Die Welträtsel
Dreizehntes Kapitel. Entwickelungsgeschichte der Welt.
D r e i z e h n t e s K a p i t e l .
Entwickelungsgeschichte der Welt.
Monistische Studien über die ewige Entwickelung des Universum.
Schöpfung, Anfang und Ende der Welt. Entropie.
Unter allen Welträtseln das größte, umfassendste und schwerste ist dasjenige von
der Entstehung und Entwickelung der Welt, kurz gewöhnlich die
»S c h ö p f u n g s f r a g e« genannt. Auch zur Lösung dieses schwierigsten
Welträtsels hat das 19. Jahrhundert mehr beigetragen als alle früheren, ja sie ist
ihm sogar bis zu einem gewissen Grade gelungen. Wenigstens sind wir zu der
klaren Einsicht gelangt, daß alle verschiedenen einzelnen Schöpfungsfragen
untrennbar verknüpft sind, daß sie alle nur ein einziges, allumfassendes
»k o s m i s c h e s U n i v e r s a l p r o b l e m« bilden, und den Schlüssel zur
Lösung dieser »Weltfrage« gibt uns das eine Zauberwort: »E n t w i c k e l u n g«!
Die großen Fragen von der Schöpfung des Menschen, von der Schöpfung der
Tiere und Pflanzen, von der Schöpfung der Erde und der Sonne usw., sie alle
sind nur Teile jener Universalfrage: Wie ist die ganze Welt entstanden? Ist sie
auf übernatürlichem Wege »e r s c h a f f e n«, oder hat sie sich auf natürlichem
Wege »e n t w i c k e l t«? Welcher Art sind die Ursachen und die Wege dieser
Entwickelung? Gelingt es uns, eine sichere Antwort auf diese Fragen für eines
jener T e i l-Probleme zu finden, so haben wir nach unserer einheitlichen
Naturauffassung damit zugleich ein erhellendes Licht auf deren Beantwortung
für das g a n z e Weltproblem geworfen.
Schöpfung (Creatio). Die herrschende Ansicht über die Entstehung der Welt war
in früheren Jahrhunderten fast überall, wo denkende Menschen wohnten, der
G l a u b e a n d i e S c h ö p f u n g. In Tausenden von interessanten, mehr oder
weniger fabelhaften Sagen und Dichtungen, K o s m o g o n i e n und
S c h ö p f u n g s m y t h e n hat dieser Schöpfungsglaube seinen mannigfaltigen
Ausdruck gefunden. Frei davon blieben nur wenige große Philosophen und
besonders jene bewunderungswürdigen freien Denker des klassischen Altertums,
die zuerst den Gedanken der natürlichen E n t w i c k e l u n g erfaßten. Im
Gegensatz zu diesem letzteren trugen alle jene Schöpfungsmythen den Charakter
des Ü b e r n a t ü r l i c h e n, Wunderbaren oder Transzendenten. Unfähig, das
Wesen der Welt selbst zu erkennen und ihre Entstehung durch natürliche Ursachen zu erklären, mußte die unentwickelte Vernunft selbstverständlich zum
W u n d e r greifen. In den meisten Schöpfungssagen verknüpfte sich mit dem
Wunder die Vermenschlichung (der A n t h r o p i s m u s). Wie der Mensch mit
Absicht und durch Kunst seine Werke schafft, so sollte der bildende »Gott«
planmäßig die Welt erschaffen haben; die Vorstellung dieses Schöpfers war
meistens ganz menschenähnlich (anthropomorph). Der »allmächtige Schöpfer
Himmels und der Erden«, wie er im ersten Buch Moses und in unserem heute
noch gültigen Katechismus schafft, ist ebenso ganz menschlich gedacht wie der
moderne Schöpfer von A g a s s i z und R e i n k e.
Schöpfung des Weltalls und der Einzeldinge (K r e a t i o n d e r S u b s t a n z
u n d d e r A k z i d e n z e n). Bei tieferem Eingehen in den Wunderbegriff der
K r e a t i o n können wir als zwei wesentlich verschiedene Akte die totale
Schöpfung des Weltalls und die partielle Schöpfung der einzelnen Dinge
unterscheiden, entsprechend dem Begriffe S p i n o z a s von der S u b s t a n z
(dem Universum) und den A k z i d e n z e n (oder Modi, den einzelnen
»Erscheinungsformen der Substanz«). Diese Unterscheidung ist prinzipiell
wichtig; denn es hat viele und angesehene Philosophen gegeben (und es gibt
noch heute solche), welche die erstere annehmen, die letztere dagegen
verwerfen.
Schöpfung der Substanz (K o s m o l o g i s c h e r K r e a t i s m u s). Nach
dieser Schöpfungslehre hat »Gott die Welt aus dem Nichts geschaffen«. Man
stellt sich vor, daß der »ewige Gott« (als vernünftiges, aber immaterielles
Wesen!) für sich allein von Ewigkeit her (im leeren Raum) ohne Welt existierte,
bis er dann einmal auf den Gedanken kam, »die Welt zu schaffen«. Viele
Anhänger dieses Glaubens beschränken die Schöpfungstätigkeit Gottes aufs
Äußerste, auf einen einzigen Akt; sie nehmen an, daß der außerweltliche Gott
(dessen übrige Tätigkeit rätselhaft bleibt!) in einem Augenblick die Substanz
erschaffen, ihr die Fähigkeit zur weitergehenden Entwickelung beigelegt und
sich dann nie weiter um sie bekümmert habe. Diese weit verbreitete Ansicht ist
namentlich im englischen D e i s m u s vielfach ausgebildet worden; sie nähert
sich unserer monistischen Entwickelungslehre und gibt sie nur in dem einen
Momente preis, in welchem Gott auf den Schöpfungsgedanken kam. Andere
Anhänger des kosmologischen Kreatismus nehmen dagegen an, daß »Gott der
Herr« die Substanz nicht nur einmal erschaffen habe, sondern als bewußter
»Erhalter und Regierer der Welt« in deren Geschichte fortwirke. Viele
Variationen dieses Glaubens nähern sich bald dem P a n t h e i s m u s, bald dem
konsequenten T h e i s m u s. Alle diese und ähnliche Formen des
Schöpfungsglaubens sind unvereinbar mit dem Gesetz von der Erhaltung der Kraft und des Stoffs; dieses kennt keinen »Anfang der Welt«.
Schöpfung der Einzeldinge (O n t o l o g i s c h e r K r e a t i s m u s). Nach
dieser individuellen, noch jetzt herrschenden Schöpfungslehre hat Gott der Herr
nicht nur die Welt im Ganzen (»aus Nichts«) geschaffen, sondern auch alle
einzelnen Dinge. In der christlichen Kulturwelt besitzt noch heute die uralte
semitische, aus dem ersten Buch Moses herübergenommene Schöpfungssage die
weiteste Geltung; selbst unter den modernen Naturforschern findet sie noch hier
und da gläubige Anhänger. Ich habe meine kritische Auffassung derselben im
ersten Kapitel meiner »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« eingehend dargelegt.
Als interessante Modifikationen dieses ontologischen Kreatismus dürften
folgende Theorien zu unterscheiden sein: I. D u a l i s t i s c h e K r e a t i o n: Gott
hat sich auf z w e i S c h ö p f u n g s a k t e beschränkt; zuerst schuf er die
anorganische Welt, die tote Substanz, für die allein das Gesetz der Energie gilt,
blind und ziellos wirkend im Mechanismus der Weltkörper und der
Gebirgsbildung; später erwarb Gott Intelligenz und teilte diese den Dominanten
mit, den zielstrebigen, intelligenten Kräften, welche die Entwickelung der
Organismen bewirken und leiten (Reinke). II. T r i a l i s t i s c h e K r e a t i o n:
Gott hat die Welt in d r e i H a u p t a k t e n geschaffen: A. Schöpfung des
Himmels (d. h. der außerirdischen Welt); B. Schöpfung der Erde (als Mittelpunkt
der Welt) und ihrer Organismen; C. Schöpfung des Menschen (als Ebenbild
Gottes): dieses Dogma ist noch heute weit verbreitet unter christlichen
Theologen und anderen »Gebildeten«; es wird in vielen Schulen als Wahrheit
gelehrt. III. H e x a m e r a l e K r e a t i o n: die Schöpfung in sechs Tagen (nach
M o s e s). Obgleich nur wenige Gebildete heute noch wirklich an diesen
mosaischen Mythus glauben, wird er dennoch unseren Kindern schon in der
frühesten Jugend mit dem Bibelunterricht fest eingeprägt. Die vielfachen,
namentlich in England gemachten Versuche, denselben mit der modernen
Entwickelungslehre in Einklang zu bringen, sind völlig fehlgeschlagen. Für die
Naturwissenschaft gewann derselbe dadurch große Bedeutung, daß L i n n é bei
Begründung seines Natursystems (1735) ihn annahm und zur
Begriffsbestimmung der organischen (von ihm für beständig gehaltenen)
S p e z i e s benutzte: »Es gibt so viele verschiedene Arten von Tieren und
Pflanzen, als im Anfang verschiedene Formen von dem unendlichen Wesen
erschaffen worden sind.« Dieses Dogma wurde ziemlich allgemein bis auf
D a r w i n (1859) festgehalten, obgleich L a m a r c k schon 1809 seine
Unhaltbarkeit dargelegt hatte. IV. P e r i o d i s c h e K r e a t i o n: im Anfang
jeder Periode der Erdgeschichte wurde die ganze Tier- und Pflanzenbevölkerung
neu geschaffen und am Ende derselben durch eine allgemeine Katastrophe
vernichtet; es gibt so viele General-Schöpfungsakte, als getrennte geologische Perioden aufeinander folgten (die Katastrophentheorie von C u v i e r, 1818, und
von L o u i s A g a s s i z, 1858). Die Paläontologie, welche in ihren
unvollkommenen Anfängen diese Lehre von den wiederholten Neuschöpfungen
der organischen Welt zu stützen schien, hat dieselbe später vollständig widerlegt.
V. I n d i v i d u e l l e K r e a t i o n: jeder einzelne Mensch — ebenso wie jedes
einzelne Tier und jedes Pflanzenindividuum — ist nicht durch einen natürlichen
Fortpflanzungsakt entstanden, sondern durch die Gnade Gottes geschaffen (»der
alle Dinge kennt und die Haare auf unserem Haupte gezählt hat«). Man liest
diese christliche Schöpfungsansicht noch heute oft in den Zeitungen, besonders
bei Geburtsanzeigen (»Gestern schenkte uns der gnädige Gott einen gesunden
Knaben« usw.). Auch die individuellen Talente und Vorzüge unserer Kinder
werden oft als »besondere Gaben Gottes« dankbar anerkannt (die erblichen
Fehler gewöhnlich nicht!).
Entwickelung (Genesis, Evolutio). Die Unhaltbarkeit der Schöpfungssagen und
des damit verknüpften Wunderglaubens mußte sich schon frühzeitig denkenden
Menschen aufdrängen; wir finden daher schon vor mehr als zweitausend Jahren
zahlreiche Versuche, dieselben durch eine vernünftige Theorie zu ersetzen und
die Entstehung der Welt mittels natürlicher Ursachen zu erklären. Allen voran
stehen hierin wieder die großen Denker der ionischen Naturphilosophie, ferner
Demokritos, Heraklitos, Empedokles, Aristoteles, Lukretius und andere
Philosophen des Altertums. Die ersten unvollkommenen Versuche, welche sie
unternahmen, überraschen uns zum Teil durch strahlende Lichtblicke des
Geistes, die als Vorläufer moderner Ideen erscheinen. Indessen fehlte dem
klassischen Altertum jener sichere Boden der naturphilosophischen Spekulation,
der erst durch unzählige Beobachtungen und Versuche der Neuzeit gewonnen
wurde. Während des Mittelalters — und besonders während der
Gewaltherrschaft des Papismus — ruhte die wissenschaftliche Forschung auf
diesem Gebiete ganz. Die Tortur und die Scheiterhaufen der Inquisition sorgten
dafür, daß der unbedingte Glaube an die hebräische Mythologie des Moses als
definitive Antwort auf alle Schöpfungsfragen galt. Selbst diejenigen
Erscheinungen, die unmittelbar zur Beobachtung der Entwickelungs-
T a t s a c h e n aufforderten, die Keimesgeschichte der Tiere und Pflanzen, die
Embryologie des Menschen, blieben unbeachtet oder erregten nur hie und da das
Interesse einzelner wißbegieriger Beobachter; aber ihre Entdeckungen wurden
ignoriert und vergessen. Außerdem wurde der wahren Erkenntnis der natürlichen
Entwickelung ihr Weg von vornherein durch die herrschende
P r ä f o r m a t i o n s l e h r e versperrt, durch das Dogma, daß die
charakteristische Form und Struktur jeder Tier- und Pflanzenart schon im Keime
vorgebildet sei (vergl. S. 33).
Entwickelungslehre (E v o l u t i s m u s, E v o l u t i o n i s m u s). Die
Wissenschaft, die wir heute Entwickelungslehre (im weitesten Sinne) nennen, ist
sowohl im ganzen als in ihren einzelnen Teilen ein Kind des 19. Jahrhunderts;
sie gehört zu seinen wichtigsten und glänzendsten Erzeugnissen. Tatsächlich ist
dieser Begriff, der noch im 18. Jahrhundert fast unbekannt war, heute bereits ein
fester Grundstein unserer ganzen Weltanschauung geworden. Ich habe die
Grundzüge derselben in früheren Schriften ausführlich behandelt, am
eingehendsten in der »Generellen Morphologie« (1866), sodann mehr populär in
der »Natürlichen Schöpfungsgeschichte« (1868, elfte Auflage 1908) und mit
besonderer Beziehung auf den Menschen in der »Anthropogenie« (1874, fünfte
Auflage 1903). Ich beschränke mich daher hier auf eine kurze Übersicht der
wichtigsten Fortschritte, welche die Entwickelungslehre im Laufe des
19. Jahrhunderts gemacht hat; sie zerfällt nach ihren Objekten in vier Hauptteile:
die natürliche Entstehung 1. des Kosmos, 2. der Erde, 3. der irdischen
Organismen und 4. des Menschen.
I . Monistische Kosmogenie. Den ersten »Versuch«, die Verfassung und den
mechanischen Ursprung des ganzen Weltgebäudes nach »N e w t o nschen
Grundsätzen« — d. h. durch mathematische und physikalische Gesetze — in
einfachster Weise zu erklären, unternahm I m m a n u e l K a n t in seinem
berühmten Jugendwerke, der »Allgemeinen Naturgeschichte und Theorie des
Himmels« (1755). Leider blieb dieses großartige und kühne Werk 90 Jahre
hindurch fast unbekannt; es wurde erst 1845 durch A l e x a n d e r v o n
H u m b o l d t wieder hervorgezogen, im ersten Bande seines »Kosmos«.
Inzwischen war aber der große französische Mathematiker P i e r r e L a p l a c e
selbständig auf ähnliche Theorien wie K a n t gekommen und führte sie mit
mathematischer Begründung weiter aus in seiner »Exposition du système du monde«
(1796). Sein Hauptwerk »Mécanique céleste« erschien im Jahre 1799. Die
übereinstimmenden Grundzüge der Kosmogenie von K a n t und L a p l a c e
beruhen bekanntlich auf einer mechanischen Erklärung der Planetenbewegungen
und der daraus abgeleiteten Annahme, daß alle Weltkörper ursprünglich aus
rotierenden Nebelbällen durch Verdichtung entstanden sind. Diese
»N e b u l a r h y p o t h e s e« ist zwar später vielfach verbessert und ergänzt
worden, sie gilt aber noch heute als der beste von allen Versuchen, die
Entstehung des Weltgebäudes einheitlich und mechanisch zu erklären (vergl.
W i l h e l m B ö l s c h e, Entwickelungsgeschichte der Natur. I. Bd. 1894). In
späterer Zeit hat sie eine bedeutungsvolle Ergänzung und zugleich Verstärkung
durch die Annahme gewonnen, daß dieser k o s m o g o n i s c h e P r o z e ß nicht
nur einmal stattgefunden, sondern sich periodisch wiederholt hat. Während in
gewissen Teilen des unendlichen Weltraums aus rotierenden Nebelbällen neue Weltkörper entstehen und sich entwickeln, werden in anderen Teilen desselben
umgekehrt alte, erkaltete und abgestorbene Weltkörper durch Zusammenstoß
wieder zerstäubt und in diffuse Nebelmassen aufgelöst.
Anfang und Ende der Welt. Fast alle älteren und neueren Kosmogenien und so
auch die meisten, die sich an K a n t und L a p l a c e anschlossen, gingen von der
herrschenden Ansicht aus, daß die Welt einen A n f a n g gehabt habe. So hätte
sich »im Anfang« nach einer vielverbreiteten Form der »Nebularhypothese«
ursprünglich ein ungeheurer Nebelball aus äußerst dünner und leichter Materie
gebildet, und in einem bestimmten Zeitpunkte (»vor undenklich langer Zeit«)
habe in diesem eine Rotationsbewegung angefangen. Ist der »erste Anfang«
dieser kosmogenen Bewegung erst einmal gegeben, so lassen sich dann nach
jenen mechanischen Prinzipien die weiteren Vorgänge in der Bildung der
Weltkörper, der Sonderung der Planetensysteme usw. sicher ableiten und
mathematisch begründen. Dieser erste »U r s p r u n g d e r B e w e g u n g« ist
das zweite »Welträtsel« von D u B o i s - R e y m o n d; er erklärt es für
t r a n s z e n d e n t. Auch viele andere Naturforscher und Philosophen kommen
um diese Schwierigkeit nicht herum und resignieren mit dem Geständnis, daß
man hier einen ersten »übernatürlichen Anstoß«, also ein »Wunder«, annehmen
müsse.
Nach unserer Ansicht wird dieses »zweite Welträtsel« durch die Annahme
gelöst, daß die B e w e g u n g ebenso eine immanente und u r s p r ü n g l i c h e
Eigenschaft der Substanz ist wie die E m p f i n d u n g (Kap. 12). Die
Berechtigung zu dieser monistischen Annahme finden wir erstens im
Substanzgesetz und zweitens in den großen Fortschritten, welche die Astronomie
und Physik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gemacht haben. Durch die
S p e k t r a l a n a l y s e von B u n s e n und K i r c h h o f f (1860) haben wir nicht
nur erfahren, daß die Millionen Weltkörper, welche den unendlichen Weltraum
erfüllen, aus denselben Materien bestehen wie unsere Sonne und Erde, sondern
auch, daß sie sich in verschiedenen Zuständen der Entwickelung befinden; wir
haben sogar mit ihrer Hilfe Kenntnisse über die Bewegungen und Entfernungen
der Fixsterne gewonnen, welche durch das Fernrohr allein nicht erkannt werden
konnten. Ferner ist das T e l e s k o p selbst sehr bedeutend verbessert worden und
hat uns mit Hilfe der P h o t o g r a p h i e eine Fülle von astronomischen
Entdeckungen geschenkt, welche im Beginne des 19. Jahrhunderts noch nicht
geahnt werden konnten. Insbesondere hat die bessere Kenntnis der Kometen und
Sternschnuppen, der Sternhaufen und Nebelflecke, uns die große Bedeutung der
kleinen Weltkörper kennen gelehrt, welche zu Milliarden zwischen den größeren
Sternen im Weltraum verteilt sind.
Wir wissen jetzt auch, daß die B a h n e n der Millionen von Weltkörpern
v e r ä n d e r l i c h und zum Teil unregelmäßig sind, während man früher die
Planetensysteme als beständig betrachtete und die rotierenden Bälle in ewiger
Gleichmäßigkeit ihre Kreise beschreiben ließ. Wichtige Aufschlüsse verdankt
die Astrophysik auch den gewaltigen Fortschritten in anderen Gebieten der
Physik, vor allem in der Optik und Elektrik, sowie in der dadurch geförderten
Äthertheorie. Endlich erweist sich auch hier wieder als größter Fortschritt
unserer Naturerkenntnis das u n i v e r s a l e S u b s t a n z g e s e t z. Wir wissen
jetzt, daß es ebenso überall in den fernsten Welträumen unbedingte Geltung hat
wie in unserem Planetensystem, ebenso in dem kleinsten Teilchen unserer Erde
wie in der kleinsten Zelle unseres menschlichen Körpers. Wir sind aber auch zu
der wichtigen Annahme berechtigt und logisch gezwungen, daß die Erhaltung
der Materie und der Energie zu allen Zeiten ebenso allgemein bestanden hat, wie
sie heute ohne Ausnahme besteht. I n a l l e E w i g k e i t w a r , i s t u n d
b l e i b t d a s u n e n d l i c h e U n i v e r s u m d e m S u b s t a n z g e s e t z
u n t e r w o r f e n .
Aus diesen gewaltigen Fortschritten der Astronomie und Physik, die sich
gegenseitig erläutern und ergänzen, ergibt sich eine Reihe von überaus wichtigen
Schlüssen über die Zusammensetzung und Entwickelung des Kosmos, über die
Beharrung und Umbildung der Substanz. Wir fassen dieselben kurz in folgenden
Thesen zusammen: I. Der W e l t r a u m ist unendlich groß und unbegrenzt; er ist
nirgends leer, sondern allenthalben mit Substanz erfüllt. II. Die W e l t z e i t ist
ebenfalls unendlich und unbegrenzt; sie hat keinen Anfang und kein Ende, sie ist
Ewigkeit. III. Die S u b s t a n z befindet sich überall und jeder Zeit in
ununterbrochener Bewegung und Veränderung; nirgends herrscht vollkommene
Ruhe und Starre; dabei bleibt aber die unendliche Quantität der Materie ebenso
unverändert wie diejenige der ewig wechselnden Energie. IV. Die
Universalbewegung der Substanz im Weltraum ist ein ewiger Kreislauf mit
p e r i o d i s c h sich wiederholenden Entwickelungszuständen. V. Diese Phasen
bestehen in einem periodischen Wechsel der Temperatur und der dadurch
bedingten Dichtigkeitsverhältnisse (A g g r e g a t z u s t ä n d e). VI. Während in
einem Teile des Weltraums durch fortschreitende Verdichtung neue Weltkörper
entstehen, erfolgt gleichzeitig in anderen Teilen der entgegengesetzte Prozeß, die
Zerstörung von Weltkörpern, die aufeinander stoßen. VII. Die ungeheuren
Wärmequantitäten, welche durch diese mechanischen Prozesse bei den
Zusammenstößen der rotierenden Weltkörper erzeugt werden, stellen die neuen
lebendigen Kräfte dar, welche die Bewegung der dabei gebildeten kosmischen
Staubmassen und die N e u b i l d u n g rotierender Bälle bewirken: das ewige
Spiel beginnt wieder von neuem. Auch unsere Mutter Erde, die vor Millionen von Jahrtausenden aus einem Teile des rotierenden Sonnensystems entstanden
ist, wird nach Verfluß weiterer Millionen erstarren und, nachdem ihre Bahn
immer kleiner geworden, in die Sonne stürzen.
Besonders wichtig für die klare Einsicht in den universalen kosmischen
Entwickelunsprozeß sind diese modernen Vorstellungen über periodisch
wechselnden Untergang und Neubildung der Weltkörper. Unsere Mutter
»E r d e« schrumpft dabei auf den Wert eines winzigen »Sonnenstäubchens«
zusammen, wie deren ungezählte Millionen im unendlichen Weltenraum
umherjagen. Unser eigenes »M e n s c h e n w e s e n«, welches in seinem
anthropistischen Größenwahn sich als »Ebenbild Gottes« verherrlicht, sinkt zur
Bedeutung eines plazentalen Säugetieres hinab, welches nicht mehr Wert für das
ganze Universum besitzt als die Ameise und die Eintagsfliege, als das
mikroskopische Infusorium und der winzigste Bazillus. Auch wir Menschen sind
nur vorübergehende Entwickelungszustände der ewigen Substanz, individuelle
Erscheinungsformen der Materie und Energie, deren Nichtigkeit wir begreifen,
wenn wir sie dem unendlichen Raum und der ewigen Zeit gegenüberstellen.
Raum und Zeit. Seitdem K a n t die Begriffe von Raum und Zeit als bloße
»Formen der Anschauung« erklärt hat — den Raum als Form der äußeren, die
Zeit als Form der inneren Anschauung — hat sich über diese wichtigen
Probleme der Erkenntnis ein Streit erhoben, der auch heute noch fortdauert. Bei
einem großen Teile der modernen Metaphysiker hat sich die Ansicht befestigt,
daß dieser »kritischen Tat« als Ausgangspunkt einer »rein idealistischen
Erkenntnistheorie« die größte Bedeutung beizulegen sei, und daß damit die
natürliche Ansicht des gesunden Menschenverstandes von der R e a l i t ä t d e s
R a u m e s u n d d e r Z e i t widerlegt sei. Diese einseitige Auffassung jener
beiden Grundbegriffe ist die Quelle der größten Irrtümer geworden; sie
übersieht, daß K a n t mit jenem Satze nur die eine Seite des Problems, die
s u b j e k t i v e, streifte, daneben aber die andere, die o b j e k t i v e, als
gleichberechtigt anerkannte; er sagte: »Raum und Zeit haben e m p i r i s c h e
R e a l i t ä t, aber t r a n s z e n d e n t a l e I d e a l i t ä t.« Mit diesem Satze
K a n t s kann sich unser moderner Monismus wohl einverstanden erklären, nicht
aber mit jener einseitigen Geltendmachung der subjektiven Seite des Problems;
denn diese führt in ihrer Konsequenz zu jenem absurden Idealismus, der in
B e r k e l e y s Satze gipfelt: »Körper sind nur Vorstellungen, ihr Dasein besteht
im Wahrgenommenwerden«. Dieser Satz sollte heißen: »Körper sind für mein
persönliches Bewußtsein nur Vorstellungen; ihr Dasein ist ebenso real wie
dasjenige meiner Denkorgane, nämlich der Ganglienzellen des Großhirns,
welche die Eindrücke der Körper auf meine Sinnesorgane aufnehmen und durch Assozion derselben jene Vorstellung bilden.« Ebenso gut, wie ich die »Realität
von Raum und Zeit« bezweifle, oder gar leugne, kann ich auch diejenige meines
eigenen Bewußtseins leugnen; im Fieberdelirium, in Halluzinationen, im Traum,
im Doppelbewußtsein halte ich Vorstellungen für wahr, welche nicht real,
sondern »Einbildungen« sind; ich halte sogar meine eigene Person für eine
andere (S. 111); das berühmte »Cogito ergo sum« gilt hier nicht mehr. Dagegen ist
die R e a l i t ä t v o n R a u m u n d Z e i t jetzt endgültig bewiesen durch die
Erweiterung unserer Weltanschauung, welche wir dem Substanzgesetz und der
monistischen Kosmogenie verdanken. Nachdem wir die unhaltbare Vorstellung
vom »leeren Raum« glücklich abgestreift haben, bleibt uns als das unendliche,
»r a u m e r f ü l l e n d e Medium« die M a t e r i e, und zwar in ihren beiden
Formen: Ä t h e r und M a s s e. Und ebenso betrachten wir auf der anderen Seite
als das »z e i t e r f ü l l e n d e Geschehen« die ewige Bewegung oder genetische
E n e r g i e, welche sich in der ununterbrochenen E n t w i c k e l u n g der
Substanz äußert.
Universum perpetuum mobile. Da jeder bewegte Körper seine Bewegung so lange
fortsetzt, als ihn nicht äußere Umstände daran hindern, kam der Mensch schon
vor Jahrtausenden auf den Gedanken, Apparate zu bauen, die sich, einmal in
Bewegung gesetzt, immerfort in derselben Weise weiter bewegen. Man übersah
dabei, daß jede Bewegung auf äußere Hindernisse stößt und allmählich aufhört,
wenn nicht ein neuer Anstoß von außen erfolgt, wenn nicht eine neue Kraft
zugeführt wird, die jene Hindernisse überwindet. So würde z. B. ein
schwingendes Pendel in Ewigkeit mit derselben Geschwindigkeit sich hin und
her bewegen, wenn nicht der Widerstand der Luft und die Reibung im
Aufhängungspunkte die mechanische lebendige Kraft seiner Bewegung
allmählich aufhöben und in Wärme verwandelten. Wir müssen ihm durch einen
neuen Anstoß (oder bei der Pendeluhr durch Aufziehen des Gewichtes) neue
mechanische Kraft zuführen. Daher ist die Konstruktion einer Maschine, welche
ohne äußere Hilfe einen Arbeitsüberschuß erzeugt, durch den sie sich selbst
immerfort im Gang erhält, unmöglich. Alle Versuche, ein solches Perpetuum mobile
zu bauen, mußten fehlschlagen; die Erkenntnis des Substanzgesetzes bewies
sodann auch theoretisch die Unmöglichkeit desselben.
Anders verhält es sich aber, wenn wir den K o s m o s als Ganzes ins Auge
fassen, das unendliche Weltall, welches nach unserer Anschauung in ewiger
Bewegung begriffen ist. Damit ist aber zugleich gesagt, daß das ganze
U n i v e r s u m selbst ein allumfassendes Perpetuum mobile ist. Diese unendliche
und ewige »Maschine des Weltalls« erhält sich selbst in ewiger und
ununterbrochener Bewegung, wobei die unendlich große S u m m e der aktuellen und potentiellen Energie ewig dieselbe bleibt. Nach unserer Auffassung ist also
die Vorstellung des Perpetuum mobile für den g a n z e n Kosmos ebenso wahr und
fundamental bedeutend wie sie für die isolierte Aktion eines T e i l e s desselben
unmöglich ist. Damit werden auch die Schlußfolgerungen abgelehnt, die aus der
Lehre von der E n t r o p i e gezogen worden sind.
Entropie des Weltalls. Der scharfsinnige Begründer der m e c h a n i s c h e n
W ä r m e t h e o r i e (1850), C l a u s i u s, faßte den wichtigsten Inhalt dieser
bedeutungsvollen Lehre in zwei Hauptsätzen zusammen. Der erste Hauptsatz
lautet: »D i e E n e r g i e d e s W e l t a l l s i s t k o n s t a n t«; er bildet die
eine Hälfte unseres Substanzgesetzes, das »Energieprinzip« (S. 28). Der zweite
Hauptsatz behauptet: »D i e E n t r o p i e d e s W e l t a l l s s t r e b t e i n e m
M a x i m u m z u.« Nach der Ansicht von C l a u s i u s zerfällt die
Gesamtenergie des Weltalls in zwei Teile, von denen der eine (als Wärme von
höherer Temperatur, als mechanische, elektrische, chemische Energie usw.) noch
teilweise in Arbeit umsetzbar ist, der andere dagegen nicht; diese letztere, die
bereits in Wärme verwandelte und in kälteren Körpern angesammelte Energie,
ist für weitere Arbeitsleistung unwiederbringlich verloren. Diesen gleichsam
»verbrauchten« Energieteil, der nicht mehr in mechanische Arbeit umgesetzt
werden kann, nennt C l a u s i u s E n t r o p i e (d. h. die nach innen gewendete
Kraft); er wächst beständig auf Kosten des ersten Teiles. Da nun tagtäglich
immer mehr mechanische Energie des Weltalls in Wärme übergeht und diese
nicht in die erstere zurückverwandelt werden kann, muß die gesamte Quantität
der arbeitsfähigen Energie immer mehr zerstreut und herabgesetzt werden. Alle
Temperaturunterschiede müßten zuletzt verschwinden und die völlig gebundene
Wärme gleichmäßig in einem einzigen trägen Klumpen von starrer Materie
verbreitet sein; alles organische Leben und alle organische Bewegung würde
aufgehört haben, wenn dieses M a x i m u m d e r E n t r o p i e erreicht wäre;
das wahre »Ende der Welt« wäre da. (Vergl. F e l i x A u e r b a c h, Die
Weltherrin und ihr Schatten, 1902.)
Wenn diese Anwendung der Lehre von der Entropie richtig wäre, so müßte dem
angenommenen »E n d e der Welt« auch ein ursprünglicher »A n f a n g«
derselben entsprechen; beide Vorstellungen sind nach unserer monistischen und
konsequenten Auffassung des ewigen kosmogenetischen Prozesses gleich
unhaltbar. Es gibt einen Anfang der Welt ebensowenig als ein Ende derselben.
Wie das Universum unendlich ist, so bleibt es auch ewig in Bewegung;
ununterbrochen findet eine Verwandlung der lebendigen Kraft in Spannkraft statt
und umgekehrt; und die Summe dieser aktuellen und potentiellen Energie bleibt
immer dieselbe.
Die Verteidiger der Entropie behaupten dieselbe mit Recht, sobald sie Prozesse
ins Auge fassen, die in einem geschlossenen System ablaufen. Im großen
G a n z e n des Weltalls, worauf wir den Begriff eines »geschlossenen Systems«
nicht anwenden können, herrschen aber jedenfalls Verhältnisse, die eine
Umkehrung des energetischen Ablaufs möglich machen. So werden z. B. beim
Zusammenstoße von zwei Weltkörpern, die mit ungeheurer Geschwindigkeit
aufeinander treffen, kolossale Wärmemengen frei, während die zerstäubten
Massen in den Weltraum hinausgeschleudert und zerstreut werden. Das ewige
Spiel der rotierenden Massen mit Verdichtung der Teile, Ballung neuer kleiner
Meteoriten, Vereinigung derselben zu größeren usw. beginnt dann von neuem.
H e r b e r t S p e n c e r hat in seinen »Grundprinzipien« überzeugend dargelegt,
daß selbst für ein g e s c h l o s s e n e s Universum der Schluß unerlaubt wäre, es
müsse, einmal in Ruhe, auch unendliche Zeit in Ruhe bleiben. Man könne sagen,
der jetzige Zustand habe mit dem Ende einer früheren Entwickelung begonnen,
und das Ende der gegenwärtigen sei zugleich der Anfang einer neuen; in dem
Augenblick, wo das Maximum der Entropie erreicht sei, setze gerade eine
langsame Entwickelung im entgegengesetzten Sinne ein, und so würde sich das
Leben des Universums unaufhörlich fortsetzen. Wie P o i n c a r é (Die moderne
Physik, 1908) bemerkt, stimmt diese Auffassung mit der vieler Physiker überein,
welche z. B. nach der kinetischen Gastheorie annehmen, daß man bei genügend
langer Beobachtung die verschiedenen Zustände wiederkehren sehen kann, wenn
eine Gasmasse eine Reihe von Veränderungen durchgemacht hat.
II. Monistische Geogenie. Die Entwickelungsgeschichte der Erde, auf die wir
jetzt noch einen flüchtigen Blick werfen, bildet nur einen winzig kleinen Teil
von derjenigen des Kosmos. Sie ist zwar auch gleich dieser seit mehreren
Jahrtausenden Gegenstand der philosophischen Spekulation und noch mehr der
mythologischen Dichtung gewesen; aber ihre wirklich wissenschaftliche
Erkenntnis ist viel jünger und stammt zum weitaus größten Teile aus dem
19. Jahrhundert. Im Prinzip war die Natur der Erde, als eines Planeten, der um
die Sonne kreist, schon durch das Weltsystem des K o p e r n i k u s (1543)
bestimmt; durch G a l i l e i, K e p l e r und andere große Astronomen war ihr
Abstand von der Sonne, ihr Bewegungsgesetz usw. mathematisch festgestellt.
Auch war bereits durch die Kosmogenie von K a n t und L a p l a c e der Weg
gezeigt, auf welchem sich die Erde aus der Mutter Sonne entwickelt hatte. Aber
die spätere Geschichte unseres Planeten, die Umbildung seiner Oberfläche, die
Entstehung der Kontinente und Meere, der Gebirge und Wüsten war noch zu
Ende des 18. und in den ersten beiden Dezennien des 19. Jahrhunderts nur wenig
Gegenstand ernster wissenschaftlicher Untersuchungen gewesen; meistens begnügte man sich mit ziemlich unsicheren Vermutungen oder mit der Annahme
der traditionellen Schöpfungssagen; insbesondere war es auch hier wieder der
überlieferte Glaube an die mosaische Schöpfungsgeschichte, welcher der
selbständigen Forschung von vornherein den Weg zur wahren Erkenntnis
verlegte.
Erst im Jahre 1822 erschien ein bedeutendes Werk, welches zur
wissenschaftlichen Erforschung der Erdgeschichte diejenige Methode einschlug,
die sich bald als die weitaus fruchtbarste erwies, die o n t o l o g i s c h e
M e t h o d e oder das P r i n z i p d e s A k t u a l i s m u s. Sie besteht darin, daß
wir die Erscheinungen der G e g e n w a r t genau studieren und benutzen, um
dadurch die ähnlichen geschichtlichen Vorgänge der Ve r g a n g e n h e i t zu
erklären. Nachdem zuerst K a r l H o f f (Gotha) in seiner »Geschichte der durch
Überlieferung nachgewiesenen natürlichen Veränderungen der Erdoberfläche«
diese ontologische Methode (1822) begründet hatte, wurde sie bald (1830) von
dem großen englischen Geologen C h a r l e s L y e l l in seinen »Prinzipien der
Geologie« auf die ganze Geschichte der Erde erfolgreich angewendet. In
neuester Zeit hat J o h a n n e s W a l t h e r in seiner gedankenreichen
»Geschichte der Erde und des Lebens« (1908) eine lichtvolle populäre
Darstellung derselben gegeben.
Als zwei Hauptabschnitte der Erdgeschichte müssen wir vor allem die
a n o r g a n i s c h e u n d o r g a n i s c h e G e o g e n i e unterscheiden; die
letztere beginnt mit dem ersten Auftreten lebender Wesen auf unserem Erdball.
Die a n o r g a n i s c h e G e s c h i c h t e der Erde, der ältere Abschnitt, verlief in
derselben Weise wie diejenige der übrigen Planeten unseres Sonnensystems; sie
alle lösten sich vom Äquator des rotierenden Sonnenkörpers als Nebelringe ab,
welche sich allmählich zu selbständigen Weltkörpern verdichteten. Aus dem
gasförmigen Nebelball wurde durch Abkühlung der glutflüssige Erdball, und
weiterhin entstand an dessen Oberfläche durch fortschreitende
Wärmeausstrahlung die dünne feste Rinde, welche wir bewohnen. Erst nachdem
die Temperatur an der Oberfläche bis zu einem gewissen Grade gesunken war,
konnte sich aus der umgebenden Dampfhülle das erste tropfbar-flüssige Wasser
niederschlagen, und damit war die wichtigste Vorbedingung für die Entstehung
des organischen Lebens gegeben. Viele Millionen Jahre sind verflossen, seitdem
dieser bedeutungsvolle Vorgang, die erste Wasserbildung, eintrat und damit die
Einleitung zum dritten Hauptabschnitt der Kosmogenie, zur B i o g e n i e.
III. Monistische Biogenie. Der dritte Hauptabschnitt der Weltentwickelung
beginnt mit der ersten Entstehung der Organismen auf unserem Erdball und
dauert seitdem ununterbrochen bis zur Gegenwart fort. Die großen Welträtsel, welche dieser interessanteste Teil der Erdgeschichte uns vorlegt, galten noch im
Anfange des 19. Jahrhunderts allgemein für unlösbar oder doch für so schwierig,
daß ihre Lösung in weitester Ferne zu liegen schien; am Ende desselben durften
wir mit berechtigtem Stolze sagen, daß sie durch die moderne B i o l o g i e und
ihren T r a n s f o r m i s m u s i m P r i n z i p gelöst sind. Zuerst stellte (1809)
J e a n L a m a r c k die Lehre fest, daß alle die unzähligen Formen des Tier- und
Pflanzenreiches durch allmähliche Umbildung aus gemeinsamen einfachsten
Stammformen hervorgegangen sind, und daß die allmähliche Veränderung der
Gestalten durch A n p a s s u n g, in Wechselwirkung mit Ve r e r b u n g, diese
langsame Transmutation bewirkt hat. Fünfzig Jahre später führte C h a r l e s
D a r w i n die einzelnen Teile dieser »Deszendenztheorie«, gestützt auf die
großartigen, inzwischen erfolgten Fortschritte der Biologie, weiter aus und füllte
zugleich durch seine neue »Selektionstheorie« die bedenklichste Lücke der
ersteren aus. Er zeigte, wie »die natürliche Zuchtwahl im Kampf ums Dasein«
der unbewußte Schöpfer ist, welcher die zweckmäßige Organisation der
Lebensformen ohne vorbedachten Zweck und Schöpfungsplan hervorbringt.
Dadurch ist D a r w i n der »Kopernikus der organischen Welt« geworden.
IV. Monistische Anthropogenie. Als vierter und letzter Hauptabschnitt der
Weltentwickelung kann für uns Menschen derjenige jüngste Zeitraum gelten,
innerhalb dessen sich unser eigenes Geschlecht entwickelt hat. Schon
L a m a r c k (1809) hatte klar erkannt, daß diese Entwickelung vernünftigerweise
nur auf e i n e m natürlichen Wege denkbar sei, durch »A b s t a m m u n g v o m
A f f e n«, als von dem nächstverwandten Säugetiere. H u x l e y zeigte sodann
(1863) in seiner berühmten Abhandlung über »die Stellung des Menschen in der
Natur«, daß diese bedeutungsvolle Annahme ein notwendiger Folgeschluß der
Deszendenztheorie und durch anatomische, embryologische und
paläontologische Tatsachen wohlbegründet sei; er erklärte diese »Frage aller
Fragen« im Prinzip für gelöst. D a r w i n behandelte sie in geistreicher Weise
von verschiedenen Seiten in seinem Werke über »die Abstammung des
Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl« (1871). Ich selbst hatte schon in
meiner Generellen Morphologie (1866) diesem wichtigsten Spezialproblem der
Abstammungslehre ein besonderes Kapitel gewidmet. 1874 veröffentlichte ich
meine A n t h r o p o g e n i e, als ersten Versuch, die Abstammung des Menschen
durch seine ganze Ahnenreihe bis zur ältesten archigonen Monerenform hinauf
zu verfolgen; ich stützte mich dabei gleichmäßig auf die drei großen Urkunden
der Stammesgeschichte, auf die vergleichende Anatomie, Ontogenie und
Paläontologie (Fünfte umgearbeitete Auflage 1903). Wie weit wir seitdem durch
zahlreiche wichtige Fortschritte der anthropogenetischen Forschung gekommen
sind, habe ich in dem Vortrag gezeigt, den ich 1898 auf dem internationalen Zoologenkongresse in Cambridge »über unsere gegenwärtige Kenntnis vom
Ursprung des Menschen« gehalten habe. Die ausführlichste Darstellung
derselben, unter Benutzung der neuesten Fortschritte der Anthropogenie, habe
ich in meiner letzten Abhandlung gegeben: »U n s e r e A h n e n r e i h e
(Progonotaxis hominis), Festschrift zur 350jährigen Jubelfeier der Universität Jena,
am 30. Juli 1908.«