der Masse und äußert sich in
den verschiedenen Mengenverhältnissen oder Proportionen, in denen ihre
Verbindung stattfindet, und in der Intensität, mit der dieselbe erfolgt. Alle Grade
der Zuneigung, von der vollkommenen Gleichgültigkeit bis zur heftigsten
Leidenschaft, finden sich in dem chemischen Verhalten der verschiedenen
Elemente gegeneinander ebenso wieder, wie sie in der Psychologie des
Menschen und namentlich in der Zuneigung der beiden Geschlechter die größte
Rolle spielen. G o e t h e hat bekanntlich in seinem klassischen Roman »D i e
W a h l v e r w a n d t s c h a f t e n« die Verhältnisse der Liebespaare in eine Reihe
gestellt mit der gleichnamigen Erscheinung bei Bildung chemischer
Verbindungen. Die unwiderstehliche Leidenschaft, welche Eduard zu der
sympathischen Ottilie, Paris zu Helena hinzieht und alle Hindernisse der
Vernunft und Moral überwindet, ist dieselbe mächtige »unbewußte«
Attraktionskraft, welche bei der Befruchtung der Tier- und Pflanzeneier den
lebendigen Samenfaden zum Eindringen in die Eizelle (aber auch zur
Apfelsäure!) antreibt; dieselbe heftige Bewegung, durch welche zwei Atome
Wasserstoff und ein Atom Sauerstoff sich zur Bildung von einem Molekül
Wasser vereinigen. Diese prinzipielle E i n h e i t d e r
W a h l v e r w a n d t s c h a f t i n d e r g a n z e n N a t u r, vom einfachsten
chemischen Prozeß bis zu dem verwickeltsten Liebesroman hinauf, hat schon
der griechische Naturphilosoph E m p e d o k l e s im fünften Jahrhundert v. Chr.
erkannt, in seiner Lehre vom »L i e b e n u n d H a s s e n d e r E l e m e n t e«.
Sie findet ihre empirische Bestätigung durch die interessanten Fortschritte der
Z e l l u l a r p s y c h o l o g i e, deren hohe Bedeutung wir erst im letzten Drittel
des 19. Jahrhunderts gewürdigt haben. Wir gründen darauf unsere Überzeugung,
daß auch schon den A t o m e n die einfachste Form der Empfindung und des Willens innewohnt — oder besser gesagt: der F ü h l u n g (Aesthesis) und der
S t r e b u n g (Tropesis) —, also eine universale »S e e l e« von primitivster Art,
das »Elementarpsychom«. Dasselbe gilt aber auch von den Molekülen oder
Massenteilchen, welche aus zwei oder mehreren Atomen sich zusammensetzen.
Aus der weiteren Verbindung verschiedener solcher Moleküle entstehen dann die
einfachen und weiterhin die zusammengesetzten chemischen Verbindungen, in
deren Aktion sich dasselbe Spiel in verwickelterer Form wiederholt.
Äther (I m p o n d e r a b l e M a t e r i e). Die Erkenntnis dieses u n w ä g b a r e n
Teiles der Materie ist in erster Linie Gegenstand der P h y s i k. Nachdem man
schon lange die Existenz eines äußerst feinen, den Raum außerhalb der Masse
erfüllenden Mediums angenommen und diesen »Äther« zur Erklärung
verschiedener Erscheinungen (vor allem des L i c h t e s) verwendet hatte, ist uns
die nähere Bekanntschaft mit diesem wunderbaren Stoffe erst in der zweiten
Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts gelungen, und zwar im Zusammenhang mit
den erstaunlichen empirischen Entdeckungen auf dem Gebiete der
E l e k t r i z i t ä t, mit ihrer experimentellen Erkenntnis, ihrem theoretischen
Verständnis und ihrer praktischen Verwertung. Vor allem sind hier bahnbrechend
geworden die berühmten Untersuchungen von H e i n r i c h H e r t z in Bonn
(1888); der frühzeitige Tod dieses genialen jungen Physikers, der das Größte zu
erreichen versprach, ist nicht genug zu beklagen; er gehört ebenso wie der allzu
frühe Tod von S p i n o z a, von R a f f a e l, von S c h u b e r t und vielen anderen
genialen Jünglingen zu jenen b r u t a l e n T a t s a c h e n der menschlichen
Geschichte, welche für sich allein schon den unhaltbaren Mythus von einer
»weisen Vorsehung« und von einem »alliebenden Vater im Himmel« gründlich
widerlegen.
Die Existenz des Äthers oder »Weltäthers«, als realer »Materie«, kann seit 1888
als T a t s a c h e angesehen werden. Man kann allerdings auch heute noch
vielfach lesen, daß der Äther eine »bloße Hypothese« sei; diese irrtümliche
Behauptung wird nicht nur von unkundigen Philosophen und populären
Schriftstellern wiederholt, sondern auch von einzelnen »vorsichtigen exakten
Physikern«. Mit demselben Rechte müßte man aber auch die Existenz der
ponderablen Materie, der Masse, leugnen. Freilich gibt es heute noch
Metaphysiker, die auch dieses Kunststück zustande bringen, und deren höchste
Weisheit darin besteht, die Realität der Außenwelt zu leugnen oder doch zu
bezweifeln; nach ihnen existiert eigentlich nur ein einziges reales Wesen,
nämlich ihre eigene teure Person, oder vielmehr deren unsterbliche Seele.
Wesen des Äthers. Wenn nun auch heute von fast allen Physikern die reale
Existenz des Äthers als eine positive Tatsache betrachtet wird, und wenn uns auch viele Wirkungen dieser wunderbaren Materie durch unzählige Erfahrungen,
besonders optisch und elektrische Versuche, genau bekannt sind, so ist es doch
bisher nicht gelungen, Klarheit und Sicherheit über ihr eigentliches W e s e n zu
gewinnen. Vielmehr gehen auch heute noch die Ansichten der hervorragendsten
Physiker, die sie speziell studiert haben, sehr weit auseinander; ja sie
widersprechen sich sogar in den wichtigsten Punkten. Es steht daher jedem frei,
sich bei der Wahl zwischen den widersprechenden Hypothesen seine eigene
Meinung zu bilden, entsprechend dem Grade seiner Sachkenntnis und
Urteilskraft (die ja beide immer unvollkommen bleiben!). Die Meinung, die ich
persönlich (als bloßer D i l e t t a n t auf diesem Gebiete!) mir durch reifliches
Nachdenken gebildet habe, fasse ich in folgenden acht Sätzen zusammen:
I . Der Äther erfüllt als eine k o n t i n u i e r l i c h e M a t e r i e den ganzen
Weltraum, soweit dieser nicht von der Masse (oder der ponderablen Materie)
eingenommen ist; er füllt auch alle Zwischenräume zwischen den Atomen der
letzteren vollständig aus. II. Der Äther besitzt wahrscheinlich noch k e i n e n
C h e m i s m u s und ist noch nicht aus Atomen zusammengesetzt wie die Masse;
(wenn man annimmt, derselbe sei aus äußerst kleinen, gleichartigen Atomen
zusammengesetzt [z. B. unteilbaren Ätherkugeln von gleicher Größen], so muß
man weiterhin auch annehmen, daß zwischen denselben noch etwas anderes
existiert, entweder der »leere Raum« oder ein drittes, ganz unbekanntes
Medium, ein völlig hypothetischer »I n t e r ä t h e r«; bei der Frage nach dessen
Wesen würde sich dann dieselbe Schwierigkeit, wie beim Äther erheben [in
infinitum!].)' III. Da die Annahme des leeren Raumes und der unvermittelten
Fernwirkung beim jetzigen Stande unseres Naturkennens kaum mehr möglich ist
(wenigstens zu keiner klaren Vorstellung führt), so nehme ich eine eigentümliche
S t r u k t u r d e s Ä t h e r s an, die nicht atomistisch ist, wie diejenige der
ponderablen Masse, und die man vorläufig (ohne weitere Bestimmung) als
ä t h e r i s c h e oder d y n a m i s c h e Struktur bezeichnen kann. IV. Der
A g g r e g a t z u s t a n d des Äthers ist, dieser Hypothese zufolge, ebenfalls
eigentümlich und von demjenigen der Masse verschieden; er ist weder
gasförmig, noch fest; die beste Vorstellung gewinnt man vielleicht durch den
Vergleich mit einer äußerst feinen elastischen und leichten Gallerte. V. Der Äther
ist i m p o n d e r a b l e M a t e r i e in dem Sinne, daß wir kein Mittel besitzen,
sein Gewicht experimentell zu bestimmen; wenn er wirklich Gewicht besitzt,
was sehr wahrscheinlich ist, so ist dasselbe äußerst gering und für unsere
feinsten Wagen unwägbar. VI. Der ätherische Aggregatzustand kann
wahrscheinlich unter bestimmten Bedingungen durch fortschreitende
Verdichtung in den gasförmigen Zustand der Masse übergehen, ebenso wie
dieser letztere durch Abkühlung in den flüssigen und weiterhin in den festen übergeht. VII. Diese A g g r e g a t z u s t ä n d e d e r M a t e r i e ordnen sich
demnach (was für die monistische K o s m o g e n i e sehr wichtig ist) in eine
genetische, kontinuierliche Reihe; wir unterscheiden fünf Stufen derselben:
1. der ätherische, 2. der gasförmige, 3. der flüssige, 4. der festflüssige (im
lebenden Plasma), 5. der feste Zustand. VIII. Der Äther ist ebenso unendlich und
unermeßlich wie der Raum selbst; er befindet sich ewig in ununterbrochener
Bewegung.
Äther und Masse. »Die gewaltige Hauptfrage nach dem Wesen des Äthers«,
wie sie H e r t z mit Recht nennt, schließt auch diejenige seiner Beziehungen zur
Masse ein; denn beide Hauptbestandteile der Materie befinden sich nicht nur
überall in innigster äußerer Berührung, sondern auch in ewiger dynamischer
W e c h s e l w i r k u n g. Man kann die allgemeinsten Naturerscheinungen,
welche die Physik als Naturkräfte oder als »Funktionen der Materie«
unterscheidet, in zwei Gruppen teilen, von denen die eine v o r z u g s w e i s e
(aber nicht ausschließlich) Funktion des Ä t h e r s, die andere ebenso Funktion
der Masse ist. Die Erscheinungen des Lichtes, der strahlenden Wärme, der
Elektrizität und des Magnetismus werden überwiegend durch den imponderablen
Äther vermittelt; dagegen die Erscheinungen der Schwere, der Trägheit, der
Wasserwärme und des Chemismus durch die ponderable M a s s e. Diese
Unterscheidung bedeutet aber keine absolute Trennung der beiden
entgegengesetzten Energiegruppen; vielmehr bleiben beide trotzdem vereinigt,
behalten ihren Zusammenhang und stehen überall in beständiger
Wechselwirkung. Wie bekannt, sind optische und elektrische Vorgänge des
Äthers eng verknüpft mit mechanischen und chemischen Veränderungen der
Masse; die strahlende Wärme des ersteren geht direkt über in die Massenwärme
oder mechanische Wärme der letzteren; die Gravitation kann nicht wirken, ohne
daß der Äther die Massenanziehung der getrennten Atome vermittelt, da wir
keine Fernwirkung annehmen können. Die Verwandlung einer Energieform in
die andere, wie sie das Gesetz von der Erhaltung der Kraft nachweist, bestätigt
zugleich die beständige Wechselwirkung zwischen den beiden Hauptteilen der
Substanz, zwischen Ä t h e r und M a s s e.
Kraft und Energie. Das große Grundgesetz der Natur, welches wir als
Substanzgesetz an die Spitze aller physikalischen Betrachtungen stellen, wurde
ursprünglich von R o b e r t M a y e r, der es aufstellte (1842), und von
H e l m h o l t z, der es ausführte (1847), als das Gesetz von der E r h a l t u n g
d e r K r a f t bezeichnet. Schon zehn Jahre früher hatte ein anderer deutscher
Naturforscher, F r i e d r i c h M o h r in Bonn, die wesentlichen Grundgedanken
desselben klar entwickelt (1837). Später wurde der alte Begriff der K r a f t durch die moderne Physik von demjenigen der E n e r g i e getrennt, der ursprünglich
gleichbedeutend war. Demnach wird jetzt dasselbe Gesetz gewöhnlich als das
»Gesetz von der K o n s t a n z d e r E n e r g i e« bezeichnet. Für die allgemeine
Betrachtung desselben, mit der ich mich hier begnügen muß, und für das große
Prinzip von der »Erhaltung der Substanz« kommt dieser feinere Unterschied
nicht in Betracht. Der Leser, der sich dafür interessiert, findet eine sehr klare
Auseinandersetzung darüber z. B. in dem ausgezeichneten Aufsatz des
englischen Physikers T y n d a l l über »das Grundgesetz der Natur«
(Braunschweig 1898). Dort ist auch eingehend die universale Bedeutung dieses
kosmologischen Grundgesetzes erläutert, sowie seine Anwendung auf die
wichtigsten Probleme sehr verschiedener Gebiete. Wir begnügen uns hier mit der
wichtigen Tatsache, daß gegenwärtig das »Energieprinzip« und die damit
verknüpfte Überzeugung von der Einheit der Naturkräfte, von ihrem
gemeinsamen Ursprung, durch alle kompetenten Physiker anerkannt und als der
wichtigste Fortschritt der Physik im 19. Jahrhundert gewürdigt wird. Wir wissen
jetzt, daß Wärme ebensogut eine Form der B e w e g u n g ist, wie Schall,
Elektrizität ebenso wie Licht, Chemismus ebenso wie Magnetismus. Wir können
durch geeignete Vorrichtungen eine dieser Kräfte in die andere verwandeln, und
überzeugen uns dabei durch genaueste Messung, daß von ihrer Gesamtsumme
niemals das kleinste Teilchen verloren geht.
Spannkraft und Triebkraft (p o t e n t i e l l e u n d a k t u e l l e E n e r g i e).
Die Gesamtsumme der Kraft oder Energie im Weltall bleibt beständig,
gleichviel, welche Veränderungen uns erscheinen; sie ist ewig und unendlich,
wie die Materie, an die sie untrennbar gebunden ist. Das ganze Spiel der Natur
beruht auf dem Wechsel von scheinbarer Ruhe und Bewegung; die ruhenden
Körper besitzen aber ebenso eine unverlierbare Größe von Kraft, wie die
bewegten. Bei der Bewegung selbst verwandelt sich die Spannkraft der ersteren
in die Triebkraft der letzteren. »Indem das Prinzip der Erhaltung der Kraft
sowohl die Abstoßung als die Anziehung in Betracht zieht, behauptet es, daß der
mechanische Wert der Spannkräfte und der lebendigen Kräfte in der materiellen
Welt eine konstante Quantität ist. Kurz gesagt, zerfällt der Kraftbesitz des
Universums in zwei Teile, die nach einem bestimmten Wertverhältnis ineinander
verwandelt werden können. Die Verminderung des einen bringt die
Vergrößerung des anderen mit sich; der Gesamtwert seines Besitzes bleibt
jedoch unverändert.« D i e S p a n n k r a f t oder die p o t e n t i e l l e E n e r g i e
und die l e b e n d i g e K r a f t oder die aktuelle Energie (= Triebkraft) werden
beständig ineinander umgewandelt, ohne daß die unendliche Gesamtsumme der
Kraft im unendlichen Weltall jemals den geringsten Verlust erleidet.
Einheit der Naturkräfte. Nachdem die moderne Physik das Substanzgesetz
zunächst für die einfacheren Beziehungen der anorganischen Körper festgestellt
hatte, wies die Physiologie dessen allgemeine Geltung auch im Gesamtbereiche
der organischen Natur nach. Sie zeigte, daß alle Lebenstätigkeiten der
Organismen ebenso auf einem beständigen »K r a f t w e c h s e l« und einem
damit verknüpften »Stoffwechsel« beruhen wie die einfachsten Vorgänge in der
sogenannten »leblosen Natur«. Nicht nur das Wachstum und die Ernährung der
Pflanzen und Tiere, sondern auch die Funktionen ihrer Empfindung und
Bewegung, ihrer Sinnestätigkeit und ihres Seelenlebens beruhen auf der
Verwandlung von Spannkraft in lebendige Kraft und umgekehrt. Dieses höchste
Gesetz beherrscht auch diejenigen vollkommensten Leistungen des
Nervensystems, welche man bei den höheren Tieren und beim Menschen als das
»G e i s t e s l e b e n« bezeichnet. Somit gilt dasselbe auch für die gesamte
Psychologie. Wir kennen nur e i n e r l e i A r t von Naturkräften in allen
Naturerscheinungen.
Allmacht des Substanzgesetzes. Unsere feste monistische Überzeugung, daß
das kosmologische Grundgesetz allgemeine Geltung für die g e s a m t e N a t u r
besitzt, nimmt die höchste Bedeutung in Anspruch. Denn dadurch wird nicht nur
p o s i t i v die prinzipielle Einheit des Kosmos und der kausale Zusammenhang
aller uns erkennbaren Erscheinungen bewiesen, sondern es wird dadurch
zugleich n e g a t i v der höchste intellektuelle Fortschritt erzielt, der definitive
Sturz der d r e i Z e n t r a l d o g m e n d e r M e t a p h y s i k: »Gott, Freiheit
und Unsterblichkeit«. Indem das Substanzgesetz überall mechanische Ursachen
in den Erscheinungen nachweist, verknüpft es sich mit dem »a l l g e m e i n e n
K a u s a l g e s e t z«.